> Gedichte und Zitate für alle: Robert Petsch: Vorträge über Goethes Faust III.4 (12)

2019-11-12

Robert Petsch: Vorträge über Goethes Faust III.4 (12)



Nun spielt er etwa die Rolle eines Tyrtäus, seine Poesie wird selbst geheiligt, indem sie sich in den Dienst heiliger Aufgaben stellt, und sogar der gedankenlose Chor wird von seinem dichterischen Schwünge mit fortgerissen; um wieviel mehr muss er selbst über sich hinauswachsen und alle natürliche Sorge des Menschen vergessend schliesslich sich dem Tode weihen. Die Stimmung motiviert die Handlung. Der Sohn Helenas, der Geistentsprossene, glaubt kraft des Geistes sich frei in die Lüfte erheben zu dürfen, aber den Sohn des Menschen Faust zieht das Stoffliche hernieder; Ikarus stürzt von seiner stolzen Bahn herab. Rührend ist es, die Worte zu lesen, mit denen der alte Goethe unter innigster Anteilnahme das grause Ereignis in seiner euphemistischen Art beschreibt: „Ein schöner Jüngling stürzt zu der Eltern Füssen, man glaubt in dem Toten eine bekannte Gestalt zu erblicken; doch das Körperliche versch windet sogleich, die Aureole steigt wie ein Komet zum Himmel, Kleid, Mantel und Lyra bleiben liegen." Es liegt eine furchtbare Lehre für Helena in diesem traurigen Erlebnis. Sehnend klingt die Stimme des Entschwundenen aus der Tiefe: „Lass in dem düstern Reich, Mutter, mich nicht allein." Das Orkus -Bewusstsein, die Erinnerung an das düstere Reich, dem sie schon angehörte, erwacht in ihr stärker als je; sie weiss jetzt, dass das Verweilen der Geister auf der Erde ein Ende hat, dass auch sie einst wird scheiden müssen wie jetzt Euphorion, und so macht sie mutig den Beschluss. Sie scheidet freiwillig und sofort. Unter den erhabenen Gesängen des Chors, die mehr Lord Byron als Euphorion das Totenlied singen (28) reift ihr Plan. Mit dem Blicke des Genies erkennt sie jetzt deutlich den früher mehr geahnten dauernden Zusammenhang zwischen Schönheit und Unglück — ein echt antiker Gedanke, Liebend scheidet sie und lässt ihr Kleid und den Schleier zurück, den Faust auf des klugen Mephistopheles Rat festhält. Was bleibt ihm? Der konkrete Genuss entschwindet, das Körperliche ist dahingegangen. Aber die Erinnerung bleibt, die Gestalt Helenas gleichsam, die Vorstellung von ihrer alles überstrahlenden Schönheit und Reinheit. Wer sie einmal geschaut, kann sie nie vergessen. Wer sie nie vergisst, dem adelt sie alles, was er denkt und schafft. So bleibt denn zwar auch hier die Sonne, Helena, Faust im Rücken, aber der Abglanz ihres Wesens, ihre Gestalt, übergoldet alles, was vor seinen Augen liegt. Die Erinnerung an sie hebt ihn über die Erde fort, über alles Gemeine, und führt ihn weit von dannen. Sie giebt ihm Mut zu neuem, zu höherem Leben. Nun hat Faust erreicht, was er früher ersehnte, er „schwebt". Dies Schweben aber ist symbolisch zu fassen: seiner Seele sind Flügel gewachsen, und „hinter üim in wesenlosem Scheine liegt, was uns alle bändigt, das Gemeine." Wird sich Faust dauernd auf dieser Höhe halten dürfen, so lange er auf der Erde lebt?

28. Goethe sagt zu Eckermann: „Ich konnte als Repräsentanten der neuesten poetischen Zeit niemand anders gebrauchen als ihn, der ohne Frage als das grösste Talent des Jahrhunderts anzusehen ist. Und dann, Byron ist nicht antik und ist nicht romantisch, sondern er ist wie der gegenwärtige Tag selbst. Einen solchen musste ich haben. Auch passte er übrigens ganz wegen seines unbefriedigten Naturells und seiner kriegerischen Tendenz, woran er in Missolunghi zu Grunde ging. Eine Abhandlung über Byron zu schreiben, ist nicht bequem und rätlich, aber gelegentlich ihn zu ehren und auf ihn im einzelnen hinzuweisen, werde ich auch in der Folge nicht unterlassen." 

