> Gedichte und Zitate für alle: Robert Petsch: Vorträge über Goethes Faust III. (8)

2019-11-11

Robert Petsch: Vorträge über Goethes Faust III. (8)



III.

Zu einer Fortsetzung seines Werkes über die Gretchenhandlung hinaus und vor allem zur Darstellung des von der alten Sage berichteten Verkehrs zwischen Faust und der schönen Helena war Goethe sicherlich schon in seiner vorweimarischen Zeit entschlossen. Sollte er aber wirklich damals schon etwas von diesen späteren Teilen zu Papier gebracht haben? Erhalten ist uns von solchen Scenen nichts, und sicherlich hätte der stark realistische, jugendliche Dichter nicht recht gewusst, wie er die Gestalten des klassischen Altertums in die Faustwelt, in das Deutschland des 16. Jahrhunderts hineinstellen sollte. In Italien scheint er, wie schon angedeutet, die Lust verloren zu haben, eine solche Verschmelzung heterogener Bestandteile vorzunehmen, er wollte eigene Griechendramen liefern und bedachte wohl zeitweilig ein einzelnes Werk, in dessen Mittelpunkt Helena stehen sollte. Indes von allen in Italien gefassten, antikischen Plänen ist schliesslich keiner ausgeführt worden. Vor einer gründlich klassizistischen Tragödie, die auch in unsere moderne Welt kaum hineingepasst hätte, bewahrte den Dichter sein gesundesGefühl, und dieVerschmelzung antiker und moderner oder doch mittelalterlich-deutscher (damals sagte man: romantischer) Elemente führte ihn dann doch wieder zum Helenaakt in seinem Faust, der ihm auch von allem am nächsten lag. So bemüht er sich gegen Ende der 90er Jahre wieder um den Anschluss der griechischen Bestandteile, denkt daran, Helena im Rheinthal auftreten zu lassen, kommt aber schliesslich doch auf die Gestaltung, die uns heute im fertigen Drama vorliegt und 1800 kann er Schiller die „Helena" vorlesen, die im ganzen mit dem jetzigen dritten Akt über- einstimmt, nur dass z. B. der Anfangsvers und ein paar Chöre fehlen. Auch den Schluss des Dramas hat Goethe damals eifrig bedacht, und manche Elemente aus der Dichtung der neunziger Jahre sind schliesslich in das fertige Werk mit übergegangen. Gedruckt aber ward vorläufig nichts von dem Fertiggestellten; allmählich erlahmte auch wieder die Lust an der Arbeit. Und im Jahre 1824 war Goethe fest entschlossen, das Werk ruhen zu lassen und in „Dichtung und Wahrheit" zu erzählen, wie er sich in seiner Jugend die Vollendung gedacht habe. Diese Erzählung ist uns erhalten (25) und ein wichtiges Dokument, das aber mit Vorsieht benutzt werden muss, weil Goethe hier sicherlich spätere Gedanken reichlich mit früheren gemischt hat. Was uns an dieser Skizze auffällt, ist vor allem der starke Realismus einiger Stellen, der uns an den ersten Teil erinnert. Da tritt nicht ein namenloser Kaiser in einer idealen Gegend auf, sondern Kaiser Max hält Reichstag in Augsburg. Da giebt es keinen Abstieg zu den „Müttern" und keine klassische Walpurgisnacht. Helena wird einfach durch einen magischen Ring die Körperlichkeit verliehen und sie muss von dannen gehen, als sie ihn im Schmerz um ihren Sohn vom Finger streift. Die Skizze legte Goethe 1824 seinem jungen Freunde Eckermann vor und diesem haben wir nun, wie Schiller die Vollendung des ersten Teils, die Ausdichtung des ganzen Riesenwerks zu verdanken. Unablässig drängte und mahnte er den Meister, besprach mit ihm das Ganze und einzelne Teile, äusserte ein warmes Interesse an jeder Kleinigkeit, wodurch der Dichter selbst wieder Lust bekam, dies und jenes von neuem zu durch- denken, und so beginnt denn Goethe rückwärts zu dichten und die klassische Walpurgisnacht als Einführung Helenas, schliesslich den ersten Akt zu bearbeiten. Dann geht er mutig auf das Ende los, in seinen Tagebüchern sich immer wieder zu ernster Arbeit am „Hauptgeschäft" ermunternd. 1831 ist das Ganze fertig, aber bis zu seinem Ende hat der Dichter noch unablässig an dem Werke, selbst in der Reinschrift, gefeilt und gebessert.

