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2019-11-18

Wilhelm Büchner -Fauststudien: Die Klarheit.-Die Erhebung zu dauernden Gedanken (14)

Fauststudien


2. Die Erhebung zu dauernden Gedanken.


Die Unzufriedenheit, die in Faust während der ersten Szenen des Dramas immer mächtiger emporwächst, hat ilire stärkste Wurzel in dem unbefriedigten Erkenntnistrieb. Er mag sich stellen, wie er will, so wird ihm keine Antwort auf die Frage: 

,,Wo faß' ich dich, unendliche Natur .
Euch Brüste, wo? Ihr Quellen alles Lebens, 
An denen Himmel und Erde hängt, 
Dahin die welke Brust sich drängt — 
Ihr quellt, ihr tränkt, und schmacht' ich so vergebens?" 

Nicht einmal wenn er sich auf die Erde beschränkt, vermag er dem Geheimnis des ewigen Schaffens und Zerstörens etwas abzugewinnen. Mit bitteren Worten klagt er, daß sich die Natur vor ihm verschließe. Sie lasse sich des Schleiers, der ihr Geheimnis decke, nicht berauben. So gelangt er zu völligem Nihilismus, ihn ekelt vor allem Wissen.

Die vielzitierten Worte dieses Unmuts laufen Goethes Meinung über den Wert und die Tragweite menschlicher Erkenntnis durchaus zuwider. Faust steht hier auf dem Standpunkt der bekannten Verse Albrechts von Haller: ,,Ins Innre der Natur dringt kein erschaffner Geist, Glückselig, wem sie nur die äußre Schale weist." Goethe verspottet diese Verse in einem Gedicht (, »Allerdings, dem Physiker") als die Weisheit eines Philisters.

,,Wir denken : Ort für Ort 
Sind wir im Innern. — — — 
Natur hat weder Kern noch Schale, 
Alles ist sie mit einem Male;
Dich prüfe du nur allermeist, 
Ob du Kern oder Schale seist!" 

Wenn Faust in den Eingangsszenen des Dramas dazu geführt wird, daß er das Verhältnis des Menschen zur Natur so ansieht wie Haller, so sollen seine entsprechenden Äußerungen nach dem Willen des Dichters nicht als der Weisheit letzter Schluß, sondern als ein Zeichen der Unreife und Verworrenheit betrachtet werden, in der sich der Held nach dem Urteil des Herrn befindet. Er gelangt später zu einer ganz anderen Ansicht. Nach der Rückkehr von den Müttern bekennt er, daß eine entschiedene Wandlung in seiner Weltanschauung eingetreten ist :

„Mein Schreckensgang bringt seligsten Gewinn, 
Wie war die Welt mir nichtig, unerschlossen ! 
Was ist sie nun seit meiner Priesterschaft.? 
Erst wünschenswert, gegründet, dauerhaft!" 

Auf die hohe Bedeutung dieser lakonischen Verse ist schon an einer früheren Stelle hingewiesen worden (S. 34). Faust erkennt bei den Müttern, daß die Gestaltung der Individuen einer jeden Gattung an ein bestimmtes Bildungsgesetz gebunden ist, und aus der Existenz dieser Bildungsgesetze zieht er den Schluß, daß in der Welt überhaupt ein geistiges Prinzip wirksam und als Gesetz und Ordnung zu erkennen ist.

Eine ähnliche Betrachtung findet sich bei Kant in der Kritik der teleologischen Urteilskraft (§ 77). Kant erörtert hier das eigentümliche Wesen der organischen Bildung. Die Teile bedingen bei jedem Organismus das Ganze, aber die Art ihres Wirkens ist von der Idee des Ganzen von vornherein bedingt. Das Ganze ist also der Idee nach früher als die Teile. Der am Organischen gewonnene Begriff führt nach Kant notwendigerweise dazu , daß wir uns das Wirken der Natur überhaupt vernunftgemäß, zweckmäßig vorstellen. „Man ist durch das Beispiel, das die Natur in ihren organischen Produkten gibt, berechtigt, ja berufen , von ihr und ihren Gesetzen nichts , als was im ganzen zweckmäßig ist, zu erwarten."

