> Gedichte und Zitate für alle: Wilhelm Büchner -Fauststudien: Die Klarheit.-Der Spott gegen die mechanische Weltanschauung. (15)

2019-11-18

Wilhelm Büchner -Fauststudien: Die Klarheit.-Der Spott gegen die mechanische Weltanschauung. (15)

Fauststudien


3. Der Spott gegen die mechanische Weltanschauung.


Einige Partien in der klassischen Walpurgisnacht und der Anfang des vierten Aktes beschäftigen sich mit naturwissenschaftlichen Fragen, die im ersten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts eine Rolle spielten. Obwohl diese Szenen ein ganz subjektives Gepräge tragen , indem sie der Abneigung des Dichters gegen zeitgenössische Richtungen in der Wissenschaft Ausdruck geben, so sind sie doch keineswegs als unorganische Bestandteile der Dichtung anzusehen. Denn ihre Polemik richtet sich gegen das Bestreben, alles auf mechanische Kausalität zurückzuführen , und so wird durch diese Szenen eine Unterlage geschaffen, auf welcher sich die Weltanschauung, zu der Faust geführt wird, deutlicher abhebt. 

Wie fremd Goethe die Theorie war , die in der Welt nur das Produkt blindwirkender mechanischer Kräfte sieht, zeigt sein Bericht über Holbachs Systeme de la nature in ,, Dichtung und Wahrheit" III 11. ,,Wie hohl und leer ward uns in dieser tristen, atheistischen Halbnacht zu Mute , in welcher die Erde mit allen ihren Gebilden, der Himmel mit allen seinen Gestirnen verschwand ! Eine Materie sollte sein von Ewigkeit, und von Ewigkeit her bewegt, und sollte nun mit dieser Bewegung rechts und links und nach allen Seiten ohne weiteres die unendlichen Phänomene des Daseins hervorbringen. — — — Indem der Verfasser einige allgemeine Begriffe hingepfahlt, verläßt er sie sogleich, um dasjenige, was höher als die Natur oder als höhere Natur in der Natur erscheint , zur materiellen, schweren, zwar bewegten, aber doch richtungs- und gestaltlosen Natur zu 
verwandeln , und glaubt dadurch recht viel gewonnen zu haben." 

Ein typisches Beispiel für die materialistische Erklärungsweise sah Goethe in dem Vulkanismus. Die Behauptung, daß die Erdoberfläche den Wirkungen und Ausbrüchen eines im Erdinnern glühenden Zentralfeuers ihre Gestalt verdanke, war mit seiner Meinung von dem Leben in der Natur ganz unvereinbar. Ihn interessierte an der Geologie die Konsequenz der übereinander geschichteten Massen, auch im toten Gestein suchte er ,,die Spuren der großen formenden Hand". Dagegen war bei dem Vulkanismus ,,von gar nichts Festem und Regelmäßigem die Rede, sondern von zufälligen und unzusammenhängenden Ereignissen". Zeitweilig zurückgedrängt, wurde die vulkanische Erhebungstheorie gerade in den letzten Lebensjahren des Dichters unter dem Einfluß von Leopold v. Buch und Alexander v. Humboldt zur herrschenden Meinung. Goethe mußte das reiche Beobachtungsmaterial und den Scharfsinn dieser Forscher anerkennen, aber ihre Theorie lag, wie er an Zelter schreibt, „außer den Grenzen seines Kopfes, in den düstern Regionen, wo die Transsubstantiation haust". Indessen stand er mit seinem so begründeten Widerspruch gegen die übermächtige Tagesmode am Ende seines Lebens fast allein. Auch gute Freunde glaubten ihn als rückständig über die Achsel ansehen zu dürfen, weil er das Credo verpaßte. Die Rache des Dichters enthalten einige stachelige Gedichte in der Sammlung „Zahme Xenien" und der zweite Teil der Faustdichtung. Hier vertritt Mephistopheles als Liebhaber von Tumult, Gewalt und Unsinn den Vulkanismus und verzerrt ihn in der lächerlichsten Weise (IV. Akt Anfang). Auch eine große Partie in der klassischen Walpurgisnacht richtet ihre Spitze gegen Alexander v. Humboldt und seine Anhänger. In der Vorführung von Erdbeben, vulkanischen Erhebungen, fallenden Meteorsteinen entlädt sich der Groll des Dichters gegen ,,die vermaledeite Polterkammer der neuen Weltschöpfung". 35

