> Gedichte und Zitate für alle: Robert Petsch: Vorträge über Goethes Faust III.3 (11)

2019-11-12

Robert Petsch: Vorträge über Goethes Faust III.3 (11)



Kaum kann der Böse sich vor den Aufdringlichen retten, als in wirkungsvollem Gegensatz zu diesen Nippesscenen der ganze Hof sich in prächtigem Zuge in den Rittersaal begiebt. Inmitten dieser modernen Gesellschaft soll sich eine Scene aus der antiken Fabelwelt abspielen, und dementsprechend erscheint ein alter, von mächtigen Säulenreihen getragener Tempelbau als Bühne für das kommende Schauspiel. Alles, was auf dieser Bühne vor sich geht, trägt den Stempel der „Grossheit", des „Bedeutenden" im Goethischen Sinne und im vollen Gegensatz dazu sind alle Gespräche im Zuschauerraum so unbedeutend und kleinlich, als irgend möglich. Gleiches wird nur durch Gleiches begriffen, nur der grosse, tiefe Mensch hat Gefühl und Verständnis für das Grossartige, Erhabene. Der kleine Geist lässt sich grundsätzlich nicht „imponieren", das heisst Stillschweigen auferlegen, sondern rührt nach Kräften seine Zunge, um sich des Gefühls der Überwindung zu erwehren. So beginnt hier gleich der Widerspruch beim Architekten, der die Goethe damals von Herzen verhasste gothische Baukunst gegenüber der „unbehilflichen", auf die Wirkung durch Massen berechneten griechischen Architektur preisend in den Himmel hebt. Um so grossartiger verkündet Faust das Geheimnis der Mütter; von allem, was je auf der Erde erschienen, schweben die Urbilder im Grenzenlosen. Viele fasst des Lebens holder Lauf, die Dinge erscheinen und vergehen wieder und wieder im ewigen Kreislauf; andere scheinen mit dem erstenmale für immer verschwunden, aber dem Magier ist es gegeben, sie an den Tag zu befördern — wie es dem genialen Nachempfinder und Nachdenker gegeben ist, Gefühle und Ideen längst vergangener Tage der Nachwelt wieder zugänglich zu machen. Auch das ist ein Wunder, das sich im letzten Grunde nicht erklären lässt. Wir nehmen es dankbar im Leben hin und, an solche Wunder gewöhnt, glauben wir um so leichter an die geheimnisvolle Fahrt. Faust aber ist so voll von seinem Wunderwerk, dass er nicht länger vermag, zu den Zuschauern zu sprechen. Mephistopheles bläst dem Astrologen die Beschwörung ein. Wundervoll ist der Gedanke der Wiedererweckung durchgeführt. Nicht Körperlichkeit, aber Gestalt wird den alten Schemen verliehen, sie zeigen feste Umrisse, haben aber keinen materiellen Kern, sie sind wie aus Nebel gebildet; Dämpfe steigen aus dem Dreifuss auf und ballen sich, um eine überaus schöne Erscheinung zu bilden, unter den Klängen einer geheimnisvollen Musik rhythmisch zu- sammen. Rhythmisch geordnet sind denn auch die Bewegungen der Gestalten, wir haben es nicht mit dem gewöhnlichen, plumpen Leben, sondern mit einer höheren, mehr geistigen, darum auch ästhetisch wirkungsreicheren Art der Belebung zu thun. Sinnlichkeit und Eifersucht wirken bei den Hofdamen und -Herren gleichermassen zusammen, um Paris und Helena abwechselnd Lob und Tadel erteilen zu lassen. Einzelne Bewegungen werden kritisiert, die frische Sinnlichkeit der Antike erscheint hier anstössig, wo die höchste Gemeinheit halb verhüllt zu erscheinen liebt, um desto pikanter zu wirken. Die volle, ungeteilte Wirkung der Erscheinung aber, den ganzen Segen des antiken Schönheitskultus empfängt nur Faust. Aufs neue wird ihm die Erfüllung eines lange gehegten Wunsches zu Teil, wie bei seinem Abstiege zu den Müttern : die höchste Schönheit, die je in der Welt zu finden war, erscheint ihm hier verkörpert. Von Mephistopheles geführt, war er durch das Reich der Sinnhchkeit dahingestürmt und hatte nirgends Befriedigung gefunden; die Sehnsucht nach Schönheit, von der er ausgegangen war, als ihn der Böse durch das Spiegelbild der Hexenküche an sich gelockt hatte, war allmählich verflogen. Jetzt ist er gross und selbständig; der Trieb zur Schönheit ist in ihm von neuem lebendig geworden, ein Trieb, der den Menschen nicht erniedrigt, sondern in die Höhe zieht. Der höchsten Schönheit gegenüber schweigt unsere Begierde. Wir wären traurige Gesellen, wenn wir eine Venus von Milo nicht anschauen könnten, ohne das sinnliches Begehren durch unsere Glieder zuckte. Auch hier in Faust kein Gedanke an niedrigen Genuss : die Schönheit in Person hat sich gezeigt, er muss sie fassen und halten, weil er eine Erhöhung seines Daseins von ihr ausgehen fühlt, und eifersüchtig stürmt er dazwischen, als Paris ihm die Holde zu entführen droht. Eine Art Wahnsinn hat sich seiner bemächtigt, doch auch in seinen erhitzten Reden erklingt kein unreiner Ton! Geister aber, oder, undramatisch gesprochen, Vorstellungen von höchster Schönheit lassen sich nicht mit Händen greifen und von dannen führen. Sobald wir täppisch zugreifen, sind sie verflogen, als ob wir nach dem Bilde des Mondes im Wasser greifen wollten und das schöne, ruhige, klare Abbild hässlich verzerrt fänden. Goethe drückt den Misserfolg theatralisch durch eine heftige Explosion aus, die Faust betäubt, wie ja denn das Entschwinden Helenas keine andere Wirkung auf ihn ausüben kann.

