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2019-11-10

Robert Petsch: Vorträge über Goethes Faust II.1 (4)



Die Scene hat einen doppelten Zweck. Sie brach ursprünglich mit jenen höhnischen Worten ab, die Faust dem Schatzgräber nachruft, der froh ist, wenn er Regenwürmer findet. In der Erhebung über diesen Erbärmlichen soll er sich eines eigenen Wertes bewusst werden. Denn sonst wäre es ihm nach der niederschmetternden Antwort des Erdgeistes nicht möglich, länger zu leben, wie ja denn auch durch seine Anrede an den Mondschein eine leise Todessehnsucht durchzuklingen schien. Femer soll noch einmal sein Grimm gegen die , historische" Wissenschaft in ganzer Stärke erwachen und ihn schliesslich wegtreiben aus seiner Studierstube aufs freie Feld, in die Nacht hinaus, zur Natur, wo die Geister wirken. Da sollte sich ihm nach der ursprünglichen Absicht des Dichters einer jener Quälgeister, die wir aus der deutschen Volkssage kennen, vor die Füsse werfen und seine Aufmerksamkeit auf sich lenken, aus der Aufmerksamkeit sollte Neugier, aus der Neugier eine Beschwörung werden und schliesslich der Pakt mit Mephistopheles, dem Abgesandten des Erdgeistes zu Stande kommen.

Später haben sich dann die Absichten des Dichters verschoben. In den späteren 90 er Jahren, als er daran ging, die „grosse Lücke" auszufüllen, war er schon fest ent. schlössen, seinen Faust zu retten und ebenso dachte er schon daran, Faust aus einem ziel- und zwecklos Vorwärtseilenden zu einem Arbeiter für das Wohl der Menschheit — und zwar mehr für ihr sittliches, als ihr materielles Wohl — zu erziehen. Der junge Forscher, den Goethe einst in jugendlichem Ungestüm hingestellt hatte, war verzweifelt, weil er nicht bis über die Grenzen menschlichen Forschens und Wirkens in Wissenschaft und Leben vordringen konnte: er soll sich nun bescheiden, innerhalb dieser Grenzen so viel als möglich zu leisten. So muss er denn dies Leben hier auf Erden kennen und achten lernen.

Dazu gerade soll der Teufel helfen. Er freilich will den Helden dazu verführen, sich einem faulen Genussleben zu ergeben. Ganz anders wird Faust dereinst das Leben auf der Erde auffassen, und, sich allmählich von den Fesseln des Bösen befreiend, immer vorwärts, aufwärts, einwärts streben. Aber bis jetzt weiss er gar nicht oder doch sehr wenig von diesem Leben; einsam hat er jahrelang in seiner Studierstube gesessen oder sein Wissen verkündet an einer Stelle, wo es keine freie Wechselwirkung von Mensch zu Mensch gab. Doch hat er einst in seiner Jugend Menschenglück genossen. Das muss ihm durch die Erinnerung näher gebracht werden. Wenn aber diese halb- verblassten Erinnerungen wirksam werden sollen, so dürfen sie nicht durch eine konkrete, fassbare Person hervorgerufen werden, sondern müssen mehr abstrakt und doch über- mächtig, und in einem bedeutsamen Moment einsetzen. Dazu dient die Fortführung der Scene in der Osternacht. Noch einmal mustert Faust seine Umgebung. Ihn bewegen im ganzen dieselben Gedanken, die er in jenen ersten, stürmischen Monolog hatte austönen lassen. Aber die Töne sind jetzt weicher, voller, tiefer. Der Held ist mit dem Dichter gealtert. Er ist nun ein älterer Gelehrter mit langem Barte, wie er auf der Bühne dargestellt zu werden pflegt. Noch einmal hören wir von seinem bisherigen Streben, aber das Titanische tritt jetzt stärker her- vor. Früher hiess es, Faust wolle „erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält ; " höheres Verlangen deutete schon sein trotziges Wort an: „Ich, Ebenbild der Gottheit." Jetzt hören wir : „Ich, mehr als Cherub, dessen freie Kraft schon durch die Adern der Natur zu fliessen und, schaffend , Götterleben zu geniessen sich ahnungsvoll vermass" — also mit Hilfe der neu gewonnenen Erkenntnis wollte er selbst sich schöpferisch bethätigen — nun muss er selbst auf die Erkenntnis verzichten. Er ist wieder Mensch, ein schwaches, in seinen Kraftäusserungen allenthalben begrenztes, erbärmliches Ding. Geistiges und Stoffliches sind im Menschen unlösbar verbunden. So muss der Geist denn immer mit dem Körper kämpfen und „ist hier auch ein Kampf wohl ausgericht', das macht's noch nicht." Immer wieder drängt sich, lockend oder drohend, die Aussenwelt an den geistig und sittlich Strebenden heran und sucht ihn durch Furcht oder Hoffnung zum Philister herabzuziehen. Glück und Weh, beide sind gleich gefährlich. Mancher, der in der Jugend ein rein ideales Streben bethätigte, begnügt sich mit dem Alltäglichen, sobald er zum „Guten dieser Welt" gelangt, wenn er „versorgt" ist. Ja, er macht sich wohl mit Gleichgesinnten über seine früheren Ideale als „Trug und Wahn" lustig. Ebenso reisst uns fortwährendes Missgeschick aus den höheren Regionen, für die unser Geist geboren scheint, immer wieder zur Erde zurück. Das Leben ist eben ein Kampf der Selbsterhaltung des Geistes gegen die Körperwelt und Faust ist einer jener Glücklich-Unglücklichen, die den furchtbaren Zwiespalt zwischen den zwei Seelen in sich empfinden, während Millionen dahin gehen, entweder über alles Geistige lachend und bloss dem Bauch dienend oder — was noch schlimmer ist — im Grunde sinnlich und selbstsüchtig, aber idealistische Phrasen um sich schleudernd — das sind die „Viel zu Vielen," die Philister, gegen die in gewissem Sinne der ganze „Faust", wie das gesamte Lebenswerk Goethes gerichtet ist.