Eine eigentümliche Wendung war der vulkanischen Erhebungstheorie von dem bekannten Naturforscher Cuvier (1769 —1832) gegeben worden. Um die Verschiedenheit der fossilen und der gegenwärtigen Tierwelt zu erklären , hatte er seine Kataklysmentheorie aufgestellt. Viele Erdperioden seien aufeinander gefolgt, jede abgeschlossen durch eine gewaltige, alles Leben zerstörende Umwälzung. In den älteren Perioden hätten nur niedere Lebewesen existiert , mit jeder neuen seien höher organisierte aufgetreten, schließlich mit der letzten die Krone der Schöpfung, der Mensch. Diese sonderbare Theorie gelangte zu einem gewissen Ansehen, da sie den geologischen Ansichten im Zeitalter des Vulkanismus entgegen kam.36  Daß Goethe

sie kannte, zeigt der Aufsatz „Verschiedene Bekenntnisse". Hier spottet er über Elie de Beaumont, durch den die Katastrophentheorie ihre spezielle Ausbildung erfahren hatte. In dem „Faust" erhalten wir eine scherzhafte Darstellung einer solchen Cuvier'schen Erdperiode und ihres überraschenden Abschlusses (V. 7872 f.). Kaum ist der vulkanische Berg aus der Erde gestiegen, so wimmelt er von seltsamen Lebewesen 

Pygmäen, Imsen, Däumerlinge 
Und andre tätig kleine Dinge.

35. Geologische Probleme und Versuch ihrer Auflösung. Werke II Bd. 9 S. 257. 

36. Vgl. Hertwig, Lehrbuch der Zoologie, Jena 1893 S.17.

Die Frage, woher die Organismen auf einmal gekommen, machte den Vulkanisten keine Beschwerde. Während sie bei der Bildung der Erdoberfläche nur rohe Kräfte sinnlos walten ließen, trauten sie der Natur die größte Zweckmäßigkeit zu bei der Entstehung lebendiger Wesen. Mit der gleichen Naivität erklären die auf dem vulkanischen Berg entstehenden Pygmäen V. 7606:

Haben wirklich Platz genommen, 
Wissen nicht, wie es geschah. 
Fraget nicht, woher wir kommen. 
Denn wir sind nun einmal da ! 
Zu des Lebens lustigem Sitze 
Eignet sich ein jedes Land; 
Zeigt sich eine Felsenritze,
Ist auch schon der Zwerg zur Hand. 
Zwerg und Zwergin, rasch zum Fleiße, 
Musterhaft ein jedes Paar ; 
Weiß nicht, ob es gleicher Weise 
Schon im Paradiese war.

Anaxagoras, der Vertreter des Vulkanismus, hat an der Belebung des Feuerberges seine helle Freude und weist seinen Gegner Thaies triumphierend darauf hin (V. 7872 f.). Aber die Freude soll nicht lange währen, da die Kleinen mit den Kranichen in Streit geraten und heftig bedrängt werden. Das Verderben von „seinem Volke" abzuwehren, wendet sich Anaxagoras an Diana-Luna-Hekate mit der Bitte um ein Wunder. Sein Gebet wird erhört, ein Meteorstein stürzt auf die Kraniche nieder. Aber da in der tumultuarischen Welt des Vulkanismus überhaupt nichts Vernünftiges geschehen kann , so erschlägt der Stein auch gleichzeitig die Pygmäen. 

Der Fels war aus dem Mond gefallen, 
Gleich hat er, ohne nachzufragen, 
So Freund als Feind gequetscht, erschlagen. 

Freundlicher als Anaxagoras , der Vertreter des Vulkanismus, ist in der Walpurgisnacht Thaies behandelt, der alles der Wirkung des Wassers zuschreiben möchte. Das entspricht der Stellung, die Goethe der neptunistischen Theorie gegenüber einnahm. Sie war von Werner, dem Leiter der Freiberger Bergakademie, begründet und beherrschte die Geologie eine Zeitlang ebenso wie später der Vulkanismus. Da die Neptunisten wenigstens keine gewaltsamen Revolutionen an- nahmen, um die Entstehung der Erdoberfläche zu erklären, sondern eine allmähliche und ruhige Entwickelung anerkannten , so hielt sich Goethe in der Regel zu ihnen. Es fehlt aber nicht an Zeugnissen dafür, daß er sich im stillen auch in einem Gegensatz zu der Werner'schen Schule befand. In einer Zeit, wo sie am Ruder war, schreibt er in Briefen an den Minister Voigt (10. Januar 1810, 23. August 1806) von den ,, übermächtigen Neptunisten", der ,, herrschenden Lehre", dem ,, Wassereifer des guten Lenz", der von ,,dem Freiberger Orakel abhängt". Als Gegner neptunistischer Theorien bekennt sich Goethe auch in dem nicht abgeschickten Brief an den Mineralogen Leonhard f;. November 18 16, W. A. IV Bd. 27 S. 420) und in einem Brief an Knebel (17. September 18 17). Dazu nehme man, was der Kanzler v. Müller in den Unterhaltungen unter dem 26. März 1826 berichtet: „Als Meyer fragte, was es heißen wolle, Plutonist oder Neptunist, sagte Goethe : O dankt Gott, daß ihr nichts davon wißt ; ich kann es auch nicht sagen, man könnte schon wahnsinnig werden, es nur auseinander zu setzen. Ohnehin bedeutet eine solche Parteinahme späterhin nichts mehr, löst sich in Rauch auf, die Leute wissen schon jetzt nicht mehr, was sie damit bezeichnen wollen." 

Solchen Zeugnissen gegenüber kann man Goethe wohl nicht als einen Neptunisten bezeichnen. Wie hätte ihn auch diese Theorie befriedigen sollen, da sie so gut wie der Vulkanismus alle geologischen Erscheinungen mechanisch zu erklären suchte. Für Goethe kamen die Wirkungen, welche Feuer und Wasser bei der Gestaltung der Erde ausgeübt haben, erst in zweiter Linie ; die Hauptsache war ihm durch die Bildung des Granits entschieden, des Urgesteins, von dem er in dem schönen Hymnus sagt: Aus bekannten Bestandteilen auf geheimnisvolle Weise zusammengesetzt , erlaubt es eben so wenig seinen Ursprung aus Feuer wie aus Wasser herzuleiten" (Werke II 9 S. 172). Ein helles Licht auf die geologischen Ansichten des Dichters wirft auch jene Szene in den „Wanderjahren" (II loj, in der Wilhelm einem Streit über Neptunismus, Vulkanismus, Meteorenlehre, Hebungstheorie und Vergletscherung beiwohnt. Alle diese Theorien werden mit leisem Spott geschildert und .schließlich heißt es : ,,Ganz verwirrt und verdüstert ward es unserem Freunde zu Mute, welcher noch von alters her den Geist, der über den Wassern schwebte, und die hohe Flut im stillen Sinne hegte, und dem unter diesen seltsamen Reden die wohlgeordnete, bewachsene, belebte Welt vor seiner Einbildungskraft chaotisch zusammenzustürzen schien." Auf Wilhelm sind hier die Empfindungen übertragen, mit denen Goethe die geologischen Streitigkeiten seiner Zeitgenossen verfolgte. 

Bei diesen Anschauungen des Dichters ist es begreiflich , daß auch Thaies , der Vertreter des Neptunismus, in der Walpurgisnacht nicht ohne Ironie behandelt ist. ,, Thaies beruft sich auf Springfluten und Diluvien mit sanfter wogender Stimme (mit didaktisch wogendem Selbstbehagen)" heißt es spöttisch in einer Skizze (Paral. 123). Wenn er also seine Lehre, wonach alles aus dem Wasser entsprungen ist, in schwungvollen Versen vorträgt (V. 8432 f. so werden wir uns hüten, darin Goethes eigene Meinung zu sehen. In schwungvollen Versen redet ja auch der Seismos (V 7550)» ohne daß es jemand einfiele, Goethe deshalb zum Anhänger der Hebungstheorie zu machen. Wie fern Thaies der Weltanschauung des Dichters steht, ersieht man besonders deutlich daran, daß er es mit Homunkulus für möglich hält, das Geheimnis des organischen Werdens ausfindig zu machen. Denn nach Goethes Ansicht ist uns der Begriff vom Entstehen ganz und gar versagt. Dagegen ist für die mechanisch -atomistische Weltanschauung Einsicht in die Entstehung des Lebens und die Möglichkeit, Lebendiges, wäre es auch nur ein Protoplasma, auf künstlichem Wege herzustellen, notwendigerweise das letzte Ziel. Sie würde sich selbst aufgeben , wenn sie die Möglichkeit , daß es noch einmal erreicht wird , bestritte.

Goethe verspottet diesen Glauben in der köstlichen Szene, wo Wagner sich einbildet, er könne durch richtige Mischung der Elemente einen Menschen fabrizieren. Dieses Thema wird in der klassischen Walpurgisnacht noch einmal aufgenommen. Homunkulus, unzufrieden mit der zweifelhaften Existenz in der Flasche, möchte gern im besten Sinn entstehen und hofft bei Thaies und Anaxagoras Aufklärung über das Problem des Werdens zu finden: 

Zwei Philosophen bin ich auf der Spur, 
Ich horchte zu, es hieß: Natur! Natur! 
Von diesen will ich mich nicht trennen, 
Sie müssen doch das irdische Wesen kennen; 
Und ich erfahre wohl am Ende, 
Wohin ich mich am allerklügsten wende. 

Es gelingt ihm Thaies für sein Unternehmen zu interessieren. Wie Herakles auf der Suche nach den Äpfeln der Hesperiden, so wenden sie sich mit ihrem Anliegen an den prophetischen Meergott Nereus. Aber dieser behandelt ihre Sache als einen abgeschmackten Einfall. Er muß sich Gewalt antun, um ihnen nicht grob zu werden: 

Hinweg! Es ziemt in Vaterfreudenstunde 
Nicht Haß dem Herzen, Scheltwort nicht dem Munde. 
Hinweg zu Proteus! Fragt den Wundermann: 
Wie man entstehn und sich verwandeln kann. 

Thaies traut dem Gott, an den sie gewiesen werden, nicht viel Gutes zu, da er ihm als Schelm bekannt ist. Aber um nichts unversucht zu lassen, begleitet er seinen Schützling auch zu Proteus. Nach mancherlei Scherzen macht ihnen dieser einen seltsamen Vorschlag. Homunkulus soll im Ozean ein Lebewesen niederster Ordnung werden, wozu er sich als Hermaphrodit besonders eigne, und sich dann stufenweise zu immer höherer Organisation emporfressen. 

Proteus. 

Du bist ein wahrer Jungfernsohn, 
Eh' du sein solltest, bist du schon! 

Thaies (leise). 

Auch scheint es mir von andrer Seite kritisch: 
Er ist, mich dünkt, hermaphroditisch. 

Proteus. 

Da muß es desto eher glücken; 
So wie er anlangt, wird sich's schicken. 
Doch gilt es hier nicht viel Besinnen,
Im weiten Meere mußt du anbeginnen! 
Da fängt man erst im Kleinen an 
Und freut sich, Kleinste zu verschlingen. 
Man wächst so nach und nach heran 
Und bildet sich zu höherem Vollbringen. 

Homunkulus findet keine Gelegenheit den Übergang von einer niederen in eine höhere Art durch gute Ernährung zu versuchen. Denn es hapert gleich mit dem Anfang, da die Entstehung bei dem einfachsten Organismus ebenso geheimnisvoll ist wie bei dem Menschen. Proteus gibt über das Problem ebenso wenig Aufklärung wie der moderne Darwinismus. In einen Delphin verwandelt, trägt er Homunkulus in das Meer und veranlaßt ihn sich an die Göttin Galatea zu wenden, die mit festlichem Gefolge über das nächtliche Meer daherkommt. Sie gilt dem Dichter als Nachfolgerin der Aphrodite und waltet ,, unsichtbar dem neuen Geschlechte" über alle Zeugung auf Erden. Bei ihr hofft der entzückte Homunkulus die Lösung des Rätsels, das ihn beschäftigt, zu finden. Aber die Annäherung an die Göttin wird ihm verderblich. Bekümmert sieht ihn Thaies an ihrem Muschehwagen zerschellen: 

Homunkulus ist es, von Proteus verführt .... 
Es sind die Symptome des herrischen Sehnens, 
Mir ahnet das Ächzen bcängsteten Dröhnens; 
Er wird sich zerschellen am glänzenden Thron ; 
Jetzt flammt es, nun blitzt es, ergießet sich schon. 

