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2019-11-12

Robert Petsch: Vorträge über Goethes Faust III.5 (13)



Entwickelung ist alles! Dies Wort gilt für den ganzen Faust und für den 5. Akt ganz besonders. Faust fällt nicht als Meister vom Himmel, alles muss er sich selbst erringen. Sein wissenschaftliches Trachten hat er einschränken, sein sinnliches Streben reinigen und durchgeistigen lernen. Auch im Streben nach Macht und Herrschaft sind Geistiges und Sinnliches, Himmlisches und Höllisches eng miteinander verbunden; ganz zum Geistigen ist der Mensch nicht bestimmt, ganz ins Stoffliche soll er auch nicht versinken — die rechte Mitte zu finden, ist schwer und der Weg führt auch hier durch den Fall hindurch, dann aber zur höchsten Stufe in Fausts Entwickelungsgang, zu seiner Thätigkeit als Herrscher und Volkserzieher.

Wer sich von sinnlicher Begier beherrschen lässt, versündigt sich an der inneren Persönlichkeit, an der Ehre seiner Mitmenschen; wer den Drang nach Herrschaft und Eigentum, Machtstreben und Habgier Herr über sich werden lässt, wird sich am Eigentum, ja am physischen Leben der Anderen vergreifen. Aber zum gemeinen Mörder und Räuber durfte doch Faust nicht herabgewürdigt werden! So bleibt er denn gleichsam nur der intellektuelle Urheber der Greuelthaten, die in Wahrheit von seinen höllischen Gesellen vollführt werden. Faust hat zwar schon lieben gelernt, insofern es sich um das Weib handelte; die Liebe zur Menschheit, das thätige Mitleid ist ihm noch nicht auf- gegangen. Wir sollen ihn in seiner Mitleidlosigkeit kennen lernen.

Der 5. Aufzug spielt erheblich später als die vorhergehenden. Wir hören, dass Faust stark gealtert ist: als ein Hundertjähriger tritt er vor uns hin. Das Land, das dem Meere abgerungen ist, trägt schon Fluren und Felder, Dörfer und Wälder. Dergleichen entsteht nicht im Handumdrehen. Solche langen Zeiträume gehen aber nicht vorüber, ohne den Menschen auch innerlich zu wandeln. Die tägliche Beschäftigung übt ihren Einfluss. Immer und immer vergrössert sich Fausts Gebiet und seine Schätze wachsen fast ohne seine Arbeit, was gefährlich genug ist; an Stelle weniger ausgesandter Schiffe kommt eine ganze Flotte zurück — allmählich hat sich die Freude am Gelingen in die Freude am Gewinnen verwandelt, in den Hang nach Bereicherung, in Habgier; und mit schelem Blick schaut er auf das letzte Stückchen Erde, das ihm noch nicht gehört. Mit Gewalt wird er es seinen Besitzern entreissen und sich dadurch versündigen.

Darum also schildert uns Goethe das gutherzige, in menschenfreundlicher Rettungsarbeit (im Gegensatz zu dem mitleidlosen Faust !) ergraute Paar, dem er die Namen jener Greise verleiht, die einst himmlische Götter bei sich beherbergen durften, Philemon und Bau eis, mit so viel Liebe und Wärme, in so einschmeichelnden trochäischen Versreihen, die den Abendfrieden der guten Leutchen malen, in den der Gewaltige mit rauher und gieriger Hand eingreifen soll. Früher war die Stelle, wo ihr Hüttchen steht, die gefährlichste weit und breit. Dennoch haben sie mutig ausgehalten in ihrem Dienst am Kapellchen, dessen Glocken sie bedienen; sie vertrauten auf den, dem das kleine Haus geweiht ist.

