> Gedichte und Zitate für alle: Wilhelm Bode- Goethes Ästhetik- Die Dilettanten. (Seite 1 )

2019-11-29

Wilhelm Bode- Goethes Ästhetik- Die Dilettanten. (Seite 1 )





Die Dilettanten. 

Als Goethe kein grofser Maler wurde, ist ein ästhetisches Rätsel. Denn die Vorbedingungen scheinen bei ihm alle erfüllt zu sein. Er hat sich gesehnt und bemüht, in der bildenden Kunst Grofses zu leisten; er hat sich fast ein halbes Jahrhundert hindurch, etwa von 1763 bis 18 10, immer wieder im Zeichnen, Kupferstechen, Modellieren oder anderer Kunstfertigkeit geübt, er hat eine Zeit lang, und zwar in Rom, unter der Anleitung vortrefflicher Lehrer, heifsen Ernst daran gewandt und die technischen Schwierigkeiten überwunden. Er kannte die grofsen Meister alter und neuer Zeit wie wenige Andere, er kannte die ästhetischen Theorieen und dazu die kleinen Kniffe und Kunstgriffe. Er kannte ferner das Äufsere der Menschen und der sonstigen Natur aufs beste, hatte viel naive Freude an der sinnlichen Erscheinung der Dinge und war gewöhnt, aus allem, was er sah, ein Büd zu machen. Schon als Knabe war es ihm eigen, die Gegenstände in Bezug auf die Kunst anzusehen, hatte er doch von Kindheit auf zwischen Malern gelebt.' Für Formen und Farben hatte er ein scharfes Auge und ein sicheres Gedächtnis. Und trotz alledem erlebte er die bittere Enttäuschung, dafs er auf seinen Traum verzichten mufste. Und das, was seinen Bildern fehlt, ist — die Gröfse ! Also gerade diejenige Eigenschaft, die ihm als Menschen, die ihm besonders aber in der der Malerei so nahe verwandten poetischen Bethätigung niemand absprach, diese Eigenschaft ging auf dem Wege zum Stift und Pinsel irgendwie verloren. Nicht dafs er noch nicht völlig ausgelernt hat, ist die Ursache, weshalb wir seinen Zeichnungen nichts abgewinnen können, sondern ihr Charakter der Mittelmäfsigkeit läfst eine tiefere Ergriffenheit nicht zu. Wir fühlen, dafs Goethe wohl eine Anzahl saubere Landschaften hätte liefern können, die als Zimmerschmuck nicht übel gewesen wären, aber wir sagen uns auch, dafs die bildende Kunst nicht viel verlor, als er sich von ihr abwandte. Denn der Dichter und Denker des ,Faust' war auf den Gebieten Rafaels und Michel Angelos — ein Dilettant, Er mufste es selbst bekennen:

,, Vieles hab ich versucht: gezeichnet, in Kupfer gestochen, 
Oel gemalt, in Thon hab ich auch manches gedruckt; 
Unbeständig jedoch, und nichts gelernt, noch geleistet; 
Nur ein einzig Talent bracht' ich der Meisterschaft nah: 
Deutsch zu schreiben. Und so verderb ich unglücklicher Dichter 
In dem schlechtesten Stoff leider nun Leben und Kunst. "

