> Gedichte und Zitate für alle: Wilhelm Büchner -Fauststudien: Die Klarheit. I. Die Ankündigung im Prolog. (13)

2019-11-17

Wilhelm Büchner -Fauststudien: Die Klarheit. I. Die Ankündigung im Prolog. (13)

Fauststudien


Die Klarheit. 1. Die Ankündigung im Prolog.

Der abfälligen Kritik, die Mephistopheles in dem Prolog an den irdischen Dingen und besonders an dem Menschen übt, setzt der Herr die Frage entgegen: ,, Kennst du den Faust?" Offenbar sieht er, in Faust einen Mann, durch dessen Leben Mephistos Meinung von der Wert- und Zwecklosigkeit des irdischen Daseins widerlegt wird oder widerlegt werden wird. Aber Mephisto ergießt auch über diesen Knecht des Herrn die Lauge seines Spottes. Auf die boshafte Schilderung, die er von Faust entwirft, erwidert der Herr:

,,Wenn er mir jetzt auch nur verworren dient, 
So werd' ich ihn bald in die Klarheit führen. 
Weiß doch der Gärtner, wenn das Bäumchen grünt, 
Daß Blut' und Frucht die künft'gen Jahre zieren." 

Mit diesen Worten wird eine Entwicklung Fausts aus einem niederen in einen höheren Zustand angekündigt. Die Sache liegt also anders als bei der Wette zwischen Jehovah und dem Satan, die am Anfang des Buches Hiob erzählt wird. Für Jehovah handelt es sich nur darum, daß Hiob so bleibt wie er ist, schlecht und recht, gottesfürchtig und das Böse meidend : der

Herr der Faustdichtung dagegen will seinen Schützling aus Verworrenheit zur Klarheit führen. „Klarheit" war in der Zeit, als der Prolog gedichtet wurde, ein Lieblingswort Goethes. So gebraucht er es auch in dem Gedicht ,, Abschied", das um 1800 entstand und als Gegenstück zur ,, Zueignung" die Faustdichtung beschließen sollte. 

„Am Ende bin ich nun des Trauerspieles 
Das ich zuletzt mit Bangigkeit vollführt, 
Nicht mehr vom Drange menschlichen Gewühles, 
Nicht von der Macht der Dunkelheit gerührt. 
Wer schildert gern den Wirrwarr des Gefühles, 
Wenn ihn der Weg zur Klarheit aufgeführt?32

 Klarheit bezeichnet hier eine reinere Übersicht über das Leben, eine festgegründete Weltanschauung, wie sie sich der Dichter selbst als Mann errungen hatte. Solchen Gewinn stellt das Wort des Herrn, er werde Faust zur Klarheit führen , auch dem Helden der Dichtung in Aussicht. 

32. Werke XV i. S. 344, vgl. Biedermann, Gespräche Nr. 147.

Dieser Prophezeiung entsprechend urteilt Faust am Ende des Dramas anders und in Goethes Sinn richtiger über das Leben als am Anfang. In den ersten Szenen steigert sich in ihm Unbehagen und Ungeduld über die allgemeinen Erdeschranken bis zu völliger Weltverneinung. In mächtigem Strome drängt die Handlung diesem Punkte zu. Der Klang der Osterglocken und die dadurch wachgerufene Erinnerung bilden ein retardierendes Moment. Faust läßt den Giftbecher wieder sinken, und eine weiche Stimmung beherrscht ihn während des ganzen Ostertages. Noch am Abend kann er Mephisto erwidern: 

So setzest du der ewig regen, 
Der heilsam schaffenden Gewalt
Die kalte Teufelsfaust entgegen, 
Die sich vergebens tückisch ballt." 

Aber diese Stimmung hält nicht lange an. Ihm fehlt der Glaube, an Reminiszenzen kann er nicht gesunden. Und wie der Strom nach Überwindung der Stauung mit verdoppelter Kraft dahinflutet, so packt die Verzweiflung über die Trost- und Zwecklosigkeit des Lebens nun Faust mit um so stärkerer Gewalt. Was ihn in der Osternacht von dem Selbstmord zurückgehalten, den Rest von kindlichem Gefühle, verdammt er jetzt ausdrücklich in jenem furchtbarsten aller Flüche, in dem er alles in den Staub tritt, was ein Menschenherz jemals erfreut, begeistert oder getröstet hat. 

Diesen Fluch nennt der greise Faust, der in den allgemeinen Erdeschranken Freude am Leben und am Wirken, Befriedigung seiner Sehnsucht gefunden hat, im Rückblick auf sein Leben ein Frevelwort. Mit nachdrücklicher Entschiedenheit betont er in dem Gespräch mit der ,, Sorge" den Wert des Lebens. 

