> Gedichte und Zitate für alle: Robert Petsch: Vorträge über Goethes Faust II.4 (7)

2019-11-11

Robert Petsch: Vorträge über Goethes Faust II.4 (7)



Trotz der allmählichen Zusammenstückung ist die Valentinscene doch ein Meisterwerk. Frisch und schneidig führt sich der Landsknecht in einem Monolog nach der Art Hans Sachsens ein. Uns bangt wohl für Faust, dem er auflauert, und der jetzt ganz an Mephistopheles gekettet zu dem verlassenen Gretchen zurückkehrt, um den unterbrochenen Liebesverkehr fortzusetzen. Sein ganzes Gebahren ist jetzt abstossend, lasciv. Schon geht es ja auf Walpurgisnacht zu und Gretchen ist ihm nicht viel mehr als eine der Buhldirnen , die dort seiner warten. Wieder der schlechte Gedanke, die Geliebte durch Gold und Geschmeide zu kirren und dazu das „moralische Lied" des Teufels, der nur zu gut weiss, wie tief Gretchen in ihren Gewissenqualen von solchen Gemeinheiten verwundet werden muss. Das Lied selber hat Goethe nach seinem eigenen Geständnis aus Shakespeares „Hamlet" herüber- genommen, wo es die wahnsinnige Ophelia auf dem Friedhof singt. Diese ganze Situation war nötig, um dem braven Soldaten, der die Ehre seiner Schwester mit dem Schwerte rächt wie ein vornehmer Spanier, unsere volle Sympathie zuzuwenden, damit wir seine Ermordung wirklich als eine schwere Verschuldung Fausts empfinden. Das ist kein ehrlicher Kampf, wenn einem der Teufel selber zur Seite steht, und lenkt auch Mephistopheles schliesslich den verderblichen Stoss, so hat doch Faust seine Hand dazu hergegeben. So weit wollte ihn der Böse haben. Sein früheres Leben soll Faust zum Ekel werden, damit er im Strudel der Sinnlichkeit Vergessen suche, vor allem aber die Menschen fliehe. Darum sucht ihn auch der Teufel schleunigst zu entfernen, denn seine Redereien über den Blutbann, den er als göttliche Einrichtung fliehen müsse, haben kaum mehr Wert, wie früher sein Gefasel über das Pentagramma.

Aber nicht bloss für Faust hat Valentins Tod eine ausschlaggebende Bedeutung, er besiegelt auch Gretchens Schicksal. Seine schwere Anklagerede muss zerschmetternd auf sie wirken, obwohl sie, innerlich rein geblieben, seine Worte nur halb verstehen kann; und als er stirbt, lastet sein Tod auf ihr, wie der Tod der Mutter, die auch nicht eigentlich durch ihre Schuld, aber doch nicht ohne ihre Mitwirkung entschlafen ist. Wie muss das alles auf sie wirken? Sie hat einem süssen Sehnen ihrer Brust nicht widerstehen können, und das Ende ist Sünde über Sünde, Schande und Not und Sorge. Sie kann den Zusammenhang nicht begreifen und da die Menschen ihr auch nicht helfen, sondern sie zurückstossen, so zieht sie sich in ihr Inneres zurück und zergrübelt ihr Hirn; es giebt Naturen genug wie Gretchen, die in schwerem Unglück plötzlich hellsichtig zu werden glauben für ihre Sünde und sich nun mit Reuegedanken zerquälen und vernichten und glauben, so ungeheuer schuldig zu sein, dass es keine Vergebung mehr für sie geben könne. Luther pflegte diesen Zustand, diese Reue, die nicht zum Gutesthun, zur Umkehr, sondern zum Zergrübeln und schliesslich zum Selbstmord führt, als ,, Judasreue" zu bezeichnen, die der Teufel ein- gebe. Und in dem gleichen Sinne legt Goethe diese quälenden Worte einem „bösen Geiste" in den Mund, dem bösen Geiste, der Saul verfolgte, der düsteren Stimme in unserem Innern, die Gretchen hier in die geheiligten Räume des Domes verfolgt. Die dunkle Umgebung, die Angst vor der immer näher rückenden Schande, die furchtbar ernste Musik der gewaltigen Weltgerichtshymne des Franziskaners Thomas von Celano, das alles wirkt zusammen, um sie schliesslich ohnmächtig, in ihrer Verzweifelung zusammenbrechen zu lassen. Sie hat keinen Pfad durch die mannigfach verschlungenen Zusammenhänge zwischen Schuld und Schicksal gefunden und das Ende ist der Wahnsinn. Nur so können wir die grause That des Kindsmordes verstehen und vergeben. Zeitgenossen des jungen Goethe, wie der wilde Stürmer und Dränger Heinrich Leopold Wagner haben das Verbrechen Gretchens auf die Bühne gebracht. Goethe verlegt mit feinem Gefühl das Ungeheure hinter die Scene.

