> Gedichte und Zitate für alle: Philipp Stein: Goethe als Theaterleiter -Kapitel 4 Seite 1

2019-11-14

Philipp Stein: Goethe als Theaterleiter -Kapitel 4 Seite 1

GOETHE ALS THEATERLEITER



Am 29. Januar 1797 berichtet Goethe an Schiller, daß er einige bedeutende Kontrakte zustande gebracht habe: „Erstlich habe ich Dem. Jagemann für den hiesigen Hof und das Theater gewonnen; sie ist als Hofsängerin angenommen und wird in den Opern manchmal singen, wodurch denn unsere Bühne ein ganz neues Leben erhält." In dieser Voraussicht ihrer Künstlerschaft hatte sich Goethe nicht getäuscht Dem. Jagemann, 1777 als Tochter des Bibliothekars der Herzogin Anna Amalia geboren, war sechs Jahre lang am Mannheimer Nationaltheater ausgebildet worden, bevor sie nach Weimar kam. Ihr Kontrakt verpflichtete sie, erste und zweite Singrollen zu übernehmen, aber auch Rollen im Schauspiel, „welche für sie schicklich gefunden werden". Ihre Tätigkeit als Schauspielerin wurde nach dem Tode von Christiane Becker immer ausgedehnter. Ihre große Bedeutung als Künstlerin wurde stets anerkannt, noch ein Jahrzehnt nach dem gewaltsamen Abbruch seiner Direktion charakterisiert Goethe sie in einem Gespräch mit Eckermann: „Ich mag auf sie gewirkt haben, allein meine eigentliche Schülerin ist sie nicht. Sie war auf den Brettern wie geboren und gleich in allem sicher und entschieden, gewandt und fertig wie die Ente auf dem Wasser. Sie bedurfte meiner Lehre nicht, sie tat instinktmäßig das Rechte, vielleicht ohne es selber zu wissen," Das Gefühl ihrer künstlerischen Unentbehrlichkeit, mehr aber noch das Vertrauen auf den Einfluß, den sie durch ihre intimen Beziehungen zum Herzog ausübte, verführten sie gar bald dazu, eine Ausnahmestellung zu beanspruchen, die sie dann auch ununterbrochen behauptet hat. Als Geliebte des Herzogs, der ihr nach einigen Jahren den Namen Frau v. Heygendorf verlieh, hat sie hinter den Kulissen, sowie außerhalb des Theaters alle Intrigen gegen Goethe geleitet. Was nach den Theatergesetzen jedem Mitgliede verboten war, das Gastieren an auswärtigen Bühnen, das mußte ihr ohne weiteres zugestanden werden. Und auch für ihren Günstling, den Bassisten Stromeyer, wußte sie diese gegen Goethes ausdrücklichen Willen verstoßende Ausnahme durchzusetzen. All die vielfachen Konflikte wurden immer noch beigelegt durch die Klugheit Christianens, Goethes Gattin, dieses noch immer allzuwenig gewürdigten guten Genius' des Goetheschen Hauses. Aber auf die Dauer war eine Katastrophe nicht zu vermeiden. Nach Schillers frühem Tode führte Goethe die Theatergeschäfte ohne das hinreißende Ungestüm seines Freundes. Er war nicht mehr so mit ganzer Seele dabei und konnte nun über Kränkungen sich nicht mehr mit der Freude an der Theaterarbeit hinwegsetzen. Die schöne Jagemann aber wollte für sich und ihre Günstlinge die Alleinherrschaft am Theater und Goethe stand ihr im Wege. Sie intrigierte heimlich und benutzte, wenn es nötig erschien, auch ihre Macht über den Herzog. Es ist bekannt, daß die Aufführung ,, Der Hund des Aubry" Goethe zur Niederlegung seiner Direktion veranlaßt hat. Aber das war wohl nur der Tropfen, der den Eimer überfließen ließ. Schon im Jahre 1808 bestand, durch die Jagemann herbeigeführt, der Bruch zwischen dem Theaterleiter Goethe und dem Herzog, veranlaßt durch einen Vorgang, der kaum minder unerhört war, als die Hundekomödie. Der Tenorist Morhard hatte sich ärztlich bescheinigen lassen, daß er am 5. November in der Oper ,,Sargino" von Paer wegen Heiserkeit nicht singen könne. Caroline Jagemann wollte aber die Oper durchaus haben. Ist auch die Aeußerung, die ihr zugeschrieben wird, „wenn der Hund Morhard nicht sprechen kann, so soll er bellen", nicht sicher beglaubigt, so zeigt es doch, selbst wenn die Aeußerung erfunden ist, was man ihrer Herrschsucht zutraute. Tatsache ist, daß die Jagemann sich bei dem Herzog, dem Vater ihrer Kinder, beschwert hat, und daß dieser, ohne die Theaterdirektion zu benachrichtigen, Morhard mit Hausarrest bestrafte. Goethe aber wurde angewiesen, dafür zu sorgen, daß Morhard innerhalb vierzehn Tagen die Grenzen des Herzogtums überschritten habe. Goethe setzte es zwar durch, daß diese Frist bis zum 1. Januar verlängert wurde, erkannte aber im übrigen seine Machtlosigkeit und ersuchte den Herzog in einem Briefe vom 10. November, ihn von einem Geschäfte zu entbinden, das seinen sonst so wünschenswerten und dankenswerten Zustand zur Hölle mache. Der Konflikt wurde nach langen Verhandlungen noch leidlich beigelegt — natürlich nur äußerlich. Maßgebend für das Einlenken des Herzogs dürfte der Umstand gewesen sein, daß überall in der auswärtigen Presse für Goethe Partei genommen wurde. Anfangs hatte der Herzog erklärt, er wolle mit Goethe als Leiter des Theaters nur zu tun haben, wenn dieser sich ,,in ein vernünftiges, natürliches und den hergebrachten Dienstgewohnheiten anpassendes Arrangement" fügen wolle — es ist, als ob man die Jagemann sprechen hört, die ihrem herzoglichem Freunde zu verstehen gibt, daß Goethe doch im Dienste des Herzogs stehe. Es ,,sind beim Theater Dinge vorgekommen, die viel geringer abgegangen wären, wenn du dagewesen wärest" — schreibt Goethe am 7. November an seine Gattin Christiane. Diese ist es nach dem Zeugnis Riemers auch gewesen, die eine durchgreifende Kur für die Theaterhändel angeregt hat: die Trennung der Oper vom Schauspiel. Goethe hat die Notwendigkeit dieser Zweiteilung in einem langen Gutachten begründet. Durch Vermittlung Voigts wurde der Herzog dafür gewonnen und fortan leitete Goethe mit Genast als Regisseur das Schauspiel, während Carolinens Anhänger Becker die Regie über die Oper erhielt. Sehr wesentlich zu dieser verhältnismäßig glücklichen Lösung hat die tapfere Herzogin Luise beigetragen, wie aus einem Briefe von P. A. Wolff ersichtlich wird: ,,Wie denn nun Goethes Gegner das Heft ganz in Händen zu haben glaubten und sich über seinen Sturz schon laut zu freuen anfingen, trat unsere regierende Herzogin hervor, wie Karl Moor unter die Räuber, und befahl, daß Goethe jede seiner Bedingungen erfüllt werden sollte, und ihn selbst ersuchte sie mündlich, die Direktion zu behalten."

So war sachlich scheinbar alles wieder geglättet, aber es standen sich doch nicht nur die Verhältnisse, sondern vor allem die Menschen gegenüber. Schon das nächste Jahr brachte Goethe einen Konflikt mit Stromeyer, der dank der Machtfülle Carolinens Sieger blieb. Im Jahre 1814 wurde Graf Edling in die Theaterkommission berufen, 18 16 erschien diese Kommission als ,, Hoftheater-Intendanz", im Jahre darauf wurde Goethes Sohn Mitglied dieser Intendanz. All das war doch aber nur Aufputz, der über unhaltbare Zustände hinwegtäuschen sollte. Goethe stand der Despotin Jagemann und ihrem Anhang im Wege. Das empfand Goethe und wohl nur um seinen Gegnern nicht als feige zu erscheinen, blieb er im Theateramte. Sein Interesse an den Theaterdingen war sehr gering und der Ueberdruß groß. Und da er nicht freiwillig gehen wollte, so zwangen ihn seine Gegner dazu. Der Hergang ist bekannt. Goethe hatte sich geweigert, den

Schauspieler Karsten mit seinem Hunde in dem Stück „Hund des Aubry" gastieren zu lassen. Er hatte diese Entweihung der Weimarer Bühne durch ein Hundegastspiel einfach abgelehnt mit dem Hinweis: ,, Schon in unsren Theatergesetzen steht, daß kein Hund auf die Bühne kommen darf." Aber die Jagemann und Obermarschall Graf Edling gewannen den Herzog, der ein großer Hundeliebhaber war, für die Aufführung. Am 12. April 1817, während Goethe in Jena war, ist ,,Der Hund des Aubry" im Weimarer Hoftheater aufgeführt worden. Goethe erbat sofort seine Entlassung und erhielt sie bereits am 13. April in einem offiziellen Schreiben des Herzogs. Diesem Aktenstück hat der Herzog noch die Worte beigefügt: ,,Ich komme gern hierin Deinen Wünschen entgegen, dankend für das viele Gute, was Du bei diesen sehr verworrenen und ermüdenden Geschäften geleistet hast, bittend, Interesse an der Kunstseite desselben zu behalten, und hoffend, daß der verminderte Verdruß Deine Gesundheit und Lebensjahre vermehren soll."

Das war das Ende der mehr als ein Vierteljahrhundert umspannenden Theaterleitung Goethes. Er hat das Theater nicht wieder betreten; tief erschüttert aber hat ihn der Theaterbrand am 21. März 1825: „Der Schauplatz meiner fast dreißigjährigen liebevollen Mühe liegt in Schutt und Trümmern!" Er kümmerte sich wohl um die Pläne zum Neubau des Theaters und machte Reformvorschläge: es solle fortan auch Sonntags gespielt werden. Aber im übrigen hielt er sich fern und führte die Mauer um sein Dasein noch ein paar Schuh höher. Hatte er doch seinem vertrauten Riemer gleich nach seinem Scheiden aus der Direktion eingestanden: „Wohl dem, der sich loslösen kann von einem Fuhrwerk, das bergab stürzt. Ich kann's und will fort von einem Wege, auf welchem die rechte Höhe unerreichbar ist — bei dem Theater besonders deshalb, weil den jetzigen Schauspielern überhaupt das Leben und die Kunst, der Ernst und die tüchtige Auffassungsgabe mangeln. Es ist ein weibisch Volk und ein Weiberregiment ihnen das Zuträglichste."

Diese Worte in einem Augenblicke berechtigter Verbitterung gesprochen, verurteilen das Ganze um der Schuld Einzelner willen. Aber daß sie gesprochen werden konnten nach einem Vierteljahrhundert Goethescher Theaterarbeit beweißt doch, mit welchen Schwierigkeiten selbst ein Goethe auf diesem Gebiete zu kämpfen gehabt hat. Und um so höher und dankenswerter erscheint darum, was Goethe trotzdem geleistet hat: die Erziehung der Schauspieler zu der Sprache der Klassiker, die Hebung des Schauspielerstandes und des Publikumgeschmackes und endlich die Bildung eines literarischen Repertoires.

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