25.  In Erich Schmidts Ausgabe (Weimarer Goetheausgabe, Band XV) Seite 173 ff. der Lesarten.

Kein denkender Mensch, der da weiss, welche starke Wandlungen die Persönlichkeit eines entwickelungsfähigen Menschen im Leben durchzumachen hat, wird eine wirkliche künstlerische Einheitlichkeit, eine Gleichheit des Stils von diesem Riesenwerke eines Riesenmeisters erwarten. Die Einheit, die das ganze Werk zusammenhält, besteht in der trotz aller Wandlungen einigen Person des Dichters. Alles, was ihn in seinen Tiefen bewegte, ist im Faust niedergelegt, und gerade der 2. Teil dieses Werkes ist gleichsam sein heiliges Vermächtnis an das deutsche Volk, ja an die Menschheit. Und da Goethe so ziemlich das gesamte Wissen seinerzeit, auf litterarischem und künstlerischem, auf naturwissenschaftlichem und philologischem Gebiet beherrschte, da keine bedeutende Erscheinung im deutschen Geistesleben spurlos an ihm vorübergegangen war, da er in den wissenschaftlichen Entdeckungen seiner Tage lebte und webte und an ihnen mitarbeitete nach besten Kräften, so gehört freilich zum vollen Verständnis des Werkes ein ziemlich umfassendes Wissen allgemeiner Art und insbesondere eine vertraute Kenntnis mit dem Entwickelungsgange Goethes. Aber wenn auch so manches rein Persönliche und vielleicht nie zu Deutende in den 2. Teil „hineingeheimnisst" worden ist, durchaus unverständlich oder so schwierig, dass man die Grundgedanken nicht herausfinden könnte, ist das Werk durchaus nicht. Menschliche Denkfaulheit vielmehr hat es mit einer Mauer umzogen, die manchem unübersteiglich scheint. Auch wer nicht so eng mit Goethes Lebensanschauung, mit seiner Natur- und Kunstbetrachtung vertraut ist, um jede Einzelheit zu verstehen, wird das ganze Werk oder doch grosse Teile rein ästhetisch gemessen können. Die Schwierigkeit besteht nur darin, dass der Leser meist von dem realistischen, von dramatischem Leben überquellenden ersten Teile herkommt und sich in den symbolischen Stil des zweiten Abschnitts nicht so leicht hineinfinden kann. Denn der Dichter erscheint hier als ein ganz anderer. Er ist inzwischen gereift, ist eine universale Natur geworden. In seinem Geiste ist das hellenische Altertum, wenigstens in der Winckelmannisch gefärbten Anschauungsweise des 18. Jahrhunderts gerade so lebendig, wie er in „Dichtung und Wahrheit" der katholischen Sakramentslehre Gerechtigkeit widerfahren lassen konnte. So wenig es vor Gott räumliche oder zeitliche Schranken geben kann, so wenig macht sein Geist vor irgend einer Grenze Halt, „das weit Verstreute sammelt sein Gemüt und sein Gefühl belebt das Unbelebte". So wie in seinem Geiste, berühren sich in seinem Drama die Extreme. Wir durchschreiten ungeheuere Zeiträume, von Troja bis Missolounghi, wir hören den Gesang der antiken Sirenen und die Chöre der Seligen im katholischen Himmel, wir nahen uns dem deutschen Kaiserhofe, eilen nach Pharsalus und sehen Faust wieder nach unnennbaren Gegenden zu den Müttern „hinab" und schliesslich ins Jenseits aufwärts steigen. Deutsche Reimverse, antike Trimeter, französische Alexandriner stehen bei einander, „g'nug, den Poeten bindet keine Zeit", kein Ort, kein Stil. Er ist der Herr über sein Material, wenn er es eben zu beherrschen versteht. In wiefern hat sich Goethe das Ganze dienstbar gemacht? Hat er es für eine „poetische Idee" verwendet, von der heutzutage im deutschen Schulunterricht so gern gefaselt wird? Hören wir, wie der Meister darüber denkt: „Da kommen sie und fragen, welche Ideen ich in meinem Faust zu verkörpern gesucht. Als ob ich das selber wüsste und aussprechen könnte! Vom Himmel durch die Welt zur Hölle, das wäre zur Not etwas; aber das ist keine Idee, sondern Gang der Handlung. Und ferner, dass der Teufel die Wette verliert, und dass ein aus schweren Verirrungen immerfort zum Bessern aufstrebender Mensch zu erlösen sei, das ist zwar ein wirksamer, manches erklärender, guter Gedanke, aber es ist keine Idee, die dem Ganzen und jeder einzelnen Scene im besonderen zu