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2019-11-29

Wilhelm Bode- Goethes Ästhetik- Die Förderung der Kunst. (Seite 1)





Die Förderung der Kunst. 

Kunst kann Niemand fördern als der Meister." Aber dieser stolzen Erklärung fügt Goethe hinzu, dafs die Mäcene freilich den Künstler fördern könnten, und das sei recht und gut.

Wenn er in seinen Studentenjahren sich selbst in die Reihen der deutschen Dichter zu stellen suchte, bemerkte er wohl, dafs der Beruf der Poeten wenig Ehre hatte. Die Zeit der ehrbaren bürgerlichen Dichtergilden war dahin. Wenn jezt ein armer Erdensohn sich zum Dichter bestimmt glaubte, so mufste er sich ,, kümmerlich ins Leben hineinschleppen und die Gabe, die er allenfalls von den Musen erhalten hatte, von dem augenblicklichen Bedürfnisse gedrängt, vergeuden. Das Gelegenheitsgedicht, die erste und echteste aller Dichtarten, ward verächtlich, und ein Poet erschien in der traurigsten Weise subordiniert, als Spafsmacher und Schmarotzer, so dafs er sowohl auf dem Theater als auf der Lebensbühne eine Figur vorstellte, der man nach Belieben mitspielen konnte." Ein Glück für die Litteratur

war es, wenn lebensgewandte Edelleute wie Hagedorn, .stattliche Bürger wie Brockes, entschiedene Gelehrte wie "Haller sich ihrer annahmen, oder wenn emsige treue Geschäftsmänner wie Uz, Rabener, Weifse nicht verschmähten, die Nation als Dichter zu unterhalten. Noch wichtiger war es, dafs ein so vornehm heiliger Charakter wie Klopstock und ein so wohlthätiger und biederer Mann wie Gleim als Dichter und Menschen weit und breit bekannt wurden. Aber immer noch blieb die äufserliche Lage des Poeten, wo er auf sich gestellt blieb, allzu niedrig. Das empfanden denn auch die Schriftsteller um 1770 und 1780 herum sehr lebhaft. ,,Sie verglichen ihren eigenen, sehr mäfsigen, wo nicht ärmlichen Zustand mit dem Reichtum der angesehenen Buchhändler; sie betrachteten, wie grofs der Ruhm eines Geliert, eines Rabener sei, und in welcher häuslichen Enge ein allgemein beliebter deutscher Schriftsteller sich behelfen müsse, wenn er sich nicht durch sonst irgend einen Erwerb das' Leben erleichterte." Aber eine gehörige Bezahlung von den Verlegern erwartete man damals nicht. ,,Die Produktion von poetischen Schriften wurde als etwas Heiliges angesehen, und man hielt es beinahe für Simonie, ein Honorar zu nehmen oder zu steigern." Auch Goethe verzettelte die vielen Gedichte, die ihm in jungen Jahren zuflössen, denn sie gegen Geld umzutauschen, erschien ihm abscheulich." Der Berliner Jude Himburg druckte eine Sammlung seiner Werke, ohne ihn zu fragen, und hielt sich noch für nobel, dem Autor etwas Berliner Porzellan anzubieten, wenn er es verlange. Goethe antwortete gar nicht darauf. Nur hier und da war ein Verleger grofsmütig und dankbar, und man wies in dieser Hinsicht auf Breitkopf hin, der seinem berühmten Autor Gottsched auf Lebenszeit eine geräumige Wohnung in seinem Hause gab. Klopstock schien endlich den rechten Weg aus der deutschen Autorennot zu finden; er bot ein neues Werk, die , Gelehrtenrepublik', auf Subskription aus; viele wohlmeinende und hochangesehene Männer erklärten sich bereit, die Vorausbezahlungen anzunehmen, die auf einen Louisdor angesetzt waren; selbst Jünglinge und Mädchen, die nicht viel aufzuwenden hatten, eröffneten ihre Sparbüchsen, um Klopstock zu ehren und an seiner würdigen Belohnung mitzuhelfen. Leider aber erwies sich die , Gelehrtenrepublik' als ein Werk, das nur für einen sehr kleinen Teil der Subskribenten lesbar war, „die Bestürzung war allgemein", und die Neigung des Publikums zu solchen Subskriptionen sehr vermindert.

So blieb der deutsche Dichter der deutsche Märtyrer. Entweder stak er zu tief in den kleinen Sorgen und Nöten des Lebens oder er war in Gefahr, geistig zu verarmen, weil seine philisterhafte Umgebung ihm allzu wenig zu geben vermochte. , Es ist ja nicht genug, dafs man Talent habe; es gehört mehr dazu, um gescheit zu werden; man mufs auch in grofsen Verhältnissen leben und Gelegenheit haben, den spielenden Figuren der Zeit in die Karten zu sehen."  Da erschien denn ein Fürstenhof als der wünschenswerteste Platz für den Poeten; sein Amt ward dort erhellt vom Glänze seines hohen Herrn, für seine irdischen Bedürftiisse ward gesorgt, und wo hätte er besser Welt und Leben kennen lernen können?

Selbst Goethe erfuhr, dafs er des Gönners bedurfte; er ward sich erst recht klar darüber, als er sich schon elf Jahre der Fürstengunst erfreut hatte. Nach Italien war er gereist, nicht nur, um alte Sehnsucht zu stillen, sondern auch, um Weimar und seinem Amte und dem Hofe zu entfliehen: er mufste einmal als freier Mensch und freier Künstler leben. Und er that es manchen glücklichen Monat hindurch. Aber dann schrieb er heim an seinen Herrn, der zugleich sein Freund war : ,Wie Sie mich bisher getragen haben, sorgen Sie ferner für mich. Sie thun mir mehr wohl, als ich selbst kann, als ich wünschen und verlangen darf Ich habe ein so grofses und schönes Stück Welt gesehen, und das Resultat ist: dafs ich nur mit Ihnen und den Ihrigen leben mag." Und Karl August, der Grofse unter den Fürsten der deutschen Kleinstaaten, gab unserm Dichter nach der Rückehr auch noch die Mufse zur poetischen und gelehrten Bethätigung, an der es früher gefehlt hatte, und gönnte ihm eine noch gröfsere Unabhängigkeit vom Hofe. Goethe war von Herzen dankbar. In dem fast ländlichen Residenzstädtchen fühlte er sich daheim, und Einladungen, in gröfseren Städten zu leben, wies er mehr als einmal ab.

,, Klein ist unter den Fürsten Germaniens freilich der meine; 
Kurz und schmal ist sein Land, mäfsig nur, was er vermag. 
Aber so wende nach innen, so wende nach aufsen die Kräfte 
Jeder; da wär's ein Fest, Deutscher mit Deutschen zu sein." 

Goethe weifs, dafs man solche Worte als Schmeichelei auffassen könnte, dennoch mufs er seinen Herzog rühmen

„Denn mir hat er gegeben, was Grofse selten gewähren, 
Neigung, Mufse, Vertrau'n, Felder und Garten und Haus. 
Niemand braucht ich zu danken als ihm, und manches bedurft ich
Der ich mich auf den Erwerb schlecht als ein Dichter verstand. 
Hat mich Europa gelobt, was hat mir Europa gegeben? 
Nichts! Ich habe wie schwer! meine Gedichte bezahlt." 

Diese letzte Zeile zeigt uns, dafs die Zeiten sich geändert haben. Goethe schrieb sie im Frühjahr 1789; sechs Jahre später bekam er von Schiller gerade für die venetianischen Epigramme, aus denen wir eben zitiert haben, ein kleines Honorar, das freilich die während des Dichtens verbrauchten Zechinen nicht völlig ersetzen könne, und Goethe antwortete belustigt, es scheine ihm nun, dafs die Dichter, die doch nach des Freundes Gedicht bei der Teilung der Erde zu kurz gekommen seien, ein seltsames Privileg bekommen hätten; dafs ihnen nämlich ihre Thorheiten bezahlt würden. Mit diesem Scherze schritt Goethe von einem Zeitalter der Geisteswirtschaft in ein neues, von der feudalen Zugehörigkeit zur Haushaltung eines Mäcens trat er jetzt über in die Zeit, wo auch der Dichter und Denker dem kapitalistischen Unternehmertum und seinen Zwischenmeistern nicht anders angehört als der Leinweber und die Mäntelnäherin auch. Der feudale Zustand wich nicht völlig, aber die neue Besoldungsart war nun da und sie ward immer wichtiger. Goethe hatte allerdings schon für den ,Werther' von Weygand in Leipzig ein Honorar erhalten, aber es war nur wenig gröfser als die Summe, die er für das Papier zum ,Götz' noch schuldig war. Allmählich stiegen dann im neunzehnten Jahrhundert seine Honorare auch zu ansehnlicher Höhe, und Goethe kämpfte hartnäckig dafür, dafs die Verleger ihm einigermafsen sein Recht gönnten, und auch dafür, dafs die deutschen Regierungen ihn vor den Nachdruckern schützten, denen er in seiner Jugend schutzlos ausgeliefert gewesen war. „Man. ist so gewohnt, die Geschenke der Musen als Himmelsgaben anzusehen, dafs man glaubt, der Dichter müsse sich gegen das Publikum verhalten wie die Götter gegen ihn."  Gegen solches Vorurteil protestierte Goethe lebhaft. „Ich komme mir selbst wunderlich vor, wenn ich das Wort Vorteil ausspreche," schreibt er an Cotta, als er nach einem Weg sucht, die Ansprüche des Schriftstellers mit denen des Verlegers zu versöhnen, und er fährt fort: „Ich habe ihn (meinen Vorteil) in meiner Jugend gar nicht, in der mittleren Zeit wenig beachtet und weifs selbst jetzt noch nicht recht, wie ich es angreifen soll. Und doch mufs ich daran denken, wenn ich nicht nach einem mühsamen und mäfsigen Leben verschuldet von der Bühne abtreten will." „Wer keinen Geist hat, glaubt nicht an Geister und somit auch nicht an geistiges Eigentum der Schriftsteller," sagte er zum Kanzler v. Müller, und seinen Kunstfreund Meyer ermahnte er, gleichfalls auf Preis zuhalten: ,, und lassen Sie Sich nicht mit jenen Menschen ein, die nur wollen, dafs der Künstler pfusche und noch dazu schlecht bezahlt werde und so an Leib und Seele verderbe." Gar mancher Künstler, der auf Erden gedarbt hat und nach seinem Tode verherrlicht wurde, schaut jetzt auf uns hernieder und mahnt uns, über seinen Nachruhm doch seines Nachfolgers, des heute lebenden Künstlers, nicht zu vergessen!

„So bitt ich, ihm bei seinem Leben, 
So lang' er selbst noch kau'n und küssen kann. 
Das Nötige zur rechten Zeit zu geben!"

Wir sind heute noch weit davon entfernt, dafs wahre Kunstwerke ihren Urhebern mit einiger Sicherheit solche Einnahmen verschaffen, wie sie zum Leben ausreichen; zu Goethes Zeit konnten die Honorare und Tantiemen, die Erlöse aus Gemälden und plastischen Werken im Ganzen doch nur als willkommener Zuschufs in Frage kommen; die wenigen Ausnahmen erschütterten diese Regel nicht. Die Künstler bedurften also reicher Gönner, und als solche kamen namentlich die Fürsten in Betracht. Dafs gerade die Herrscher der kleineren deutschen Staaten viel Schönheit und Kunst hervorgerufen haben, betonte Goethe gern. Man denke nur an die Geschichte der Gartenkunst, an die öffentlichen Parke in deutschen Städten, an das Theater. Auch Goethe wünschte ein einiges deutsches Reich, aber niemals eine Zentralisation nach französischem Muster. ,, Wodurch ist Deutschland grofs als durch eine bewundernswürdige Volkskultur, die alle Teile des Reiches gleichmäfsig durchdrungen hat?" So fragte er Eckermann im Alter und er fuhr fort : „Sind es nicht die einzelnen Fürstensitze, von denen diese Kultur ausgeht und welche ihre Träger und Pfleger sind? Gesetzt, wir hätten in Deutschland seit Jahrhunderten nur die beiden Residenzstädte Wien und Berlin oder gar nur eine, da möchte ich doch sehen, wie es um die deutsche Kultur stände. . . . Denken Sie an Städte wie Dresden, München, Stuttgart, Kassel, Braunschweig, Hannover und ähnliche; denken Sie an die grofsen Lebenselemente, die diese Städte in sich selber tragen; denken Sie an die Wirkungen, die von ihnen auf die benachbarten Provinzen ausgehen, und fragen Sie sich, ob das alles sein würde, wenn sie nicht seit langen Zeiten die Sitze von Fürsten gewesen."

Eine dieser Städte, Stuttgart, hat Goethe gerade als Kunststadt aufmerksam betrachtet, als er im September 1797 sich einige Tage dort aufhielt. Er schüderte sie seinem eigenen Fürsten, der natürlich an anderen Residenzen besonderen Anteü nahm. Herzog Karl von Württemberg, meinte Goethe, habe wohl nur zur Befriedigung seiner augenblicklichen Leidenschaften und zur Realisierung abwechselnder Phantasieen gewirkt. ,, Indem er aber auf Schein, Repräsentation, Effekt arbeitete, so bedurfte er besonders der Künstler, und indem er nur den niedern Zweck im Auge hatte, mufste er doch die höhern befördern. In früherer Zeit begünstigte er das lyrische Schauspiel und die grofsen Feste, er suchte sich die Meister zu verschaffen, um diese Erscheinungen in gröfster Vollkommenheit darzustellen. Diese Epoche ging vorbei, allein es blieb eine Anzahl von Liebhabern zurück, und zur Vollständigkeit seiner Akademie gehörte auch der Unterricht in Musik, Gesang, Schauspiel und Tanzkunst." Das alles verfällt jetzt freilich, aber „unter den Partikuliers hat sich viel Liebe zur Musik erhalten, und es ist manche Familie, die sich im Stillen mit Klavier und Gesang sehr gut unterhält. Alle sprechen mit Entzücken von jenen brillanten Zeiten, in denen sich ihr Geschmack zuerst gebildet . . .

„Bildhauer und Maler schickte der Herzog, wenn sie gewissermafsen vorbereitet waren, nach Paris und Rom.. Es haben sich vorzügliche Männer gebildet, die zum Teil hier sind, zum Teil sich noch auswärts befinden. Auch unter Liebhaber hat sich die Lust des Zeichnens,. Malens und Bossierens verbreitet; mehr oder weniger bedeutende Sammlungen von Gemälden und Kupferstichen sind entstanden, die ihren Besitzern eine angenehme Unterhaltung, eine geistreiche Kommunikation mit andern Freunden gewähren . . . Das Kupferstechen steht wirklich hier auf einem hohen Punkte . . . Übersieht man nun mit einem Blicke alle diese erwähnten Zweige der Kunst und andere, die sich noch weiter verbreiten, so überzeugt man sich leicht, dafs nur bei einer so langen Regierung durch eine eigene Richtung eines Fürsten diese Ernte gepflanzt und ausgesäet werden konnte. Ja, man kann wohl sagen: dafs die spätem und bessern Früchte jetzt erst zu reifen anfangen."

Als manches Jahr später die Rede auf die einzelnen deutschen Landschaften und ihr Verhalten zur Kunst kam, meinte Goethe, von Bayern sei viel weniger zu erwarten als von den lebhaften Rheinlanden. „Aber," setzte er hinzu: „viel kann ein Fürst mit energischem Wollen erreichen," und wir Heutigen wissen, wie Grofses gerade die bayerischen Herrscher im Gegensatz zu den Bürgern für die Kunst gethan haben.

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Aber es ist eine schwierige Frage, wie man die Künstler am besten unterstützt. Eckermann, der zum Lehrer des nachmaligen Grofsherzogs Karl Alexander ernannt war und daher dessen Mutter, der Grofsfürstin und Grofsherzogin Maria Paulowna nahestand, kam zu Goethe etwa ein Jahr vor dessen Tode mit einem Auftrage seiner Herrin. Sie hatte nämlich die Absicht den besten deutschen Schriftsteller, insofern er ohne Amt und Vermögen wäre und blofs von den Früchten seines Talents leben müfste, nach Weimar berufen zu lassen und ihm hier eine sorgenfreie Lage zu bereiten, dergestalt, dafs er die gehörige Mufse fände, jedes seiner Werke zu möglichster Vollendung heranreifen zulassen, und nicht in den traurigen Fall käme, aus Not flüchtig und übereilt zu arbeiten, zum Nachteü seines eigenen Talents und der Litteratur.

,,Die Intention der Frau Grofsherzogin," erwiderte Goethe, ,,ist wahrhaft fürstlich, und ich beuge mich vor ihrer edeln Gesinnung; allein es wird sehr schwer halten, irgend eine passende Wahl zu treffen. Die vorzüglichsten unserer jetzigen Talente sind bereits durch Anstellung im Staatsdienst, Pensionen oder eigenes Vermögen in einer sorgenfreien Lage. Auch pafst nicht jeder hierher, und nicht jedem wäre wirklich damit

geholfen. Ich werde indefs die edle Absicht im Auge behalten und sehen, was die nächsten Jahre uns etwa Gutes bringen."

Zweifellos war auch damals Goethe noch der Ansicht :

,,Ein Feldherr ohne Heer scheint mir ein Fürst, 
Der die Talente nicht um sich versammelt."

Und er war auch nicht der Meinung, dafs der Stolz dieser Talente unter den Wohlthaten der Fürsten leiden müsse. Sie geben ja Besseres, als sie empfangen.

,, Erlauchte Bettler hab' ich gekannt, 
Künstler und Philosophen genannt ; 
Doch wüfst' ich niemand, ungeprahlt, 
Der seine Zeche besser bezahlt."

 Wie man den bildenden Künstlern am besten bei- stehen könne, hat er ausgesprochen, als er auf eine gröfsere Reise nach dem westlichen Deutschland zurückblickte. Er sah in den dortigen wohlhabenden Städten oft mit freudiger Überraschung, wie viel Schönes doch auch der Bürgersinn mit Verständnis und Opferwilligkeit gesammelt und gefördert hatte. Man erwartete nun Ratschläge von ihm, wie diese Anfänge der Pflege bildender Kunst fortzuführen seien, und da sprach er sich sowohl für Köln wie für Frankfurt gegen schulmäfsige Kunstakademieen aus. Er meinte, eine „republikanische" Form der Kunstfürsorge sei praktischer und im Wesen der Künstler besser begründet. Die Künstler und ihre Schüler haben ein starkes Bedürfnis, eigene Wege zu gehen; hier Direktion und Subordination zu verlangen, sei weder nötig, noch rätlich. Man solle die freiesten, lockersten Formen des Unterrichts und der Kunstpflege wählen. „Man würde also nach Frankfurt vorzügliche Männer wo nicht gerade berufen, doch ihnen leicht machen, an solchem Orte zu leben; man setzte sie in die Lage, ein schickliches Quartier mieten zu können, und verschaffte ihnen sonst einige Vorteile. Die Oberaufsicht städtischer Kunstanstalten gäbe nun solchen Meistern ein vielversprechendes Talent in die Lehre und zahlte dagegen ein billiges Honorar. Ja, der junge Mann dürfte seinen Lehrer selbst wählen, je nachdem er zu einer Kunstart oder zu einer Person Neigung und Zutrauen hätte. Wohlhabende Eltern zahlten für ihre Kinder, wohlwollende Liebhaber für Günstlinge, von denen sie etwas hofften . . . Dafs diejenigen, denen eine solche Übersicht obliegt, auch durchaus dafür sorgen werden, dafs den Meistern alles, was sie selbst nicht beschaffen können, an Modellen, Gliedermännern und sonst genugsam gereicht werde, darf man kaum erwähnen." . . . Goethe fährt nachher fort: ,, Wir haben kein Geheimnis daraus gemacht, dafs wir alles, was einer Pfründe ähnlich sieht, bei unsern Kunstanstalten nicht lieben; dagegen wäre unser Vorschlag dieser: Bei einem geschickten Künstler, der nicht gerade Bestellungen hat oder aufs Geratewohl arbeiten kann, bestelle man von selten der Vorsteher gewissenhaft gearbeitete Bilder; man bezahle sie ihm nach Billigkeit und überlasse sie alsdann Liebhabern um einen geringen Preis. Der Verlust, der hieraus entspringt, wird eine gröfsere Wohlthat für den Künstler, als wenn man ihm eine Pension ohne Bedingungen gäbe. Hat er wirklich Verdienst und wird derselbe den Liebhabern allgemein bekannt, so werden sich die Bestellungen häufen, und er kann alsdann mit einiger Klugheit immer wieder auf seinen Preisen bestehen. Eine genugsam ausgestattete Kasse könnte auf dieses Kapital eine gewisse Summe festsetzen, und die Vorsteher derselben könnten sich recht gut durch öffentliche Ausstellungen und Ausgebot solcher Arbeiten, vielleicht gar durch Auktion, vor allem Vorwurfe der Parteilichkeit sichern."

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Als Kunstwerke, die im öffentlichen Auftrage reichlich geschaffen werden sollten, hatte Goethe namentlich Denkmäler im Sinne, aber er verstand freilich darunter etwas Anderes, als wir Heutigen staunend haben entstehen sehen. Wir müssen uns erinnern, dafs Goethe nicht mit der Photographie rechnete, und dafs man zu seiner Zeit das Äufsere eines bemerkenswerten Menschen nur durch das Porträt des Malers oder die Büste des Bildhauers festhalten konnte. Auch dürfen wir nicht vergessen, dafs Goethe mit sehr geringen Mitteln für seine Denkmäler rechnen mufste, denn nur ein reicher Fürst konnte damals an gröfsere Statuen denken. Solchen Zeitverhältnissen gemäfs war Goethe für sehr viele, aber auch sehr bescheidene Denkmäler. Der Anbringung von Porträts in öffentlichen Zimmern und Hallen stand er ohne Neigung gegenüber, „weil sehr viel dazu gehört, wenn ein gemaltes Porträt verdienen soll, öffentlich aufgestellt zu werden." Und auch gegen die architektonischen Monumente erklärte er sich, die zu seiner Zeit in Anlehnung an die Garten- und Landschaftsliebhaberei Mode geworden waren. Da sah man „abgestumpfte Säulen, Schriften über Kunst, , Denkmale' und , Vorschläge, Vasen, Altäre, Obelisken, und was dergleichen bildlose .allgemeine Formen sind, die jeder Liebhaber erfinden und jeder Steinmetz ausführen kann."

Nur für zwei Arten von Monumenten wollte Goethe seine. Stimme geben. „Eine gute Büste in Marmor ist mehr wert als alles Architektonische, was man jemand zu Ehren und Andenken aufstellen kann; ferner ist eine Medaille, von einem gründlichen Künstler nach einer Büste oder nach dem Leben gearbeitet, ein schönes Denkmal, das mehrere Freunde besitzen können und das auf die späteste Nachwelt übergeht" . . . „Was hat uns nicht das fünfzehnte, sechzehnte und siebzehnte Jahrhundert für köstliche Denkmale dieser Art überliefert und wie manches Schätzenswerte auch das achtzehnte!" Als einen besonderen Vorteil dieser beiden Arten schätzte Goethe auch, dafs sie transportabel seien, dafs man sie in Wohnungen so gut wie im Freien aufstellen oder anbringen könne, während die architektonischen Monumente ,,an den Grund und Boden gefesselt sind, vom Wetter, vom Mutwillen, vom neuen Besitzer zerstört und, solange sie stehen, durch das An und Einkritzeln der Namen geschändet werden." Die Statuen von Regenten und Militärpersonen haben freilich unter freiem Himmel, auf öffentlichen Plätzen ihren natürlichen Stand. Die Büsten der Minister gehören in die Ratssäle, andere verdiente Staatsbeamte sollten uns in den Sessionsstuben begrüfsen; die Gelehrten sind in Bibliotheken an ihrer Stelle. Die Stadträte, selbst kleiner Städte, sollten verdiente Personen aus ihrer eigenen Mitte oder Eingeborene, die sich auswärts berühmt gemacht haben, im besten Zimmer ihres Stadthauses aufstellen. Die verschiedensten Kollegien wären „ihren.

Präsidenten, nach einer gewissen Epoche der geführten Verwaltung, ein gleiches Kompliment schuldig. ,,An gröfseren Orten, sowie selbst an kleinern, giebt es Klubs, die ihren bedeutenden Mitgliedern, besonders wenn sie ein gewisses Alter erreicht hätten, diese Ehre zu erzeigen schuldig wären." ,,Eine gute Gipsbüste ist jede Familie schon schuldig, von ihrem Stifter oder einem bedeutenden Mann in derselben zu haben. Selbst in Thon ist der Aufwand nicht grofs, und sie hätte dann eine ewige Dauer." Wenn nun in den gröfseren Orten, wo die Bildhauer wohnen, Gipsabgüsse von allen solchen Aufträgen zusammengestellt würden, so entständen unschätzbare Sammlungen.

Nimmt man den Malern die Porträts, so sind sie durch andere Aufgaben desto reichlicher zu entschädigen. Man müfste sie jedoch nicht etwa mit verderblichen Allegorieen oder mit trockenen historischen oder schwachen sentimentalen Gegenständen plagen, sondern solche Gemälde von ihnen erwerben, die für die Kunst bedeutsam und für die Künstler schicklich sind. ,, Niemand müfste sich wundern, Venus und Adonis in einer Regierungs-Sessionsstube oder irgend einen homerischen Gegenstand in einer Kammersession anzutreffen." ,,In gröfseren Städten würden sich solche Gemälde an das übrige Merkwürdige schliefsen, kleine Orte macht es bedeutend." Wie oft könnte nicht ein wohlhabend Gewordener, der aus einem kleinen Orte hervorgegangen, seine Anhänglichkeit an die Heimat durch Schenkung solcher Gemälde beweisen! Die ,, Freude, dorthin aus der Ferne als ein gebildeter Mann zu wirken", ist ja reichlicher Lohn.

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Die Denkmünze ist vorhin noch nicht ganz zu der Geltung gekommen, die sie in Goethes Augen hatte. Im Jahre 1803 sammelten mehrere Mannheimer Herren Geld, um Carl von Dalberg eine Ehre zu bereiten, und sie baten Goethe um seinen Rat für die beste Verwendung. Er antwortete : ,,Von allen Denkmalen, die einem bedeutenden Manne gesetzt werden können, hat freilich das plastisch-ikonische den Vorzug; allein welch ein Aufwand, welch eine Zeit, welch eine Gelegenheit wird hierzu nicht vorausgesetzt! Nur der, dem die Ausübung der Majestätsrechte zusteht, darf an ein solches Unternehmen denken." Er spricht sich dann wieder gegen die plastisch-architektonischen oder auch rein architektonischen Schöpfungen aus und empfiehlt in diesem Falle, in Rom eine Medaille herstellen zu lassen und Seiner Kurfürstlichen Gnaden wenigstens eine goldene, eine schickliche Anzahl silberner und eine gröfsere Zahl kupferner zu übergeben, während; der übrige Vorrat an Liebhaber verkauft würde. ,,Eine Medaille hat durch ihre mögliche Verbreitung, durch ihre Dauer, durch Überlieferung der Persönlichkeit in einem kleinen Raum, durch Dokumentierung allgemein anerkannter Verdienste, durch Kunst- und Metallwert soviel Vorzügliches, dafs man, besonders in unseren Zeiten, Ursache hat, sie allen anderen Monumenten vorzuziehen."

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Goethe hatte für Münzen und Medaillen auch deshalb eine grofse Liebe, weil sie es dem Kunstfreunde gestatten, sich, indem er sie sammelt, ein Museum zu schaffen worin er die Entwickelung der plastischen Kunst, wie die allgemeine Welt- und Kulturgeschichte immer wieder bequem vor Augen haben kann. Goethe hat das für sich selbst gethan. Im April 1787 besuchte er in Palermo das Medaillenkabinett des Prinzen Torremuzza nur ungern, da er von diesem Fache nichts verstand. Er erstaunte dort über den ungeahnten Reichtum.

„Welch ein Gewinn, wenn man auch nur vorläufig übersieht, wie die alte Welt mit Städten übersät war, deren kleinste, wo nicht eine ganze Reihe der Kunstgeschichte, wenigstens doch einige Epochen derselben uns in köstlichen Münzen hinterliefs ! Aus diesen Schubkasten lacht uns ein unendlicher Frühling von Blüten und Früchten der Kunst, eines in höherem Sinne geführten Lebensgewerbes und was nicht alles noch mehr hervor. Der Glanz der sizilischen Städte, jetzt verdunkelt, glänzt aus diesen geformten Metallen wieder frisch entgegen."

Es dauerte nicht lange, so konnte auch Goethe auf seine Münzensammlung stolz sein, und sie war nur eine von den vielen Sammlungen, die sein Wohnhaus zu einem Museum werden liefsen. Wie wertvoll solche Sammlungen für die Bildung nachfolgender Künstler sind, braucht nicht gesagt zu werden. Man kann die Geschichte der deutschen Malerei und der deutschen Baukunst nicht schreiben, ohne der Brüder Boisseree zu gedenken, die die niederrheinischen Maler des 14., 15. und 16. Jahrhunderts der Vergessenheit entrissen und die Herrlichkeiten des gotischen Baustils, besonders diejenigen des unvollendeten Kölner Domes, ihre Zeitgenossen wieder sehen lehrten. Goethen kam, wenn er dieses Brüderpaares dachte, zuweilen jener Jüngling in den Sinn, der am Strande einen Ruderpflock fand und daran solch Wohlgefallen hatte, dafs er sich zuerst ein Ruder, dann einen Kahn, dann Mast und Segel anschaffte und schliefslich ein reicher und glücklicher Kauffahrer wurde. Diese beiden Boisserees waren in Köln junge Kaufleute gewesen, sie hatten eine ungewöhnlich gute Ausbildung genossen, waren aber von der Kunst anfangs eben so weit entfernt wie die anderen Jünglinge ihres Berufs. Zufällig hatten sie einmal Gelegenheit, eines der auf den Trödel gesprengten alten Kirchenbilder um einen lächerlich geringen Preis zu erwerben; dadurch bekamen sie Appetit auf mehrere; vom Besitz kamen sie auf Wiederherstellung schadhaft gewordener Brüder, von der Neigung zum Studium; sie scheuten bald kostspielige Reisen nicht und wandten schliefslich ihre ganze Zeit auf ihre Sammlungen. Die Anerkennung der besten Zeitgenossen und äufsere Ehrungen blieben ihnen nicht versagt, namentlich aber hatten sie den Vorteil, von dem Goethe einmal spricht, wo er von seiner Münzensammlung redet: ,, Gerade diese rein unschuldigen Neigungen und Liebhabereien sind das wahrhafte Öl für den Lebensdocht. "



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