> Gedichte und Zitate für alle: Wilhelm Bode- Goethes Ästhetik- Schönheit um uns herum. (Seite 2)

2019-11-24

Wilhelm Bode- Goethes Ästhetik- Schönheit um uns herum. (Seite 2)



Eine echtere, höhere Harmonie bieten uns in gut gebauten menschlichen Ansiedlungen auch die Bilder der ganzen Dörfer und Städte sowie die ihrer einzelnen Strafsen, Plätze, Ecken und Winkel. Auch sie recht zu geniefsen hat Goethe erst in Italien gelernt, denn in der Fremde werden wir uns ja erst der Eindrücke bewufst, die wir daheim nicht mehr empfinden, weil wir von Kindheit auf daran gewöhnt sind. Nun aber wurde er ein herzlicher Hasser aller Bausünden. ,, Meine Lehre ist von jeher diese," sagte er 1827 zum Kanzler, „Fehler kann man begehen, wie man will, nur baue man sie nicht auf. Kein Beichtvater kann von solchen Bausünden jemals absolvieren." Schon deshalb mufste er gegen die neue Mode, Gebäude in gotischem Stil in moderne Strafsen zu stellen, sich erklären, weil sie die Harmonie zerstören. ,,In einer schlechtgebauten Stadt, wo der Zufall mit leidigem Besen die Häuser zusammenkehrte, lebt der Bürger unbewufst in der Wüste eines düstern Zustandes; dem fremden Ein- tretenden jedoch ist es zu Mute, als wenn er Dudelsack, Pfeifen und Schellentrommeln hörte und sich bereiten müfste, Bärentänzen und Affensprüngen beizuwohnen."  Dagegen bietet in gut gebauten Städten die Architektur eine solche Harmonie von Eindrücken, dafs man sie einer erstarrten Tonkunst vergleichen möchte. Man möchte glauben, Orpheus habe seine Kunst auf einem riesigen wüsten Bauplatze an Steinen und Balken zeigen wollen. Zuerst bildete er einen Marktplatz um sich herum. „Die von kräftig gebietenden, freundlich lockenden Tönen schnell ergriffenen, aus ihrer massenhaften Ganzheit gerissenen Felssteine mufsten, indem sie sich enthusiastisch herbeibewegten, sich kunst- und handwerksgemäfs gestalten, um sich sodann in rhythmischen Schichten und Wänden gebührend hinzuordnen. Und so mag sich Strafse an Strafse fügen! An wohl- schützenden Mauern wird's auch nicht fehlen . . .

,,Die Töne verhallen, aber die Harmonie bleibt. Die Bürger einer solchen Stadt wandeln und weben zwischen ewigen Melodieen, der Geist kann nicht sinken, die Thätigkeit nicht einschlafen, das Auge übernimmt Funktion, Gebühr und Pflicht des Ohres, und die Bürger am gemeinsten Tage fühlen sich in einem ideellen Zustand; ohne Reflexion, ohne nach dem Ursprung zu fragen, werden sie des höchsten sittlichen und religiösen Genusses teilhaftig. Man gewöhne sich, in Sankt Peter auf und ab zu gehen, und man wird ein Analogon desjenigen empfinden, was wir auszusprechen gewagt."

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An jenem Tage, wo Goethe, noch in Venedig verweilend, morgens dem malerischen Hochamte beiwohnte,