So glaubt sich denn Faust gezwungen, weiter den Staub zu durchwühlen. In seiner tiefen Niedergeschlagenheit vergleicht er sich nicht mit dem Vogel, der auch immer wieder zur Erde zurückkehren muss, aber doch auch den freien Aether durchschweifen darf — Fausts Lieblingsbild und Lieblingstraum vom „Schweben" erinnert ja an das gefiederte Wesen — er sieht in sich den Wurm, der für immer an den Staub gefesselt ist. Staub bedeckt seine Bücher und seine Instrumente, über die er jetzt wehmütig den Blick schweifen lässt. Sie alle können ihn nicht aus dem Staube erheben. Nur ein Fläschchen mit Gift, das er selbst bereitete, giebt seinen Gedanken einen seltsamen Gang. Kann er nicht willkürlich die Schranken niederreissen, die ihm vom Jenseits trennen? Zwar ist er nicht sicher, dass es ein Fortleben des Geistes nach dem Tode gebe, aber wenn die Seele stirbt, dann ist auch der Zweifel vorüber, die Not zu Ende. Man lasse sich ja nicht durch die wundervollen Bilder, durch die erhabene, bisweilen fast zu schöne Sprache darüber hinwegtäuschen, dass, wie in den meisten Fällen, so auch hier der Selbstmord ein Ausfluss der Feigheit, etwas Verwerfliches ist. Faust will nicht weiter kämpfen, wozu er als Mensch bestimmt ist. Gewaltsam will er ins verschlossene Land eindringen, erst durch die Magie, jetzt durch den Selbstmord. Er muss aber vor der Flucht aus dem Leben bewahrt bleiben und der Herr, den Goethe schon im Prolog eingeführt hatte, scheint in wunderbarer Weise, aber nicht durch ein „Wunder" einzugreifen: die Osterglocken erklingen. Nicht als ob sich Faust nun, wie man wohl geglaubt hat, mit einem Sprunge ins Reich des Kinderglaubens zurück rettete. Das wäre ganz undramatisch. Er wird nur in diesem Augenblicke der höchsten Stimmungsfülle, nachdem der intellektuelle Trieb in ihm so kläglich gescheitert ist, durch die neu erwachende Sinnlichkeit (im edelsten Sinne), die ihn schon der künftigen Welt und dem Todesbecher liebliche Vorstellungen abgewinnen Hess, energisch daraufhingewiesen, dass dies Leben, mögen seine Ziele sein, welche sie wollen, auf seinem Wege eine Fülle bunter Blumen bietet. Manch anderer in seinem Streben verknöcherter geistiger Arbeiter hätte wohl darüber gelacht und das Gift getrunken — aber Faust ist eben Faust, der vollsaftige Mensch mit Leib und Seele; der sinnliche Trieb ist erwacht, er denkt an die Freuden des Daseins mit milder Wehmut : „Erinnerung hält mich nun mit kindlichem Gefühle vom letzten, ernsten Schritt zurück. O tönet fort, ihr süssen Himmelslieder! Die Thräne quillt, die Erde hat mich wieder". Wir bewundern die grosse Kunst, mit der Goethe diesen Umschlag in so überzeugender Weise, ohne alle Abstraktion, ganz sinnlich-anschaulich, auf die Bühne gebracht hat. Entzückt hören wir das Evangelium der dienenden Liebe, zu dessen Anerkennung der Held am Schluss des ganzen Werkes bekehrt werden soll in den Ostergesängen verkünden und freuen uns zu vernehmen, dass der Dichter diese Scene wahrscheinlich am zweiten Ostertage 1798 geschrieben habe, nachdem er zwei Abende vorher Ramler-Grauns Oratorium „Der Tod Jesu" besucht und eine neue Messe von Mozart gehört hatte (16).

Man hat mit grossem Scharfsinn in der Scene vor dem Thor Frankfurter Erinnerungen Goethes nachgewiesen. Man hat auch darauf aufmerksam gemacht , dass Goethe unter diesen Spaziergängern keine Einzelfiguren ausgearbeitet hat, sondern mehr nach Art der älteren deutschen Dramatik verschiedene Typen vorführt, im Gegensatz zu der individualisierenden Technik der Volksscenen im „Egmont". Aber eines hat das „Volk" in beiden Werken doch gemein: es besteht durchweg aus Philistern. Sehen wir nur diese Schneider und Schreiber, Soldaten und Krämer im niederländischen Drama an. Sie führen grosse Reden, aber es ist nichts dahinter. Zwar rühmt sie Egmont dem finsteren Alba gegenüber als ein freies, tüchtiges Volk „jeder rund für sich, ein kleiner König". Aber das ist nur ein schönes Ideal, das Egmont im Herzen trägt, ohne das er nicht leben könnte. Nachher, wenn er bei Clärchen ist, klagt er wohl selbst über das Volk, das ihn nicht verstehe. Und das ist das richtigere Urteil. Sie denken alle nur an sich, mit Ausnahme von Clärchen, die sie bei ihrem heldenhaften Auftreten schmählich verlassen. Was etwa Gutes an ihnen ist, kann erst durch die läuternde Einwirkung eines ungeheuren Unglücks an den Tag gefördert werden, und so wird denn allerdings der Justizmord an Egmont das Signal für den niederländischen Aufstand. Ebenso spiessbürgerlich sind die Spaziergänger im „Faust". Sie alle, die Handwerksburschen, wie die Schüler (das heisst Studenten), die Dienstmädchen wie die Bürgermädchen, die kannegiessernden Bürger und der hungernde Bettler, die Kuppelhexe wie die Soldaten, sie alle denken nur an Genuss. Freilich hat jeder seine eigenen Ziele, aber alle bleiben mit ihren Wünschen auf der Erde. Wahrhaftig, man kann es Faust nicht verdenken, wenn er sich von ihnen zurückgezogen hat und wenn er auch jetzt von der Rückkehr zur menschlichen Gesellschaft des Alltags keinen Ersatz für seine zerschmetterten Ideale erhofft. Aber Goethe selbst sagt: „Selig, wer sich vor der Welt ohne Hass verschliesst". Nicht mit vornehmer Geringschätzung blickt er auf die Menge herab , er sieht in ihrem Alltagstreiben doch auch ein Höheres wirksam, das den Gedankenlosen nur nicht recht bewusst wird. Schon der einfache Umstand, dass es diese Kinder des Volks am Feiertage in die freie Gottesnatur hinaustreibt, ist ihm ein Beweis für ihre Sehnsucht nach einer höheren Heimat. Und darum ist keiner in dieser Menge so philisterhaft, wie der verknöcherte Famulus Wagner, dem nur in der muffigen Luft seiner Studierstube wohl ist und dem die Vergnügungen des Volks Ekel bereiten. In ihm ist das Herz erstarrt; gut für ihn, dass der Teufel es nicht der Mühe für wert hält, ihn zu umgarnen; er könnte sich nicht von ihm befreien. Im kräftigen Gegensatz zu seinem trockenen Ton steht das wunderschöne Lied vom Schäfer und der Dirne, das Goethe gerade so gut im echten Volkston konzipiert hat, wie in früherer Zeit die Ballade: „Es war ein Buhle frech genung". Und mit Liebe und Milde nimmt Faust die Huldigungen dieser einfachen Leute entgegen, die in dankbarer Erinnerung an die ärztliche Wirksamkeit Fausts und seines Vaters während der Pestzeit das Beste darbringen, was sie haben : einen frischen Trunk. Er, der sich vom Glauben losgerissen hat, spricht im Ton des Greises: „Vor Jenem droben steht gebückt, der helfen lehrt und Hilfe schickt".

16. Vergl. den Aufsatz von Carl Alt: Der Gedanke der Theodicee in Goethes Faust. Preussische Jahrbücher Band 108, Seite 1 1 2 ff.

Auch Wagner scheint seine Meinung etwas geändert zu haben. Diese „Rohen", die er verachtete, wären ihm gerade gut genug, wenn sie ihn als ein Wundertier der Gelehrsamkeit anstarrten und begafften, wie jetzt den Doktor Faust. Durch das ganze nachfolgende Gespräch ist dieser Gegensatz zwischen dem oberflächlichen Famulus und dem tiefer und tiefer dringenden Doktor festgehalten. Denn der Dialog soll nicht bloss Fausts Beschäftigung mit der Magie durch die Anschauungen seiner Zeit und durch Einflüsse im väterlichen Hause nachträglich motivieren helfen, er dient auch zur Charakteristik. Wagner ist der Brotgelehrte, der nach „Ehr' und Herrlichkeit der Welt strebt", Faust denkt gerade beim Beifall der Menge daran, wie klein und hilflos er ist: ja, worauf ein Mann wie Wagner nie verfallen würde, er sieht in dem eigenwilligen Eingriff' in den Gang der Natur auf Grund mangelnder Erkenntnis eitel Sünde und Unrecht — er und sein Vater haben die Pest aufhalten wollen und nur noch mehr Übel gestiftet. Wir denken auch hier an Spinoza, an seine Forderung der Unterwerfung unter den Willen der Gottnatur, an seine Herleitung des Bösen aus der Unkenntnis. Die banale Weisheit Wagners, dass es genug sei, so viel zu thun, als man vermöge, kann einen Faust aus seinen Gewissensqualen nicht befreien. Für Wagner ist ein Wachsen des Wissens von Generation zu Generation möglich, Faust sieht nur, dass man doch nie zum eigentlichen Ziele, zur absoluten Wahrheit gelangen werde. Gewiss, Wagner hat hier positiv Recht und auch Faust soll zur Beschränkung erzogen werden. Der Gegensatz aber zwischen beiden liegt darin, dass Wagner eben niemals einen faustischen Drang gespürt hat, sondern von jeher beschränkt war und immer beschränkt bleiben wird. Sein Blick reicht so weit, wie die Wände seines Studierzimmers gehen und das genügt ihm. Für den jetzt mit unwiderstehlicher Macht anschwellenden Naturdrang Fausts aber hat er gar kein Verständnis. Dieser scheint ganz verwandelt. Den geistigen Trieb, der ihn zur Magie geführt hatte, sucht er vornehm zu unterdrücken. Er spricht ein vernichtendes Urteil über alles Forschen aus : „Was man nicht weiss, das eben brauchte man, und was man weiss, kann man nicht brauchen". Wiederum äussert sich der sinnliche Trieb zunächst im ästhetischen Geniessen. Der Dichter versteht es, uns an diesem Genüsse teilnehmen zu lassen. So wundervoll wie vorher Chorgesang und Glockenklang, ist jetzt die Abendbeleuchtung der Landschaft geschildert. Vorher lernten wir das Ostersonntagsvergnügen des Philisters kennen, jetzt die Naturbegeisterung des Genies. Der ewig strebenden, niemals ruhenden Sonne möchte er folgen über Berg und Thal und sich immer des „ewigen Abendstrahls" mit seiner beruhigenden Wirkung erfreuen. Inneren Frieden, harmonische Ausgleichung der Seelenkräfte verlangt er, wie Goethe nach seinem Eintritt in Weimar gefleht hatte : „Süsser Friede, komm, ach komm in meine Brust". Für manchen freilich könnte solcher Friede verführerisch, ja verderblich werden; bei Naturen wie Faust aber ist schon dafür gesorgt, dass er nicht andauere. Er selber ahnt das Wiedererwachen des geistigen Triebes. „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust! Die eine will sich von der andern trennen, die eine hält in derber Liebeslust sich an die Welt mit klammernden Organen: die andre hebt gewaltsam sich vom Dust zu den Gefilden hoher Ahnen". — Vorher war der geistige Trieb in Faust übermächtig gewesen und hatte schliesslich zur Magie geführt; jetzt wird der Welttrieb übermächtig — sollte er nicht zu demselben Ziele führen? Seine Abweisung durch den Erdgeist hat ihm die Sehnsucht nach der Geisterwelt nicht aus dem Herzen zu reissen vermocht und die Hölle antwortet bereitwilliger, wenn es sich um weltliches Streben handelt, als um über- und ausserweltliches. Wieder saugt Faust an der Sphäre der Geister und ruft sie an, ihn zu neuem bunten Leben zu führen, trotz der ängstlichen Gebärden des feigen Wagner, in dem die Nennung der Geister nur alle Schauer mittelalterlichen Aberglaubens erweckt; (16)

16. Seine Ausdrucksweise ist fast etwas zu poetisch. Übrigens kennt er sich gut aus in der mittelalterlichen Geisterlehre, wonach sich die Dämonen auf die vier Windrichtungen verteilen. Der Nordwind bringt scharfe Kälte, der trockene Ostwind ist den Lungen schädlich, der Südwind bringt vertrocknende Hitze und der Westwind Gewitter mit, die zwar erfrischend, aber auch verheerend wirken.

Faust drängt sich den Geistern auf; daran hält Goethe jetzt in seiner Dichtung fest. „Verführt ist nur, wer verführt sein will", so könnte man es banal ausdrücken. Und Mephistopheles weiss sich mit teuflischer Freude etwas darauf, immer gerufen zu werden; er will nicht als der erscheinen, der den Menschen verführt. Diese Anschauung veranlasste Goethe sogar zu einer Änderung seiner ursprünglichen Intentionen, wonach sich der Böse als Quälgeist dem Wanderer Faust vor die Füsse werfen sollte. Hier wird er herbeigerufen und kommt freilich nur zu gern. Er erscheint als Pudel, wie nachher als fahrender Scholast — das ist gerade das Gefährliche, dass der Teufel so gern in unschuldiger Maske erscheint.

Faust ahnt, dass ein Geist in dem Pudel steckt, sucht ihn an sich zu ziehen und freut sich seines Erfolges ; schliesslich nimmt er den Hund als lustigen Gefährten mit in sein „Studierzimmer," ohne zu ahnen, dass es der Böse selber ist, den der Drang seiner Seele nach unmittelbarer Berührung mit der Natur nur allzu schnell beschworen hat. Er glaubt jetzt zum Frieden gelangt zu sein; die Erde im Abendglanze hat ihm ein ästhetisches Wohlgefallen erregt ; er glaubt fast, diesen Zustand der Harmonie zwischen dem eigenen Herzen und dem Weltganzen festhalten zu können. Aus der Erkenntnis und Überwindung der Leidenschaften erwächst nach Spinoza eine Freude, die zur Erkenntnis, und da alle Erkenntnis des inneren Wesens Liebe ist, zur „Liebe Gottes" führt, von der ja hier Faust ganz in spinozistischem Sinne spricht. Dazu aber ist der Mensch auf der Erde noch nicht bestimmt. Dieser Zustand, der zur Unthätigkeit führen könnte, wäre vor Gott geradezu gefährlich. Er ist es aber, natürlich in ganz anderem Sinne, auch für den Teufel ; aus eigenem Bedürfnis muss er Faust aus dieser harmonischen Stimmung herausreissen, sein Unbehagen hervorrufen ; er glaubt dadurch sich selbst zu dienen und sein Opfer Gott zu entfremden, wirkt aber in Wahrheit nur für Gott, indem er Faust wieder in Thätigkeit versetzt; er will das Böse und schafft das Gute. Vergebens sucht Faust seinem Pudel das Knurren abzugewöhnen. Am lautesten aber wird die Störung, als der Doktor gar das Bibelbuch zur Hand nimmt. Eine viel erörterte Stelle des Dramas! Natürlich wird sich Faust niemals, so wie wir ihn kennen, einfach mit der geoffenbarten und überlieferten Wahrheit begnügen, wenn er auch das tiefsinnigste Buch der Schrift, das Evangelium Johannis aufschlägt. Er hat nur in diesem Augenblick ein wirkliches, rein ästhetisches Bedürfnis nach Harmonie; die Osterklänge haben ihn an seinen Kinderglauben, an die Zeit des „Sonntagsfriedens" erinnert, und er glaubt wohl jetzt, wo die Stimmung noch nachwirkt und die erste Anregung weitere Kreise zieht, einen Augenblick lang, er könne sich an der „Offenbarung" genügen lassen. Wir sehen aber gleich an seiner Übertragung der h. Schrift in sein „geliebtes Deutsch", oder besser, ins „Faustische", wie bei der geringsten Berührung mit dem geschriebenen Wort der Drang des Forschers zur Kritik in ihm rege wird. Die ganze Scene der Bibelübersetzung scheint Goethe überhaupt schon frühe, angeregt durch Herders und Hamanns Bemühungen um Erklärung und Verdeutschung des neuen Testaments, bedacht zu haben und an Gewaltsamkeit der subjektiven Ausdeutungen steht Faust jenen beiden nicht nach. Er hält sich an den viel umstrittenen Eingang des Evangelium : „?????". Das vieldeutige Lutherische: „Im Anfang war das Wort" klingt ihm zu einseitig. „Name ist Schall und Rauch," nicht auf das Wort, sondern auf die Bedeutung kommt es an. Er hilft sich mit der anderen Übersetzung des Wortes Äöyog: „der Sinn". Aber aus dem Sinn allein kann keine Wirkung erstehen. Er verlässt ganz den Boden des Textes und sucht etwas eigenes einzusetzen: „Die Kraft". Doch das ist ihm nicht persönlich genug. Plötzlich ist sein alter Thatendrang wieder erwacht, geistiges und sinnliches Streben umfasst in diesem Augenblick seine Seele mit voller Gewalt, und alle philologischen Schranken kühn überspringend verkündet er ein neues Evangelium, zu dessen endgültiger Bethätigung er freilich erst viel später kommt: „Im Anfang war die That". Ihm hilft „der Geist"; es ist eigentlich nicht der heilige Geist, sondern der Geist Spinozas, der ihm diese Worte zudiktiert, aber er ist hier einhellig mit dem Geiste Goethes und mit dem göttlichen Geiste, wie ihn sich Goethe vorstellt.

Beides, die Bibelübersetzung und die Verkündigung des Evangeliums von der erlösenden Thätigkeit muss dem Teufel einheizen, sodass ersieh unangenehm bemerkbar macht. Faust ist einsam. Auf wen sollte sich sein Thatendrang richten, als auf den Pudel vor ihm, in dem er immer deutlicher etwas Gespenstisches erkennt? Vom Evangelium Johannis zur Clavicula Salomonis . . . der Übergang ist nicht überraschender als der mehrmalige Stimmungswechsel in der Brust des titanischen Helden. Mit Hilfe des Zauberbuches tritt Faust dem Tiere entgegen. Er denkt an seine Rede draussen auf dem Felde, wo er die Elementargeister angerufen hatte; er glaubt nun, einen von diesen vor sich zu haben und sucht ihn zur Bethätigung seiner Kräfte zu zwingen. Vergeblich! Er hat nicht den Vertreter eines einzelnen Reiches der belebten Natur, sondern einen Abgesandten der Hölle, einen Vertreter des zerstörenden Prinzipes vor sich, den er erst aus seiner Ruhe aufscheuchen muss. Es handelt sich zunächst nur um ein Experimentieren Fausts. Er hat das Zauberbuch einmal da zu liegen, und so reicht er seinen Finger dem Bösen, der alsbald seine Hand ergreift. Mit höhnischem Vergnügen sieht Mephistopheles, dem natürlich das Kreuzeszeichen nicht viel anhaben kann, in welches Entzücken Faust über die scheinbare Wirkung seiner Beschwörung gerät, wie er sich immer mehr in seine Rolle hineinspielt und ungeduldig den Ausgang abwartet: . . . endlich tritt er in halbwegs ehrbarer Hülle, als fahrender Scholast aus dem Nebel hervor. Das Mittelalter liebt es, den Teufel als fahrenden Schüler darzustellen, wie denn diese lockeren Gesellen oft genug den dummen Aberglauben der Bauern ausgenutzt haben mögen. Der protestantische Verfasser des alten Faustbuches Hess den Bösen in der Maske eines Franziskaners auftreten, um dem Mönchtum einen Streich zu versetzen.

Offenbar ist die Beschwörungsscene durch eine Stelle in dem Pfitzer sehen Faustbuche beeinflusst, das Goethe in den neunziger Jahren zur Hand nahm und worin es heisst : „Allwo er sich von Stund an in sein Studierstüblein verfügt. Da ersieht er gleich zur Mittagszeit einen Anblick nahe dem Ofen, gleich als einen Schatten hergehen, und dünkte ihn doch, es wäre ein Mensch; bald aber sieht er solchen auf eine andere Weise, weswegen er zur Stunde seine Beschwörung aufs Neue anfing und den Geist beschwor, er sollte sich recht sehen lassen. Da ist alsbald der Geist hinter den Ofen gewandert, und hat den Kopf als ein Mensch hervorgestreckt, sich sichtbarlich sehen lassen und vor dem Doktor Faust sich zum öftesten gebückt und Reverenz gemacht." Diese Schilderung zeigt schon einen ganz bescheidenen Zug von Ironie, den Goethe dann mit bewunderungswürdiger Kunst zu steigern wusste. Denn sein Teufel sollte nichts weniger sein, als der „alt böse Feind". In einem Schema zu Dichtung und Wahrheit sagt der Dichter : „Der Konflikt des Bösen und Guten kann nicht ästhetisch dargestellt werden: denn man muss dem Bösen etwas verleihen und dem Guten etwas nehmen, um sie gegeneinander ins Gleiche zu bringen." Und in demselben Sinne tadelt er Miltons „Verlorenes Paradies" in einem Briefe an Schiller (1799) : „Der Hauptfehler, den er begangen hat, nachdem er den Stoff einmal gewählt hatte, ist, dass er seine Personen, Götter, Engel, Teufel, Menschen, sämtlich gewissermassen unbedingt einführt und sie daher, um sie handeln zu lassen, von Zeit zu Zeit in einzelnen Fällen bedingen muss." Goethe hat sich vor diesem Fehler wohl gehütet. Wir sahen schon, dass die eigentümliche Stellung, die er ihm anweist, die eines mehr untergeordneten Teufels ist, was die Vermenschlichung des Mephistopheles erleichterte. Seiner Furchtbarkeit entkleidet, wird nun der Bösewicht nach menschlichen Modellen gezeichnet, als ein materialistisch-pessimistisch gesinnter, kleiner Geist. Goethe dachte an manche Figur aus seiner Umgebung: der vernichtende Spott, mit dem sein Darmstädter Freund, der Kriegsrat Merck, manche Jugendlichen Schwärmereien des Dichters verspottet hatte, der bittere Hohn, den der unmutige Herder über den Strassburger Studenten auszugiessen liebte, nicht zum wenigsten aber ein stark satirischer Zug des jungen Goethe selber, unter dem nicht bloss Wieland zu leiden halte, halfen das Bild des ewig lächelnden, alles kritisierenden, nichts verschonenden, nirgends herzlich teilnehmenden Teufels voll- enden. Er ist durch und durch Verstandesnatur und entdeckt mit Hilfe seiner unendlich langen und reichen Erfahrung in jeder menschlichen Bethätigung den materiellen, sinnlichen, egoistischen Zug, der ja auch unserem edelsten und reinsten Thun niemals gänzlich abgeht, den er aber, seiner höllischen Anschauungsweise entsprechend, in unzutreffender Weise hervorzuheben weiss. Die andere, bessere Seite des menschlichen Strebens berührt er entweder gar nicht oder er verspottet sie als alberne Schwärmereien und Gefühlsduseleien oder aber er verkündet, wieder auf Grund seiner Erfahrungen, ihre endliche Nutzlosigkeit. Von seinem Standpunkt aus erscheinen ihm die Menschen als Eintagsfliegen, die bald diesem, bald jenem Ziele nachjagen, ohne es je zu erreichen und insofern kann er allerdings in „humoristischer" Weise von der Menschheit reden, denn worauf gründet der Humor, als auf die Erkenntnis von der Nichtigkeit und Nutzlosigkeit eines scheinbar bedeutsamen Strebens und Ringens? Aber seine Verstandesnatur spielt ihm doch einen schlechten Streich. Das Göttliche im Menschen hat doch sein Recht und seine Gewalt, und wenn auch der einzelne Mensch zu Grunde geht, die Menschheit als solche bleibt bestehen und schreitet im ganzen fort. Das sieht er freilich nicht ein, weil eben seine auf Vernichtung gerichtete Natur der „heilsam schaffenden Gewalt" entgegengesetzt ist, und so bemüht er sich denn, eine Erscheinung nach der anderen zu stürzen, zu verderben, einen Menschen nach dem anderen zu verführen ; im ganzen kann er aber nichts ausrichten. Und das weiss und predigt nicht bloss der Herr im „Prolog", dazu kann sich der menschliche Geist ebenfalls aufschwingen; sobald er von höherer Warte aus das boshafte, aber schliesslich doch ergebnislose Treiben des Geistes beschaut, der stets verneint, wird ihm dieser Geist minder gefährlich. Dadurch wird das Schreckliche des Teufels glücklich gelindert und seine Figur dramatisch möglich und mit voller Absicht hat der Dichter gleich in der ersten Scene, wo er den Bösen auftreten lässt — und diese Scene ist ja erst in der letzten Phase seiner Arbeit am I. Teil entstanden, wo er schon fest entschlossen war, Faust zu retten — ausdrücklich die Aussichtslosigkeit, ja die Lächerlichkeit seines Strebens klar hervortreten lassen, so dass wir den schliesslich glücklichen Ausgang des Dramas schon hier ahnen und mit um so grösserem Interesse den Kreuz- und Irrwegen des Helden und seines höllischen Begleiters zu jenem Ziele folgen können.

Prächtig ist Goethe diese Einführung gelungen. Wenn Faust den Teufel einen „Verderber und Lügner," vor allem aber den „Fliegengott" nennt, so beweisen diese Namen, dass der Dichter Milton gelesen hatte. Aber um wie viel menschlicher, greifbarer steht Mephistopheles vor uns als der Höllenfürst des englischen Epos; er ist nicht der Böse mit abschreckender Fratze, wie ihn sich die Phantasie der mittelalterlichen Menschen wohl vorstellte. Goethe urteilt als moderner Mensch: das Böse ist in uns selber, mitten in der menschlichen Gesellschaft zu finden. Der Teufel er- scheint jedem, den er verführen will, in vertrauter Maske ; er ist in jeder Gemeinschaft, in allen Lebenslagen zu finden. Hier kommt er zum Gelehrten als fahrender Schüler und während er andere vielleicht mit Wein oder schönen Weibern an sich locken würde, weiss er sich des Doktors erste Gunst zu gewinnen, indem er einen witzigen Disput mit ihm beginnt  (17); Mephistopheles hat Esprit, ein merkwürdiges Kombinationstalent steht ihm zur Verfügung, aber ein schöpferischer Geist ist er nicht (18), dafür ist sein Blick viel zu beschränkt. Und wie seine Kinder auf dieser Erde, die Menschen mit dem beschränkten Blick, der immer nur auf das Nächstliegende, vor allem auf den eigenen, materiellen Vorteil gerichtet ist (wir nennen solche Menschen „Philister", so weiss er sich etwas auf seine innerhalb der allerengsten Grenzen sich entfaltende Eigentümlichkeit und empfindet die Schimpfwörter, die Faust ihm entgegenschleudert, als eine Beleidigung, wie er sich später bei der Hexe den Namen eines „Junker Satan" verbittet. Wie jede gemeine Natur bemüht er sich, seinem Treiben einen Schein des Rechts zu verleihen. Er ist der ewig negierende, alles Werdende in seiner Entwickelung hemmende, alles Gewordene zerstörende Geist — aber alles, was entsteht, ist auch wert, dass es zu Grunde geht, weil es niemals ganz vollkommen ist. Und obwohl er ganz wohl aus Erfahrung weiss, dass trotz seiner rastlosen Zerstörungsarbeit immer wieder neues Leben pulsiert, hofft er doch noch, dass das verhasste Licht schliesslich mit den Körpern, an die es geheftet ist, zu Grunde gehen müsse. Ohne diesen unendlichen Irrtum wäre der Teufel als handelnde und schliesslich überwundene Person im Drama gar nicht möglich. Das Philisterhafte ist es, was ihn uns menschlich näher bringt, denn in jedem von uns, auch im Besten, steckt ein gutes Stück Philisterium und alles Leben im höheren Sinne ist ein fortwährender Kampf gegen diese herabziehenden Elemente in unserem Innern, gegen das Gemeine, Sinnliche, Selbstsüchtige in uns. Und dieses Allzumenschliche ist Mephistopheles nur zu gut vertraut. Auch er strotzt von Gemeinheit in jedem Sinne und Faust in sinnliche Genüsse hineinzuzerren, erscheint ihm als der beste Weg, um das unendliche Streben in ihm zu lähmen. Er weiss aber als kluger Teufel, dass ihm diese Aufgabe nicht leicht werden wird. Er muss die Sinne seines Opfers erst erregen, bis sie Herr über ihn werden können. Und dazu muss der ganze Mensch erst verlockt werden, dem Treiben des Bösen überhaupt einige Beachtung zu schenken. Aus der Neugier wird dann alles Weitere erwachsen. Also Faust muss neugierig gemacht werden. Dasselbe Spiel, das Mephistopheles schon vorher mit ihm trieb, als er sich durch die scheinbar grossartigen Zauberkünste Faustens hinter dem Ofen hervorlocken liess, wird jetzt wiederholt. ' Anscheinend bestürzt erklärt Mephistopheles, nicht aus dem Zimmer entfliehen zu können, weil die Schwelle mit einem den Teufel bannenden „Drudenfuss" gezeichnet sei. Und Faust, der weise, aufgeklärte Forscher, muss sich mit allerlei Ammenmärchen von den Gesetzen der Teufel und Gespenster abspeisen lassen. Das Wort „Gesetz" hat denn auch seine erwünschte Wirkung auf den Gelehrten, der überall nach Gesetzen forscht, es fällt das Wort vom Pakt, der geschlossen werden soll. Nun könnte Mephistopheles sofort zugreifen . . . aber sein Opfer ist ihm sicher, er kann mit
ihm spielen, wie die Katze mit der Maus, und will ein für allemal den Schein wahren, als habe sich Faust ihm aufgedrängt. Endlich hat er den Grossen so weit, dass er eine fast kindische Freude über seinen Erfolg äussert: „Den Teufel halte, wer ihn hält, er wird ihn nicht zum zweiten Male fangen". Durch den Verkehr mit der Hölle, durch die magischen Spielereien ist sein Blick schon verdunkelt. Nun kann Mephistopheles langsam mit der weiteren Blendung einsetzen. Er giebt ihm ein höllisches Schauspiel, das allen Sinnen des Schlummernden schmeicheln, ihn zum Bunde mit dem Bösen reizen soll. Was hat da Goethe aus den dürren Worten des alten Faustbuches herausgelesen! Traumartig verschlingen sich die Vorstellungen, aber zwei Hauptfäden scheinen sich doch hindurchzuschlingen ; alles schwebt, nirgends ist der Fuss an den Erdboden geheftet und Fausts ungeheurer Drang in die Ferne, wie er sich am schönsten beim Osterspaziergange äusserte, scheint hier im Traum erfüllt zu werden. Daneben aber ertönen aus verschwiegenem Laub Lieder von Liebe und Sinnengenuss. Es sind keine rohen, gemeinen Vorstellungen, die den Helden im Traum beherrschen; noch ist alles Sinnliche bei ihm mit ästhetischer Freude geparrt; er ist noch nicht gesunken, wie nachher in der Walpurgisnacht. Aber die Sinnlichkeit regt sich doch schon. Sie ist nichts ganz neues, was Faust nachher erst durch den Verjüngungstrank verliehen werden müsste. Sie ist nur in ihm erstarrt, vertrocknet infolge seines einsamen Lebens und seines unausgesetzten, langjährigen, rein geistigen Strebens. Ganz langsam beginnt sie sich zu regen, zunächst noch ohne durchgreifenden Erfolg.

17. Goethe hatte sogar eine noch viel stärkere Ausbeutung dieses Motivs beabsichtigt. In einer Disputationsscene, die vor „Auerbachs Keller" eingeschoben werden sollte, von der uns aber nur ein Schema und ein paar Brocken erhalten sind, sollte sich der tiefe Gegensatz zwischen dem im wissenschaftlich-systematischen Denken erzogenen Faust und dem auf seine Einzelerfahrungen gestützten, schwadronierenden, fahrenden Scholasten offenbaren. Dieser weiss die Schwächen seines stärkeren Gegners wohl auszunutzen : bei der Systematisierung der Einzelerscheinungen ergeben sich notwendigerweise Lücken im Wissensgebäude, die man nur zu gern auf rein spekulativem Wege zu schliessen sucht Dabei entfernt man sich denn von der beobachteten Wirklichkeit und oft genug auch von der Wahrheit. Mephistopheles unterlässt aber wohlweislich den Hinweis darauf, dass trotz solcher Irrtümer das Systematisieren unvermeidlich bleibt, da jede einzelne ThatSache, die wir kennen lernen, erst dadurch für uns wertvoll wird, dass wir sie einem grösseren Zusammenhange eingliedern, Manche seiner beissenden Spottreden auf den „Schulweisen" sind wohl später in den ersten Akt des zweiten Teils aufgenommen worden. Die Disputationen über einzelne wissenschaftliche Probleme, wie „Gletscher, Bolognesisches Feuer, Fata Morgana, Charybdis, Verhältnis von Tier und Mensch" u.s.w. konnte Goethe, so sehr sie ihn als Naturforscher interessierten, als unnützen Ballast füglich streichen. Sie wären doch nur ein zweifelhafter Ersatz für die kosmologischen Partieen des alten Faustbuchs gewesen, zumal Faust zur Zeit alles intellektuellen Strebens überdrüssig ist. Solche Bedenken mochten Goethe zur Streichung der Scene veranlassen. 

18. Vgl. Paulsen, Schopenhauer, Hamlet, Mephistopheles. Drei Aufsätze zur Naturgeschichte des Pessimismus, Berlin, W. Hertz, 1900.




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