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2019-11-17

Wilhelm Büchner -Fauststudien: Euphorions Sturz. (11)

Fauststudien


III.3. Euphorions Sturz.

In Konflikte, wie sie Goethe und Michelangelo erlebten, muß man sich hineindenken, um den Schluß der ,, Helena" zu verstehen. Denn die Euphoriondichtung wurzelt in der Einsicht, daß es unmöglich ist, die Kunst der Griechen wieder zum Leben zu erwecken. So konnte Goethe sagen, seine ,, Helena" sei zur Schlichtung des Streites der Klassiker und Romantiker gedacht. Wäre Fausts Leben in Prosa erzählt, so müßte dargestellt werden, wie sich bei dem Genuß griechischer Schönheit in ihm der Trieb regt, das Schöne zu gestalten , und wie er an dieser Aufgabe scheitert , weil der Ideen - und Empfindungsgehalt, den er als moderner Mensch seinem Werk zu geben nicht umhin kann, sich den Schranken nicht fügen will, an welche die sinnliche Kunst der Griechen gebunden ist. 

Dieser Gedanke ist in der Dichtung in ein Märchen eingekleidet. Die Schöpfungskraft, die in Faust durch den Bund mit der Schönheit wachgerufen wird , ist in Euphorien objektiviert. Freilich ist die Personifikation mit selbständigem Leben erfüllt und so zum Genius einer Kunst geworden , die höchste Schönheit mit moderner Gesinnung zu vereinigen sucht. Durch die Glieder bewegen sich dem Knaben die ewigen Melodien, das Erbteil der Mutter. Wenn er singend und tanzend den Reigen der Mädchen führt, so ist Helena entzückt. Aber der Geist , der sich in ihm regt und ihn fortreißt von Nahem zu Fernem, ist ihr fremd. Sie mahnt ihn immer wieder an die Schranken, die seiner Existenz gezogen sind.

,Springe wiederholt und nach Belieben, 
Aber hüte dich zu fliegen, freier Flug ist dir versagt." 

So wird auch gleich bei seinem Erscheinen seine Art in einen Gegensatz zu der antiken gestellt. Mephistopheles betont den Unterschied: 

„Höret allerliebste Klänge, 
Macht euch schnell von Fabeln frei, 
Eurer Götter alt Gemenge 
Laßt es hin, es ist vorbei. 

Niemand will euch mehr verstehen. 
Fordern wir doch höhern Zoll : 
Denn es muß von Herzen gehen, 
Was auf Herzen wirken soll."

Diese Innerlichkeit , die unsere Seele ganz anders erregt und ergreift als die alte Kunst, rühmt auch der Chor an Euphorien, indem er Mephisto antwortet : 

„Bist du, fürchterliches Wesen, 
Diesem Schmeichelton geneigt, 
Fühlen wir, als frisch genesen, 
Uns zur Tränenlust erweicht. 

Laß der Sonne Glanz verschwinden. 
Wenn es in der Seele tagt. 
Wir im eignen Herzen finden 
Was die ganze Welt versagt." 

Alles was Goethe für die moderne Kunst charakteristisch schien, ist auf Euphorien übertragen. Schon in seinem Äußeren soll bemerklich werden , daß das Geistige bei ihm zu sehr überwiegt: „etwas bläßlich" wird er in einer Skizze genannt (zu V. 9603—6). Ihm fehlt die ins Reale verliebte Beschränktheit, die Goethe bei dem Künstler für so notwendig hielt. Nicht das Objekt erfreut ihn, sondern das Spiel, das seine Willkür damit treibt. Leichterrungenes widert ihn, nur das Erzwungene ergötzt ihn. Wenn er von steiler Höhe den Peloponnes überblickt, verkündigt er nicht, was er sieht, sondern was er dabei denkt und fühlt. 

Vor seiner Einbildungskraft schwinden alle Schranken : die blumenstreifigen Gewände erscheinen ihm als Waffen, sobald er der Waffen zu bedürfen glaubt. Kaum gedenkt er der Heldentaten der alten Hellenen , so treten kämpfende Heere vor sein geistiges Auge. Er hört den Schlachtendonner und träumt sich in Kampf und Sieg hinein. Und er braucht es nur zu wünschen, so spürt er, wie ein Flügelpaar sich an seinem Leib entfaltet. So feiert das Streben ins Unbedingte, das den Freiheitstrunkenen durchglüht, seinen höchsten Triumph: er wirft sich in die Lüfte zu dem ihm versagten freien Flug. 

Aus dem Munde des Chors ertönt nach seinem Sturz ein Trauergesang, der auf den ersten Blick der Situation ganz angemessen erscheint. Sieht man aber genauer zu, so zeigt sich, daß hier nicht Euphorien, sondern der englische Dichter Byron angeredet wird. Aus der nur für die Einbildungskraft existierenden Welt der Dichtung werden wir, wie an bestimmten Stellen der attischen Komödie, mit einem Schlag in die historische Wirklichkeit gerissen: Byrons Charakter, sein Zug nach Griechenland, der Fall von Missolunghi ziehen im Flug an uns vorüber. Vorbereitet wird die überraschende Einlage durch die szenarische Bemerkung zu V. 9902, wo es nach Euphorions Sturz heißt: ,,man glaubt in dem Toten eine bekannte Gestalt zu erblicken". Der Dichter verlangt also, daß für unsere Phantasie der stürzende Genius die Züge eines bestimmten Individuums annehme, damit der folgende Trauergesang am Platze sei. Gedichtet ist das Lied auf die Nachricht von der Eroberung Missolunghis. Diese Nachricht traf Goethe bei der Vollendung der Helenadichtung (Juni 1826) und weckte in ihm die Erinnerung an den englischen Dichter, dessen Talent er immer so hochgeschätzt , und dessen Schicksal er mit herzlicher Teilnahme verfolgt hatte. Dem Frühverstorbenen zuliebe ließ er in dem nachträglich in die Dichtung eingeschobenen Trauergesang die trojanischen Mädchen aus der Rolle fallen. Ganz einsichtig bemerkte Eckermann in einem Gespräch mit Goethe (5. Juli 1827): ,,Das Lied mußte nun einmal gesungen werden, und da kein anderer Chor gegenwärtig war, so mußten es die Mädchen singen." Worauf Goethe lachend erwiderte: ,,Mich soll nur wundern, was die deutschen Kritiker dazu sagen werden, ob sie werden Freiheit und Kühnheit genug haben, darüber hinweg zu kommen."

Obwohl der Trauergesang einem subjektiven Bedürfnis des Dichters entsprungen ist , so ist er doch nicht ohne künstlerische Absicht in die Euphoriondichtung eingeschoben. Wird doch dadurch der BUck " auf einen Dichter gerichtet , an dem die Maßlosigkeit des modernen Wesens besonders deutlich in die Erscheinung tritt. Die Entzweiung Byrons mit dem Leben, die hier beklagt wird, fließt aus derselben Quelle, die auch dem künstlerischen Schaffen des modernen Menschen gefährlich wird: es ist das Gefühl der Selbstherrlichkeit, das sich auflehnt gegen Zwang und Schranke. 

So fehlt in der Einlage nicht die Beziehung auf die Haupthandlung. Dagegen hat die Haupthandlung mit Byron natürlich nichts zu tun. Die Gestalt Euphorions stand in ihren wesentlichen Zügen bei Goethe schon zu einer Zeit fest , als Byron noch gar nicht geboren war. Schon in der Skizze der Urgestalt er- scheint der Sohn Fausts und Helenas , und zwar so, daß man sofort erkennt: er ist kein menschliches,! sondern ein allegorisches Wesen. Es heißt hier nämlich nach Fausts Vermählung mit Helena: ,,Ein Sohn entspringt aus dieser Verbindung, der, sobald er auf die Welt kommt, tanzt, singt und mit Fechterstreichen die Luft teilt." Der Tod des Wunderknaben erfolgt hier, weil er gegen das Gebot seiner Mutter Helena eine bestimmte Linie überschreitet, in einer anderen Skizze (Paral. 168) bei ,, Kunststücken", die er in , .freudiger Eitelkeit" unternimmt. Es ist ihm also von vornherein in den Entwürfen das rücksichtslose Streben nach dem ihm Versagten beigelegt , das auch in der veröffentlichten Dichtung seinen Untergang herbeiführt. Auf die schließliche Gestalt, die der Dichter dem Märchen gegeben, hat die Darstellung des jungen Apollo in dem homerischen Hymnus und der Phaethon des Euripides leicht erkennbaren Einfluß ausgeübt.
                                                                 



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