Wer einmal Rafaels Sixtinische Madonna gesehen hat, wird sie nie wieder vergessen: ja, es kann sich ereignen, dass er mit feuchtem Auge von einem sehnsüchtigen Traume erwacht, dass seine Sehnsucht wächst und wächst, bis er schliesslich wieder vor der Reinen, Hohen, Einzigen steht. Auch Faust kann Helena nicht vergessen. Sein ganzes Wesen ist jetzt auf Genuss dieser Schönheit, zunächst auf ihre Wiederbringung, Verkörperung gerichtet. Das ist ein Streben nach oben, ein Streben zum Reinen, Idealen, das Mephistopheles , der Vertreter des Hässlichen, unmöglich dulden kann. So muss er denn versuchen, Faust zu zerstreuen, seinen Sinn auf anderes zu lenken. Mit den früheren, abgeschmackten Unterhaltungen kann er ihn nicht mehr locken, das hat er längst eingesehen. In seiner Verlegenheit verfällt er schliesslich darauf, den Helden in sein Studierzimmer zurückzubringen, aus dem er ihn früher herausgelockt hatte; er hofft, durch gelehrte Beschäftigungen oder besser Spielereien die Sehnsucht nach Helena in ihm zu unterdrücken. Diesen Zwecken dienten von jeher in Goethes Faustplänen die Homunkulus-Scenen und die klassische Walpurgisnacht. So heisst es in einem Schema aus den 20er Jahren: „Fausts Leidenschaft zu Helena bleibt unbezwinglich. Mephistopheles sucht ihn durch mancherlei Zerstreuungen zu beschwichtigen , Wagners Laboratorium. Er sucht ein chemisch Menschlein hervorzubringen. Verschiedene andere Ausweichungen und Ausflüchte. Antike Walpurgisnacht in Thessalien auf der pharsalischen Ebene u. s. w." Natürlich sollte Fausts Sehnsucht nach Helena die gleiche bleiben und gerade in der Walpurgisnacht ein Mittel gefunden werden, um sie von den Toten zu erwecken. Erst spät ist es Goethe gelungen, die gesamte Scenenreihe zu der Einheit zu verschmelzen, als die sie sich heut darstellt, wo Faust gerade durch den Homunkulus zur klassischen Walpurgisnacht gewiesen wird und dort die Belebung der schönen Frau erlangt, so dass also der Teufel, der ihn von seinem Vorhaben abbringen wollte, indirekt zu dessen Verwirklichung beitragen muss und sich wieder als derjenige zeigt, der „stets das Böse will und stets das Gute schafft".

