> Gedichte und Zitate für alle: Wilhelm Bode- Goethes Ästhetik- Des Dichters Lehrjahre. (Seite 2 )

2019-11-27

Wilhelm Bode- Goethes Ästhetik- Des Dichters Lehrjahre. (Seite 2 )



Zu andern Stunden aber pries, wie wir wissen, Goethe die objektive Art der Dichtung mit gröfster Entschiedenheit; ihre Voraussetzung aber ist ein sehr fleifsiges Lernen und Beobachten. „Wenn Einer singen lernen will," sagte er einmal, „sind ihm alle diejenigen Töne, die in seiner Kehle liegen, natürlich und leicht; die andern aber, die nicht in seiner Kehle liegen, sind ihm anfänglich äufserst schwer. Um aber ein Sänger zu werden, mufs er sie überwinden, denn sie müssen ihm alle zu Gebote stehen. Ebenso ist es mit einem Dichter. Solange er blofs seine wenigen subjektiven Empfindungen ausspricht, ist er noch keiner zu nennen; aber sobald er die Welt sich anzueignen und auszusprechen weifs, ist er ein Poet. Und dann ist er unerschöpflich und kann immer neu sein, wogegen aber eine subjektive Natur ihr bifschen Inneres bald ausgesprochen hat und zuletzt in Manier zu Grunde geht.

„Man spricht immer vom Studium der Alten; allein was will das anders sagen als: Richte dich auf die wirkliche Welt und suche sie auszusprechen; denn das thaten die Alten auch, da sie lebten."

Ähnliches hatte er am Tage vorher — es war im Januar 1826 — dem Dichter Wolff aus Hamburg gesagt, dem zweiten oder dritten Deutschen, der als dichtender Improvisator reiste. In Weimar hatte er seine Kunst öffentlich gezeigt; er war aber auch zu Goethe ins Haus gegangen, um sich prüfen zu lassen und Rat zu empfangen. Goethe gab ihm als Aufgabe: seine Rückkehr nach Hamburg, und Wolff fing sogleich in wohlklingenden Versen zu reden an. Der alte Dichter mufste ihn bewundern, aber er konnte ihn nicht loben. Denn nicht die Rückkehr nach Hamburg schilderte der versgewandte junge Mann, sondern nur die Empfindungen eines Sohnes, der zu Eltern, Anverwandten und Freunden heim kommt, und sein Gedicht pafste ebensogut für eine Rückkehr nach Merseburg oder Jena. Da zeigte ihm dann Goethe, obwohl er selber nie nach Hamburg gekommen war, was Hamburg für eine ganz besondere Stadt ist, welch' reiches Feld für einzigartige Schilderungen sie bietet. Am andern Tage erzählte ihm Eckermann, Wolff sei von der Lektion ganz entzückt, er rechne eine neue Epoche von dieser Stunde, denn Goethe habe den Nagel auf den Kopf getroffen und ihn auf eine ganz neue Bahn gebracht. Aber, meinte Eckermann, das Publikum sei doch auch an der subjektiven Richtung schuld, da es allen Gefühlssachen so entschiedenen Beifall schenke.

 „Mag sein," antwortete Goethe, „allein wenn man dem Publikum das Bessere giebt, so ist es noch
zufriedener. Ich bin gewifs, wenn es einem improvisierenden Talent wie Wolff gelänge, das Leben grofser Städte wie Rom, Neapel, Wien, Hamburg und London mit aller treffenden Wahrheit zu schildern und so lebendig, dafs sie glaubten, es mit eigenen Augen zu sehen, er würde alles entzücken und hinreifsen. Wenn er zum Objektiven durchbricht, so ist er geborgen; es liegt in ihm, denn er ist nicht ohne Phantasie. Nur mufs er sich schnell entschliefsen und es zu ergreifen wagen."

Das that Wolff, der durch Goethes Gunst zuerst Gymnasialprofessor in Weimar und nachher Universitätsprofessor in Jena wurde, dann freilich nicht; er blieb bei der bequemeren Art, die schneller fertig wird, und ist denn auch heute trotz der vielen Bücher, die seinen Namen tragen, vergessen.

