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2019-11-13

Philipp Stein: Goethe als Theaterleiter -Kapitel 1 Seite 1

GOETHE ALS THEATERLEITER

„Das Theater ist eines der Geschäfte, die am wenigsten planmäßig" behandelt werden können; man hängt durchaus von Zeit und Zeitgenossen in jedem Augenblicke ab; was der Autor schreiben, der Schauspieler spielen, das Publikum sehen und hören will, dieses ist's, was die Direktionen tyrannisiert und wovon ihnen kein eigener Wille übrig bleibt."

Daß Goethe diese allgemein gültigen Sätze ausgesprochen hat — es geschah etwa elf Jahre nach seiner Uebernahme der Direktion des Weimarer Hoftheaters, in einem größeren Aufsatz im „Journal des Luxus und der Moden", März 1802 — beweist, daß sie zutreffend gewesen sind selbst für ein Hoftheater, dessen Leiter Goethe gewesen, an dem einige Jahre hindurch Schiller gewissermaßen als freiwilliger Dramaturg tätig war. Freilich ist sich Goethe wohl von Anfang an, schon bei Uebernahme der Leitung dieser Bühne, all der Schwierigkeiten, die ihn erwarteten, bewußt gewesen. Er schreibt am 20. März 1791 gar kühl an Fritz Jacobi, daß im Gegensatz zu seinen gegenwärtig'en naturwissenschaftlichen Arbeiten ihm jetzt eine Beschäftigung bevorstehe, „die desto mehr nach außen gerichtet ist und nur den Schein zur Absicht hat. Es ist die Oberdirektion des Theaters, das hier errichtet wird. Ich gehe sehr piano zu Werke, vielleicht kommt doch fürs Publikum und für mich etwas heraus. Wenigstens wird mir's Pflicht, diesen Theil näher zu studieren, alle Jahre ein paar spielbare Stücke zu schreiben. Das Uebrige wird sich finden." Mit dieser Auffassung steht nicht im Widerspruch, daß er in den Tag- und Jahresheften 1791 berichtet, er habe die Leitung des Hoftheaters „mit Vergnügen" übernommen. Es bezeichnet das wohl nur die Bereitwilligkeit, mit der er den Wünschen des Herzogs nachzukommen pflegte, mit der er auch jenes Amt übernahm wie die Leitung anderer, ihm ursprünglich fern liegender Ressorts — „und laß ihn noch die gold'ne Last zu andern Lasten tragen", so klingt es schon anfangs der achtziger Jahre resigniert aus der Ballade „Der Sänger". Der Theaterenthusiasmus, der bei der ewig jungen Frau Aja bis an ihr Lebensende gewährt hat, so daß sie nicht müde wurde, ihrem großen Sohne von Theaterdingen zu berichten und ihm, wohlweislich durch Frau Christianens liebenswürdige und kluge Vermittlung, Schauspieler zu empfehlen, ist bei Goethe selbst ziemlich früh herabgesunken. Früher hatte ihm mit Shakespeare das Theater als die weltbedeutenden Bretter gegolten, seinen „Werther" hatte er das Leben mit einem schalen Marionettenspiel vergleichen lassen, aber schon in „Goethes Brieftasche", dem 1776 erschienenen Anhang zu „Merciers Schauspielkunst", findet sich der abfällige Ausspruch : „Wer übrigens eigentlich für die Bühne arbeiten will, studiere die Bühne, Wirkung der Fernmalerei, der Lichter, Schminke, Glanzleinewand und Flittern, lasse die Natur an ihrem Ort und bedenke fleißig, nichts anzulegen, als was sich auf Brettern zwischen Latten, Pappendeckel und Leinewand durch Puppen vor Kindern ausführen läßt." Schon damals beschäftigte ihn der Gedanke an jenen zwanzig Jahre später erscheinenden Roman, dessen Held, Wilhelm Meister, sich in seinen idealen Träumen von der Scheinwelt der Bühne so getäuscht sieht.

Freilich — als er November 1775 an den Weimarer Hof kam, wo ihm alle Herzen zuflogen, wo er nach Knebels Wort aufging" wie ein Stern, wo er jugendprangend und genialisch bezwingend alle so überwältigte, daß selbst Wieland wenige Tage nach des jungen Dichters Ankunft schrieb, seine Seele sei so voll von Goethe, wie ein Tautropfen von der Morgensonne — da wurde er sofort der Mittelpunkt der Gesellschaft, und zur Erhöhung freudiger Geselligkeit erschien seiner von Mütterchen ererbten Frohnatur das Theaterspielen besonders geeignet. Seit 1771 hatte die tüchtige Seylersche Gesellschaft vor geladenen Gästen des Hofes im Schlosse Vorstellungen gegeben — der große Schloßbrand im Mai 1774 hatte diesen intimen Vorstellungen ein jähes Ende bereitet, Seyler hatte mit seiner Truppe abziehen müssen, und nun war die Hofgesellschaft ohne alle Theaterfreuden, Schon vor Goethes Ankunft hatte sie Liebhabertheater-Vorstellungen veranstaltet, wie es damals an mehreren Höfen üblich war. Goethe wurde bald die Seele dieses herzoglichen Liebhabertheaters, als Darsteller wie als Dichter. Man spielte in Weimar in dem Redoutengebäude auf der Esplanade (jetzt Schillerstraße), in Ettersburg und Tiefurt. Auf diese Theaterspiele beziehen sich

Goethes Verse in dem Gedicht „Auf Miedings Tod":

Als euren Tempel grause Glut verheert, 
War't ihr von uns d'rum weniger verehrt? 
In engen Hütten und im engen Saal, 
Auf Höhen Ettersburgs, in Tiefurts Tal, 
Im leichten Zelt, auf Teppichen der Pracht 
Und unter dem Gewölb' der hohen Nacht, 
Erscheint ihr, die ihr vielgestaltig seid. 
Im Reifrock bald und bald im Galakleid. 

Für diese Liebhaberbühne hat Goethe mehrere Gelegenheitsstücke, Maskenaufzüge u. dergl. geschrieben, aber auch das sehr intime, Verstimmungen zwischen dem Herzog" und seiner Gattin behandelnde Singspiel „Lila". Selbst „Minna von Barnhelm" erschien hier, sowie Goethes „Mitschuldige", in denen er den Alcest spielte, und die „Geschwister", worin er den Wilhelm darstellte. Unter den Aufführungen bleiben zwei von besonderem Interesse. In dem Parke zu Tiefurt, dem Naturtheater, wurde 1782 das Singspiel „Die Fischerin" vorgeführt. Corona Schröter spielt das Dortchen und singt die Eingangsballade vom „Erlkönig" in ihrer eigenen Komposition, seltsamerweise in einer Durtonart. Max Friedländer, der sachkundige Herausgeber der „Gedichte von Goethe in Kompositionen seiner Zeitgenossen", rühmt diese erste Erlkönig-Komposition als im Geiste des Dichters; Corona hat eine nur acht Takte währende, volksmäßig-anspruchslose, leicht nachzusingende Melodie geschaffen. Wie Corona als Dortchen im Reifrock in der Tiefurter Landschaft steht, hat Kraus, wie mehrere Darstellungen aus jener Zeit, in einem bunten Szenenbilde festgehalten. Ebenso einen Auftritt aus der ersten Aufführung der „Iphigenie": Orest-Goethe und Iphigenie-Corona Schröter. Die Aufführung geschah am 6. April 1779 — Prinz Constantin gab den Pylades, Sekretär Seidler den Arkas, Knebel den Thoas. Hufeland hat darüber berichtet: „Nie werde ich den Eindruck vergessen, den Goethe als Orestes im griechischen Kostüm in der Darstellung seiner ,Iphigenie' machte. Man glaubte einen Apollo zu sehen. Noch nie erblickte man eine solche Vereinigung physischer und geistiger Vollkommenheit und Schönheit in einem Manne als damals an Goethe." Während aber Corona die Iphigenie ganz in des Dichters Intentionen spielte, stellte Goethe, wie von anderer Seite berichtet wird, den Orestes mit den allzu hastigen, eckigen Bewegungen des Dilettanten dar. Und wenn dieses Liebhabertheater u. a. auch das Verdienst hat, die von Goethe bearbeiteten „Vögel" des Aristophanes vorgeführt zu haben, so mußte ihm im glänzen doch immer der Charakter des Dilettantentums anhaften. Goethe aber hat sich nicht an das Liebhabertheater verloren — es war ihm eben nur Liebhaberei. Allmählich erscheint ihm das alles nur noch als theatralischer Leichtsinn und die Maskenaufzüge, die er entwirft und arrangiert, nur noch als „Feste der Eitelkeit". Nur das Artistische tröstet ihn, der Gedanke, daß er „diese Sachen als Künstler traktiert". Und nachdem der Weimarer Sturm und Drang vorüber, wird seine Neigung für das Theater gering; ebenso dann in Italien, und von Rom aus berichtet er, daß es ihn so wenig interessiere wie „der Pfaffen Mummerei".