Auf dem dritten grofsen Kunstgebiete, dem der Musik, hat sich Goethe nur als Geniefsender beteiligt, und wenn man auch die Geniefsenden in Meister und Dilettanten teilen will, so werden auch die Fachleute der Musik Goethe zu den Dilettanten rechnen. Er hatte eine wohlklingende Stimme, er las sehr gern und sehr gut vor, deklamierte ausdrucksvoll, er unterrichtete auch ebenso gern wie geschickt in der Kunst des Rezitators und des Schauspielers. Aber wir lesen nie, dafs er selber sang oder ein Instrument zu meistern versuchte, nur als Knabe hat er das Klavierspiel ein wenig getrieben. Als ,,Ton- und Gehörloser" spricht er zu Zelter 1820 das resignierte Wort: ,,Ich weifs recht gut, dafs mir deshalb ein Drittel des Lebens fehlt, aber man mufs sich einzurichten wissen." Er suchte dennoch die Musik zu begreifen und verdankte ihr trotz seiner Mängel vielen Genufs. Die musikalische Sintflut von heute war zu seiner Zeit noch in den ersten Anfängen; Goethe half erst noch, die uns selbstverständlich gewordene Trennung von Schauspiel und Oper auf dem Theater herbeizuführen; er half, ein erstes kleines ,, Singechor" in Weimar zu schaffen, als die Bürger noch nicht an Gesangvereine dachten; er mufste sich noch bemühen, dafs brauchbare Instrumente und Notenhefte in seine Residenz kamen. Gelegenheit, gute Musik zu hören, hat er, im Vergleich zu uns Heutigen, wenig gehabt; er hat es selber manchmal beklagt, namentlich wenn Freund Zelter von seinen Oratorienaufführungen in der Berliner Singakademie berichtete; besonders aber hat er oft bedauert, dafs er nie einen hervorragenden Komponisten als nahe wohnenden Freund bei seiner Arbeit beobachten konnte, denn erst, was er entstehen sah, glaubte er verstehen zu können. Wir wissen heule, welche bleibenden Werke deutscher Musik in Goethes langer Lebenszeit an das Licht traten; Goethe selbst empfand es wohl mit Rührung, dafs er, der er in seiner Kindheit in Frankfurt den Wunderknaben Mozart gehört hatte, in alten Tagen noch dem neuen Wunderknaben Felix Mendelssohn lauschen durfte, noch dazu in seinem eigenen Zimmer, an seinem selten erklingenden Flügel, aber von dem erhabenen musikalischen Schaffen zwischen diesen beiden Tagen — 1763 und 182 1 — hatte er doch keine rechte Vorstellung. Mozart konnte er zwar geniefsen, gern hätte er gesehen, wenn der Schöpfer des ,Don Juan' die Musik zu seinem , Faust' hätte hinzudichten können, aber Männer wie Beethoven und Schubert blieben ihm innerlich fremd, ihr Durchkomponieren von seinen Liedern empfand er gar als einen Fehler,' durch den der lyrische Charakter aufgehoben werde. Und doch hat er an theoretisches Musikstudium manche Stunde gewandt, hat sich von Mendelssohn, Inspektor Schütz und Anderen die Entwicklung der Musik vorspielen lassen, hat Zelter und sonstige Kenner oft um Auskunft und Belehrung gebeten. Auch kann sein musikalisches Gehör nicht so mangelhaft gewesen sein, wie er selbst vorhin aussprach, da doch ein Teil der Kompositionen — feierlich-erhabene Weisen einerseits und anfeuernde, fröhlich strömende Melodieen andrerseits — ihm ins Innere drangen und ihm lieb wurden. Den dämonischen Charakter der Musik, wodurch sie die Poesie noch übertreffe, hat er selbst empfunden und ausgesprochen. Aber auch hier ist es deutlich, dafs der Dichter des ,Fischer', des ,Tasso' und anderer Werke, die der Musik so nahe verwandt erscheinen, auf dem Gebiete der Tonkunst sich höchstens als ein bescheidener Dilettant hätte versuchen können.

Die Zahl der Dilettanten ist wohl immer ein Hundertfaches von der Zahl der wirklichen Künstler, aber zu gewissen Zeiten schwillt sie in besorgniserregender Weise an. Goethe konnte das auf seinem eigensten Gebiete beobachten. In seiner Jugend war die deutsche Sprache ein schweres, rauhes, widerstrebendes Material, das zu poetischen Formen zu zwingen nur Wenige den Mut hatten; als aber Sprachmeister wie Klopstock und Wieland und nach ihnen Goethe und Schiller diese selbe deutsche Sprache gewissermafsen durchknetet und zum erstenmale in die zierlichsten Formen hineingedrückt hatten, war es Vielen leicht, ihnen zu folgen, und bald konnte man in kühner Übertreibung sagen: „die Sprache dichtet." ,,Es werden jetzt Produktionen möglich, die selber null sind, ohne schlecht zu sein : null, weil sie keinen Gehalt haben, nicht schlecht, weil eine allgemeine Form guter Muster den Verfassern vorschwebt" „Die deutsche Sprache ist auf einen so hohen Grad der Ausbildung gelangt, dafs einem Jeden gegeben ist, sowohl in Prosa als in Rhythmen und Reimen sich, dem Gegenstande wie der Empfindung gemäfs, nach seinem Vermögen glücklich auszudrücken. Hieraus erfolgt nun, dafs ein jeder, welcher durch Hören und Lesen sich auf einen gewissen Grad gebildet hat, wo er sich selbst einigermafsen deutlich wird, sich alsobald gedrängt fühlt, seine Gedanken und Urteile, sein Erkennen und Fühlen mit einer gewissen Leichtigkeit mitzuteilen. Schwer, vielleicht unmöglich, wird es aber den Jüngeren, einzusehen, dafs hierdurch im höheren Sinne noch wenig gethan ist."

