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2019-11-28

Wilhelm Bode- Goethes Ästhetik- Das Geniefsen der Kunstwerke. (Seite 1 )



Das Geniefsen der Kunstwerke.

In den ersten Jahren des neunzehnten Jahrhunderts  veranstaltete Goethe in Weimar kleine Ausstellungen von Werken bildender Kunst; solche Gelegenheiten, eine Anzahl Gemälde und Statuen in einem Räume vereinigt zu sehen, waren damals in Deutschland noch sehr spärlich, und das damalige Publikum mag sich mit gröfserer Andacht zu den Kunstwerken begeben haben, als wir das bei heutigen Ausstellungen gewöhnt sind.

An einem kalten Wintermorgen 1803 trat ein schöner und liebenswürdiger Jüngling in die weimarische Sammlung, noch ehe die Zimmer geheizt waren. Von allen Bildern zog ihn die Charitas von Leonardo da Vinci, in einer vortrefflichen Kopie von Riepenhausen, am stärksten an. Die süfse Traurigkeit des Mundes, das Schmachtende der Augen, die sanfte, gleichsam bittende Neigung des Hauptes sprachen zu ihm. Der Jüngling schaute sich um: er war allein mit dem Bilde! Und da konnte er sich nicht enthalten, einen Kufs auf das Glas des Rahmens zu drücken, gerade über den süfsen Mund der Charitas! Es sah ja niemand!

Aber er hatte nicht mit der Morgenkälte und mit Goethes baldigem Kommen gerechnet. Er hatte mit seinem warmen Atem das kalte Glas angehaucht und dann seinen Kufs in seinen eigenen Hauch gedrückt. Der Hauch fror sogleich an, die Lippen waren mitten darin deutlich erkennbar. So sah nun Goethe das Bild, und in stiller Heiterkeit suchte er den feurigen Liebhaber des Gemäldes zu entdecken. Bei ungeheiztem Zimmer mufste er dagewesen sein und sich allein gefühlt haben ; von frischer Jugend sprachen Lippen und Kufs. Leicht war es nun festzustellen, dafs einer seiner jungen Freunde der seltsame Kunstfreund gewesen war.

Solche Wirkung, wie sie in diesem Falle Leonardo da Vinci erzielt hat, ist nun freilich nicht Aufgabe des Künstlers, und ,,wenn die Sperlinge nach gemalten Kirschen fliegen, so spricht das noch nicht für die Vortrefflichkeit des Gemäldes, sondern es verrät, dafs diese Liebhaber echte Sperlinge waren."

„Kein echter Künstler verlangt, sein Werk neben ein Naturprodukt oder gar an dessen Stelle zu setzen; der es thäte, wäre wie ein Mittelgeschöpf aus dem Reiche der Kunst zu verstofsen und im Reiche der Natur nicht aufzunehmen. Dem Dichter kann man wohl verzeihen, wenn er, um eine interessante Situation in der Phantasie zu erregen, seinen Bildhauer in eine selbsthervorgebrachte Statue wirkhch verhebt denkt; wenn er ihm Begierden zu derselben andichtet, wenn er sie endlich in seinen Armen erweichen läfst. Das giebt wohl ein lüsternes Geschichtchen, das sich ganz artig anhört; für den

bildenden Künstler bleibt es ein unwürdiges Märchen. Die Tradition sagt, dafs brutale Menschen gegen plastische Meisterwerke von sinnlichen Begierden entzündet wurden; die Liebe eines hohen Künstlers aber zu seinem trefflichen Werke ist ganz anderer Art, sie gleicht der frommen, heiligen Liebe unter Blutsverwandten und Freunden. Hätte Pygmalion seine Statue begehren können, so wäre er ein Pfuscher gewesen, unfähig, eine Gestalt hervorzubringen, die verdient hätte, als Kunstwerk oder als Naturwerk geschätzt zu werden.

