> Gedichte und Zitate für alle: Robert Petsch: Vorträge über Goethes Faust II.3 (6)

2019-11-11

Robert Petsch: Vorträge über Goethes Faust II.3 (6)



So hat Goethe eine ganz menschliche, lebendige Gestalt, zwischen engelhafter Reinheit und schelmischer Koketterie mitten innen stehend und um so anziehender, als ihr etwas Neckisch-Abweisendes im Anfang nicht fremd ist, in seinem Gretchen hinzustellen gewusst. Gerade sie brauchte er, um Faust an ihr schuldig werden zu lassen.

In allen Wandlungen seines Dramas aber hat Goethe streng daran festgehalten, dass kein unreines Wort, kein unedler Zug Gretchens Bild trübt. Im Urfaust sollte sie Friederikens Bild wiedergeben: Faust, der sich bisher von den Menschen zurückgezogen, lernt nach wüsten Kneipspässen zum ersten Mal die Allgewalt der Liebe kennen, er empfindet eine Erhöhung seines Daseins, ein Weiterkommen. Freilich, gerade vermöge dieses innerlichen Vorwärtskommens wächst er sehr bald wieder über den Gegenstand seiner Liebe geistig hinaus und fühlt endlich, dass er sich von Gretchen trennen muss, um nicht stehen zu bleiben. Er reisst sich los, aber sein Vorwärtsschreiten muss mit schwerer Herzenspein, mit dem Gefühl der Schuld bezahlt werden: wie beim Dichter selber, als er sich von Seesenheim fortstahl. Da ist denn Gretchen das einfache Kind, in beschränkter Sphäre lebend und wirkend, aber diese auch ganz ausfüllend in ernstem , tüchtigem Sinne. Wie könnte sie Faust über sich selbst erheben! — Dann, sahen wir, bedeutete der Umgang Gretchens in der „Fragments-"Zeit gerade die Erhebung des Helden aus dem Schlamm, in den ihn Mephistopheles gezerrt hatte. Und in der letzten Phase vertritt sie freilich wieder, gegenüber der neu erdachten Helena , eine niedere Stufe in Fausts Seelenleben, aber durchaus nicht die niedrigste; das scheinbare Untergehen Faustens in der Sinnlichkeit ist vielmehr in den Blocksbergscenen geschildert, und diese sind mitten hinein gestellt zwischen Gretchens Fall und Läuterung. So ergiebt sich nun im ganzen folgender Plan: Faust, den die wüsten Spässe in Auerbachs Keller ganz kalt liessen, wird durch die Erscheinung des Frauenbildes in der Hexenküche sinnlich gereizt. Die Manneskraft in ihm, lange Jahre durch emsige Forschung und Abschluss von der Welt unterdrückt, regt sich nun um so mächtiger und lässt den „verjüngten" Faust, trotz häufiger Reaktionen seines besseren Teiles, fast wie einen gewissenlosen Roue erscheinen, der Gretchen mit sich in die Schuld herabzieht. Aber Gretchen bleibt auch in ihrem Falle sich selber treu, im Herzen rein. „Alles, was sie dazu trieb, Gott, war so gut! Ach, war so lieb!" Allmählich erst wirkt der weitere Verkehr mit Faust ungünstig auf sie ein, aber das Unglück führt sie zur Sammlung, Selbstbesinnung, Vertiefung, Läuterung. Ganz anders Faust. Der erste sinnliche Genuss hat seine Begierde nur gesteigert, vorläufig sinkt er noch von Stufe zu Stufe bis zu dem abscheulichen Tanz auf dem Brocken , kehrt dann zu dem gefangenen Gretchen zurück und wird nun zum erstenmal seiner ungeheuren Schuld inne; er fühlt, dass sie sittlich über ihm steht und versucht zunächst instinktiv, wieder ihr gleich zu werden; dabei aber wachsen die Schwingen seiner Seele und er kann nun, nachdem er den Überdruss der Sinnlichkeit verspürt hat, ein Edlerer, Reinerer, Besserer werden.

Mit Bewunderung betrachten wir die Kunst, mit der Goethe die Liebe zwischen Faust und Gretchen erwachen und sich nach und nach steigern lässt; wie hat er sich in die kleinbürgerliche Sphäre des guten Kindes eingelebt und dem Alltag die reichste Poesie abgewonnen! Es ist noch etwas von der shakespearisierenden Technik des „Goetz von Berlichingen" in dieser Zerspaltung der Handlung in einzelne, anscheinend locker aneinander gereihte Scenen. Aber wie vortrefflich ist der ganz eigenartige Stimmungsgehalt jeder einzelnen dieser Scenen ausgeschöpft, so dass sie wie lauter kleine, wohl abgerundete Kunstwerke vor uns stehen.

Durch die schlagfertige, sichere Art des Mädchens ist Faust in Feuer und Flamme versetzt. Mephistopheles thut ihm natürlich nur zu gern seinen Willen. Aber wie immer, sucht er ihn auch hier erst „zappeln" zu lassen, immer in der Hoffnung, dass Faust einen Genuss, den er sich erst erkämpfen oder erbetteln muss, nachher auch um so gieriger festhalten werde. Mit lauter leeren Ausflüchten heizt er der Liebesglut seines Gefährten tüchtig ein, und dieser spricht wirklich „wie Hans Liederlich". Will er doch das gute Kind durch Geschenke gewinnen; er setzt also in ihr ohne weiteres Gewinnsucht voraus und traut seiner eigenen Persönlichkeit noch nicht genug Bedeutung zu, um ein Herzchen zu erobern. Ihm „steckt der Doktor noch im Leib". Nach einer Scene voll fliegender Hitze die heilige Ruhe in Gretchens Zimmer. Selbst der Teufel, der hereinschnüffelt, muss bekennen: „Nicht jedes Mädchen hält so rein". Und diese reinliche Sphäre, der Ordnungssinn, das ewige Gleichmass, das hier den Lebenslauf seit Urväterzeiten regelt, macht jetzt auf Faust keinen philisterhaften Eindruck; wie der alternde Goethe für die pädagogische Provinz in seinem „Wilhelm Meister" eine Erziehung zur Ehrfurcht forderte, so hat er selbst sich allemal der Macht der Pietät willig gebeugt. Hier ist Ruhe, die er, der Rastlose, vergebens sucht. Hier ist wenig, aber das Wenige beglückt, weil es den ganzen Gedankenkreis dieser Menschen ausfüllt. „In dieser Armut welche Fülle! In diesem Kerker welche Seligkeit"! Faust wird innerlicher, reiner, edler in dieser Atmosphäre. Freilich dürfen wir nicht einen Augenblick vergessen, dass für den rastlos Strebenden solche Ruhe und Selbstgenügsamkeit keinen dauernden, sondern nur augenblicklichen Wert hat und haben darf; und, das fühlen wir voraus, ebenso schnell wie die Freude an dieser Stille und Beschränktheit wird auch seine Treue gegen Gretchen dahingehen. Diese einfachen Leutchen hier haben ihr Ziel gleichsam erreicht. Sie haben den eng abgesteckten Kreis gefunden, in dem sie ihre Kräfte bewähren können. Faust ist noch nicht so weit, und da ihm viel, unendlich viel mehr gegeben ist, als ihnen, darf er auch hier nicht Halt machen und sich nicht begnügen; das wäre Sünde; aber wohl ist es für ihn eine Stärkung auf seiner Bahn, dass er überhaupt eine eng begrenzte Existenz einmal kennen gelernt hat. Am Ende des zweiten Teiles weiss er sich dann selber den Kreis seiner Thätigkeit zu ziehen. Vorläufig schweift er noch suchend und irrend umher. Der Ausgang ist ihm freilich nicht bewusst und die innere Kritik an dem augenblicklichen Gefühl der Zufriedenheit ist doch vorhanden, sonst würde er sich jetzt nicht doch wieder von Mephistopheles beschwatzen und das Kästchen in Gretchens Schrein stellen lassen. Wundervoll ist dann die erwachende Liebessehnsucht in Gretchens Brust geschildert. Sie hat den fremden Herrn gesehen, seine Art und seine Worte haben Eindruck auf sie gemacht, aber ihre persönlichen Gefühle hat sie noch nicht aussprechen lernen; sie verspürt mehr eine allgemeine Liebesstimmung, als ein Sehnen nach dem einzelnen Manne, und die Stimmung löst sich nach echter Volksart in einem Liede von der treuen Liebe, die niemals aufhört, von der Liebe des Königs in Thule. Unendlich viel persönlicher aber wirkt das Schmuckkästchen auf das Bürgermädchen; hier in der Einsamkeit spielt sie damit und verrät ihre Freude am Flitter. Es geht ihr damit wie Faust mit der Magie; einmal berührt, nimmt uns das Böse selber gefangen und wir kommen bald nicht mehr von ihm los. Und gerade der Verlust des Kästchens, gerade der Umstand, dass die strenge Mutter es zur Kirche trägt, steigert natürlich ihre Begierde nach dem Schmuck und ihre Lust an der Heimlichkeit. Insofern dient eigentlich die Entfernung des Kästchens den Zwecken des Mephistopheles; aber es ist eben der dumme Teufel, der sich vom Pfaffen geprellt sieht und nun ganz menschlich spricht, fast unser Mitleid herausfordert und in seinem Ärger bittere Wahrheit über den „guten Magen der Kirche" zum Besten giebt. Die Wiederholung des Motives wirkt nicht lähmend, sondern fördernd. Faust hat jetzt Zeit zur Besinnung gehabt, er will aber nicht von Gretchen lassen und wendet zum zweitenmal das gleiche, verwerfliche Mittel an, sie mit Besitz zu kirren; und Gretchen will ebenfalls nun erst recht den Schmuck behalten, obwohl sie jetzt nicht mehr daran denken darf, dass er vielleicht als Pfand ins Haus gekommen sei, sondern sehr wohl weiss, dass das Ganze mit unrechten Dingen zugeht. Die Heimlichkeit ihres Vorgehens beweist ihr Schuldgefühl. Da die Mutter das neue Kästchen nicht sehen darf, geht sie zur Nachbarin, Frau Marthe, deren Gemeinheit und Selbstsucht freilich das gute Kind nicht durchschaut, die ihr nur die gefällige, ihrer Eitelkeit behilfliche Freundin ist, die mit Schmeicheleien ihrem jugendlichen Herzen eine kindische Freude bereitet. Und mit Schmeicheleien weiss sie denn auch Mephistopheles zu fassen, obwohl sich Gretchen mit einem inneren Schauer von ihm abwendet: sie empfindet die gleiche dumpfe Atmosphäre, die in ihrem reinlichen Zimmerchen herrschte, als der Böse darin gewesen war. In dieser Scene lässt Goethe einmal keine einheitliche, sondern gemischte Stimmung walten: Gretchens Worte, von innerlichem Zagen eingegeben, unterbrechen an bedeutsamen Stellen ein Gespräch von vollendeter Hans-Sachsischer Komik. Wie der Teufel da, als guter Beobachter, mit wenigen, derben Strichen ein farbenprächtiges Bild von dem heruntergekommenen Landsknecht, Herrn Schwertlein, entwirft, den der Wein, die Weiber und das Würfelspiel ruiniert haben und zugleich an die beiden ihm verwandten Eigenschaften der Frau Marthe, an ihre Gemeinheit und ihre Habsucht zu appellieren, sie aber beide Male an der Nase herumzuführen, und mit ihr „Katz' und Maus" zu spielen weiss! Gerade wenn ihre Spannung aufs höchste gesteigert ist, wendet er sich scheinbar gleichgültig zu Gretchen und lässt die Alte eine Weile zappeln, um dann ihre Freude durch einen Guss kalten Wassers auszulöschen. Er hat von Herrn Schwertlein nichts mitgebracht, aber er macht doch seiner Witwe, die nichts Eiligeres zu thun hat, als den Tod ihres ersten Gatten urkundlich festzulegen und sogleich für ihre Zukunft Sorge zu tragen, begründete Hoffnungen auf eine gute Partie, um unter einem greifbaren Vorwande mit Faust in ihren Garten kommen zu dürfen.

Es wird dem Teufel nicht leicht gemacht, seinen Plan durchzusetzen: Faust macht Schwierigkeiten. Gretchen zu verführen, traut er sich schon zu; aber einen falschen Eid ablegen, das geht gegen sein Gewissen, das wäre ein Verbrechen gegen sich selbst, gegen seine bisher rein erhaltene Persönlichkeit. Die Scheingründe des Mephistopheles können ihn doch nicht überzeugen. Gewiss hat er auf dem Katheder von Dingen gesprochen, von denen er nichts wusste; aber er hat doch wenigstens nach dem Wissen gestrebt und gerungen, hat es so gut gegeben, als er es vermochte. Hier aber handelt es sich um offenbare Lüge, noch dazu in einer gewinnsüchtigen Absicht. Mit philisterhafter Versteifung bleibt der Teufel bei seinem: „Ich hab doch Recht". Und mit dieser Zähigkeit behält er denn auch Recht über den unruhigen Faust, dem die Sinnenlust schon den Sinn zu verwirren beginnt : er entschliesst sich , auf Mephistos Forderung einzugehen: „Du hast Recht, vorzüglich weil ich muss", d. h. weil mich meine Sinnlichkeit dazu treibt. Es ist der erste Schritt auf der Bahn des Verbrechens, den Faust selber thut (denn der Diebstahl des Kästchens kommt nicht so sehr auf seine Rechnung); von nun an wird ihn der Böse immer mehr erniedrigen.

Pour l'homme, l'amour n'est qu'une episode — pour la femme, c'est la vie. Faust giebt Gretchen nur einen Teil seines Wesens hin, er ist auf dem Wege der Sinnlichkeit ins Reich der Liebe eingedrungen, die Fülle seines Geistes könnte er hier in der Enge nicht ausschütten. Gretchen giebt sich ganz und geht völlig in ihrer Liebe auf. Sie versinkt in Faust, wie Hebbel einmal seine Judith sagen lässt, sie könne im Gebet in Gott untertauchen. Daher rührt die Wortkargheit Fausts gegenüber der holden Geschwätzigkeit und überströmenden Glückseligkeit Gretchens in der folgenden Spaziergangsscene. Sie weiss von allem zu plaudern, von dem Eindruck, den Faustens Gruss auf sie machte, von ihren häuslichen Sorgen und der strengen Mutter, von ihrer Fürsorge für das Brüderchen und dem älteren Bruder, der Soldat ist, schalkhaft prüft sie die Liebe ihres Begleiters im Blumenorakel und mit holder Freude jubelt sie auf: er liebt mich! Während sie in ihren Gesprächen vom Hundertsten ins Tausendste kommt, weil ihrem engen Gesichtskreise alles gleichwichtig erscheint, geht die weltkluge Frau Marthe fest auf ihr Ziel los, auf die eine grosse Hauptsache, die sie im Auge hat: eine zweite, glücklichere Ehe. Das ist der rechte Kontrast, und gerade durch das abwechselnde Auftreten der beiden Paare prägt sich der Gegensatz zwischen der teuflisch-sinnlichen Alten und dem engelsguten Kinde um so deutlicher bei uns ein. Wieder ist Mephistopheles Herr der Situation. Er lässt sich Anträge machen und weist sie dann mit schneidendem Hohn zurück. Gretchen gewinnt die Herzen, weil sie sich gar nicht darum bemüht, Marthe stösst uns durch ihre Absichtlichkeit ab; Gretchen erscheint uns rein trotz ihres Falls, Marthe ist uns das „falsche, kupplerische Weib" trotz oder gerade wegen ihrer übergrossen Vorsicht vor dem „Gerede der Nachbarn". Das Naive und das Absichtliche konnten nicht besser gegenübergestellt werden.

Zwei Fäden führen von dieser Scene aus weiter. Faust und Gretchen haben sich gesehen, sie wollen nicht für immer voneinander scheiden, aber Gretchen fürchtet die Strenge der Mutter. Der weitere Verkehr muss verheimlicht werden. Und ferner: Faust, in dem immer das bessere Selbst erwacht, sobald er ohne Mephistopheles Gretchens Sphäre naht, fühlt sich nun von einer wahrhaften Liebe durchdrungen und obwohl auch jetzt die Erfahrung in seiner Brust nicht schweigt und die Ahnung jeder Lust mit eigensinnigem Krittel mindert" , obwohl er wissen sollte, dass ein Ausdauern in solchem Verhältnis sein Unglück bedeuten muss, sucht er Herr über sich selbst zu werden und verflucht sich gleichsam für den Fall, dass er untreu würde „Sich hmzugeben ganz und eine Wonne zu fühlen, die ewig sein muss! ewig! ihr Ende würde Verzweiflung sein. Nein, kein Ende! kein Endel" Das klingt wie eine Selbstbeschwörung, die uns ob ihrer Gewaltsamkeit verdächtig erscheinen will. So erscheint das ganze Verhältnis von vornherein ungesund, nicht auf die Dauer angelegt und endigt mit Verzweiflung, nicht für Faust, aber für Gretchen, denn sie opfert ja ihre ganze Persönlichkeit in ihrer Liebe.

Im folgenden weichen nun die drei Hauptfassungen des Dramas, wie wir schon angedeutet haben, stark von einander ab. Im Urfaust entwickelt sich die Handlung ziemlich folgerecht: Gretchen wird Fausts Eigen mit Leib und Seele, nachdem die wachsame Mutter durch einen Schlaftrunk betäubt ist. Die Reue folgt, aber auch die Strafe. Im Dom wohnen wir den „Exequien der Mutter Gretchens" bei, die „durch sie sich in die Pein hinüberschlief, also durch immer wiederholten Gebrauch des Schlafmittels getötet wurde. Danach hat also bisher der Verkehr Gretchens mit Faust keine Unterbrechung erlitten, und „unter ihrem Herzen, schlägt da nicht quillend schon Brandschandemalgeburt"! Es folgt der noch unvollendete Auftritt Valentins, alsdann Fausts und Mephistos Monolog, der so dämmerhaft beginnt: „Wie von dem Fenster dort der Sakristei der Schein der ewigen Lampe aufwärts flämmert" , und so stürmisch-gewaltsam damit endet, dass Faust, der Unmensch ohne Rast und Ruh, doch wieder zu Gretchen eilt, obwohl er weiss, dass er sie vernichten wird. Er ist also von seiner Sinnlichkeit völlig unterjocht. Hier sollte wohl die Ermordung Valentins folgen, sodass Faust, der am Tode von Gretchens Mutter nur mittelbar schuldig war, jetzt seine eigene Hand mit Blut befleckte, und dann das Verlassen Gretchens. Endlich, nachdem ihn Mephistopheles in „abgeschmackte Freude" eingewiegt, sollte, wir wissen nicht recht, aufweiche Weise, Faust über Gretchens Geschick aufgeklärt und in ihren Kerker geführt werden. Faust spielt hier im späteren Verlauf der Gretchen-Handlung eine niedrige Rolle; der immer wiederholte Verkehr ohne rechte Liebe widert uns fast an und sein Untergang wäre schliesslich dem Zuschauer wie ein göttliches Strafgericht erschienen.

Ganz anders stellt sich der Verlauf für den italienischen Goethe dar. Da sind die „abgeschmackten Freuden" schon überwunden, als er Gretchen kennen lernt, und die Scene „Trüber Tag, Feld" hat im Fragment von 1790 keine Stelle. Nach der ersten Liebesnacht hat Faust auch Gretchen verlassen. Seine Unbeständigkeit treibt ihn in die Einsamkeit. Im Verkehr mit der Natur findet er sein besseres Selbst wieder, wovon der schöne Monolog: „Wald und Höhle" Zeugnis giebt. Zugleich aber hat er eine höhere Empfindung, die ihm seine bisherige Hetzjagd durch die Irrgärten der Sinnlichkeit niemals gewährt hatte: wahrhafte Liebe. Er sehnt sich nach Gretchen, wenn er es auch nicht gestehen will. Beides ist Mephistopheles gleichermassen verhasst. Faust soll von seinen hohen Betrachtungen und von seiner gedankenhaften Liebe abgezogen werden zu tieferer Verstrickung in die Sinnlichkeit, damit er und Gretchen sittlich zu Grunde gehen. Durch eine herzbewegende Schilderung der Sehnsucht Gretchens gelingt es dem Bösen, Faust zu ihr zurückzuführen. Hierbei wird das Dialogstück vom „Unmenschen ohne Rast und Ruh" verwendet, das jetzt frei war, da Goethe damals die Valentin-Scene unterdrücken wollte. Es folgen die Scenen, die uns Gretchens Seelenpein in der Zwischenzeit zeigen, die Zwinger-Scene und die Dom-Scene, wo sie jetzt nicht mehr durch frische Erinnerung an den unmittelbar vorhergegangenen Tod der Mutter, sondern nur durch die mächtigen Klänge des Chorals zerschmettert wird. Damit bricht das Fragment ab.

Wieder anders nun die schliessliche Vollendung des Werks, wie es uns heute vorliegt. Hier ist Gretchen Fausts erste Liebe. Folglich kann er nicht in einem späteren Monolog davon sprechen, dass Mephistopheles in seinem Herzen die Sehnsucht nach jenem schönen Bilde in der Hexenküche entflammt und ihn dann von Schönheit zu Schönheit geführt habe, sondern das schöne Bild wird nun auf Gretchen bezogen , die Faust bisher nur gesehen und gesprochen hat. Die Furcht, das gute Kind unglücklich zu machen, hat ihn von ihr fortgetrieben in die Einsamkeit, wo er der Geliebten wehmütig und sehnsüchtig gedenkt. Es ist ein Versuch des Helden, sich und Gretchen zu retten aber dieser Versuch misslingt. Mephistopheles benutzt die Sehnsucht Fausts, um ihn zunächst wieder in die Nähe der Geliebten zu bringen und alles Weitere ist ihm ein Kinderspiel.

So ist denn in der jetzigen Faustdichtung der Monolog „Wald und Höhle" nebst dem schon im Fragment anschliessenden Dialogstück zwischen die Scene im Garten und Gretchens Liebesklage: „Meine Ruh' ist hin, mein Herz ist schwer" gerückt, wo er ursprünglich seine Stelle nicht hatte. Auch bei der Neuanordnung hat sich Goethe, wie wir gesehen haben , als Herrn über seinen Stoff erwiesen , und es gilt, seinen Gedanken nachzudenken und ihn zu verstehen, anstatt bloss über die „Verwirrung der Scenen" abzusprechen.

Dass der Ton dieses Monologes von dem vorhergehenden ganz bedeutend absticht, ist natürlich klar, aber durchaus nicht psychologisch unwahr. Man hat darauf hingewiesen, wie Shakespeare, Ibsen und andere grosse Dramatiker ihre Personen je nach der Umgebung, in der sie auftreten, gleichsam verschiedene Dialekte derselben Sprache reden lassen. Auch Faust spricht anders mit Mephistopheles, anders mit Gretchen, anders, wenn er allein ist. Gretchens liebenswürdige Geschwätzigkeit hat ihm das Herz geöffnet. Nur äussert sich das volle Herz in anderer Weise bei Faust, als bei Gretchen. In wundervollen Blankversen lässt Goethe seine ganze italienische Naturbegeisterung ausklingen. Spinozistische Ideen von der Allbeseelung der Natur, wonach jedes Körperliche mit einem Geistigen aufs engste verbunden, ja im letzten Grunde identisch ist, mischen sich mit Swedenborgischen Vorstellungen von der in der ganzen Natur wirkenden Geisterwelt, wenn Faust hier dem Erdgeist, der ja nach der damaligen Vorstellung des Dichters den Mephistopheles abgesandt hat, seinen heissen Dank dafür ausspricht, dass er ihm die Reihe der Lebendigen, seine Brüder in Wald, Luft und Wasser vorgeführt habe, die Geisterwelt in der ihn umgebenden Natur. Jetzt ist ihm also erfüllt, was er einst erfleht hatte: „um Bergeshöhlen mit Geistern schweben". Früher hat er sich forschend um die Natur bemüht, jetzt lebt und webt er in und mit ihr. Und von der Natur wendet er sich zu der sicheren Höhle, in der er selbst geborgen ist mit seinem Selbstbewusstsein, zur Betrachtung des menschlichen Herzens; von der Gegenwart steigt er aufwärts in die Vergangenheit, um in freier Thätigkeit der Phantasie mit der Vorwelt silbernen (schattenhaften) Gestalten zu verkehren, wie mit seinesgleichen, nicht gehindert durch der „Betrachtung strenge Lust", durch kritische Bedenken, die ihm früher so oft durch die unbarmherzige Forderung der strengsten Wahrheit den reinen Genuss seines Studiums trübten. Aber kaum hat er das verhängnisvolle Wort aus- gesprochen, so ist auch die hohe Stimmung, das völlige Glück, das dem Menschen immer nur auf Augenblicke geschenkt wird, wieder verflogen. Wie er sich an Gretchens Arm mitten unter Treueschwüren der eigenen Unstäte erinnert, so gedenkt jetzt daran, dass der Geist, der ihm auf Befehl des Erdregierenden tiefe Weisheit kund that, eben ein böser, verderblicher Geist ist, der ihn tief in Schuld zu verstricken sucht und dessen er nicht mehr Herr wird. Wie er seine Sinne eröffnet hat, so hat er auch seine Sinnlichkeit verstärkt, und schliefe diese ein, so würden auch jene ermatten. „Dem Herrlichsten, was auch der Geist empfangen, drängt immer fremd und fremder Stoff sich an", heisst es im ersten Teil des Dramas, und: „Wenn starke Geisteskraft die Elemente an sich herangerafft, kein Engel trennte geeinte Zwienatur der innigen Beiden", erklingt es am Schlüsse. So lange der Mensch auf der Erde lebt, ist ihm das Leben im reinen Geiste nicht gegeben, es „irrt der Mensch, so lang er strebt". Verwerflich ist, wer um der ewigen Misserfolge willen überhaupt auf jedes Streben verzichtet und die Hände in den Schoss legt. Gefährdet ist schon, wem sie die frohe Strebenslust mindern. Auf dieser Stufe steht Faust. Er will sich der Beschränkung noch nicht unterwerfen, er will, wie Heinrich von Kleist sagen würde, „alles an alles setzen". Erst im zweiten Teil wird er dazu erzogen, das Gesetz der Einschränkung anzuerkennen. Die Schlusszeilen des Monologs, „so tauml' ich von Begierde zu Genuss, und im Genuss verschmacht' ich nach Begierde", die sich ursprünglich auf Fausts bisherigen Wollusttaumel bezogen, konnte Goethe auch später mit einigem Rechte stehen lassen. Sie bedeuten jetzt: von der Begierde nach Gretchen bin ich hierher in die Einsamkeit zu höheren Genüssen geflüchtet, aber die Begierde erwacht aufs neue und lässt mir keine Ruhe. Und in der That: Der Böse ist schon wieder neben ihm und verschärft den „eigensinnigen Krittel", der sich in Fausts eigenem Herzen regt, indem er dessen hohen Naturdrang als ein ergebnisloses Bemühen mit Ironie behandelt, die ein grosses Herz auf die Dauer nicht verträgt. Auch hier weiss er mit Meisterschaft den rechten Ton auszuprobieren, durch den er auf Faust wirken kann. Der krasse, zynische Hinweis auf den sinnlichen Genuss verfehlt augenblicklich seinen Zweck, reisst aber den Helden doch etwas aus seinen metaphysischen Schwärmereien heraus. Schwärmerei ist nun Mephistopheles an sich gar nicht unangenehm, denn auch in ihr kann ein teuflisch-verführerisches Element verborgen sein ; aber Faust soll sie nicht auf die Natur, sondern auf Gretchen richten, und so schildert der Teufel voll Mitleid die Sehnsucht des verlassenen Mädchens. Der Teufel voll Mitleid! Gewiss, es giebt auch ein falsches, teuflisches Mitleid. Sobald wir einem anderen mehr aufopfern, als Besitz und Kraft, sobald wir etwa unser Bestes, unsere Seele hingeben, um das leibliche, augenblickliche Wohlsein des anderen zu fördern, handeln wir verbrecherisch gegen uns selber und gegen die Welt, der wir mit unserer reinen Seele mehr nützen könnten (21). Solch falsches Mitleid wäre es, wenn Faust, um Gretchens Kummer zu stillen, zu ihr zurückkehrte und sich von der ihn erhebenden Natur losrisse — aber es ist gar nicht Mitleid, der Teufel hat es kaum nötig, seiner Verführung das Mäntelchen der Nächstenliebe umzuhängen, die Sinnlichkeit ist in Faust wieder erwacht und so stark geworden, dass er mit vollem Bewussts ein des Unglücks, das er anrichten wird — zu Gretchen zurückkehrt: „Mag ihr Geschick auf mich zusammenstürzen und sie mit mir zu Grunde gehn" ! (Vgl. das frühere: „Du hast Recht, vorzüglich, weil ich muss".) Man beachte, wie fein Goethe die Scene schliesst: Faust ist ein Sünder, aber kein Teufel. In seiner Brust wirkt doch etwas Ungeheuerlicheres, das ihn hinreisst, das Gleiche im Grunde, was Egmont bestimmt, an seiner Stelle bleiben und nicht zu fliehen, das „Dämonische" wie Goethe sich auszudrücken liebte. Nichts davon in Mephistopheles. Im Gegenteil, dieses Dämonische ärgert ihn. Fausts Aufregung ist ihm verhasst. Wenn dieser erst so starker Reizmittel bedarf, um zur Sinnlichkeit gebracht zu werden, um ein gutes Kind zu ruinieren, dann ist er noch nicht genug „eingeteufelt"; gleichgültig, mit dem stereotypen Lächeln des abgeschmackten, faden, blasierten Roues unserer Salons, mit der Teufelfratze des „Lebemannes", dessen Kräfte vorzeitig aufgebraucht, dessen Hirn ausgebrannt, dessen Seele ertötet ist, soll Faust dem weiblichen Geschlechte gegenübertreten, wie Mephistopheles selber im zweiten Teil den Lamien. Und darin ist eben Fausts schliessliche Rettung gewährleistet, dass er niemals zum „Lebemann" herabsinkt.

21. Genial ist dieser Gedankengang durchgeführt in Otto Ludwigs Drama: „Die Makkabäer", wo Lea, die Mutter der Makkabäer, durch entsetzliche Leiden dazu erzogen wird, nicht das leibliche, sondern das geistige Wohl ihrer Kinder zu fördern.

Wahrhaft gute und reine Menschen werden in der Einsamkeit nicht schlecht; sie sind von allem Störenden befreit und entfalten ihre Seele zu der äussersten, für sie erreichbaren Weite und Grösse. Wie Faust in der Einsamkeit sittlich wurde, so lange Mephistopheles nicht bei ihm war, so das gute Gretchen an ihrem Spinnrade. In ihrem Herzen kämpft ungestüme Sehnsucht nach Faust mit inniger Sorge um ihn, nicht um sein körperliches Wohlbefinden, sondern um die Seele des Mannes, die ihr durch seinen schlimmen Begleiter bedroht erscheint. Es ist ganz rührend, zu hören, wie Gretchen den einzig lieben Mann fragt : „Wie hast du 's mit der Religion?" Für das gute Kind aus dem Volke ist die Religion nicht bloss das Heiligste und Hehrste, sondern war bisher wohl das einzige, was ihr Herz überhaupt höher schlagen Hess. Nun hat auch die Liebe in dies Herz Einzug gehalten; kein Wunder, dass beide Empfindungen mit einander verschmelzen, dass die Liebe sie religiös stimmt und dass sie sich herzliche Liebe ohne den „rechten Glauben" nicht vorstellen kann. Daher die Frage. Faust wusste auf dem Osterspaziergange dem alten Bauern im Ton des Volkslehrers zu antworten. Selbst nicht katechismusfest, will er niemand sein Gefühl und seine Kirche rauben, am wenigsten denen, die er liebt. Das ist nur die Art der Allerfrechsten, des moralischen Auswurfs, wie er sich freilich in allen Ständen findet, dass sie, die für die Religion zu klein sind, das, was anderen heilig ist, mit Füssen treten und mit Schmutz bewerfen. So wird Faust das Gretchen nicht etwa Überlegenheit fühlen lassen, aber er mag auch nicht lügen. Da rafft er denn seine ganze Seele zusammen zu einem Glaubensbekenntnis persönlichster Art, wie wir es nur in Augenblicken der höchsten inneren Spannung ablegen können. Naturen wie Gretchen sind mit sich selbst zufrieden, wenn sie ihren Katechismus auswendig wissen, von Zeit zu Zeit den Sakramenten ihre Ehrfurcht erweisen und im ganzen böse Thaten, hässliche Worte, schlechte Gedanken meiden.

Zu einer lebendigen Anschauung Gottes und des Weltzusammenhangs schwingen sie sich nicht auf(22). Fausts Bekenntnis soll nicht etwa ein Beweis seiner Unsicherheit, eines Zurückweichens vor Gretchens Glaubenssicherheit sein; Faust ist hier durchaus nicht Atheist und Materialist oder schwärmender Pantheist. Er soll für den denkenden Zuschauer nicht hinter Gretchen zurückstehen, sondern im Gegenteil sich so weit über sie erheben, dass wir sofort empfinden: Hier kann nur die allgewaltige Liebe ein zeitweiliges Zusammenhalten gestatten, sehr bald werden die beiden grundverschiedenen Menschen wieder auseinandergehen müssen, wie das Pfarrerstöchterchen Friederike und Goethe, der theologische Schüler Herders. Auch in unserer Scene weht Herders Geist, (23)wie in dem früheren Bibelübersetzungsversuch mit seinem Kampf gegen das blosse Wort, den Namen, der Schall und Rauch bleibt, wenn man nicht auf das Wesen der Dinge dringt. Das Bekennen oder Ablehnen des Namens sagt gar nichts. Auf die Stimmung, in der man dem Allergewaltigsten naht, auf die Öffnung des Herzens vor ihm kommt alles an. „Ich glaube einen Gott. Dies ist ein schönes, löbliches Wort. Aber Gott anerkennen, wo und wie er sich offenbare, das ist eigentlich die Seligkeit auf Erden" (24). Und diese Anerkennung kann nicht mit Hilfe des Verstandes, sondern nur des Herzens erfolgen. Auch Schiller sagt: „Die Aufklärung des Verstandes geht von dem Charakter aus, weil der Weg zu dem Kopf durch das Herz muss geöffnet werden." In diesem Sinne will Faust seinem Liebchen das Herz öffnen, damit sie, von Gottes ganzer Grösse durchdrungen, in Ehrfurcht vor ihm verstumme. Das ist freilich durchaus nicht der Fall; Gretchen schweift mit der ihr eigenen Leichtigkeit auf ein anderes Thema über und spricht zur ärgerlichen Freude des lauschenden Teufels ihren Abscheu und ihre Angst vor dem bösen Begleiter des Liebsten aus. Auch bei ihr geht es, wie bei Faust. Erst hohe Gedanken im Sinn, Gott im Munde, zugleich aber die Liebe im Herzen und dann die Verabredung auf die kommende Nacht, worüber die Hölle triumphiert: „Hab ich doch meine Freude dran".

22. Es soll durchaus nicht geleugnet werden, dass grüblerische, tiefsinnige Naturen auch im Volk vorkommen. Man kann sie aus Anzengrubers Dramen kennen lernen. Aber Gretchen gehört sicherlich nicht dazu. Die Gedankenlosigkeit — ohne tadelnden Nebensinn — gehört ja mit zu ihrer Charakteristik. "

23 Vgl. R. Hildebrand, Beiträge zum deutschen Unterricht. Leipzig 1897, S. 149 ff. 

24. Goethe, Sprüche in Prosa. Nr. 569.

Am Brunnen des Städtchens finden wir das nun mit Schuld beladene Gretchen wieder. Wie den Voreitern im Paradiese sind ihr durch die Sünde die Augen geöffnet worden für das, was gut und böse ist. Sie empfindet jetzt die verwundende Gemeinheit des philisterhaften Geschwätzes, von dem ihr das Lieschen mit kleinstädtischer Zungenfertigkeit eine Probe giebt. Gretchen ist reifer geworden. Sie versteht jetzt fremdes Leid und fremde Schuld. Bisher nur von ihrem Gewissen gestraft, hört sie nun mit Entsetzen, was ihr bei ihren herzlosen Mitbürgern bevorsteht; obwohl das Bärbelchen, von dem die Rede ist, ihr Spiel viel frecher getrieben hat, macht sie keinen Versuch, sich vor dieser weiss zu brennen. Auch sie hat ja „Geschenke von ihm genommen", wenn nicht öffentlich, so doch heimlich. Und endlich löst sich das ungeheuere Wirrsal ihrer Gefühle in dem rührenden Monologe am Zwinger, für den kaum ein ausreichender Ruhmestitel gefunden werden kann. Wie ein Kind aus dem Volke wohl den lieben Heiligen, die ihm helfen sollen, ein kleines Geschenk darbringt, steckt sie frische Blumen in die Krüge vor dem Muttergottesbild. Ihr Vertrauen ist so grenzenlos, dass sie des gewaltigen Unterschieds zwischen den Leiden der Mater dolorosa und dem eigenen, selbstverschuldeten Weh nicht beachtet. Mit kurzen Zeilen hebt das Gebet an, in kurzen Zeilen verklingt es, dazwischen in vollen Accorden die Schilderung des innerlichen Leidens, anschaulich zur Darstellung gebracht durch Bilder und Vergleiche mit körperlichen, „wühlenden" Schmerzen. Wie einfach im Stil des Volksliedes der Höhepunkt mit seinem dreimaligen „Ich weine" und dem meisterhaften Weiterspinnen der gleichen Vorstellung, aber schon wieder in anderer, mehr wehmütiger als verzweifelnder Stimmung, in Erinnerung an die morgendlichen Thränen, die den Blumenstrauss betauten. Sie darf zur heiligen Jungfrau beten, denn in ihrem Herzen ist es rein geblieben: „Alles, was mich dazu trieb, Gott, war so gut! Ach, so lieb"! und trotz der heftigen Anklage und Drohung des rauhen Valentin, des kreuzbraven, aber etwas grosssprecherischen Soldaten, der zu spät heimkommt, um sein Gretchen, auf dessen Tugend er stolz ist, wie auf irgend eine wertvolle Schaumünze, vor der Verführung zu retten, trotz seiner Zukunftsbilder von der, die es mit einem heimlich anfing, und nun allen angehören werde, sind wir dessen sicher: mit Gretchen ist es anders. Die Schande wird sie nicht herabziehen, sondern läutern. Und je rauher die Aussenwelt mit ihr verfährt, um so mehr wird sie sich in sich selbst zurückziehen und ihr besseres Ich wiederfinden.


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