> Gedichte und Zitate für alle: 2. Die klassische Walpurgisnacht. V. 7005—8487. (16)

2019-12-14

2. Die klassische Walpurgisnacht. V. 7005—8487. (16)

Veit Valentin: Goethes Faustdichtung in ihrer künstlerischen Einheit

Die klassische Walpurgisnacht. V. 7005—8487.

Mit der klassischen Walpurgisnacht beginnt der Eintritt des Faust in das Altertum. Da er nicht in die Zeit zurückversetzt werden kann, so bleibt nichts Anderes übrig, als das Altertum wieder aufleben zu lassen , und es so in seine Zeit zu bringen. Um dies zu können , nimmt der Dichter eine in der Sagenwelt sich vielfach wiederholende, als Thatsache betrachtete und behandelte Anschauung zu Hilfe, nach der die bei einem wichtigen Ereignis Beteiligten nach ihrem Tode dieses als Geister immer wiederholen müssen. Wie die Schlacht auf den katalaunischen Feldern von den Geistern der Erschlagenen immer wieder erneut und fortgekämpft wird , so wird dies hier von der Schlacht bei Pharsalus angenommen : sobald der Jahrestag sich wiederholt, taucht auch das »Nachtgesicht der sorg- und grauenvollsten Nacht« wieder auf. In ihr lagert einerseits Pompeius, andrerseits Cäsar: jener träumt »früher Gröfse Blütentag« dieser, der Klügere, wacht, dem schwanken Zünglein lauschend. Überall glühen die Wachtfeuer der gespenstischen Soldaten, die dem Entscheidungskampf entgegenharren : da »angelockt von seltnem Wunderglanz der Nacht Versammelt sich hellenischer Sage Legion. Um alle Feuer schwankt unsicher, oder sitzt Behaglich, alter Tage fabelhaft Gebild.« So ruft die Wiederkehr der Geisterschlacht die ganze Masse der der griechischen Sage entstammenden Geisterscharen wach : was einst historisch gelebt hat, lebt geisterhaft noch weiter und freut sich dieses Anlasses, sich zu sammeln und sein Wesen zu treiben : erst hierdurch gestaltet sich das alte Schlachtfeld zum Tummelplatz des Geisterlebens, bei dem jeder nach seiner Art, nach seinem Wesen sich ergeht, wie es ihm von alter Zeit her eigen ist. Diese Geister bleiben daher auch, wie der Mond aufgeht und seinen milden Glanz überall hin verbreitet : der Zelten Trug verschwindet, die Geisterwelt selbst, die keine Trugerscheinung, sondern echte Wirklichkeit ist, bleibt.

Den. dramatischen Träger für das, was das Verständnis der Lage und der auf ihr sich erhebenden Handlung fördert, gewinnt der Dichter durch Anschlufs an die antike Tragödie. Sobald wir in das hellenische Altertum geführt werden, beginnt auch die antike Kunstform ihre Herrschaft auszuüben. Nicht erst das Helenadrama, sondern schon dieser zweite Teil der Vorbereitung zu ihr zeigt charakteristische Merkmale der griechischen Tragödie , ohne dafs der Dichter auf eine sklavische Nachahmung ausginge. Die klassische Walpurgisnacht beginnt er mit einem Prolog und führt sie dann in fünf deutlich voneinander gegliederten Handlungen durch, ganz ebenso wie das Helenadrama selbst. Da aber hier die moderne Welt noch in höherem Mafse herrscht als dort, so ist auch die Kunstform , besonders die Versbildung", überwiegend in moderner Art durchgeführt: »Die klassische Walpurgisnacht mufs in Reimen geschrieben werden, und doch mufs alles einen antiken Charakter tragen,« sagte Goethe nach Eckermann (15. Januar 1827). Um so wirksamer und die innere Verschiedenheit auch äufserlich wiederspiegelnd ist es daher, wenn der Prolog in dem strengen Mafse des uns ernst und würdevoll klingenden jambischen Trimeters einherschreitet. Die alte Zauberin Erichtho, die einst von Sextus Pompeius vor der weltherrschaftentscheidenden Schlacht bei Pharsalus befragt worden war, ist die für die Einführung in das Schauderfest dieser Nacht geeignetste Persönlichkeit. Wohl ist sie sich bewufst, dafs sie besser ist, als ihr Ruf: darum ist sie denn auch sorgfältig darauf bedacht, ihn aufrechtzuerhalten, namentlich den leidigen Dichtern gegenüber. So will sie ganz besonders keinem Menschen schädlich sein. Sie hat nun dieses Schauspiel des sich immer wiederholenden Kampfes um die Herrschaft schon gar oft mitgemacht und ist wenig erbaut von dieser Mifsgunst des einen gegen den andern, zumal »jeder, der sein innres Selbst nicht zu regieren weifs, regierte gar zu gern des Nachbars Willen , eignem stolzem Sinn gemäfs« : sie mifsbilligt dies, nicht aus Langeweile wie Mephistopheles: »Mich langeweilt's, denn kaum ist's abgethan, So fangen sie von vorne wieder an; und keiner merkt, er ist doch nur geneckt Vom Asmodeus , der dahinter steckt« (V. 6958 ff.), sondern um der Sache selbst willen. So ist hier ein Gedanke, der Kampf um die Herrschaft aus Herrschsucht, zum zweiten Male betont, der in dem


Drama später zur Thatsache werden und in den Fortgang der Entwickelung eingreifen soll , der daher hier schon vorandeutend anklingt, den rechten Standpunkt für das spätere Ereignis im voraus feststellend. Erichtho wird in ihren Reflexionen und der Schilderung der äufseren Vorgänge, des Herbeiströmens und des Gebahrens der Geister der hellenischen Sagenwelt durch ein »unerwartet Meteor« unterbrochen. Sie wittert Leben. Da sie Lebendigem schädlich ist, was wiederum ihren guten Ruf in Gefahr bringt , so weicht sie mit Wohlbedacht aus : so ist die Lage klar gelegt, in die nun die » Luftfahrer eintreten. Der Prolog ist zu Ende, es beginnt die erste Handlung.

Die erste Handlung (V. 7040—7248). 