Ein andermal" nennt Goethe den Hauptgrund, weshalb man sich dieser allgemein gewordenen Dichterei widersetzen müsse.

„Das ganze Unheil entsteht daher, dafs die poetische Kultur in Deutschland sich so sehr verbreitet hat, dafs Niemand mehr einen schlechten Vers macht. Die jungen Dichter, die mir ihre Werke senden, sind nicht geringer als ihre Vorgänger, und da sie nun jene so hoch gepriesen sehen, so begreifen sie nicht, warum man sie nicht auch preist. Und doch darf man zu ihrer Aufmunterung nichts thun, eben weil es solcher Talente jetzt zu Hunderten giebt und man das Überflüssige nicht befördern soll, während noch so viel Nützliches zu thun ist. Wäre ein Einzelner, der über Alle hervorragte, so wäre es gut, denn der Welt kann nur mit dem Aufserordentlichen gedient sein."

Die Jugend neigt an sich schon zu poetischer Produktion und gerade sie ahnt in ihrer Unwissenheit leider nicht, dafs die poetischen Schätze der Weltlitteratur keiner Vermehrung mehr bedürfen, während noch tausend andere Aufgaben nach begabten Köpfen, die sie ausführen könnten, schreien.

„Die Kinder machen schon Verse und gehen so fort und meinen als Jünglinge, sie könnten was, bis sie zuletzt als Männer zur Einsicht des Vortrefflichen gelangen, was da ist, und über die Jahre erschrecken, die sie in einer falschen, höchst unzulänglichen Bestrebung verloren haben. Ja, Viele kommen zur Erkenntnis des Vollendeten und ihrer eigenen Unzulänglichkeit nie und produzieren Halbheiten bis an ihr Ende. Gewifs ist es, dafs wenn Jeder früh genug zum Bewufstsein zu bringen wäre, wie die Welt von dem Vortrefflichsten so voll ist und was dazu gehört, diesen Werken etwas Gleiches an die Seite zu setzen, dafs sodann von jetzigen hundert dichtenden Jünglingen kaum ein einziger Beharren und Talent und Mut genug in sich fühlen würde, zur Erreichung einer ähnlichen Meisterschaft ruhig fortzugehen."

Ja, von sich selbst sagt Goethe, der doch an seinem poetischen Genie nie zweifelte, im Jahre 1826, nachdem, er eben vom ,Werther', ,Götz' und ,Faust' gesprochen: „Hätte ich aber so deutlich wie jetzt gewufst, wie viel Vortreffliches seit Jahrhunderten und Jahrtausenden da ist, ich hätte keine Zeile geschrieben, sondern etwas Anderes gethan."