Grunde liege. Es hätte auch in der That ein schönes Ding werden müssen, wenn ich ein so reiches, buntes und so höchst mannigfaltiges Leben, wie ich es im „Faust" zur Anschauung gebracht, auf die magere Schnur einer einzigen durchgehenden Idee hätte reihen sollen''. Goethe verfuhr eben nicht als systematischer Philosoph, sondern als Dichter, der seiner Phantasie die Zügel schiessen und mit ihrer Hilfe die einzelnen Scenen, die ihm die Grundgedanken des Werkes an die Hand gaben, bunt sich auswachsen Hess. So albern es ist, in den mythologischen Gedichten der Edda oder sonst in irgend einer, der ursprünglichen Konzeption des Volks näher stehenden Mythologie Zug für Zug der Sage auf irgend ein ganz bestimmtes Naturereignis deuten zu wollen (vielmehr wenn eine Gestalt wie Thörr einmal geschaffen ist, so wird sie auch als Mensch aufgefasst, handelt, sündigt und leidet als Mensch), so falsch wäre es, Vers für Vers bei Goethe symbolisch deuten zu wollen.

Dass ein Grundgedanke der Erlösung des strebenden Menschen durch das Ganze geht, hat der Dichter freilich selber zugegeben. Der ältere Goethe hat sich mit Leibnitzens Monadenlehre auseinandergesetzt, unter einer Monas versteht er etwa dasselbe, wie der griechische Philosoph Aristoteles unter einer „Entelechie", das heisst eine Seele in der völligen, allseitigen Äusserung der ihr inne- wohnenden Kräfte. Sich dazu auszubilden, nichts in seinem Innern tot liegen zu lassen, sondern alle Kräfte zu benutzen und durch Übung zu stärken, sich in der Vollkommenheit seines eigenen Wesens auszubilden nach dem Worte: „Werde, was du bist", das ist Goethes und Fausts Lebensideal. „Das Höchste" sagt Goethe in seinen Sprüchen, „was wir von Gott empfangen haben, ist das Leben, die rotierende Bewegung der Monas um sich selbst, welche weder Rast, noch Ruhe kennt; der Trieb, das Leben zu hegen und zu pflegen ist einem Jeden unverwüstlich angeboren, die Eigentümlichkeit desselben jedoch bleibt uns und anderen ein Geheimnis. Die zweite Gunst der von oben wirkenden Wesen ist das Erleben, das Gewahrwerden, das Eingreifen der lebendig bewegten Monas in die Umgebung der Aussenwelt, wodurch sie sich selbst erst als innerlich Grenzenloses, als äusserlich Begrenztes gewahr wird. Als drittes entwickelt sich nun dasjenige, was wir als Handlung und That, als Wort und Schrift gegen die Aussenwelt richten." In diesen drei Sätzen hängt seine Lebensanschauung, darin steckt auch der Schlüssel zum Faust. Gerettet wird dieser durch das ewige Streben; die unbedingte Rastlosigkeit, das unbegrenzte Erleben macht den Menschen vollkommen, soweit er es überhaupt werden kann. Absichtlich soll Faust so viele Lebensverhältnisse, Zeitalter und Örtlichkeiten kennen lernen, als irgend möglich, um eine Erfahrung zu sammeln, wie sie auf der Welt niemals jemandem zu Teil geworden ist: ungeheure Receptivität hat Goethe als geistiger Schöpfer seinem Geschöpfe verliehen. Aber, das ist nun das wichtigste, der unbegrenzten Aufnahmefähigkeit entspricht keine unbegrenzte Schaffensfähigkeit. Bedenken wir nur, wie trotzig selbstherrlich und kühn der Held im Anfang dastand : „Ich, mehr als Cherub, dessen freie Kraft schon durch die Adern der Natur zu fliessen und schaffend Götterleben zu gemessen sich ahnungsvoll vermass". Dieser ungestüme Stürmer und Dränger muss zur Goethischen Lebensweisheit der „Beschränkung" erzogen werden , das heisst nicht zur Einschränkung seines Strebens an sich, sondern zur Beschränkung auf erreichbare Ziele, auf die gründliche Ausnützung eines engeren Kreises, der sich dann freilich nach innen hin erweitern, dessen Bebauung sich intensiv steigern lässt. Alle Kräfte in seinem Innern sollen erweckt, geübt, angespannt, alsdann aber zur Ausführung eines grossen Werkes verwandt werden, das imierhalb der Menschenwelt liegt und an dem mit Menschenkraft gearbeitet werden kann, und das dem Heil der Menschheit dient. Faust, der die Güter dieser Welt verachten gelernt hat, soll zur Anerkennung des Guten erzogen werden.

„Wir sehen die kleine, dann die grosse Welt", hatte Mephistopheles Fausten zugerufen. Es entspricht dem wirklichen Entwickelungsgange des Menschen, dass er mit seinen höheren Zwecken wächst und so fällt denn auch Fausts Auftreten am Kaiserhof in die Zeit seiner inneren Läuterung, seines Aufsteigens, seiner allmählichen Befreiung von dem bösen Begleiter. Gretchen verliess er im Unglück, das er selbst verschuldet hatte. Kleinere Geister hätten wohl entweder mitleidig die Achseln gezuckt, hätten wohl auch eine Thräne geweint und wären im gleichen Trott weiter gelaufen, oder sie hätten in einem Anfall von Verzweiflung ihrem Leben ein Ende gesetzt, um durch eine feige That der Flucht ihren Selbstvorwürfen zu entgehen. Keines von beiden hat Goethe gethan, als er von Seesenheim schied: er hat tiefe Reue empfunden, wie seine nächsten Dichtungen bezeugten, aber er hat auch den Mut gewonnen, das Leben von neuem zu beginnen, im Vertrauen auf die Wahrheit, die er später selbst in Worte fassen sollte: „Alle menschlichen Gebrechen sühnet reine Menschlichkeit". Keine faule den Menschen vernichtende „Judas-Reue", sondern der mutige Entschluss, durch Leben zu büssen, was im Leben gesündigt ist. Goethe hatte die Gabe, zu vergessen, was dahinten lag, ohne sich doch mit gedankenloser Frivolität darüber hinwegzusetzen. Eine Gabe von oben war es, wie der Schlaf; der Faust umfängt, der ihn das Erlebte vergessen lässt und ihn zu neuem Leben stärkt. In der Einsamkeit der Nacht, im Traume, der die verborgensten Falten des Menschenherzens enthüllt, weil der Mensch im Traume nicht die tausend Hindernisse sieht, die seinem Thun im Wachen entgegenstehen und darum seine Vorstellungen zu Ende zu bilden wagt, da offenbart sich auch das im Grunde gute, auf die Thätigkeit gerichtete Herz des Helden. Mephistopheles ist fern, wir hören Faust selber reden, so rein, wie ehemals in der Scene „Wald und Höhle". Er erlebt einen jener herrlichen Augenblicke der stärksten inneren Erhebung, wie sie nur den Besten und Edelsten, und auch ihnen nur selten, zu teil werden, wenn uns eine Ahnung der Ewigkeit durchschauert. Gerade durch ihre Seltenheit sind sie vor allem wertvoll, und die Erinnerung an sie dauert fort auch in der Qual und Hitze des Alltagslebens ; dankbar schauen wir auf die genossenen Höhenstimmungen zurück und hoffen auf die Zukunft, die sie uns dauernd verschaffen soll. Es ist uns, als ob wir frische Kleidung anlegten, unser Inneres reinigten und den Staub und Wust des Alltags und Philisterwesens auskehrten; und gerade dann, wenn wir im Schlamm zu versinken drohen, wenn unser besseres Selbst in schwerer Gefahr ist, ja, wenn wir gefallen sind und doch spüren, dass der Wille zum Guten noch in uns lebt, dann treten solche Stimmungen der inneren Reinigung am liebsten bei uns auf. Insofern verfährt Goethe durchaus psychologisch, wenn er nach den erschütternden Eindrücken der Gretchenscene, die dem Helden zum erstenmal den Blick für die eigene Verantwortung öffnete, die ihm zeigte, dass es mit blossem Dahinstürmen durchs Leben nicht gethan ist, sondern jede Handlung des Menschen auch einen festen, unveränderlichen sittlichen Wert besitze, die ihn aber andererseits auch auf den im Sinne Spinozas allein richtigen Weg zurückwies, den eigenen Willen mit den sittlichen Mächten, die das Leben leiten und sich im Gewissen ankündigen, gleichzusetzen, wenn er ihn hier auf eine Höhe stellt, wie kaum jemals im folgenden, so dass von dieser Scene aus ein Sonnenstrahl über Fausts ganzes späteres Leben fällt und er nach dieser inneren Ruhe, dieser Harmonie der Seelenkräfte, wie er sie jetzt empfindet, späterhin suchen und rastlos streben wird. Man darf das folgende nur nicht missverstehen. Der Aufenthalt am Kaiserhofe ist für Faust keine Erhöhung an sich; er ist innerlich über all die gedankenlosen Spielereien erhaben, die dort getrieben werden. Diese Erlebnisse dienen nur dazu, die Erhöhung seines Wesens zu bewähren, die ihm in der ersten Scene gewährt wird.

Wie Goethe so oft, findet Faust sich selbst wieder am Busen der Natur, unter den Geistern der heiligen, vom Dichter gern besungenen Nacht. Gott lässt seine Sonne aufgehen über Gerechte und Ungerechte; auch diese Naturwesen heilen das zerschlagene Herz des Sünders. Wundervoll wird mit erlesener Lautmalerei das Wesen und Wirken der Geister geschildert, die lindernde Wirkung des Schlafes, der dem Menschen Kräftigung, Erquickung und Mut zu neuem, reinen Leben gewährt. In der Natur darf es nicht beim Blühen bleiben. „Die Frucht muss treiben". Die Natur ruft dem Menschen zu, nicht unthätig zu geniessen, sondern zu schaffen. Und noch eine weitere Mahnung nimmt Faust mit auf den Weg, fest und gerade seines Weges gehend zu verstehen und rasch zu ergreifen, was not thut, während der Philister, von Furcht und Hoffnung beherrscht, von einem Ziel zum andern „zaudernd schweift". Die Worte klingen in Faust nach, als er vom Getöse der aufgehenden Sonne erweckt wird. Sie sind ja nichts, als ein deutlicher Ausdruck des lange schon in ihm wirksamen Strebens. So verketten sich in dieser Scene Träumereien und direktes Einwirken der Natur, Subjektives und Objektives miteinander. Faust entschliesst sich nun, „zum höchsten Dasein immerfort zu streben". Das klingt nicht ganz konkret, aber das ist bei grossen Vorsätzen gewöhnlich der Fall, und gross ist die Seele, die den Mut hat, auch dem nachzustreben, was man noch nicht mit den Händen greifen kann und bei diesem Streben auszuharren, trotz aller verwirrenden Hindernisse des Alltags. Also Faust wird sich auf den Höhen der Menschheit bewegen, wird in ihre grossartigsten Kulturepochen hineinblicken, wird die höchste Schönheit geniessen und eine Thätigkeit ohne gleichen entfalten . . . das alles liegt im Keime in diesem Wort. Sein Herz ist von Hoffnungen geschwellt. Aber darf er wirklich Hoffnungen von diesem Umfange hegen? Vergisst er die Grenzen menschlicher Kraft? Ach, wenn unser Geist noch so hoch flöge und uns hinaustrüge über das Weltgetriebe, eins würde uns immer wieder erinnern an unsere Menschheit, unsere Schwäche, unsere Unzulänglichkeit : der Tod, der uns allen ohne Ausnahme bestimmt ist. Und so muss hier von Anfang an neben das beseligende, endlose und rastlose Streben die andere Mahnung gesetzt werden: „Beschränke dich!" Sie wird Faust nicht in abstrakt-lehrhafter Form, sondern in wundervollen poetischen Bildern zu teil. Er blickt in die Sonne hinein, aber sein Auge kann die Quelle des Lichtes nicht ertragen, so wenig Faust einst den Erdgeist zu ertragen vermochte. Er muss sich begnügen, die Welt im Sonnenstrahl, den farbigen Abglanz des Himmelslichtes zu sehen, das heisst: zu den Quellen des Lebens wird er niemals aufsteigen. Aber es wird ihm gegeben werden, dies Leben im edelsten Sinne auszukosten und darin das Höchste zu erreichen und für andere zu wirken, soweit es in menschlichen Kräften steht. „Am farbigen Abglanz haben wir das Leben".

Wie im alten Faustbuch und im Puppenspiel kommt Faust in die kaiserliche Pfalz. Er soll Zustände kennen lernen, die nach der Anschauung der Masse gross und herrich sind, von einem höheren Standpunkt aus aber klein, dürftig, jämmerlich erscheinen müssen; er soll versuchen, hier kraft seiner besseren Erkenntnis helfend, erziehend ein zugreifen und dabei selbst vollkommen werden. Er soll sich hier ein Arbeitsgebiet erobern, auf dem er nachher seine Kräfte bewähren kann. Das alles bedingt die Darstellung eines nach aussen glänzenden, innen verfallenden kaiserlichen Hofes. Goethe selbst giebt später einmal eine Schilderung dieser Zustände, indem er zu Eckermann sagt: „Ich habe in dem Kaiser einen Fürsten darzustellen gesucht, der alle möglichen Eigenschaften hat, sein Land zu verlieren, welches ihm denn auch später wirklich gelingt. Das Wohl des Reichs und seiner Unterthanen macht ihm keine Sorge; er denkt nur an sich und wie er sich von Tag zu Tag mit etwas Neuem amüsiere. Das Land ist ohne Recht und Gerechtigkeit, der Richter selber mitschuldig und auf der Seite der Verbrecher, die unerhörtesten Frevel geschehen ungehindert und ungestraft. Das Heer ist ohne Sold, ohne Disciplin und streift raubend umher, um sich seinen Sold selber zu verschaffen und sich selber zu helfen wie es kann. Die Staatskasse ist ohne Geld und ohne Hoffnung weiterer Zuschüsse. Im eigenen Haushalt des Kaisers sieht es nicht besser aus: es fehlt in Küche und Keller. Der Marschall, der von Tag zu Tag nicht mehr Rat zu schaffen weiss, ist bereits in den Händen wuchernder Juden, denen alles verpfändet ist, so dass auf den kaiserlichen Tisch vorweggegessenes Brot kommt. Der Staatsrat will Sr. Majestät über alle diese Gebrechen Vorstellungen thun und ihre Abhilfe beraten; allein der gnädigste Herr ist sehr ungeneigt, solchen unangenehmen Dingen sein hohes Ohr zu leihen; er möchte sich lieber amüsieren. Hier ist nun das wahre Element für Mephisto, der den bisherigen Narren schnell beseitigt and als neuer Narr und Ratgeber sogleich an der Seite des Kaisers ist."

Mephistopheles hofft auf doppelte Beute: einmal will er den kaiserlichen Herrn fangen und andererseits Faust in den Zerstreuungen des Hoflebens untergehen lassen. Beim Kaiser weiss er sich »mit Schmeicheleien einzuführen und niemand unter allen, die ihn mit misstrauischen Augen betrachten, wagt es, offen gegen ihn aufzutreten. Wie die Erfinder des Assignatenwesens in der französischen Revolution auf das in Kriegszeiten vergrabene und noch in Bergesschächten verborgene Gold hinwiesen und staatliche Anweisungen auf derartige künftig zu hebende Schätze ausstellten, so verfährt auch Mephistopheles, obgleich er mit seinem Papiergeldprojekt nicht gleich offen hervortritt, son- dern erst mit geheimnisvollen Andeutungen die Geldgier in dem leichtsinnigen jungen Kaiser und den Seinen erweckt. Wie so oft, baut er auch hier ein ungeheures Lügengebäude auf einem Grunde der Wahrheit auf, und in dieser geistlosen Gesellschaft kann natürlich niemand das Gewebe von Lüge und Wahrheit entwirren und selbst sein stärkster Gegner, der Kanzler, begnügt sich hier mit demselben plumpen Schimpfen, mit dem er alles Neue und Jeden verfolgt, der an den bewährten „Stützen von Thron und Altar" (Geistlichkeit und Ritterschaft) zu rütteln wagt. Da hat natürlich Mephistopheles leichtes Spiel, ihn mit billigen Wahrheiten über die gelehrten Herren abzutrumpfen, die über ihrem Wägen und Messen und Prüfen den klaren, sicheren Blick für das Gegenwärtige verloren, die, wie Spinoza sagen würde, über der Imagination, der verstandsmässigen Verknüpfung sinnlicher Vorstellungen, die Intuition, die unmittelbare Anschauung der Wahrheit eingebüsst haben. Freilich giebt es nach Spinoza noch ein Drittes, den Intellekt, die reine, vernunftmässige, durch trügerische Vorstellungen unbeirrte Erkenntnis der Wahrheit; dieser würde auch hier unter Mephistos Mantel bald den Pferdefuss des Lügengeistes hervorgucken sehen. Aber an diesem ganzen Kaiserhofe ist eben kein einziger, wahrhaft vernünftiger Mensch zu finden. Am wenigsten neigt der Kaiser dazu, sein hohes Gehirn anzustrengen. Mit der Blasiertheit des abgelebten Weltmenschen hat er für den tiefen Zwiespalt, der sich zwischen Mephistopheles und dem Kanzler ergeben hat, für die schwere Gefahr, die von beiden Seiten her seinem Reiche droht, von der erstarrenden Tradition wie von leichtsinnigen und unsittlichen Neuerungen, gar keinen Sinn. So dumm und verständnislos, wie der Theaterdirektor im Vorspiel, der in den tiefen Wahrheiten, die der Dichter und die lustige Person gegeneinander verfechten, nur ein „Komplimente-Drechseln" sah, bezeichnet er jetzt die Strafrede des Narren als eine „Fasten-Predigt". Er gehört zu den seichten, oberflächlichen Menschen, denen es vor allem auf das Was, nicht auf das Wie ankommt, denen es gleichgültig ist, ob Moral und Vernunft untergehen, wenn nur ihr Vorteil und allenfalls der „gute Name" gewahrt bleibt. Freilich hat Goethe manches gethan, um ihn zu entlasten ; er steckt tief in Schulden und Geldnot, er ist jugendlich und gedankenlos. Und gerade darum, weil er nicht im Grunde schlecht ist und absichtlich das Böse thut, weil er Mephistopheles folgt, ohne zu ahnen, dass es der Teufel sei, ist er vielleicht noch zu retten, wenn seine Urteilsfähigkeit erweckt und der ganze Mensch ernster und reifer wird. So erst verstehen wir es ja, warum Faust, der bei dieser ganzen Scene nichts zu thun hat, aber von allem Kenntnis besitzt, in seiner Nähe bleibt und den Versuch macht, ihn zu erziehen und zu sich emporzuheben. Hören wir ihn doch nachher von der Unerfahrenheit des Herrschers reden, aber auch sein offenes Wesen rühmen, wie Goethe selber von seinem Herzog gesprochen haben mag. Offen und gerade muss Jeder sein, der erzogen werden will; aber nicht jeder offene und gerade Sinn kann sich bis zur höchsten, dem Menschengeist erreichbaren Höhe aufschwingen. — Auch Mephistopheles weiss ganz gut, dass dieser Kaiser nicht im Grunde schlecht ist, und darum fürchtet er sich, offen mit seinem doch zweifelhaften Projekt hervorzutreten und den Kaiser um ein Dokument über die Einführung des Papiergeldes zu bitten; der junge Fürst würde vielleicht nachsinnen, Bedenken hegen, zuletzt seine Unterschrift verweigern. Darum soll er betäubt werden, um dem Bösen nachher um so sicherer zu verfallen. Zu diesem Zwecke wird das Maskenspiel eingeführt: „Wer Wunder hofft, der stärke seinen Glauben." Der Teufel spricht das durch den Mund des Astrologen, damit seine Worte mehr Gewicht haben und mischt daher auch wohl moralische Phrasen ein: „Wer Gutes will, der sei erst gut." Im Grunde freilich ist er nur zu sehr von der Berechtigung dieser Forderung überzeugt, und wie er schon im ersten Teile dazu neigte, Scenen mit einer Pointe zu schliessen, in der sich seine wahre Natur enthüllte, so epilogiert er auch hier mit einer kurzen, aber grundgescheiten Strophe: er kann diesen Thoren ruhig Reichtümer verschaffen, sie werden darum nicht besser daran sein, sondern immer nur schlechter werden: Unverdientes Glück bringt Unsegen.

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