Wie Goethe so gern die Motive des Abschieds und der Wiederkehr für seine Expositionsscenen verwendet, so giebt das Wiedersehen zwischen den beiden Alten und dem einst von ihnen geretteten Wanderer willkommenen Anlass, um uns über Fausts gewaltige Arbeiten und Erfolge zu belehren, zugleich aber auch unsere Sorge für die Zukunft rege zu machen. Der Greis, der selbst einst rüstig gearbeitet hat, freut sich des gewaltigen Werks, das geschaffen ist; das Mütterchen, als Frau die berufene Hüterin der Sitte, hat mit kritischem Auge die Entwickelung des Baues verfolgt und berichtet nicht ohne Grauen über das Vorgefallene. Wie weit ihre Worte durch Aberglauben beeinflusst sind, wie weit ihre Furcht übertrieben ist, wer vermag es zu sagen? Ganz mit rechten Dingen ist es nicht hergegangen, trotz der kaiserlichen Belehnung; denn die Arbeiten, die am Tage mühsam von der Stelle rückten, wurden über Nacht gewaltig gefördert und gespenstische Flämmchen schienen Geistern gleich hierhin und dorthin zu schwärmen. Und wie nach der Volkssage gewaltige Bauten, besonders solche, die im Kampf gegen die Elemente aufgeführt werden, nur dann Bestand haben, wenn Menschenopfer die Natur versöhnt haben, so erzählt man auch hier von des „Jammers Qual", die manche finstre Nacht durchhallt habe. Es ist unheimlich, da zu wohnen, auf dem Neu-Lande. Wer wollte es den Alten verdenken, dass sie lieber auf ihrer Höhe Stand halten wollen, auf dem Hügel, der sie ihr ganzes Leben hindurch geschützt hat, der ihnen durch Jahre der Arbeit und des Friedens geweiht erscheint?

Aber Faust wird durch den Klang ihres Glöckchens nur daran erinnert, dass dort oben Leute hausen, denen er nichts zu sagen hat, dass sein Reich an einer bestimmten Stelle zu Ende ist, dass er zwar sehr mächtig, aber doch nicht allmächtig wirkt. Faust ist unzufrieden. Und so können ihm die heimkehrenden Schiffe keine Freude bringen, trotzdem die Schätze, die sie bergen, gewiss viel tausendmal mehr wert sind, als das Stückchen Land, nach dem er ausschaut. Es ist ihm auch nicht 'so sehr um das Land zu thun, als um die Freiheit und Selbständigkeit der Menschen. Faust hat sich ans Kommandieren gewöhnt, an die Gewalt, die in dieser Welt vor Recht geht. Das wird so scharf wie möglich betont. Mephistopheles war es, den er mit den Schiffen aussandte, und nicht menschliche Matrosen haben die reiche Beute heimgebracht, nicht ehrsame Kaufleute haben durch Tausch und Kauf die Güter gewonnen, sondern im Bunde mit Mephistopheles die „3 gewaltigen Gesellen", Rohheit, Habgier und Geiz; ein böses Wort, das sie aussprechen: „Krieg Handel und Piraterie, dreieinig sind sie, nicht zu trennen". Im Streben nach Schönheit und Liebesgenuss hatte sich Faust zum Meister aufgeschwungen und von Mephistopheles befreit; im Streben nach Macht und Besitz ist er trotz aller Erfolge ein Anfänger geblieben, der noch nicht hinter den eigentlich tieferen Wert der Herrschaft gekommen ist und in den Banden des Teufels schmachtet. Der Dichter hat ihn von der Höhe, die er am Anfang des 4. Aktes einnahm, herabsinken lassen. Die lange Entfernung von Helena, der lange Umgang mit Mephistopheles haben die goldenen Worte, die er dort über den Herrscher aussprach, in seinem Herzen verklingen lassen. Aber auch die Freude am Besitz hat das Gute in ihm nur unterdrückt und nicht erstickt; es wird einst wieder aufleben. Wie geschieht das? Indem ihm, wie einst in Gretchens Kerker, die Folgen rücksichtslosen, sündigen Thuns in ihrer ganzen Schrecklichkeit deutlich greifbar vor Augen gestellt werden. Darum also muss er erst fallen, um dann um so kräftiger aufstehen zu können. Mephistopheles, der immer das Böse will und das Gute schafft, treibt ihn zur Gewaltsamkeit. Auch er hasst das „Glockengebimmel", wenn auch als Teufel aus ganz anderen Gründen, als Faust ; er redet ihm vor, er müsse „kolonisieren" ; man hänge der grössten Sünde nur einen unschuldigen, rechtmässig klingenden Namen an und sie wird um so leichter gethan werden; ja der Sünder wird für das Entgegenkommen von Herzen dankbar sein. Der Böse erbietet sich, die beiden Alten mit Gewalt aus hrem Besitztum auf ein anderes Land, das ihnen Faust als Entgelt angeboten hat, das sie aber nicht annehmen wollen, zu verpflanzen. Wohlgemerkt! Faust giebt nicht die Einwilligung zum Blutvergiessen, zu Mord und Brand, sondern nur zu einer gewaltsamen Aufhebung der Alten (29). Aber wir Menschen sind eben nur Herren über unsere Entschlüsse; haben wir den ersten Schritt gethan, so thut der zweite sich selber und wir dürfen nicht mehr über ihn gebieten. Unrechtmässig ist und bleibt Fausts Bestreben, die Alten gewaltsam aus ihrem Besitztum zu reissen und in dies Unrecht hat er gewilligt. Alles weitere geht gleichsam mit Naturnotwendigkeit vor sich: „böse Früchte trägt die böse Saat". Die Alten verweigern den ungestüm Drängenden den Einlass, man schlägt die Thüre ein; sie wehren sich, die Hütte wird in Brand gesteckt, die Alten fallen entseelt nieder, der Wanderer, der sie schützen will, wird erschlagen. So ist Faust denn schuldig- unschuldig. Er müsste nicht der im Grund gute, edle Mensch sein, wenn er sich im Bewusstsein seiner nicht eigentlich verbrecherischen Absicht beruhigen wollte.