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Als die eine psychologische Wurzel des grassierenden Dilettantismus betrachtete Goethe die Eitelkeit. Den Schein, ein hervorragender Feldherr, Regent, Kaufmann, Gelehrter, Entdecker und dergleichen zu sein, eignet man sich nicht so leicht an; wenig aber gehört zu der Einbildung, als ob unser künstlerisches Talent nach einiger Anerkennung und Ausbildung denen der berühmtesten Dichter oder Musiker oder Maler oder Schauspieler gleich komme. Jeder bewundert lieber sich selbst als die längst vorhandenen Kunstwerke, unsere eigenen persönlichen Wünsche liegen uns näher als die Bedürfnisse der Landsleute. „Es ist kein Ernst da, der ins Ganze geht," klagt Goethe, ,,kein Sinn, dem Ganzen etwas zu Liebe zu thun, sondern man trachtet nur, wie man sein eigenes Selbst bemerklich mache und es vor der Welt zu möglichster Evidenz bringe. Dieses falsche Bestreben zeigt sich überall, und man thut es den neuesten Virtuosen nach, die nicht sowohl solche Stücke zu ihrem Vortrage wählen, woran die Zuhörer reinen musikalischen Genufs haben, als vielmehr solche, worin der Spielende seine erlangte Fertigkeit könne bewundern lassen. Überall ist es das Individuum, das sich herrlich zeigen will, und nirgends trifft man auf ein redliches Streben, das dem Ganzen und der Sache zu Liebe sein eigenes Selbst zurücksetzte."

Goethe hatte, als er so sprach, allerdings einen krassen Fall der Dilettanteneitelkeit im Sinne: da es lange schien, als ob er den zweiten Teil des ,Faust' nicht mehr zustande bringen werde, hatte ihn ein junger Studierender um den Plan gebeten, damit er, der Student, Goethes Werk vollende! Aber solche krassen Fälle der Eitelkeit, sind sie selten? Goethen traten sie immer wieder vor die Augen.

,,An Schmierern fehlt's nicht, nicht am Lob der Schmierer; 
Der rühmt sich selbst, den preiset ein Verleger, 
Der Gleiche den, der Pöbel einen Dritten. "

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Aber der Dilettantismus läfst sich doch auch freundlicher auffassen; Goethe selbst wollte ja nicht aus Eitelkeit noch Maler werden, da er schon ein berühmter Dichter und nebenbei ein hochgestellter Staatsbeamter war. Das Produzieren oder Reproduzieren gehört mit zum lebhaften Aufnehmen von Eindrücken, es ist eine psychisch-mechanische Reaktion. Schon bei Kindern gewahren wir sie; wenn sie Soldaten oder Seiltänzer sehen, wenn sie von Kriegsereignissen oder Indianerthaten erfahren, so werden sie Soldaten oder Seiltänzer oder Indianer spielen. Ähnlich verhält sich der Dilletant zu den Künsten, leider aber verwechselt er seinen Nachahmungstrieb oft mit schöpferischem Genie; er übersieht, dafs er durch Kunstwerke zur Nachahmung und nicht von der Natur unmittelbar zur Produktion aufgefordert wurde. Vorläufig geniefst er, wie er durch seine eigenen Versuche den bewunderten Werken der grofsen Meister näher rückt. Als Goethe die Kunststätten Roms durch wiederholtes Betrachten gut kennen gelernt hatte, fand er doch, wenn er sich mit Tischbein und anderen Malern verglich, ,,den Künstler beneidenswert, der durch Nachbildung und Nachahmung auf alle Weise jenen grofsen Intentionen sich mehr nähert, sie besser begreift als der blofs Beschauende und Denkende." So hatte er denn auch das Zeichnen wieder angefangen; die Künstler belehrten ihn gern, denn er fafste geschwind. Aber „es ist ganz eigen, dafs man deutlich sehen und wissen kann, was gut und besser ist; will man sich's aber zueignen, so schwindet's gleichsam unter den Händen".. Aber noch wollte er sich nicht zurückschrecken lassen. ,,Man soll nur seine Schwäche einsehen. Linien, die ich aufs Papier ziehe, oft übereilt, selten richtig, erleichtern mir jede Vorstellung von sinnlichen Dingen; denn man erhebt sich ja eher zum Allgemeinen, wenn man die Gegenstände genauer und schärfer betrachtet. Mit dem Künstler nur mufs man sich nicht vergleichen, sondern nach seiner eigenen Art verfahren . . Ein kleiner Mann ist auch ein Mann!" Leider wächst der Glaube an die eigene Begabung nur allzugut. Im Sommer 1787 freut sich Goethe, wie alle Künstler ihm helfen, sein Talent zuzustutzen und zu erweitern, und dafs er eine Fähigkeit nach der andern hinzuerwirbt,  dafs zum Malen auch schon das Modellieren hinzutritt. Aber bald kommen unserm ernsten, gegen sich selbst stets ehrlichen Goethe doch Zweifel an seiner neuen Kunst,, obwohl die Maler sagen, dafs er nur noch längeren Unterrichts und gröfserer Übung bedürfe. Er entschuldigt sein Zeichnen wieder mehr als ein Bildungsmittel, als Hilfe zum Kunsturteil. . ,, Lebhaft vordringende Geister begnügen sich nicht mit dem Genüsse, sie verlangen Kenntnis. Diese treibt sie zur Selbstthätigkeit,. und wie es ihr nun auch gelingen möge, so fühlt man zuletzt, dafs man nichts richtig beurteilt, als was man selbst hervorbringen kann. Doch hierüber kommt der Mensch nicht leicht ins Klare, und daraus entstehen gewisse falsche Bestrebungen, welche um desto ängstlicher werden, je redlicher und reiner die Absicht ist.'