Auch an Egon Ebert, der als Dichter von vornherein höher stand, tadelte Goethe denselben Grundfehler. Zwar das, was er aus eigener Anschauung kannte: böhmische Landschaft, Sonnenuntergang und dergl. schilderte er vortrefflich, aber das Historische und Sagenhafte blieb verschwommen. Er vermied das spezielle Wahre aus Furcht, es sei prosaisch, und suchte nach dem, was für ,, romantisch" und ,, poetisch" galt. Goethes Meinung war: „Egon Ebert hätte sich sollen an die Überlieferung der Chronik halten, da hätte aus seinem Gedicht etwas werden können. Wenn ich bedenke, wie Schiller die Überlieferung studierte, was er sich für Mühe mit der Schweiz gab, als er seinen ,Tell' schrieb, und wie Shakespeare die Chroniken benutzte und ganze Stellen daraus wörtlich in seine Stücke aufgenommen hat, so könnte man einem jetzigen jungen Dichter auch wohl dergleichen zumuten. In meinem ,Clavigo' habe ich aus den Memoiren des Beaumarchais ganze Stellen."

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Wer nach solchen Ratschlägen arbeitet, kann einen längeren Faden spinnen aber es geht freilich langsamer. Natürlich riet Goethe zur Sparsamkeit im Produzieren. Viktor Hugo, dessen Genie deutlich war, dessen Vorliebe für gräfsliche Stoffe Goethe aber gar nicht billigte flöfste ihm wegen seiner Fruchtbarkeit Besorgnis ein.

„Wie soll Einer nicht schlechter werden und das schönste Talent zu Grunde richten," sagte Goethe von ihm, ,,wenn er die Verwegenheit hat, in einem einzigen Jahre zwei Tragödien und einen Roman zu schreiben, und ferner, wenn er nur zu arbeiten scheint, um ungeheure Geldsummen zusammenzuschlagen. Ich schelte ihn keineswegs, dafs er reich zu werden, auch nicht dafs er den Ruhm des Tages zu ernten bemüht ist; allein wenn er lange in der Nachwelt zu leben gedenkt, so mufs er anfangen, weniger zu schreiben und mehr zu arbeiten."

Ein andermal verglich er junge Poeten mit allzu saftreichen Bäumen, die eine Menge Schmarotzerschöfslinge treiben. Oft kann da ein energischer Redakteur helfen, der unbarmherzig alles Unnötige wegschneidet, wie der Gärtner die Bäume lichtet. ,,Man mufs freilich ein alter Praktikus sein, um das Streichen

zu verstehen. Schiller war hierin besonders grofs. Ich sah ihn einmal bei Gelegenheit seines Musenalmanachs ein pompöses Gedicht von zweiundzwanzig Strophen auf sieben reduzieren, und zwar hatte das Produkt durch diese furchtbare Operation keineswegs verloren vielmehr enthielten diese sieben Strophen noch alle guten und wirksamen Gedanken jener zweiundzwanzig.''

Auch der Autor selbst soll „feilen". Freilich konnte sich Goethe über den Herrn v. Haxthausen in Köln ärgern, der viele neugriechische Lieder übersetzt hatte, sich aber immer nicht entschliefsen konnte, sie herauszugeben. ,, Nichts ist verderblicher, als sich immer feilen und bessern zu wollen, nie zum Abschlufs kommen; das hindert alle Produktion. ,,Wer mit seinen Produktionen stets zufrieden ist, wird nicht weit kommen. Allein, man kann auch zu weit gehen und durch höhere Forderungen an sich, als man im Augenblick praktisch zu erfüllen die Kraft hat, den schaffenden Geist ängstlich machen." Aber Goethe verlangte doch sorgfältige Arbeit. Er mufste in dieser Hinsicht Wieland bewundern.

 „Denn dafs er alles mit eigener Hand und sehr schön schrieb, zugleich mit Freiheit und Besonnenheit, dafs er das Geschriebene immer vor Augen hatte, sorgfältig prüfte, veränderte, besserte, unverdrossen bildete und umbildete, ja nicht müde ward, Werke von Umfang wiederholt abzuschreiben, dieses gab seinen Produktionen das Zarte, Zierliche, Fafsliche, das Natürlich-Elegante, welches nicht durch Bemühung, sondern durch heitere,

genialische Aufmerksamkeit auf ein schon fertiges Werk hervorgebracht werden kann." Dem jungen Theodor Körner, dessen erste Dramen sein Vater nach Weimar sandte, riet Goethe, während der ersten Niederschrift nach wie vor an keine Künstelei zu denken. „Nirgends ist die Pedanterie, und also auch die rhythmische, weniger am Platze als auf dem Theater." Wenn aber das Stück fertig sei ,,so suche er allen Hiatus wegzubringen, sowie im Jambus die kurzen Silben an den langen Stellen."

Was Goethe selbst angeht, so hat er viele seiner Werke, auch gröfsere, in einem Zuge hingeschrieben, ohne nachher etwas daran zu korrigieren, z. B. den ,Götz' in seiner ersten Form, die nicht gedruckt wurde. Manche hat er nachher in ganz neue zweite und dritte Formen gebracht — , auch hierfür ist der ,Götz' ein Beispiel — bei anderen wieder arbeitete er das erste Manuskript mehrere Male durch. Nicht immer flofs ihm der rechte Ausdruck genialisch aus der Seele; zuweilen mufste er einen nach dem andern niederschreiben, um den besten zu erkennen. z. b. schrieb oder diktierte er:

Dafs hoher Schönheit holdes Glück sich nicht gesellt, 
Dafs dauernd Glück die Schönheit nicht begleiten mag, 
Dafs nie vom Glück begleitet sei die schönste Frau, 
Erfreuen darf sich nie die Schönheit grofsen Glücks, 
Nie ward ein dauernd Glück der Schönsten zugeteilt, 
Dafs dauerhaft sich Glück und Schönheit nicht vereint, 
Dafs Glück und Schönheit lange nicht zusammengehn, 

und dann wählte er schliefslich : ,,Dafs Glück und Schönheit dauerhaft sich nicht vereint."

Wenn dann noch ein Freund seine Arbeit vor dem Drucke mit las, war er dessen Ratschlägen gern zugänglich. So fand Schiller, dafs Goethe im ,Wilhelm Meister' seiner Liebe zum Theater zu sehr nachgegeben habe und deshalb zu sehr in Einzelheiten gegangen sei. Goethe liefs sofort die Schere walten und dankte für die „Erinnerungen wegen des theoretisch - praktischen Gewäsches."

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Ein wichtiger Rat für solche Schriftsteller, die leicht und schnell etwas Gefälliges schreiben können, ist: sich vor der Zersplitterung zu hüten. Als Eckermann noch nicht lange in Goethes Nähe war, erhielt er eine Aufforderung, unter günstigen Bedingungen für ein englisches Journal monatliche Berichte über die deutsche Literatur zu schreiben. Stolz und freudig meldete er es seinem Meister, aber der machte ein saures Gesicht dazu. ,,Ich wollte, Ihre Freunde hätten Sie in Ruhe gelassen! Was wollen Sie sich mit Dingen befassen, die nicht in Ihrem Wege liegen?" Und Goethe setzte dem jungen Freunde auseinander, wie er als literarischer Berichterstatter gar vielerlei studieren, auch viel Geringes kennen lernen müsse. „Sie müssen zurückgehen und sehen, was die Schlegel gewollt und geleistet, und dann alle neuesten Autoren: Franz Hörn, Hoffmann, Clauren u. s. w., alle müssen Sie lesen. Und das ist nicht genug. Auch alle Zeitschriften, vom ,Morgenblatt' bis zur ,Abendzeitung' müssen Sie halten, damit Sie von allem neu hervortretenden sogleich in Kenntnis sind, und damit

verderben Sie Ihre schönsten Stunden und Tage. Und dann, alle neuen Bücher, die Sie einigermafsen gründlich anzeigen wollen, müssen Sie doch auch nicht blofs durchblättern, sondern sogar studieren. Wie ' würde Ihnen das munden! Und endlich, wenn Sie das Schlechte schlecht linden, dürfen Sie es nicht einmal sagen, wenn Sie Sich nicht der Gefahr aussetzen wollen, mit aller Welt in Krieg zu geraten. Nein, wie gesagt,, schreiben Sie das Anerbieten ab, es liegt nicht in Ihrem Wege. Überhaupt hüten Sie sich vor Zersplitterung und halten Sie Ihre Kräfte zusammen. Wäre ich vor dreifsig Jahren so klug gewesen, ich würde ganz andere Dinge gemacht haben. Was habe ich mit Schiller an den ,Horen' und ,Musenalmanachen' nicht für Zeit; verschwendet! — — — Was haben wir davon, wenn unsere Haare auf eine Nacht gewickelt sind? Wir haben Papier in den Haaren, das ist alles, und am andern Tage sind sie doch wieder schlicht."

„Es kommt darauf an," fuhr Goethe fort, „dafs Sie Sich ein Kapital bilden, das nie vergeht. Dieses werden Sie erlangen in dem begonnenen Studium der englischen Sprache und Literatur."

Einige Tage später meldete Eckermann, dafs er das englische Anerbieten abgelehnt habe. „Gottlob!" rief Goethe aus. „Nun will ich Sie gleich noch vor etwas warnen. Es werden die Komponisten kommen und eine Oper haben wollen; aber da seien Sie gleichfalls nur standhaft und lehnen Sie ab, denn das ist auch eine Sache, die zu nichts führt und womit man seine Zeit verdirbt."

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Einige Zeit vorher hatte ihm Eckermann gestanden, dafs er eine grofse Dichtung über die Jahreszeiten plane. Goethe riet ihm von diesem wie von jedem andern grofsen Plane ab, am meisten vor grofsen eigenen Erfindungen. Denn in solchen wolle man doch eine Ansicht der Dinge geben, und die ist in der Jugend selten reif. Da sei es schon besser, einen gegebenen Stoff noch einmal zu bearbeiten, dann brauche man nicht soviel von Eigenem hinzuzuthun. Aber am geratensten sei es, sich in jungen Jahren nicht in die Hände eines grofsen Gegenstandes zu geben. Diese grofsen Aufgaben halten uns fest, dafs wir vieles Kleine, was uns sonst die Tage anbieten würden, nicht ergreifen. ,Nehmen Sie Sich in Acht vor einer grofsen Arbeit! Das ist's eben, woran unsere Besten leiden, gerade diejenigen, in denen das meiste Talent und das tüchtigste Streben vorhanden. Ich habe auch daran gelitten und weifs, was es mir geschadet hat. Was ist da nicht alles in den Brunnen gefallen ! Wenn ich alles gemacht hätte, was ich recht gut hätte machen können, es würden keine hundert Bände reichen.

,,Die Gegenwart will ihre Rechte; was sich täglich im Dichter von Gedanken und Empfindungen aufdrängt, das will und soll gesprochen sein. Hat man aber ein gröfseres Werk im Kopfe, so kann nichts daneben aufkommen, so werden alle Gedanken zurückgewiesen, und man ist für die Behaglichkeit des Lebens selbst so lange verloren. Welche Anstrengung und Verwendung von Geisteskraft gehört nicht dazu, um nur ein grofses Ganzes in sich zu ordnen und abzurunden, und welche

Kräfte und welche ruhige ungestörte Lage hu Leben^ um es dann in einem Flufs gehörig auszusprechen! Hat man sich nun im Ganzen vergriffen, so ist alle Mühe verloren; ist man ferner bei einem so umfangreichen Gegenstande in einzelnen Teilen nicht völlig HeiT seines Stoffes, so wird das Ganze stellenweise mangelhaft werden, und man wird gescholten, und aus allem entspringt für den Dichter statt Belohnung und Freude für so viele Mühe und Aufopferung nichts als Unbehagen und Lähmung der Kräfte. Fafst dagegen der Dichter täglich die Gegenwart auf und behandelt er immer gleich in frischer Stimmung, was sich ihm darbietet, so macht er sicher immer etwas Gutes, und gelingt ihm auch einmal etwas nicht, so ist nichts daran verloren."

Goethe war nun bei einem Lieblingsthema, dem „Gelegenheitsgedicht", für dessen gröfsere Ehrung er gern eine Lanze einlegte. So fuhr er fort:

„Die Welt ist so grofs und reich, und das Leben so mannigfaltig, dafs es an Anlässen zu Gedichten nie fehlen wird. Aber es müssen alles Gelegenheitsgedichte sein, das heifst, die Wirklichkeit mufs die Veranlassung und den Stoff dazu hergeben. Allgemein und poetisch wird ein spezieller Fall eben dadurch, dafs ihn der Dichter behandelt. Alle meine Gedichte sind Gelegenheitsgedichte, sie sind durch die Wirklichkeit angeregt und haben darin Grund und Boden. Von Gedichten, aus der Luft gegriffen, halte ich nichts. „Man sage nicht, dafs es der Wirklichkeit an poetischem Interesse fehlt; denn eben darin bewährt sich ja der Dichter, dafs er geistreich genug sei, einem gewöhnlichen Gegenstande eine interessante Seite abzugewinnen.

Die Wirklichkeit soll die Motive hergeben, die auszusprechenden Punkte, den eigentlichen Kern; aber ein schönes belebtes Ganzes daraus zu bilden, ist Sache des Dichters. Sie kennen den Fürnstein, den sogenannten Naturdichter; er hat ein Gedicht gemacht über den Hopfenbau, es läfst sich nicht artiger machen. Jetzt habe ich ihm Handwerkslieder aufgegeben, besonders ein Weberlied, und ich bin gewifs, dafs es ihm gelingen wird; denn er hat von Jugend auf unter solchen Leuten gelebt, er kennt den Gegenstand durch und durch, er wird Herr seines Stoffes sein. Und das ist eben der Vorteil bei kleinen Sachen, dafs man nur solche Gegenstände zu wählen braucht und wählen wird, die man kennt, von denen man Herr ist. Bei einem grofsen dichterischen Werke geht das aber nicht, da läfst sich nicht ausweichen, alles, was zur Verknüpfung des Ganzen gehört und in den Plan hinein mit verflochten ist, mufs dargestellt werden und zwar mit getroffener Wahrheit. Bei der Jugend aber ist die Kenntnis der Dinge noch einseitig; ein grofses Werk aber erfordert Vielseitigkeit,, und daran scheitert man."

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Noch zwei ernste Ratschläge hatte Goethe jungen Dichtern zu geben. Der eine heifst: positiv zu sein. Gestalten, nicht einreifsen, ist Aufgabe des Künstlers. Wenn Goethe die heutige wöchentliche Flut unserer witzigen und witzelnden Literatur sähe, würde ihn bangen um die Zukunft des Volkes; jedenfalls würde er alle poetischen Talente auf das ernstlichste warnen, sich dem Spotten und Höhnen zu ergeben, wobei man auch die eigene Seele durchlöchert und aushöhlt. „Mein Gemüt war von Natur zur Ehrerbietung geneigt," darf Goethe berichten, wo er er von seiner Kindheit spricht, und später, auf der italienischen Reise, darf er bekennen: ,,Es liegt in meiner Natur, das Grofse und Schöne willig und mit Freuden zu verehren, und diese Anlage an so herrlichen Gegenständen Tag für Tag, Stunde für Stunde auszubilden." Solcher Enthusiasmus ist dem Dichter unentbehrlich. Wenn Goethe Gedichte des Persers Dschelaleddin Rumi vor sich hat, in denen die Gottheit in sehr überspannter Weise verherrlicht wird, weist er entschuldigend darauf hin, ,,dafs der eigentliche Dichter die Herrlichkeit der Welt in sich aufzunehmen berufen ist und deshalb immer eher zu loben als zu tadeln geneigt sein wird. Daraus folgt, dafs er den würdigsten Gegenstand aufzufinden sucht und, wenn er alles durchgegangen, endlich sein Talent zu Preis und Verherrlichung Gottes anwendet."  Goethe wunderte sich auch darüber nicht, dafs so viele Dichter Hofleute waren und von und zu ihren Fürsten in der Sprache der Schmeichler redeten. Wir Heutigen sind hierin nicht gerecht; wir erwarten zwar vom Dichter, dafs er seine Geliebte in alle Himmel erhebe, und wenden ihm gar nicht ein, dafs es sich vermutlich um eine sehr menschliche, sehr fehlerhafte Person handele; wir finden es auch recht und gut, wenn der Dichter seine Nation und sein Vaterland in den übertriebensten, unwahrsten Ausdrücken rühmt; aber diese selbe Dichterart erscheint uns fast ein Verbrechen, wenn sie auf Fürsten sich richtet. Und doch ist es oft natürlich und nötig, dafs gerade der Dichter sich von der Macht und Pracht eines Grofsen anziehen läfst.

 ,,Der obersten Gewalt, von der alles herfliefst, Wohlthat und Pein, unterwerfen sich mäfsige, feste, folgerechte Naturen, um nach ihrer Weise zu leben und zu wirken. Der Dichter aber hat am ersten Ursache, sich dem Höchsten, der sein Talent schätzt, zu widmen. Am Hof, im Umgange mit Grofsen, eröffnet sich ihm eine Weltübersicht, deren er bedarf, um zum Reichtum aller Stoffe zu gelangen. Hierin liegt nicht nur Entschuldigung, sondern Berechtigung, zu schmeicheln, wie es dem Panegyristen zukommt, der sein Handwerk am besten ausübt, wenn er sich mit der Fülle des Stoffes bereichert, um Fürsten und Vesire, Mädchen und Knaben, Propheten und Heilige, ja zuletzt die Gottheit selbst, menschlicherweise überfüllt auszuschmücken."

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Es ist nicht genug, dafs der Dichter seine Seele vor dem Negieren hüte; er mufs geradezu Gröfse als Mensch anstreben. ,,Man mufs etwas sein, um etwas zu machen." Die gröfsten Dichter erscheinen uns als solche, weil sie auch grofse Menschen sind, und oft bewundern wir einen Künstler eigentlich nicht deshalb, weil wir seine Kunst, sondern weil wir seine Kultur lieben.

Goethes enthusiastische Begeisterung für die Griechen, die sich bis auf Menander, Longus und andere wenig bekannte Poeten erstreckte erklärt sich namentlich daraus, dafs sie eine Kultur darstellen, die er der Menschheit gern wieder gegönnt hätte. Und ebenso liebte er in Moliere namentlich auch den Vertreter einer edlen Kultur.

,,Es ist nicht blofs das vollendet künstlerische Verfahren, was mich an ihm entzückt, sondern vorzüglich auch das liebenswürdige Naturell, das hochgebildete Innere des Dichters. Es ist in ihm eine Grazie und ein Takt für das Schickliche und ein Ton des feinen Umgangs, wie es seine angeborene schöne Natur nur im täglichen Verkehr mit den vorzüglichsten Menschen seines Jahrhunderts erreichen konnte. "

Den Rat, der aus diesem letzten Satze klingt, hat Goethe oft dahin erweitert, dafs man mit den besten. Menschen aller Zeiten täglich verkehren solle, was uns ja ihre hinterlassenen Werke gestatten. Dann werden wir grofs und heiter auf die irdische Welt blicken; dann können wir auch, wenn die Musen uns besuchen wollen, wie die Griechen die geringere reale Natur zu der Höhe unseres Geistes heranheben und dasjenige vollenden, was in den natürlichen Erscheinungen aus innerer Schwäche oder aus äufserem Hindernis nur Intention geblieben ist. Dann leben wir nicht mehr dem Tage, vergehen nicht mit ihm, sondern wir sehen die alten und neuen Zeiten und die Länder der Erde vor uns ausgebreitet; Ort und Augenblick haben uns nichts mehr an.

„Wer in der Weltgeschichte lebt, 
Dem Augenblick sollt' er sich richten? 
Wer in die Zeiten schaut und strebt, 
Nur der ist wert, zu sprechen und zu dichten!"




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