„Wart ihr für meine Worte taub !
Tausch wollt' ich, wollte keinen Raub.
Dem unbesonnen wilden Streich
Dem fluch' ich, teilt es unter euch!"

Er ahnt, dass ebenso, wie aus seinem unreinen Begehren die unselige That entsprang, nun auch diese That weitere Folgen nach sich ziehen wird.

29. Ich kann ihn durchaus nicht mit Woerner, „Fausts Ende" (Freiburg 1902) für heuchlerisch halten.

Und alsbald nahen ihm die „grauen Weiber", die den Menschen den Folgen seiner Übelthaten überantworten. Für den Armen hat die Qual des bösen Gewissens die Erschlaffung der Thatkraft und damit wirtschaftlichen Rückgang zur Folge: Mangel, Schuld (wir könnten auch sagen Schulden) und Not suchen ihn heim. Hier aber handelt es sich um einen Reichen; dem können die drei anderen nichts anhaben; aber die vierte, die Sorge, sie schleicht sich ins Schlüsselloch ein, die Sorge, von der wir früher hörten, dass sie einer der grössten Menschenfeinde sei, die Sorge, die gefesselt war, so lange menschliche Kraft durch Klugheit gebändigt ward, die sich aber selber befreit, sobald die Kraft erst die Herrschaft der Vernunft abschüttelt. Es giebt vielerlei Sorgen, wie Faust es einst aussprach : „Sie deckt sich stets mit neuen Masken zu." Beim Armen würde sich wohl die Sorge ums tägliche Brot, allerlei äusserlicher Mangel und Not einstellen; hier schleicht sie sich in anderer Gestalt ins Zimmer des Reichen. Bisher ist Faust nur durch die Welt gerannt, er führte eine vita activa ein thätiges Dasein. Nun aber kommt das Alter, das zur vita contemplativa neigt, zum beschaulichen Dasein, zur Einkehr bei sich selbst. Bisher hat sich Faust gegen diese Selbstspiegelung gesträubt; nun wird er dazu gezwungen durch die Reue, er richtet den Blick zurück auf das soeben Geschehene: Mephistopheles war es, der seinen Willen im unrechten Sinne ausführte, der ihm die Freude an seinem Werk vergällte; es lohnt sich nicht, noch so Grosses anzufangen, wenn man mit dem Bösen im Bunde ist. Jetzt ekelt es ihn vor der Verbindung mit der Hölle, in heftigem Sehnen nach reiner Menschlichkeit wendet er sich so stark von ihr ab, wie nie zuvor. Was hat ihm seine Beschäftigung mit der Magie genützt? Sie hat ihn der Natur nicht freier und grösser gegenübergestellt; sie hat ihm nur eine Fülle schädlicher Kräfte gezeigt, ihn auf tausend unheilbringende Zusammenhänge aufmerksam gemacht, so dass er, der früher frohgemut aufs Ziel losging, nun zum Schauen nach rechts und links gezwungen ist; und aus ehrlichem Herzen kommt sein Wunsch:

„Könnt' ich Magie von meinem Pfad entfernen,
Die Zaubersprüche ganz und gar verlernen,
Stund' ich, Natur, vor dir, ein Mann allein.
Dann wär's der Mühe wert, ein Mensch zu sein!"

Und in dieser innerlichen Loslösung von der Magie ruht seine Rettung. Zwar täuscht er sich, wenn er glaubt die geheimnisvolle Stimme, die ihm von Not und Tod ins Ohr flüsterte, die grausigen Gestalten, die sich aus dem Rauche des verbrannten Hüttchens entwickelten, beruhten nur auf Sinnestäuschung ; die Sorge ist wirklich im Zimmer, aber durch seinen mannhaften Entschluss hat er ihre Macht schon gebrochen. Wunderbar hat Goethe die furchtbare Gestalt zu beleben gewusst; sie hat etwas von mephistophelischer Schadenfreude an sich, wenn sie Faust verspricht, nun in allen möglichen Gestalten wieder bei ihm zu erscheinen und ihm die Freude an seinem Besitz und am Leben immer mehr zu vergällen. Ja, wenn sie es mit einem der „Viel zu Vielen", mit einer Philisternatur zu thun hätte, so könnte sie siegen; hier aber hat sie schon verloren, denn Faust hat sich innerlich schon vom Kleben an seinen Besitztümern losgelöst, ihn freut nur noch die Arbeit und Thätigkeit, nicht das Geniessen und Besitzen. Wie kam das? Den Philister blendet die Sorge, er verliert den klaren Blick für den wirklichen Wert der Dinge um ihn her, für ihre Beziehungen auf Gott und Ewigkeit, er sucht alles Angenehme zu erhaschen, alles Widerwärtige zu fliehen, Furcht und Hoffnung ziehen ihn fortwährend von seinem Ziel ab, bis er auf halbem Wege liegen bleibt und die Hölle triumphiert. Geblendet hat die Sorge auch Faust — aber nun geschieht das grosse Wunder! Fausts äusseres Auge hat die Sehkraft verloren, aber in seinem Inneren entdeckt er ein um so reicheres und schöneres Arbeitsfeld, wovon der Philister keine Ahnung hat. „Im Innern leuchtet helles Licht." Faust sieht die Aussendinge, Güter und Besitz nicht mehr, aber er hat plötzlich, durch Schuld und Reue geläutert, einen tiefen Blick für den wirklichen, sittlichen Wert der Dinge bekommen; er will seine Unthat sühnen, nicht im Tode, nicht mit Klagen, sondern im Leben, so gut wie einst seine Versündigung an Gretchen. Mitleidlos ist er gewesen, mitleidig soll sein weiteres Streben sein, das heisst eine Thätigkeit der dienenden, helfenden und erziehenden Liebe. Er wächst vor unseren Augen. Äusserlich in groben Täuschungen befangen, ist er innerlich klar, wie er vorher äusserlich scheinbar so klar sah und im Innern nur Dunkel hegte. Die Lemuren, die Höllengeister schaufeln sein Grab, während er glaubt, dass sie auf seinen Befehl den angefangenen Graben verlängern. Es kommt auch garnicht auf den Erfolg, auf die wirklich geleistete Arbeit an, sondern nur auf die Absichten, Pläne, Ziele Fausts, die immer grossartiger, höher, reiner werden. Bisher hat er nur Land schaffen wollen für die Menschen. Jetzt denkt er auch an ihre Gesundheit; ein Sumpf, der die Luft verpestet, soll ausgetrocknet werden. Und kaum hat er von der leiblichen Gesundheit gesprochen, da fällt ihm das Letzte, Höchste ein: die seelische Gesundheit. So lange sie am Besitz klebte war seine Seele in Gefahr, unterzugehen; die sichere Habe erzeugte die Gier nach Vermehrung oder nach faulem Geniessen, eins so verwerflich wie das andere. Nun aber kommt er denn auf der Weisheit letzten Schluss: Massige Habe braucht der Mensch, die er täglich, wie sein Leben, den Elementen abringen soll, um sich des Gewährten täglich neu zu freuen und seine Begierde einschränken zu lernen. Wenn er die Menschen dazu erziehen kann (und hier ist die beste Gelegenheit dazu vorhanden, denn sein Neuland muss immer wieder gegen die Wogen verteidigt werden), dann wird die Bevölkerung durch steten Kampf und stete Thätigkeit tüchtig werden, ein freies Volk, weil es seinen Besitz und seine Freiheit ohne staatliche Hilfe zu schützen vermag. Das ist sein letzter Wunsch: „Auf freiem Grund bei freiem Volke stehen." Könnte er das erreichen, so würde die Menschheit ihn mit Recht als ihren Erretter preisen und diesem Ruhme würde er nicht ausweichen, sondern den höchsten Augenblick dankbar geniessen — Faust darf so sprechen, denn das neue Ideal, dem er zustrebt, liegt natürlich noch in weiter Ferne und ist in seinem vollen Umfange wohl nie zu verwirklichen. So bleibt denn Faust auch hier nicht stehen, sondern strebt beständig aufwärts, vorwärts, einwärts und nicht als Schöpfer äusserer Güter, sondern als Kulturbringer im höchsten Sinne, als Erzieher der Menschheit scheidet er aus dem Leben mit den Worten, die Goethe selber als sein Testament an sein Volk gerichtet hat:

„Ja, diesem Sinne bin ich ganz ergeben,
Das ist der Weisheit letzter Schluss:
Nur der verdient sich Freiheit, wie das Leben,
Der täglich sie erobern muss.
Und so verbringt, umrungen von Gefahr,
Hier Kindheit, Mann und Greis sein tüchtig Jahr.
Solch ein Gewimmel möcht' ich sehn,
Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.
Zum Augenblicke dürft' ich sagen:
Verweile doch, du bist so schön !
Es kann die Spur von meinen Erdetagen
Nicht in Äonen untergehn.
Im Vorgefühl von solchem hohen Glück
Geniess' ich jetzt den höchsten Augenblick.

Faust ist gestorben. Hat er die Bedingung erfüllt, unter der seine (und des Herren) Wette gewonnen sein sollte? Ich denke, das ewige Streben noch im letzten Moment könnte gewaltiger nicht ausgesprochen werden; aber es giebt dicke Ohren, die solche Rede nicht vernehmen, und Menschen, die behaupten, die Begnadigung Fausts geschähe schliesslich durch einen Gewaltakt, Mephistopheles käme nicht zu seinem Rechte. Das kommt davon, wenn man sich nicht über den nächsten Wortlaut erheben kann und immer nur den Finger auf das legt, was dasteht, nämlich auf die Rede des Teufels. Dass der Böse nicht im stände ist, zu begreifen, dass und warum Faust mit Recht gerettet ist, das verstehen wir. „Ward eines Menschen Geist in seinem hohen Streben von deinesgleichen je gefasst?" Doch möchten wir diese Worte Fausts auch manchen Erklärern der Dichtung zurufen! Natürlich ist der Held auf dieser Erde nicht zum Engel und nicht vollkommen geworden; so lange er auf der Erde lebte, hat er auch geirrt. Das beweist selbst seine masslose Übertreibung: „Nach drüben ist die Aussicht uns verrannt; Thor! Wer dahin die Augen blinzelnd richtet, sich über Wolken seinesgleichen dichtet!" Worte, die natürlich der Dichter nicht für richtig halten kann, der Gott und seine Heerscharen selber handelnd einführt. Und so ist denn die Schlussscene notwendig, um zu zeigen, wie der Herr das Wollen für das Vollbringen anzurechnen und die Seele von den ihr anhaftenden irdischen Schlacken zu säubern weiss.

Absichtlich gehen den letzten, überaus zarten und durchgeistigten Teilen die burlesken TeufeIsscenen voran, die derbe Züge des Volksaberglaubens mit unverhohlener Ironie des Dichters vermischen. Mephistopheles ist in Verlegenheit; er weiss nicht recht, ob ihm die Seele eigentlich zur Beute fallen soll oder nicht; er weiss auch nicht, an welcher Stelle sie den Körper verlässt und darum kommandiert er seine höllischen Scharen, dicke und dünne Teufel, ihr aufzulauern: „Das ist das Seelchen, Psyche mit den Flügeln, die rupft ihr aus, so ists ein garstiger Wurm." Goethe denkt offenbar an die naive Darstellung der ausfahrenden Seele auf altdeutschen Gemälden.

Inzwischen aber nahen himmlische Scharen heran mit der Botschaft der Liebe. Der Herr weiss recht gut, dass der Mensch eben an den Stoff verhaftet ist und darum niemals im Leben vollkommen rein werden wird. Er nimmt aber das ewige Streben, den ernsten Willen für die Vollendung (29); wenn nur die Seele dauernd auf das Gute gerichtet war, wenn sie sich liebend dem Nächsten zugewandt hat (und zur thätigen Nächstenliebe war Faust aufgestiegen!), so neigt er sich auch mit seiner Liebe zu dem unvollkommenen Menschen hernieder. Die Liebe ist es, die Gnade, nicht die strenge Gerechtigkeit, die alle Schäden zudeckt. Und dass diese Liebe allmächtig ist, zeigen uns die köstlichen Scenen zwischen Mephistopheles und den Engeln. Natürlich wirkt die Liebe, deren Doppelnatur wir ja im Drama zur Genüge kennen gelernt haben, auf jedes

Wesen in der Welt eben nach seiner Art; auf die echten Höllensöhne kann sie nur abschreckend wirken und sie zur Hölle zurückjagen. In dem etwas menschlicher gehaltenen Mephistopheles erregt sie gemeine Sinnlichkeit, die selbst vor den zarten Engelgestalten nicht Halt macht; Fausten aber führt sie mit sich empor ins Jenseits. Von Stufe zu Stufe dringt er aufwärts, und das ist bedeutsam. Er wird höher erhoben, als die heiligen Einsiedler (30), die auf das Leben verzichtet, oder als die seligen, gleich nach der Geburt ohne Sünde verstorbenen Knaben, die es nicht kennen gelernt haben. Er tritt auf eine Stufe mit den heiligen Büssern, die gleich ihm das Leben kannten und in Schuld verfielen, aber menschliche Gebrechen durch reine Menschlichkeit gesühnt haben. Gerade so, wie vorher die Welt des Brockens oder der pharsalischen Felder, hat der Dichter hier die heiligen Gestalten der Kirche zu verkörpern und zu beleben gewusst. Wie an ihnen, so haftet auch an Faust „ein Erdenrest, zu tragen peinlich". Aber, so vernehmen wir hier, das ist Naturgesetz, und wenn der Mensch sich auch davon scheiden wollte, er könnte es nicht; schon bei der Schöpfung oder Zeugung verbindet sich, wie es für Goethes dramatische Auflassung feststeht, der Geist mit den Elementen (wie Homunkulus oder Helena mit dem Wasser); und diese Verbindung zwischen Geist und Stoff ist so innig, dass sie nie wieder geschieden werden können, es sei denn durch die Kraft und Liebe Gottes. Und diese Liebe erbarmt sich nun über Faust. Nicht der Herr selber erscheint in dieser Schlussscene, auch die Jungfrau Maria vollzieht nicht die Reinigung an Faust, sondern (das ist das Tiefste) Gretchen, die durch ihre Sünde zur Verinnerlichung, durch Fall zur Grösse gelangte, die Faust am Eingang des 4. Akts erschien, um ihn in ihre Höhe nachzuziehen, darf ihn jetzt aufwärts geleiten. Die erbarmende Liebe ist verkörpert in einem einstmals irdischen Weibe. Damit hat Goethe wiederum ein tiefes Gesetz aufgedeckt: die Thätigkeit allein kann den Menschen nicht beseligen; es muss eine erbarmende, nicht nachrechnende, sondern nachhelfende, ausgleichende Liebe dazukommen. Beides zusammen bringt erst ein Ganzes, Vollkommenes hervor. Und wie Streben die Sachen  des Mannes, so ist Liebe und Versöhnlichkeit die Sache des Weibes. Was auf Erden unvollkommen war, wird im Himmel vollkommen durch Liebe. Doch kann Liebe schon auf Erden eine Himmelsahnung in uns erwecken: „Das Ewig- Weibliche zieht uns hinan".

29. Vgl. den Schluss meiner Erläuterungsschrift zu Henrik Ibsens „Brand" (Würzburg 1902)

30.  Hier nur wenige Bemerkungen im einzelnen. Pater ecstaticus ist der Beiname mehrerer Mystiker; hier bezeichnet er den Vertreter derjenigen, die durch harte Kasteiungen die Weltlust in sich zu ertöten streben. Der Pater profundus weist nach der gewöhnlichen Erklärung auf Bernhard von Clairveaux. Übrigens kommt hier auf die geschichtliche Identifizierung wenig an. Goethe wollte nur durch die lateinischen Namen an sich eine Wirkung erzielen, wie früher durch den lateinischen Choral in der „Domscene". Bedeutsamer sind für uns die Wortbedeutungen der Namen: der „tiefe Pater" ist in die Tiefe eingedrungen und steht nun der Welt und ihren Schicksalen gegenüber, wie die Engel des „Prologs im Himmel". Er sieht auch im wilden Gebirgsstrom, im verheerenden Blitz Boten der göttlichen Liebe, die das All beseelt. Er hört nirgends Dissonanzen, sondern nur Harmonieen. Das ist das Höchste was den Seligen zu Teil werden kann, denn darin werden sie Gott ähnlich. Wie Goethe in seiner Jugend von diesem sagte, dass er „in dem Augenblicke, da er sich des Geschaffenen freut, auch alle die Harmonieen geniesst, durch die er die Welt hervorbrachte und in denen sie besteht", so beabsichtigte er, zufolge einer Skizze, Faust in folgenden Stufen aufwärts zu führen : „Lebensgenuss der Person von aussen gesehen in der Dumpfheit der Leidenschaft; Thatengenuss nach aussen und Genuss mit Bewusstsein, Schönheit; Schöpfungsgenuss von innen. Epilog im Chaos auf dem Weg zur Hölle". Was von diesem „Epilog" schliesslich übrig blieb, steckt in den Versen des Pater profundus, die zugleich wieder im schönsten Zusammenhange mit der ganzen Schlussscene und ihrer Verherrlichung der göttlichen Liebe stehen. Der Gedanke, dass die seligen Knaben durch die Augen des Pater Seraphicus (vielleicht des heiligen Franz von Assisi) auf die Welt herniederschauen, berührt sich mit Anschauungen Swedenborgs. Der Doktor Marianus (mehrere Mystiker führten den Namen) geht ganz in der Anschauung der begnadenden Liebe auf; er ist der Gottheit am nächsten, fast ganz gereinigt von irdischen Schlacken, daher in der „reinlichsten Zelle". Was die mit Gretchen zusammen die Mater gloriosa umschwebenden Büsserinnen anlangt, so dienen die zugefügten Bibelstellen zur Erklärung. Die Maria Acgyptiaca wurde ihrer Sünden wegen von einer unsichtbaren Hand zur Ockgestossen, als sie sich dem heiligen Grabe nähern wollte, entsühnte sich dann aber durch lange Busse in der Einsamkeit der Wüste.

Also fassen wir es nochmals zusammen: das unablässige Streben und die ergänzende Liebe machen das Glück und die Seligkeit des Menschen aus. Oder mit des Dichters Worten:

„Gerettet ist das edle Glied
Der Geisterwelt vom Bösen,
Wer immer strebend sich bemüht,
Den können wir erlösen.
Und hat an ihm die Liebe gar
Von oben teilgenommen,
Begegnet ihm die selige Schar
Mit herzlichem Willkommen."

„In diesen Versen", sagte Goethe zu Eckermann, „ist der Schlüssel zu Fausts Rettung enthalten: in Faust selber eine immer höhere und reinere Thätigkeit bis ans Ende, und von Oben die ihm zu Hilfe kommende ewige Liebe. Es steht dieses mit unserer religiösen Vorstellung durchaus in Harmonie, nach welcher wir nicht durch eigene Kraft selig werden, sondern durch die hinzukommende göttliche Gnade. Übrigens werden sie zugeben, dass der Schluss, wo es mit der geretteten Seele nach Oben geht, sehr schwer zu machen war, und dass ich bei so übersinnlichen, kaum zu ahnenden 'Dingen mich sehr leicht im Vagen hätte verlieren können, wenn ich nicht meinen poetischen Intentionen durch die scharf umrissenen christlich-kirchlichen Figuren und Vorstellungen eine wohlthätig beschränkende Form und Festigkeit gegeben hätte."

In den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts hat der Dichter daran gedacht, sein Werk, das durch die „Zueignung" eröffnet wird, mit einem Abschied zu beschliessen und, dem „Vorspiel auf dem Theater" entsprechend, durch einen Schauspieler eine „Abkündigung" sprechen zu lassen. Da diese beiden Stücke nicht so allgemein bekannt sind, so mögen sie den Abschluss dieses Büchleins bilden, damit der Dichter selbst das letzte Wort behalte:

Abkündigung. 

Den besten Köpfen sei das Stück empfohlen,
Der Deutsche sitzt verständig zu Gericht,
Und möchten's gerne wiederholen,
Allein der Beifall gibt allein Gewicht.
Vielleicht dass sich was Bess'res freilich fände. —
Des Menschen Leben ist ein ähnliches Gedicht :
Es hat wohl einen Anfang, hat ein Ende,
Allein ein Ganzes ist es nicht.
Ihr Herren, seid so gut und klatscht nun in die Hände.

Abschied. 

Am Ende bin ich nun des Trauerspieles,
Das ich zuletzt mit Bangigkeit vollführt,
Nicht mehr vom Drange menschlichen Gewühles,
Nicht von der Macht der Dunkelheit gerührt.
Wer schildert gern den Wirrwar des Gefühles,
Wenn ihn der Weg zur Klarheit aufgeführt.
Und so geschlossen sei der Barbareien
Beschränkter Kreis mit seinen Zaubereien.

Und hinterwärts mit allen guten Schatten
Sei auch hinfort der böse Geist gebannt,
Mit dem so gern sich Jugendträume gatten.
Den ich so früh als Freund und Feind gekannt.
Leb' alles wohl, was wir hiermit bestatten,
Nach Osten sei der sichre Blick gewandt.
Begünstige die Muse jedes Streben
Und Lieb' und Freundschaft würdige das Leben.

Denn immer halt ich mich an Eurer Seite,
Ihr Freunde, die das Leben mir gesellt ;
Ihr fühlt mit mir was Einigkeit bedeute,
Sie schafft aus kleinen Kreisen Welt in Welt.
Wir fragen nicht in eigensinn'gem Streite,
Was dieser schilt, was jenem nur gefällt,
Wir ehren froh mit immer gleichem Mute
Das Altertum und jedes neue Gute.

O glücklich ! wen die holde Kunst in Frieden
Mit jedem Frühling lockt auf neue Flur;
Vergnügt mit dem, was ihm ein Gott beschieden
Zeigt ihm die Welt des eignen Geistes Spur.
Kein Hindernis vermag ihn zu ermüden,
Er schreite fort, so will es die Natur.
Und wie des wilden Jägers braus't von oben
Des Zeiten Geists gewaltig freches Toben.


Ende



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