Da die , Helena' einmal zur Sprache gebracht war, so redete Goethe darüber weiter. „Ich hatte den Schluss", sagte er, „früher ganz anders im Sinne, ich hatte ihn mir auf verschiedene Weise ausgebildet und einmal auch recht gut; aber ich will es euch nicht verraten. Dann brachte mir die Zeit dieses mit Lord Byron und Missolunghi, und ich Hess gern alles übrige fahren. Aber haben Sie bemerkt, der Chor fällt bei dem Trauergesang ganz aus der Rolle ; er ist früher und durchgehends antik gehalten oder verleugnet doch nie seine Mädchennatur, hier aber wird er mit einemmal ernst und hoch reflektierend und spricht Dinge aus woran er nie gedacht hat und auch nie hat denken können."

Die Antwort wird uns leichter werden, wenn wir noch einen Augenblick im Kreise der zurückbleibenden Choretiden verweilen. Auch ihr Dasein ist dahin, sie haben abzuscheiden mit ihrer Gebieterin, wie sie mit ihr gekommen sind. Sollen sie auch in den Orkus zurückkehren? Der Hades ist der Aufenthalt der heimgegangenen Seele. Dort weilen diejenigen, die früher Menschen waren. Sind diese leichtsinnigen Geschöpfe Menschen gewesen? Haben sie eine Seele gehabt? Ihre Handlungsweise müsste es zeigen. Nur eine einzige unter ihnen fühlt menschlich und wird von ihrer Pflicht zur Herrin hinabgerufen: Panthalis, die Chorführerin. Die andern gehörten auf Erden den „Viel zu Vielen" an, die keine Persönlichkeiten sind, die nicht „leben", sondern nur „vegetieren", sich mästen und schlafen und sich vermehren gleich Tieren. Sie hatten nur ein elementares, nicht ein geistiges Dasein, und so bleiben sie denn den Elementen erhalten. Sie schlüpfen als niedere Geister in Bäume und Sträucher, beleben Felswände und Wiesen, Flüsse, Bäche und Rebenhügel und freuen sich des bunten Lebens, das sich rings um sie her entfaltet. Dass sie Wesen von niederer Art sind, bleibt uns keinen Augenblick verborgen. Aber Goethe hat auch sie mit dem Auge des schaffenden und darum liebenden Dichters und des Naturfreundes angeschaut. Er weiss selbst die Nichtigkeit liebenswürdig zu machen, wie vorher die Gärtnerinnen in der lustigen Mummenschanz oder die Spaziergänger am Ostermorgen.