,,Der Erdenkreis ist mir genug bekannt, 
Nach drüben ist die Aussicht uns verrannt; 
Thor! wer dorthin die Augen blinzelnd richtet, 
Sich über Wolken Seinesgleichen dichtet ; 
Er stehe fest und sehe hier sich um; 
Dem Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm; 
Was braucht er in die Ewigkeit zu schweifen." 

Erfüllt von dieser mannhaften Gesinnung, die durchaus das Widerspiel zu den Klagen der Eingangsmonologe bildet, sucht er, ein erblindeter Greis, zu wirken bis zum letzten Hauch. 

Die Erklärung des Gegensatzes zwischen Anfang und Ende, den der Dichter so stark hervorhebt, kann nicht darin gesucht werden, daß Fausts Tätigkeit am Schlüsse eine andere ist als am Anfang. Als Forscher und Lehrer kann der Mensch eben so gut zum Frieden mit der Welt kommen, wie wenn er Kanäle baut und Proletarier ansiedelt. Wenn Faust bei dieser Tätigkeit eine Befriedigung findet, die ihm bei jener durchaus versagt blieb, so kommt es daher, daß er die Welt in der Zwischenzeit anders anzusehen gelernt hat, daß er aus Verworrenheit zur Klarheit gekommen ist. 

Daß nicht eine bestimmte Art der Tätigkeit, sondern nur eine bestimmte Art der Betrachtung von der Verzweiflung am Leben dauernd bewahren könne, hat Goethe an einer Stelle seiner Selbstbiographie (IV 16) sehr deutlich ausgesprochen: ,, Alles probieren wir durch, um zuletzt auszurufen, daß alles eitel sei. Niemand entsetzt sich vor diesem falschen, ja gotteslästerlichen Spruch, ja man glaubt etwas Weises und Unwiderlegliches gesagt zu haben. Nur wenige Menschen gibt es, die solche unerträgliche Empfindung vorausahnen und , um allen partiellen Resignationen auszuweichen , sich ein für allemal im ganzen resignieren. Diese überzeugen sich von dem Ewigen, Notwendigen , Gesetzlichen und suchen sich solche Begriffe zu bilden, welche unverwüstlich sind, ja durch die Betrachtung des Vergänglichen nicht aufgehoben, sondern vielmehr bestätigt werden. Weil aber hierin wirklich etwas Übermenschliches liegt, so werden solche Personen gewöhnlich für Unmenschen gehalten, für gott- und weltlose, ja man weiß nicht, was man ihnen alles für Hörner und Klauen andichten soll." Wer das Ewige, Notwendige, Gesetzmäßige in der Welt der Erscheinungen zu erfassen sucht, nähert sich mit seiner Vernunft dem Schöpferisch-Göttlichen. Dieser Glaube, der in Herders Spinozagesprächen einen so beredten Ausdruck gefunden hat, beherrscht Goethes gesamte künstlerische und wissenschaftliche Bemühungen, seitdem er zum Manne gereift war. ,,Die Gestalt dieser Welt vergeht", schreibt er am 23. August 1788 in Rom, ,,ich möchte mich nur mit dem beschäftigen, was bleibende Verhältnisse sind, und so nach der Lehre des Spinoza meinem Geiste erst die Ewigkeit verschaffen". Ob er dem geheimen Gesetz nachspürt, das jede Pflanze keimend und sprossend, blühend und Früchte tragend dem geistigen Auge offenbart, oder ob er unter den Absurditäten des römischen Karnevals den ,, entschiedenen Verlauf" bemerkt , den dieses Volksfest wie jedes andere wiederkehrende Leben und Weben hat, immer erhebt er sich zu einer ideengemäßen Betrachtung der Dinge, er findet den dauernden Gedanken in dem , was in schwankender Erscheinung schwebt. 

Bei dem subjektiven Charakter der Faustdichtung versteht es sich eigentlich von selbst, daß Goethe auch seinen Helden zu dieser Art der Weltbetrachtung emporführt. Und so schreibt er auch geradezu in dem bekannten Brief an Schubarth, Faust müsse sich in dem zweiten Teil dem Ideellen nähern und zuletzt darin sich entfalten.33 Wenn also der Herr am Schluß des Prologs den ,, echten Göttersöhnen" zuruft: 

,Und was in schwankender Erscheinung schwebt, 
Befestiget mit dauernden Gedanken," 

so ist das schon ein Hinweis auf die Art , wie Faust zur Klarheit kommen soll.

33. 3. Nov. 1820, vgl. das Konzept.
                                                          



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