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2019-11-15

Wilhelm Büchner -Fauststudien: Am Hofe des Kaisers- Im Lustgarten (5)

Fauststudien


III. Im Lustgarten.

Am Aschermittwoch erlebt Faust eine empfindliche Enttäuschung. Von dem Kaiser empfangen, bringt er das Gespräch auf das Flammengaukelspiel. Er wünscht sich über die Absicht , die er damit verfolgte, zu unterhalten. Dabei würde sich ergeben, daß seiner Meinung nach die Finanznot durch die Schaffung des Papiergeldes keineswegs beseitigt ist; daß sich der Gott Plutus auch auf diesem Wege seine Schätze nicht nehmen läßt. Aber der Kaiser sah in dem Scheinbrand nur einen Zauberscherz mit hübschen Beleuchtungseffekten. Der Gedanke, daß ihm Faust damit habe eine Lehre geben wollen, liegt ihm ganz fern. 

Sofort bemächtigt sich Mephisto des Gesprächs und weiß durch ausgesuchte Schmeicheleien eine ernsthafte Unterhaltung zu vereiteln. Von ihm ist der Kaiser infolgedessen ganz entzückt. 

„Welch gut Geschick hat dich hierher gebracht, 
Unmittelbar aus Tausend Einer Nacht? 
Gleichst du an Fruchtbarkeit Scheherazaden, 
Versichr' ich dich der höchsten aller Gnaden.
Sei stets bereit, wenn eure Tageswelt, 
Wie's oft geschieht, mir widerlichst mißfällt." 

So wird Faust gleich am Anfang der Szene als Ratgeber beiseite geschoben. Als aber darauf die Wunder des Papiergeldes gemeldet werden , versucht er noch einmal nachdrücklich, seine Anschauungen zur Geltung zu bringen: Die Deckung für das Papiergeld liege in dem Boden. Durch eine großartige Tätigkeit sollten die Bodenschätze des Landes nutzbar gemacht werden. In diesem Sinne sagt er zu dem Kaiser: 

,,Das Übermaß der Schätze, das, erstarrt. 
In deinen Landen tief im Boden harrt. 
Liegt ungenutzt. Der weiteste Gedanke 
Ist solchen Reichtums kümmerlichste Schranke, 
Die Phantasie, in ihrem höchsten Flug, 
Sie strengt sich an und tut sich nie genug. 
Doch fassen Geister, würdig tief zu schauen. 
Zum Grenzenlosen grenzenlos Vertrauen." 6

6.  Daß in diesen Versen eine andre Auffassung des Papiergeldes hervortritt als sonst, bemerkt auch Baumgart in seinem Faustkommentar, ebenso Carrifere. Überhaupt taucht der Gedanke, daß Faust an dem Kaiscrhofe Enttäuschungen erlebt, in den Kommentaren hie und da auf, aber ohne daß versucht würde, die einzelnen Fälle zu einer Einheit zusammenzufassen, wozu doch schon das erste Paralipomenon nötigt.

 Der Kaiser versteht ihn wieder nicht. Faust redet von den Schätzen, die dem Boden durch Arbeit abgewonnen werden, der Kaiser denkt an Schatzgräberei, wie sie Mephisto früher in Aussicht gestellt hat, und er ernennt Faust und seinen Gesellen sozusagen zu Hofschatzgräbern. 

,, Vertraut sei euch des Reiches innrer Boden, 
Ihr seid der Schätze würdigste Custoden. 
Ihr kennt den weiten wohlverwahrten Hort, 
Und wenn man gräbt, so sei's auf euer Wort."

Faust entfernt sich, nicht um neues Papiergeld zu machen oder Schätze zu graben, sondern um eine bittere Erfahrung reicher. Nicht er, der das Beste des Landes und des Kaisers will, vermag etwas zu erreichen, sondern der Schelm triumphiert. Bequemer als die Aufforderung zu ernster Arbeit ist ja sein Rat: 

,,Will man Metall, ein Wechsler ist bereit, 
Und fehlt es da, so gräbt man eine Zeit. 
Pokal und Kette wird verauktioniert, 
Und das Papier, sogleich amortisiert, 
Beschämt den Zweifler der uns frech verhöhnt. 
Man will nichts anders, ist daran gewöhnt. 
So bleibt von nun an allen Kaiser -Landen 
An Kleinod, Gold, Papier genug vorhanden." 

An dem Hofe denkt niemand mehr an Arbeit, sondern jeder an Genuß. Gedankenlos treiben sie dem Staatsbankrott entgegen, den wir uns nach dem Ende der französischen Assignatenwirtschaft ausmalen dürfen.




   Bühnenwerke und Fragmente

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