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2019-11-10

Robert Petsch: Vorträge über Goethes Faust I. (1)



ROBERT PETSCH

VORTRÄGE ÜBER GOETHES „FAUST"

WÜRZBURG. BALLHORN & GRAMER NAC HF. (R. LORENTZ). 1903.



I.

Kaum über ein zweites Werk der Weltlitteratur hat sich eine derartige Flut von Erläuterungsschriften ergossen, wie über Goethes „Faust"; beinahe verzweifelt steht derjenige, der daran geht, die tiefste Dichtung in deutscher Sprache sich selbst und anderen verständlich zu machen, vor dem papierenen Berge, den es zu überwinden gilt, wenn er auch nur das Wichtigste, bleibend Wertvolle aus dieser Büchermasse innerlich verarbeiten will. Goethe selbst aber hat das Wort gesprochen: „Wer den Dichter will verstehen, muss in Dichters Lande gehen". Bei ihm selbst, in seinen Schriften, werden wir immer das Beste für die Erklärung seiner Werke finden. So hat man denn in den letzten Jahren auf die Sichtung, zeitliche Anordnung und Erklärung des gesamten schriftlichen Nachlasses des Dichters, insbesondere auf die Durchforschung seiner Briefe und Tagebücher viel Mühe verwandt. Man spürt die Anregungen auf, die er aus seiner Lektüre geschöpft haben könnte und ist bemüht, ihren erstaunlichen Umfang immer genauer fest- zustellen; man fragt seinen persönlichen Beziehungen zu den Zeitgenossen nach und benutzt dankbar jedes aufgefangene Gespräch, jede Nachricht über gelegentliche Äusserungen des Meisters, vor allem aber sucht man auf Grund seiner poetischen und wissenschaftlichen Werke, seiner Aufzeichnungen mannigfacher Art in die eigensten Gänge seines Geistes einzudringen. So ausgerüstet , darf man es dann wagen, die allmählichen Wandlungen in der Auffassung des Helden und der Grundprobleme seiner grössten Dichtung mit Hilfe der reichlich erhaltenen Vorstudien, Pläne, Skizzen und „ursprünglichen Fassungen" festzustellen. (1)

Goethes Auffassung des Stoffes ist nämlich in den zwei Menschenaltern, die er seiner dichterischen Verarbeitung widmete, nicht immer die gleiche geblieben; die Gestalt des Doktors Faust erschien dem jugendlichen Stürmer und Dränger anders als nachher dem strengen Klassicisten, der in Italien alles Nordische abgestreift hatte, anders wieder hat der alternde Weise von Weimar seinen Helden angeschaut. Und diesen Wandlungen muss der Erklärer nachgehen, wenn er sich nicht in das unwegsame Sumpfland schlüpfriger Hypothesen verirren will. 

Wo und wie lernte Goethe zuerst die Gestalt des Zauberers Faust kennen? Er selbst schildert uns, reichlich 40 Jahre später, aber doch wohl im ganzen zutreffend seine ersten Eindrücke; im zehnten Buche von „Dichtung und Wahrheit" berichtet er über seinen Umgang mit Herder: „Am sorgfältigsten verbarg ich ihm das Interesse an gewissen Gegenständen, die sich bei mir eingewurzelt hatten und sich nach und nach zu poetischen Gestalten ausbilden wollten. Es war Götz von Berlichingen und Faust. Die Lebensbeschreibung des erstem hatte mich im Innersten ergriffen. Die Gestalt eines rohen, wohlmeinenden Selbsthelfers in wilder anarchischer Zeit erregte meinen tiefsten Anteil. Die bedeutende Puppenspielfabel des andern klang und summte gar vieltönig in mir wieder. Auch ich hatte mich in allem Wissen umhergetrieben und war früh genug auf die Eitelkeit desselben hingewiesen worden. Ich hatte es auch im Leben auf allerlei Weise versucht, und war immer unbefriedigter und gequälter zurückgekommen. Nun trug ich diese Dinge, so wie manche andere, mit mir herum und ergötzte mich daran in einsamen Stunden, ohne jedoch etwas davon aufzuschreiben." Goethe, für den jedes gute Gedicht ein Gelegenheitsgedicht war, gesteht auch hier ohne weiteres zu, was wir freilich dem Werke auch ohne das entnehmen würden, dass seine Faust-Dichtung, ganz abgesehen von den Gretchenscenen, einen stark autobiographischen Gehalt habe — eben so, wie sein „Götz von Berlichingen," mit dessen Aufkeimen im Herzen des jungen Dichters die Empfängnis des , Faust" eng verbunden gewesen zu sein scheint. Der Strassburger Goethe ist der Stürmer und Dränger, dem das Blut so mächtig durch die Adern rollt, dessen Lebenskraft, daheim in Frankfurt unterdrückt, in Leipzigs ödem Jung-Greisentum fast versandet, plötzlich durch „rheinischen Most" erregt wird und nach Bethätigung drängt; so wird ihm Götz von Berlichingen, ,die Gestalt des rohen Selbsthelfers in wilder, anarchischer Zeit," zu einem Ideal- bilde des eigenen titanischen Strebens nicht nach Macht und Ehre, nach Geld und Gut, sondern nach Freiheit und Macht, das in der Welt durchzusetzen, was er für recht erkannt hat. Das war eine dichterische Übertragung der eigenen Seelenkämpfe auf einen Kämpfer, der auf einem anderen Schlachtfelde focht. Nicht für die Unabhängigkeit von politischen und sozialen Gewalten stritt der junge Goethe, sondern für die Freiheit seiner Studierstube, für freie Forschung gegen toten Regelkram und Schulweisheit, gegen Systemzwang und Kathederberedsamkeit, vor allem gegen die Einzwängung in eine Fakultät. 

1) Zwei Werke sind unentbehrlich für jeden, dem es um ein tieferes Verständnis des ,, Faust" zu thun ist: Die kritische Ausgabe des Werkes von Erich Schmidt (Weimar 1899, 3 Bände, auch als Band 14 und 15 der grossen Weimarischen Sophien Ausgabe von Goethes Werken erschienen.)

 2. Otto Pniower, Goethes Faust. Zeugnisse und Exkurse zu seiner Entstehungsgeschichte. Berlin 1899. Schmidt giebt uns den reinen Text und sämtliche ,, Lesearten", sowie die erhaltenen Vorstudien jeder Art, Pniower hat alle zuverlässigen Nachrichten über die Entstehung des Faust gesammelt und sorgfältig erklärt. — Ausgezeichnete Anmerkungen bringt die Faust- Ausgabe von G. von Loeper, die einen selbständigen Teil der „Hempelschen Goethe- Ausgabe" bildet.

Unruhig von einem Gebiet aufs andere überspringend, bald hier, bald hastig da zugreifend oder mit Fieberhitze tiefer grabend, ohne doch den Grund zu erreichen, hatte er sich wohl zeitig von der alten Wahrheit überzeugt, dass alles Wissen Stückwerk sei, so mochte er sich in Augenblicken der Einkehr fast wie eine tragische Gestalt vorkommen, gleich jenem alten Doktor Faust, von dem das Puppenspiel erzählte, der es auf allen Gebieten versucht hatte und mit seinem Forscherdrange zuletzt dem Teufel verfallen war. 

Aber war das wirklich der Inhalt eines Marionettenspiels? Hatte sich ein so tiefes Problem in so dürftiges Gewand gekleidet und bis in die Niederungen der Volkslitteratur verirrt? Wir müssen geschichtlich weit zurückgreifen, um das zu verstehen. 

Es genügt nicht, an die Gestalt des Doktors Faust aus dem 16. Jahrhundert zu erinnern, wenn man die Faustsage in ihrer ganzen Bedeutung für den Menschengeist recht würdigen will. Sie ist, wie jede Sage, ein Erzeugnis des mythenbildenden Volksgeistes. Der Naturmensch lässt seinen Blick über seine Umgebung schweifen, über die Brüder, die mit ihm um das Feuer sitzen, oder aufwärts zum Gipfel des Baumes, an dessen Stamm er lehnt, über das unermessliche Meer hin oder zu den Sternen am nächtlichen Himmel : der einzige ruhende Pol in der Flucht all dieser Erscheinungen ist und bleibt er selbst. Nur sein Selbstbewusstsein ist ewig unveränderlich; ohne sich recht darüber klar zu werden, gleichsam instinktiv macht er sich selbst zum Mass und Mittelpunkt aller Dinge. (Sich selbst, das heisst den Menschen; denn als Individualität empfindet er sich noch nicht: seine ersten Gefühle teilt er mit seiner gesamten Umgebung, er ist nichts als ein Glied der Horde.) Alles, was sein Auge erblickt, wird in Beziehung zum Menschenleben gesetzt, wird nach der Analogie seines eigenen Lebens erklärt; da wirkt ein schreitender, redender, zürnender Gott in der Gewitterwolke, da wohnen Wesen im Innern der Erde, die menschenähnlich denken und empfinden, die sich für angethane Kränkungen rächen, die feindlich oder hilf- reich sein können, wie es ihnen beliebt. Die persönlich gedachten Naturmächte sind viel stärker als der Mensch, und man muss versuchen, sie sich gnädig zu stimmen. Das geschieht nicht durch gute Handlungen, denn die Idee der Gerechtigkeit kann der Mensch auf seinen Gott nicht übertragen, ehe er sich selbst zu ihr durchgerungen hat; noch bei Homer (2) sind die olympischen Götter eben Wesen, wie die Menschen auch; sie essen und trinken, schlafen und freien, gemessen und freuen sich, leiden und befehden sich, lieben und hassen wie die Menschen — aber sie sind mächtiger als diese. Und wie der Naturmensch wohl in seinen Sagen vom Neide der Götter fabelt, so regt sich in seinem eigenen Herzen ein Neid auf die gewaltigeren Götter. Er möchte sein, wie er sie sich vorstellt, ohne Mangel, ohne Alter, ohne Tod; und der Wunsch wird Vater des Gedankens: die zweite Regung mythenschaffender Volksdichtung äussert sich darin, dass man auf einzelne Menschen Fähigkeiten und Vorzüge überträgt, die man sonst nur den Göttern nachrühmte. Es entsteht die „Heldensage". Der Held ist ungeheuer stark; gewöhnlich erlangt irgend ein durch Körperkraft und Gewandtheit ausgezeichneter Mann zunächst unter seinen Stammesgenossen, dann weiterhin Berühmtheit, seine Thaten werden erzählt und, je mehr man sich örtlich oder zeitlich von ihm entfernt, kraft der menschlichen Neigung zur Übertreibung vergrössert und verschönt. Da zieht denn die Mythologie ihre wunderbarste Folgerung: weil er der Idee, die man sich vom Menschen, besonders vom Manne macht, so vollkommen entspricht, wird der überaus Menschliche allmählich zum — Gott. Mindestens werden ihm irgend welche Glücksgüter zu teil, die ihn den Göttern ähnlich oder gleich machen. Er erringt etwa einen Tisch, der niemals leer wird, und ist nun vor Mangel geschützt wie die Götter, oder er wird unverwundbar und gewinnt gleich ihnen ewiges Leben, auch wohl ewige Jugend. Und die Erzählungen von solchen Helden stacheln wieder aufs neue die Phantasie der übrigen an, die auch gleich jenen ewig leben, ewig unbeschränkt gemessen möchten — aber, wenn es sein kann, ohne ihre Thaten zu thun, ohne ein Leben der Qual zu führen, ohne solche Gefahren zu bestehen, wie ein Herakles und andere seinesgleichen. Jene Gewaltigen haben die Naturkräfte gezwungen, nun versucht man mit ihnen zu handeln. Und uralt sind die Sagen von solchen, die etwas daran gaben, einen Teil ihres Körpers oder eine Spanne ihres Lebens, um den Rest ihrer Tage im sorglosen Geniessen, in Reichtum und Fülle verbringen zu dürfen. Es sind die Sagen von Zauberern, denen Wind und Meer gehorsam sind, denen die Berge ihre Schätze hergeben, die Elemente ihre Geheimnisse verraten müssen. Ganz unwillkürlich mischt sich da dem Begriffe des höchsten Könnens auch der des tieferen Wissens, der Bekanntschaft mit den geheimnisvollen Kräften der Natur bei. Aber das geschieht mehr unbewusst, zufällig. Vor allem handelt es sich doch für den Naturmenschen immer nur um unbegrenzten Genuss der Güter dieser Erde. Immerhin bezeugt er eine tiefere Sympathie für den Menschenbeglücker, den Helden, der alles einsetzt, ehe er zu seinem Ziel gelangt, als für den Zauberer, der nur einmal in eigennütziger Absicht ein Opfer bringt und den andern höchstens eine Art abergläubischer Scheu abnötigt. Es ist natürlich und begreiflich, dass zu einer Zeit, wo das Christentum mit seinem Dualismus des allgütigen, weisen und gerechten Gottes und seines Widersachers, des Teufels, auf den Plan tritt, alsbald diese Sagen eine neue Färbung bekommen. Wer ohne redliche Arbeit und Demut vor Gott, durch selbstherrliches Eindringen in die dem Menschenauge verschlossenen Geheimnisse der Natur zu Macht und Reichtum gelangen will, verstösst gegen die göttliche Weltordnung und giebt sich den bösen Mächten hin, „die unterm Tage schlimm geartet hausen; nicht ohne Opfer macht man sie geneigt und keiner lebet, der aus ihrem Dienst die Seele rein zurückgezogen hätte". Satan ist es, der dem Verlangenden die Kunst des Zauberns verschafft und der Preis für seine Gabe ist die menschliche Seele.

2) Man lese die nach Inhalt und Form gleich vollendeten Einleitungen Ulrichs von Wilamowitz - Mollendortf zu seinen „Griechischen Tragödien". (Berlin, Weidmann, a. Aufl. 1899 u. 1901.)

Die Apostelgeschichte des neuen Testaments erzählt (Kap. 8) von einem Magier Simon, der dem Apostel Paulus die wirksame Kraft des heiligen Geistes für schnödes Geld abkaufen wollte. Dieser Simon war natürlich eine historische Persönlichkeit, ein samaritanischer Religionsstifter, dessen sich sehr bald die Volkssage bemächtigte, um seine Gestalt mit einem wunderbaren Gespinst von Zaubergeschichten zu überziehen. Man erzählte von ihm, er sei von einem dämonischen Hunde begleitet unter Kaiser Nero nach Rom gekommen und habe dort die Wunder des Heilands nachzuäffen versucht. Er wirkte Verwandlungen, weckte Tote auf, versuchte Gold zu machen, gaukelte seine eigene Hinrichtung vor und masste sich endlich an, die Himmelfahrt Christi nachzuahmen, wobei ihn aber seine Dämonen fallen Hessen und er jämmerlich umkam. Späterhin wurde seine Sage noch erweitert: er verkehrte, hiess es, mit einer Buhlerin Helena und war von einem Schüler, namens Faustus, d. h. „der Glückliche", begleitet, der ihm teils opponierte, teils seine Thaten nachzuahmen suchte. Da sind einige Ansätze zur Grösse, aber die ganze Gestalt ist nicht grossartig aufgefasst: einige Züge, die in die spätere Faustsage übergehen, aber Simon selbst keine Faustgestalt. 

Die allmähliche Ausgestaltung des Christentums spiegelt sich in der Geschichte dieses Sagenkreises wieder. Die Zaubergestalten nehmen mit der Zeit andere Züge an. Während Simon noch rettungslos der Hölle verfällt und den Zorn eines „starken und eifrigen" Gottes erweisen muss, wird man in der Zukunft milder: es giebt auch nach den furchtbarsten Verirrungen noch Rettung für jeden, der reuig in den Schoss der Kirche zurückkehrt. Und die Verirrungen selber ändern ihr Gesicht. Ein blosses Genussleben genügt in den Kreisen der feiner gebildeten christlichen Charaktere nicht mehr, um den Abfall des Menschen von Gott zu begründen. Hatte man früher gern dem stofflichen, tierischen Triebe im Menschen den geistigen als den reineren gegenübergestellt, so war man nun doch schon fest davon überzeugt, dass auch dieser seine Gefahren in sich berge, dass der durch Grübeln und Nachdenken erweckte und genährte Zweifel dem Glauben mindestens so schwere Gefahren bringe, als die Sinnlichkeit. Und so wird aus dem sinnlichen Strebenden ein geistiger Titan. Neue Motive, wie der mit Blut zu unterzeichnende Pakt mit dem Bösen kommen hinzu, aber das ganze ergab immer noch keine eigentliche „Faustsage." Man sehe, wie Erich Schmidt die Ergebnisse seiner Forschung auf diesem Gebiete zusammenfasst: „Das Mittelalter hat es zu keinem Faust gebracht. Wohl ziehen in langer Reihe die Theophilus und Militarius, die Heliodorus, Virgilius, Klinsor, die Tannhäuser, die Roger Baco, die Gerbert und andere mit der Tiara gekrönte Paktierer an uns vorüber ; noch aber war der Satan noch keine unentrinnbare Grossmacht, noch genügte ein erlösendes Wort der jungfräulichen Fürsprecherin vor dem himmlischen Richterstuhl, noch wurde das Problem nicht tief und allumfassend genug gedacht, sondern mit einem leidigen Entweder —Oder ausgetragen: entweder winkt höheres Wissen oder schrankenloser Genuss und andere Güter dieser Welt als Lohn für den Vertrag mit der Hölle."(3) Aber erst in der Verbindung dieser beiden scheinbaren Gegensätze liegt ja das, was wir heutzutage als „faustisches Streben" zu bezeichnen gewohnt sind. Sinnliches und Geistiges, höchstes Wissen und bedingungslose Erfüllung jeglicher Begierde haben sich erst in der Epoche der Renaissance zusammengefunden, die wir als die Wiedergeburt des Menschengeschlechtes im weitesten Sinne bezeichnen können. Das Roheste und Feinste, das Höchste und Niedrigste stehen hier fast unvermittelt nebeneinander. Fürsten, die des Tages über sich in die klassischen Schriftsteller des Altertums versenkt oder mit den Weisen ihres Hofes von den Wundern des Sternenhimmels geredet haben, bringen die Nacht in wüsten Gelagen und in der Befriedigung jeglicher Leidenschaft zu und geben am Morgen den Befehl, ein Blutbad unter ihren Gegnern anzurichten. Besonders in Italien lernen wir solche furchtbaren Gestalten kennen, schön, aber auch blutgierig wie reissende Tiger. In Deutschland hat die Epoche ein ernsteres, würdigeres Gepräge. Das religiöse Interesse überwiegt, das 16. Jahrhundert ist für uns das Zeitalter der Reformation. Der Reformator aber, der die Losung ausgiebt: „Das Wort sie sollen lassen stehn" wendet sich nicht etwa bloss gegen die Bekämpfer der Schrift als alleiniger Glaubensgrundlage, nicht bloss gegen die Andersgläubigen, sondern ebenso scharf gegen die Ungläubigen, gegen eine zügellose Wissenschaft, die in Glaubenssachen der Vernunft, dem „Meister Klügel" das Wort lässt, insbesondere gegen allzuvieles Grübeln auf theologisch-metaphysischem und naturwissenschaftlichem Gebiete. Gerade im ernsten Deutschland war man sehr früh von der Vergeblichkeit alles menschlichen Forschens überzeugt worden ; die tiefe Niedergeschlagenheit des Geistes, der auf seinem Fluge die Tragkraft der Schwingen nachlassen fühlt, die melancholische Stimmung des in seinen kühnsten Hoffnungen betrogenen Gemüts spricht sich in Dürers vielsagendem Kupferstiche zur Genüge aus. So predigte Luther Verzicht auf manchen Gebieten, und doch brach die Reformation gewaltige Fesseln, die bisher den Menschengeist umschlungen hatten, und die Gefahr lag immer noch nahe, dass sich die Vernunft für autonom erklären würde. An Versuchen dazu fehlte es selbst im lutherischen Lager nicht. Und so wurde denn bald eine Tendenzschrift als nötig empfunden, die sich diesmal nicht so sehr gegen die päpstliche Partei, als gegen die Verdächtigen im eigenen Heere richtete. Und wie man damals in der Streitschriftenlitteratur so gern eine feindliche Partei, deren einzelne Führer und Glieder man nicht nennen konnte oder wollte, in einer eigens für den Zweck erfundenen oder aus dem Typenschatze des Volkes über- nommenen Figur verkörperte, um sie zu verspotten, so bekämpfte die lutherische Orthodoxie jetzt die minder extreme, dem theologischen Forschen und auch wohl dem metaphysischen Grübeln geneigte Richtung, der Melanchthon nicht ganz fern stand, in der damals in Deutschland allbekannten Figur des Doktors Faust. (4)

3. Siehe: „Faust und das 16. Jahrhundert". In Erich Schmidts (Charakteristiken" Band I (2. Auflage, Berlin 1902).

4. Vgl. E. Schmidt, Faust und Luther (Berlin 1896) und Milch- sack (s. Anm. z. S. 11).

Man hat sich grosse Mühe gegeben, um den „geschichtlichen" Doktor Faust in Urkunden und Briefen seiner Zeit nachzuweisen und einiges über sein Leben zu erfahren. (5)Ein grossmäuliger Abenteurer und Schwindler erschien im Jahre 1506 in Gelnhausen und gab daselbst im Hause des vielberühmten Abts Trithemius, dessen Gestalt von mancher Sage umwoben ist, eine prahlerische Karte ab, auf der sich seiner Geschicklichkeit in der Nekromantik (Beschwörung Verstorbener), Sterndeuterei und Wahrsagekunst und allerhand Zaubereien mit Feuer, Luft und Wasser rühmte und sich u. a. die Namen „Georgius Sabellicus, Faustus unior, Magus secundus" beilegte. Der Titel Sabellicus (möglicherweise die Latinisierung eines deutschen Namens Säbel oder Zabel) mag auf die magische Kunst des Sabellerstammes im alten Italien hinweisen, Magus und Faustus aber scheinen aus der oben erwähnten Sage vom Magier Simon und seinem Gehilfen Faust zu stammen, als deren Nachfolger er sich also hier ausgab. So bliebe denn bloss noch der Name Georg als sicherer Vorname übrig, aber gewöhnlich scheint er sich mit seinem Lieblingsnamen Faustus eingeführt zu haben, und im Volke wurde wohl nur vom „Johann Faust" erzählt. Was man in vornehmeren Kreisen über ihn berichtete, gereicht ihm nur zur Unehre. Die gemeinsten Ausschweifungen zogen ihm Ortsverweisung zu, überall suchte man sich seiner zu entledigen, sobald man die Roheit und den Eigennutz erkannte, die sich unter der gelehrten oder doch halb gelehrten, besonders medizinisch- naturwissenschaftlichen Bildung des entlaufenen Studenten versteckte. Immerhin wusste er eine Zeit lang Leute vom Range Melanchthons zu täuschen und bei adligen Herren und geistlichen Fürsten durch Wahrsagereien gelegentlich eine höhere Summe herauszupressen, Geboren ward er, scheint es, um das Jahr 1480 in Knittlingen, obwohl die Sage später seine Geburtsstätte nach anderen Orten verlegte. Sein Hauptarbeitsfeld muss Franken und Hessen gewesen sein, doch unternahm er auch Streifzüge nach Erfurt und Wittenberg, in die Harzgegenden, nach dem Niederrhein, andererseits nach Ingolstadt, ins Elsass und in die Schweiz. Im Breisgau mag er um 1540, als früh gealterter Mann auf eine für seine Zeitgenossen geheimnisvolle Weise ums Leben gekommen sein. „Der Mann, dessen Wirken nirgends eine für die Zeitgenossen oder spätere Geschlechter nützliche Spur hinterlassen, der weder in das Geistesleben, noch in die öffentlichen Zustände irgendwie fördernd eingegriffen hat, ist durch Goethe als himmelstürmender Titan zur Unsterblichkeit gelangt. Die Gründe dieser seltsamen Erscheinung beruhen in der Kühnheit, mit der er den Teufels- wahn seiner Zeit mit Einsetzung seines Lebens ausbeutete, in der Konsequenz, mit der er seine Rolle durchzuführen wusste und die Aufmerksamkeit seiner Mitlebenden, der Höchsten, wie der Geringsten, auf sich lenkte und sich in den äusseren Umständen, die ihn sein Treiben unentlarvt bis zuletzt fortführen Hessen, ja gerade durch die Art seines Todes scheinbar den letzten und gewichtigsten Beweis für das höllische Bündnis, dessen er sich rühmte, gab. Nicht als eine alleinstehende Erscheinung, sondern als Typus seiner Genossen lebte er fort, weil er der Berühmteste und Kühnste unter ihnen war." (Witkowski).

5. Vergl. G. Witkowski, Der historische Faust. Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Neue Folge I. S. 298 ff.

Das Verdienst, diese Gestalt im Gedächtnis des deutschen Volkes lebendig erhalten zu haben, hat ein seinem Namen nach uns unbekannter, seiner inneren Persönlichkeit nach ziemlich scharf zu charakterisierender Protestant, vielleicht ein Geistlicher, des 16. Jahrhunderts. Mit vollem Rechte hat man dem Verfasser der „Historie von Dr. Johann Fausten, dem weit beschreyten Zauberer und Schwarzkünstler", wie sie zuerst im Jahre 1587 (6)in Frankfurt am Main bei Johann Spiess im Druck erschien, Mangel an Verständnis für die ganze Tragik menschlichen Forschens und Straucheins, an Kompositionstalent und an Erfindungsgabe vorgeworfen, aber man kann nicht leugnen, dass der Mann ein ganz ausserordentlich geschickter Tendenzschriftsteller war. Absichtlich hält er seinen grüblerischen Studenten Faust, den Sohn achtbarer Eltern, der sich durch einen ungezügelten Wissensdurst auszeichnet, nicht in den lutherischen Kreisen von Wittenberg fest. Das Wenige, was er dort von feststehenden Thatsachen über menschliche und göttliche Dinge erfährt — alle methaphysischen Grübeleien waren ja, wie schon erwähnt, Luther verhasst — genügt diesem Feuergeiste nicht und so gerät er, von Wissensdrang und Genusssucht gepeinigt, in eine zügellose Gesellschaft. Zwar gebraucht der Verfasser das wundervolle Bild: „Er nahm an sich Adlersflügel, wollte alle Gründe am Himmel und auf Erden erforschen", aber für die ganze Herrlichkeit dieses Forschens hat er keinen Sinn, wie sein Zusatz beweist: „denn sein Vorwitz, Freiheit und Leichtfertigkeit stach und reizte ihn also". „Er wollte sich keinen Theologen mehr nennen, sondern wurde ein Weltmensch, nannte sich einen Doctor medicinae, wurde ein Astrolog und Mathematiker" u.s.w. Nun wird die Beschwörung des Höllenfürsten, die Verbindung Faustens mit einem Unterteufel, dem Geiste Mephostophiles und hierauf in breitester Weise das Weltleben des Helden geschildert, der wie eine „epikurische Sau" dahinlebt, und dessen wider seinen Blutpakt mit dem Teufel streitendes Ehegelüst durch die Beschaffung von Buhlteufeln, unter anderem der schönen Helena aus Griechenland beschwichtigt wird ; ein echter Anti-Luther, lässt er sich vom Teufel über die Geisterwelt belehren, wobei er um den Preis seiner Seele abgestandenen scholastischen Kram in den Kaufnehmen muss und unternimmt eine höchst merkwürdige Reise über die Erde hin, bei deren Beschreibung sich die ganze geographische Unkenntnis des Verfassers verrät; schliesslich wird, ohne wahren Humor, eine Reihe lustiger Schwanke erzählt, wie sie eben damals allenthalben in Deutschland umliefen und teils schon vom Volksmunde auf die populäre Gestalt des Doktors Faust übertragen waren, teils erst vom Verfasser der Historie für seine Zwecke umgearbeitet wurden. Man hat mit grossem Fleisse nachgewiesen, (7) in wie mechanischer Weise der erste Faustbiograph aus theologischen, geographischen und naturwissenschaftlichen Abhandlungen und Sammelwerken seine Kenntnisse von weltlichen und überweltlichen Dingen zusammengestohlen hat. Trotz aller Mängel aber fand das Büchlein eine ungeheure Verbreitung und Erweiterung. Schon 1589 wurden die ausserordentlich frisch erzählten „Erfurter Kapitel" hinzugefügt, in denen ein neuer, ebenfalls un- bekannter Autor von Faustens Fassritt und der wunderbaren Bewirtung seiner Gäste, vor allem aber von seiner Thätigkeit an der Universität erzählt, wo der grosse Schwindler in seinem Homerkolleg die Helden seines Dichters, zuletzt „den greulichen Riesen Polyphemus" durchs Zimmer marschieren lässt. Auf drei stattliche Bände angeschwellt, erschien die Historie im Jahre 1599 in der Bearbeitung des Schwaben Widmann, und die vordringlich lehrhaften Einschübe wurden durch Pfitzer, dessen Ausgabe 1674 herauskam, noch vermehrt. Diese letztere Bearbeitung hat Goethe sicherlich in seinen späteren Jahren, vielleicht auch schon früher gekannt und benutzt. Zum mindesten aber waren ihm aus seiner Jugend die „löschpapieren" Jahrmarktsdrucke der Geschichte bekannt, die auf einem Faustbuch des 18. Jahrhunderts beruhen, das ein Unbekannter unter dem Pseudonym des „Christlich Meinenden", in „eine beliebte Kürze zusammengezogen" hatte.

6. Neudruck der ersten Ausgabe von Wilhelm Braune herausgegeben. (Halle 1878.) Eine noch ältere, aber nur in einer Handschrift der Wolffenbüttler Bibliothek aufbewahrte Fassung gab Milchsack heraus. (Wolfenbüttel 1893 — 96.)

7. Vgl. besonders Vierteljahrsschrift für Litteraturgeschichte, Band I, S. 161 ff. und vor allem die Einleitung Milchsacks zu seiner Ausgabe (s. Anm. zu S. 11).

Unendlich viel nachhaltiger aber, als diese trockene Prosa, musste auf das Gemüt des jungen Dichters eine andere Bearbeitung des alten Stoffes bewirken , die erst auf Um wegen nach Deutschland zurückgekommen war.

Sehr bald nach ihrem Erscheinen hatte man die Faust-Historie in mehrere fremde Sprachen, unter anderem ins Englische übersetzt, und jenseits des Kanals war damals der Boden besser bestellt, um eine „faustische" Gestalt aufspriessen zu lassen. Da sind die Vorläufer Shakespeares an der Arbeit, leidenschaftliche, vollblütige Renaissance-Menschen , die nur zu gern die Fieberglut des eigenen Herzens in die Adern ihrer dramatischen Figuren überströmen lassen; keiner gewaltiger als der Schustersohn und verlotterte Student Christopher Marlowe, der das mächtige Streben seiner Seele nach Herrschergewalt und Sinnengenuss schon in der Übermenschengestalt seines Tamerlan verkörpert hatte. Nun folgt sein neues Bekenntnis: „Die tragische Geschichte vom Doktor Faust". Auch ihm hatten die Fakultätsstudien nicht genügt; wenn der Grübler des Faustbuches von der Theologie zur Mathematik, Naturforschung und Medizin überging, so thut Marlowe noch einen Schritt weiter: sein Faust verwirft eine Fakultät nach der anderen; in seinem grossen Anfangsmonolog, der noch auf Goethe nachwirken sollte, erteilt er ihnen allen den Laufpass. Und nicht wie in der Vorlage wird Faust vom Teufel mit einem elenden Jahrgehalt und mit scholastischen Brocken abgespeist; die Hölle gewährt ihm unbegrenzte Machtfülle, schrankenloses Durchführen jeder Willensregung. Wunderbar weiss dieser Sohn der Renaissance den Sinnen seines Helden durch die Erscheinung der Helena einzuheizen; solche Glut bewirkt keine Erniedrigung, sondern eine Steigerung der Persönlichkeit. Natürlich verfällt dieser Faust der Hölle. Mutig zieht der Dichter die Konsequenz seines eigenen Strebens. Ja, er vermag es, die letzten Augenblicke des zum Tode Bestimmten zu vergegenwärtigen und diese Scene noch mit einer grandiosen Gedankenfülle auszustatten. Ein nochmaliges Gespräch zwischen dem Helden und seinem Geiste hätte durch Anschlagen falscher Töne störend wirken können. So bleibt Faust allein, und was ihn an das nahe Ende mahnt, ist etwas Unpersönliches, die Zeit; aber gerade sie redet mit der Allgewalt einer unentrinnbaren Naturmacht zu ihm. Es hat elf Uhr geschlagen, eine Stunde hat Faust noch zu leben. Im letzten Augenblick denkt er noch einmal, wie gelegentlich schon früher an Reue, an Rückkehr zu Gott. Das ist kein Verstoss gegen die folgerichtige Charakterzeichnung. Der Dichter durfte scheinbar die eigenste Richtung dieses Geistes verändern, weil er sicher war, jeden Augenblick wieder einlenken zu können. Für ihn steht es fest, dass für einen solchen Feuergeist eine wirkliche Umkehr im letzten Augenblick nicht möglich ist. Mythologisch, im dramatischen Bilde ausgesprochen: er will zu Gott emporsteigen, der Teufel zieht ihn zu sich nieder. Wie der Ertrinkende nach jedem Strohhalm greift, so klammert sich der von Gott Abgefallene und Verstossene erst an die vergebende Gnade des Herrn, dann wieder an seine materialistische Weltanschauung, die sich einst schon in seinem kecken Zweifel: „if any God, (wenn es einen Gott giebt)" ausgesprochen hatte, und die ihm jetzt auch keinen Trost bieten kann; vergebens fleht er: „O Seele, löse dich in Wassertropfen und rinn' ins Meer, dass man dich nicht entdeckt" ... Es ist zu spät, er ist der Hölle verfallen. 

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