> Gedichte und Zitate für alle: Robert Petsch: Vorträge über Goethes Faust I.1 (2)

2019-11-10

Robert Petsch: Vorträge über Goethes Faust I.1 (2)





Es wird der Forschung wohl niemals gelingen, in ganz befriedigender Weise den ursprünglichen Wortlaut dieses gewaltigen Dramas festzustellen, denn schon zu Marlowes Zeiten waren geschickte Hände und findige Köpfe genug an der Arbeit, um solche Scenen, die nur für ihren titanischen Urheber Wert hatten und die minder ungestümen Seelen des Publikums langweilen oder ärgern mussten, zu streichen oder zu kürzen und dafür die komischen Teile und die Streiche Doktor Fausts nach Kräften zu vermehren. Das Stück geriet, sobald es einmal auf der Bühne war, ganz in die Gewalt der Schauspielertruppen; umso freier konnten diese noch mit dem Eigentum des Dichters schalten, als sie gern den englischen Boden verliessen, und, wie es seit den letzten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts mehr und mehr üblich war, auf dem Festlande, vor allem in Deutschland ihre Kunst bewiesen. Schon im Jahre 1608 ist durch englische Komödianten in Graz ein „Doktor Faust", natürlich nach Marlowes Drama aufgeführt worden, und diese Darstellung mochte nicht einmal die erste sein. Hin und wieder hören wir dann im 17. Jahrhundert von weiteren Vorführungen in Dresden, Prag, Hannover, Danzig, München u. s. w., also in den verschiedensten deutschen Landschaften.(8) Mit grosser Freimütigkeit hat man dann Scenen aus anderen Dramen, wie aus Dekkers „Bruder Rausch", oder Verse aus deutschen Bühnenstücken, z. B. von Andreas Gryphius mit herübergenommen, die lustigen Scenen bedeutend erweitert und hie und da wohl auch Züge aus der alten Sage (möglicherweise auf Grund eines verloren gegangenen deut- schen Faustdramas) eingefügt. Im einzelnen interessiert uns die Entstehungsgeschichte des deutschen Schauspiels nicht, der Kern ist immer mariowisch geblieben. Das sogenannte „Ulmer" Puppenspiel, das in Scheibles Sammelwerk „Das Kloster", Band V, Seite 783 ff abgedruckt ist, giebt uns so ziemlich die älteste Gestalt des in Deutschland aufgeführten Dramas wieder. Das Stück muss sich zunächst allgemeiner Gunst erfreut haben; dann begann man von verschiedenen Seiten her dagegen Sturm zu laufen, und vor allem das 18. Jahrhundert stand dem Stoffe nicht wohlwollend gegenüber. Die Aufklärer ereiferten sich über das abergläubische Thema und die Orthodoxen ärgerten sich über die traurige Rolle, die ein Doktor der Theologie in dem Drama spielte. Allmählich verloren auch die gebildeten Stände den Geschmack an der tollen Ausgeburt des 16. Jahrhunderts und nur das Volk, das ja die von den „Gebildeten" abgestreiften litterarischen Gewänder nachzutragen pflegt, bewahrte dem Doktor Faust seine alte Liebe. Allmählich ging das Werk von der Schauspielerbühne auf das Marionetten -Theater unserer Jahrmärkte über. Italienische Bühnenpraxis bewirkte, zuerst in Wien, die Einführung von Zaubereien und Verwandlungen, die wohl auch auf den Theaterzetteln grosssprecherisch angekündigt wurden, zwischen Faust und seinem pedantischen Famulus Wagner ergaben sich