 Ein Kunstgenufs, der die natürliche Begierde anreizt, ist besonders der noch ungebildeten Jugend eigentümlich; wer sie an erwünschte Realitäten erinnert, dem jubelt sie zu. Darum will der kluge Theaterdirektor ein buntes Allerlei bieten :

„Dann sammelt sich der Jugend schönste Blüte 
Vor eurem Spiel und lauscht der Offenbarung; 
Dann sauget jedes zärtliche Gemüte 
Aus eurem Werk sich melanchol'sche Nahrung; 
Dann wird bald dies, bald jenes aufgeregt, 
Ein jeder sieht, was er im Herzen trägt. 
Noch sind sie gleich bereit, zu weinen und zu lachen, 
Sie ehren noch den Schwung, erfreuen sich am Schein ; 
Wer fertig ist, dem ist nichts recht zu machen, 
Ein Werdender wird immer dankbar sein."

Und der ungebildeten Jugend gleicht das ungebildete Volk : es verlangt vom Dichter wie vom Politiker doch vor allem: Illusionen. In Venedig lauscht es in halbem Traum dem Rhapsoden, der ihm ein Utopien schildert, wo man keine Rechnung bezahlen darf, wo der Faulste obenan bei der Tafel sitzt. Und so gilt überall für den Dichter, der auf Beifall erpicht ist, der Rat:

 „Sprichst du zum Volke, zu Fürsten und Königen, allen
Magst du Geschichten erzählen, worin als wirklich erscheinet.
Was sie wünschen und was sie selber zu leben begehrten."

Als Goethe in Italien eine Tragödie spielen sah, fiel es ihm am meisten auf, wie ganz anders die italienischen Zuschauer die Vorgänge auf der Bühne betrachteten. ,,Ihr Anteil am Schauspiel ist nur als an einem Wirklichen. Da der Tyrann seinem Sohne das Schwert reichte und forderte, dafs dieser seine eigene gegenüberstehende Gemahlin umbringen sollte, fing das Volk laut an^ sein Mifsvergnügen über diese Zumutung zu beweisen, und es fehlte nicht viel, so wäre das Stück unterbrochen worden. Sie verlangten, der Alte sollte sein Schwert zurücknehmen, wodurch denn frei- lich die folgenden Situationen des Stücks wären auf- gehoben worden. Endlich entschlofs sich der bedrängte Sohn, trat ans Proscenium und bat demütig, sie möchten sich nur noch einen Augenblick gedulden, die Sache werde noch ganz nach Wunsch ablaufen."

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Gebildete, reife Menschen aber können und sollen Kunstwerke nicht wie Wirklichkeiten aufnehmen; sie werden nicht schöne Bilder küssen und nicht den Schauspieler, der einen Bösewicht verkörpert, mit häfslichen Sachen bewerfen. Aber auch sie sollten sich der Kunst, wie die Jugend und das Volk, mit frischer Empfänglichkeit nähern, offen und unbefangen, bereit zu Genufs und Begeisterung. Denn guter Wille ist die erste Bedingung des Kunstgeniefsens,

Jeder Künstler verlangt freiwillige Erhebung von uns :

„Soll ich dir die Gegend zeigen, 
Mufst du erst das Dach besteigen."

Das Geniefsen ist dem Hervorbringen sehr nahe verwandt, es ist ein Reproduzieren. Es verlangt also auch eine ähnliche Hingabe unseres innersten Wesens. Man mufs ferner nicht nur allerlei gelernt haben, sondern man mufs auch gut erzogen sein, um die Kunst würdig empfangen zu können. ,,Sich mitzuteilen, ist Natur; Mitgeteiltes aufzunehmen, wie es gegeben wird, ist Bildung."

Wer an allgemeiner Unwissenheit leidet, kann nicht einen hochgebildeten Künstler richtig verstehen, Goethe verehrte in Rom eine Minerva, die im Palaste Giustiniani aufgestellt war. Die Frau des Kustoden, die ihm den Saal aufschlofs, machte sich Gedanken darüber, warum dieser Deutsche die Statue so lange betrachten möge. Und sie fing an zu plaudern. Die Statue sei ehemals ein heiliges Bild gewesen, und die Inglesi, die von dieser Religion seien, pflegten es noch heute zu verehren; sie küfsten ihr die Hand, die denn auch ganz weifs schimmerte, während die übrige Statue bräunlich war. Ja, neulich habe eine englische Dame sich vor dem Steine auf die Knie niedergeworfen und habe ihn angebetet; es sei zum Lachen gewesen, und sie, die Kustodin, habe hinauslaufen müssen, um vor der wunderlichen Fremden nicht gerade herauszuplatzen. Warum der Herr denn nun auch so lange vor dem Bilde stehe? Er habe gewifs daheim eine Schöne, die diesem Marmor recht ähnlich sehe. Wie die Unwissenheit, so verdüstert auch die geistige Ermattung eine wirkliche Aufnahme der Kunstwerke. Müde und zerstreut glauben leider Viele den Tempel der Kunst betreten zu dürfen.

,,Wenn diesen Langeweile treibt, 
Kommt jener satt vom übertischten Mahle, 
Und was das .Allerschlimmste bleibt, 
Gar mancher kommt vom Lesen der Journale . . ."

Das ,, Lesen der Journale" mifsfiel also Goethe besonders. Als er im Sommer 1797 seine Vaterstadt besuchte, fiel es ihm, der an Weimar und Jena gewöhnt war, dort als merkwürdig auf, wie ungünstig das Leben in einer grofsen Stadt für den Verkehr mit den Künsten ist. Das Publikum dort ,,lebt in einem beständigen Taumel von Erwerben und Verzehren, und das, was wir Stimmung nennen, läfst sich weder hervorbringen, noch mitteilen; alle Vergnügungen, selbst das Theater, sollen nur zerstreuen, und die grofse Neigung des lesenden Publikums zu Journalen und Romanen entsteht eben daher, weil jene immer und diese meist Zerstreuung in die Zerstreuung bringen. Ich glaube sogar eine Art von Scheu gegen poetische Produktionen, oder wenigstens insofern sie poetisch sind, bemerkt zu haben, die mir aus eben diesen Ursachen ganz natürlich vorkommt. Die Poesie verlangt, ja sie gebietet Sammlung."

Aber auch daheim in den ruhigeren Kleinstädten konnte Goethe sich über die Oberflächlichkeit verdriefsen, mit der die Leser seine Dichtungen schnell erledigen wollten. Er sah z. B., wie gute Freunde das Gedicht , Alexis und Dora' zwar mit Entzücken aufnahmen, dann aber glaubten, einen Flecken darin bemerkt zu haben, und sich nun z. B. darüber skandalisierten, dafs dem Helden ein Bündelchen auf das Schiff getragen werde, während er doch sonst nicht wie ein armer Handwerksbursch erscheine. Sie übersahen dabei, dafs der Vers lautete:

,, Sorglich reichte die Mutter ein nachbereitetes Bündel" 

und dafs diese Zeüe trefflich die mütterliche Art, die mit der Fürsorge gar nicht aufhören kann, zeichnet, dafs sie deshalb die Idylle nur noch verschönert. Da konnte freilich Goethe gegen Schiller klagen, ,,dafs es unsern Hörern und Lesern eigentlich an der Aufmerksamkeit fehlt . . . Was ihnen gleich einleuchtet, das nehmen sie wohl willig auf; über alles, woran sie sich nach ihrer Art stofsen, urteilen sie auch schnell ab, ohne vor- noch rückwärts, ohne auf den Sinn und Zusammenhang zu sehen, ohne zu bedenken, dafs sie eigentlich den Dichter zu fragen haben, warum er dieses und jenes so und nicht anders machte."

Wir müssen also den Kunstwerken Zeit gönnen, wenn wir uns überhaupt mit ihnen beschäftigen wollen. ,,Denn das müfste eine schlechte Kunst sein, die sich auf einmal fassen liefse, deren Letztes von demjenigen gleich geschaut werden könnte, der zuerst hereintritt." Als der Maler Moritz Oppenheim aus Frankfurt seinem berühmten Landsmanne zwei Bilder zeigen durfte, schenkte Goethe ihnen eine sehr lange Aufmerksamkeit und dann bat er, dafs die Bilder noch länger bei ihm stehen bleiben möchten, weil Sachen, über die man lange gedacht und gearbeitet hat, auch lange Zeit betrachtet werden müssen. Andauerndes Betrachten wandelt unser erstes Urteil oft merkwürdig um. ,,Es begegnete und geschieht mir noch," sagt Goethe von sich selbst, ,,dafs ein Werk bildender Kunst mir beim ersten Anblick mifsfällt, weü ich ihm nicht gewachsen bin; ahn' ich aber ein Verdienst daran so such' ich ihm beizukommen, und dann fehlt es nicht an den erfreulichsten Entdeckungen; an den Dingen werd' ich neue Eigenschaften und an mir neue Fähigkeiten gewahr." Namentlich die hohe Kunst verlangt Geduld von uns; man sollte sich ihr immer als bescheidener Schüler nahen, so demütig wie Goethe, als er nach Italien kam, der Antike und Renaissance nahte. ,,Jahrelang sollte man in Betrachtung so eines Werkes zubringen," schreibt er nieder, als er in Venedig ein von Palladio erbautes Kloster besuchte, und ein Jahr später kann er erklären: ,, Rom ist mir nun ganz familiär,, und ich habe fast nichts mehr drin, was mich überspannte. Die Gegenstände haben mich nach und nach zu sich hinaufgehoben. Ich geniefse immer reiner, immer mit mehr Kenntnis." Freund Schiller hielt es nicht anders. Als er den Schlufs von ,Wilhelm Meisters Lehrjahren'" empfangen hatte, antwortete er: ,,Eine würdige und wahrhaft ästhetische Schätzung des ganzen Kunstwerks ist eine grofse Unternehmung. Ich werde ihr die nächsten vier Monate ganz widmen und mit Freuden." Und das war keine Phrase, wie seine nun folgenden sehr ausführlichen Briefe über das Werk uns heute noch beweisen.

Namentlich wenn wir eine Zeit lang einer Kunst entfremdet wurden, kostet es erst Stunden und Tage,, ehe wir wieder heimisch werden. „Ich habe gestern und vorgestern die Vorproben mit Vergnügen besucht," schreibt Goethe an Schiller im Juni 1799, als zu Ehren des zu Besuch erwarteten preufsischen Königspaares musikalische Aufführungen vorbereitet wurden, ,,und (ich habe) auch dabei wieder die Bemerkung gemacht, wie sehr man mit einer Kunst in Verhältnis, Übung und Gewohnheit bleiben mufs, wenn man ihre Produktionen einigermafsen geniefsen und etwa gar beurteilen will. Ich habe schon öfters bemerkt, dafs ich nach einer langen Pause mich erst wieder an Musik und bildende Kunst gewöhnen mufs, um ihnen im Augenblick etwas abgewinnen zu können."

Jedes wahre Kunstwerk ruft uns zu: Tretet herein, denn auch hier sind Götter! Aber ein Eintreten ist auch nötig, das Herantreten genügt nicht.

„Gedichte sind gemalte Fensterscheiben ! 
Sieht man vom Markt in die Kirche hinein, 
Da ist alles dunkel und düster. 
Und so sieht's auch der Herr Philister; 
Der mag dann wohl verdriefslich sein 
Und lebenslang verdriefslich bleiben.

Kommt aber nur einmal herein! 
Begrüfst die heilige Kapelle ! 
Da ist's auf einmal farbig helle : 
Geschieht' und Zierat glänzt in Schnelle, 
Bedeutend wirkt ein edler Schein.
 Dies wird euch Kindern Gottes taugen ; 
Erbaut euch und ergötzt die Augen !

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So sah Goethe das Empfangen der Kunst als etwas Feierliches an, und ebenso, wie wir in einer Kirche die Störung des Gottesdienstes als eine Roheit empfinden, so ging es ihm, wenn kleinliche Menschlichkeit sich störend zwischen die Eindrücke erhabener Kunst drängte. In dieser Hinsicht war das Publikum zu seiner Zeit ebenso wenig anspruchsvoll, wie es heute leider auch noch ist. Auch damals wollte die Menge nicht blofs edle Klänge hören, sondern dazu den Musiker arbeiten, wo nicht gar den Schweifs von seiner Stirne rinnen sehen. Goethe hörte im Oktober 1786 in Venedig ein Oratorium. Die Sänger erfüllten ihre Aufgaben vorzüglich. ,,Es wäre ein trefflicher Genufs gewesen," schrieb er nachher nieder, ,,wenn nicht der vermaledeite Kapellmeister den Takt mit einer Rolle Noten wider das Gitter, und so unverschämt geklappt hätte, als habe er mit Schuljungen zu thun, die er unterrichtete." Das Publikum liefs sich diese ganz überflüssige Störung ruhig bieten, empfind es offenbar gar nicht als Zudringlichkeit des Kapellmeisters, der sich nur aufspielen wollte, und Goethe bemerkt: „Es ist nicht das einzige Mal, dafs es (das Publikum) sich einbilden läfst, das gerade ge- höre zum Genuss, was den Genufs verdirbt.

Nataliens Oheim, von dem wir in , Wilhelm Meisters Lehrjahren' lesen,  verstand sich besser auf das Geniefsen. „Er konnte nicht ohne Musik, besonders nicht ohne Gesang leben und hatte dabei die Eigenheit, dafs er die Sänger nicht sehen wollte. Er pflegte zu sagen : Das Theater verwöhnt uns gar zu sehr; die Musik dient dort nur gleichsam dem Auge, sie begleitet die Bewegungen, nicht die Empfindungen. Bei Oratorien und Konzerten stört uns immer die Gestalt des Musikus; die wahre Musik ist allein fürs Ohr; eine schöne Stimme ist das Allgemeinste, was sich denken läfst, und indem das eingeschränkte Individuum, das sie hervorbringt, sich vors Auge stellt, zerstört es den reinen Effekt jener Allgemeinheit. Ich will Jeden sehen, mit dem ich reden soll, denn es ist ein einzelner Mensch, dessen Gestalt und Charakter die Rede wert oder unwert macht; hingegen wer mir singt, soll unsichtbar sein; seine Gestalt soll mich nicht bestechen oder irre machen . . . Ebenso wollte er auch bei Instrumentalmusiken die Orchester so viel als möglich versteckt haben, weil man durch die mechanischen Bemühungen und durch die notdürftigen, immer seltsamen Gebärden der Instrumentenspieler so sehr zerstreut und verwirrt werde. Er pflegte daher eine Musik nicht anders als mit zugeschlossenen Augen anzuhören, um sein ganzes Dasein auf den einzigen, reinen Genufs des Ohrs zu konzentrieren."

So lange Goethe dem Theater vorstand, duldete er auch nicht, dafs die Zuschauer durch ihre Gefühls- ausbrüche die Wirkung der Bühnenwerke störten; mehr als einmal hat er der Galerie Ruhe geboten. Als die jenaischen Studenten bei der ersten Aufführung der ,Braut von Messina' ihren Beifall allzulaut gezeigt hatten, rügte er das gegen einen ihrer Vorgesetzten. „Bei uns kann kein Zeichen der Ungeduld stattfinden, das Mifsfallen kann sich nur durch Schweigen, der Beifall nur durch Applaudieren bemerklich machen; kein Schauspieler kann hervorgerufen, keine Arie kann zweimal gefordert werden." Am meisten waren in diesem Falle Goethe und Herzog Karl August darüber entrüstet, dafs der junge Dr. Schütz in seiner Begeisterung ein Vivat auf den Dichter ausgebracht hatte. Sie liefsen ihn denn auch vernehmen, ,,wie er, als Eingeborener, dem die Sitten des hiesigen Schauspielhauses bekannt sein müfsten, sich solche Unregelmäfsigkeit hätte erlauben können." Seinem Vater aber, dem Hofrat Professor Schütz, wurde im Namen Serenissimi mitgeteilt: „Höchstdieselben hätten sich von ihm versprochen, dafs sein Sohn besser gezogen sein würde." Wir möchten jetzt vielleicht für den jungen Bewunderer Schillers Partei nehmen, aber wer will den Grundsatz Goethes und seines fürstlichen Freundes mifsbilligen, dafs ernsten Darbietungen der Bühne der Charakter feierlicher Weihe nicht geraubt werden solle?

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Man müsse mit der Kunst in Verhältnis, Übung und Gewohnheit bleiben, lasen wir eben in dem Briefe an Schiller.. „Der Mensch ist so geneigt, sich mit dem Gemeinsten abzugeben, Geist und Sinne stumpfen sich so leicht, gegen die Eindrücke des Schönen und Vollkommenen ab, dafs man die Fähigkeit, es zu empfinden, bei sich auf alle Weise erhalten sollte. Denn einen solchen Genufs kann niemand ganz entbehren, und nur die Ungewohntheit, etwas Gutes zu geniefsen, ist Ursache, dafs viele Menschen schon am Albernen und Abgeschmackten, wenn es nur neu ist, Vergnügen finden. Man sollte alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und, wenn es möglich zu machen wäre, einige vernünftige Worte sprechen."

Eine grofse Anforderung Goethes an die Zeit, den Ernst und den guten Willen des Publikums ist auch die, dafs es immer wieder bereit sein sollte, bekannte Stücke noch einmal zu hören. Wohl wufste er, dafs die Menge nur das Neue liebt, an der ganzen Poesie und Kunst eben nichts als das Neue,' aber dagegen eben kämpfte er an. ,,Wenn das Publikum ein gutes Stück zwanzigmal wiederholt sehen möchte, so würde der Autor nicht genötigt sein, sich in zwanzig neuen Stücken zu wiederholen. " Aber viel wichtiger ist freilich der Schaden für die Schauspieler.

„Die Sucht, immer etwas Neues haben und ein mit unsäglicher Mühe einstudiertes gutes Stück oder Oper nur einmal, höchstens zweimal sehen zu wollen, oder auch zwischen solchen Wiederholungen lange Zeiträume von sechs bis acht Wochen verstreichen zu lassen, wo denn immer wieder ein neues Studium nötig wird, ist ein wahrer Verderb des Theaters und ein Mifsbrauch der Kräfte des ausübenden Personals, der gar nicht zu. verzeihen ist."

Eckermann berichtet uns, dafs Goethe bei diesem Thema in eine Wärme geriet, wie sie ihn bei seiner grofsen Ruhe selten anwandelte.

„In Italien," fuhr er fort, „giebt man eine und dieselbe Oper vier bis sechs Wochen lang jeden Abend, und die italienischen grofsen Kinder verlangen darin keineswegs eine Änderung. Der gebildete Pariser sieht die klassischen Stücke seiner grofsen Dichter so oft, dafs er sie auswendig weifs und für die Betonung einer jeden Silbe ein geübtes Ohr hat. Hier in Weimar hat man mir wohl die Ehre erzeigt meine ,Iphigenie' und meinen ,Tasso' zu geben, allein wie oft? Kaum alle drei bis vier Jahre einmal. Das Publikum findet sie langweilig. Sehr begreiflich. Die Schauspieler sind nicht geübt, die Stücke zu spielen, und das Publikum ist nicht geübt, sie zu hören. Würden die Schauspieler durch öftere Wiederholung sich in ihre Rollen so hineinspielen, dafs die Darstellung ein Leben gewönne, als wäre es nicht eingelernt, sondern als entquölle alles aus ihrem eigenen Herzen, so würde das Publikum sicher auch nicht ohne Interesse und ohne Empfindung bleiben."

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Zu den Rechten, die der Künstler an uns hat, gehört namentlich, dafs wir ihm seine Individualität gönnen. Wir müssen ihm die Eigentümlichkeiten seiner Heimat, seines Zeitalters, seines Standes zugestehen und dann auch die besonderen Ecken und Kanten seiner Persönlichkeit; sollte ein solches wohlwollendes Entgegenkommen nicht lohnend sein, so sind wir ja nicht verpflichtet, uns mit ihm zu beschäftigen. Wir dürfen nie verlangen, dafs ein Mensch vollkommen mit uns harmoniere oder dafs ein gröfseres Kunstwerk uns in allen Teilen gefalle. Goethes Spott darf nicht auf uns passen: ,,Das Publikum will wie Frauenzimmer behandelt sein; man soll ihnen durchaus nichts sagen, als was sie hören möchten.' Wie könnte z. B. ein Theater ein gutes Repertoire haben, wenn sich das Publikum nicht mancherlei gefallen läfst? Goethe wünscht deshalb, ,,dafs der Zuschauer einsehen lerne, nicht eben jedes Stück sei wie ein Rock anzusehen, der dem Zuschauer völlig nach seinen gegenwärtigen Bedürfnissen auf den Leib gepafst werden müsse. Man sollte nicht gerade immer sich und sein nächstes Geistes-,. Herzens- und Sinnesbedürfnis auf dem Theater zu befriedigen gedenken; man könnte sich vielmehr öfters wie einen Reisenden betrachten, der in fremden Orten und Gegenden, die er zu seiner Belehrung und Ergötzung besucht, nicht alle Bequemlichkeit findet, die er zu Hause seiner Individualität anzupassen Gelegenheit hatte. "

Unser Dichter, der oft mit aufrichtigem Herzen die Gottheit rühmte, weil sie über Menschen von allerlei Art die Sonne scheinen und den Regen fallen läfst, ruft auch den einseitigen Kunstliebhabern zu:

„Wenn Gott so schlechter Nachbar wäre, 
Als ich bin und als du bist, 
Wir hätten beide wenig Ehre ; 
Der läfst einen Jeden, wie er ist."

Namentlich müssen wir uns vor einer schnellen Ablehnung hüten, wenn Kunstwerke aus anderen Kulturkreisen vor uns treten; denn wenn wir ihnen nicht eine weite Strecke entgegenkommen, so werden wir ihren Wert nicht ergreifen. Indem Goethe seinen Landsleuten persische Gedichte vorlegte, schrieb er: ,, Wollen wir an diesen Produktionen der herrlichsten Geister teilnehmen, so müssen wir uns orientalisieren; der Orient wird nicht zu uns herüberkommen."

„Wer das Dichten will verstehen, 
Mufs ins Land der Dichtung gehen; 
Wer den Dichter will verstehen, 
Mufs in Dichters Lande gehen." 

Goethe war sehr davon überrascht, dafs Homer, den er doch von Jugend auf kannte und völlig ergriffen zu haben glaubte, für ihn ein Anderer wurde, als in Sizilien homerische Landschaften ihn umgaben. Dort im Süden drängte es ihn, die Gedichte wieder zu kaufen und sie seinem Begleiter, dem Maler Kniep, in einem herrlichen Garten vorzulesen. Und an Herder schreibt er: „Nun ich alle diese Küsten und Vorgebirge, Golfe und Buchten, Inseln und Erdzungen, Felsen und Landstreifen, buschige Hügel, sanfte Weiden, fruchtbare Felder, geschmückte Gärten, gepflegte Bäume, hängende Reben, Wolkenberge und immer heitere Ebenen, Klippen und Bänke und das alles umgebende Meer mit so vielen Abwechslungen und Mannigfaltigkeiten im Geiste gegenwärtig halte, nun ist mir erst die Odyssee ein lebendiges Wort." Und vorher schon heifst es: ,,Was den Homer betrifft, mir wie eine Decke von den Augen gefallen. Die Beschreibungen, die Gleichnisse u. s. w. kommen uns poetisch vor und sind doch unsäglich natürlich, aber freilich mit einer Reinheit und Innigkeit gezeichnet, vor der man erschrickt. Selbst die sonderbarsten erlogenen Begebenheiten haben eine Natürlichkeit, die ich nie so gefühlt habe als in der Nähe der beschriebenen Gegenstände." Aus dieser Erfahrung heraus lobte er Wilhelm v. Humboldt, weil er nach Spanien gehen wollte, denn das werde uns Deutschen helfen, die spanischen Schriftsteller für uns zu gewinnen.

 ,,Ich weifs es sehr gut an mir selbst, mit welcher unterschiedenen Einsicht ich einen italienischen Schriftsteller oder einen englischen lese. Der erste spricht zu mir gleichsam durch alle Sinne und giebt mir ein mehr oder weniger vollständiges Bild; der letzte bleibt immer der Gewalt der Einbildungskraft mehr ausgesetzt, und ich bin nie ganz gewifs, ob ich das Gehörige dabei denke und empfinde. So hat mir auch mein Aufenthalt zu Neapel und meine Reise durch Sizilien eine gewisse nähere Anmutung zu dem ganzen griechischen Wesen verschafft, sowie mein Aufenthalt in Rom zu dem lateinischen. Wenigstens kommt mir vor, dafs ich seit der Zeit die Alten besser einsehe."

Wie zu den Dichtungen, so können wir auch zur Malerei und Architektur anderer Völker ein rechtes Verhältnis erst finden, wenn wir uns in ihre Landschaft und Zustände hineindenken können. Goethe nennt uns als Beispiel die neapolitanische Malerschule, die man nur in Neapel begreifen könne.' Ebenso schreibt er schon aus Venedig. Es ist offenbar, dafs sich das Auge nach den Gegenständen bildet, die es von Jugend auf erblickt, und so mufs der venezianische Maler alles klarer und heiterer sehen als andere Menschen. Wir, die wir auf einem bald schmutzkotigen, bald staubigen, farblosen, die Wiederscheine verdüsternden Boden und vielleicht gar in engen Gemächern leben, können einen solchen Frohblick aus uns selbst nicht entwickeln. Als ich bei hohem Sonnenschein durch die Lagunen fuhr und auf den Gondelrändern die Gondoliere leicht schwebend, bunt bekleidet, rudernd betrachtete, wie sie auf der hellgrünen Fläche sich in der blauen Luft zeichneten, da sah ich das beste, frischeste Bild der venezianischen Schule." Schwerer wurde es ihm, als er in dem fremden Lande auch zugleich in eine längst vergangene Zeit sich hineindenken mufste. Er schritt in den Ruinen von Pästum herum und war zuerst enttäuscht. ,,Ich befand mich in einer völlig fremden Welt ; denn wie die Jahrhunderte sich aus dem Ernsten in das Gefällige bilden, so bilden sie den Menschen mit; ja, sie erzeugen ihn so. Nun sind unsere Augen und durch sie unser ganzes inneres Wesen an schlankere Baukunst hinangetrieben und entschieden bestimmt, so dafs uns diese stumpfkegelförmigen, enggedrängten Säulenmasten lästig, ja furchtbar erscheinen. Doch nahm ich mich bald zusammen, erinnerte mich der Kunstgeschichte, gedachte der Zeit, deren Geist solche Bauart gemäfs fand, vergegenwärtigte mir den strengen Stil der Plastik, und in weniger als einer Stunde fühlte ich mich befreunet."

Solches geduldige . Warten auf allmähliches Wirken verborgener Schönheit setzt allerdings einen so guten Willen voraus, dafs man ihn fast eine vorweggenommene Begeisterung nennen möchte. Und Goethe verlangt diese in der That, ,,denn die Kunst überhaupt, besonders aber die der Alten, läfst sich ohne Enthusiasmus weder fassen noch begreifen. Wer nicht mit Erstaunen und Bewunderung anfangen will, der findet nicht den Zu- gang in das innere Heiligtum.  „Der Kopf fafst kein Kunstprodukt, als nur in Gesellschaft mit dem Herzen."' Die Kunst verlangt also Glauben und Liebe wie die Religion. Wer als Goldschmied zu Ephesus Gestalten zu bilden hatte, mufste dem formlosen Gotte der neuen Sekte seinen Glauben „Grofs ist die Diana der Epheser!" entgegenrufen, und der Neuere, der an solche antiken Kunstwerke herantritt, mufs Gröfse in ihnen erwarten.


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