Auch Faust verfällt in dieser Zeit gleichsam in Wahnsinn. Er stürzt sich in den wilden Taumel der Walpurgisnacht und hofft, zu vergessen, was vorgefallen ist. Goethes Absicht war, Faust zu entfernen, damit das Unheil, das sich aus seinem Vergehen gegen Gretchen entwickelt, ohne Unterbrechung seinen furchtbaren Gang nehmen konnte. Ferner galt es, zu zeigen, wie unheimlich Faust in dem höllischen Reiche Bescheid weiss, wie er die Art erlernt, „mit Hexen umzugehen". Da hiess es tief hineingreifen in den Wust und Schmutz des mittelalterlichen Teufelsglaubens, den Goethe in seiner grotesken Wildheit und satanischen Grösse aufgefasst hat, wie denn nach den eigentlichen Entwürfen ein ungeheuerliches, viehisch gemeines Fest, eine Huldigung der höllischen Heerscharen vor Satan, dem Verkünder der Botschaft von der beglückenden Macht des Goldes und der Wollust den Höhepunkt des Ganzen bilden sollte. Endlich aber sollten nun auch in dieser Scenenfolge die Keime der folgenden Entwickelung Fausts selber bloss gelegt werden. Mitten im Sinnentaumel zeigt der Held wenigstens gelegentlich auch ein ästhetisches Interesse.

Selbst der Umstand, dass er nicht mit der widerlichen alten Hexe, sondern dem schönen jungen Weibe tanzt, hebt ihn doch gegenüber dem grenzenlos cynischen Mephistopheles. Und vor allem: Plötzlich kommt ihm in diesem Wust von Gemeinheit ein reiner Gedanke : eine plötzliche Erinnerung an sein Gretchen, die ihm eine Vision seiner erhitzten Sinne vorzaubert, mit einem „roten Schnür- chen" um den Hals, wie es das Beil des Scharfrichters hinterlässt. Dieser Faust, der noch ästhetisch empfinden kann und dem das Gewissen noch schlägt, kann nicht ganz verloren sein; es sind sehr schwache Vorboten einer Besserung, aber sie trügen nicht. Die Prüden von Weimar, die beim Erscheinen der „Römischen Elegien" die Nasen rümpften, hätten Goethe wohl für verloren gehalten, wenn sie sein Liebesleben in der ewigen Stadt hätten belauern dürfen, und doch hat er niemals das Gefühl für die Schönheit und — für seine Pflicht verloren. Das Ende der Scene hatte sich der Dichter so gedacht, dass beim Abstieg vom Brocken Faust aus dem ekelhaften Geschwätz der Kielkröpfe, höllischer Wechselbälge, von Gretchens Irrsinn, Schuld und Gefangennahme erfahren und alsbald eine heftige Reaktion des Gewissens in ihm erfolgen sollte, die ihn auf den schnellsten Rossen zu der Geliebten zurücktrieb.