Einige Monate später gesteht er sich zuerst zu, dafs er zur bildenden Kunst zu alt sei, und sodann, dafs er überhaupt nicht für diese, sondern für die Poesie geboren sei. Als er später im hohen Alter auf dies vergebliche Streben zurückblickte, freute er sich, dafs er doch im vierzigsten Jahre klug genug gewesen sei, seine Talentlosigkeit einzusehen, und er sprach aus, wie sein Mangel an Begabung sich äufserte. ,,Wenn ich etwas zeichnete, so fehlte es mir an genügsamem Trieb für das Körperliche; ich hatte eine gewisse Furcht, die Gegenstände auf mich eindringend zu machen, vielmehr war das Schwächere, das Mäfsige nach meinem Sinn. Machte ich eine Landschaft und kam ich aus den schwachen Fernen durch die Mittelgründe heran, so fürchtete ich immer, dem Vordergrund die gehörige Kraft zu geben, und so that denn mein Bild nie die rechte Wirkung. Auch machte ich keine Fortschritte, ohne mich zu üben, und ich mufste immer wieder von vorn anfangen, wenn ich eine Zeit lang ausgesetzt hatte. Ganz ohne Talent war ich jedoch nicht, besonders zu Landschaften, und Hackert sagte sehr oft: ,Wenn Sie achtzehn Monate bei mir bleiben wollen, so sollen Sie etwas machen, woran Sie und andere Freude haben'."

,,Wie aber", fragte Eckermann, ,,soll man erkennen dafs einer zur bildenden Kunst ein wahrhaftes Talent habe?"

,,Das wirkliche Talent," sagte Goethe, ,, besitzt einen angeborenen Sinn für die Gestalt, die Verhältnisse und die Farbe, so dafs es alles dieses unter weniger Anleitung sehr bald und richtig macht. Besonders hat es den Sinn für das Körperliche und den Trieb, es durch die Beleuchtung handgreiflich zu machen. Auch in den Zwischenpausen der Übung schreitet es fort und wächst im Innern. Ein solches Talent ist nicht schwer zu erkennen, am besten aber erkennt es der Meister."

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Goethe fragt und antwortet einmal: ,,Wer uns am strengsten kritisiert? Ein Dilettant, der sich resigniert." Da er an sich selber die schmerzliche Operation vorgenommen hat, den Glauben an sein Malertalent auszubrennen, so werden wir uns nicht wundern, wenn er gegen den Dilettantismus bei Andern recht streng verfährt. Er hat mit Schiller viel über das Thema gesprochen und geschrieben,' und eine längere, schematisch gebliebene Arbeit ,,Über den sogenannten Dilettantismus oder die praktische Liebhaberei in den Künsten" ist uns als Folge dieser Diskussion überliefert. Ihre Summe ist diese: ,,Beim Dilettantismus ist der Schaden immer gröfser als der Nutzen." Denn erstens: ,,Der Dillettant überspringt die Stufen, beharrt auf gewissen Stufen, die er als Ziel ansieht, und hält sich berechtigt, von da aus das Ganze zu beurteilen, hindert also seine Perfektibilität. Er setzt sich in die Notwendigkeit, nach falschen Regeln zu handeln, weil er ohne Regeln auch nicht dilettantisch wirken kann und er die echten objektiven Regeln nicht kennt. Er kommt immer mehr von der Wahrheit der Gegenstände ab und verliert sich auf subjektiven Irr- wegen. Der Dilettantismus nimmt der Kunst ihr Element und verschlechtert ihr Publikum, dem er den Ernst und den Rigorismus nimmt. Alles Vorliebnehmen zerstört die Kunst, und der Dilettantismus führt Nachsicht und Gunst ein. Er bringt diejenigen Künstler, welche dem Dilettantismus näher stehen, auf Unkosten der echten Künstler in Ansehen." Die Dilettanten suchen den Künstler zu sich herabzuziehen, sie können keinen guten. Künstler neben sich leiden, ,,Die Lust der Deutschen am Unsicheren in den Künsten kommt aus der Pfuscherei her; denn wer pfuscht, darf das Rechte nicht gelten lassen, sonst wäre er gar nichts."

Für die einzelnen Künste ergeben sich noch besondere Übelstände. In der lyrischen Poesie sind „alle Dilettanten Plagiarii. Sie entnerven und vernichten jedes Original schon in der Sprache und im Gedanken, indem sie es nachsprechen, nachäffen und ihre Leerheit damit ausflicken. So wird die Sprache nach und nach mit. zusammengeplünderten Phrasen und Formeln angefüllt, die nichts mehr sagen, und man kann ganze Bücher lesen, die schön stilisiert sind und gar nichts enthalten. Kurz, alles wahrhaft Schöne und Gute der echten Poesie wird durch den überhandnehmenden Dilettantismus profaniert, herumgeschleppt und entwürdigt." Nach zwei Jahrzehnten der Romantik sprach Goethe zu seinem vertrauten Freunde Zelter  noch härter und nun besonders über diesen besonderen ,, seichten Dilettantismus, der in Altertümelei und Vaterländerei einen falschen Grund, in Frömmelei ein schwächendes Element sucht, seine Atmosphäre, worin sich vornehme Weiber, halbkennende Gönner und unvermögende Versuchler so gerne begegnen, wo eine hohle Phrasensprache, die man sich gebildet, so häfslich klingt, ein Maximengewand, das man sich auf den kümmerlichen Leib zugeschnitten hat, so nobel kleidet, man täglich von der Auszehrung genagt, an Unsicherheit kränkelt, und um nur zu leben und fortzuwebeln, sich aufs schmählichste selbst belügen mufs . . . Dem redlich Einsichtigen bleibt es gräfslich, eine ganze Generation im Verderben zu sehen,"

,,Der Baudilettant," so heifst es in der Schrift von 1799 weiter, „verfällt leicht auf sentimentalische und allegorische Baukunst und sucht den Charakter, den er in der Schönheit nicht zu finden weifs, auf diesem Wege hineinzulegen. Baudilettantismus, ohne den schönen .Zweck erfüllen zu können, schadet gewöhnlich dem physischen Zweck der Baukunst: der Brauchbarkeit und Bequemlichkeit. Die Publizität und Wahrhaftigkeit architektonischer Werke macht das Nachteilige des Dilettantismus in diesem Fach allgemeiner und fortdauernder und perpetuiert den falschen Ge- schmack, weü hier, wie überhaupt in Künsten, das Vorhandene und überall Verbreitete wieder zum Muster dient."

