> Gedichte und Zitate für alle: Oskar Kanehl-Der junge Goethe im Urteile des jungen Deutschland- Schluss. (14)

2019-11-23

Oskar Kanehl-Der junge Goethe im Urteile des jungen Deutschland- Schluss. (14)



Schluss. 

„Es wird! die Masse regt sich klarer! Die Überzeugung wahrer, wahrer!" Auch unser bescheidener Homunkulus „wird zur Stimme, wird zur Sprache." Wissenschaft ist Synthese, sie braucht Abstraktion, Formel. In des Lebens bunte Vielheit bringt sie erkenntnisvolle Einheit, das Unentzifferbare bringt sie auf Zahlen, sie brückt grandios über Raum und Zeit. Das Bewegliche hält sie fest, in der unendlichen Melodie lauscht sie nach den Motiven.

Wenn wir einmal mit Berufung auf die Geschichte die Einheit Goethe zweiteilen in einen alten Goethe und einen jungen Goethe, so stellt sich uns in groben Zügen der Stammbaum jungdeutscher Goetheverehrung so dar: Die älteren Romantiker, zumeist Kritiker und Forscher, schließen sich zum überwiegenden Teil dem alten Goethe an, Tieck dem jungen; sichtbare Zeichen eines Goethehasses erscheinen in Novalis. Aus der älteren Romantik, in gerader Linie vom alten Goethe fort, entwickelt sich der Goethekult, in ihm ein Zweig mit Keimen einer Verehrung des jungen Dichters (die Frauen). Zum stärkeren Teile auf den jungen Goethe fußt die jüngere Romantik, die Romantischen Dichter Arnim und Brentano. Als Reaktion zum Goethekult und aus den Keimen des Goethehasses in der Romantik erwächst der Antigoethe mit Menzel. Gegen Goethehaß und -kult einerseits und aus der jüngeren Romantik anderseits bildet sich ein Übergang in Börne und Heine, und aus ihnen, auch noch im Protest gegen Haß und Kult, auf Tieck zurückgreifend und die Ansätze junggoethescher Verehrung in Rahel und Bettinen aufnehmend, resultiert eine jungdeutsche Junggoetheverehrung. Weder erhebt dieser Stammbaum den Anspruch auf absolute Richtigkeit, noch viel weniger den auf erschöpfende Darstellung dieses Entwicklungsprozesses. Nicht einmal das Zeitgeschichtliche, das Politische findet man in ihm wieder, vom rein Persönlichen ganz zu schweigen. Naturwissenschaftliche Blutstammbäume lassen sich nicht mathematisch klar beweisen, wieviel weniger die Generationstafel geistiger Erbschaft. Wir haben es mit dem Leben zu tun. dem unergründlichen ewigen Fluß; die Wissenschaft gibt Bilder. So war es nicht, aber, nach allem was wir darüber wissen, stellt es sich uns so dar.

Den fühlbarsten Einfluß auf die Goetheverehrung dei im engeren Sinne Jungdeutschen haben der Goethekult mit Bettina und Rahel, Menzel. Börne und Heine ausgeübt; von ihnen Heine den äußerlichen, Börne den tiefgehendsten. Von Heine finden wir wohl hier und da ein geistreiches Urteil wiederholt, eine Geste wird ihm nachgeahmt, sein Wesenskern bleibt den andern im Grunde verschlossen. Er geht als Schriftsteller wohl die Wegrichtung seiner Zeit, als Dichter aber ist er ein Abseitiger. Börne ist die eigentlichste Kraftquelle, die die ganze jungdeutsche Zeit speist. Seines Geistes haben sie alle einen Hauch verspürt. Er war ihr Verkünder, sie waren seine Erfüller. In der jungdeutschen Frühzeit war Wolfgang Menzel richtunggebend; er wurde aber von den meisten früher oder später überwunden. Von Menzel über Börne zum jungen Deutschland ist der unendlich feinverzweigte Entwicklungsprozeß von borniertem Haß über den tragischen Haß unglücklicher Liebe zu neuer echter Verehrungsliebe. Der Einfluß der Frauen Bettina und Rahel ist kein so unbedingter. Die Romantikerin wird von den Jungdeutschen so gefaßt wie sie ihnen Börne gelesen hatte, und Rahel hat das doppelte Schicksal: von den einen wird das in ihr betont, was in ihrem Sinne ein Abweichen von ihrer Hauptrichtung ist, nämlich die Hinneigung zu den Lebensund Kunstprinzipien des jugendlichen Goethe trotz des sichtbaren Erlebens des ganzen Meisters; die anderen suchen ihr auf ihrem Hauptwege zu folgen, sind dort aber fremd und verirren. Jeder liest und kann nur sich aus einem Buche herauslesen. Der Goethekult und die Antigoethebewegung haben in der Hauptsache einen indirekten Einfluß gehabt, Einfluß durch Ablehnung.

Zwei Gruppen jungdeutscher GoetheVerehrung glauben wir unterscheiden zu können. Die Eine mit ausgeprägten individuellen Zügen, farbiger, umgrenzter im Urteil, die andere mit schwankenden, befangenen Zügen, blasser im Urteil und flauer in der Verehrung; zu den einen zählen wir Gutzkow und Wienbarg, zu den anderen Laube, Mundt und Kühne. Durch die zweifache historische Betrachtung nehmen Wienbarg und Mundt eine gewisse Sonderstellung ein: Wienbarg, der Goethe stets als Ausdruck seiner Zeit, auch im reifen Alter, faßt, und Mundt, der Goethes Individualentwicklung als eine nach dem Geschichtsgeist naturnotwendige erklärt. Dennoch reiht Wienbarg, seinem Wesen nach, mehr in die erste, Mundt in die zweite Gruppe. Jene sind stärker als diese Erben Menzels und Börnes, sie haben sie am besten begriffen und am weitesten fortgebildet und überholt, ferner als diese stehen sie dem Goethekult, heftiger als diese wenden sie sich gegen ihn. Der weitgehendere goetheanische Einfluß, den Laube und Kühne erfahren haben, hat weder ein tieferes Verständnis Goethes noch eine echtere Zuneigung zur Folge gehabt, sondern vielmehr ihrer Haltung Goethen gegenüber etwas unangenehm Zwitterhaftes und Unselbständiges gegeben, so daß sie über Menzel im Grunde am wenigsten hinausgekommen sind. Mundt nimmt auch hier eine Zwischenstellung ein. Jene sind überhaupt wesenhafter Stürmer und Dränger als diese, kecker, blutvoller, neuzeitlicher. Mundt und Kühne waren von Haus aus schon weiche Naturen, und Laube war nach einem studentisch lauten Jugendanlauf bald in andere ihm gangbarere Wege gelangt, Gutzkow und Wienbarg tragen mit besserem Rechte den Ehrennamen jungdeutsch und sprechen auch faßbarer und bewußter das aus, was sie als ihre Zeitbestimmung fühlen. Durchaus folgerechter und bedingungsloser greifen sie auf den jungen Goethe und seine Zeit als ihnen wahlverwandt zurück, haben ein für ihre Zeit hohes Verständnis für die Werke jener Literaturepoche und stellen nachdrücklich den jungen Goethe als das zeitgemäße literarische Vorbild hin.

Scharf hebt sich das Urteil der Jungdeutschen über den jungen Goethe vom alten Goethe ab. Ohne ihn wäre es nicht zu denken. Sie erleben den jungen im Gegensatz zum alten. Während daher die ältere Generation seinem Tode noch im

sagbare Klagen nachweint, sind die Jungdeutschen schon längst über ihn hinaus. Sein leiblicher Tod wird nicht als ein Grund zur Trauer angesehen. Nur sein lange zurückliegender Tod im Geiste kann sie mit Schmerz erfüllen.

Neben dem jungen Goethe wird auch Herder und der Sturm und Drang herangezogen. Ohne daß in unserem heutigen Sinne der historische Zusammenhang erkannt wäre, wird auch ihnen hohes Lob zu Teil. Herder wohl meist wegen des den Jungdeutschen verwandten humanitätsidealistischen Zuges, die Sturm- und Drangdichter um ihrer kraftgenialen Darstellung des Lebens in seiner schönen und häßlichen Nacktheit willen. Heinse wird, auch im Zusammenhang mit dem jungen Goethe, von Laube als ein literarisches Vorbild laut verkündet .

Die Zeitgrenze zwischen dem Sturm- und Dranggoethe und dem klassischen Goethe wird nicht einheitlich angegeben. Die älteren Jungdeutschen, Menzel, Börne, Heine, machen garnicht den Versuch einer genaueren Fixierung, unter den jüngeren neigt die engere Gruppe, Gutzkow, Wienbarg, zu einem früheren, die andere zu einem späteren Termin. Man würde als Normaljahr wohl auch auf 1780 kommen.

Welche Werke des jungen Goethe stehen im Vordergründe jungdeutschen Interesses? Wieder springen Zeitgemeinsamkeit und persönliche Differenz grell ins Auge. Menzel: Clavigo und Götz; Börne: Werther, Götz, Egmont; Heine: das Goethesche Lied, Werthe, Götz, Faust; Gutzkow: Jugendprosa, die Lieder, Prometheus, vor allem Götz und Faust; Laube: Clavigo, Götz, Faust; Wienbarg: Götz, Faust. Mundt: Werther, Götz, Faust. Vorherrschend ist ein Interesse für das Drama. Götz ist durchgängig in höchstem Ansehen, bei Gutzkow mit Betonung der ersten Fassung; daneben der Faust, immer der erste Teil im Gegensatz zum zweiten, gewöhnlich mit dem Nachdruck auf das Fragment. Starkes Unterstreichen des Clavigo bei Menzel und Laube, dazu Vorliebe für den Egmont. Neben den Dramen ist besonders der Werther Gegenstand jungdeutschen Erlebens geworden, bei Börne und Heine, und typischerweise bei den engeren Jungdeutschen nur bei dem weichen Mundt. Gutzkow dringt fruchtbar in die Goethesche Jugendprosa ein. Starkes Verständnis für die Liedkunst Goethes begegnet uns, außer bei Heine, am ersten noch bei Gutzkow.

Was nun die jungdeutsche Auffassung der Werke des jungen Goethe betrifft, so ist zu sagen, daß sie sich nicht etwa mit der deckt, die wir von unserem heutigen Standpunkte aus haben. Beim Werther z. B. wird die Tragik einer freien Liebe in gesellschaftlicher Gebundenheit, der tragische Tod eines leidenschaftlichen Gefühlsmenschen an der gefühllosen Nüchternheit der Welt nicht in seiner künstlerischen Gestaltung erlebt, sondern als die tendenziöse Auflehnung gegen den Druck des Herkommens. Ebenso sind Götz und Faust kraftgeniale Übermenschen, deren Individualität gegen die bestehende Ordnung der Gesetze, der Moral, der Kirche anrennt, Bei der Darstellung im Einzelnen kehren sie das grob realistische, das etwas gesucht originelle, hervor; wir erinnern uns nur noch einmal Gutzkows Lob der „Gleichnisse vom Urinlassen" in der ersten Götzfassung, oder, wie er Werther einen „halben Linne" nennt, der, wenn er im Abendrote von Blumen redet, „die verschiedenen Gattungen der Gräser mit bewunderndem Auge prüft." Wir können sagen: Ihr Erleben der Werke des jungen Goethe ist mehr ein Erleben des Stoffs in weitestem Sinne als ein Erleben der künstlerischen Form. Im Ganzen ergibt die Untersuchung auch von dieser Seite, daß Gutzkow das umfassenste und treffsicherste jungdeutsche Urteil über den jungen Goethe besitzt.

Was die Romantik in erster Linie an den jungen Goethe fesselte, war das jugendlich Herzensfrische, Leichtlebige. Sinnige, mit dem der Dichter der Welt und den Menschen gegenübergestanden hatte. Die Kunst und das Leben als Spiel, hinzugehen, Volkslieder „aus denen Kehlen der ältesten Müttergens"  aufzuhaschen, in der Natur umherzuschweifen, „bald einen Reim, bald einen Schmetterling" zu fangen, Lieder zu singen „ohne Kunst und Müh, am Rand des Bachs entsprungen;" das war auch romantische Art, Die jungdeutsche Generation drängt vornehmlich zu dem jugendlich fordernden, revolutionären, prometheischen, dramatischen jungen Goethe. Die Kunst und das Leben als Tat. Am Schluß antworten wir auf die Frage der Einleitung : Wenn das junge Deutschland wieder Goethe auf seinen Schild erhebt , so meint es den jungen Goethe. Und zwar in ihrer Sehnsucht, ihrem Programm, ihrem ,, Gerede" den, der er „mehr" war als die Stürmer und Dränger, die Erfüllung, das Leben, das „Gebilde"; in Wirklichkeit aber geht er in ihr eigenes Leben nur über als das, was er als Stürmer und Dränger war.

Wie weit das jungdeutsche Urteil über den jungen Goethe übereinstimmt mit dem literarischen Einfluß, den er auf ihre eigenen Schöpfungen geübt hat, wie weit ihre Anschauung vom Wesen der Kunst, ihrer Elemente und ihrer stärksten Leistungen mit der junggoetheschen Verwandtschaft zeigt, muß zukünftiger Arbeit zu untersuchen vorbehalten bleiben.

Ende



Epigramme, Sprüche, Xenien

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