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2019-11-25

Wilhelm Bode- Goethes Ästhetik- Göttin Wahrheit. (Seite 1)



Göttin Wahrheit


Wenn wir die Erklärungen lesen, in denen Goethe die  Kluft zwischen Wirklichkeit und Kunst aufdeckt und wo er die Künstler vor dem Ansinnen verwahrt, das Wirkliche wiederzugeben, da kommt uns vielleicht das wunderbare Gedicht in den Sinn, das er allen seinen Werken als Prolog vorangestellt hat. Er ist am frühen Morgen den Berg hinauf gestiegen; weifslicher Nebel huscht in wechselnden Gestalten um ihn herum;

„Auf einmal schien die Sonne durchzudringen, 
Im Nebel liefs sich eine Klarheit sehn." 

Und wirklich bricht ein Glanz mächtig durch die Trübe, seine Augen fast blendend, aber nicht die Sonne ist es, sondern ein Niegeschautes:

,,Da schwebte, mit den Wolken hergetragen, 
Ein göttlich Weib vor meinen Augen hin, 
Kein schöner Bild sah ich in meinem Leben; 
Sie sah mich an und blieb verweilend schweben." 

Und wer ist die Göttliche, die nun mit ihm Zwiesprache hält? Seine beste Freundin, seine treueste Trösterin, seine freigebigste Glückspenderin: die Muse. Und der Name seiner Muse? Die Wahrheit!

,,So sagte sie, ich hör' sie ewig sprechen: 
Empfange hier, was ich dir lang bestimmt ! 
Dem Glücklichen kann es an nichts gebrechen, 
Der dies Geschenk mit stiller Seele nimmt: 
Aus Morgenduft gewebt und Sonnenklarheit, 
Der Dichtung Schleier aus der Hand der Wahrheit." 

Solche Bekenntnisse zur Wahrheit hat Goethe oft ausgesprochen. ,,Das Erste und Letzte, was vom Künstler gefordert wird, ist Wahrheitsliebe." „Wer gegen sich selbst und andere wahr ist und bleibt, besitzt die schönste Eigenschaft der grofsen Talente." Und im ,Künstlerlied' feiert er die Wahrheit geradezu als Seele aller Kunst.

,,Wie Natur im Vielgebilde 
Einen Gott nur offenbart, 
So im weiten Kunstgefilde 
Webt ein Sinn der ew'gen Art: 
Dieses ist der Sinn der Wahrheit, 
Der sich nur mit Schönem schmückt 
Und getrost der höchsten Klarheit 
Hellsten Tags entgegen blickt." 

Eine Sünde gegen die Wahrheit ist zugleich eine Sünde gegen die Kunst.

,,Habt ihr gelogen in Wort und Schrift, 
Andern ist es und euch ein Gift."

Goethe, der Gegner der Wirklichkeit, ist zugleich ein Priester der Wahrheit.

Er unterscheidet also zwischen Wahrheit und Wirklichkeit, er verlangt für die Kunst eine besondere Art der Wahrheit. ,,Das Kunstwahre ist vom Naturwahren völlig verschieden," lehrt er denn auch, und weiter : „Der echte gesetzgebende Künstler strebt nach Kunstwahrheit, der gesetzlose, der einem blinden Triebe folgt, nach Naturwirklichkeit; durch jenen wird die Kunst zum höchsten Gipfel, durch diesen auf die niedrigste Stufe gebracht. " Sogar der Oper, deren Autoren sich doch um Wirklichkeit und Wahrscheinlichkeit sehr wenig Gedanken machen, schreibt er Wahrheit zu,'' eben die Kunstwahrheit.

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Wenn wir forschen, was Goethe unter Kunstwahrheit versteht, so liegt der Gedanke nahe, dafs er nur diejenigen Abweichungen von der Wirklichkeit rechtfertigen werde, die der Künstler aus künstlerischen Beweggründen heraus vornimmt. Bietet ein Pfuscher uns Unwirkliches aus Unwissenheit oder Unvermögen oder Unaufmerksamkeit, so ist das kein Künstlerrecht mehr, sondern Unfug. Goethe empfand solche unüberlegten Verstöfse gegen die Realität, wie sie sich auch bei den Meistern zuweilen finden, immer schmerzlich. „Bei Walter Scott," sagte er einmal, ,,ist es eigen, dafs sein grofses Verdienst in Darstellung des Detail ihn oft zu Fehlern verleitet. So kommt im ,Ivanhoe' eine Scene vor, wo man nachts in der Halle eines Schlosses zu Tische sitzt und ein Fremder hereintritt. Nun ist es zwar recht, dafs er den Fremden von oben herab beschrieben hat, wie er aussieht und wie er gekleidet ist, allein es ist ein Fehler, dafs er auch seine Füfse, seine Schuhe und Strümpfe beschreibt. Wenn man abends am Tische sitzt und jemand hereintritt, so sieht man nur seinen obern Körper. Beschreibe ich aber die Füfse, so tritt sogleich das Licht des Tages herein, und die Scene verliert ihren nächtlichen Charakter."

Den gleichen aufmerksamen Realismus, den er hier vermifste, verlangte er von den Malern, wenn er ihnen riet, nie einen Gegenstand allein zu malen, sondern stets seine nächste Nachbarschaft hinzuzufügen, sofern diese auf seine Entstehung oder Form oder Erscheinung Einflufs hatte.  Denn erstens gewinnen wir nur dadurch die Schönheit sicher auf die Leinwand, die uns in der Natur entzückte, während vielleicht die Eiche, die dort malerisch war, ohne Hintergrund und Nachbarschaft ihren Zauber verliert. ,,Und dann noch dieses. Es ist in der Natur nichts schön, was nicht naturgesetzlich als wahr motiviert wäre. Damit aber jene Naturwahrheit auch im Bilde wahr erscheine, so mufs sie durch Hinstellung der einwirkenden Dinge begründet werden. Ich treffe an einem Bache wohlgeformte Steine, deren der Luft ausgesetzte Stellen mit grünem Moos malerisch überzogen sind. Es ist aber nicht die Feuchtigkeit des Wassers allein, was diese Moosbildung verursachte, sondern es ist etwa ein nördlicher Abhang oder schattende Bäume und Gebüsch, was an dieser Stelle des Baches auf jene Bildung einwirkte. Lasse ich aber diese einwirkenden Ursachen in meinem Bude hinweg, so wird es ohne Wahrheit sein und ohne die eigentliche überzeugende Kraft.

,,So hat der Stand eines Baumes, die Art des Bodens unter ihm, andere Bäume hinter und neben ihm, einen grofsen Einflufs auf seine Bildung. Eine Eiche, die auf der windigen westlichen Spitze eines felsigen Hügels steht, wird eine ganz andere Form er- langen als eine andere, die unten im weichen Boden eines geschützten Thales grünt. Beide können in ihrer Art schön sein, aber sie werden einen sehr verschiedenen Charakter haben und können daher in einer künstlerisch erfundenen Landschaft wiederum nur für einen solchen Stand gebraucht werden, wie sie ihn in der Natur hatten. Und deshalb ist dem Künstler die mitgezeichnete Umgebung, wodurch der jedesmalige Stand ausgedrückt worden, von grofser Bedeutung."

So wird der Landschaftsmaler ein wenig Naturforscher sein müssen, ehe er in seiner Kunst vollkommen wird.

,, Ein Landschaftsmaler mufs viele Kenntnisse haben.''  Es ist nicht genug, dafs er Perspektive, Architektur und die Anatomie des Menschen und der Tiere verstehe, sondern er mufs sogar auch einige Einsichten in die Botanik und Mineralogie besitzen : erstere, damit er das Charakteristische der Bäume und Pflanzen, und letztere, damit er den Charakter der verschiedenen Gebirgsarten gehörig auszudrücken verstehe. Doch ist deshalb nicht nötig, dafs er ein Mineralog vom Fache sei, indem er es vorzüglich nur mit Kalk-, Thonschiefer- und Sandsteingebirgen zu thun hat und er nur zu wissen braucht, in welchen Formen es liegt, wie es sich bei der Verwitterung spaltet, und welche Baumarten darauf gedeihen oder verkrüppeln."

Auch dem Darsteller von Menschen und Tieren kann einiges Studium der Anatomie nicht erspart werden. „Die menschliche Gestalt kann nicht blofs durch das Beschauen ihrer Oberfläche begriffen werden, man mufs ihr Inneres entblöfsen, ihre Teile sondern, die Verbindungen derselben bemerken, die Verschiedenheiten kennen, sich von Wirkung und Gegenwirkung unterrichten, das Verborgene, Ruhende, das Fundament der Erscheinung sich einprägen, wenn man dasjenige wirklich schauen und nachahmen will, was sich als ein schönes ungetrenntes Ganze in lebendigen Wellen vor unseren Augen bewegt. Der Blick auf die Oberfläche eines lebendigen Wesens verwirrt den Beobachter, und man darf wohl hier, wie in anderen Fällen, den wahren Spruch anbringen : Was man weifs, sieht man erst. Denn wie derjenige, der ein kurzes Gesicht hat, einen Gegenstand besser sieht, von dem er sich wieder entfernt, als einen, dem er sich erst nähert, weil ihm das geistige Gesicht nunmehr zur Hilfe kommt, so liegt eigentlich in der Kenntnis die Vollendung des Anschauens."

Der Künstler braucht freilich nicht erst ein Gelehrter zu werden, ehe er zu produzieren anfängt, zu vieles Wissen könnte ihm sogar gefährlich werden. ,,Das Unzulängliche ist produktiv," bemerkte Goethe einmal zu Riemer ,,ich schrieb meine ,Iphigenie' aus einem Studium der griechischen Sachen, das aber unzulänglich war. Wenn es erschöpfend gewesen wäre, so wäre das Stück ungeschrieben geblieben." Aber soviel studieren mufs der Dichter, dafs er das Charakteristische und Bedeutende seiner Gegenstände verstehen lernt und nicht aus Unkenntnis Fehler begeht, die der Kenner schmerzlich empfindet.

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Doch allein durch solche Vermeidung von Irrtümern entsteht noch nicht die Wahrheit die wir vom Künstler erwarten. Näher kommen wir ihr, wenn wir sie der Sachlichkeit oder Objektivität gleichsetzen. Sachlichkeit war Goethes ständiges Bestreben bei aller Bethätigung, sie war ihm namentlich auch das erste Gebot seines künstlerischen Gewissens. Er empfand sie nicht blofs als Gesetz, sondern zugleich als etwas Befreiendes, Be- glückendes und Segensreiches. Als er zehn Tage in Rom war, schrieb er an die Freundin in Weimar: ,,Ich lebe nun hier mit einer Klarheit und Ruhe, von der ich lange kein Gefühl hatte. Meine Übung, alle Dinge, wie sie sind, zu sehen und abzulesen, meine Treue, das Auge licht sein zu lassen, meine völlige Entäufserung von aller Prätention kommen mir einmal wieder recht zu statten und machen mich im stillen höchst glücklich. Alle Tage ein neuer merkwürdiger Gegenstand, täglich frische, grofse, seltsame Bilder — — — Wer sich mit Ernst hier umsieht und Augen hat zu sehen, mufs solid werden, er mufs einen Begriff von Solidität fassen, der ihm nie so lebendig ward. Der Geist wird zur Tüchtigkeit gestempelt, gelangt zu einem Ernst ohne Trockenheit, zu einem gesetzten Wesen mit Freude. Mir wenigstens ist es, als wenn ich die Dinge dieser Welt nie so richtig geschätzt hätte als hier. Ich freue mich der gesegneten Folgen auf mein ganzes Leben."

Als solche gesegneten Folgen kennen wir den ,Egmont', den ,Tasso', die Iphigenie'. Aber auch alle späteren Werke zeugen von der gleichen künstlerischen Wahrhaftigkeit. Jemand wollte wissen, ob die ,Wahlverwandtschaften' wahr seien, und meinte damit, ob sie Abbilder wirklicher Erlebnisse seien. „Der blofsen Neugierde soll man nicht Rede stehen," antwortete Goethe, i) und: „Jede Dichtung, die nicht übertreibt, ist wahr, und alles, was einen dauernden, tiefen Eindruck macht, ist nicht übertrieben."

Goethe wufste wohl, dafs ihn gerade seine Sachlichkeit von geringeren Dichtern unterschied. Vor Sterne und seiner .sentimentalen Reise' hatte er grofsen Respekt, aber das Heer seiner Nachahmer, die nun ihre Reisebeschreibungen fast durchgängig mit ihren Gefühlen und Ansichten füllten, imponierte ihm gar nicht. ,,Ich dagegen hatte die Maxime ergriffen, mich soviel als möglich zu verleugnen und das Objekt so rein, als nur zu thun wäre, in mich aufzunehmen," erklärt er, wo er in seinen Annalen von 1798 seine Beschreibung des römischen Karnevals erwähnt. Als Schiller nach einem langen kalten Verhältnis freundschaftlich gegen Goethe zu empfinden anfing und ihm etwas Ehrendes zu sagen das Bedürfnis hatte, konnte gerade er nichts Besseres schreiben als die Zeilen: ,,Ihr beobachtender Blick, der so still und rein auf den Dingen ruht, setzt Sie nie in Gefahr, auf den Abweg zu geraten, in den sowohl die Spekulation als die willkürliche und blofs sich selbst gehorchende Einbildungskraft sich so leicht verirrt."  Und Goethe selbst schrieb den Wert seiner Dichtungen in erster Linie seinem unbefangenen Aufnehmen der Eindrücke zu. ,,Es ist wahr, ich habe in meinem langen Leben mancherlei gethan und zustande gebracht, dessen ich mich allenfalls rühmen könnte," sagte er in seiner stolzbescheidenen Art kurz vor seinem Tode.  „Was hatte ich aber, wenn wir ehrlich sein wollen, das eigentlich mein war, als die Fähigkeit und Neigung, zu sehen und zu hören, zu unterscheiden und zu wählen und das Gesehene und Gehörte mit einigem Geist zu beleben und mit einiger Geschicklichkeit wiederzugeben? Ich verdanke meine Werke keineswegs meiner eigenen Weisheit allein, sondern Tausenden von Dingen und Personen aufser mir, die mir dazu das Material boten. Es kamen Narren und Weise, helle Köpfe und bornierte, Kindheit und Jugend wie das reife Alter: alle sagten mir, wie es ihnen zu Sinne sei, was sie dachten, wie sie lebten und wirkten und welche Erfahrungen sie sich gesammelt, und ich hatte weiter nichts zu thun, als zuzugreifen und das zu ernten, was andere für mich gesäet hatten.

Der „beobachtende Blick, der so still und rein auf den Dingen ruht," hat eine magische Kraft. Er dringt durch die Oberflächen, er durchleuchtet die Gegenstände. Hätte Goethe in unseren Tagen gelebt, so würde er die Röntgen-Strahlen wie ein Symbol des genialen Künstlerblicks empfunden haben. Der Künstler sieht in die Herzen der Dinge, er sieht alle die treibenden Kräfte des irdischen Geschehens, und da er sie als sinnlich wahrnehmbar darstellen mufs, so weifs er uns von Göttern, Göttinnen, Geistern, Engeln, Teufeln, Gespenstern, Nixen, Feen und Kobolden zu berichten. Und so spricht er gerade da Wahrheiten aus, wo er dem Philister als träumender Fabulant erscheint. Kurzsichtigkeit — auf die Augen des Geistes angewendet — ist Philistereigenschaft; der Künstler mufs wie jeder andere geniale Mensch in die Ferne, in die Tiefe, in die Höhe seine Blicke weit senden können. Er ist wie der Türmer Lynkeus ,,zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt" und erkennt wie dieser in allen Dingen ,,die ewige Zier". Goethe hat uns diesen echten, genialen Künstler, der sich von der niedrigen Realität zu jenen Höhen er- hoben hat, wo ihm die Wahrheit erscheint, geschildert, wo er von Shakespeare spricht:^) ,, Nennen wir nun Shakespeare einen der gröfsten Dichter, so gestehen wir zugleich, dafs nicht leicht jemand die Welt so ge- wahrte wie er, dafs nicht leicht jemand, der sein inneres Anschauen aussprach, den Leser in höherem Grade mit in das Bewufstsein der Welt versetzt. Sie wird für uns völlig durchsichtig : wir finden uns auf einmal als Vertraute der Tugend und des Lasters, der Gröfse, der Kleinheit, des Adels, der Verworfenheit."

,,Er läfst geschehen, was sich leicht imaginieren läfst, ja was besser imaginiert als gesehen wird. Hamlets Geist, Macbeths Hexen, manche Grausamkeiten erhalten ihren Wert durch die Einbildungskraft, und die vielfältigen kleinen Zwischenscenen sind blofs auf sie berechnet .... Alles was bei einer grofsen Weltbegebenheit heimlich durch die Lüfte säuselt, was in Momenten ungeheuerer Ereignisse sich in dem Herzen der Menschen verbirgt, wird ausgesprochen; was ein Gemüt ängstlich verschliefst und versteckt, wird hier frei und flüssig an den Tag gefördert; wir erfahren die Wahrheit des Lebens und wissen nicht wie. Shakespeare gesellt sich zum Weltgeist: er durchdringt die Welt wie jener; beiden ist nichts verborgen : aber wenn des Weltgeists Geschäft ist, Geheimnisse vor, ja oft nach der That zu bewahren, so ist es der Sinn des Dichters, das Geheimnis zu verschwatzen und uns vor oder doch gewifs in der That zu Vertrauten zu machen. Der lasterhaft Mächtige, der wohl- denkende Beschränkte, der leidenschaftlich Hingerissene, der ruhig Betrachtende : alle tragen ihr Herz in der Hand, oft gegen alle Wahrscheinlichkeit; jedermann ist redsam und redselig. Genug, das Geheimnis mufs heraus, und sollten es die Steine verkünden. Selbst das Unbelebte drängt sich hinzu; alles Untergeordnete spricht mit, die Elemente, Himmel-, Erd- und Meerphänomene, Donner und Blitz; wilde Tiere erheben ihre Stimme, oft scheinbar als Gleichnis, aber ein wie das andere Mal mithandelnd."

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In dem römischen Briefe an Frau v. Stein lasen wir vorhin auch die Stelle: ,,Wer sich mit Ernst hier umsieht und Augen hat zu sehen, mufs solid werden, er mufs einen Begriff von Solidität fassen, der ihm nie so lebendig ward." Solidität bedeutet hier wieder eine Art Wahrheit; Goethe fühlte sie in sich wachsen durch das ruhige Beobachten der antiken Bilder um ihn herum. Die Künstler der alten Welt hatten diese Solidität. Sie zauberten ihren Landsleuten nichts Unwahres vor, versteckten nicht schwächlichen Schund hinter allerlei Dekoration, suchten nicht über das Material oder den Zweck ihrer Gegenstände zu täuschen, sondern suchten beständig die Schönheit der Redlichkeit.

Das erste antike Bauwerk, das Goethe sah, war das Amphitheater in Verona. Als er oben auf dem Rande umherging, schien es ihm seltsam: etwas Grofses, und doch eigentlich nichts zu sehen, In Assisi trat er in den ersten antiken Tempel: ein bescheidenes Gebäude nur, wie es sich für eine so kleine Stadt schickte, doch so vollkommen, so schön gedacht, so klug auf den rechten Platz gestellt! „Was sich durch die Beschauung dieses Werkes in mir entwickelt, ist nicht auszusprechen und wird ewige Früchte bringen. "Im Gemüt zum schönsten beruhigt, ging er die römische Strafse hinab. Zwei Tage später stieg er nach Spoleto hinauf und war auf der Wasserleitung, die zugleich Brücke von einem Berge zum andern ist. „Die zehn Bogen, welche über das Thal reichen, stehen von Backsteinen ihre Jahrhunderte so ruhig da, und das Wasser quillt immer noch in Spoleto an allen Orten und Enden. Das ist nun das dritte Werk der Alten, das ich sehe, und immer derselbe grofse Sinn. Eine zweite Natur, die zu bürgerlichen Zwecken handelt, das ist ihre Baukunst: so steht das Amphitheater, der Tempel und der Aquädukt". Und Goethe mufste nun an unwahre Kunst in der Heimat denken: „Nun fühle ich erst, wie mir mit Recht alle Willkürlichkeiten verhafst waren, wie zum Beispiel der Winterkasten auf dem Weifsenstein, ein Nichts um Nichts, ein ungeheurer Konfektaufsatz, und so mit tausend andern Dingen. Das steht nun alle totgeboren da; denn was nicht eine wahre innere Existenz hat, hat kein Leben und kann nicht grofs sein und nicht grofs werden." Und als er fast ein Jahr lang im ständigen Verkehr mit der antiken Welt gelebt hatte, war er noch derselben Meinung. ,, Diese hohen Kunst- werke sind zugleich als die höchsten Naturwerke von Menschen nach wahren und natürlichen Gesetzen hervorgebracht worden. Alles Willkürliche, Eingebildete fällt zusammen: da ist die Notwendigkeit, da ist Gott."

Goethe, der einst in schwärmerischer Art den gotischen Münster zu Strafsburg verherrlicht hatte, blieb nun sein Leben lang ein Schüler und Bekenner der Antike, eben weil sie im Vergleich zur Gotik, zur Romantik, zum Nazarenertum und andern Richtungen mehr Wahrheit bietet. 1808 verglich er einmal in einem Gespräch mit Riemer das Antike mit der neuen Romantik.

,,Das antike Tragische ist das menschlich Tragierte. Das Romantische ist kein natürliches, ursprüngliches, sondern ein gemachtes, gesuchtes, gesteigertes, übertriebenes, bizarres, bis ins Fratzenhafte und Karikaturartige. Kommt vor wie ein Redoutenwesen, Maskerade, grelle Lichter-Beleuchtung. Ist humoristisch (d. h. ironisch, vgl. Ariost, Cervantes; daher ans Komische grenzend und selbst komisch) oder wird es augenblicklich, sobald der Verstand sich daran macht, sonst ist es absurd und phantastisch. Das Antike ist noch bedingt (wahrscheinlich, menschlich), das Moderne willkürlich, unmöglich.

„Das antike Magische und Zauberische hat' Stil, das moderne nicht. Das antike Magische ist Natur, menschlich betrachtet, das moderne dagegen ein blofs Gedachtes, Phantastisches.

,,Das Antike ist nüchtern, modest, gemäfsigt, das Moderne ganz zügellos, betrunken. Das Antike erscheint mir als ein idealisiertes Reales, ein mit Grofsheit (Stil) und Geschmack behandeltes Reales; das Romantische ein Unwirkliches, Unmögliches, dem durch die Phantasie nur ein Schein des Wirklichen gegeben wird.

,,Das Antike ist plastisch, wahr und reell; das Romantische täuschend wie die Bilder einer Zauberlaterne, wie ein prismatisches Farbenbild, wie die atmosphärischen Farben. Nämlich eine ganz gemeine Unterlage erhält durch die romantische Behandlung einen seltsamen wunderbaren Anstrich, wo der Anstrich eben alles ist und die Unterlage nichts."

Aus derselben Wahrheitsliebe heraus mufste er auch die in seinen alten Tagen auftauchenden gotischen Möbel ablehnen, die ja nicht blofs mit einer ihm un- sympathischen Geistesrichtung zusammenhingen, sondern noch die besondere Unwahrheit hatten, dafs sie an Büffets, Sesseln und Betten Motive häuften, die nur an alten Domen und Rathäusern eine innere Notwendigkeit hatten. Goethe wollte es wohl hingehen lassen, wenn ein reicher Mann, der viele überflüssige Zimmer hat, sich das eine gotisch oder chinesisch oder sonstwie einrichte,  „Allein sein Wohnzimmer mit so fremder und veralteter Umgebung auszustaffieren, kann ich gar nicht loben. Es ist immer eine Art von Maskerade, die auf die Länge in keiner Hinsicht wohlthun kann, vielmehr auf den Menschen, der sich damit befafst, einen nachteiligen Einflufs haben mufs. Denn so etwas steht im Widerspruch mit dem lebendigen Tage, in welchen wir gesetzt sind, und wie es aus einer leeren und hohlen Gesinnungs- und Denkungsweise hervorgeht, so wird es darin bestärken. Es mag wohl Einer an einem lustigen Winterabend als Türke zur Maskerade gehen, allein was würden wir von einem Menschen halten, der ein ganzes Jahr sich in einer solchen Maske zeigen wollte? Wir würden von ihm denken, dafs er entweder schon verrückt sei, oder dafs er doch die gröfste Anlage habe, es sehr bald zu werden."

Ebenso dachte er über die andere neue Mode, auch die Häuser in gotischem Stil zu bauen. Er meinte, „man solle jene altdeutsche Bauart zwar höchlich schätzen, ihr Andenken erhalten, ihr historische Untersuchungen widmen und von ihr, besonders im Technischen, manches lernen, neue Gebäude jedoch in diesem Geschmack und Stil aufzuführen keineswegs unternehmen."

Zur Liebe des Schlichten, Unverzierten, Wahren war Goethe schon als junger Student durchgedrungen. Er nahm in Leipzig bei Öser Malunterricht, und dessen Räume in der alten Pleifsenburg blieben ihm unvergefslich. Ihr Bewohner war ein abgesagter Feind des Schnörkel- und Muschelwesens und des ganzen barocken Geschmacks; er empfahl seinen Schülern immer wieder die Einfalt in allem, was Kunst und Handwerk vereint hervorzubringen berufen sind. So waren denn auch seine Wohnzimmer und die Kabinette für seine Sammlungen alle einfach elegant, an den Möbeln, Schränken und Portefeuillen keinerlei Ziererei oder Überflufs.

In seinen alten Tagen fuhr Goethe mit Eckermann wieder einmal zusammen aus; es war im Herbste, und die Fahrt ging diesmal südlich über bewaldete Hügel nach Berka zu. An einer schönen Stelle stiegen sie aus, um zu frühstücken. Während sie afsen, zog ein mitgebrachter Korb ihre Aufmerksamkeit auf sich; er war aus Binsen geflochten und hatte zwei Handgriffe.

,,Ich habe ihn," sagte Goethe, ,,aus Marienbad mitgebracht, wo man solche Körbe in allen Gröfsen hat, und ich bin so an ihn gewöhnt, dafs ich nicht reisen kann, ohne ihn bei mir zu führen. Sie sehen, wenn er leer ist, legt er sich zusammen und nimmt wenig Raum ein; gefühlt dehnt er sich nach allen Seiten aus und fafst mehr, als man denken sollte. Er ist weich und biegsam und dabei so zähe und stark, dafs man die schwersten Sachen darin fortbringen kann. Auf meinen mineralogischen Exkursionen in den böhmischen Gebirgen ist er mir besonders zu statten gekommen. Jetzt enthält er unser Frühstück. Hätte ich einen Hammer mit, so möchte es auch heute nicht an Gelegenheit fehlen, hin und wieder ein Stückchen abzuschlagen und ihn mit Steinen gefüllt zurückzubringen."

,,Er sieht sehr malerisch und sogar antik aus," bemerkte Eckermann. ,,Sie haben recht," sagte Goethe, ,,er kommt der Antike nahe, denn er ist nicht allein so vernünftig und zweckmäfsig als möglich, sondern er hat auch dabei die einfachste, gefälligste Form, so das man also sagen kann: er steht auf dem höchsten Punkt der Vollendung."

Schiller schreibt einmal an Humboldt über Goethe: ,,Sie kennen seine solide Manier, immer von dem Objekt das Gesetz zu empfangen und aus der Natur der Sache heraus ihre Regeln abzuleiten." Das ist die Solidität, die Goethe von der Antike lernte, freilich nur deshalb lernte, weil sie ihm schon im Blute las;.




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