Kant unterläßt nicht bei dieser Auseinandersetzung zu betonen, daß diese Betrachtungsweise dem Menschen zwar angemessen und einen guten Leitfaden für die Naturbetrachtung gebe, aber nichts Objektives verbürge. Es sei ein regulatives, kein konstitutives Prinzip. Schon Danzel (Goethes Spinozismus S. 132) hat aber darauf hingewiesen, daß Goethe diesen Vorbehalt nicht machte, daß er in dem, was Kant regulative Prinzipien der Urteilskraft nannte, konstitutive sah. Er dachte eben in der Erkenntnisfrage wie Spinoza und die anderen Vertreter des Pantheismus: wenn die menschliche Vernunft von der Außenwelt im Grunde nicht verschieden ist, warum sollen dann unsere Ideen dem Wesen der Dinge nicht adäquat werden können? Von dieser Anschauung abzuweichen, hatte Goethe um so weniger Grund, weil Schelling, der einzige von den zeitgenössischen Philosophen, zu dem er einen ,, entschiedenen Zug" verspürte, um die Wende des Jahrhunderts den Versuch machte, Kants Dualismus zu überwinden, indem er die menschliche Vernunft als letztes Glied einer Kette auffaßte, in welcher sich die Natur steigert. Die ganze zeitgenössische Naturphilosophie teilte Schellings Glauben, daß die Natur mit bewußtloser Intelligenz verfahre und im Denken des Menschen sich deutlich werde über ihre eigenen Prinzipien. Wie fern Goethe der Kantischen Erkenntnislehre geblieben war, zeigt besonders deutlich der 1820 geschriebene kleine Aufsatz ,, Anschauende Urteilskraft", der an Kant anknüpft und doch in folgenden Gedanken ausläuft : ,,Wenn wir ja im Sittlichen durch Glauben an Gott, Tugend und Unsterblichkeit uns in eine obere Region erheben und an das erste Wesen annähern sollen , so dürfte es wohl im Intellektuellen derselbe Fall sein, daß wir uns durch das Anschauen einer immer schaffenden Natur zur geistigen Teilnahme an ihren Produktionen würdig machten."

Goethes Abweichung von Kants Erkenntnislehre muß man sich deutlich machen, um begreifen zu können, warum er seinen Faust sagen läßt, seit dem Gang zu den Müttern sei die Welt für ihn erst wünschenswert, gegründet, dauerhaft. Denn die Bildungsgesetze, auf die uns die Betrachtung der einzelnen Gattungen führt, waren für den Dichter nicht menschliche Einbildungen, sondern wirklich und wirkend. Es sind die Urbilder, von denen er in der ,, Metamorphose der Tiere" sagt:

„Alle Glieder bilden sich aus nach ew'gen Gesetzen, 
Und die seltenste Form bewahrt im Geheimen das Urbild. 
So ist jeglicher Mund geschickt, die Speise zu fassen, 
Welche dem Körper gebührt; es sei nun schwächlich und 
zahnlos Oder mächtig der Kiefer gezahnt, in jeglichem Falle 
Fördert ein schicklich Organ den übrigen Gliedern 
die Nahrung. 
Auch bewegt sich jeglicher Fuß, der lange, 
der kurze. Ganz harmonisch zum Sinne des Tiers und seinem 
Bedürfnis. So ist jedem der Kinder die volle reine Gesundheit 
Von der Mutter bestimmt; denn alle lebendigen Glieder 
Widersprechen sich nie und wirken alle zum Leben." 

In der Wirksamkeit dieser Typen sah Goethe den Beweis für ein geistiges Prinzip, das er sich mit der Materie zusammen bestehend und ewig gleichzeitig vorhanden dachte.34 Diesen Weg geht auch Faust.

34. Vgl. Siebeck, Goethe als Denker, S. 113 f.

Nach der Rückkehr von den Müttern betrachtet er die Welt, die ihm vorher als ein Chaos erschien, als die mehr oder minder vollkommene Verwirklichung eines Systems von Ideen.

 ,,Wem die Natur ihr offenbares Geheimnis zu enthüllen anfängt, der empfindet eine unwiderstehliche Sehnsucht nach ihrer würdigsten Auslegerin, der Kunst." 35 Die würdigste Auslegerin der Natur ist die Kunst , weil sie dasjenige wirklich macht , was in natürlicher Erscheinung aus innerer Schwäche oder aus äußerer Hemmung nur Intention geblieben ist, also , wenn sie das Schöne darstellt. Nach Goethes Ansicht besaßen die griechischen Künstler der besten Zeit in besonders hohem Maß die Fähigkeit, den Sinn der Natur mit persönlicher Großheit zu erfassen und in ihren Werken darzustellen. ,, Diese Kunstwerke sind zugleich als die höchsten Naturwerke von Menschen nach wahren und natürlichen Gesetzen hervorgebracht worden; alles Willkürliche, Eingebildete fällt zusammen, da ist Notwendigkeit, da ist Gott."36

 Was Goethe in Italien fand, als ihm aus den Werken der griechischen Kunst die Schönheit persönlich entgegentrat, als er in Campanien zum ersten Male erkannte, ,,was eigentlich eine Vegetation ist und warum man den Acker baut", das alles erlebt Faust , wenn er sich mit Helena verbindet in dem Märchenland Arkadien, das auch seinerseits ebenso wie die vollkommenste Menschengestalt einen Gipfel irdischer Dinge darstellt.

35. Goethe, Sprüche in Prosa 214. 

36. Ital. Reise, 1787 6. Sept. Vgl. Siebeck S. 82 f

Der Bund mit der Schönheit bedeutet auch für Faust eine Vervollkommnung in der ideellen Denkweise, die das Dauernde im Wechsel erfaßt. Diese höhere Betrachtung der Dinge, flüchtiger Tage großer Sinn, ist es, was ihm von jenem Bunde übrig bleibt: Helenas zurückbleibende Gewände tragen ihn über alles Gemeine am Äther hin.
                                                          



   Bühnenwerke und Fragmente




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