amüsante Gegensätze und Faust erhielt einen Diener in Hanswurst, einer gut wienerischen Figur, die in der Mundart den hohen Gedankenflug des Doktors parodierte und schliesslich als Nachtwächter, der die letzten Stunden in Fausts Leben abzurufen hatte, selbständig in die Handlung eingriff. So zeigt denn die grosse Gruppe von Puppenspielen, die uns aus späterer Zeit erhalten ist, schon eine ziemlich veränderte Gestalt, wenngleich das Knochengerüst des englischen Dramas deutlich genug hindurchscheint. Heute ist der „Doktor Faust", wo sich überhaupt noch Puppenspieler hören lassen, ein gern gesehenes Stück. Das Spiel, das Karl Simrock, besonders auf Grund der Aufzeichnungen des Mechanikers und Puppenspielers Geisselbrecht, mit feinem dichterischen Gefühl und gutem Humor zusammengestellt hat, mag im grossen Ganzen das enthalten, was der junge Goethe als Strassburger Student mit angesehen und wovon er die erste Anregung zu seinem Werke empfangen hat. (9) Er war aber nicht der erste, den das trotz aller Verderbnisse immer noch höchst wirksame Spiel mächtig gepackt hatte. Lessing mochte schon während seines Leipziger Aufenthaltes damit Bekanntschaft gemacht haben und erwog zu verschiedenen Zeiten seines Lebens ein eigenes Faustdrama. Der Öffentlichkeit legte er die ersten Scenen im Jahre 1759 in seinem 17. „Litteraturbriefe" vor. Sie sollten seinen Mahnruf zur Anknüpfung an Shakespeare und das Volksdrama durch ein praktisches Beispiel unterstützen. Sein Faust ist aber keine faustische Natur, sondern ein kühler Aufklärer, ein grüblerischer Skeptiker. Übrigens sind die Gespräche zwischen ihm und dem Geisterreiche mehr skizziert, als durchgeführt. Dagegen hat Lessing mit sichtbarer Liebe eine andere Scene des volkstümlichen Schauspiels, die nichts mit Marlowe zu thun hatte, nachgedichtet: die Befragung der einzelnen Teufel durch Doktor Faust nach ihrer Schnelligkeit. Leider hat der Dichter die Scenen ihrer vollen Wirkung beraubt, indem er mit Lessingischer Spitzfindigkeit die in der Vorlage angegebenen Grade der Schnelligkeit: wie der Wind, wie die Strahlen des Lichts, wie die Gedanken des Menschen, noch durch zwei neue Stufen zu überbieten trachtete: wie die Rache des Rächers und wie der Übergang vom Guten zum Bösen. Ein Gelehrten-Drama, in diesem Stile zu Ende geführt, wäre sicherlich reich an geistvollen Sentenzen und Gedankenreihen gewesen, aber ans Herz gegriffen hätte es uns nicht. Eins aber muss hier erwähnt und im Gedächtnis behalten werden: Lessing, der Aufklärer, der gern seine eigene liberale Denkweise, seine unbegrenzte Hochachtung vor jedem ernsten, wenn auch irrenden geistigen Streben des Menschen auf seine Helden übertrug. Lessing hat zuerst den Mut bewiesen, seinen Faust der Hölle zu entreissen. Der stete Drang nach Wahrheit allein genügt, um alle Sünden und Mängel zuzudecken und das Herz schliesslich doch wieder dem göttlichen Wesen anzunähern. Und mit diesem Gedanken ist Lessing allerdings der Vorgänger Goethes geworden — obgleich dieser in seiner Jugend kaum daran gedacht hat, seinen Doktor Faust schliesslich selig werden zu lassen.

8. Vgl. Creizenach, Versuch einer Geschichte des Volksschauspiels vom Doktor Faust, Halle 1878 und ders., die Schauspiele der englischen Komödianten. (Kürschners National- Litteratur, Band 23.) S. XXXIII.

9. Simrock, Die deutschen Volksbücher gesammelt und in ihrer ursprünglichen Echtheit wieder hergestellt. Bd. IV. Frankfurt a. M. 1846.

Wir aber treten, sein Meisterwerk in der Hand, vor die Marionettenbühne hin und fragen : Was für Motive waren es in der Hauptsache, die Goethe dem alten Puppenspiel entnehmen konnte? Er fand sicherlich ein paar dürftige Fetzen des grossen Mariowischen Eingangsmonologs mit seiner sinnreichen Musterung der vier Fakultäten vor, er vernahm vielleicht des Doktors Klage über seine zerrütteten Vermögensverhältnisse und hörte ihn mit seinem Famulus Wagner sich unterreden, der sich dann später im Gespräch mit dem munteren Kaspar als ein greulicher Pedant erwies; auf übernatürliche Weise gelangte Faust in den Besitz eines Zauberbuchs, beschwor die Hölle, wählte sich unter den erscheinenden Teufeln einen mit dem Namen Mephistopheles (oder einem ähnlich klingenden) aus, verlangte aber von diesem, dass er ihm in Zukunft in „menschlicher Gestalt," nicht wie beim ersten Auftreten, als Affe erscheinen solle. (Ähnlich erscheint Mephistopheles bei Goethe zuerst als fahrender Scholast, dann als Kavalier). Goethe konnte ferner das Motiv des Blutpakts herübernehmen, und bei dieser Gelegenheit ergab sich wohl, dass Mephistopheles nicht für sich handelte, sondern durch einen mächtigeren Geist zum Dienste bei Faust abgeordnet war. Aus den späteren Teilen des Spiels konnte der Dichter allerlei Teufelsspuk, Wirtshausspässe, den Aufenthalt am Kaiserhofe, die Beschwörung der schönen Helena und schliesslich noch Faustens Tod für seine Pläne brauchen.

Das wäre etwa das Gerippe einer Handlung, das Goethe mit Fleisch von seinem Fleisch zu umkleiden und mit Blut von seinem Blut zu beleben hatte. Schon in Strassburg scheint er seinen „Faust" eifrig bedacht und zunächst in Gedanken den Gang der Handlung erwogen, auch manche Versreihe im altheimischen Knittelverse, den er in Hans Sachsens Schule frühzeitig mit Meisterschaft handhaben lernte, ausgedichtet zu haben. Es war damals seine Art, grössere Stücke künftiger Werke erst innerlich fertigzustellen, ehe er sie dem Papiere anvertraute. Erst in den Jahren 1774—75, kurz vor der Übersiedlung nach Weimar, warf der junge Frankfurter Rechtsanwalt bald hier, bald da einen „Fetzen aufs Papier. Gelegentlich holte er „aus den Winkeln seines Zimmers" die Entwürfe zusammen, wenn er einem seiner zahlreichen Besucher eine besondere Überraschung bereiten wollte. Er schrieb auch nicht etwa Scene für Scene streng nach der heutigen Reihenfolge nieder, wie ihm denn überhaupt der Gang des Dramas nicht in allen Teilen gleich deutlich vor Augen stand. Noch kurz vor seinem Tode berichtete er an Wilhelm von Humboldt: „Es sind über 60 Jahre, das die Konzeption des Faust bei mir jugendlich von vorne herein (d. h. in den ersten Scenen) klar, die ganze Reihenfolge hin weniger ausführlich vorlag. Nun hab' ich die Absicht (d. h. den psychologischen Zusammenhang des ganzen Werks) immer sachte neben mir her gehn lassen, und nur die mir gerade interessanten Stellen einzeln durchgearbeitet."

Was in jenen letzten Frankfurter Monaten entstanden war, brachte Goethe im Spätjahre 1775 mit nach Weimar, wo er in der Hofgesellschaft, besonders wenn fremde Gäste anwesend waren, gelegentlich sein Werk vorlas und die vorhandenen Lücken etwa durch freie Erzählung ergänzte. Als ein kostbares Vermächtnis aus Goethes Frühzeit sind uns nun diese Blätter wenigstens in einer von dem weimarischen Hoffräulein von Göchhausen angefertigten Abschrift erhalten geblieben, die Erich Schmidt T887 in Dresden entdeckte und die nun unter dem Namen „Urfaust" seit 15 Jahren der Gegenstand eifriger philologischer und ästhetischer Forschung geworden ist (10).

10. Goethes Faust in ursprünglicher Gestalt nach der Göchhausenschen Abschrift herausgegeben von Erich Schmidt. 5. Abdruck, Weimar, Böhlau 1901

Wir überblicken in aller Kürze die Scenenreihe, die der Urfaust" bringt. Die drei verschiedenen Einleitungsgedichte, mit denen der „Faust" in seiner heutigen Gestalt einsetzt, finden wir nicht. Wir werden gleich in das Studierzimmer des Helden geführt und vernehmen seinen ersten, unmutig stürmischen Monolog, belauschen seine Unterredung mit dem Erdgeist und das nächtliche Gespräch mit dem Famulus Wagner. Dann aber folgt hinter den spöttischen Worten Fausts: „Wie nur dem Kopf nicht alle Hoffnung schwindet, der .... froh ist, wenn er Regenwürmer findet" eine grosse Lücke, und wir treffen in der nächsten ausgeführten Scene bereits Mephistopheles mit dem Schüler, oder, wie es hier heisst, dem „Studenten" in Fausts „Museum". Der Dialog der Scene ist niedriger gehalten, als in ihrer späteren Fassung und ergeht sich besonders im ersten Teile in breiten ironischen Ausführungen über den „Geist der Akademien", über den Geiz und die Eitelkeit der Professoren, über die Habsucht der Philister, die den Studenten nach Kräften auszubeuten suchen. Kecker Burschenton herrscht auch in der Scene „Auerbachs Keller", die noch fast ganz in Prosa geschrieben ist und reiche Beziehungen auf Leipziger Verhältnisse und Örtlichkeiten enthält. Dann eine ganz kurze Scene :

Landstrasse. 

(Ein Kreuz am Wege, rechts auf dem Hügel ein altes Schloss, in der Feme ein Bauernhüttchen.)

Faust: Was giebt's Mephisto, hast du Eil?
Was schlägst vorm Kreuz die Augen nieder?

Mephisto: Ich weiss es wohl, es ist ein Vorurteil,
Allein genug, mir ist's einmal zuwider.

Nun folgt sogleich die ganze Kette der Gretchen-Tragödie, im grossen und ganzen so wie heute, bis zum Monolog im „Zwinger". Dazwischen fehlt freilich die grosse Scene „Wald und Höhle", wovon im Urfaust nur ein paar Verse ,(11) nämlich hinter Valentins Monolog, zu finden sind. Auf die Zwinger -Scene folgt sofort die Dom -Scene, als „Exequien der Mutter Gretchens" bezeichnet, dann Valentins Auftreten, dessen Kampf mit Faust aber noch nicht ausgeführt ist, hierauf, ohne die heutige „Walpurgisnacht", die Prosa- Scene: „Trüber Tag, Feld", das kleine Momentbild: „Nacht, offen Feld" und endlich die Kerker-Scene — in Prosa.

Wir sind heute von der Bühne her gewöhnt, Faust in der ersten Hälfte des Gedichts als greisen Gelehrten auftreten zu sehen, der an seiner Weisheit verzweifelt. Das lag auch unstreitig in Goethes Absicht, als er den fertigen ersten Teil in den Druck gab; nicht so, als er den „Urfaust" niederschrieb. Wie Götz von Berlichingen, der für den kräftigen, redlich meinenden Menschen unbedingte Freiheit fordert, dem Zuge seines Herzens zu folgen, der alte Lebensformen zersprengen will, weil sie seiner Kraft keinen Raum geben, um sich auszutoben, wie dieser „rohe Selbsthelfer" kein anderer ist, als Goethe selbst, der gegen das „superkluge" Jahrhundert der Aufklärung zu Felde zieht; wie sich in Adalbert von Weisslingen, der seine Maria verlassen hat oder in Clavigo, der sich treulos von der Braut wendet, des Dichters eigene Herzenswirren und seine seelische Verschuldung gegen Friederike von Brion widerspiegeln, ebenso ist der Doktor Faust, der sich keck über das Fakultätswissen hinwegsetzt, weil es seinem Feuergeiste nicht genügt, der nicht damit zufrieden ist, die Erscheinungen des Natur- und Menschenlebens zu beobachten, zu registrieren und zu katalogisieren, sondern den letzten Gründen ihrer Entstehung nachfragt und die Naturkräfte bei der Arbeit be- lauschen will, um mit ihrer Hilfe selber zu wirken und zu schaffen, dieser Doktor Faust, der an dem armen Gretchen seine Lust büsst, eine Schuld auf die andere häuft und dann gezwungen wird, zu seiner Qual in das Unheil hineinzuschauen, das er angerichtet hat, aber nicht lindern kann, im Grunde kein anderer als der junge Goethe selbst, dem in Herders Schule die Wissenschaft von einer Verstands zur Herzenssache geworden ist und der Friederike gegenüber den ganzen Jammer menschlicher Schuld kennen gelernt hat. Wie sich Götz über die Masse der „Viel zu Vielen" erhebt, um ein Leben auf seine eigene Faust zu führen und dadurch schuldig wird und im Kerker sterben muss, ohne sein eigentliches Ziel erreicht zu haben, so strebt Faust nach einem höheren als dem alltäglichen Wissen, als es die Menge besitzt, aber der Weg dazu führt über die Schranken hinaus, die dem Menschen gezogen sind, er führt, mythologisch gesprochen, zum Bündnis mit der Hölle; woher sollte aber dies titanische Streben des Geistes kommen, wenn Faust nicht überhaupt eine gewaltige Natur, ein Renaissancemensch wäre ? So verlangt er denn auch schrankenlosen Genuss, Befriedigung jeder Lust, verfällt aber nun erst recht in die Bande des Bösen. Während er dem Höchsten nachjagt, versinkt er in das Gemeine; Sünde und Schuld zeichnen seinen Pfad. Er hat mehr erlebt, als die anderen alle, aber die Hölle ist sein Lohn — und, sagt der junge Goethe, das ist Menschenloos, auch ich wag" es drauf. Die Vorstellung von der Unterwelt war ihm nicht fremd, so wenig wie anderen Dichtern der „Geniezeit", der Sturm- und Drangperiode. In seiner Jugendode „An Schwager Kronos" ruft er die Sonne an:

Trunknen vom letzten Strahl Reiss mich,
ein Feuermeer Mir im schäumenden Aug',
Mich geblendeten Taumelnden
In der Hölle nächtliches Thor.

Töne, Schwager, ins Hörn,
Rassle den schallenden Trab,
Dass der Orkus vernehme : wir kommen,
Dass gleich an der Thüre
Der Wirt uns freundlich empfange.

Goethe hat freilich den Schluss damals nicht gedichtet und wohl auch kaum ganz klar vor sich gesehen. Wie die anderen grossen dichterischen Pläne des jungen Goethe, die das Schicksal und die Leiden der ganzen Menschheit in einer typischen Figur vorführen sollten („Julius Cäsar", der „ewige Jude", „Mahomet", „Prometheus") ist auch der Jugendfaust unvollendet liegen geblieben.

11. In der heutigen Fassung 3343 fl". (nach E. Schmidts Zählung): „Nur fort, es ist ein grosser Jammer!"

Goethe hat in Weimar an seinem Werke zunächst nicht weiter gedichtet. Sollten wirklich nur äussere Hemmnisse und Schwierigkeiten, die Lasten des Amtes, die Störungen durch geselligen Verkehr u.s.w. daran Schuld gewesen sein? Der Grund lag wohl tiefer: In Weimar lernte er Frau von Stein kennen und lieben. Sie übte einen gewaltigen Einfluss auf ihn aus, „tropfte Mässigung dem heissen Blute, richtete den wilden, irren Lauf", und an ihrer Seite streifte Goethe die letzten Spuren des ehemaligen „genialen Treibens" ab. Sein angeborenes pädagogisches Talent zeigte sich darin, dass er an sich selbst arbeitete, indem er andere zu erziehen suchte. Wie Faust im zweiten Teil des Dramas dem jungen Kaiser das Gewissen schärfen will, so galt es für Goethe, in der Brust seines einstmaligen tollen Kameraden, des jugendlichen Herzogs von Weimar, das Bewusstsein für die hohen Pflichten des Fürsten gegen sein Land zu erwecken; der Dichter, der sich einst in seinem Faust Jenseits von Gut und Böse" gestellt hatte, ist in die harte, aber segensreiche Schule der Pflicht gegangen, und in einer selbst gewählten Einsamkeit empfindet er zum ersten mal das hohe Glück einer harmonischen Persönlichkeit. „Selig, wer sich vor der Welt ohne Hass verschliesst". Solche Stimmungen waren der Ausführung des „Faust" nicht günstig. Ein äusserer Anlass Hess in dem gereiften Poeten die Gestalten seiner Jugendträume Wiederaufleben. In der Zeit vor seinem Aufbruch nach Italien nahm Goethe eine Gesamtausgabe seiner Werke in Angriff. Dabei ergab sich eine Reihe noch unvollendeter Dichtungen, die dann in Italien abgeschlossen werden sollten, „Faust", „Egmont" und „Tasso". Aber als Goethe 1788 aus dem Süden zurückkehrte, war der „Faust" so wenig vollendet, als früher. In der Hauptsache sind zwei neue Scenen hinzugekommen, und in ihnen zeigt sich Goethe als ein anderer. Aus dem wilden Stürmer und Dränger ist der dankbare Verehrer des klassischen Altertums geworden, das „Abgeschmackte" hat dem „Bedeutenden" weichen müssen. Der wundervolle Monolog „Wald und Höhle" zeigt ihn in seinem neuen Verhältnis zu Natur und Geschichte. Jetzt lebt er in und mit der grossen Natur und verkehrt mit den Gestalten der Vorzeit als mit Seinesgleichen: eine Verjüngung ist in ihm vorgegangen und wenn er nun die Eingangsscenen seines Gedichts nachschlägt, so muss ihm das Ebenbild seiner eigenen Jugend, das er dort gezeichnet hat, jetzt schal und widerwärtig erscheinen: ein Büchermensch, der, wenn er ins Leben hineinstürmen, klassische Schönheit gemessen und innerlich vorwärtskommen will, ebenfalls der Verjüngung bedarf; der Dichter fasst den seelischen Vor- gang mythologisch auf und so entsteht gerade in Italien, im rechten Gegensatze zu seiner Umgebung, die Scene in der „Hexenküche" mit ihrem nordischen Geisterspuk. Auch für die fertigen Teile des Werkes hat der Dichter damals manches gethan. Seinem gestärkten Formgefühl widersprachen die Scenen in Prosa : er begann in höchst genialer Weise die Scene in , Auerbachs Keller" von Roheiten und bedeutungslosen Einzelheiten zu säubern und überaus geschickt zu versifizieren. Auch dachte er an die Ausfüllung der grossen Lücke, indem er das Bündnis zwischen Faust und dem Bösen einschob und später mit der ebenfalls stark gekürzten Schülerscene verknüpfte. Mit dem ganz unvermittelten Einsatz „Und was der ganzen Menschheit zugeteilt ist, will ich in meinem Innern selbst gemessen" u.s.w. kennzeichnet der Dichter selbst seinen neuen Standpunkt gegenüber der Dichtung. Von dem titanischen Drange, es dem Weltenschöpfer gleich zu thun, ist Faust mit Goethe geheilt. Sein Streben hat einen immer noch gewaltigen, aber doch etwas gemässigteren Charakter. Man bedenke, dass in den letzten Jahren Goethes „Zueignung" entstanden war mit ihrer ernsten Mahnung: „Kaum bist du sicher vor dem ersten Trug, kaum bist du Herr vom ersten Kinderwillen, so dünkst du dich schon Übermensch genug, versäumst die Pflicht des Mannes zu erfüllen". Jetzt will er nicht mehr sein, als ein Mensch; aber das, was er ist, will er ganz sein. Er verlangt gleichsam das ganze menschliche Leben mit allen Schwankungen und Wirrungen an sich selber zu durchleben. So wenig, wie früher, erkennt er „Glück" und „Unglück" als bindende gegensätzliche Begriffe an; was der Durchschnittsmensch sein Unglück nennt, ist vielleicht, von einem höheren Gesichtspunkte aus betrachtet, gerade sein Glück. So will Faust gar nicht darüber nachdenken, ob seine Erlebnisse einem andern schwer oder leicht, lieb oder verhasst erscheinen mögen, er sucht nicht das „Angenehme" auf und entflieht nicht dem „Unangenehmen", er will das „Wohl und Weh der ganzen Menschheit auf seinen Busen häufen". Also völlige Auskostung des menschlichen Lebens ist hier der Zweck. Dabei immer noch die Aussicht auf einen tragischen Abschluss: (ich will so), „wie sie selbst (die Menschheit), am End' auch ich zerscheitern". Ob Goethe damals schon eine schliessliche Errettung seines Helden beabsichtigt haben mag? Er scheute sich wohl, an die Ausführung des Schlusses auch nur zu denken, zumal sich, wie wir später noch hören werden, in seiner Schilderung der Liebeswirren Fausts bedeutsame Verschiebungen gegen den Grundplan ergeben hatten. Nicht umsonst erklingt in der Hexenküche die Verheissung: ,Du siehst, mit diesem Trank im Leibe, bald Helenen in jedem Weibe". Vergeblich wartete der Dichter auf die Abrundung des Gedichtes in seiner Phantasie; endlich entschloss er sich, es unvollendet zu lassen, und nur einen Teil des vorliegenden Materials, unter Ausschluss vor allem der unfertigen Valentin- und der noch nicht in Reime gebrachten Kerker-Scene in den Druck zu geben. So brachte denn im Jahre 1790 der 7. Band von Goethes Schriften : „Faust. Ein Fragment" (12). Das Publikum aber wusste mit den abgerissenen Scenen wenig oder gar nichts anzufangen und Goethe selbst hatte den Geschmack an seinem Werke verloren.

12. Gleichzeitig erschien auch eine Sonderausgabe des „Fragments", das man heute in dem bequemen Neudruck von Seuffert (Deutsche Litteraturdenkmale des 18. Jahrhunderts, Heft 5) benutzen kann.

Es ist ein gar nicht hoch genug zu rühmendes Verdienst Schillers, dass er gleich zu Beginn seiner näheren Verbindung mit Goethe an die Weiterführung des gross angelegten Werkes zu mahnen begann und diese Mahnungen späterhin unablässig wiederholte. Zunächst freilich konnte sich Goethe nicht entschliessen, das Packet, dass seine Pläne und Skizzen, sowie die fertiggestellten Scenen enthielt, wieder zu öffnen. Am 29 November 1794 schreibt Schiller von Jena aus: „Aber mit nicht weniger Verlangen würde ich die Bruchstücke von Ihrem Faust, die noch nicht gedruckt sind, lesen; denn ich gestehe Ihnen, dass mir das, was ich von diesem Stücke gelesen, der Torso des Herkules ist. Es herrscht in diesen Scenen eine Kraft und eine Fülle des Genies, die den besten Meister unverkennbar zeigt, und ich möchte diese grosse und kühne Natur, die darin atmet, soweit als möglich verfolgen." Und Goethe antwortete am 2. Dezember: „Von Faust kann ich jetzt nichts mitteilen: ich wage nicht, das Packet aufzuschnüren, das ihn gefangen hält. Ich könnte nicht abschreiben, ohne auszuarbeiten, und dazu fühle ich mir keinen Mut. Kann mich künftig etwas dazu vermögen, so ist es gewiss Ihre Teilnahme." Ganz allmählich erst, vor allem auf dem Wege der mit Schiller gemeinsam betriebenen Balladendichtung findet sich Goethe wieder in die alten Stimmungen, in das romantische Gebiet des Wunderbaren und Unbegreiflichen zurück. Das später dem Werke vorangestellte Gedicht „Zueignung" kennzeichnet seine damalige seelische Lage. Es war im Jahre 1797, wo der Dichter durch die Krankheit seines Freundes, des Kunsthistorikers Meyer, an einer damals beabsichtigten und wohlvorbereiteten neuen Reise nach Italien gehindert wurde. In trüber Stimmung entschloss er sich endlich, zunächst auf kurze Zeit dem alten Bekannten wieder ins Gesicht zu schauen. Allmählich aber musste er sich den „schwankenden Gestalten" gefangen geben und nun rückte der erste Teil, wenn auch in Pausen, seiner Vollendung näher. Natürlich kann ein solches Werk, das Jahrzehnte zu seiner Vollendung brauchte, und dessen Ausarbeitung mehrmals jahrelang unterbrochen wurde, nicht den Eindruck hervorrufen wie eine, aus einem Guss entstandene Dichtung. Hier und da sehen wir die Nähte durchscheinen, wo Goethe Älteres und Neueres zusammengestückt hat, an Widersprüchen und Unklarheiten im einzelnen fehlt es nicht, vor allem ist aber bei der ganzen Erklärung stets darauf Rücksicht zu nehmen, dass sich eben der Grundplan der Dichtung verschoben hatte. Immerhin dürfen wir einem Mann wie Goethe vertrauen, dass er solche Stücke, die auch bei , liberaler Interpretation," wie sie Viktor Hehn für den „Faust" gefordert hat, von einem höheren Standpunkte aus nicht in die Dichtung hineinpassten, rücksichtslos ausgeschieden hätte. Die Masse des schliesslich Fortgelassenen, der „Paralipomena", liefert den Beweis dafür (13). Jetzt strebt der Dichter danach, seine mühsam errungene und befestigte Weltanschauung von der Beseligung des Menschen durch die That, von der reinigenden und erlösenden Kraft der Arbeit und der Menschlichkeit in dem Verlaufe des Faust- Dramas abzuspiegeln. Wir werden sehen, wie seine Auffassung von der Rolle des Bösen in der Welt in dem Prolog im Himmel formuliert und in den ersten Scenen des Mephistopheles weiter ausgeführt wird. Die Einführung des bösen Geistes ist jetzt in ganz anderer Weise erfolgt, als sie der Künstler ursprünglich erdacht hatte, der zweite, grosse Monolog, der im ganzen nur die Gedankenreihe des ersten in reiferer, getragener Sprache weiter ausspinnt, Fausts Selbstmordversuch und die Osterspaziergangs - Scene sind hinzugekommen, ebenso späterhin die Walpurgisnacht. Im einzelnen gab es mancherlei Umstellungen in der Gretchenhandlung, die Kerker-Scene ward in Verse umgesetzt. Das Ganze war im Jahre 1806 fertig, der Druck wurde aber durch die Ungunst der Zeitläufte verzögert und erst 1808 erschien „Faust, eine Tragödie" im achten Bande von Goethes Werken. Auch mit dem fertigen ersten Teil wusste sich die Kritik nicht gleich aller Orten richtig abzufinden und den Wenigsten war es klar, dass der Dichter mit dem „Her zu mir" des Mepistopheles noch nicht sein letztes Wort gesprochen hatte, dass Faust auf Grund seines unablässigen Strebens schliesslich gerettet werden sollte. Natürlich war damals längst der zweite Teil des Dramas bedacht, ja einiges davon ausgeführt. Die Vollendung aber zog sich bis in die letzten Lebensjahre Goethes hinein, und noch ganz kurz vor seinem Tode hat der unermüdliche Dichter an seinem Riesenwerke gefeilt. Doch soll uns die Entstehungsgeschiche des zweiten Abschnitts erst dann beschäftigen, wenn wir uns mit dem ersten genauer vertraut gemacht haben.

13. So sollte im i. Teil eine Scene stehen, die „Faust" in akademischer Umgebung dargestellt hätte, die „Disputations-Scene". Ebenso fielen ganze Abschnitte aus den Walpurgisnacht-Scenen fort.




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