Inzwischen hatte längst die Freude der Hofgesellschaft am Theaterspiel sich verringert, sehr zum Leidwesen der lebensfrohen Herzogin-Mutter Anna Amalia. Der Besitzer des Redoutengebäudes, A. G. Hauptmann, hatte einen für damalige weimarische Verhältnisse stattlichen Bau aufführen lassen und dem Herzog für Redouten- und Theaterzwecke angeboten. Hier eröffnete die Theatertruppe des Direktors Bellomo am i. Januar 1784 ihre Vorstellungen mit einer Aufführung von Gotters „Marianne". Der Kontrakt mit Bellomo wurde zwar 1790 noch verlängert, aber Anfang nächsten Jahres bereits wieder gelöst, und Bollomo siedelte nach Grätz über. Besonders die Herzogin-Mutter Anna Amalia und der Herzog hatten die Veranlassung zu dieser dann so bedeutsam gewordenen Aenderung gegeben, wie aus dem Aktenstück ersichtlich ist, in dem Franz Kirms, der eigentliche Geschäftsmann des Weimarer Hoftheaters, 1814 referiert, „unter welchen Umständen und mit welchen geringen Mitteln das Hoftheater etabliert worden, nachdem der ehemalige Privatdirektor Bellomo mit seiner Gesellschaft nach Grätz in Oesterreich von hier abgegangen sei. Der Wunsch von Seiten der hochseligen Herzogin Amalia Durchl. sowohl, welche auf ihrer Reise in Italien so viel Schönes gesehen hatte, als auch von Seiten des regierenden Herzogs Durchl, ein besseres Theater als bisher zu haben, sei die Grundursache davon gewesen". Der Herzog hatte wegen der von ihm geplanten Umgestaltung des Weimarer Theaters schon 1790 mit J. F. Reichardt verhandelt, auch an Friedrich Ludwig Schröder war geschrieben worden. Goethe steht diesen Dingen noch recht kühl gegenüber. In einem Briefe vom 6. Februar 1790 an Carl August gibt er seiner Freude darüber Ausdruck, daß der Herzog sich „mit der mechanischsten aller Wissenschaften, dem deutschen Theater" abgeben will — es lasse das hoffen, daß „Irene, diese stille Schöne", der Frieden, noch eine Zeitlang regieren wird. Und am 28. Februar klagt er in einem Briefe an Reichardt:

„Von Kunst hat unser Publikum keinen Begriff und so lang solche Stücke allgemeinen Beyfall finden, welche von mittelmäßigen Menschen ganz artig und leidlich gegeben werden können, warum soll ein Direcktor nicht auch eine sittliche Truppe wünschen, da er bey seinen Leuten nicht auf vorzügliches Talent zu sehen braucht, welches sonst allein den Mangel aller übrigen Eigenschaften entschuldigt. Die Deutschen sind im Durchschnitt rechtliche, biedere Menschen aber von Originalität, Erfindung, Charackter, Einheit, und Ausführung eines Kunstwercks haben sie nicht den mindesten Begriff. Das heißt mit Einem Worte sie haben keinen Geschmack. Versteht sich auch im Durchschnitt. Den röhren Teil hat man durch Abwechslung und Übertreiben, den gebildetem durch eine Art Honettetät zum Besten. Ritter, Räuber, Wohlthätige, Danckbare, ein redlicher biederer Tiers Etat, ein infamer Adel pp. und durchaus eine wohlsoutenierte Mittelmäßigkeit, aus der man nur allenfalls abwärts ins Platte, aufwärts in den Unsinn einige Schritte wagt, das sind nun schon zehen Jahre die Ingredienzien und der Charackter unsrer Romane und Schauspiele. Was ich unter diesen Aspeckten von ihrem Theater hoffe, es mag dirigieren wer will, können Sie denken."

Wer dirigieren sollte, darüber fanden lange Verhandlungen mit mehreren Persönlichkeiten statt, die zu keinem befriedigenden Resultat führten; auch waren noch allerlei geschäftliche Abmachungen wegen der Abfindung- Bellomos zu treffen. Als all diese Dinge so ziemlich erledigt waren und nun die Absicht, ein herzogliches Theater zu errichten, allgemein besprochen wurde, da erschien es dem Herzog, wie aus folgendem von Wähle mitgeteilten Schreiben hervorgeht, erforderlich, eine Persönlichkeit von Bedeutung an die Spitze zu setzen. Er übertrug Goethe die Oberleitung und gab ihm zur Unterstützung Franz Kirms, dem er am 17. Januar 1791 schrieb:

Es dringen schon von allen Ecken potencen ein welche den od. jenen Ackteur, die u. die Acktrice begünstigen u. annehmen machen wollen; diesem Unwesen zu steuern, u. zu verhindern daß nicht schon bey der ersten empfängniß der Embryo verunstaltet werde, habe ich mit Göthen die Abrede genommen, daß ich schon öffentl. bekenne ich habe ihm die direcktion dieser Sache übertragen. Laßen auch Sie also diesen vorsatz kund werden, u. behandeln nun das Geschäfte ganz öffentl. u. mit Göthen: ich werde dadurch aller Zudringlichkeiten loß, u. schiebe alles lezterem zu. Bereden Sie auch mit ihm die Ankaufs Sache des Bellomoischen Hauses in Lauchstädt. C. A.

Der 17, Januar 1791 bezeichnet also den Beginn der Oberleitung- Goethes über das fürstliche Theater; an demselben Tage noch hat er sich an den Stiftskanzler v, Gutschmid bei der Merseburger Regierung, der das Amt Lauchstädt unterstand, mit dem Ersuchen gewandt, das dortige Bellomosche Privilegium auf die neue weimarische Schauspielergesellschaft übertragen zu lassen — vorsichtig bemerkt er hier noch, daß gegenwärtig der Name des Direktors noch nicht angezeigt werden könne.

Am 7. Mai 1791 ist das Weimarer Hoftheater unter Goethes Leitung mit einer Aufführung von Ifflands „Jägern" eröffnet worden — als Regisseur zeichnete, wie auch aus unserer Reproduktion des Theaterzettels ersichtlich ist, F. J. Fischer. Voranging ein von Goethe gedichteter Prolog-, der mit den Worten begann:

Der Anfang ist in allen Sachen schwer. 

Es heißt dann weiter, daß „Harmonie des ganzen Spiels allein verdienen kann von euch gelobt zu werden", daß ein schönes Ganzes sich darbieten soll. Dieser Gedanke — wir nennen es heute die Kunst des Ensembles — wird dann zum Schluß noch weiter dargelegt:

Von allen Enden Deutschlands kommen wir 
Erst jetzt zusammen ; sind einander fremd, 
Und fangen erst nach jenem schönen Ziel 
Vereint zu wandeln an, und jeder wünscht 
Mit seinem Nebenmann es zu erreichen; 
Denn hier gilt nicht, daß einer atemlos 
Dem andern heftig vorzueilen strebt, 
Um einen Kranz für sich hinwegzuhaschen. 
Wir treten vor euch auf, und jeder bringt 
Bescheiden seine Blume, daß nur bald 
Ein schöner Kranz der Kunst vollendet werde, 
Den wir zu eurer Freude knüpfen möchten.

„Der Anfang ist in allen Sachen schwer" — das galt in diesem Falle für Goethe in hohem Maße, wenn er auch einige Wochen nach Übernahme seines neuen Amtes — am 30. Mai — an J. F. Reichardt schreibt:

„Im Ganzen, macht mir unser Theater Vergnügen, es ist schon um Vieles besser, als das vorige, und es kommt nur darauf an, daß sie sich zusammen spielen, auf gewisse mechanische Vortheile aufmerksam werden und nach und nach aus dem abscheulichen Schlendrian in dem die mehrsten deutschen Schauspieler bequem hinleiern , nach und nach herausgebracht werden. Ich werde selbst einige Stücke schreiben, mich darinne einigermaßen dem Geschmack des Augenblicks nähern und sehen, ob man sie nach und nach an ein gebundenes, kunstreicheres Spiel gewöhnen kann."

Es galt zunächt also, den abscheulichen Schlendrian seiner Schauspieler nach und nach zu beseitigen. Er mußte für die neue Truppe, die zum Teil dem Personal Bellomos entnommen, teils von nah und fern hergeholt war, zum Erzieher werden — künstlerisch und in gesellschaftlicher Hinsicht. In seinen Briefen an Kirms und an die Kommission hat sich Goethe überraschend oft über Disziplinarvergehen der Schauspieler zu beklagen — es geschahen Dinge, die die strengen Disziplinarvorschriften begreiflich machen, u. a. Hausarrest mit einer Wache vor dem Hause, die das betreffende Mitglied noch bezahlen mußte. Ein Mitglied der Kapelle kommt betrunken ins Theater und stört die Vorstellung. Einmal schreibt Goethe in bezug auf das Röpkesche Ehepaar, daß die Kommission alles ablehnen solle, was außertheatralisch scheinen könne: „aber wenn ein Mann seiner Frau die Augen blau schlägt, so kann das sehr theatralisch werden, wenn sie gerade an demselben Abend eine Liebhaberin zu spielen hat. Es sollte deswegen bei dieser Gelegenheit sehr deutlich ausgesprochen werden, daß ein Akteur, der seine Frau prügelt, von Kommissionswegen sogleich auf die Hauptwache geführt wird." Auch das Ehepaar Burgdorf scheint etwas undisziplinierter Art gewesen zu sein, sonst wäre in den Kontrakt mit ihnen nicht der in mehr als in einer Richtung interessante § 6 gesetzt worden, in dem es heißt, Burgdorf müsse ohne Reservation die Bedingung eingehen, daß er „ohne Widerrede es sich gefallen lassen wolle, daß im Fall es zur Kenntnis der Direktion kommen werde, daß er mit seiner Frau in Uneinigkeit leben und sie dadurch an Bearbeitung und Einstudierung der ihr zugeteilten Rollen behindert werden sollte, seine Frau von ihm genommen, in ein anderes Quartier gebracht, die Gage unter beyde geteilt und ihm aller weiterer Umgang mit derselben sogleich untersagt werden solle . . ." Noch charakteristischer für die Schauspieler und zugleich für die Theaterbesucher jener Zeit erscheint eine Eingabe des Regisseurs Vohs an Kirms: Der Oberdirektor hatte „den Akteuren den Eintritt ins Parterre versagt, weil man dem völligen Ausbruch zügellosen Betragens hierdurch vorbeugen wollte, weil man mit Leuten zu tun hatte, die nur durch Zwangsmittel zu jenen Pflichten der Wohlanständigkeit, die sonst jedem Menschen von Erziehung eigen sind, gewiesen werden mußten." Nachdem Vohs dies zugestanden, erklärte er — im Juli 1794, zwei Jahre nach jener Verfügung — daß jetzt der Ton der Sittlichkeit und des guten Betragens der allgemeine Gesichtspunkt sei, nach dem jedes Mitglied strebe. Infolgedessen habe er sich erlaubt, Madame Beck und Müller den „Zutritt im Parterre" zu gewähren, „weil sie sich beklagten, daß sie auf dem 8 Gr.-Platz unter Bedienten und Dienstmädchen sitzen müßten und sich Behandlungen ausgesetzt sähen, wozu der Student und Offizier im Parterre sich gegen das Frauenzimmer auf dem 8 Gr.-Platz berechtigt glaubt." Aus dieser Beschaffenheit der Durchschnittsschauspieler seiner Bühne erklärt sich auch Goethes Theaterkatechismus, die 91 Paragraphen seiner „Regeln für Schauspieler", über die zu spotten sehr leicht ist, wenn man die Zeit außer acht läßt, in der sie entstanden.

Nicht mindere Schwierigkeiten als das Schauspieler -Material wird das Repertoire dem neuen Direktor bereitet haben. Schon durch die Bedenklichkeit des Regisseurs Fischer, der, als Goethe und Kirms nicht zugegen waren, während des Gastspiels der Weimarer Truppe in Erfurt, vier von Kirms dafür bestimmte Stücke nicht spielen wollte. Das „Bürgerglück" von Babo deshalb nicht, weil die Rolle, die der Adel darin spiele, für den Anfang bedenklich sei. „Otto der Schütz" von Hagemann hielt er wegen der darin enthaltenen Pfaffenszenen für das katholische Erfurt nicht tauglich. Gegen „König Johann" hatte er Bedenken, weil darin ein österreichischer Erzherzog lächerlich gemacht werde. Und gegen „Die glücklichen Bettler" nach Gozzi erhob er den Zweifel, ob es eine Ehre für das Hoftheater sei, mit einer traurigen Farce anzufangen. Alles in allem hat Goethe in dem Vierteljahrhundert seiner Direktion sechshundert verschiedene Stücke vorgeführt, darunter nur 84 aus dem Repertoire Bellomos. Dank einer wertvollen Arbeit von Burckhardt besitzen wir jetzt das „Repertoire des Weimarischen Theaters unter Goethes Leitung 1791 —1817". Ein Studium dieses Repertoires würde für die Verächter unseres heutigen Theaterwesens doch sehr lehrreich sein. Goethe hat an den 4136 Spielabenden seiner Direktion 17 Possen gegeben, 31 Singspiele, 77 Trauerspiele, 104 Opern, 123 Schauspiele und 249 Lustspiele. Im Vordergrund der aufgeführten Autoren steht Kotzebue mit 87 Stücken, dann folgt Iffland mit 31, Goethe mit 19, Schiller mit 18, Shakespeare mit 8, Lessing mit 4. Goethe selbst ist 238 mal, Schiller 367 mal gespielt worden, während ich von Kotzebue mehr als 600 Aufführungen zusammengerechnet habe — 600 Aufführungen an 4136 Spieltagen; man sieht: mehr als ein Siebentel sämtlicher Spielabende der Goetheschen Direktion hat Kotzebue beherrscht. Also auch in Weimars goldener Zeit vermochten nur wenige dem Fluge der Großen zu folgen, die Theaterei, die Plattheit der Kotzebue und Genossen blieb Sieger:

Sie kochen breite Bettelsuppen
Und haben ein groß' Publikum.

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