Die Walpurgisnachtscene ist in dramatischem Sinne nicht fertig geworden und andererseits höchst undramatisch mit Bestandteilen durchsetzt, die gar nichts oder sehr wenig mit dem Drama zu thun haben. „Zum Teufel" wünschte Goethe all das literarische Gesindel, gegen das er schon mit Schiller zusammen in den Xenienkrieg gezogen war, und es machte ihm Spass, hier auf dem Hexentanzplatz einmal alles zu versammeln, was ihm auf der Welt verächtlich und widerwärtig erschien. Trotz alledem behält die Scene immer ihre Wirkung, wenn auch manche Versreihe nicht ganz verständlich sein mag. Wie fein hat Goethe hier die Harznatur geschildert und nach dem Vorbilde mythologischer Volkspoesie die Wurzeln der Bäume, die Felsen und Steine belebt und personifiziert; und doch ist dafür gesorgt, dass Fausts und des Teufels Naturbetrachtung im gehörigen Abstand voneinander bleiben. Mephistopheles, der ewige Pessimist und Cyniker, sucht und findet nur den Winter mit seinem Schnee und Frost, wo sich Faust des leise erwachenden Frühlings erfreut. Andererseits wirkt der Einblick in das goldgleissende Innere der Berge, den ihm Mephistopheles eröffnet, um seine Lust nach dem Mammon rege zu machen, bei Faust nur ästhetisches Vergnügen. Über den Reiz des materiellen Gewinnes ist er erhaben. Eher können es die Hexen ihm anthun. Mit wüstem, gemeinem Geschrei kommen sie in zwei Chören dahergefahren durch die Lüfte, tief in den Grüften bleiben die stecken, die noch nicht genügend „eingeteufelt" sind. Faust aber zieht es zu dem „Bösen", das heisst zu Satan, dessen Glanzrede nachher gestrichen ward. Und wenn er hofft, dass sich dort „manches Rätsel", natürlich des Weltlaufs, lösen müsse, so sehen wir seinen Erkenntnisdrang sich regen, wieder eine Gewähr für seine künftige Besserung. Freilich, was kann ihm der Böse geben? Gerade wenn die Scene aus- gedichtet worden wäre, so würden wir sehen, wie schmählich der enttäuscht wird, der sich um der Erkenntnis willen dem Teufel ergiebt: Dass auf dem Wege zum Bösen das Weib tausend Schritt voraus ist, der Mann sie aber schliesslich mit einem Sprunge einholt, und dass Gewinnsucht und Sinnlichkeit die Triebfedern des Handelns der „Viel zu Vielen" sind, das könnte er anderwärts billiger erfahren, ohne erst seine Seele zu verschreiben. Pöbelmoral ist es, die hier gelehrt wird, wie der Kram, den die Trödelhexe feil hält, die gemeinen, kleinlichen Mittelchen kleinlicher und darum um so boshafterer Geister zeigt, die dem Nächsten nach dem Leben, nach Stellung, Ehre und Frieden trachten. Eine hübsche Blütenlese des Philistertums führt uns der Dichter vor: den abgesetzten General, den gedrückten Minister, den abgefallenen Parvenü, den abgelehnten Autor, die sich alle nicht in eine neue Zeit finden konnten und nun nichts Besseres zu thun haben, als auf die Jugend zu schelten, die, wie Goethe recht wohl wusste, in der Kulturgeschichte schliesslich doch immer Recht behält. Auch Faust hält es hier mit der Jugend, aber mitten in seinem unsauberen, von dem philiströsen Moralisten Nikolai(25) kritisierten Tanze erscheint ihm Gretchens Idol, und weder Mephistopheles' Lügen, dass diese Erscheinung Jedem wie sein eigenes Liebchen vorkomme, können den gewaltigen Eindruck des Geschauten verwischen, noch die seichten Zerstreuungen, zu denen soeben abgerufen wird. Es ist bedeutsam, dass der Dichter die ganze Einrichtung des Dilettantentheaters, die ihm in Weimar mitunter seine beste Zeit und Kraft gekostet hatte, dahinbringt, wohin sie gehört : „zum Teufel". Und so wirr, wie auf Dilettantentheatern, geht es auch hier zu: von dem eigentlichen Inhalt des Stückes, von der Versöhnung Oberons mit Titania, hören wir herzlich wenig. Die Schauspieler besprechen ihre eigenen Angelegenheiten und die Zuschauer sprechen wacker dazwischen. Die ganze Flucht der Erscheinungen ist in mehrere Gruppen geteilt, die durch neue Einsätze des Orchesters nicht eben allzu strenge auseinander gehalten werden. Prächtig, wie sich die Zuschauer aus der Menschenwelt mit den Geistern auseinandersetzen. Der neugierige Reisende, wieder Freund Nikolai aus Berlin, ärgert sich, Oberon unter diesen Brockenteufeln zn sehen .Goethe scheidet so reinlich nicht, sondern weiss, dass der dichtende Volksgeist in Griechenland wie im Norden immer verwandte mythologische Gebilde geschaften hat, so dass er im zweiten Teil sagen darf: ,,Ein echt Gespenst, auch klassisch hat's zu sein". Verständnislos steht jeder mythologischen Schöpfung der Orthodoxe gegenüber; Goethe selber als „nordischer Künstler" spricht mitten in die Scene hinein und entschuldigt das Skizzenhafte des Ganzen. Der pedantische „Purist ärgert sich über das lüderliche Treiben und die Unordnung bei dem höllischen Feste. Die jungen Weiber sind geil, die alten boshaft, eine wetterwendische Windfahne redet jedem zu Gefallen — ganz wie auf der Erde. Litterarische Satire bleibt nicht aus, ein Nachspiel des Xenienkampfes. Der dänische Kammerherr Hennings zu Plön, der in einer Zeitschrift „Genius der Zeit" die Xenien angegriffen hatte und später eine andere unter dem Titel „Musaget" herausgab, wird in seiner Ärmlichkeit als einer der „Viel zu Vielen", die sich auf dem breiten Gipfel des deutschen Parnasses herumtreiben, charakterisiert, der aufgeklärte Nikolai spürt dem „Jesuiten -Riecher", dem dürren Lavater nach, dessen Erscheinen auf dem Blocksberg Goethe als „Weltkind" damit zu erklären weiss, dass bei den Frommen der Zweck oft die Mittel heiligen muss. Lustig und mit grosser Freiheit behandelt Goethe die Philosophen der Zeit, die voller Neid und Selbstüberhebung doch als Clique zusammenhalten müssen. Der Dogmatiker erscheint mit seinem köstlichen Trugschluss : Der Teufel muss irgend etwas sein, denn sonst gäbe es ja gar keine Teufel; folglich habe die Dogmatik das Recht, vom Wesen des Teufels, seinem Aussehen u.s.w. zu reden. Fichte als Idealist ärgert sich dieser Gesichte. Hat er doch die ganze Aussenwelt nur als Ausgeburt seiner Phantasie gelten lassen wollen. Aber wie muss es heut mit seiner Phantasie bestellt sein, wenn sie solche Ausgeburten liefert ! Der Realist ist unglücklich, weil er fühlt, dass er den festen Boden der Erfahrung verlassen habe. Nur die beiden extremsten, der Supernaturalist und der Skeptiker sind beglückt, der eine, weil die bösen Geister auch auf gute schliessen lassen, der andere, weil er den Teufel als den Erzvater des Zweifels leibhaftig vor sich sieht. Aus der Geisterwelt gehts hinab ins Menschenleben, doch mit besonderer Beziehung auf das Leben am Hofe. Erinnerungen an die französische Revolution wirken nach. Ganze Menschengruppen treten auf, alle auf den Blocksberg gehörig, weil sie alle das Ihre suchen, lauter selbstsüchtige Durchschnittsmenschen, vor denen Faust ein Grauen empfinden muss, wenn er als denkender Mensch ihrem Treiben zuschaut. Er lernt jetzt „Welt und Leben" gleichsam aus der Vogelschau gründlich kennen und, wie die Folgezeit beweist, verachten. Die einen sind gewandt, sie können auf den Köpfen gehen, wenns auf den Füssen nicht mehr geht: sie jubeln den Revolutionshelden zu, wie vorher dem König. Andere sind unbehilflich und gehen unter im neuen Regime. Dafür treten neue Erscheinungen auf; sie kommen „aus dem Sumpf", niemand hat sie bisher gekannt; aber bald haben sie sich in die vordersten Reihen gedrängt. Freilich, manchem missglückt der kühne Sprung: Die Sternschnuppe liegt am Boden. Dafür wissen andere durch Kraft und Rücksichtslosigkeit ihren Platz zu erobern und zu behalten, wie die „Holzfäller" in der Mummenschanz des zweiten Teiles. Aber vor ihnen flieht Ariel: „Wo rohe Kräfte sinnlos walten, da kann sich kein Gebild entfalten." Kurz, all diese Erscheinungen sind nichts, sie haben keinen dauernden Wert. Die Geschichte geht über sie hinweg und niemand weiss von ihnen, ob sie nun als Künstler, als Gelehrte oder als Weltmenschen ihr Unwesen getrieben haben : „Luft im Laub und Wind im Rohr, und alles ist zerstoben."

