> Gedichte und Zitate für alle: Wilhelm Bode- Goethes Ästhetik- Das Wesen des Dichters. (Seite 2)

2019-11-26

Wilhelm Bode- Goethes Ästhetik- Das Wesen des Dichters. (Seite 2)



Ganz ebenso antwortete er auch auf grofse religiöse Fragen als Dichter, nicht um seine Meinung hinauszusenden, sondern weil der Dichter nicht umhin kann, das poetisch zu gestalten, was ihn im Innersten bewegt. Goethe sagte sich als Jüngling von der herrenhutischen Frömmigkeit los, die ihn eine kurze Zeit beherrschte; er bildete sich ein Christentum zum Privatgebrauch und studierte eifrig, um es durch die Geschichte und durch Beobachtung seiner Umgebung zu stützen. ,,Weil nun aber alles, was ich mit Liebe in mich aufnahm, sich sogleich zu einer dichterischen Form anlegte, so ergriff ich den wunderlichen Einfall, die Geschichte des ewigen Juden, die sich schon früh durch die Volksbücher bei mir eingedrückt hatte, episch zu behandeln, um an diesem Leitfaden die hervorstehenden Punkte der Religions- und Kirchengeschichte nach Befinden darzustellen." Der Plan blieb liegen, aber noch ein zweites Mal führte ihn religiöse Opposition auf dieses Vorhaben.

Er näherte sich im Oktober 1786 dem lange er- sehnten Rom; jede gute Stunde hätte er gern der Iphigenie' gewidmet. Da ward er plötzlich auf- geregt, etwas auszubilden, das gar nicht an der Zeit war. Sein Auge fiel auf einen Priester, der in seiner Seite ihm gegenüber safs; er fühlte sich von lauter Katholiken umgeben; sein Ziel war die Hauptstadt der katholischen Kirche. Er dachte an einige Abenteuer der letzten Wochen, und nun stand ihm lebhaft vor Augen, dafs doch vom ursprünglichen Christentum alle Spur verloschen war. Ja, wenn er es sich in seiner Reinheit vergegenwärtigte, so wie wir es aus der Apostelgeschichte kennen, so mufste es ihn schaudern, welch unförmliches, ja barockes Heidentum auf jenen Anfängen lastete. Und nun erschien plötzlich der ewige Jude wieder vor seiner Seele, der nach der Sage Zeuge aller dieser wundersamen Entwickelungen gewesen ist, und Christus erschien ihm, wie er auf die Erde zurück- kehrt und in Gefahr gerät, zum zweitenmale gekreuzigt zu werden. Jene Legende ,,Venio iterum crucifigi" sollte ihm jetzt Stoff eines grofsen Gedichtes werden.

Dafs es schließlich Fragment blieb, dafs er seine religiösen Überzeugungen und Vermutungen lieber in den ,Faust' und andere Dichtungen hineingewoben, hebt die Wahrheit nicht auf, dafs Goethe sich auch von religiösen Streitfragen durch dichterisches Gestalten loslöste. Dieses Loslösen verglich er im Scherze wohl mit dem Sichhäuten der Schlange oder mit dem Ablegen von Kleidungsstücken. Über den ,Divan sagte er 1827, dafs diese Lieder gar kein Verhältnis zu ihm mehr hätten. Sowohl was darin orientalisch, als was darin leidenschaftlich ist, habe aufgehört, in ihm fortzuleben; ,,es ist wie eine abgestreifte Schlangenhaut am Wege liegen geblieben." Und zu einem andern Gast und Gehilfen sagte er, seine Poesieen seien gleichsam Häutungen vorübergehender und vorübergegangener Zustände. Aus solchen Bälgen machen sich dann nachher die Leute das, was sie brauchen können; so habe sich eine kleine Schauspielerin seine Lieder ,Des Schäfers Klage' und ,Amor als Schütz' angeeignet und singe sie jetzt gerade so, als habe sie selber sie für sich gemacht. Und ein andermal meinte Goethe, seine Sachen seien nur Bruchstücke aus ehemaligen Existenzen; da einmal ein alter abgelegter Hut, da ein Paar Stiefel und dergleichen.

Solche Scherze dürfen uns nicht vergessen lassen, dafs das Losringen des Dichters von den Zuständen seiner Seele nur unter Schmerzen geschieht. Goethe wufste wohl, warum er viele seiner früheren Dichtungen jahrzehntelang nicht wieder in die Hand nahm; es waren die Zeugen, die altes Weh zu neuem Leben zu erwecken drohten. Oft zauderte er, das Angefangene zu vollenden; man kann sagen, er kämpfte manchmal Jahre und Jahrzehnte hindurch gegen die Gestalten seiner Einbildungskraft, die wie Gespenster sich immer wieder in stillen Stunden einfanden und aus ihrem schemenhaften Schein erlöst sein wollten. Schliefslich half kein Widerstreben, der Dichter mufste ihnen Wort. Goethes Ästhetik. und Leben leihen, um sich selbst von ihren mahnenden Besuchen zu befreien.

„Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten, 
Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt ! 
Versuch' ich wohl, euch diesmal festzuhalten? 
Fühl ich mein Herz noch jenem Wahn geneigt? 
Ihr drängt euch zu! Nun gut, so mögt ihr walten. 
Wie ihr aus Dunst und Nebel um mich steigt; 
Mein Busen fühlt sich jugendlich erschüttert 
Vom Zauberhauch, der euren Zug umwittert."






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