sollte er abends noch viel tiefere Eindrücke empfangen, die ihm, dem Dichter, unvergefslich bleiben mufsten. Er hatte sich Schiffer bestellt, die es noch verstanden, wie ihre Vorfahren Gesänge des Tasso und Ariost nach eigenartigen Melodieen zu singen. Bei Mondschein bestiegen sie eine Gondel, Goethe safs mit einem alten Ortskundigen in der Mitte und hatte den einen Sänger vor, den andern hinter sich. Die Schiffer fingen ihr Lied an und sangen abwechselnd Vers für Vers. Die Melodie kannte der Deutsche schon aus Rousseaus Schriften; es war ein Mittelding zwischen Choral und Rezitation und ist in ihrer Eigenart nur durch ihre Entstehung zu erklären. Man mufs sich nämlich ursprünglich die Sänger weit von einander getrennt denken. Der eine sitzt am Ufer einer Insel oder eines Kanals auf seiner Barke und läfst sein Lied schallen, so weit er kann. Über den stillen Wasserspiegel verbreitet sich's. In der Ferne hört es ein anderer, der die Melodie und die Worte kennt, und er antwortet nun dem ersten mit dem folgenden Verse; hierauf erwidert wieder der erste, und so ist einer immer gleichsam das Echo des andern. Wenn ein Zuhörer gerade mitten zwischen beiden ist, versteht und geniefst er diese nächtliche Unterhaltung am besten. Goethes Begleiter stiegen deshalb am Ufer der Giudecca aus und gingen in verschiedener Richtung am Kanal hinweg. Goethe schritt zwischen beiden hin und her, so dafs er immer den verliefs, der zu singen anfangen sollte, und sich dem andern näherte, der eben aufgehört hatte. Da ward ihm der Sinn des Gesanges erst aufgeschlossen. Als Stimme aus der Ferne klang es höchst sonderbar, wie eine Klage ohne Trauer, es war darin etwas unglaublich Rührendes. Goethe hatte sein Leben lang die Schwäche, dafs ihn alles, was echt und tief schön war, zu Thränen rührte, aber der Alte neben ihm wunderte sich gar nicht über seine tiefe Empfindung. „E singulare, come quel canto intenerisce," bestätigte er und riet, unser Dichter solle nun auch die Weiber vom Lido, besonders die von Malamocco und Palestrina, hören, die gleichfalls den Tasso auf ähnliche Weise singen. Sie haben die Gewohnheit, wenn ihre Männer zum Fischen ins Meer sind, sich abends ans Ufer zu setzen und mit durchdringender Stimme diese Gesänge erschallen zu lassen, bis sie von ferne auch die Stimmen ihrer Freunde hören und sich so mit ihnen unterhalten. Wer nahe bei den Weibern steht, hat vielleicht keine Freude an den hohen Stimmen, die singend-rufend mit den Wellen des Meeres kämpfen. Aber ist das Ganze nicht ein Sinnbild echter Poesie? ,, Gesang ist es eines Einsamen in die Ferne und Weite, damit ein anderer, Gleichgesinnter höre und antworte. — — —

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Alles, was Goethe in Italien sah und erlebte, ward ihm zugleich zu einer Offenbarung des klassischen Altertums. Dessen Herrlichkeit besteht ja nicht darin, dafs es einzelne grofse Dichter, Redner, Philosophen, Baumeister, Bildhauer und Maler hervorbrachte, sondern darin, dafs eine heitere ästhetische Bildung Gemeingut des ganzen Volkes war. An allen seinen uns überlieferten Trümmern erkennen wir, wieviel uns die alte Welt an freudigem Kunstsinn voraus war, wenn sie gleich in strenger Handwerksfertigkeit weit hinter uns zurückblieb.

In allen Werken der redenden wie der bildenden Künste finden wir bei den Alten einen einzigen durchgehenden Charakter, der deshalb ein Zeugnis für die ganze Kultur jener Zeit ist. Dies ist der Charakter des Grofsartigen, des Tüchtigen, des Gesunden, des Menschlich-Vollendeten, der hohen Lebensweisheit, der erhabenen Denkungsweise, der reinkräftigen Anschauung.

 ,,Wie ärmlich sieht es dagegen bei uns Deutschen aus!" seufzte Goethe, als er — wie so oft! — an die hohe Kultur des Altertums dachte und daneben auch an die innige Teilnahme einiger neuerer Völker an der Kunst, wie sie für Frankreich und Schottland an ihren Liedersängern Beranger und Robert Burns deutlich wurde. ,,Was lebte denn in meiner Jugend von unsern alten Liedern im eigentlichen Volke? Herder und seine Nachfolger mufsten erst anfangen, sie zu sammeln und der Vergessenheit zu entreifsen; dann hatte man sie doch meistens gedruckt in Bibliotheken. Und später, was haben nicht Bürger und Vofs für Lieder gedichtet! Wer wollte sagen, dafs sie geringer und weniger volkstümlich wären als die des vortrefflichen Burns! Allein was ist davon lebendig geworden, so dafs es uns aus dem Volke wieder entgegenklänge? Sie sind geschrieben und gedruckt worden und stehen in Bibliotheken, ganz gemäfs dem allgemeinen Lose deutscher Dichter. Von meinen eigenen Liedern was lebt denn? Es wird wohl eins und das andere einmal von einem hübschen Mädchen am Klaviere gesungen, allein im eigentlichen Volke ist alles stille. Mit welchen Empfindungen mufs ich der Zeit gedenken, wo italienische Fischer mir Stellen des ,Tasso' sangen!

„Wir Deutschen sind von gestern. Wir haben zwar seit einem Jahrhundert ganz tüchtig kultiviert ; allein es können noch ein paar Jahrhunderte hingehen, ehe bei unsern Landsleuten so viel Geist und höhere Kultur eindringen und allgemein werden, dafs sie gleich den Griechen der Schönheit huldigen, dafs sie sich für ein hübsches Lied begeistern, und dafs man von ihnen wird sagen können, es sei lange her, dafs sie Barbaren gewesen."



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