Indem das schützende Glas zerspringt , geht die Individualität des Homunkulus verloren. Die Flamme, aus der er gebildet ist, wird wieder zum Element. So erweist sich der Rat, den ihm Proteus gegeben hat, als ein boshafter Scherz. 

Die Ansicht über die Entstehung des Menschen, die Proteus mit offenbarer Ironie vorträgt , vertrat zu Goethes Zeit im Ernst der Naturforscher Oken. Man erkennt seine Hypothese am bequemsten aus einem Aufsatz ,,über die Entstehung des Menschen", der im Jahre 1819 in der ,,Isis" erschienen ist (S. 1118f.). Oken entwickelt hier zunächst seine bekannte Theorie, wonach der menschliche Embryo im Uterus alle Stufen des Tierreichs nacheinander durchläuft : er ist zuerst ein geschlechtsloses zwitteriges ,, Keimtier", wird dann zum ,, Eingeweidetier", später zum „Sinnentier" und schließlich ein Mensch. Diese Tatsache, meint Oken, gebe einen Fingerzeig, wie man sich die Entstehung der ersten Menschen zu denken habe. ,,Daß aus dem Meer alles Lebendige gekommen , ist eine Wahrheit, die wohl niemand bestreiten wird, der sich mit Naturgeschichte und Philosophie beschäftigt hat. — (Menschliche) Embryonen entstehen ohne Zweifel zu Tausenden im Meer, wenn einmal entstehen. Die einen — verkommen. Was tut das? Sind ja noch Tausende übrig, welche sanft und reif an den Strand getrieben

werden, welche daselbst ihre Hüllen zerreißen, die Würmer ausscharren , die Muscheln und Schnecken aus den Schalen ziehn [vgl. Vers 8261 f.]. — Daß also Kinder im Meer sich entwickeln, sich sodann außer ihm erhalten können, wäre gezeigt. Allein wie kommen sie in dasselbe? Von außen offenbar nicht. Denn im Wasser muß alles Organische entstehen. Sie sind also im Meer entstanden — wie andere Tiere in ihm entstanden sind und noch täglich entstehen, Infusorien, Medusen wenigstens. Wie aus Schleim ein Infusorium zusammengerinnt, ist allenfalls begreiflich; denn ein Tropfen Schleim ist schon ein Infusorium. Daß dieses nach Umständen lang wird, nach Umständen andere sich mit ihm verbinden, und es also ein zusammengesetztes Tier wird, ist wohl auch zu begreifen. — Daß mithin im Meer aus einem Haufen Schleim eine menschliche Zeichnung entstehen könne, ist wohl mehr als gewiß. Eine solche Zeichnung muß immer von vorne entstehen, das heißt aus ungeformtem, mithin flüssigem Schleim. — Der Mensch entsteht mithin als Embryo mit menschlichem Entwurf aus dem Schleim im Meer." 

Wenn sich Proteus in dem Gespräch mit Thaies und Homunkulus als gläubiger Anhänger dieser Lehre aufspielt , so verfährt er ebenso ironisch wie Mephistopheles bei der Schilderung des Vulkanismus. Beide glauben offenbar, es sei schon Spott genug, wenn man diese Absurditäten nur vortrage. 

Okens Aufstellungen bekunden einen platten Materialismus. Er hielt es wirklich für möglich, daß aus dem Meerschleim ein menschlicher Embryo zufällig zusammengeronnen sei. Der Spott gegen diese Meinung, der den Schluß der klassischen Walpurgisnacht durchzieht, gehört in eine Reihe mit dem Spott über

Vulkanismus und Neptunismus. Wie Homunkulus an dem Wagen der Galatea, so zerschellen die mechanischen Theorien an der geheimnisvollen Tatsache des gestaltenden Lebens. Und so klingt die Walpurgisnacht nach all den Spöttereien ernst und feierlich aus in einem Hymnus auf die vier Elemente und den ,,Eros, der alles begonnen". Mit dem mythologischen Namen bezeichnet Goethe den Bildungstrieb , der das in der Materie schlummernde Leben zu immer neuen Gestalten erweckt. So meinten es ja auch die alten Mythologen, die erzählten, auf das Chaos sei die Erde gefolgt und zugleich Eros, als erster der Götter.37 

37. Hesiod, Theogonic 116; Plato, Symposion 6; vgl. Goethe, Der neue Pausias und sein Blumenmädchen, V. 3
                                                           



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