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2019-11-15

Wilhelm Büchner -Fauststudien: Kaisers-Staatsrat und Mummenschanz (4)

Fauststudien


II. Staatsrat und Mummenschanz.

Zwischen dem Kaiser der Faustdichtung und dem Kaiser der Entwürfe besteht eine unverkennbare Ähnlichkeit. Als eine oberflächliche Natur war er für den Dichter auch bei der Vollendung des Werks der Gegenstand einer versteckten Satire. In ihm ist ein Fürst dargestellt, der alle möglichen Eigenschaften hat sein Land zu verlieren. ,,Das Wohl des Reichs und seiner Untertanen macht ihm keine Sorge; er denkt nur an sich und wie er sich von Tag zu Tag mit etwas Neuem amüsiere. Das Land ist ohne Recht und Gerechtigkeit, der Richter selber mitschuldig und auf der Seite der Verbrecher, die unerhörtesten Frevel geschehen ungehindert und ungestraft. Das Heer ist ohne Sold, ohne Disciplin und streift raubend umher, um sich seinen Sold zu verschaffen und sich selber zu helfen, wie es kann. Die Staatskasse ist ohne Geld und ohne Hoffnung weiterer Zuflüsse. Im eigenen Haushalte des Kaisers sieht es nicht besser aus : es fehlt in Küche und Keller Der Staatsrat will Sr. Majestät über alle diese Gebrechen Vorstellungen tun und ihre Abhülfe beraten; allein der gnädigste Herr ist sehr ungeneigt , solchen unangenehmen Dingen sein hohes Ohr zu leihen ; er möchte sich lieber amüsieren. Hier ist nun das wahre Element für Mephisto".4 Er begünstigt die Schwächen des Kaisers in der unverschämtesten Weise. Die Geldnot im Reiche und am Hofe zu beseitigen, welche Kleinigkeit! Liegen doch überall im Boden vergrabene Schätze , die man nur zu heben braucht. Der Schalk weiß sie so anschaulich zu schildern, daß dem Kaiser und seinen Räten das Wasser im Munde zusammenläuft. Es wäre ja freilich bequemer, durch einige Zauberkreise und unsinniges Gemurmel der Not des Reiches abzuhelfen, als durch Sparen und geordnete Tätigkeit. Der Kaiser kann es gar nicht abwarten, daß das Wunder geschieht, und drängt Mephisto zu einem sofortigen Versuch: 

,,Nur gleich, nur gleich! Wie lange soll es währen!" 

Doch läßt er sich schließlich dazu bestimmen, seine Ungeduld bis zum Ende der Fastnachtszeit zu zügeln. Am Aschermittwoch soll das große Schatzgraben beginnen. In der frohen Erwartung, daß dann alle Verlegenheit ein Ende haben soll, feiern sie nur lustiger das wilde Karneval. In diesen Kreis , wo die Torheit herrscht , der es nicht einfällt, daß sich das Glück mit dem Verdienst

verkettet, tritt Faust, erfüllt von der Gesinnung, zu der er sich in dem Eingangsmonologe des zweiten Teiles bekennt, indem er der erwachenden Erde zuruft: 

„Du regst und rührst ein kräftiges Beschließen, 
Zum höchsten Dasein immerfort zu streben." 

Der Dichter schildert nicht , wie Faust von Mephisto am Hofe eingeführt wird. Die- auf den Staatsrat folgende Szene ,, Mummenschanz" setzt die Einführung als geschehen voraus; denn Faust könnte an dem Maskenfest der Hofgesellschaft doch nicht teilnehmen, wenn er mit dem Kaiser nicht schon bekannt wäre. In der Rolle, die er bei diesem Maskenfest spielt, spiegelt sich die Auffassung, die er von seiner Aufgabe am Kaiserhofe hat. Diese indirekte Darstellung ist ein eigentümlicher Kunstgriff des Dichters, durch welchen er den widerstrebenden Gegenstand, das alte Danischmendmotiv, nach mancherlei Versuchen künstlerisch gestaltet hat. Fausts Beteiligung an der Maskerade erfordert deshalb sorgfältige Aufmerksamkeit. 

Wie der Herold am Anfange des Maskenfestes mitteilt, hat der Kaiser bei seiner Romfahrt den Karneval kennen gelernt und läßt ihn nun von der Hofgesellschaft reproduzieren. Er hält es mit seiner kaiserlichen Würde für vereinbar, dabei selbst in der Maske des Pan mit einem sehr ausgelassenen Gefolge zu erscheinen. 

Von dem festlichen Treiben der Hofgesellschaft sondern sich die Gruppen der Victoria und des Plutus durch die bei ihnen vorkommenden Zaubereien deutlich ab. Sie werden auch von dem Herold als ein fremdartiges Element bezeichnet (V. 5394). Faust wirkt hierbei nicht nur als Plutus mit , sondern von ihm stammen auch die Gedanken, die in diesen beiden Gruppen allegorisch dargestellt werden.

4. Goethe zu Eckermann 1.Okt. 1827

In der ersten Gruppe wird Victorie, „die Göttin aller Tätigkeiten", verherrlicht und die Klugheit gepriesen, welche Hoffnung und Furcht, die zwei schlimmsten Menschenfeinde, gefesselt hält. Neid und böser Wille, die ewigen Feinde jener Victorie, werden als ZoiloThersites gegeißelt. Was Faust hier andeutet, wird in Goethes ethischen Betrachtungen oft berührt: der Mensch soll den Augenblick ergreifen und ihn durch Tätigkeit adeln. Das Hinstarren auf das Kommende sei denen überlassen, von welchen es in den ,, Zahmen Xenien" heißt : 

,,Was ist ein Philister.' Ein hohler Darm, 
Mit Furcht und Hoffnung ausgefüllt, daß Gott erbarm!" 

In der nächsten Gruppe erscheint Plutus, der Gott des Reichtums. Seine wohlverschlossene Schatzkiste hütet der Geiz, ein geheimnisvoller Knabe lenkt das Viergespann. Die Figur des Plutus ist hier ganz anders behandelt als etwa in Lukians ,,Timon" oder in dem Kampfgespräch von Hans Sachs, wo der Gott zum Trost für alle diejenigen, die nichts haben, möglichst schlecht gemacht wird. Hier in dem Maskenspiel werden die wohltätigen Folgen des Reichtums verherrlicht. Ein König ,, reich und milde" ist Plutus der Schöpfer alles Behagens, der Beschützer des ,, Knaben Lenker". 

In diesem ist die Poesie persönlich dargestellt. Darunter kann man hier natürlich nicht die Kunst verstehen, die sich der Worte als Zeichen bedient. In Goethes Zeit wurden ,, Poesie" und die verwandten Wörter wie Dichtung, poetisch, dichten u. dgl. oft in einem allgemeineren Sinn gebraucht, der uns ziemlich fremd geworden ist. So definiert das Wörterbuch von Adelung die Dichtkunst als ,,die Kunst die Teile eines vorher in Gedanken zergliederten Dinges willkürlich wieder zusammenzusetzen , in welchem Verstande Dichtkunst alle schönen und bildenden Künste unter sich begreift". Wird hier jede Art künstlerischen Vermögens als ein „Dichten" angesehen, so dehnt Goethe diesen Begriff noch weiter aus. In seiner Rezension der Voß'schen Gedichte lesen wir z. B.: „Wenn uns die Erzeugnisse des eigenen Grund und Bodens am besten schmecken, wenn wir glauben durch Früchte aus unserem Garten auch Freunden das schmackhafteste Mahl zu bereiten, diese Überzeugung ist schon eine Art von Poesie, welche der künstlerische Genius in sich nur weiter ausbildet." Und so wünscht der Dichter (Sprüche in Prosa 247) jedem wohlgesinnten Deutschen ,,eine gewisse Portion poetischer Gabe als das wahre Mittel seinen Zustand von welcher Art er auch sei mit Wert und Anmut einigermaßen zu umkleiden". Poesie im allgemeinsten Sinn ist demnach für Goethe die Fähigkeit des Menschen, zu der realen Welt eine Welt des Scheins hinzuzufügen. In einzelnen Individuen steigert sich dieses Vermögen zu künstlerischer Gestaltungskraft. 

Was wir ohne dieses Vermögen entbehren würden, faßt Schiller in dem Gedicht ,, Poesie des Lebens" zusammen: 

,, — Du — blickst, mein strenger Freund, 
Aus der Erfahrung sicherm Porte 
Verwerfend hin auf alles, was nur scheint. 
Erschreckt von deinem ernsten Worte, 
Entflieht der Liebesgötter Schar; 
Der Musen Spiel verstummt, es ruhn der Hören Tänze. 
Still trauernd nehmen ihre Kränze 
Die Schwestergöttinnen vom schön gelockten Haar;
 Apoll zerbricht die goldne Leier 
Und Hermes seinen Wunderstab; 
Des Traumes rosenfarbner Schleier 
Fällt von des Lebens bleichem Antlitz ab. 
Die Welt scheint, was sie ist, ein Grab."

Dieses Reich holden Scheins kann sich nach Fausts Meinung der Mensch nicht oder nur kümmerlich schaffen, wenn er im Zwange der Dürftigkeit dahinlebt und alle Kräfte für das Notwendige gebraucht. Dieser Gedanke w'ird in der Allegorie dadurch ausgedrückt, daß sich der Knabe Lenker gern in den Dienst des Plutus stellt ; er betrachtet ihn als seinen ,, nächsten Anverwandten". Aber auch Plutus weiß, daß das Behagen, das er selbst dem Menschen schafft, geschmückt und geadelt wird durch die Tätigkeit des Knaben. Ihm dankt er den Lorbeer, den er auf der Stirne trägt, und den er am höchsten schätzt von allen seinen Kronen. So stellt er dem Knaben das Zeugnis aus, er sei sein lieber Sohn, an dem er Wohlgefallen habe

,, Faust nimmt alles, was irgend von Geist und Kenntnis in seinem Kopfe ist, zusammen und spricht von den erhabensten Gegenständen." So hieß es schon in dem alten Plan von Fausts Verkehr mit dem Kaiser. Hier erscheint das Motiv in der Dichtung.5 Gemäß den Gesinnungen, die Faust hier allegorisch ausdrückt, müssen wir uns seinen Verkehr mit dem Kaiser denken. Er will dem Kaiser den ersehnten Reichtum schaffen, aber nicht durch ein Wunder, sondern wie so mancher Idealist an den verschuldeten Höfen des achtzehnten Jahrhunderts, durch vernünftige Förderung aller Tätigkeiten. Und der durch die Entfesselung der produktiven Kräfte geschaffene Reichtum soll nicht in schalen Vergnügungen vergeudet werden, sondern gestatten ein Mediceisches Regiment zu führen.

5. Faust sollte am Schluß der Maskerade seine Absichten deutlich aussprechen , vgl. Paral. 1o6 „Faust den Heroldstab fassend enthüllt das Ganze". Der schon oft gemachte Versuch, den ganzen Maskenzug in Abhängigkeit von Faust zu bringen, ist nicht durchführbar. Goethe hat die Szene mit Benutzung seiner römischen Erinnerungen und der florentinischen triomphi aus der Zeit des Lorenzo Magnifico so weit ausgedehnt, weil er zu Fausts Begeisterung für antike Schönheit überleiten will. Deshalb betont er in der Ankündigung des Herolds den italienischen Charakter des Festes und stellt es in Gegensatz zu der deutschen Fastnacht mit ihren ,, Teufels- Narren- und Totentänzen" (V. 5065J.)

Die Gedanken und Wünsche, die Faust bewegen stehen zu der Gesinnung des Hofes, wie sie besonders in den Verhandlungen des Staatsrates zutage tritt , in einem schneidenden Gegensatz. Der Kaiser und die Seinen wollen keine Vertröstungen auf die Zukunft, sondern sofortige Hilfe aus peinlicher Verlegenheit keine Ideale, sondern Geld, keine Tätigkeit, sondern Vergnügen. Was soll ihnen Fausts Hymnus auf die menschliche Arbeit ! 

„Droben aber auf der Zinne 
Jene Göttin mit behenden 
Breiten Flügeln, zum Gewinne 
Allerseits sich hinzuwenden. 
Rings umgibt sie Glanz und Glorie 
Leuchtend fern nach allen Seiten; 
Und sie nennet sich Victorie, 
Göttin aller Tätigkeiten." 

Vergebens sucht Faust in der Maske des Plutus dem Kaiser klar zu machen , daß des Plutus Schätze so mühelos nicht zu haben sind, als er sich in seiner Hoffnung auf die Schatzgräberei am Aschermittwoch einbildet. Das ist wohl der ernste Sinn eines Maskenspaßes, den sich Faust mit dem Kaiser erlaubt. Man erinnere sich an die Stelle, wo eine Deputation der Gnomen zu dem als Pan verkleideten Kaiser kommt und ihn auffordert, die mit Gold und Edelsteinen bis zum Rande gefüllte Schatzkiste des Plutus sich anzueignen. Sei doch hier bequem und auf einmal zu haben, was sonst mühsame Arbeit im Innern der Erde zusammensuche. Als der Kaiser dieser Aufforderung folgend, an die Kiste herantritt, erschreckt Faust durch einen Scheinbrand ihn und das Hofgesinde. ,, Kiste schlägt zu fliegt fort", heißt es in einer Skizze im Anschluß an den Brand (Paral. 106). 

Aber die Hoffnung des Kaisers, sofort und ohne Mühe aus der Geldklemme zu kommen , ist durch Mephistos Versprechungen so angeschürt , daß Faust jeden Versuch eines Wirkens am Hofe aufgeben müßte, wenn nicht auf der Stelle ein Wunder geschähe. In diesen Zusammenhang gehören die in einem Paralipomenon (113) erhaltenen hämischen Worte Mephistos : 

,,Er mag sich wie er will gebärden, 
Er muß zuletzt ein Zaubrer werden." 

Das Zaubermittel, zu dem sich Faust durch die Verblendung des Hofes drängen läßt, ist das Papiergeld. 

Es ist eine empfindliche Lücke in der Dichtung, daß der Schluß des Maskenfestes nicht dargestellt ist. Aus den Andeutungen der folgenden Szene ergibt sich , daß Faust noch während des Festes den Entschluß faßt, den Kaiser sofort aus der Geldnot zu befreien. Dazu bedarf er Mephistos Hilfe. Mit dem betrügerischen Unsinn der Schatzgräberei kann dieser einem Faust natürlich nicht kommen; aber der Nieverlegene weiß ein Mittel, das auch einen Klugen betören kann. Mit Fausts Einwilligung bringt er es dahin, daß der Kaiser noch während des Festes ein Papier unterschreibt, das dadurch zu Geldeswert erhoben und in der Nacht vervielfältigt wird.6

6. Vgl. V. 6067 f., 6052 und Eckcrmanns Bericht vom 27. Dez. 1829

Der Gedanke, daß Faust an dem Hofe unversehens zu Mephistos Mitteln gedrängt wird, tritt schon in der Skizze der Urgestalt (Paralip. 63) deutlich hervor. Dort macht Faust vor der Audienz die Bedingung: „Mephistopheles dürfe nicht in den Saal, sondern müsse auf der Schwelle bleiben, ferner daß in des Kaisers Gegenwart nichts von Gaukelei und Verblendung vorkommen solle." Als er aber mit seinen höheren Forderungen und höheren Mitteln keinen Eindruck auf den Kaiser macht, sieht er sich verlegen nach Mephistopheles um, ,, welcher sogleich hinter ihn tritt und in seinem Namen antwortet".



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