Die Luftfahrer erscheinen zunächst oben in der Luft schwebend : Mephistopheles fühlt sich noch recht unbehaglich; das fremde Terrain erfüllt ihn mit Mifstrauen — ist doch sein ganzes Kommen ein widerwilliges. Homunkulus will ihn vertraulich stimmen ; er weist ihn daher auf die Verwandtschaft der Erscheinungen hier mit den dem Mephistopheles vertrauteren hin : hier ist es wie dort »gar gespenstisch anzuschauen«. Damit Mephistopheles Zeit hat, sich alles noch einmal recht deutlich anzusehen, schwebt Homunkulus lieber noch einmal die Runde : in dem Ausdruck »schwebe noch einmal die Runde« ist »ich« zu ergänzen; ein unzweifelhaftes Beispiel für eine solche Auslassung giebt das Lied an Belinde an der Stelle, wo eine Fassung der Verbalform als Imperativ ausgeschlossen ist: »Heimlich in mein Zimmerchen geschlossen Lag im Mondenschein.« Homunkulus hatte Mephistopheles wohl schon ermutigt, aber noch nicht mit dem erwünschten Erfolg. Da sagt er: nun so schweb' ich noch einmal die Runde. Dieses Entgegenkommen hat auch die gehoffte Wirkung : wenn Mephistopheles hier ganz abscheuliche Gespenster sieht, als ob er durch's alte Fenster in des Nordens Wust und Graus blickte, so fühlt er sich hier wie dort zu Haus. Da sehen beide die Erichtho weiten Schrittes forteilen : damit stellt der Dichter die Verbindung der Handlung mit dem Prologe her, ohne dafs ein Zwiegespräch entstünde. Homunkulus rät, sich nicht um sie zu kümmern : Mephistopheles soll Faust niedersetzen : auf ihn kommt es an. Auch hier ist Homunkulus der Führer, der bestimmt, was für Faust zu thun ist.

Nun endlich läfst Mephistopheles den Faust nieder : sowie dieser den Boden berührt, erwacht er, und das, was ihn ganz erfüllt, die Sehnsucht, Helena wiederzusehen und sie zu gewinnen, bricht sofort in der Frage hervor: »Wo ist sie?« Homunkulus weifs nur, dafs sie sich hier wohl wird erfragen lassen, und so macht der egoistische Mephistopheles, der »auch hier an seinem Teil« und daher nur für sich besorgt ist, der hier überhaupt gar nicht daran denkt, Faust zu dienen, geschweige denn ihn zu leiten, jetzt den Vorschlag, »jeder möge durch die Feuer Versuchen sich sein eigen Abenteuer«. Faust von seinem einzigen Gedanken erfüllt, hört weder auf die Aufforderung des Mephistopheles, noch auf dessen Ausmachung dafs Homunkulus seine Leuchte aufblitzen und klingen lassen solle, damit sie sich wieder vereinigen könnten : die beiden entfernen sich, Faust begegnet dem Homunkulus nicht wieder. Homunkulus, dessen Wesen er nicht kennt und den kennen zu lernen er keine Stimmung hat , vermag ihm keinerlei Teilnahme zu erwecken. So wichtig er für die Verwirklichung von Fausts Ziel ist , so wenig kann Faust das Verhältnis des Homunkulus zu diesem Ziel erkennen: jeder geht seinen eignen Weg, ohne sich weiter um den anderen zu kümmern.

Und doch hat Faust wenigstens ein wichtiges, ermutigendes Wort von Homunkulus gehört. Homunkulus fordert ihn auf, eh' es tagt, von Flamm' zu Flamme spürend zu gehen, um Helena zu erfragen: »Wer zu den Müttern sich gewagt, Hat weiter nichts zu überstehen.« Damit wird Faust hinlänglich auf die ihm neuen und wunderbaren Verhältnisse hingewiesen. Nachdem er durch die Fahrt zu den Müttern in das Reich einer Wunderwelt eingetreten ist, giebt es für ihn nichts mehr, was diesem Wagnis gliche. Und in der That ist das Aufsuchen des Schattenbildes der Helena in der Unterwelt etwas Einfacheres, etwas der menschlichen Natur näher Stehendes als das Aufsuchen der ewigen Idee in ihrem räum und zeitlosen Dasein. Und Faust nimmt denn auch die natürliche Aufgabe, die ihm hier zur Lösung gestellt ist, mit vollstem Ernst auf, ohne sich durch die Seltsamkeit seiner Umgebung abschrecken zu lassen. Das Eine, zugleich das zunächst Wichtigste, hat er beim Berühren des Bodens sofort empfunden : er ist in Griechenland die erste Voraussetzung für die Auffindung der Helena ist damit gegeben. Das erfüllt ihn mit Zuversicht und Stärke, wie den Antäus die Berührung des mütterlichen Bodens: für die Erfüllung seiner Sehnsucht ist Griechenland dieser Mutterboden. So ist er entschlössen : »Und find' ich hier das Seltsamste beisammen, Durchforsch' ich ernst dies Labyrinth der Flammen.

Mit diesem gemeinschaftlichen Auftreten der drei Wanderer ist die Handlung eingeleitet. Sie beginnt ihre Entfaltung mit dem Einzelauftreten des Mephistopheles, der sich hier überall fremd fühlt und dessen niedrige Natur nicht umhin kann, überall anzustofsen. Mit seinen ersten Begegnungen werden wir zu den ältesten Gestaltungen der griechischen Mythologie geführt, so dafs uns das griechische Altertum von seiner Urzeit an erscheint : so kann es durch alle seine Epochen aufs neue durchlebt werden.

Mephistopheles bemüht sich äufserlich, das »widrige Volk« als neuer Gast anständig zu grüfsen, giebt aber sofort den Greifen, die er als Greise anredet, Anlafs zur Abwehr solchen Grufses. Aber Mephistopheles läfst sich nicht irre machen. Die Greife weisen die Anrede »Greis« zurück, weil die sonst nur widrige Vorstellungen erweckenden Anlaute Gr— sie verstimmen; aber Mephistopheles weist scharfsinnig darauf hin, dafs im Laut ihres Namens die Übereinstimmung mit dem zurückgewiesenen »Grei—se« doch in der Silbe Grei — vorhanden ist, und dafs diese sie nicht verstimme: lassen sie sich doch gerne »Grei—fe« nennen! Sie aber sind auch hier um die Antwort nicht verlegen : die Stammbedeutung des Greifens überwiegt mit ihrer erfreulichen Seite den Mifsklang des Namens, so dafs dieser um des Inhaltes willen gerne ertragen wird. Damit ist zugleich die habgierige und ängstlich festhaltende Natur der Greise enthüllt : so können sich bei ihnen die goldsammelnden Ameisen über die Arimaspen beklagen , von denen sie des Goldes beraubt worden sind. Ganz andre Wesen sind die Sphinxe : sie repräsentieren die edle Gesinnungsweise des Altertums und sind daher dem Mephistopheles innerlich zuwider. Er schmeichelt ihnen, aber obgleich sie auf ihre Frage nach seinem Namen eine doppelzüngige Antwort erhalten , erkennen sie ihn doch , wie es aus dem Rätsel hervorgeht, mit dem sie sein Doppelwesen schildern ; zudem bemüht er sich vergeblich : er glaubt in seinem eignen Interesse zu handeln und erreicht damit nur gegen seinen Willen »Zeus zu amüsieren«. So hört Mephistopheles die bittere Wahrheit, die ihm schon Gott selbst gesagt hat , auch aus dem Munde dieser alten Weisheitsverkünderinnen : indem er glaubt, seine Zwecke zu verfolgen, trägt er zur Erfüllung der Absichten der höchsten Gottheit bei, nach griechischem Ausdrucke des Zeus , der als solcher sich über eine derartige Selbsttäuschung noch amüsiert: Gott selbst hat sich bekanntlich das Lachen abgewöhnt. Wie gut die Sphinxe den Mephistopheles erkennen , zeigen sie damit , dafs ihnen sogar seine eigentliche Körpergestaltung durch seine Verkleidung nicht verborgen bleibt: »Dir mit verschrumpftem Pferdefufse Behagt es nicht in unserm Bund« : gegen den Scharfblick von Geistern halten falsche Waden nicht stand. So erfährt Mephistopheles von den derben Greifen , die ihn nicht mögen , und von den milderen Sphinxen , die erst gereizt ihn scharf behandeln, gleichmäfsig Zurückweisung : er bewegt sich hier auf einem Boden, wohin sein Wesen nicht pafst.

Da tritt ein neues Element in die Handlung ein, die zu wichtiger Rolle bestimmten Sirenen : sie stehen im Gegensatz zu den Sphinxen. So wie diese die klugen Ratgeberinnen für das auf dem Lande Geschehende sind, so wissen die Sirenen auf dem Wasser Bescheid. Um diese Gegenüberstellung zu einer Ergänzung zu machen — der Dichter braucht Führerinnen für das Wasser ebenso wie für das Land—, hat Goethe eine Umgestaltung des sonst bekannten Charakters der Sirenen vorgenommen : sie sind als die verführerischen und verderblichen Gestalten bekannt, wie die Sphinxe sie auch wirklich schildern: »Nötigt sie herabzusteigen ! Sie verbergen in den Zweigen Ihre garstigen Habichtskrallen, Euch verderblich anzufallen, Wenn ihr euer Ohr verleiht.« Aber die Sphinxe irren sich hier : die Sirenen, die Vertreterinnen des Wassers, von dem alles Heil kommt, wollen in dieser Geisternacht von diesen alten Dingen nichts wissen : hier gehört eine andre Gesinnung her: sWeg! «las Hassen, weg das Neiden ; Sammeln wir die klarsten Freuden, Unterm Himmel ausgestreut! Auf dem Wasser, auf der Erde Sei's die heiterste Gebärde, Die man dem Willkommnen beut!« So tritt den mifstrauischen Sphinxen, die dem beweglichen Wasser gram sind und die Unbeweglichkeit der Erde repräsentieren, das leicht bewegliche, heitere, eben darum auch der Schaffensfreudigkeit, der Lust am Neuen zugeneigte Wasservolk entgegen : hiermit leitet der Dichter den grofsen Gegensatz ein, der durch die ganze Handlung der Walpurgisnacht geht. Dabei aber versteht er es, jedes der beiden in seiner Eigenart zu benutzen : Faust, der in die Unterwelt mufs, um das Schattenbild der Helena heraufzubitten, hat mit dem Wasser nichts zu thun — er folgt den Sphinxen; Homunkulus kann nur im Wasser den Anbeginn zur Erreichung des Zieles seiner Sehnsucht gewinnen — er folgt den Sirenen. So hat der Dichter für jede der beiden Seiten der Handlung sich mafsgebende Führerinnen geschaffen , die unter sich, wie die Elemente, die sie vertreten, uneinig sind. Aber die Wassergeister erscheinen als die weitsichtigeren , die friedfertigen , die das höchste Heil bringenden.

Wie nun Faust wieder herantritt, zeigt sich die Folge seiner ernsten Auffassungsweise : im Widerwärtigen erkennt er grofse, tüchtige Züge, und so kann ihm diesen Gestalten gegenüber das Anschaun Genüge thun er durchlebt die in ihnen dargestellten Epochen , indem er deren Vertreter in ihrem Wesen, in ihrem geschichtlichen Thun anschauend erkennt. Das wirkt grofs auf ihn: »Vom frischen Geiste fühl' ich mich durchdrungen, Gestalten grofs, grofs die Erinnerungen.« Und unbekümmert um des Gesellen Spottreden fragt er die Sphinxe nach Helena : sie haben sie nicht mehr gesehen — »die letztesten hat Herkules erschlagen« — und verweisen ihn an Chiron, der in dieser Geisternacht herumsprengt : »Wenn er dir steht, so hast du's weit gebracht.« Obgleich ihm die Sirenen bessere Kunde versprechen , wenn er sich mit ihnen ans Meer, zu ihren Gauen, verfügen wollte, folgt er doch den warnenden Sphinxen : damit ist er auf den ihn zum Ziele führenden Weg gebracht. Aber auch Mephistopheles mufs weiter geführt werden : wie Faust das Grofse herausfühlt , so hat Mephistopheles die feine Empfindung für das Häfsliche : er hört die Stymphaliden durch die Lüfte rauschen und krächzen, die Köpfe der Lernäischen Schlange vorüberzischen, Gestalten, die auch ihrerseits zu Herkules, dem durch Bekämpfung des Bösen und Häfslichen eine neue Epoche heraufführenden Heros, hinleiten. Aber in Mephistopheles herrscht aufser seiner Begeisterung für das Häfsliche noch eine andere Empfindung, die Lüsternheit. Diese bringt ihn zu seinem Schaden vom geraden Wege zum Triumphe der Häfslichkeit ab: so kämpfen zwei Empfindungen in ihm, die abwechselnd sein Handeln bestimmen. Jetzt sieht er etwas , das ihn mächtig reizt : »Die Lamien sind's, lustfeine Dirnen, Mit Lächelmund und frechen Stirnen, Wie sie dem Satyrvolk behagen ; Ein Bocksfufs darf dort alles wagen.« Diesen ermunternden Worten der Sphinx folgt der Pferdefüfsige gern : sie hat seine lüsterne Natur richtig erkannt: um seines Pferdefufses willen setzt sie ihn den bocksfüfsigen Satyrn gleich. So darf auch er dort alles wagen. Während er sich zum lustigen Gesinde mischt, verharren die Sphinxe ruhig und unbeweglich: sie lassen alles an sich vorüberziehen, »Überschwemmung, Krieg und Frieden Und verziehen kein Gesicht« : so wird auch Mephistopheles sie wiederfinden, wenn er sein Gelüste gebüfst hat.

In dieser ersten Handlung sind in trefflicher Exposition die führenden Kräfte und die bestimmenden Ziele dargelegt: zur Gestaltung des dramatischen Fortgangs sind sie in kräftigen Gegensätzen aus- gesprochen. Wir Miterleber aber werden mit der Spannung entlassen, die eine nach verschiedenen Seiten hin eine Entwickelung anbahnende Handlung zu erwecken weifs : das Geschick und das Streben der drei Wanderer, die gegensätzlichen Bemühungen der führenden Kräfte, der Sphinxe und der Sirenen, lassen uns eine Weiterentwickelung erwarten, deren Ausführung uns lebhafte Teilnahme abnötigt. Wird Faust die höchste Schönheit, Mephistopheles den Gipfel der Häfslichkeit , das einzige, was ihm imponieren kann, wird Homunkulus ein wirkliches Dasein erlangen? Die auf dieser Exposition sich aufbauende Handlung vollzieht sich so, dafs zuerst Faust, dann Mephistopheles und endlich Homunkulus an sein Ziel kommt.

Die zweite Handlung (V. 7249—7494).

Die zweite Handlung führt uns von den pharsalischen Feldern am oberen Peneios , wo die erste Handlung gespielt hat, stromabwärts nach dem unteren Peneios. Der Flufsgott selbst erscheint: er spürt das sich heimlich in der Tiefe verkündigende Leben der Erde, das später wirklich eintritt, und möchte von dem Säuseln, Flüstern und Rauschen der Flufsgewächse wieder in Schlummer gelullt werden , um die unterbrochenen Träume weiterzuspinnen. Was er träumt, sieht der herantretende Faust als Wahrheit, als Thatsache vor seinen Augen geschehen : es ist , was er schon im eigenen Traum gesehen hat, was ihm nun hier für seinen Eindruck um einen grofsen Schritt der Wirklichkeit näher gerückt ist. War das Bild in seinem eigenen Traum die erste Stufe zur Verwirklichung des Geschehenen, so erscheint dieses Bild, das er nun aufserhalb seiner als Wirklichkeit sieht, als eine zweite Stufe, die sein Sehnen der Verwirklichung bereits bedeutend näher bringt: die dritte ist sodann die thatsächliche Verwirklichung, die gerade durch den weiteren Fortgang der klassischen Walpurgisnacht herbeigeführt wird. Hier ist es die Erzeugung der Helena durch Zeus, der sich der hohen Königstochter als Schwan gesellt. So nähert sich das, wovon seine Sehnsucht erfüllt ist, Schritt für Schritt vorbereitet und dadurch zu immer gröfserer Wahrscheinlichkeit gebracht, endlich der Wirklichkeit. Und das, was den Weg von dem Traum und Schein zur vollen Wirklichkeit bahnen soll, kommt sofort heran. Chirons Hufschlag erdröhnt, Faust ruft ihn an, und da Chiron nicht verweilen darf, setzt sich Faust auf dessen Nacken und wird von ihm fortgetragen. Da tauchen die alten Heroen in der Erinnerung wieder auf, die Argonauten, endlich der herrlichste von allen Männern, Herkules, und die schönste Frau, die zugleich Beherrscherin der Anmut war, Helena. Er hat sie selbst getragen, so reizend, so klug, wie sie wirklich war — »der Dichter bringt sie, wie er's braucht, zur Schau«, denn »den Poeten bindet keine Zeit«. Da ruft Faust: »So sei auch sie an keine Zeit gebunden !« Und wie Achill sie schon gefunden hat, selbst aufser aller Zeit, so will Faust, der hier in der Geisternacht gleichfalls »aufser aller Zeit« ist, sie jetzt gleichfalls gewinnen: »Nun ist mein Sinn, mein Wesen streng umfangen, Ich lebe nicht, kann ich sie nicht erlangen.« Chiron hält sein Beginnen zwar für verrückt : er will ihn zu Manto, der Seherin, bringen, die ihn heilen kann. Aber Faust will nicht geheilt sein, er ist nicht krank, er müfste das Aufgeben seines Entschlusses deshalb für niederträchtig halten. Manto weifs sein Streben besser zu schätzen : »Den lieb' ich, der Unmögliches begehrt.« So führt sie ihn in den Berg hinein: »Der dunkle Gang führt zu Persephoneien.« Hier hat sie einst auch Orpheus eingeschwärzt. Mit dem ermutigenden Zuruf: »Benutz es besser! Frisch! Beherzt!«, geleitet sie ihn zur Unterwelt hinab.

Die Anrede Fausts an die Königin der Unterwelt hat Goethe nicht ausgeführt. Im Jahre 1827 sagte er am 15. Januar zu Eckermann: »Fausts Rede an die Proserpina, um diese zu bewegen, dafs sie die Helena herausgiebt, was mufs das nicht für eine Rede sein, da die Proserpina selbst zu Thränen davon gerührt wird ! Dies alles ist nicht leicht zu machen und hängt sehr viel vom Glück ab, ja fast von der Stimmung und Kraft des Augenblicks.« Es ist hiernach wohl anzunehmen , dafs Goethe zeitweilig an die Ausführung dieser Szene gedacht hat. Wenn er sie doch nicht ausgeführt hat, so liegt der Grund sicherlich nicht daran, dafs er die rechte Stimmung dazu nicht hat finden können : bei der Durcharbeitung, bei deren klärendem Prozesse vieles weggefallen ist, was in älteren Entwürfen erscheint, mufste sich zeigen, dafs die Szene gar nicht ausgeführt werden konnte, ohne den einmal angenommenen Charakter der klassischen Walpurgisnacht zu unterbrechen. Diese Geisternacht wird als etwas Einmaliges, Vorübergehendes , sich dann erst nach Jahresfrist Wiederholendes gedacht. Die Unterwelt dagegen ist, ihre Wirklichkeit vorausgesetzt, wie es hier der Fall ist, etwas ewig Dauerndes. Zu ihr kann der Eintritt durch die Hilfe der Geisternacht gefunden werden sie selbst aber steht ihr in der Existenzweise durchaus nicht gleich. Hätte also Goethe diese Szene ausgeführt, was dichterisch in höchstem Grade verlockend sein mufste, so hätte er von der Örtlichkeit dieser Geisternacht und ihres nur durch Zauberkraft ermöglichten flüchtig vorübergehenden Lebens in die Örtlichkeit ewig wirklichen Lebens hinübergeführt; er hätte dann von dort zur Geisternacht mit ihrem verrauschenden Dasein zurückleiten müssen damit hätte er den inneren Zusammenhang seiner Dichtung, die Klarheit in der Auffassung des hier dargestellten Daseinskreises durch Vermengung mit einem auf ganz andrer Voraussetzung beruhenden aufgegeben. Dafs er dies nicht that, dafs er diese zu grofsartiger Ausführung reizende Szene lieber aufgab als dafs er den einmal herbeigeführten Zusammenhang in seiner Begründung verschoben und dadurch den dramatischen Fortgang unter- brochen hätte, beweist die Energie, mit der der Dichter die künstlerische Einheit seines Werkes selbst da zu wahren wufste, wo es ihn Opfer kostete er führte die Szene nicht aus, und die Walpurgisnacht kann in unverändertem und ununterbrochenem Wesen einer Geisternacht ihren Fortgang nehmen.

Die dritte Handlung (V. 7495 —8033). 

Die dritte Handlung führt uns an den oberen Peneios zurück, wo die erste Handlung gespielt hat : dort befinden sich noch Mephistopheles und Homunkulus, die nun auch zu ihrem Ziele gelangen sollen. Mephistopheles findet es hier, und eben deshalb kann es Homunkulus hier nicht finden : Mephistopheles kann sein Ziel nur da erreichen, wo das seiner Natur Gemäfse, das Häfsliche, herrscht ; Homunkulus kann zu seinem Ziele nur kommen, wo die Natur selbst sich der Schaffung schöner Organismen bietet. Den Übergang aber von dem einen Gebiete zu dem anderen giebt diese dritte Handlung, die somit darauf ausgehen wird, die mit der Erde zusammenhängende Weiterentwickelung als nur für das Häfsliche geeignet darzustellen, demgegenüber das Meer mit seiner Schaffungsweise als das Höhere, Edlere, Schönere erscheinen mufs.

Dieser Grundzug der Handlung offenbart sich sofort nach ihrem Beginne. Die Sirenen wollen noch am Peneios weilen um »Lied um Lieder anzustimmen, Dem unseligen Volk zu Gut«. Das ist für sie, die Trefflichen , zum Guten Führenden , ein ihrer edlen Natur entspringendes Opfer. Sie wissen sehr gut : »Ohne Wasser ist kein Heil« , und so ist auch für sie das höchste Heil da, wo das Wasser das unbedingt herrschende Element ist, im Ozean : »Führen wir mit hellem Heere Eilig zum ägäischen Meere, Würd' uns jede Lust zu Teil.« Aber in diesem Bestreben, hier Gutes zu wirken, werden sie sehr unliebsam unterbrochen : jenes Erdbeben, das zu Anfang der zweiten Handlung der Flufsgott Peneios aus der Ferne hat grollen hören, und dessen Eintreten somit bereits vorbereitet ist, tritt jetzt wirklich ein und erfüllt die zarten Sirenen mit Entsetzen. Da bleibt ihnen nichts Anderes übrig, als fortzueilen : »Niemand dem das Wunder frommt.« So rufen sie denn alles auf, zum Meere zu ziehen: »Fort! ihr edlen, frohen Gäste Zu dem seeisch heitern Feste.« Das Meer bietet also heute noch etwas ganz Besonderes, wie es auch später eintrifft : so fliehen sie, der folgenden Handlung den Weg zeigend, mit den Worten : »Eile jeder Kluge fort ! Schauderhaft ist's um den Ort.« Und das Schauderhafte ist in der That das, was nun hier zur Herrschaft kommt. Das Erdbeben, als Seismos verkörpert, hebt den Boden aus der Tiefe. Das bereitet den Sphinxen unleidlichen Verdrufs : »Doch wir ändern nicht die Stelle, Bräche los die ganze Hölle.« Aus ihrem Munde hören wir, dafs Seismos derselbe Alte ist, »der die Insel Delos baute« : da mufs ihm dieser Berg, den er heraufhebt, ein kleines Werk sein. Auch Seismos, der einst Ossa und Pelion dem Parnafs »als eine Doppelmütze« aufgesetzt, der sogar den Olymp zum Sitze Jupiters und der Seinen emporhob, fafst es nicht anders auf. Diesmal hat jedoch sein Heraufdringen einen besonderen Zweck : er fordert »laut zu neuem Leben« sich »fröhliche Bewohner auf«. Aus ihrer Art wird sich es zeigen , welcher Art der Schöpfer ist. Auf das edle Wesen der Sphinxe übt er keine Wirkung aus : sie sehen die Veränderungen, bleiben aber selbst unberührt : »Ein' [so, denn Sphinx wird hier stets weiblich aufgefafst !] Sphinx wird sich daran nicht kehren : Wir lassen uns im heiligen Sitz nicht stören.« Mit diesen letzten Worten, die wir von den Sphinxen hören, ist zugleich das Urteil über das, was weiter geschieht, gesprochen : mit dem nun entstehenden schlimmen Treiben haben sie nichts zu thun. Die neben ihnen sitzenden Greife dagegen finden in ihm eine Befriedigung ihrer habgierigen Natur : in den Ritzen des neuentstandenen Gesteins sehen sie Gold glitzern ; sie rufen die Ameisen herbei, um es zu bergen. Aber schon kommen die Geschöpfe, die dem neuen Berg ihr Dasein verdanken, tumultuarisch entstanden , sich selbst und andern ein Rätsel: »Haben wirklich Platz genommen, Wissen nicht, wie es geschah. Fraget nicht, woher wir kommen, Denn wir sind nun einmal da«: so sind sie von Anfang an ein unerfreuliches Gegenbild zu der organischen Entstehungsweise, nach der Homunkulus strebt. Unbekümmert darum wollen sie sich indessen ihres Daseins und des Ortes dieses Daseins erfreuen : »Doch wir finden's hier zum besten, Segnen dankbar unsern Stern; Denn, im Osten wie im Westen, Zeugt die Mutter Erde gern.« Hat hier eine Urzeugun ohne Klarheit des Vorganges stattgefunden, so kann sie später vom Meere, wo der Vorgang klar und durchsichtig ist, mit um sogröfserem Recht erwartet werden. Neben den Pygmäen erscheinen die kleineren Daktylen : diese werden mit den Ameisen geknechtet und müssen für die Pygmäen Waffen schmieden. Mit dem Besitze beginnt der Kampf, mit dem Kampf der Übermut : die Pygmäen wenden ihre Waffen gegen die fried- lichen Reiher, aber die Kraniche als Verkünder rächenden Gerichtes erscheinen über den wider alles Recht Gemordeten wie über dem zu Tode verwundeten Ibykus — die Rache für die übermütige Frevelthat wird nicht ausbleiben.

Solcher Tummelplatz der Bosheit ist der Ort, der Mephistopheles sympathisch ist, so seltsam ihn auch ein solches Auftauchen eines Berges anmutet: das ist er vom Brocken her nicht gewöhnt. Und eben hier findet er endlich die eifrigst gesuchten und immer zurückweichenden Lamien, die, im Innern häfslich, äufserlich lüstern, ihn zu ihrer Verfolgung reizen, um ihm einen Schabernack zu spielen. In diesem Spiele werden sie von einer Lamie unterbrochen, die ihre Häfslichkeit ehrlich zeigt und die heute, um die Verwandtschaft ihres Wesens mit Mephistopheles auch äufserlich zu bekunden, neben dem Pferdefüfsigen mit Eselsfufs und Eselskopf erscheint. Das ist ihm wenig willkommen, und nun erscheinen ihm auch die verlockenden anderen Lamien verdächtig — aber seine Lüsternheit kann der Verlockung doch nicht widerstehen. Die schnödeste Verspottung ist das Schicksal des »eingedrungnen Hexensohnes«. So lange er hier fremd ist, so lange er zu der hier lebenden Schar von Geistern nicht selbst gehört, hat er nichts Anderes zu erwarten. In dem neugeschaffenen Gebirge klettert er verirrt herum : „So toll hätt' ich mir's nicht gedacht, Ein solch Gebirg in Einer Nacht ! Das heifs' ich frischen Hexenritt, Die bringen ihren Blocksberg mit.« Da erinnert ihn zu seinem Tröste eine Oreas daran, dafs dieser neugeschaffene Berg ja nur Spukwerk dieser Geisternacht ist : ihr Gebirge ist Naturfels, der schon zu Pompeius' Zeiten war und immer bleiben wird: »Daneben, das Gebild des Wahns Verschwindet schon beim Krähn des Hahns. Dergleichen Märchen seh' ich oft entstehn Und plötzlich wieder untergehn.« So ist der richtige Gesichtspunkt, der uns wie dem Mephistopheles schon zu schwinden drohte, glücklich ins Bewufstsein zurückgerufen : auf dem Boden der natürlichen Wirklichkeit baut sich hier die flüchtige Wirklichkeit der Zaubernacht auf. Mephistopheles erkennt die Wahrheit des ihm Mitgeteilten an der Undurchdringlichkeit des den Naturfels umgebenden Eichenlaubes, das auch vom allerklarsten Mondenschein nicht durchleuchtet wird, also natürliche Körperlichkeit besitzt.

Soll der von Anfang an hervorgehobene Unterschied des trügerischen Schaffens der Erde und des zum wahrhaften Sein führenden Schaffens des Wassers dramatisch lebendig werden , so mufs an eine Persönlichkeit angeknüpft werden, die Trägerin der Handlung werden kann. Mephistopheles kann das nicht sein : er ist nicht neutral, er ist Partei. Um so geeigneter ist Homunkulus hierfür: da er ja selbst erst »im besten Sinn entstehen« will, so ist er seinem innersten Wiesen nach neutral : er wird sich ebenso gerne nach der einen wie nach der anderen Seite wenden, wenn er nur sein Ziel erreicht. So wird nun das Treiben des Mephistopheles durch das Erscheinen des Homunkulus unterbrochen, der in seinem Bestreben sich nicht dem blinden Ungefähr überläfst, sondern kraft der ihm eigenen Intelligenz sich durch Überlegung den besten Weg mit vollem Bewufstsein suchen möchte. Der verstimmte, über sein verunglücktes Abenteuer mifslaunige Mephistopheles will mit diesem Entstehen nichts weiter zu thun haben: seine Kraft reicht zudem dafür ebensowenig aus wie sein Wille : »Willst du entstehn, entsteh auf eigne Hand.« Homunkulus will das wohl, allein das schliefst einen guten Rat nicht aus : den hofft er bei zwei Philosophen zu finden , die über die Entstehung des Daseienden streiten. Anaxagoras vertritt die Entstehung durch Feuerskraft: »Durch Feuerdunst ist dieser Fels zu Händen.« Allein Thaies forscht nach einem höheren Entstehen: für ihn handelt es sich um die Entstehung des Lebens selbst: »Im Feuchten ist Lebendiges erstanden.« Anaxagoras knüpft nun an den durch Seismos emporgehobenen Felsen an : er sieht, wie da lebendige Wesen hervorquillen , und ermutigt Homunkulus, sich diesem Entstehen des Lebens anzuschliefsen , ja sogar selbst König der Kleinen zu werden. Aber er fragt erst Thaies, mit einer Wendung, die zeigt, zu welchem der beiden er sich mehr hingezogen fühlt: »Was sagt mein Thaies?« Und dieser rät ab : kaum hat er es gethan , so stürzen sich die Kraniche auf die Pygmäen , um ihren Überfall und Mord der Reiher zu bestrafen : neuer Kampf und neuer Mord ist der »grausam -blut'ge Rachesegen« dieser Schöpfung der Erde. Da wendet sich Anaxagoras Hilfe erflehend an die dreigestaltige Göttin, »Diana, Luna, Hekate« : er glaubt, sie senke sich nieder, aber es ist nicht der Mond selbst , der vielmehr ruhig wie vordem schwebt, sondern ein Fels , der niedergestürzt ist : er hat Freund und Feind, Pygmäen und Kraniche, erschlagen : dies Schicksal hätte auch den Homunkulus getroffen, wenn er dem Anaxagoras gefolgt wäre. So erkennt er, dafs hier für das von ihm gewünschte Entstehen nicht der rechte Ort ist, und gerne folgt er der Aufforderung des Thaies : »Nun fort zum heitern Meeresfeste! Dort hofft und ehrt man Wundergäste.« Nun zieht er gleichen Weges, wie die früher vom ungebärdigen Seismos vertriebenen Sirenen, zum heiteren Meeresfest, von dem wir hier zum zweitenmale hören : so wächst die Spannung, es mitzuerleben. Die Entfernung der Meeresgäste giebt dem Mephistopheles Platz wiederzuerscheinen : sein Unwille wächst bis zum Aufsersten , so dafs er dem Rate der Dryas , das hier Heimische zu schätzen , nicht Gehör schenkt: und doch enthält der Rat den Keim für den Fortgang der Handlung. Mephistopheles sieht etwas Seltsames und staunt: »So stolz ich bin, mufs ich mir selbst gestehn : Dergleichen hab' ich nie gesehn.« Das Dreigetüm ist das Häfslichste, was er bis jetzt erblickt hat: um so mächtiger regt es ihn an näherzutreten Es sind die drei Phorkyaden , die Schwestern der Gorgonen : die drei haben nur einen Zahn und ein Auge, was ihre weibliche Natur nicht an eitler Selbstgefälligkeit hindert. Wie Mephistopheles sagt: »Doch Euresgleichen hab' ich nie erblickt, Ich schweige nun und fühle mich entzückt,« da rinden sie, dafs dieser Gast offenbar Verstand besitzt. Mephistopheles hat allerdings Verstand, denn um sein Ziel, das er nun endlich klar vor sich sieht, zu erreichen, fängt er an zu schmeicheln. Die Dichtkunst und die Bildkunst haben die Phorkyaden noch nicht geschildert : geschähe dies, so träte bei der Bildkunst durch einfachen Stoffwechsel an Stelle ihres Körpers der Marmor, der nun Träger ihrer Gestalt geworden wäre. So mufs es auch möglich sein, das Bildnis einer von ihnen auf seinen Körper, statt , wie es der Künstler thut , auf Marmor zu übertragen : weifs er , der Verwandlungserfahrene, doch sehr wohl: »Man kann sich selbst auch andern übertragen.« Er bittet zudem nur auf »kurze Zeit« darum, aber er will auch Zahn und Auge mitbekommen. Dazu können sich die Schwestern nicht entschliefsen: er braucht nur ein Auge zuzudrücken und den einen Raffzahn sehn zu lassen, so erreicht er ihr Bild wenigstens im Profil. Die Verwandlung geschieht, und triumphierend sagt Mephistopheles von sich: »Da steh' ich schon, des Chaos vielgeliebter Sohn!« Aber »Sohn« ist jetzt für ihn falsch: die neuen Schwestern erinnern ihn daran, dafs sie ja Weiber sind : »Des Chaos Töchter sind wir unbestritten« . so ist er es auch und hat kein Recht mehr, sich den »Sohn« des Chaos zu nennen. Mephistopheles mufs das zugeben. Da er aber nur äufserlich Weibesgestalt angenommen hat, innerlich, seinem Wesen nach, männlich bleibt, so kann er mit dem Gefühle der Selbsterniedrigung die Bezeichnung als eines Hermaphroditen nicht abweisen. Die Phorkyaden aber jubeln über die neue Dreiheit : sie ist viel schöner als die alte, denn sie besitzt jetzt zwei Augen, zwei Zähne. Aber auch Mephistopheles jubelt: er ist jetzt der Gipfel des Häfslichen : er kann sogar im Höllenpfuhl die Teufel erschrecken. Das aber, was bei dieser Verwandlung für den Fortgang der dramatischen Handlung sich ergiebt, ist dies, dafs Mephistopheles jetzt gleichfalls in das Altertum übergegangen ist, dafs er diesem angehört, dafs er mit vollem Recht eine Stellung in ihm einnimmt. So kann er nun im Dienste Fausts an der weiteren Handlung auch während ihres Verlaufs im Altertum teilnehmen. So ist die Vorbereitung nach dieser Seite hin ebenso zum Ziele gelangt wie bei Faust : es bleibt jetzt noch übrig, für Homunkulus das Ziel zu erreichen , um die ganze Vorbereitung zur Handlung selbst abzuschliefsen.

Die vierte Handlung (V. 8034—8274). 

Der Grundzug der vierten Handlung ist die immer entschiedenere Hinlenkung der Aufmerksamkeit auf die bevorstehende Umwandlung des Homunkulus, die zu seiner wirklichen Entstehung notwendig ist. Je mehr Himmel und Erde von solchen Umwandlungen erfüllt sind , um so natürlicher wird der Einzelvorgang sein : sobald erst einmal der dämonische Neuanfang der Lebensenergie gegeben ist, erscheint der weitere Verlauf als ein den allgemein herrschenden Naturgesetzen entsprechender.

Die Sirenen sind am Ufer des Meeres angekommen, der Mond verharrt im Zenith. Zum Verlaufe der Handlung bedarf es des Friedens in der Natur: besonders das Meer mufs friedlich sein. So flehen die Sirenen , Luna möchte , wenn auch sonst thessalische Zauberfrauen sie frevelhaft herabgezogen hätten, womit zugleich das entgegengesetzte frühere Gebet des Anaxagoras als frevelhaftes erscheint, doch jetzt ruhig herabblicken und das Getümmel erleuchten, »Das sich aus den Wogen hebt«. Von diesem holden Sang angezogen, tauchen Tritonen und Nereiden, die sich vor den Stürmen in die stillsten Gründe geflüchtet hatten, vertrauensvoll herauf und zeigen entzückt den Schmuck, den sie den Sirenen verdanken : im natürlichen Leben singen diese die Schiffe heran, die hier dann scheitern; in dieser Geisternacht folgen sie dem Leitwort, mit dem sie den Beschuldigungen der Sphinxe entgegengetreten sind: »Weg! das Hassen, Weg! das Neiden« (V. 7166 ff.). Sie reizen die Tritonen und die Nereiden zu bewähren, dafs sie auch etwas leisten können, dafs sie »mehr als Fische sind«, die sich in der Meeresfrische schwanken Lebens ohne Leid behagen : und die Seegottheiten sind sofort bereit dazu, denn: »Ehe wir hieher gekommen, Haben wir's zu Sinn genommen.« Sie sind im Nu fort; die Sirenen sehen nur, dafs sie nach Samothrake ziehen, ins Reich der hohen Kabiren : »Sind Götter, Wundersam eigen, Die sich immerfort selbst erzeugen Und niemals wissen was sie sind.« Damit wird sofort der Grundzug beständiger Umwandlung vorgeführt, hier als allgemeine Thatsache, während das besondre Ziel ihrer Umwandlung später hervortritt. Die Sirenen vollenden nun ihr Gebet an die Luna, indem sie die neue Wendung hinzufügen, sie möge auf ihren Höhen weilen: »Dafs es nächtig verbleibe, Uns der Tag nicht vertreibe«: nur so kann sich alles vollenden , was in dieser Nacht zustande kommen soll.