25. Dieser aufklärerische Berliner Buchhändler und Schriftsteller, der erzählte, er habe sich von quälenden Geistererscheinungen durch rückwärts angesetzte Blutegel befreit, ist mit dem Proktophantasmisten („Steissgeisterseher") gemeint.

Es ist Katzenjammerstimmung, die solch eine durchraste Nacht hinterlässt, zumal wenn man die Geschicke der Völker, der Welt im Sturmschritt an sich vorüberziehen sah und schliesslich doch merkte: „Es ist alles ganz eitel". Und zu dieser Stimmung passt vortrefflich die kernige, urkräftige Prosa der Scene „Trüber Tag,Feld", die Goethe doch vielleicht nicht bloss aus Eile bei der letzten Redaktion so stehen liess, wie sie war. Wie weit hat es denn nun Faust gebracht seit seiner Verbindung mit dem Teufel? „Er ist nicht um ein Haar breit höher, ist dem Unendlichen nicht näher." „Schaffend Götterleben zu geniessen" ist ihm nicht vergönnt worden. Was er gewirkt hat, das war Sünde, Jammer und Schuld. Das ist die furchtbare Erkenntnis dieser Scene. Aber auf den Einzelfall kommt es nicht an; erst dann wird Faust einmal vollkommen sein, wenn er gelernt hat, wie Goethe, alles Einzelne als ein Symbol des Allgemeinen anzusehen, im Geschick des Menschen die Schicksale der Menschheit zu erkennen. Und dazu muss ihn, sehr wider Willen, Mephistopheles anleiten ; die Worte, die er ihm mit schneidendem Hohn entgegenruft, als Faust über Gretchen klagt: „Sie ist die erste nicht", lassen den Helden tief hineinblicken in das Elend der schuldbeladenen Menschheit. „Jammer, Jammer, von keiner Menschenseele zu fassen, dass mehr als ein Geschöpf in die Tiefe des Elends versank ; mir wühlt es Mark und Leib durch, das Schicksal dieser Einzigen; du grinsest gelassen über das Schicksal von Tausenden hin!" Faust ist freilich noch nicht im stände, solche Stimmungen festzuhalten, die angefangenen Gedankenreihen durchzudenken; aber dass sie angefangen sind ist uns jetzt schon genug. Zunächst äusserst sich sein Mitleid noch in falscher Form: er will Gretchen aus dem Kerker befreien. Aber nicht das thut not, dass der Leib aus den Banden befreit, sondern dass die Seele mit ihrem Schuldbewusstsein und ihrer Gerechtigkeitsforderung befriedigt werde. Friede mit Gott! Das ist es, wonach Gretchen verlangt. Den kann sie nur finden, wenn sie sich willig dem Spruch ihrer Richter beugt. Und in diesem Augenblick ist das arme, gefangene, wahnsinnige Mädchen unendlich viel grösser als der gelehrte, allerfahrene Doktor. Hier zum erstenmal tritt ihm (der von den Philisternaturen des Blocksberges herkommt!) eine grosse, im Sinne Spinozas mit dem letzten Willen der Gottheit sich gleichsetzende Seele entgegen, von der er lernen kann. Und wie sollte er nicht von ihr lernen, jetzt, da sein ganzes Innere von Reue und Mitleid durchwühlt ist? Ist er doch mit Gretchen allein, der Böse wartet draussen. Gretchen ist sich nicht von vornherein ganz klar darüber, was sie zu thun und zu lassen hat, sie wird es erst allmählich, je besser sie Heinrich erkennt, wie auch früher der Umgang mit ihm eine Steigerung ihres Wesens bedeutete. Zunächst nur eine furchtbare Vision. Unter ihr die Hölle, vor ihr der Henker, rings umher die Menschen mit ihren boshaften, spöttischen Worten und Flüchen. Dann hört sie die liebe Stimme. Ein Kampf in ihrem Innern. Gäbe es keinen Kampf, so wäre der schliessliche Sieg nichts wert. Soll sie mit ihm in's Freie ? Der Geliebte lockt, aber ihr Gewissen würde sie ewig foltern. Neue Visionen von der Mutter, die mit dem Kopf wackelt, weil sie eingeschläfert ward, als sie sich freuten, von dem Kinde, das noch zappelt wie damals, als Gretchen es ins Wasser warf. Das alles wieder von Hochgerichtsahnungen durchschauert. Fieberhaft wechselnde Vorstellungen, bis endlich der Böse erscheint und Gretchen mit voller Klarheit empfindet, was ihr taugt. Wie sie vorher sagte : „Von hier ins ewige Ruhebett und weiter keinen Schritt!" — so jetzt: , Gericht Gottes, dir hab' ich mich übergeben!" Ein ge- waltiger Gegensatz zu dem zögernden, unentschlossenen Faust, dem der Teufel noch zur Seite steht. „Heinrich, mir graut's vor dir", das mahnende Donnerwort und der leise, sehnende Lockruf: „Heinrich, Heinrich", sie sind die Führer Fausts auf der Bahn zu einem höheren Leben. Der Böse triumphiert: „Sie ist gerichtet!" Er täuscht sich so gründlich, wie nachher bei Faust; aber freilich, verscheuchen konnte ihn Gretchen nicht. Das muss Faust selbst überlassen bleiben, die gewaltigste Aufgabe, die der Kraft des Mannes im Leben gestellt ist : sich allmählich loszumachen von der Gewalt des Bösen. Und wir empfinden trotz des teuflischen: „Her zu mir" : die furchtbar ernsten Erfahrungen, die er im Kerker gemacht hat, die ewige Wahrheit von der Notwendigkeit, sich in die Schranken zu fügen, die dem menschlichen Willen gezogen sind, sie bestimmen, wenn auch nur halb bewusst, sein ferneres Streben und Handeln.


Inhalt


Keine Kommentare: