> Gedichte und Zitate für alle: Wilhelm Bode- Goethes Ästhetik- Göttin Wahrheit. (Seite 2)

2019-11-25

Wilhelm Bode- Goethes Ästhetik- Göttin Wahrheit. (Seite 2)



Noch ein anderes Recht hatte er, die Wahrheit als seine Muse vor aller Welt hinzustellen. Er dichtete, weil er von Natur ein Dichter war. Er konnte nicht blofs dichten, hatte nicht blofs sein Vergnügen daran, sondern er mufste dichten. Und er dichtete nur, wenn er mufste. So durfte er die gleiche Wahrhaftigkeit im künstlerischen Bethätigen von andern verlangen. Ein junger Mensch, Johannes Erichson, fragte ihn — wie viele andere — ob er sich ganz der Dichtkunst widmen solle; Goethe riet entschieden ab.-J Denn, meinte er, auch der zur Dichtkunst Neigende und dazu gut Beanlagte müsse sich den Wissenschaften oder den Geschäften des praktischen Lebens widmen, auch der Dichter braucht ja doch Kenntnisse. Weiter aber : ,,Erst alsdann, wenn Sie in einem dieser Kreise eine weite Bahn durchlaufen haben, werden Sie Ihres Talentes gewifs werden. Bemächtigt es sich aller Erfahrungen und Kenntnisse, die Sie gesammelt haben, mit Gewalt, weifs es alle die fremdesten Elemente in eine Einheit zu verbinden, so ist das Phänomen da, welches Sie zu wünschen scheinen, das aber auf keinem anderen Wege hervorgebracht werden kann. Sollte sich im Gegenteil zeigen, dafs diese Neigung zur Dichtkunst jene Probe nicht aushielte, so würden Sie doch den anderen Gewinn rein besitzen."

Goethe hat selber vor der italienischen Reise diese Probe auf das ehrlichste durchgemacht; schlieslich mufste er den Geschäften des Staatsbeamten entfliehen, weil er ohne häufigeren Verkehr mit der Kunst nicht mehr leben konnte. Wenn er in späteren Jahren sich durch andere Geschäfte wiederum von der Dichtkunst längere Zeit abziehen liefs, so litt er darunter. Schiller hatte ganz recht, ihn dann zu schelten: ,,Die Natur hat Sie einmal bestimmt, hervorzubringen; jeder andere Zustand, wenn er eine Zeit lang anhält, streitet mit Ihrem Wesen. Eine so lange Pause, als Sie diesmal in der Poesie gemacht haben, darf nicht mehr vorkommen."

Ähnlich hatte in jungen Jahren schon Merck zu ihm gesprochen, dessen scharfer Blick sogleich den Unterschied zwischen Goethe und seinen damaligen Freunden, den Grafen Stolberg, herausfand. Diese suchten das sogenannte Poetische, das Imaginative, zu verwirklichen, ,,und das giebt nichts wie dummes Zeug." ,,Dafs du mit diesen Burschen ziehst," rief der Ehrliche aus, ,,ist ein thörichter Streich. Dein Bestreben, deine unablenkbare Richtung ist, dem Wirklichen eine poetische Gestalt zu geben. Du wirst nicht lange bei ihnen bleiben. " ,,Dem Wirklichen eine poetische Gestalt zu geben," d. h. doch auch: immer vom Wirklichen und Wahren ausgehen. Wohl konnte Goethe die Wahrhaftigkeit seines Dichtens am Ende seines Lebens rühmen.

„Ich habe in meiner Poesie nie affektiert. Was ich nicht lebte und was mir nicht auf die Nägel brannte und zu schaffen machte, habe ich auch nicht gedichtet und ausgesprochen. Liebesgedichte habe ich nur gemacht, wenn ich liebte."

Und so weit ging dieses Verhältnis zwischen seinem Leben und seinem Dichten, dafs er im Scherz einmal den Freunden schreiben konnte:

 „Wenn es mit Fertigung meiner Schriften unter gleichen Konstellationen fortgeht, so mufs ich mich im Laufe dieses Jahres in eine Prinzessin verheben, um den ,Tasso', ich mufs mich dem Teufel ergeben, um den ,Faust' schreiben zu können, ob ich in mir gleich zu beiden wenig Lust fühle. Denn bisher ist's so gegangen."

Das, was er niederschrieb, quoll aus seinem Innersten, und die Gestalten, die seine Phantasie mit Leben begabten, standen ihm nahe wie leibliche Kinder. Er lachte und weinte mit ihnen.

Das Gretchen-Drama zeigt, dafs er alle Gaben zum tragischen Dichter hatte. Aber so stark war der Anteil seines Gemüts an dem, was er schuf, dafs er nur ganz selten sich auf dieses Gebiet wagte. Als Schiller schrieb, dafs ihn die Arbeit am ,Wallenstein' sehr angreife, antwortete er:  ,,Ohne ein lebhaftes pathologisches Interesse ist es auch mir niemals gelungen, irgend eine tragische Situation zu bearbeiten, und ich habe sie daher lieber vermieden als aufgesucht . . . Ich kenne mich zwar nicht selbst genug, um zu wissen, ob ich eine wahre Tragödie schreiben könnte; ich erschrecke aber blofs vor dem Unternehmen und bin beinahe überzeugt, dafs ich mich durch den blofsen Versuch zerstören könnte." Als 1824 das Gespräch mit Ecker- mann einmal auf den ,Werther' kam, sagte Goethe: „Das ist auch so ein Geschöpf, das ich gleich dem Pelikan mit dem Blute meines eigenen Herzens gefüttert habe . . . Übrigens habe ich das Buch seit seinem Erscheinen nur ein einziges Mal wieder gelesen und mich gehütet, es abermals zu thun. Es wird mir unheimlich dabei, und ich fürchte, den pathologischen Zustand wieder durchzuempfinden, aus dem es hervorging."




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