Wie kam nun Goethe auf die ganze Homunkulus -Handlung? Von jeher hatte es zu den Lieblingsproblemen der Alchemisten gehört, auf künstliche Weise den Menschen hervorzubringen und noch in Goethes Tagen behauptete der Philosoph J. J. Wagner (t 1841), es müsse der Chemie noch gelingen, ,, organische Körper darzustellen und Menschen durch Krystallisation zu bilden". Derartige groteske Albernheiten mochten Goethe für Mephistopheles gerade gut genug erscheinen, nur durfte sich natürlich Faust selber mit solchen abgeschmackten Dingen nicht befassen ; wie glücklich bot sich da der Namengleichklang des Philosophen mit dem Famulus des Doktor Faust! Der ehemalige Assistent ist nun selbst Professor geworden und beschäftigt sich mit der Hervorbringung eines Menschleins in der Retorte. So tauchte denn noch einmal die ganze Studierstuben- welt des ersten Teils vor des Dichters Auge auf und es reizte ihn, noch einmal in dies Moderwesen hineinzublicken. Hier ist alles beim Alten geblieben. Mephistopheles schüttelt den alten Pelz; während Faust die höchste Schönheit neu beleben will, versucht sich auch der Teufel auf schöpferischem Gebiet: aber was er hervorbringt, ist nur Ungeziefer, widerwärtige, zerstörend wirkende Wesen. Ein feiger Famulus erscheint auf den Klang der Glocke, um Mephistopheles, oder besser uns Zuschauer von Wagners Erfolgen und seinen geheimnisvollen Experimenten zu unterrichten; der Teufel weiss nur zu gut Bescheid, welches „grosse Werk" da vor sich geht. Aber ehe er sich zu dem trockenen Stubenhocker begiebt, hat er noch eine andere Begegnung zu überstehen. Augenscheinlich will uns Goethe keinen Augenblick im Unklaren lassen über den Geist, der auf den Akademieen gedeiht; Schnaken hat Mephistopheles hier im Zimmer geschaffen, Schnaken hat er auch dem Schüler seinerzeit in den Kopf gesetzt, der nun als grossmäuliger Baccalaureus, nicht als frischer, lebenslustiger Kamerad, sondern als aufgeblasener, von Eigendünkel ganz geschwollener Patron erscheint, dem in der Studierstube jede Rücksicht auf seine Mitmenschen gänzlich abhanden gekommen zu sein scheint. Wagner und der Baccalaurus — Duckmäuser und Grosssprecher — diese beiden Auswüchse des akademischen Lebens werden uns im Gegensatze zu Faust vorgeführt. Wir sehen, wohin die teuflische Belehrung bei dem unreifen Jüngling führte, der ihr keine gefestete, in wissenschaftlichem Streben edelster Art geklärte Persönlichkeit entgegensetzen konnte, wie Faust. Nicht für jeden nächsten Besten passt die Schule, durch die der Held gelaufen ist; nur der in Gottes Augen „gute Mensch" bleibt sich in seinem dunklen Drange des rechten Weges wohl bewusst. Prächtig hat Goethe den groben Burschen zu zeichnen gewusst, mit Beziehungen auf Fichte, der empfohlen haben sollte, Gelehrte mit 30 Jahren zu töten, da sie nach dieser Frist doch nichts mehr leisten könnten, und auf den thatsachenfeindlichen Rationalismus Wolffs. Der junge Mensch ist nicht etwa dumm^ er hat sicherlich vieles gearbeitet und schöne

Erfolge gehabt; seine Selbstüberschätzung beruht auf einer ungenügenden historischen Schulung. Er ahnt nicht, dass die Ergebnisse, zu denen er vorgedrungen ist, schon lange von ihm ermittelt worden sind und auch ohne sein Auftreten nach seiner Zeit noch oftmals gewonnen werden würden. .„Wer kann was Dummes, kann was Kluges denken, das nicht die Vorwelt schon erdacht?" Wieder spricht Mephistopheles eine tiefe Wahrheit aus, freilich ins Parterre, nicht zu Jemandem im Drama, der dadurch bekehrt werden könnte. Er betrachtet diese Wahrheit freilich mit teuflischem Auge : die Einbildung und Selbstüberschätzung verdummt von Haus aus tüchtige Geister und vermehrt "schliesslich die Schar der Philister, sein höllisches Gefolge.

„Wenn sich der Most auch ganz absurd gebärdet, es giebt zuletzt doch noch e' Wein". Wagner, zu dem man nun übergeht, ist einer von diesen „Abgeklärten". Er ist zwar niemals so stürmisch gewesen, wie der Baccalaurus, aber auch dieser wird einst auf seinem Standpunkte an- kommen. Er hat sich auf eine grosse Lebensaufgabe „konzentriert" und die Erbärmlichkeit seines Geistes zeigt sich eben darin, dass er es sich in seiner Ärmlichkeit zutraute, das Unmögliche zu leisten. Schon in der Stellung seines Problems ist er eben der Famulus Wagner: „Zwar weiss ich viel, doch möcht ich alles wissen".

Es ist Goethe nicht leicht geworden, die Schöpfung des Homunkulus mit der Belebung der Helena in eine nahe Verbindung zu setzen. Nach Ende 1826 (siehe Paralipomenon 123 in Erich Schmidts Ausgabe), als er den Helenaakt allein herausgab und dazu eine Einleitung für den Leser schaffen wollte, war das Verhältnis wesentlich anders, als heute. Da ist es Wagner selber, der dem Homunkulus Leben verleiht. Das chemische Menschlein tritt als bewegliches, wohlgebildetes Zwerglein auf Das Rezept zu seinem Entstehen wird mystisch angedeutet, von seinen Eigenschaften legt es Proben ab; besonders zeigt sich, dass in ihm ein allgemeiner historischer Weltkalender enthalten sei, er wisse nämlich in jedem Augenblick anzugeben, was seit Adams Bildung bei gleicher Sonne-, Mond-, Erd- und Planetenstellung unter Menschen vorgegangen sei, wie er denn auch zur Probe sogleich verkündet, dass die gegenwärtige Nacht gerade mit der Stunde zusammentreffe, wo die pharsalische Schlacht vorbereitet worden und welche sowohl Cäsar als Pompejus schlaflos zugebracht. Hierüber kommt er mit Mephistopheles in Streit — und dieser würde sich in eine unentscheidbare chronologische Controvers verlieren, wenn das chemische Männlein nicht eine andere Probe seines tief historisch - mystischen Naturells ablegte und zu bemerken gäbe : dass zu gleicher Zeit das Fest der klassischen Walpurgisnacht herantrete und seit Anbeginn der mythischen Welt immer in Thessalien gehalten worden und, nach dem gründlichen, durch Epochen bestimmten Zusammenhange der Weltgeschichte, eigentlich Schuld an jenem Unglück gewesen. Alle vier entschliessen sich dorthin zu wandern, und Wagner bei aller Eilfertigkeit vergisst nicht eine reine Phiole mitzunehmen, um, wenn es glückte, hie und da die zu einem chemischen Weiblein nötigen Elemente zusammenzufinden. Er steckt das Glas in die linke Brusttasche, das chemische Männlein in die rechte, und so vertrauen sie sich dem Eilmantel. Ein grenzenloses Gewirre geographisch-historischer Notizen, auf die Gegenden, worüber sie hinstreifen, bezüglich, aus dem Munde des ein- gesteckten Männleins lässt sie bei der Pfeilschnelle des Flugwerks unterwegs nicht zu sich selbst kommen, bis sie endlich — zur Fläche Thessaliens gelangen. Das chemische Menschlein, an der Erde hinschleichend, klaubt aus dem Humus eine Menge phosphoreszierender Atome auf, deren einige blaues, andere purpurnes Feuer von sich strahlen. Er vertraut sie gewissenhaft Wagnern in die Phiole, zweifelnd jedoch, ob daraus künftig ein chemisch Weiblein zu bilden sei. Als aber Wagner, um sie näher zu betrachten, sie stark schüttelt, erscheinen, zu Kohorten gedrängt, Pompejaner und Cäsarianer, um zu legitimer Auferstehung sich die Bestandteile ihrer Individualität stürmisch vielleicht wieder zuzueignen. Beinahe gelänge es ihnen, sich dieser ausgegeisteten Körperlichkeiten zu bemächtigen, doch nehmen die vier Winde, welche diese Nacht unablässig gegen einander wehen, den gegenwärtigen Besitzer in Schutz und die Gespenster müssen sich gefallen lassen, von allen Seiten zu vernehmen : dass die Bestandteile ihres römischen Grosstums längst durch alle Lüfte zerstoben, durch Millionen Bildungsfolgen aufgenommen und verarbeitet worden". Damit verschwindet der Homunkulus nach diesem Plan Goethes. Es ist weiterhin nur von der klassischen Walpurgisnacht und von der Belebung Helenas die Rede, ohne dass seiner dabei irgendwie Erwähnung geschähe. Den Versuch , ein chemisches Weiblein zu bilden und die auferweckten römischen Kohorten hat Goethe späterhin fallen lassen. Dagegen hat er sich bemüht, die einmal an- gefangene Homunkulus-Handlung nun auch zu Ende zuführen, damit sie nicht bloss fragmentarisch als zeitweilige Unterhaltung Fausts ihr Leben friste. Allmählich ergab sich ihm ein höherer Zweck für das Ganze. „Wer Wunder hofft, der stärke seinen Glauben" hat Mephistopheles vorher verkünden lassen. Nun wird die Belebung des Homunkulus eine Paralielhandlung für die Wiederbringung Helenas. Das grosse Wunder wird uns nicht mehr so unbegreiflich erscheinen, wenn ein kleineres vorangegangen ist. Helena steigt aber nachher, der Sage entsprechend, aus dem Wasser, dem nach Goethes Ansicht lebenspendenden, schaffenden Element. Darauf bereitet er uns vor, indem er auch seinen Homunkulus, der vorläufig nur Geist und Gestalt hat, wie vorher die Erscheinungen der Helena und des Paris nur Gestalt hatten, im Wasser noch das Dritte, die Körperlichkeit erlangen lässt. Nun verstehen wir den Zweck des Ganzen und können uns einer raschen Musterung der Teile zuwenden, wie sie sich uns heute darstellen. Nicht Wagner ist jetzt der Schöpfer des Homunkulus, er hat nur die einzelnen Bestandteile in der Retorte gemischt. Leben, Geist, Bewegungsfähigkeit kann er den ein geschlossenen Elementen nicht erteilen. Das thut Mephistopheles, nicht um Wagner zu erfreuen, sondern um Faust zu zerstreuen. Sobald er die Glocke zieht, beginnt die Phiole zu glühen; Feuer ist aber ein Zeichen von Bewegung und Leben. Natürlich lässt der Teufel den einge- bildeten Stubengelehrten in seinem Wahn, als sei das Leben des chemischen Männleins auf ihn zurückzuführen; er ist so thöricht, wie die Chemiker, deren „encheiresin naturae" Mephistopheles schon früher verspottete. In Wahrheit macht Mephistopheles einen gebieterischen Gestus und sofort beginnt der Homunkulus zureden; er weiss wohl, dass er dem „Herrn Vetter" sein Dasein verdankt, wenn er auch Wagnern ironisch als „Väterchen" anredet. Mephistopheles ist sich auch seiner Urheberschaft sehr gut bewusst, wie er denn später selber klagt: „Am Ende hängen wir doch ab von Kreaturen, die wir machten".

Was ist nun der Homunkulus? eine der schwierigsten Fragen, die der ganze „Faust" stellt. Das Wort bedeutet: „Menschlein". Und wirklich hat Goethe seine Anschauungen über Zeugung und Beseelung mit in dieser Figur verarbeitet, wenn auch nicht mit abstrakter Klarheit, sondern in dichterischer, freier Veranschaulichung. Kann Mephistopheles überhaupt etwas schaffen? Ist er nicht bloss der Zerstörende? Ausdrücklich hat uns der Dichter auf das folgende vorbereitet, indem er ihn als Schöpfer des Ungeziefers, also widerlicher, aber doch realer Wesen zeigte. So kann er denn auch innerhalb des Geisterreiches auftreten und einen „Geist" schaffen, der freilich seines Geistes Kind ist. Mephistopheles ist ja mit dem Menschenwesen verwandt; die menschliche Seele enthält teuflische Bestandteile, an die er appelliert, um seine Opfer zu fangen; warum soll er also nicht ein „Menschlein" schaffen, das nur diese Seite verkörpert? Und sofort sehen wir, wie die Geschwätzigkeit, die Mephistopheles so gern anwendet, um den Gegner zu übertäuben, ferner seine Ironie und endlich seine ungelieure Erfahrenheit und Klugheit auf den Homunkulus übergegangen ist. Freilich, Körperlichkeit hat er ihm nicht zu verleihen vermocht, die muss sich das Menschlein selber suchen. Denn weil er ist, so muss er „thätig" sein. Das heisst: der Homunkulus weiss so gut wie Faust, dass die Thätigkeit das Lebenselement des Menschen ist. Damit freilich entfernt er sich schon von der Art seines Vaters Mephistopheles, dem ja die träge Ruhe mehr genehm ist. Sollen wir das als unwahrscheinlich tadeln? Im Gegenteil weiss Goethe sehr wohl, dass ausser den von den Eltern oder Grosseltern ererbten Eigenschaften jede menschliche Individualität neue Züge aufweist, die sie zum Teil von ihrer Umgebung annimmt kraft des Anpassungstalents, das dem Menschen mitgegeben ist, teils aus sich selbst hervorbringt. Und wie Homunkulus, übernatürlich entstanden, sich mit einer bewunderungswürdigen Schnelligkeit entwickelt, so weiss er sich auch seiner Umgebung überraschend schnell anzupassen und damit wiederum seinem Erzeuger einen bösen Streich zu spielen. Dieser deutet auf Faust, der träumend daliegt, ohne dass der Böse seine schönheitstrunkenen Phantasien zu deuten vermöchte; Homunkulus soll ihn stören, zerstreuen, von Helena ablenken. Statt dessen zeigt sich das Geistlein befähigt, in Fausts Geist zu lesen und die Träume von der Liebe der Leda und des Zeus in Schwanengestalt, einer Verbindung, aus der nachher Helena entspringen sollte, feinsinnig und zart zu deuten. Mephistopheles ist wiederum der Betrogene: er wollte das Böse und schaffte das Gute. Der Menschen Geist entwickelt sich selbständig, unabhängig von ihm, er entfernt' sich allmählich von dem teuflischen Element. Homunkulus ist also eine auf wunderbare Weise ins Leben gerufene menschliche Seele in der vollen Äusserung der ihr innewohnenden Kräfte, oder dasjenige, was Goethe im Anschluss an Aristoteles eine Entelechie nennen würde; diese rein geistige Persönlichkeit passt freilich noch nicht ins Leben, sie würde zu Grunde gehen und muss darum noch im Glase behalten werden, bis sie sich belebt, bekörpert hat. Denn der Geist ist es, der sich den Körper baut. Später, bei Faustens Tod hören wir Goethes Meinung deutlicher : „Wenn starke Geisteskraft die Elemente an sich herangerafft, kein Engel trennte geeinte Zwienatur der inn'gen Beiden." Für jetzt ist Homunkulus noch vom Stoffe frei und führt ein reines Geisterleben, kann aber darum auch nicht thätig sein, denn mit all unserem Wollen brächten wir keinen Stein vom Flecke, wenn uns nicht der Arm gegeben wäre; sobald wir aber den Körper erlangt haben, sind wir auch an ihn gebunden, und allent- halben hindert uns das Stoffliche; das ist Menschenlos; zur Vollkommenheit sind wir auf dieser Erde nicht bestimmt. Und da das Wesen des Menschen Thätigkeit und Wirksamkeit ist, so sehnt sich Homunkulus nach einem Körper. Wo soll er ihn finden? Er beschliesst, in die Welt zu gehen und dort sein Heil zu versuchen. Und so ist nun alles in schönster Ordnung. Auch Homunkulus hat einen bestimmten Zweck, der ihn auf die Reise führt. Was ihm zu Gute kommt, ist eben seine noch durch keine körperliche Schranke beengte unbedingte Anpassungsfähigkeit, die ihm ermöglicht, sich ins klassische Altertum hineinzuversetzen, wohin ihm Mephistopheles , der nordisch Gewöhnte, kaum folgen kann. In diesem Sinne nennt er sich den „Bequemsten", der sich jeder Lage leicht anbequemen kann. Auch Faust, der sich ja allmählich, so- weit das für den Menschen überhaupt möglich ist, vom Stofflichen zu befreien und seinen Geist autonom zu machen sucht, kann in Hellas leben; hier aber, in diesem Studier- zimmer, muss ihm übel werden, wenn er mit seiner freiheits- und schönheitsdurstigen Seele erwacht; ja, sein Leben wäre hier in Gefahr; und damit droht dem Mephistopheles seine Beute vor der Zeit zu entschlüpfen. So ist denn er, der mit dem Antikischen nichts zu thun haben mag, wohl oder übel gezwungen, mit auf die Reise zu gehen; die Aussicht auf die thessalischen Hexen thut dabei das ihre. Da lockt, wie oft im Leben, an der gleichen Scenerie den

Guten das Schöne, den Bösen das Gemeine. So fahren sie denn mit Faust durch die Luft, während Wagner mit höhnischen Worten zu weiterem Experimentieren zurück- gelassen wird. Die Teile hatte er ja in seiner Hand ; das geistige Band aber hat er nicht gefunden; das war freilich nur das Tüpfchen auf dem i, aber ohne dieses Tüpfchen ist eben das i nicht fertig. Und warum kann Wagner niemals ein hohes Ziel erreichen? Wiegen seiner sittlichen Unzulänglichkeit. Denn bei all seinem Forschen verlangt er in erster Hinsicht, was Faust verachtet hatte: „Gold, Ehre, Ruhm, gesundes, langes Leben", lauter erstrebenswerte Dinge für den Philister. „Wissenschaft und Tugend" sind ihm mehr Nebensache. Darum entflieht ihm das Wenige, was er zusammengebracht hatte. Ihm geht es wie Vielen, die emsig Materialien anhäufen, aber sie nicht zu durchgeistigen vermögen, bis ihnen dann Andere die Früchte ihrer Arbeit scheinbar mit leichter Mühe entführen. Sie selbst hätten eben diese Früchte niemals brechen können!

Faust dagegen, der bei seinem wissenschaftlichen Streben keine äusseren, materiellen Zwecke verfolgt und sich vom Stoffe frei zu machen sucht, wird des Anschauens antiker Herrlichkeit gewürdigt. „Ein Tag im Jahre ist den Toten frei": am Jahrestage der „sorg- und grauenvollsten Nacht" erscheinen die Gestalten der alten Welt; die Figuren der antiken Mythologie und die Naturkräfte selbst, die in ihnen personifiziert sind, werden in ihrer Urwirksamkeit offenbar. Hier geht jeder der drei Gesellen aus, um etwas zu suchen, das seiner Natur entspricht: Faust das klassische Schönheitsideal der Helena; unbefriedigt von der Gestalt, die er nicht berühren durfte, will er die einstmals körperlich belebte geschichtliche Helena aus dem Orkus heraufholen und aufs neue dem Tageslicht zuführen. Homunkulus wünscht, selber zu „entstehen", durch Vereinigung mit den Elementen Körperlichkeit zu erlangen, und Mephistopheles endlich verlangt nichts als Amüsement.

So ergeben sich drei Reihen von Ereignissen, die aber nicht ganz streng nebeneinander herlaufen, sondern einander mannigfach kreuzen und verwirren. Goethe hat hier seine ganze archäologische und mythologische Kenntnis aufgeboten, auch in B. Hederichs „Lexicon mythologicum" tüchtig Umschau gehalten, um die pharsalischen Felder zu bevölkern, vor allem aber auf Grund dürftiger und zuweilen recht prosaischer Andeutungen in der Litteratur des Altertums mit dichterischem Genie den Kern der alten Fabelwesen erschaut und ihre Gestalt, oftmals mit sprudelnder Laune, neu belebt, freilich uns auch den ganzen Schauer einer thessalischen Zaubernacht empfinden lassen.

Gleich der Eingang versetzt uns in die rechte Stimmung. Schleppenden Ganges, lang von Gestalt, zieht die Zauberin Erichtho daher und meldet von den Greuelthaten, die hier geschahen, aber auch von dem Grössten, um das hier gerungen ward. Bei Pharsalus ging 48 v. Chr. die römische Republik und damit die heidnische Welt in Trümmer, unter gewaltigen Kämpfen rang sich die Grossmacht der neuen Zeit, das Individuum, ans Licht. Cäsar begrüsst den schlummernden Faust! Allmählich gewöhnt sich unser Auge ans Dunkel, Feuer brennen, und wo Feuer ist, da ist Leben; in der Luft regt es sich, unsere Wanderer kommen aus dem Lande des Lebens ins Reich der Toten, und will- fährig verschwindet Erichtho, um dem Leben nicht zu schaden. Homunkulus und Faust sind hier beide in ihrem Element; der eine beginnt sich gewaltig zu regen, sodass sein Glas erdröhnt und hell autleuchtet, dem anderen, der im Schlaf nur immer an Sie dachte, die einst über diesen klassischen Boden schritt, beginnt das Herz gewaltig zu schlagen. Kaum ist Faust erwacht, so fangen beide an zu suchen, während Mephistopheles mehr der müssige Beschauer bleibt. Kleines bereitet auf das Grosse vor. Eine bizarre Scene: der nordische Teufel unter antiken Fabelwesen: der Böse, Kleinliche unter den Gewaltigen, Grossen. Was könnte er anderes thun als nach dem Bösen zu suchen, auch wo es nicht zu finden ist? Die freie, aber nicht freche Nacktheit der Antike ist ihm, dem von Herzen Gemeinen, anstössig — halbverhüllte Nudität würde ihm prickelndes Gefallen erregen. So tritt er überhaupt diesen naiven Wesen der Antike als der Bewusste, Berechnende gegenüber, der den Greifen verunglückte Komplimente macht und dann in seiner Verlegenheit brutal wird, der sich aber in seinem Elemente zu befinden glaubt, wenn er von dem Raube hört, den das sagenhafte Arimaspenvolk an den goldhütenden Ameisen begeht. Im ganzen fühlt sich der Missgestaltete mit dem Pferdefuss, dem jedes Verständnis für das schönheitsfreudige Altertum fehlt, hier durchaus unbehaglich. Ihn können die Sirenen mit ihren Zaubergesängen nicht verlocken, aber er hat keinen Grund, sich dessen zu rühmen, denn er gehört nicht zu denen, die den sündigen Trieb in ihrem Herzen überwunden haben, sondern zu jenen philister- haften Naturen, die viel zu klein, viel zu feig sind, um über- haupt sündigen zu können; er darf nicht vom Herzen reden, denn er trägt nur einen ledernen, verschrumpften Beutel in der Brust. In der Antike giebt es keine konventionelle Lüge, da bekommt auch der Teufel die Wahrheit zu hören. Hier ist nun der Punkt gegeben, wo sich die Überlegenheit Fausts zeigen darf. Auch er steht vor den Sirenen, aber nur grosse Gedanken sind es, die sie ihm erwecken: vor ihnen standen grosse Helden des Altertums, sie mögen wohl auch Helena gesehen haben. Der Gedanke an diese kommt nicht mehr aus seinem Sinn, er ist sein Führer und sein Talisman : wer die Sehnsucht nach höchster Schönheit im Herzen trägt, der bleibt vor der Sinnlichkeit geschützt. So zeigt sich Faust erhaben über den gemeinen Teufel und die ehrlichen, allwissenden Sphinxe, die dem Mephistopheles, der seinen Namen zu verbergen suchte, sein Wesen und die schliessliche Aussichtslosigkeit seines Strebens im göttlichen Sinne nur allzu deutlich enthüllen; sie leiten Faust auf den rechten Weg, zum weisen Chiron, dem Zeitgenossen Helenas, während sie den zitternden und bebenden Teufel zu den Lamien schicken, „lustfeinen Dirnen", die ihn dann weiter zum Besten haben sollen.

Zum zweitenmal schwillt die Sehnsucht nach Helena in Faust zu einer Vision Ledas und ihres Schwans an.

Chiron nimmt ihn mit sich, der erfahrene Pädagog, der Herakles erzogen hat. Wundervoll ist es zu hören, wie der Alte bei der Erinnerung an diesen seinen Liebling poetisch wird, wie volle, wohltönende Versreihen seinem Munde entströmen, um dann in das Lob Helenas auszumünden, die nicht durch herbe, abweisende Schönheit glänzte, sondern durch den Reiz ihrer Bewegung, durch frohe, lebenslustige Anmut anzuziehen wusste. Absichtlich verwahrt sich Chiron gegen die philologischen Be- rechnungsversuche Fausts, als sei Helena zu der Zeit, wo er sie auf seinem Rücken trug, erst zehn Jahre alt ge- wesen; die Heldenfrau steht immer in den Jahren höchsten jugendlichen Reizes. Nachdem wir dies gehört, werden wir nachher um so eher an die jugendliche Erscheinung der Helena glauben! Und Faust selber verfällt auf das Moment, das ihm zum Glück ausschlagen soll: Schon ein- mal hat Helena, die nicht altert und an keine Zeit gebunden ist, den Zutritt zur Oberwelt erlangt, als sie aufPherä mit Achilleus ein Liebesleben führte. Um so heftiger erwacht seine eigene Sehnsucht, die krankhafte Sehnsucht des modernen Menschen, die Chiron vom Standpunkt des abgeklärten, harmonischen Griechentums nicht begreifen kann, sondern für wirklichen Wahnsinn hält. Faust ist auch in Wahrheit diesem Menschheitserzieher schon über den Kopf ge- wachsen, wie dieser selber früher betont hatte, dass seine Schüler später nach eigener Weise zu leben pflegten. Klarer schaut Manto, die Tochter Äskulaps, die vor- nehmste Sibylle, die grosse Seherin, in die Welt, auch in die Tiefen des Menschenherzens hinein. Behält sie doch auch inmitten des bunten Getriebes der klassischen Walpurgisnacht ihren festen Platz, von wo aus sie das Getriebe rings um sich her beobachtet; die Beharrlichkeit ist ihr Grundzug, und ohne Beharrlichkeit geschieht nichts Grosses ; das ist ja die Tugend, die Faust jetzt auf die Suche treibt, Beharrlichkeit allein, festes Einhalten des beschrittenen Weges macht die sogenannten „unmöglichen Dinge" zum Ereignis und sofort äussert sich die innere Verwandtschaft.





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