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2019-11-27

Wilhelm Bode- Goethes Ästhetik- Des Dichters Lehrjahre. (Seite 1 )



Des Dichters Lehrjahre


Als Eckermann wieder einmal von den Ästhetikern sprach, redete er auch über ihr vergebliches Be- mühen, das Wesen der Poesie und das Wesen des Dichters durch abstrakte Definitionen auszudrücken.

„Was ist da viel zu definieren!" antwortete Goethe. „Lebendiges Gefühl der Zustände und Fähigkeit, es  auszudrücken, macht den Poeten."

Um diese ,, Fähigkeit, es auszudrücken" ist es etwas Wunderbares. Auch Schiller liebte es, mit Goethe darüber zu reden. ,,Der Nichtpoet kann so gut als der Dichter von einer poetischen Idee gerührt sein," mufste er zugeben, ,,aber er kann sie in kein Objekt legen, er kann sie nicht mit einem Anspruch auf Notwendigkeit darstellen. " Und weiter: „Es leben jetzt mehrere so weit ausgebildete Menschen, die nur das ganz Vortreffliche befriedigt, die aber nicht imstande wären, auch nur etwas Gutes hervorzubringen. Sie können nichts machen, ihnen ist der Weg vom Subjekt zum Objekt verschlossen; aber eben dieser Schritt macht mir den Poeten."

Die wirklichen, geborenen Dichter haben die Ausdrucksfähigkeit und werden sie bewähren, selbst wenn sie als ungebildete Bauern oder Handwerker ihr Leben fahren müssen; die Volklieder bezeugen es uns. Aber auch das poetische Können wird durch allgemeine und besondere Ausbildung gesteigert. Zwar schafft das Genie unbewufst, und wenn ein Gedicht entsteht, weifs sein Urheber nicht, ob er Jamben oder Trochäen schreibt; aber. auch der genialste Künstler hat das Bedürfnis, über seine Kunst nachzudenken und sein Können wie sein ganzes Wesen durch Ausbildung zu erhöhen. „Darum nähert es — das Genie — sich gern dem Theoretiker, von dem es die Verkürzung seines Wegs, die Erleichterung der Behandlung in jedem 5 Sinne erwarten darf." Namentlich die Form seines Werkes, obwohl auch sie vorzüglich vom Genie ergriffen werden mufs, „will erkannt, will bedacht sein, und hier wird Besonnenheit gefordert, dafs Form, Stoff und Gehalt sich zu einander schicken, sich in einander fügen, sich einander durchdringen."

,,Es ist weit mehr Positives, das heifst Lehrbares und Überlieferbares in der Kunst, als man gewöhnlich glaubt, und der mechanischen Vorteile, wodurch man die geistigsten Effekte — versteht sich, immer .mit Geist — hervorbringen kann, sind sehr viele. Wenn man diese kleinen Kunstgriffe weifs, ist vieles ein Spiel, was nach wunder was aussieht."

 Schon in einer Rezension des dreiundzwanzig jährigen Goethe lesen wir den Ausruf: „Gott gebe jedem Anfänger einen rechten Meister !" Weil es daran aber oft fehlen wird, so wünschte er weiter, es möchten doch Künstler und Liebhaber ihre wichtigsten Erfahrungen für solche Anfänger bekannt geben. Als er doppelt so alt war, wiederholt er denselben Wunsch, dafs doch unsere vorzüglichsten Schriftsteller diejenigen Momente mitteilen sollten, die zu ihrer Bildung am meisten bei- getragen, und auch diejenigen, die ihnen am schädlichsten im Wege standen. Und ein Jahr vor seinem Tode sprach er noch bitter von den Romantikern, weil sie die Jugend in dem bequemen Glauben bestärkten, in der Kunst brauche man nicht zu lernen.  „Die Lehre war: der Künstler brauche vorzüglich Frömmigkeit und Genie, um es den Besten gleichzuthun. Eine solche Lehre war sehr einschmeichelnd, und man ergriff sie mit beiden Händen. Denn, um fromm zu sein, brauchte man nichts zu lernen, und das eigene Genie brachte jeder schon von seiner Frau Mutter."

Oft hat Goethe über die unsinnige Wertschätzung der „Originalität" gescholten, denn die sogenannte Originalität ist mit dem Nichts-gelernt-haben oft recht nahe verwandt. Auch in seiner Umgebung rühmte man zuweilen einen Künstler, weil er alles aus sich habe.

Dann pflegte er aufzubegehren: ,,als ob der Mensch etwas Anderes aus sich selber hätte als die Dummheit und das Ungeschick!" Es ist ja im Grunde niemand original, denn es ist seit Adam niemand direkt aus der Erde geboren. Allbekannt sind Goethes Verse:

„Vom Vater hab ich die Statur, 
Des Lebens ernstes Führen, 
Von Mütterchen die Frohnatur 
Und Lust, zu fabulieren." 

Die Fortsetzung zitiert man seltener:

,,Urahnherr war der Schönsten hold, 
Das spukt so hin und wieder ; 
Urahnfrau liebte Schmuck und Gold, 
Das zuckt wohl durch die Glieder. 
Sind nun die Elemente nicht 
Aus dem Komplex zu trennen. 
Was ist denn an dem ganzen 
Wicht Original zu nennen?" 

Und wenn unsere Abstammung von Andern noch das Einzige wäre, das Gewalt über unser Wesen hat Aber tausend Hände formen uns von Kindesbeinen an..

,,Wenn Kindesblick begierig schaut.
Er findet des Vaters Haus gebaut.
Und wenn das Ohr sich erst vertraut.
Ihm tönt der Muttersprache Laut.
Gewahrt er dies und jenes nah
Man fabelt ihm, was fern geschah,
Umsittigt ihn, wächst er heran ;
Er findet eben alles gethan.
Man rühmt ihm dies, man preist ihm das ;
Er wäre gar gern auch etwas:
Wie er soll wirken, schaffen, lieben,
Das steht ja alles schon geschrieben
Und, was noch schlimmer ist, gedruckt.
Da steht der junge Mensch verduckt,
Und endlich wird ihm offenbar,
Er sei nur, was ein Andrer war.

 „Wenn ich sagen könnte, was ich allen grofsen Vorgängern und Mitlebenden schuldig geworden bin, so bliebe nicht viel übrig," fügt Goethe bescheiden hinzu, und in den letzten Tagen vor seinem Tode erklärte er:

,,Es ist im Grunde auch alles Thorheit, ob Einer etwas aus sich habe, oder ob er es von Andern habe; ob Einer durch sich wirke, oder ob er durch Andere wirke : die Hauptsache ist, dafs man ein grofses Wollen habe und Geschick und Beharrlichkeit besitze, es auszuführen; alles Übrige ist gleichgültig."

Darum sollen die Dichter nicht durch Neuheit ihrer Stoffe oder Formen oder Ideen das Publikum verblüffen wollen, sondern das Gute nehmen, wo es sich ihnen darbietet. Die Griechen sind auch hier die besten Lehrer. An den Philokteten haben alle drei grofsen Tragiker des alten Hellas ihre Kraft versucht,  „und so sollten es die jetzigen Dichter auch machen und nicht immer fragen, ob ein Sujet schon behandelt worden oder nicht, wo sie denn immer in Süden und Norden nach unerhörten Begebenheiten suchen, die oft barbarisch genug sind und die dann auch blofs als Begebenheiten wirken".

Wirklich gute Stoffe sind gar so häufig nicht,  und nur eine einzige Form ist in jedem Falle die beste.. Auch ist bekanntlich alles Vernünftige schon einmal gedacht. ,,Der thörichteste von allen Irrtümern ist, wenn junge gute Köpfe glauben, ihre Originalität zu verlieren, indem sie das Wahre anerkennen, was von andern schon anerkannt worden."

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Da wir nun einmal, wollend oder nichtwollend, von Andern beeinflufst werden, so thun wir gut, uns freiwillig unter die besten Einwirkungen zu begeben. Wir haben sie von den anerkannt grofsen Meistern zu erwarten, und unter ihnen sollten wir besonders diejenigen wählen, die uns gerade an solchen Stellen fördern, wo wir schwach sind. Goethe erzog seinen Geschmack und sein Können an solchen grofsen Vorbildern bis zu seinen letzten Tagen. Er war längst der gebildetste Mann seiner Zeit, aber nie hörte er auf, sich zu bilden. Immer wieder war er ein Schüler der Griechen, und ebenso Raphaels, Shakespeares, Molieres; immer wieder bekannte er, welche Güter er auch weniger berühmten Meistern, wie Goldsmith und Sterne, verdanke.

„Ich lese von Moliere alle Jahre einige Stücke, so wie ich auch von Zeit zu Zeit die Kupfer nach den grofsen italienischen Meistern betrachte. Denn wir kleinen Menschen sind nicht fähig, die Gröfse solcher Dinge in uns zu bewahren, und wir müssen daher von Zeit zu Zeit immer dahin zurückkehren, um solche Eindrücke in uns aufzufrischen."

,,Es kommt nur immer darauf an," fuhr er gegen Eckermann einmal fort, „dafs derjenige, von dem wir

lernen wollen, unserer Natur gemäfs sei. So hat z. B. Calderon, so grofs er ist und so sehr ich ihn bewundere,. auf mich gar keinen Einflufs gehabt, weder im Guten noch im Schlimmen. Schillern aber wäre er gefährlich gewesen; er wäre an ihm irre geworden, und es ist daher ein Glück, dafs Calderon erst nach seinem Tode in Deutschland in allgemeine Aufnahme gekommen. Calderon ist unendlich grofs im Technischen und Theatralischen, Schiller dagegen weit tüchtiger, ernster und gröfser im Wollen, und es wäre daher schade gewesen, von solchen Tugenden vielleicht etwas einzubüfsen,. ohne doch die Gröfse Calderons in anderer Hinsicht zu erreichen."

Als von Claude Lorrain einmal die Rede war, bemerkte Goethe :

 ,,Wer ein ähnliches Gemüt hätte, würde ohne Frage sich an Claude Lorrain auf das trefflichste entwickeln. Allein wen die Natur mit ähnlichen Gaben der Seele im Stich gelassen, würde diesem Meister höchstens nur Einzelheiten absehen und sich deren nur als Phrase bedienen."

Das trifft natürlich auf Dichter so gut zu wie auf Maler. So warnt er einmal vor dem gröfsten Dramatiker; ,, Shakespeare ist für aufkeimende Talente gefährlich zu lesen; er nötigt sie, ihn zu reproduzieren, und sie bilden sich ein, sich selbst zu produzieren."  Hätte er einige Jahrzehnte länger gelebt, so würde er vielleicht; Heinrich Heine als einen noch viel gefährlicheren Erwecker von Reproduktionen genannt haben.

Obwohl es eben hiefs, dafs unser Meister unserer Natur gemäfs sein müfste, ist es manchmal doch auch wünschenswert, dafs er zu uns wie ein Gegenpol sich verhalte. „Wir bilden uns nicht, wenn wir das, was in uns liegt, nur mit Leichtigkeit und Bequemlichkeit in Bewegung setzen. Jeder Künstler wie jeder Mensch ist nur ein einzelnes Wesen und wird nur immer auf eine Seite hängen. Deswegen hat der Mensch auch das, was seiner Natur entgegengesetzt ist, theoretisch und praktisch, insofern es ihm möglich wird, in sich aufzunehmen. Der Leichte sehe nach Ernst und Strenge sich um, der Strenge habe ein leichtes und bequemes Wesen vor Augen, der Starke die Lieblichkeit, der Liebliche die Stärke, und jeder wird seine eigene Natur nur desto mehr ausbilden, je mehr er sich von ihr zu entfernen scheint. Jede Kunst verlangt den ganzen Menschen, der höchstmögliche Grad derselben die ganze Menschheit."

Es giebt eine Menge halber Künstler, die, wenn sie sich keinem andern Berufe zuwenden wollen, sich um die ihnen fehlende andere Hälfte der Kunst bemühen sollten. Goethe nennt einmal als solche Einseitigen: die Nachahmer, die Charakteristiker, die Kleinkünstler, die Phantomisten, die Undulisten, die Skizzisten. Die eine Hälfte des halben Dutzend nimmt es zu ernst, zu streng und ängstlich, die andere zu leicht und lose. Nur aus einig verbundenem Ernst und Spiel kann wahre Kunst entspringen, und wenn unsere einseitigen Künstler und Kunstliebhaber je zwei und zwei einander gegenüberstehen, der Nachahmer dem Imaginanten, der Charakteristiker dem Undulisten, der Kleinkünstler dem Skizzisten, so entsteht, indem man diese Gegensätze verbindet, immer eins der drei Erfordernisse des vollkommenen Kunstwerks, wie zur Übersicht das Ganze folgendermafsen kurz dargestellt werden kann:

Ernst allein. Spiel allein. Individuelle Neigung, Manier: Individuelle Neigung, Manier: Nachahmer, Phantomisten, Charakteristiker, Undulisten, Kleinkünstler. Skizzisten. Ernst und Spiel verbunden. Ausbildung ins Allgemeine, Stil: Kunstwahrheit, Schönheit, Vollendung."

Dafs der Künstler Natur und Welt kennen lernen sollte, ist eine nächstliegende Forderung. Goethe sagte zwar, er habe niemals die Natur poetischer Zwecke wegen betrachtet; er hatte das eben nicht nötig, weil er durch sein naturwissenschaftliches Beobachten und durch sein fleifsiges Landschaftszeichnen die Natur aus- wendig gelernt hatte — wie er es selber ausdrückte — so dafs ihm ihre Kenntnis zu Gebote stand, wenn er als Poet etwas brauchte. Wer diese eigenartige Ausbildung nicht besitzt, mufs als Dichter die Natur in der ruhigen, objektiven Art Goethes betrachten, bis jedes einzelne Bild zu ihm spricht und sich ihm in seinem besonderen Charakter zu erkennen giebt

„Anschau'n, wenn es dir gelingt, 
Dafs es erst ins Innre dringt, 
Dann nach aufsen wiederkehrt, 
Bist am herrlichsten belehrt.'

Wir wissen schon, dafs Goethe jungen Dichtern riet,, sich vorläufig prosaischen Geschäften zu widmen, denn, wenn sich nachher der poetische Beruf ganz zweifellos- herausstelle, so sei auch für sie diese Ausbildung in geschäftlicher oder wissenschaftlicher Weltkenntnis sehr wertvoll. Auch der Dichter bedarf natürlich einer allgemeinen Bildung, einer Erweiterung seines Gesichtskreises, einer Erziehung seines Charakters.

,,Es bildet ein Talent sich in der Stille, 
Sich ein Charakter in dem Strom der Welt."

Und der Dichter Tasso ist gemeint, wenn es in der gleichen Scene des Dramas heifst:

 ,,Ein edler Mensch kann einem engen Kreise 
Nicht seine Bildung danken, Vaterland 
Und Welt mufs auf ihn wirken. Ruhm und Tadel 
Mufs er ertragen lernen. Sich und andre 
Wird er gezwungen, recht zu kennen. 
Ihn Wiegt nicht die Einsamkeit mehr schmeichelnd ein. 
Es will der Feind — es darf der Freund nicht schonen; 
Dann übt der Jüngling streitend seine Kräfte, 
Fühlt, was er ist, und fühlt sich bald ein Mann." 

Nun hat allerdings Goethe zu seinem aufmerksamsten Schüler einmal gesagt, dem wahren Dichter sei die Kenntnis der Welt angeboren, und er hat dabei sich selbst als Beispiel gegeben, dafs er keiner grofsen Erfahrung bedürfe:

Ich schrieb meinen ,Götz von Berlichingen'," sagte er, „als junger Mensch von Zweiundzwanzig und erstaunte zehn Jahre später über die Wahrheit meiner Darstellung. Erlebt und gesehen hatte ich bekanntlich dergleichen nicht, und ich mufste also die Kenntnis mannigfaltiger menschlicher Zustände durch Antizipation besitzen." Er lügte sogar hinzu:

„Überhaupt hatte ich nur Freude an der Darstellung meiner Innern Welt, ehe ich die äufsere kannte. Als ich nachher in der Wirklichkeit fand, dafs die Welt so war, wie ich sie mir gedacht hatte, war sie mir verdriefslich, und ich hatte keine Lust mehr, sie darzustellen. Ja, ich möchte sagen: hätte ich mit Darstellung der Welt so lange gewartet, bis ich sie kannte, so wäre meine Darstellung Persiflage geworden."

Auch dem Plato hat Goethe diese Antizipation der Welt zugeschrieben. Er war ein seliger Geist, dem es beliebte, einige Zeit in dieser Welt Herberge zu nehmen. ,,Es ist ihm nicht sowohl darum zu thun, sie kennen zu lernen, weil er sie schon voraussetzt, als ihr dasjenige, was er mitbringt und was ihr so not thut, freundlich mitzuteilen. Er dringt in die Tiefen, mehr um sie mit seinem Wesen auszufüllen, als um sie zu erforschen."

Solche Sätze darf man nicht falsch verstehen. Der wahre Dichter bedarf allerdings nicht vieler Erfahrung, um sich in andere Verhältnisse hineinzudenken, namentlich wird er seelische Vorgänge in Anderen schnell durch Ahnung richtig ergreifen, wo der Philister oft nach langem Studium kaum zur Kenntnis gelangt. Einem Schiller gelang sogar das Aufserordentliche, dafs er den poetischen Charakter der Schweiz wiedergab, obwohl er sie nie gesehen hatte und sie nur aus Goethes Schilderungen kannte  Die "Regel ist aber doch nur, dafs im wahren Dichter ein aufnehmendes und nachfühlendes Organ den seelischen Erregungen in Andern ungewöhnlich weit entgegenkommt; er ist darin den Frauen ähnlich, die zuweilen als Seherinnen ,,mit dem Geführ' in das Innere der Dinge dringen, wo der prosaische Mann an Aufserlichkeiten herumtastet. Goethe sagte, als wieder die Rede auf das Thema kam, etwas deutlicher, was er mit der angeborenen Weltkenntnis meine :

„Die Region der Liebe, des Hasses, der Hoffnung, der Verzweiflung, und wie die Zustände und Leidenschaften der Seele heifsen, ist dem Dichter angeboren, und ihre Darstellung gelingt ihm. Es ist ihm aber nicht angeboren, wie man Gericht hält, oder wie man im Parlament oder bei einer Kaiserkrönung verfährt, und um nicht gegen die Wahrheit solcher Dinge zu verstofsen, mufs der Dichter sie aus Erfahrung oder Überlieferung sich aneignen. So konnte ich im ,Faust' den düstern Zustand des Lebensüberdrusses im Helden sowie die Liebesempfindungen Gretchens recht gut durch Antizipation in meiner Macht haben; allein um z. B. zu sagen:

,Wie traurig steigt die unvollkommne Scheibe
Des späten Monds mit feuchter Glut heran' — 


bedurfte es einiger Beobachtung der Natur." ,,Es ist aber," erwiderte Eckermann, ,,im ganzen ,Faust' keine Zeile, die nicht von sorgfältiger Durchforschung der Welt und des Lebens unverkennbare Spuren trüge, und man wird keineswegs erinnert, als sei Ihnen das alles, ohne die reichste Erfahrung, nur so, geschenkt worden." „Mag sein," antwortete Goethe, ,, allein hätte ich nicht die Welt durch Antizipation bereits in mir getragen, ich wäre mit sehenden Augen blind geblieben, und alle Erforschung und Erfahrung wäre nichts gewesen als ein ganz totes und vergebliches Bemühen. Das Licht ist da, und die Farben umgeben uns; allein trügen wir kein Licht und keine Farben im eigenen Auge, so würden wir auch aufser uns dergleichen nicht wahrnehmen."




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