Die Welt des Scheins ist dahin, alle Wesen werden zu dem, was sie im eigentlichen Kern sind : Helena zum Schattenbild im Hades, die Choretiden zu Elementargeistern, die Phorkyas zum Mephistopheles, und Faust — zum Menschen. Wie der Held für die That wiedergewonnen wird, vom ästhetischen zum praktischen Leben, vom Zeitalter Winckelmanns zum Jahrhundert Bismarcks fortschreitet, zeigt der vierte Akt. Grosse Augenblicke öffnen unsere Seele; im Hochgefühl, dem Ziele näher gekommen zu sein, wächst unsere Kraft und stählt sich unser Mut für neue, höhere Aufgaben. Das ganze Weh der Trennung hat Faust empfunden; aber er liebt kein faules Auskosten dieses Schmerzes, kein Dahindämmern in sentimentalen Seufzern und Klagen, — sondern während der Fahrt durch die Höhen erfüllen ihn schon wieder neue, grössere Gedanken, wovon wir alsbald erfahren sollen. Das ist die rechte Wirkung! Keine niederschmetternde, wie beim Scheiden von Gretchen, wo er schuldig geworden war, sondern eine erhöhende, ähnlich jener Scene in „Wald und Höhle", da Faust in der Einsamkeit sich selbst wiederfand, ehe der Böse zu ihm trat. So langt er auch jetzt in der Einöde an, im Hochgebirge, wo die Natur ihre gewaltige Sprache redet. Noch einmal lenkt er sehnend den Blick zurück : die Wolken, aus Helenas Schleier gewoben, zerfliessen; noch ist Faust Mensch, noch ist es ihm nicht vergönnt, dauernd zu schweben, mit festen Füssen muss er wieder auf die Erde treten, um sich mit den Dingen rings um ihn her auseinanderzusetzen. Aber der letzte sehnsuchtsvolle Blick in die Vergangenheit öffnet ihm auch das Auge für das längst Durchlebte: der letzte Streifen jenes Nebels, der ihm Helenas Bild noch einmal in strahlender Schönheit zeigte, zaubert noch ein anderes entzückendes Bild vor ihn hin: „Des tiefsten Herzens frühste Schätze quellen auf. Er hat Helena nicht bloss genossen, er hat sie geliebt ; nun der Körper dahin ist, bleibt die Liebe, und die jetzige Stimmung ruft die frühere zurück: Gretchen steht wieder vor ihm ; nicht mit wilder Gier, sondern mit warmer Liebe erfasst er noch einmal ihr Wesen, so wie er im Anfang vor ihr stand, als er vor sich selber in die Einsamkeit entfloh, um sie nicht zu verderben. Hätte er jenen „ersten, kaum verstandenen Blick festgehalten", der hätte „jeden Schatz überglänzt". Aber er musste durch die Schuld zur Erkenntnis dringen. Auch dies Bild zerfliesst, und betrübt fühlt Faust, wie „das Beste seines Innern" mit fortgezogen wird, er gehört wieder dem Alltag an, das heisse Herz kühlt sich ab; „Aber ach, schon will mir bei dem besten Willen Befriedigung nicht mehr aus dem Busen quillen, ach warum muss der Strom so bald versiegen und ich wieder im Durste liegen? Davon hab' ich so viel Erfahrung." Doch diese Erfahrungen drücken ihn jetzt nicht mehr bis zum Verzicht nieder, sie stacheln ihn auch nicht mehr dazu auf, wild und gedankenlos durchs Leben zu stürmen; sie lenken ihn auf die Erde als auf sein Wirkungsgebiet zurück „zu neuen Sphären reiner Thätigkeit"; da werden sich auch von Zeit zu Zeit wieder die „hohen Augenblicke" einstellen.

Und wieder tritt der Böse zu ihm; wie dort in der Scene „Wald und Höhle", so zeigt sich auch hier gleich in der Sprache der ungeheure Abstand zwischen ihm und Faust. Die grosse Abschiedsrede des Helden ist in Trimetern gehalten, in dem klassischen Masse, das Helena sprach, als sie zu ihm kam. Im ganzen „Helena-Akt" hatte er seine eigene Sprache gesprochen und Helena hatte sich seiner Ausdrucksweise anbequemt. Nun hat die Liebe und das völlige Versenken in die Entschwundene seiner Zunge das klassische Versmass entlockt. Das hat zwar keinen Bestand : Unter der Einwirkung des Mephistopheles kehrt Faust sehr bald zur gereimten Rede zurück, aber nur die Form wandelt sich, nicht der Gehalt. Fausts Anschauungsweise ist gefestigt, und der Teufel vermag mit seinem Rütteln nichts gegen sie. Der tiefe Gegensatz zwischen beiden wird aber nicht bloss durch die verschiedene Sprache angedeutet. Faust ist auf einem Wolkengefährt durch die Lüfte dahergeflogen, Mephistopheles hat sich mit Hilfe der Siebenmeilenstiefel des nordischen Aberglaubens auf der Erde bewegen müssen und macht bei seinem Auftreten einen fast lächerlichen Eindruck. Ebenso lächerlich und abergläubisch ist die Naturanschauung, die er vorträgt und durch die er sich dem Neptunisten Faust gegenüber als Vulkanisten strengster Observanz bewährt. Natürlich ist es ihm vor allem wieder darum zu thun, den Helden von seinen höheren Zwecken abzuziehen und die Erinnerung an Helena in ihm auszulöschen. Früher versuchte er es mit sinnlichen Zerstreuungen, jetzt will er durch gelehrte Haarspaltereien die Aufmerksamkeit Fausts ablenken. Darum führte er ihn seinerzeit ins Laboratorium Professor Wagners, darum verwickelt er ihn hier in den Disput über die Entstehung der Gebirgswelt. Aber Faust geht gar nicht mehr auf die Kontroverse ein und das ist für uns bedeutsam. In gewissem Sinne ist Faust „vom Wissensdrang geheilt", nämlich insofern, als er es aufgiebt. über Dinge zu grübeln, die dem Menschen ewig verschlossen bleiben müssen; für ihn hat die Wissenschaft nur einen Wert, wenn sie sich zum Nutzen der Menschheit verwenden lässt. Wohl gemerkt! Faust ist nicht etwa einer jener gemeinen Nützlichkeitsfanatiker , die zu allen Zeiten ihr Wesen trieben und sich heute etwa um die Beseitigung des Studiums der klassischen Sprachen bemühen, weil es für das tägliche Leben keinen „Wert" habe. „Nutzen" der Menschheit ist ihm nicht materieller Nutzen. Und das Land, das er nachher der Menschheit erobert, wäre für viele ein höchst zweifelhafter Besitz, da es dauernd gegen die Gewalt des Meeres verteidigt werden muss. Nein, darin besteht eben seine Aufgabe, die Menschheit zur Arbeit, zur täglichen Eroberung des Daseins zu erziehen, die Philister zu Menschen zu machen. Wenn ihm die Wissenschaft hilft, in diesem Sinne „die Menschen zu bessern und zu bekehren", dann ist sie ihm willkommen. Im übrigen resigniert er gern und lässt lieber die gewaltige Gebirgsnatur ästhetisch auf sich wirken, als sich vom Teufel alte Legenden auf- schwatzen. Der geistige Trieb ist jetzt bei ihm mit dem im besten Sinne des Wortes sinnlichen Trieb eng verschmolzen, das blosse Spintisieren über die geheimsten Gründe des Geschehens aber verwirft er ebenso, wie Martin Luther als Theolog ein abgesagter Feind aller metaphysischen Grübeleien gewesen ist.

In unwegsame Gründe taucht er nicht, er bleibt an der Oberfläche — weil er weiss, dass es auch da für den tiefen Menschen genug zu finden und zu thun giebt. Der Teufel freilich sieht es anders an. Er ist es zufrieden, dass er mit seiner halb humoristischen Erzählung vom Sturz der Teufel und ihrer höllischen Revolution abgewiesen wird; ein unbestimmtes Gefühl sagt ihm, dass für den, der einmal daran ist, sich selbst zu beschränken und dem kühnen Wissensdrang Einhalt zu thun, die Gefahr der Verflachung vorliege. Faust ist aber jetzt stark genug, um sich in der Mitte zwischen den Extremen zu halten. Doch Mephistopheles findet sich auch in die neue Situation hinein. Da er Faust mit Sinnlichkeit nicht mehr verlocken kann, so beschliesst er, ihn mit der anderen Satansklaue zu packen, Habgier und Herrschsucht in ihm zu erregen. Auch hier ist das rechte Mass ja so schwer zu finden. Führt Thätigkeit zu Macht und Besitz, so ist es gut, aber Macht und Besitz sollen nicht unser letztes Ziel sein, sondern die Thätigkeit sei auf das Höchste gerichtet. Faust wagt sich auf ein neues Lebensgebiet, auf das der öffentlichen Wirksamkeit. Auch hier wird er erst seine Erfahrungen sammeln müssen und im einzelnen wird ihm das Straucheln nicht erspart werden. Aber im allgemeinen ist er sich doch über Weg und Ziel so klar, dass ihn nur ein Teufel nicht begreifen kann. Wir lernen das doppelte Herrscherideal des Mephistopheles kennen. Er schildert uns vom Standpunkte der Hölle aus städtische und höfische Kultur, das Leben in einer Handelsmetropole und die Genüsse eines Louis XIV. Beides ist gleich verwerflich, gleich gemein. Denn bei all dem Hin- und Wiederlaufen in der Stadt kommt nichts heraus, als die Fristung und Erleichterung des gemeinen, täglichen, animalischen Lebens. Keine grossen Gefahren, keine erhabeneren Ziele als die „Behaglichkeit". Die Folge ist, dass die unverbrauchte Kraft des Geistes zu gefährlichen Zwecken verwandt wird : „Man erzieht sich nur Rebellen". Der Fürst ist zu beklagen, dessen Volk nur nach Goldgewinn trachtet und trotz alles Gewinnes immer unzufriedener wird, weil das bisschen , Bildung'' , das es sich aneignet, nicht seinen Geist erhebt, sondern seine Begierde steigert, seine Einbildung erhöht. Schlimmer noch der Fürst, der sich selber einem Lotterleben ergiebt, wie es Mephistopheles mit teuflischem Behagen abzumalen weiss.

Aber Faust will gar nicht selbst König sein, er will nur schaffen. Da ihm denn an materiellen Genüssen so wenig gelegen ist, so sucht der Teufel nach neuen Erklärungen für seine Pläne. Ward eines Menschen Geist in seinem hohen Streben von seinesgleichen je gefasst? Eine angestrengte Thätigkeit bloss um ihrer selbst willen erscheint ihm als ein Unding, weil ihm der hohe Genuss geistiger Arbeit unbekannt ist. Sollte Faust etwa nach mehr abstrakten Gütern geizen, z. B. Ehre und Ruhm? Faust lehnt das schlechtweg ab: „Die That ist alles, nichts der Ruhm." Das klingt grossartig, ist aber nur halb wahr, wie denn auch die vorhergehenden Worte: „Herrschaft gewinn' ich, Eigentum" eine schwere Gefahr in sich schliessen. Wer sich von dem Eigentum gefangen nehmen lässt, droht in Unthätigkeit zu verfallen, und wir werden sehen, wie Faust in Gefahr gerät, an dieser Klippe zu scheitern. Während er sich hier nicht genügend vorsieht, schätzt er den Ruhm entschieden zu niedrig ein. Von den drei angeführten Glücks, gütern dieser Welt ist sicherlich der Ruhm noch das beste. Davon ist Goethe so gut überzeugt wie irgend ein Fürst der Renaissancezeit. Am Schlüsse des Dramas erst werden wir ihn auf der höchsten Stufe seiner Entwickelung sehen: Da verzichtet er auf den Besitz, auf das, was das Auge sieht; von der Zukunft aber erhoftt er: „Es kann der Ruhm von meinen Erdentagen nicht in Äonen untergehn". Dazu muss also Faust erst noch erzogen werden. Vorläufig ist das Stoffliche noch nicht aus seiner Seele ausgeschieden, ja es hat noch eine gewisse Gewalt über ihn und lockt ihn zu Thaten, bei deren Ausführung dann freilich sein innerer Mensch immer freier, reiner, grösser wird. So muss die Materie zur Befreiung des Geistes dienen, so muss der Teufel, der das Böse will, das Gute schaffen.

Faust will das Gebiet, das er zu beherrschen, von dem er Gewinn zu ziehen denkt, erst selber schaffen, fruchtbares Land dem unfruchtbaren Meere abgewinnen. Man soll diesen grossen Entschluss und diese gewaltige dichterische Konzeption nicht durch alberne, hämische Interpretationen schänden, als würde Faust am Ende seines Lebens „Ingenieur". Goethe konnte für seinen zur Thätigkeit der Erde bestimmten Helden kein höheres Ziel finden, als den Kampf mit den Elementen zum Heil der Menschheit aufzunehmen. Nicht Menschen schaffen auf künstliche Weise, wie ein Famulus Wagner, — denn der Menschen giebt es genug und sogar viel zu viele auf der Welt — sondern für die vorhandenen ein Wirkungsgebiet schaffen, auf dem sich ihre Kräfte entwickeln, stärken, üben, auf dem sie zu Persönlichkeiten werden können, — das ist ein Ziel, würdig eines Faust. Man beachte aber, dass er vorläufig nichts anderes vor hat, als Land zu schaffen! Der grosse Volkserziehungsgedanke kommt ihm erst später, als er selber wieder innerlich um manche Stufe höher gestiegen ist. Aber es wird Faust alles so schwer gemacht, wie irgend möglich, damit wir wirkliches, dramatisches Leben sich entwickeln sehen: der eiserne, nie gebrochene Wille überwindet alle Schwierigkeiten, unter denen so viele Philistematuren zusammenbrechen. Viele wollen arbeiten und finden keinen Boden für ihre Thätigkeit: Faust schafft sich selber seine Arbeit, schafft sich das Land, von dem aus er weiter wirken soll. Aber nicht einmal das Schaffen des Landes steht ihm frei, er muss dazu erst die Erlaubnis des Landesherm haben und erlangt diese wieder nicht durch freie Gnade, die so manchem sein Wirkungskreis anweist, sondern muss sie sich unter Opfern verdienen. Unter Opfern ! Denn die Einwilligung zu dem Hexenspuk des Mephistopheles ist jetzt für den unter griechischem Himmel gereinigten Faust etwas Herabwürdigendes, Entehrendes. Immerhin ist er noch nicht hoch genug gestiegen, um sich ganz und gar von dem höllischen Gefährten loslösen zu können; aber seinen tiefen Widerwillen gegen den Beistand des Bösen fühlen wir doch heraus.

So lenken wir denn wieder in die Kaiserhandlung ein und sehen nun, wie Goethe um des Endes willen (Akt IV und V) schliesslich, rückwärts komponierend, den Anfang des 2. Teils schaffen und gerade so schaffen musste, wie er ist. Jetzt greift Glied auf Glied ins Schönste in einander. Jene ersten Akte sollten uns den Kaiser einerseits leichtsinnig zeigen, so dass wir verstehen können, dass er trotz der Beseitigung der augenblicklichen Geldnot alsbald wieder in die grösste Verlegenheit gerät , andererseits doch mit so vielen rein menschlichen Vorzügen ausgestattet, dass ein edler Mann wie Faust bereit sein darf, ihm zu helfen. Jetzt ist gekommen, was einst vorauszusehen war; hatte früher, in den „schlechten Zeiten", der Kaiser doch hier und da auf seine beschränkten Mittel Rücksicht nehmen müssen, so glaubte er nach dem Eingreifen des fremden Zauberers seiner Genusssucht rückhaltslos die Zügel schiessen lassen zu dürfen. In schlechter Gesellschaft vergeudete er Zeit, Kraft und Geld, der Respekt vor der Majestät schwand dahin. Das sind die Folgen der Geschenke des Mephistopheles ! Zugleich entwickelt Goethe hier sein eignes Fürstenideal! Er ist ein Mann, der die Autorität des Herrschers, selbst das „Gottesgnadentum" anerkennt, wie ja auch nach Richard Wagner der König einer der vornehmsten Familien des Landes angehören soll. Die Majestät muss exklusiv sein, selbständig denken und die Anderen nur zu Vollstreckern ihrer Befehle benutzen. Das klingt reaktionär, wie manche andere Äusserung des alten Herrn. Aber wenn es dann weiter heisst: „Geniessen macht gemein", so erinnert das an einen anderen Grundsatz: „Der König ist der erste Diener des Staates" und ist im allerbesten Sinne modern. Aber die Majestät ist ihm eben auch etwas Heiliges und im Staatsleben so wenig, wie im Geistesleben behagt ihm ein feiger und fauler Utilitarismus, der nach dem Worte verfährt: Herr ist, wer uns Ruhe schafft". Dem Fürsten eine Censur über sein sittliches Verhalten auszustellen, die Majestät öffentlich zu kritisieren und schliesslich des Thrones verlustig zu erklären, das schmeckt ihm nach Selbstüberhebung, nach Einmischen in Dinge, von denen man nichts versteht, das klingt ihm treulos und „pfäffisch". Und wirklich haben die Pfaffen im Stück von altersher eine Wut auf diesen Kaiser. Wir hörten schon die durch ihre Geistlosigkeit und Selbstüberhebung widerwärtigen Moralpredigten des Kanzlers und erfahren später, dass der Herrscher bei seiner Krönungsfahrt in Italien den „Nekromanten von Norcia" befreite, als er zum Feuertode geführt ward und dass ihm die Kirche bis heut nicht die Entreissung des scheinbar schon sicheren Opfers verziehen hat. So ist denn die Geistlichkeit mit den Rebellen im Bunde, um das von Gott eingesetzte Kaisertum zu stürzen. Hier beschliesst Faust zu helfen, und da das Heer des Gegenkaisers schon im Anrücken ist, so kann diese Hilfe nur kriegerischer Art sein, und obwohl sich Faust sträubt, da einzugreifen, wo er nichts versteht (bei seiner Feldherrnthätigkeit in der Peloponnes handelte es sich ja mehr um Eroberung, als um Schlachtentechnik), muss er auf Mephistopheles' Vorschläge eingehen, um sein nächstes Ziel zu erreichen.

Was thut nun Mephistopheles? Er tritt mit „allegorischen Lumpen" auf; wir dürfen uns aber durch die prächtige Art, wie Goethe diese Gestalten zu verkörpern und zu beleben gewusst hat, den Blick für ihre tiefere Bedeutung nicht blenden lassen und werden dann sehen , dass ein eigentlicher Zauber gar nicht mehr vor sich geht, sondern Mephistopheles zwar mit schlechten und gemeinen, aber nicht eben unnatürlichen Mitteln arbeitet. Denn diese Gestalten, Rautbold, Habebald und Haltefest sind ja nichts anderes, als die leibhaftigen Verkörperungen viehischer Triebe im Menschen: der Kampflust, der Habgier und des Geizes. Es ist ganz natürlich, dass diese im Kriege entfesselt werden. Es genügt auch, wenn der Feldherr, der Leiter des Ganzen, die letzten idealen Zwecke seiner Unternehmung vor Augen hat. Dem einzelnen Soldaten wird er sie kaum erklären können. Dieser handelt, auch wenn er noch so gut erzogen ist, immer aus mehr oder minder egoistischen oder doch niederen Beweggründen. Auch Richard Wagner hat ja darauf hingewiesen, wie im Kriege jeder denkt, für ihn liege eine ganz besonders grosse Gefahr vor und aus diesem Gedanken heraus seine Kräfte dem Ganzen zur Verfügung stellt; er glaubt sich selbst zu dienen und fördert die Allgemeinheit, er „wirkt im Wahn". So entfacht denn auch hier Mephistopheles die Instinkte in den Massen des Heeres, stellt die blutgierige, draufgehende Jugend auf den rechten Flügel, wo es den stärksten Angriff gilt, die zähen, älteren Generationen auf den linken, wo sie sich auf die Verteidigung einer festen Stellung zu beschränken haben, das Mannesalter, das den Besitz zu würdigen weiss, in die Mitte, von wo sie auf das Zelt des Gegenkaisers mit den Schätzen der feindlichen Partei einzustürmen haben. Wenn so durch teuflische Einwirkung die egoistischen Instinkte in den Massen entzündet sind, so dürfen wir wohl auf einen Erfolg hoffen.

Mittelmässige Geister entfalten bisweilen in der Stunde der Gefahr eine gewisse Grösse und Weite des Gesichtskreises, um dann in ruhigeren Zeiten wieder in das alte, schlaffe Philisterium zurückzusinken. Nur ganz grosse Naturen werden aus einer gefährlichen Situation in die andere übergehen, um immer grösser und bedeutender zu werden. Zu den ersteren gehört der Kaiser, zu den letzteren Faust. Die Gefahr erst hat dem Landesherrn das Gewissen geschärft, sein Hoheitsgefühl rege gemacht. Freilich zeigt er sich mehr „nobel" als gross und gut, wenn er anfangs die Hilfe Fausts ablehnt, der sich als den früher von ihm befreiten sabinischen Zauberer von Norcia ausgiebt und ihm mit den geheimen Kräften der Berge beispringen will. Unklug ist auch sein Verlangen, dem Gegenkaiser den Fuss aufs Haupt zu setzen. Er denkt immer nur ans Nächstliegende, an die Beseitigung der augenblicklichen Gefahr, an die Befriedigung seiner persönlichen Rachsucht; viel weniger klar ist ihm die Quelle der Gefahren, seine eigene schlechte Regierung. Er ist ganz von seinen augenblicklichen Stimmungen abhängig, zuchtlos in seinen Empfindungen. So macht er sofort den neuen Verbündeten verletzende Vorwürfe, als die Schlacht zu seinem Nachteil auszugehen scheint. Als ob er ohne ihre Hilfe auch nur das Geringste hätte leisten können! Trotzdem greift Mephistopheles von neuem ein, da er als Teufel seine Ehre daran setzt, das begonnene Werk auch zu vollenden. Hat er vorher in den eigenen Leuten egoistische Leidenschaften erweckt, so wendet er sich nun, als die Linke, die den Gebirgspass verteidigen soll, zu wanken beginnt (das zähe Alter hält der stürmenden Jugend auf die Dauer nicht Stand) ein entgegengesetztes Mittel an: er geht zur Verwirrung der Gegner über. Sinnestäuschungen kommen in der Natur oft vor, Luftspiegelungen, Sankt-Elmsfeuer haben schon oft trügerische Hoffnungen oder plötzlichen Schrecken erregt. Es erscheint also gar nicht unglaublich, dass Mephistopheles, der Herr der Täuschungen und Verwirrungen, hier im Augenblick eine Fülle derartiger Täuschungen häuft, um die Feinde ganz und gar zu blenden und zu verwirren. Plötzlich glauben sie Wasserströme vom Berge herabstürzen zu hören, fürchten, zu ertrinken, machen schleunigst kehrt und werden drunten wieder durch Feuererscheinungen geschreckt. Das Ganze geht blitzschnell vor sich, selbst Faust wird getäuscht, nur der kluge Teufel sieht den „Spuk" nicht, den er erregt, weil ihm nicht die Gabe der Phantasie verliehen ist.

Nicht mit unmöglichen, aber mit unlauteren Mitteln ist der Sieg errungen: unermessliche Beute fällt den Siegern zu. Der kluge Mann wird den unrechtmässigen Besitz wenigstens nachträglich durch weise Benutzung zu adeln suchen; kleinen Naturen aber, wie dem Kaiser, kann das gewaltsam erworbene Gut nur Schaden bringen. Der Zank beginnt gleich im Zelt des Gegenkaisers, wo die habgierigen Gesellen des Mephistopheles die Beute teilen wollen, aber die Schatzkiste zerbrechen und das Gold durch die Löcher in der Schürze der Marketenderin entrollen sehen. „Wie gewonnen, so zerronnen" : das gilt aber auch für den Kaiser.

Kaum ist er ausser Gefahr, so verfällt er auch wieder in die alte Gedankenlosigkeit und anstatt den jetzigen, immerhin annehmbaren Zustand fortschreitend von Gipfel zu Gipfel mit höheren, freieren Lebensbedingungen zu vertauschen, sucht er das einmal Gewordene nun für immer festzulegen, das Zufällige zum Gesetz zu erheben, nur um nicht wieder in die Gefahr zu kommen, aufs neue handeln zu müssen. Persönlichkeiten wie er verdienen keine Freiheit und wenn Faust sich selber in immer erneutem Streben seinen Wirkungskreis erringt, so schmiedet der Kaiser seine eigenen Ketten; er bindet sich die Hände, indem er die Fürsten seines Landes zu Kurfürsten erhebt und sie mit unerhörten Vollmachten ausstattet, die schliesslich die kaiserliche Majestäten zu einem Schatten herabdrücken. Goethe verwandte im 3. Akte die Völkerwanderung, die Eroberung klassischen Bodens durch germanische Kraft zu grossartiger Wirkung, hier benutzt er den Erlass der goldenen Bulle: so schreitet das Drama gewaltig durch die Kulturgeschichte Deutschlands und Europas dahin. Mit klassischen Trimetern hatte der Akt begonnen, er schliesst mit barocken Alexandrinern. Ein schwächliches, nach aussen glänzendes, innen verfallendes Königtum spricht in solchen Zeilen; der Kaiser verarmt und was ihm die Fürsten noch lassen, das nimmt die Kirche. Ursprünglich sollte die Scene auch die Belehnung Fausts durch den Kaiser bringen — die Belehnung mit jenem Uferstriche, den er dem Meere erst abringen soll. Die Scene ist jetzt gestrichen und hinter die Koulissen verlegt. Denn der Kanzler, der die betreffende Urkunde verlesen müsste, ist Fausts grösster Feind. Wir sehen in ihm die Habgier der Kirche verkörpert, die nicht bloss durch drohenden Hinweis auf die päpstliche Rache an dem Verbündeten des Necromanten von Norcia dem Kaiser die schönsten Landesteile und Rechte abzupressen, sondern auch die Früchte von Fausts Fleiss und Genie im voraus zu brechen sich erdreistet. „Den Zehnten, Zins und Gaben und Gefälle" in jenen, erst zu schaffenden Landstrichen muss der Kaiser der Kirche versprechen. So schafft denn Faust zunächst ohne Aussicht auf Gewinn, argwöhnisch belauert von seinen Feinden, er schafft, weil die Thätigkeit sein Lebenselement geworden ist, weil er schaffen muss.




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