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Aber Goethe gab zu, dafs auch zu Gunsten des Dilettantismus Einiges spreche. Er ist ein besserer Zeitvertreib als Tabakrauchen und Kartenspielen; in Goethes Freundeskreisen kannte man sogar gemeinsames Zeichnen als gesellige Unterhaltung, und das war durchaus nicht die einzige künstlerische Liebhaberei, die da gepflegt wurde. Der Dilettantismus steuert ferner ,.der völligen Roheit, macht gesitteter, regt einen gewissen Kunstsinn an und verbreitet ihn da, wo der Künstler nicht hinkommen würde. Er beschäftigt die produktive Kraft und kultiviert also etwas Wichtiges am Menschen". Er kann ,,das Handwerk zu einer gewissen Kunstähnlichkeit erheben, er kann unter gewissen Umständen das echte Kunsttalent anregen und entwickeln helfen." Diese Wirkung des Dilettantismus auf das Handwerk ist ungemein wichtig; denn ,,nur durch die Kunst kann das Handwerk immer an Bedeutung wachsen".  Es ist ja in erster Linie zum Nützlichen bestimmt, aber ,,es verherrlicht sich selbst, wenn es nach und nach auch das Schöne zu erfassen strebt, solches auszudrücken und darzustellen sich kräftig beweist". Und ein solches Kunsthandwerk führt ja auch wieder zur freien Kunst. Man denke z. B. an die italienische Goldschmiedekunst im 15. Jahrhundert. ,,Aus den Werkstätten der Goldschmiede gingen durch äufsere Anlässe und Aufmunterung die ersten trefflichen Meister anderer Künste hervor. Donatello, Brunalescho, Ghiberti waren sämtlich zuerst Goldschmiede." Aber gerade der Gedanke an die Juweliere erinnert uns auch an zwei Gefahren des Kunsthandwerks: dafs man nach Barbarenart die Kunst nur insofern schätze, als sie uns unmittelbar zur Zierde gereicht, und dafs alle Kunst sich wieder auf Zierat, auf dekoratives Beiwerk beziehe, während doch die Gegenstände ohne solchen überflüssigen Krimskrams schön sein sollten.

In der Zeichenkunst veranlafst uns der Dilettantismus zum Sehenlernen, zum Studium der Gesetze, wonach wir sehen, zum Erkennen der Formen, zum Unterscheidenlernen. In der Gartenkunst leitet er uns an, „ein Bild aus der Wirklichkeit zu machen", und das ist ein erster Eintritt in die Kunst. Eine reinliche und vollends schöne Umgebung, wie sie der Gartendilettant oft schafft, wirkt immer wohlthätig auf die Gesellschaft. In der Musik bewirkt der Dilettantismus eine gesellige Verbindung der Menschen, eine edlere Unterhaltung. Im Tanz schafft er ein geregeltes Gefühl der Frohheit, die Möglichkeit eines schönen Umgangs, er ermöglicht Geselligkeit in einem exaltierten Zustande.  In der lyrischen Poesie sind einige wohlthätige Folgen der düettantischen Ausübung: die Ausbildung der Sprache im Ganzen, die Ausbildung der Gefühle und ihres sprachlichen Ausdrucks, eine Idealisierung der Vorstellungen bei Gegenständen des gemeinen Lebens, eine Kultur der Einbildungskraft, eine Ausbildung des Sinnes für das Rhythmische, ein vervielfältigtes Interesse an Humanioribus im Gegensatz zu der Roheit des Unwissenden oder der pedantischen Borniertheit des blofsen Geschäftsmannes und Schulgelehrten.

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Es gab Tage, wo Goethe sich nicht so sehr als Verteidiger der wahren Kunst gegen die Überschwemmung des Pfuschertums fühlte wie damals zur Xenien-Zeit, und dann sprach er ganz freundlich zu Dilettanten und über Dilettanten. Ein solches Wort lautet : „Einem jeden wohlgesinnten Deutschen ist eine gewisse Portion poetischer Gabe zu wünschen, als das wahre Mittel, seinen Zustand, von welcher Art er auch sei, mit Wert und Anmut einigermafsen zu umkleiden."  Dazu pafst dann das Wort: ,,Die Deutschen haben so eine Art Sonntagspoesie, eine Poesie, die ganz alltägliche Gestalten mit etwas besseren Worten bekleidet, wo denn auch die Kleider die Leute machen sollen. Und soweit der Dilettantismus eine Jugendkrankheit ist, entschuldigte er ihn mit dem Tröste : „Die Zudringlichkeit junger Dilettanten mufs man mit Wohlwollen ertragen; sie werden im Alter die wahrsten Verehrer der Kunst und des Meisters. "

Zuweilen berührte Goethe auch das Verhalten des weiblichen Geschlechts zum Dilettantismus. Wo Frauen künstlerisch schafften, erschienen sie ihm in der Regel, die allerdings von einigen Ausnahmen durchbrochen wurde, als Dilettantinnen, und zwar nannte er sie in ihrer besonderen Unterart ,,Undulistinnen", weil das Undeutliche, Verschwimmende bei ihnen häufig ist. „Recht sonderbar ist es, was die Frauenzimmer durchaus in der Kunst Undulistinnen sind," schreibt er an Meyer, dem dieser goethische Ausdruck als Gegensatz zu den „Charakteristikern" geläufig war. Eine andere dilettantische Eigenschaft der Schriftstellerinnen betonte er gegen Riemer: „Die femmes auteurs fassen die Männer nur unter der Form des Liebhabers auf und stellen sie dar, daher alle Helden in weiblichen Schriften die Gartenmanns-Figur machen." Und die Verfasserin einer , Charlotte Corday' war nicht die Einzige, von der er dachte: „Sie hätte besser gethan, sich für den Winter ein warmes Unterröckchen zu stricken."

Als in Gesellschaft einmal die Rede auf die Dichterinnen kam, rückte sein Arzt, Hofrat Rehbein, das Thema in die ihm gewohnte medizinische Beleuchtung, indem er bemerkte, dafs das poetische Talent der Frauenzimmer ihm oft als eine Art von geistigem Geschlechtstriebe vorkomme. ,,Da hören Sie nur," sagte Goethe lachend, „geistigen Geschlechtstrieb! Wie der Arzt das zurechtlegt!" — „Ich weifs nicht, ob ich mich recht ausdrücke," fuhr dieser fort, „aber es ist so etwas. Gewöhnlich haben diese Wesen das Glück der Liebe nicht genossen und sie suchen nun in geistigen Richtungen Ersatz. Wären sie zu rechter Zeit verheiratet und hätten sie Kinder geboren, sie würden an poetische Produktionen nicht gedacht haben."

,,Ich will nicht untersuchen," erwiderte Goethe, „inwiefern Sie in diesem Falle recht haben; aber bei Frauenzimmertalenten anderer Art habe ich immer gefunden, dafs sie mit der Ehe aufhörten. Ich habe Mädchen gekannt, die vortrefflich zeichneten, aber sobald sie Frauen und Mütter wurden, war es aus: sie hatten mit den Kindern zu thun und nahmen keinen Griffel mehr in die Hand. „Doch unsere Dichterinnen," fuhr er sehr lebhaft fort, ,, möchten immer dichten und schreiben, so viel sie wollten, wenn nur unsere Männer nicht wie die Weiber schrieben ! Aber das ist es, was mir nicht gefällt. Man sehe doch nur unsere Zeitschriften und Taschenbücher, wie das alles so schwach ist und immer schwächer wird!" Diesen selben Gedanken, dafs der Dilettantismus einen Mangel an Männlichkeit verrate, nahm Goethe sechs Jahre später wieder auf, als er mit Eckermann Kupferstiche betrachtete. ,,Es sind wirklich gute Sachen," sagte er, ,,Sie sehen reine, hübsche Talente, die was gelernt und die sich Geschmack und Kunst in bedeutendem Grade angeeignet haben. Allein doch fehlt diesen Bildern allen etwas und zwar — das Männliche. Merken Sie Sich dieses Wort und unter- streichen Sie es. Es fehlt den Bildern eine gewisse zudringliche Kraft, die in früheren Jahrhunderten sich überall aussprach und die dem jetzigen fehlt, und zwar nicht blofs in Werken der Malerei, sondern auch in allen übrigen Künsten. Es lebt ein schwächeres Geschlecht, von dem sich nicht sagen läfst, ob es so ist durch die Zeugung oder durch eine schwächere Erziehung und Nahrung."

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Wie in ihren eigenen Arbeiten, so sind die Frauen auch in der Aufnahme fremder Kunstwerke dilettantisch, spielerisch, schwächlich. Namentlich sie bilden das dankbare Publikum der unzureichenden Talentchen. „Die jungen Herren lernen Verse machen, so wie man Düten macht," schreibt Goethe an Schiller und er fährt fort : „das Publikum, besonders das weibliche, liebt solche hohle Gefäfse, um sein bifschen Herz und Geist darein spenden zu können. "


Inhalt


Keine Kommentare: