> Gedichte und Zitate für alle: Robert Petsch: Vorträge über Goethes Faust II.2 (5)

2019-11-11

Robert Petsch: Vorträge über Goethes Faust II.2 (5)



Und so erscheint denn Mephistopheles das nächste Mal, ungerufen , aber scheinbar nur auf Fausts wiederholte Einladung, in weltmännischer Kavalierstracht, um Faust zu zeigen, „was das Leben sei". Diese ganze nächste Scene im „Studierzimmer" ist nun, wie wir schon wissen, aus Stücken zusammengesetzt, die zu verschiedenen Zeiten entstanden sind und auch nach ihrem Stimmungsgehalt nicht ganz zu einander gehören. Für den jugendlichen „Faust" des Stürmers und Drängers Goethe war das Hineinstürmen in die Sinnenlust etwas Selbstverständliches. Da machte die Einführung des Mephistopheles wohl mehr technische Schwierigkeiten — und die grosse Lücke blieb klaffend. Der italienische Goethe, der 1790 das Fragment herausgab, hatte im Süden selber sinnlich genossen, ohne doch im Schlamm unterzugehen: sein Geniessen hatte gleichsam Methode gehabt. Wie bei seinem römischen Liebesleben niemals das ästhetische Moment, das Streben nach der völligen Aneignung eines vollendet schönen weiblichen Körpers fehlte, so spielte bei seinem Lebensdrang überhaupt das Verlangen nach völliger Aneignung alles dessen, was „menschlich" heisst, die Hauptrolle. Damals wird jenes Schlussstück unserer Scene gedichtet, das ganz abrupt mit zwei Versen einsetzt, die schon die Stimmung des Dichters in jener Zeit kennzeichnen: „Und was der ganzen Menschheit zugeteilt ist, will ich in meinem Innern selbst geniessen". Da hätte also das gewaltige Streben Fausts ein Ziel, einen Zweck, wenn auch einen rein subjektiven, nur auf den Strebenden selbst bezüglichen. Dann ist aber in dem Dichter und in seiner Auffassung des Faustischen Problems noch eine Wandlung vor sich gegangen. Er will jetzt das Evangelium der That verkündigen. Das Streben allein macht selig, ganz gleichgiltig, ob es auf irgend einen Zweck in oder ausser uns gerichtet ist. Nur so kann Faust gerettet werden, wenn Mephistopheles ihn ins Sinnenleben mit hineinzerrt. Gewiss, er will das alles durchmachen (gelegentlich gebraucht Goethe auch hierfür den Ausdruck „geniessen"), aber er will keine Freude daran haben, er will die Genüsse nicht auskosten, will nicht an ihnen hängen bleiben. So stürmt er immer weiter fort, während Mephistopheles stets die Hoffnung hegt, ihn zum „Starren, Zappeln, Kleben" zu verleiten. Freilich hat jeder in seiner Weise Recht. Ein blosses Hindurcheilen durch die Genüsse der Sinnenwelt auf gerader Linie ist nicht gut möglich. Je weiter wir uns mit dem Gemeinen einlassen, um so stärker packt es uns. Immer roher werden die Genüsse, immer niedriger die Denk-, Sprech-, Handlungsweise Fausts bis hin zur Walpurgisnacht; aber gerade in den Tiefen der Gemeinheit wird sich das lange unterdrückte, geistige Element in Faust doch wieder regen und zunächst auf dem Wege ästhetischen Abscheus wird er sich langsam vom Bösen wieder befreien. — Vorläufig handelt es sich also darum, auszusprechen, was Faust eigentlich sucht, wenn er sich dazu versteht, mit Mephistopheles ins „Leben" hinaus- zustürmen. Im Reiche der Wissenschaft gescheitert, will er die Reiche des „Lebens" durcheilen, auch hier vor keiner Schranke Halt machen und glühende Leidenschaften stillen — aber nicht so, dass sie dadurch zur Ruhe kämen, sondern so, dass sie im Genüsse immer stärker anschwellen: „Nur rastlos bethätigt sich der Mann". Von „Genuss", oder wie Mephistopheles es ausdrückt, davon, dass „wir was Gutes in Ruhe schmausen mögen", ist keine Rede. Warum verzichtet Faust auf den Genuss? Hat er ihn kennen gelernt? Gewiss, gerade bei seinem ungeheuer intensiven Innenleben hat er trotz spärlicher Berührung mit der Aussenwelt mehr erlebt, als tausend Andere. In seinem Innern lebt ein Gott, der ihn mächtig erregt, eine schöpferische Kraft, die eine kleine Welt in seinem Busen aufbaut, eine in ihrer Art vollkommene, seinen Wünschen und seiner Weltanschauung entsprechende Welt. Aber kann er dies Heiligtum, das nur in seiner Phantasie besteht, ins Leben übersetzen? Mit Feuereifer mag er oft daran gegangen sein; aber der Eifer liess nur zu bald nach. Denn nicht mit einem Schlage können wir in die Erscheinung treten lassen, was als ein vollkommenes Ganze in unserer Seele lebt. Wir müssen beim Einzelnen einsetzen, ein hartes Tagewerk nach dem anderen vollbringen. Manche Einzelheit gelingt, manches erweist sich als unmöglich, und nur zu leicht schwindet damit die Freude am Ganzen (19). Und wenn erst ein Versuch nach dem anderen gescheitert ist, wenn wir die ungeheure Macht der Aussenwelt, die sich uns mit tausend Hindernissen in den Weg stellt, kennen gelernt haben, dann sind wir bald geneigt, die vielen Einzelerfahrungen zu verallgemeinern und zu sagen : Der Gott in meinem Busen kann nach aussen nichts bewegen, es ist alles eitel, kein Wunsch wird erfüllt werden. Und wenn neue Gedanken, Pläne, Wünsche in uns aufsteigen, dann warten wir nicht mehr, bis die Schwierigkeiten von aussen her kommen, unsere Phantasie ruft uns schon selber die tausend „Lebensfratzen" in Erinnerung, die uns so oft unglücklich machten. Und so vergeht die Schöpfung unserer regen Brust in Rauch und Dunst. Was bleibt? Nur noch das Streben an sich. Sobald wir scheinbar einen Höhepunkt erreicht haben, tritt der „Krittel" ein, der uns zeigt, dass wir das letzte Ziel unserer Wünsche doch noch nicht erflogen haben. Und darum ist glückselig nur jener, der in einem solchen hohen Augenblicke, etwa nach rasch durchrastem Tanze in den Armen seines Mädchens tot darniedersinkt, ehe er erfahren muss, dass dies Mädchen „mit Äugeln schon dem Nachbar sich verbindet". Streben sollen wir von Gipfel zu Gipfel, aber nicht herabschauen von diesem Gipfel, immer weiter eilen, ewig unbefriedigt, denn die Güter, die wir erringen, können auf die Dauer nicht befriedigen. Und so flucht Faust jedem einzelnen dieser Güter, idealen und realen, Selbstbewusstsein und Nachruhm, Ehre und Besitz, Glaube, Liebe und Hoffnung, denn sie alle sind vergänglich. Was ihn in jener Nacht vom Tode zurückhielt, war allerdings die Sehnsucht nach dem Leben, aber nur nach dem Leben an sich, nicht nach einzelnen Lebensgenüssen. Und in diesem Sinne ist ihm die Hilfe der Hölle willkommen, die ihm nicht Genüsse auserlesener Art verschaffen kann, die ihn aber schneller von Gipfel zu Gipfel führen, manche Schranke hin- wegräumen und manches verschlossene Thor öffnen kann, wie es seiner Ungeduld entspricht. In diesem Sinne wagt er es mit Mephistopheles, der ihm, kurz gesagt, schaffen soll« „die Frucht, die fault, eh' man sie bricht und Bäume, die sich täglich neu begrünen". Es ist nun ganz sicher richtig, dass die Güter dieser Erde Schein und Schatten sind; es ist ebenso richtig, dass des Mannes würdig einzig und allein das Streben ist ; aber der ungeheure Irrtum Fausts besteht darin, dass er nicht sieht, dass alle irdischen Güter, die diesen Namen überhaupt verdienen, nur Spiegelungen eines „Guten" sind, und dass derjenige, der die konkreten Güter verachten gelernt hat, vor allem reif ist, nun dem abstrakten „Guten" nachzustreben, der eigenen sittlichen Vervollkommnung und der Aufbesserung der ganzen Menschheit. Das war das rechte Evangelium der That, das Goethe selbst gefunden hatte : „Schwerer Dienste tägliche Bewahrung", „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut" u. s. w. Das verkennt Faust, wie ja der Herr sagte, dass er ihm „nur verworren dient" ; denn in der Einsamkeit seines Museums (wir sehen, wie günstig gerade die Figur eines Gelehrten für die Pläne des Dichters sein musste), hat er unmöglich die richtige Schätzung der Aussenwelt erringen können. Dazu bedarf es einer harten Schule der göttlichen und Selbsterziehung, dazu bedarf es der Erfahrungen eines ganzen Lebens, bis Faust schliesslich die richtige Stellung des Einzelnen zur Menschheit entdeckt und sein höchstes Lebensideal darin findet: „Räume zu schaffen vielen Millionen, nicht sicher zwar, doch thätig frei zu wohnen''. Jetzt ist er noch nicht reif dazu, und Mephistopheles wird es ihm nicht sagen. Er könnte es auch gar nicht, denn diese Gedankengänge passen nicht in ein Teufelsgehirn. Er muss notwendig an Faust vorbei reden, da für ihn „Welt" und „Leben" etwas ganz anderes bedeuten, als für den Helden, wie denn das Philisterium etwa von „Lebemännern" und „Weltdamen" redet. Kann doch der Böse nicht einmal Fausts Streben ohne Genuss verstehen: „Ward eines Menschen Geist in seinem hohen Streben von deinesgleichen je gefasst?" Er denkt immer wieder, Faust „mit Genuss verführen" zu können, und gerade dadurch reizt er ihn (so scharf motiviert Goethe selbst die bedeutsameren Wendungen des Dialogs) zur strengsten Formulierung seiner eigenen, nach der Meinung des Teufels ganz unmöglichen und auf die Dauer nimmermehr durchzuführenden Lebensansicht. Wie viele hat er in ihrem Streben schon scheitern und schliesslich im Geniessen ersticken sehen! Gerade das scheint ihm seinen Sieg zu erleichtern, dass Faust selber sich sofort gefangen giebt, sobald er zu gemessen anfange. Und so wird die Wette geschlossen, ein Spiegelbild jener anderen im Jenseits. Mit feiner Ironie behandelt der Dichter das Bischen Geisterspuk und den Blutpakt, den ihm die alte Sage nahe legte, aber er durchbricht die Illusion nicht völlig: Wir fühlen auch ohne Blutpakt das Teuflische bei Mephistopheles durch, das Teuflische, das wir in den Philistern allenthalben wirksam sehen, die Faust eben unbedingt für einen Wahnsinnigen halten und sich ihrer Klugheit freuen müssen, die sich mit bescheidenen Genüssen begnügen würden, anstatt ewig unbefriedigt weiter zu eilen. Darin also hängt die ganze Handlung des Folgenden:

Werd' ich zum Augenblicke sagen :
Verweile doch, du bist so schön,
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zu Grunde gehn!

Dann mag die Totenglocke schallen,
Dann bist du deines Dienstes frei,
Die Uhr mag stehn, der Zeiger fallen,
Es sei die Zeit für mich vorbei.

19. Niemand hat das in der Poesie ergreifender ausgesprochen, als Gerhart Hauptmann in seiner „Versunkenen Glocke"

Ist nun wirklich der zweite Teil dieser Scene, der aus der „italienischen Epoche" stammt, so ganz unverständlich nach diesen Auseinandersetzungen? Ist es in gar keinen Zusammenhang mit einander zu bringen, dass Faust erst nur streben will, um des Strebens willen und dann auf einmal begehrt, sich dadurch zum vollkommenen Menschen zu bilden, dass er alles Glück und Weh der Welt auf seinen Scheitel häuft? Ich denke, wenn Faust vorher sagte: „Nur rastlos bethätigt sich der Mann", so war, schon ohne sein Wissen freilich, ein höherer Gesichtspunkt geltend gemacht worden, und nun berührt uns das Mannes-Ideal, das er im Folgenden aufstellt, wie eine plötzliche Erleuchtung, wie der erste Schritt aufwärts nach der völligen Niedergeschlagenheit der Eingangsworte, wie eine Gewähr dafür, dass Faust bei all seinen Fahrten durch den Irrgarten des Sinnengenusses doch nicht ganz verloren gehen kann. Im Gefühls- leben lässt sich eben nicht jede Wandlung vorher berechnen, da scheint es oft in Sprüngen vorwärts zu gehen und solche Sprünge müssen wir dem Dichter gestatten; hätten die beiden Teile der Scene ganz und gar nicht zu einander gepasst, so hätte sie Goethe — soviel künstlerischen Ernst müssen wir ihm zutrauen — auch nicht bei einander stehen lassen.

Von nun an verwendet Mephistopheles seine ganze Kraft darauf, Fausts Lebensdrang aus der wagerechten in eine senkrechte Richtung zu zwängen, ihn statt des Weitereilens von Gipfel zu Gipfel zum Verweilen an einer Stelle, zum Auskosten eines Genusses zu verlocken. Gerade, wenn Faust glaubt, durch unendliche Erfahrungen schliesslich ein ganzer Mensch zu werden, so kann ihm Mephistopheles um so deutlicher die schliessliche Ergebnislosigkeit solcher Hetzjagd nach dem Menschentum vor Augen stellen. Um das Ganze an einem von ihm gewählten Bilde zu erklären, sagt er etwa : Wenn du auch mit sechs Hengsten durch die Welt fährst, bleibst du zwar doch immer nur Faust, und wirst nicht um ein Haar höher, du magst noch so viel unterwegs sehen und erleben ; wohl aber hast du die Freude da- von, schneller zu deinem Ziel zu kommen, so schnell zu laufen, als hättest du selber 24 Beine. Darum strebe nicht nach Zielen, die du doch nicht erreichen kannst, sondern geniesse, was gerade zu geniessen ist, „greif zu und sei nicht blöde". Faust ist jetzt so niedergeschlagen, dass sein Verstand gleichsam aussetzt; ganz seinen Gefühlen hingegeben, fühlt er nur Ekel vor „allem Wissen" und allem Denken und so findet er gegenüber diesen Teufeleien nicht das rechte Wort. Gewiss bleibt er äusserlich immer der alte Faust, aber innerlich kann der Mensch doch vorwärts kommen, höher steigen, wenn auch nicht mit Hilfe des Sechs Spanners. Aber was hülfe es, mit dem Teufel hier um solche Wahrheiten zu fechten? Halb willenlos lässt sich Faust von ihm bestimmen, zunächst einmal die Studierstube, den Ort seiner Qual, zu verlassen und ins bunte Leben hinauszustürmen. Und das scheinbare Beiseitesetzen der Vernunft, der Ekel vor der Wissenschaft geben Mephistopheles frohe Hoffnung. Er glaubt, ihn „ganz und gar" zu haben. Er ahnt nicht, dass Faustens Seele im letzten Grunde doch auf das Geistige gerichtet ist, und dass der lange unterdrückte „bessere" Trieb einst um so stärker wieder er- wachen und sein ganzes Teufelswerk zu Boden schmettern wird. Die Vertiefung in geistiges Streben, die reinigende Macht ernster, wissenschaftlicher Thätigkeit wird ihn retten. Und darum zieht der Teufel mit richtigem Instinkt gegen die Wissenschaft zu Felde, wo er ihr noch schaden, ihrer Einwirkung rechtzeitig vorbeugen zu können meint.

In diesem Sinne ist denn die reizende Schüler -Scene hier eingeschoben, als ein Ruhepunkt in dem schnellen Verlauf der Thatsachen. Unter den Papieren zu „Dichtung und Wahrheit" findet sich ein 1811 entworfenes Schema über das innere Leben, das Goethe in Strassburg führte. Zurückblickend spricht er da von seiner wissenschaftlichen Beschäftigung: „Fortsetzung der übrigen Natur- und medizinischen Studien. Unendliche Zerstreuung. Vorbild zum Schüler im Faust." Damit gesteht er selber den autobiographischen Gehalt der kleinen Scene zu. Nicht bloss im Faust, auch im Schüler hat Goethe sich selbst gezeichnet; nur das eine Mal so, wie er von Frankfurt aus nach den fruchtlos verbrachten Leipziger Semestern in Strassburg einrückte, das andere Mal so, wie er aus der strengen Schule Herders hervorging. Der Schüler trägt ganz und gar den Stempel des Unreifen. Damit ist aber nicht gesagt, dass nichts aus ihm werden könnte. Bringt er doch ein warmes Herz mit und ist insofern viel befähigter zur wissenschaftlichen Thätigkeit,als der blutlose Wagner. Diesem spricht eine Skizze von Goethes Hand „helles, kaltes", dem Schüler dagegen „dumpfes, warmes wissenschaftliches Streben" zu.

Bei jenem wirkt nur der Verstand, bei diesem ist das Gemüt mitthätig. Aber wehe gerade diesen Ärmsten, wenn sie mit dem Bösen zusammenkommen, das sich an ihre Sinne drängt, ehe ihr Herz gefestet, ihr Verstand geschärft ist im Verkehr mit der Wissenschaft, die Herder und Goethe anerkennen. Faust hat in seinem Innern ein Mittel, das ihn schliesslich den Klauen des Teufels entreisst, er ist zum Bewusstsein von der Notwendigkeit des unbedingten Strebens durchgedrungen, hat sich von der Nichtigkeit der Einzelgenüsse überzeugt. Mag er sich diesen Genüssen scheinbar zeitweilig gefangen geben, die Kritik seiner Vernunft kann nicht ausbleiben. Ganz anders der Schüler, der mit dem besten Willen kommt, aber gar keine Erfahrung mitbringt. Die Teufelserziehung zeitigt böse Früchte bei ihm, er tritt im 2. Teile als selbstgenügsamer, grossmäuliger Baccalaureus wieder auf. Die Figur dient als Folie für den Helden, wie Götz und Egmont durch ihre Umgebung ge- hoben werden.

Lose und abgerissen steht die Schülerscene auch im „Urfaust" von 1775. Da sitzt Mephistopheles nicht als Gelehrter des 16., sondern als Professor des 18. Jahrhunderts in Schlafrock und Perücke gravitätisch an Faustens Schreibtisch. Und auch im Ton und im Inhalt überwiegen die Anspielungen auf die eigene Zeit. Besonders der erste Teil der Scene, den Goethe später gestrichen hat, ist im ganzen eine bittere und zum Teil recht unreife Satire auf deutsches Universitätsleben, wie es Goethe vielleicht noch krasser in Leipzig, als in Strassburg entgegengetreten war. Das unsaubere Quartier, die mannigfache Gelegenheit zur Verführung, die Habsucht der Bürger wie der Professoren und die Eitelkeit der letzteren werden kräftig mitgenommen; während der unglückliche Schüler um Geisteserweiterung bettelt, belehrt ihn Mephistopheles über den „Geist der Akademien" und empfiehlt ihm, vor allen Dingen stets „Wirt. Schneider und Professor" pünktlich zu bezahlen. Wenn in der heutigen Fassung der Scene Mephistopheles den Schüler zweimal fragt, welcher Fakultät er sich anschliessen wolle, so ist hier die Naht zu erkennen: es ist dem Dichter nicht ganz leicht geworden, an seine neu gedichtete Einleitung; die alten Spässe über die unfruchtbare Logik und die mit Worten fechtende Metaphysik anzugliedern. Dagegen fehlt im Urfaust die feine, satirische Musterung der Juristerei und Theologie, die erst dem gereiften Dichter gelingen konnte.

Man muss die grosse Kunst bewundern, mit der Mephistopheles an jeder Wissenschaft das Unvollkommene herauszufinden und so darzustellen weiss, als ob seine Anschauungsweise die einzige, dem Gegenstande überhaupt angemessene sei. An sich sind es ja zum Teil goldene Wahrheiten, die er vorträgt, wie denn Mephistopheles stets bereit ist, gute Lehren zu erteilen, wo sie ihm nichts kosten, wo er weiss, dass sie nicht befolgt werden oder wo er sie unversehens zur Verwirrung seines Opfers verwenden kann. Durchaus berechtigt ist sein Spott über die haarspalterische Logik, die sich damit begnügt, die Dinge zu klassifizieren und zu rubrizieren, wie über die Scheidekunst, die den Gegenstand in seine Teile zerlegt, aber von den bei der Zusammensetzung wirksamen Kräften, vom innersten Leben der Organismen nichts zu sagen weiss. Doch er verschweigt geflissentlich, dass es auch eine Wissenschaft giebt, die diesen letzten Gründen der Erscheinungen nachfragt, die vielleicht dazu verurteilt ist, ewig zu irren, die volle Wahrheit niemals ganz zu erreichen, aber dennoch rastlos weiterstrebt, um Schritt für Schritt der Wahrheit näher zu kommen und hier und da alten Wust des Aberglaubens auszufegen. Gewiss ist es richtig, dass das dogmatische Recht sehr selten nur mit den zur Zeit geltenden Rechtsanschauungen übereinstimmt; aber Mephistopheles weiss ganz gut und verschweigt es nur, dass das mit dem Wesen der Wissenschaft an sich nichts zu thun hat, sondern eine menschliche Unvollkommenheit ist, auf deren allmähliche Überwindung man doch hoffen darf So verwechselt er absichtlich das Zufällige mit dem Bleibenden und der Jünger, der in der von ihm verspotteten Logik eben nicht ganz fest ist, wird geblendet. Weil viele Ärzte ihre Kunst in gewissenloser Weise zur Befriedigung gemeiner Sinnlichkeit verwerten, weil viele Weiber nur zu geneigt sind , dem Verführer im Doktorhute ein geneigtes Ohr zu leihen, so zieht er gleich über die Wissenschaft selber und über das ganze weibliche Geschlecht her, und nachdem er den guten Jungen schon einmal verwirrt hat, ist es ihm jetzt nicht schwer, seine Gedanken aus der eingeschlagenen Bahn abzulenken, seine Sinne zu erregen und ihn durch die Aussicht auf die Genüsse, die in der ärztlichen Laufbahn seiner warten, zu kitzeln. Die hoffnungsvollen Worte, mit denen der genasführte Jüngling ihn verlässt, zeigen nur zu gut, welchen Eindruck die Lebensweisheit des Teufels auf ihn gemacht hat.

Anders Faust, der geistig hochstehende, erfahrene Mann der dem wüsten Studentenulk in Auerbachs Keller keinen Geschmack abgewinnen kann, der nur den Mephistopheles seinen Hokuspokus mit den platten Burschen treiben lässt und sehr bald seinen Ekel äussert: „Ich hätte Lust, nun abzufahren". Im Urfaust freilich sieht die Scene etwas anders aus. Da sollte ja die schlechte Beeinflussung Fausts durch den bösen Gefährten und vielleicht sein schliesslicher sittlicher Untergang dargestellt werden. Da schloss sich denn Goethe eng ans alte Faustbuch an und in körniger, bisweilen mit Shakespearischen Wortspielen und Quibbles versetzter Prosa schildert der Dichter mit staunenswerter Gestaltungskraft die lustigen, aber ganz rohen Gesellen, indem er das „studentische Leben" mit ebenso unverhohlenem Spott übergiesst, wie das sein satirischer Freund Merck in Giessen zu thun pflegte. An Leipziger Lokalspässen, zum Teil unanständiger Art, fehlt es nicht; vor allem aber ist es Faust, der den Burschen den Wein aus dem Tisch zaubert und zum Schluss ihre Sinne verwirrt. Jetzt dient eben die ganze Scene dazu, von vornherein die grundsätzliche Verschiedenheit zwischen Faust und seinem höllischen Begleiter darzuthun, der an gemeinen Spässen sein höchstes Vergnügen findet.

Von rohen Tafelfreuden sollte nach dem ursprünglichen Plan der Dichtung Faust zur Befriedigung des sinnlichen Triebes fortgeschleppt werden. Eines Verjüngungstrankes bedurfte es da nicht, denn der Faust des ursprünglichen Entwurfs war eben noch jung und das Blut rollte heiss genug durch seine Adern. Um seinen sinnlichen Drang sofort ins rechte Licht zu setzen und zu zeigen, wie sich Sinnlichkeit und Schuld verketten, wurde Gretchen, die Verführte, so anziehend und lieblich als möglich geschildert, und Goethe brauchte nicht weit zu greifen, um ein solches schlichtes Kind aus dem Volke zu zeichnen: er brauchte nur an seine Friederike zu denken, die er auch verlassen hatte, freilich nicht mit einem Vergehen wie Faust im Gewissen. Frühzeitig mag der Dichter auch die Weiterführung des Werkes im Sinne des alten Volksbuches bedacht und vor allem die Einführung der schönen Helena geplant haben. Die Liebe zu Helena hätte dann als „hohe Minne" eine Steigerung gegenüber der „niederen Minne" zu Gretchen bedeutet.

Mit ganz anderen Augen sieht der Dichter in Italien sein Werk an. Jetzt schwärmt er nicht mehr bloss für die Antike, wie in Strassburg, er hat sie, er ist selbst zum Römer geworden, wovon seine „römischen Elegien" später der Welt Zeugnis geben sollten. Sein altes Drama nimmt er nur vor, weil er es in eine Gesamtausgabe seiner Werke aufnehmen will und in kurzer Zeit abzuschliessen hofft. Innerlich ist es ihm fremd geworden. Und diesem ungestümen Erzeugnis der Sturm- und Drangperiode soll er sein Heiligstes anvertrauen, seine Begeisterung für Helena? Vielmehr erdenkt er jetzt selbständige Griechendramen, Iphigenie reift, eine Nausikaa wird entworfen, und er sieht, wie solche Dramen in antikem Geiste ihre eigene Sphäre, ihren eigenen Stil mit sich bringen. So scheint ihm jene Steigerung von Gretchen zu Helena nicht mehr möglich. Und ferner: Gretchen musste ihm allmählich, wenn er die vollendeten Scenen auf sich wirken Hess, wie ein Symbol edler, schlichter Weiblichkeit erscheinen. Sollte ihre Liebe wirklich einen niederen Standpunkt für den Helden bedeuten? Kurz entschlossen rückt der Dichter sie vielmehr auf den Höhepunkt Faustischen Liebeslebens und, nunmehr schon entschlossen, seinen Helden schliesslich zu retten, fügt er zwischen Auerbachs Keller und der Gretchen-Tragödie, zunächst nur in Gedanken, Scenen zügelloser Sinnlichkeit ein, in die Faust zu versinken droht (20), aus der er sich aber allmählich doch wieder emporhebt, um schliesslich der Liebe Gretchens würdig zu werden. Das alles bedurfte einer neuen, sorgfältigen Motivierung. Wer regt die Sinnlichkeit in dem nach Goethes jetziger Auffassung doch schon älteren Manne an? Mephistopheles. Er pflanzt nicht eine Sinnlichkeit in ihn hinein, sondern er erweckt die von jeher vorhandene, aber bisher von dem ernsten Gelehrten unterdrückte. Das drückt Goethe, weil es sich um ein Bühnenwerk handelt, symbolisch durch den Verjüngungstrank in der Hexenküche aus, die er auf klassischem Boden, im Garten der Villa Borghese in Rom mit grosser Meisterschaft entworfen hat. Viel wichtiger als der Trank und das absichtlich unverständlich gehaltene, aber offenbar mit dem Geheimnis der Dreieinigkeit spielende Hexeneinmaleins (21)ist für uns das Spiegelbild eines schönen Frauenkörpers, das Faust in der Hexenküche erblickt. Späterhin hören wir sein Bekenntnis: „Er (Mephistopheles) facht in meiner Brust ein wildes Feuer nach jenem schönen Bild geschäftig an", und nun wird uns der Zusammenhang klar. Dass Faust für gemeine Vergnügungen nicht zu haben ist, hat Mephistopheles in Auerbachs Keller gelernt. Wenn er überhaupt in die Sinnlichkeit zu verlocken ist, so kann es nur durch das Hilfsmittel ästhetischen Genusses geschehen. Und so zeigt ihm denn der Teufel zunächst die Schönheit des Weibes, macht aber zugleich seine Begierde dadurch rege, dass das Bild verschwindet, so oft sich Faust dem Spiegel nähert. Nun wird Faust ins Leben hinausstürmen und fühlen „wie sich Cupido regt und hin und wieder springt". Er sieht, „mit jenem Trank im Leibe, bald Helenen in jedem Weibe", d.h. er ergiebt sich wildem Sinnengenusse, geht aber nicht darin unter, weil er immer wieder einem höchsten Schönheitsideal nachstrebt, ohne doch an irgend einem der Körper, die er geniesst, das höchste Ideal verwirklicht zu finden. So darf er schliesslich von sich sagen: „So tauml' ich von Begierde zu Genuss, und im Genuss verschmacht ich' nach Begierde". Der ästhetische Genuss ist aber an sich nichts Verwerfliches, und wo das ästhetische Element mit der Sinnlichkeit gepaart bleibt, wird es schliesslich doch, „wenn sich das Laster erbricht", die Oberhand gewinnen und zur Reinigung, Hebung, Läuterung der menschlichen Persönlichkeit führen. So sehen wir denn auch hier wieder, wie gründlich sich Mephistopheles verrechnet hat: er wollte die Schönheit als Reizmittel gebrauchen, um dann Fausts Sinn für das Schöne und Wahre in gemeiner, viehischer Sinnenlust zu ersticken — und muss gerade dazu helfen, das ästhetische Element in dem Helden, das ihn schliesslich auch sittlich retten soll, aufs äusserste zu steigern. Die wundervolle Scene, die „Wald und Höhle" überschrieben ist, sollte uns darüber belehren. Auch diese ist in Italien entstanden und hatte ursprünglich den Zweck, den der tollen Jagd nach Genüssen überdrüssigen Faust auf den Verkehr mit Gretchen hinzuweisen. Goethe dachte sich den Zusammenhang ungefähr so: Mephistopheles hat gesehen, dass seine Teufeleien auf Faust keinen dauernden Eindruck machen, und will ihn nun durch eine feinere Speise kirren, durch wirkliche Liebe. Gerade dabei aber hat er sich wiederum verrechnet, denn trotz Faustens Verschuldung muss der Eindruck der schlichten, reinen, durch Hingebung grossen Seele Gretchens wiederum läuternd auf ihn wirken. Später hat Goethe dann die ganze mittlere sinnliche Scenenreihe wieder fallen lassen und im Fragment von 1790 den Monolog. „Wald und Höhle" mitten in die Gretchen-Tragödie hineingestellt, worüber weiter unten noch zu reden ist. Dabei ist es bei der schliesslichen Fortführung des Dramas geblieben. Aus Goethes Griechendramen im strengsten Sinne war eben nichts geworden und allmählich hatte er sich wieder an den Gedanken gewöhnt, da sein „Faust" doch schon ein Gemisch der verschiedensten Stilarten darstellte, nun auch das klassische Element darin zu belassen. Da wurde denn Gretchen wieder auf eine niedere Stufe heruntergedrückt, aber nicht auf die allerniedrigste, sondern aus ihren Armen eilt Faust, der sich verschuldet hat und tiefer und tiefer gesunken ist, zu den wüsten Scenen der Walpurgisnacht. Von da aber kehrt er in Gretchens Kerker zurück, und ihr gottergebenes Ende ruft nun auch in ihm den besseren Sinn wieder wach, sodass sie eigentlich sein guter Engel ist, der ihn schliesslich aufwärts führen darf.

20.  Auf diese Entwickelung hat zuerst Morris im Goethejahrbuch XXII hingewiesen. 

21. Neben dieser theologischen Satire, die Mephistopheles noch weiter führt, ergiesst der Dichter auch, wie immer so gern in den Teufelsscenen, seinen Spott über politische Verhältnisse, z. B. das französische Königtum (die Krone ist mit Schweiss und Blut geleimt), ferner über das neu aufgekommene Lotteriespiel und über die Poeten, die ruhig darauf losreimen und es dem Zufall überlassen, ob das, was sie reimen, auch einen Sinn habe : „Wenn es uns glückt, und wenn es sich schickt, so sind es Gedanken".

Man hat sich grosse Mühe gegeben, für die wundervolle Gestalt des lieben Gretchen in Goethes Lebenskreisen irgend ein greifbares Urbild zu finden — als ob bei der Schöpfung einer solchen Figur nicht eben die Erfahrungen des ganzen Lebens mitwirkten. Ob das Frankfurter Gretchen, von dem „Dichtung und Wahrheit" erzählt, wirklich das Urbild für Fausts Liebchen gewesen sei und nicht vielmehr die poetische Gestalt auf die Schilderung jener Jugendliebe zurückgewirkt habe, ob Goethe durch eine Bemerkung des Pfitzerschen Faustbuches angeregt ward, wonach der Held eine schöne arme Dirne aus der Nachbarschaft heiraten wollte, das alles wird sich so klipp und klar niemals entscheiden lassen. Hier fliesst Erlebtes und Erlerntes zusammen. Natürlich wird die stolze Patriziertochter Lilli Schönmann, Goethes Frankfurter Braut, auf die Gestalt des schlichten Bürgerkindes kaum eingewirkt haben; wohl aber denken wir gern, wenn uns Gretchen von ihrer hausmütterlichen Fürsorge erzählt, an Charlotte Buff, das Vorbild von Werthers Lotte, die den kleinen Geschwistern das Brot schneidet, und wenn sie ängstlich fragt : „Wie hast du's mit der Religion"?, so steht das Pfarrerstöchterlein Friederike Brion von Sesenheim vor uns. Warum musste sie doch Goethe verlassen? Sie konnte ihm ja nichts geben, als ein Herz voll Güte, voll Aufopferung; nur in dieser konnte sie eine gewisse Grösse gewähren. Im übrigen war sie sicherlich keine Gefährtin des ersten Mannes in Deutschland; sie sprach wohl eben so ungrammatikalisch deutsch und war in ihrem Gesichtskreise mindestens so beschränkt, wie Gretchen, und Goethe hatte eben damals noch nicht die Absicht, an der Seite eines so einfachen Geschöpfes dahinzuleben. Er stand noch in seinen Werdejahren. An der Seite Christianes ist er nachher der gefestete Mann. Das sollte niemand vergessen, der über ihn den Stab brechen will.

Man hat soviel geschrieben und geschwärmt über dies Gretchen, ja man findet immer wieder in populären Litteraturgeschichten die Phrasen von dem Musterbilde reiner, deutscher Jungfräulichkeit u. s. w., wobei man denn Gretchens Schicksal kaum recht in Betracht zieht. Natürlich ist Gretchen so rein, wie nur ein Menschenkind an ihrer Stelle sein kann ; aber man sollte niemals vergessen, dass sie eben ein Menschenkind ist und als solches auch ihre Schwächen hat. Wenn das nicht der Fall wäre, so müssten wir Goethe tadeln, dass er uns ein vollkommenes Tugendbild schliesslich durch Faust zu Fall bringen lässt. Dann wäre der Held ein gemeiner, nichtswürdiger Charakter, der unreines Feuer in eine reine Seele giesst; wir würden höchstens Abscheu, aber kein tragisches Mitleid mit Gretchen empfinden, weil wir eben selber keine Tugendspiegel, sondern Menschen sind. In jedem Menschen wohnt der Trieb zur Sünde und die hehrsten Figuren der Kirchengeschichte haben am allerwenigsten versucht, das für ihre Personen zu leugnen. Nur ein Einziger durfte sagen: „Welcher unter euch kann mich einer Sünde zeihen? So wenig wie Faust es in seiner Erdenlaufbahn zum reinen Geiste bringt, der losgelöst von allem Stofflich-Sinnlich-Gemeinen in reinen Sphären schweben dürfte, so wenig fehlt das irdische Element in Gretchen. In seiner abscheulichen von Goethe mit Recht unterdrückten Blocksberg-Rede an die Reichsgenossen stellt Satan in derbster Weise die beiden Ziele des irdischen Strebens im Menschen dar: Befriedigung des Geschlechtstriebes und Geiz. Letzteres möchte als das Ungefährlichere erscheinen. Aber wer sich erst der Gewinnsucht oder Genusssucht in irgend einer Form ergeben hat, ist schon auf dem Wege , der auch in die Sinnlichkeit hineinführt. Als Gretchen von dem schönen, fremden, vornehmen Herrn auf der Strasse unmittelbar aufgefordert wird, sich begleiten zu lassen, da weiss sie sofort, was sie zu thun hat, und wenn auch die Begegnung einen nicht unangenehmen Eindruck bei ihr hinterlassen hat, so erstickt sie doch jeden begehrlichen Gedanken in ihrer Brust. Aber der Teufel weiss seine Leute zu fassen. Er packt Gretchen an dem scheinbar minder gefährlichen Hange der Freude am Besitz, die, wie die deutsche Hauspoesie eines Johann Heinrich Voss und eines Johann Peter Hebel zeigt, von jeher ein gutes und böses Erbteil gerade des deutschen Bürgertums gewesen ist. Gretchen freut sich am Putz so gut wie jedes andere Mädchen in der Stadt. Und die Freude über den Schmuck, den Mephistopheles auf geheimnisvolle Art in ihr Zimmer verbracht hat, muss um so grösser sein — man beobachte, wie ausserordentlich fein Goethe motiviert! — als die überaus strenge Mutter derartige Eitelkeiten nicht leiden mag; das Verbot erhöht die Begierden. Da regt sich die eigene Persönlichkeit in Gretchen zu ihrem Schaden. Wäre sie bei Zeiten an einen massigen Aufwand gewöhnt worden, so würde das geheimnisvolle Kästchen , das Mephistopheles eingeschmuggelt hat , nicht einen so starken Reiz auf sie ausüben. Übrigens ist die Freude am Golde auch ein Erbteil von der strengen Frau Mutter, nur dass sie bei Gretchen veredelt ist. Wie deutlich steht die Alte vor uns, trotzdem sie nicht auf der Bühne erscheint, sie, die das Töchterlein alle schwere Hausarbeit verrichten lässt, obwohl sie sich viel eher als Andre regen könnte, und die Geld auf Pfänder ausleiht. Also ein bisschen Gewinnsucht und Geiz bei der Mutter, ein bisschen Freude am Schein und Putz bei der Tochter. Und wenn der Putz am Halse und im Haare prangt, dann will man sich doch damit sehen lassen; die Putzsucht ist die Hinterthüre, durch die sich die Sinnlichkeit ins reine Herzchen einschleicht. Das ist das Allzumenschliche in Gretchen, was zu ihrem Falle führt; aber es ist doch wieder so unbedeutend, dass es durch die harte Schule der Leiden ausgeschieden werden und Gretchen sich nach ihrem Falle wieder erheben kann. Hat sie doch mehr aus Unwissenheit als aus Bewusstsein gesündigt und nur, weil sie bisher so streng von aller Welt abgeschieden war, dem ersten Fremden, der ihr mit der Sprache der Liebe zu Herzen redete, so übermässiges Vertrauen geschenkt.


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