Nun führt Thaies den Homunkulus heran: soll Homunkulus im Meere beginnen, so kann ihm der Meergott Nereus die beste Förderung gewähren. Allein Nereus will seinen Rat nicht geben : seinem guten Rate sind die Menschen nie gefolgt. So tritt in den Fortgang der Handlung ein verzögerndes Moment; aber wenn ein solches in dem Dichtwerk künstlerisch berechtigt sein soll , so mufs in ihm zugleich ein die Handlung schliefslich doch förderndes Moment mitenthalten sein. Es kommt bei der Entstehung des Homunkulus nicht nur darauf an, dafs der Ausgangspunkt für sein Entstehen gefunden wird , sondern dafs er dabei zugleich das Ziel erkennt, das er mit seiner Verkörperlichung zu erreichen strebt. Nur dessen ideale Gestaltung kann ihn veranlassen, seine vorläufige, aber durch die Schrankenlosigkeit ihrer Bestimmung wertvolle Existenz aufzugeben und sich mit seiner Verkörperlichung zugleich eine nicht mehr rückgängig zu machende Beschränkung aufzulegen. Dieses ideale Ziel ist für ihn wie für Faust die höchste Schönheit : aber Faust will sie finden, um sie zu geniefsen, Homunkulus will sie finden, um sie zu sein. Sie tritt ihm verkörpert entgegen in der schönsten der Doriden, der Töchter des Nereus und der Doris, in der Galatea, »Die, seit sich Kypris von uns abgekehrt , In Paphos wird als Göttin selbst verehrt. Und so besitzt die Holde lange schon, Als Erbin, Tempelstadt und Wagenthron.« Heute kommt sie, wie alljährlich einmal, den Vater zu besuchen, ein Besuch, den, da er nur in raschem Vorüberfahren ohne Verweilen besteht, Nereus natürlich um so weniger versäumen oder auch nur sich stören lassen will. So ist in der Zurückweisung des Bestrebens des Homunkulus zugleich der Keim für die endliche Erfüllung seiner Sehnsucht mitenthalten, und zwar um so mehr, als Nereus schliefslich, denn »es ziemt in Vaterfreudenstunde Nicht Hafs dem Herzen, Scheltwort nicht dem Munde« , gerade im Hinblick auf das Wiedersehen der geliebten Tochter doch einen Rat giebt : er nennt den, der nun endlich wirklich der rechte Mann ist, Homunkulus zu helfen: »Hinweg zu Proteus! Fragt den Wundermann, Wie man entsteht! und sich verwandeln kann.« Thaies ist zwar von diesem Rate nicht erbaut, weil Proteus, der ewig Veränderliche, nach seiner Meinung um dieses Charakters willen unbrauchbar ist: in Wirklichkeit ist es aber gerade die ihm naturgemäfse Eigenschaft der Verwandlungslust, die ihn für den Zweck des Homunkulus ganz besonders geeignet erscheinen läfst.

Während die beiden den Proteus suchen, kommen die Tritonen und die Nereiden von Samothrake zurück : sie bringen die Kabiren. Die Sirenen begrüfsen in ihnen: »Klein von Gestalt, Grofs von Gewalt, Der Scheiternden Retter, Uralt verehrte Götter« und bekennen , dafs sie selbst ihnen nachstehen , denn jene retten bei einem Schiffbruch die Mannschaft, während sie selbst aufserhalb dieser Nacht keine Rettung bringen. Die Kabiren werden aber von den Meergottheiten hergebracht, »ein friedlich Fest zu führen: Denn wo sie heilig walten, Neptun wird freundlich schalten«. So ist durch ihr Herbeikommen die Ruhe des Meeres von Seiten des Meerbeherrschers gesichert ; Luna kann ihres Leuchtens walten , und der ungestörte Verlauf des Meerfestes ist eingeleitet: die Folge des Auftretens der Kabiren wird denn auch nicht ausbleiben. Aber sie haben noch eine zweite Bedeutung. Sie sind in beständiger Wandlung begriffen , nicht nur in ihrem Wesen, sondern auch in ihrer Zahl: drei sind mitgekommen, der vierte, der für alle denkt, ist zurückgeblieben ; drei andere sind im Olymp zu erfragen: »Dort wes't auch wohl der achte, An den noch niemand dachte.« Wohl ist ihre Natur eine gnädige, aber sie selbst sind »alle noch nicht fertig«. Sie sind von einem höchsten Streben erfüllt, das sie nicht zur Ruhe kommen läfst: »Diese Unvergleichlichen Wollen immer weiter, Sehnsuchtsvolle Hungerleider Nach dem Unerreichlichen.« Eben damit werden sie ein Vorbild für Homunkulus und eine Gewähr für sein höchstes Streben : auch er ist noch nicht fertig und daher ein »sehnsuchtsvoller Hungerleider« : wenn sie durch Umwandlung ihr Ziel erreichen , warum soll er es nicht auch können?  Und auch sein Sehnen geht , wenn er sich Galatea zum Ziele nimmt , nach dem Unerreichlichen : er mufs sich mit der schönsten irdischen Frau, der der Göttin in der Schönheit, soweit es eben möglich ist, ebenbürtigen Helena begnügen. Dieses Unerreichliche , das höchste Göttliche , sind aber die Sirenen gewohnt anzubeten, wo es erscheinen möge — es lohnt unter allen Umständen. So sind die Kabiren nach zwei Seiten hin eine wichtige Gewähr für den Erfolg der Nacht und ihres Festes, und die Nereiden und die Tritonen dürfen unter Zustimmung der Sirenen sich rühmen, mehr als die Helden des Altertums geleistet zu haben : haben diese das goldene Vliefs erlangt , so haben sie selbst das Gröfsere gewonnen , die Kabiren. Der Dichter aber weifs auch hier das, woran »die Weisen sich stofsen« und ihre »harten Köpfe brechen«, in den rechten Zusammenhang zu bringen und so das harmonische Gefüge der in der Wirklichkeit zerstreuten und darum unverständlich bleibenden Einzelheiten zu schaffen : im Einklang seines Werkes erfüllt jedes einzelne seine rechte Stelle, wird dadurch verstanden und fördert wieder das Verständnis des anderen.

Nachdem so der Fortgang der Handlung vorbereitet und gesichert ist, werden die beiden Wanderer von Proteus bemerkt: die Wunderlichkeit ihrer Erscheinung erfreut den »alten Fabler« und stimmt ihn günstig. Das hindert ihn freilich nicht, die Fremden mit seiner Verwandlungsfähigkeit, mit dem Wechseln des Ortes und der äufseren Erscheinung zu necken, bis er durch seine Neugier bewogen wird, sich in edler Gestaltung zu zeigen. Thaies teilt ihm des Homunkulus Wunsch, zu entstehen, mit: »Er ist . . . Gar wundersam nur halb zur Welt gekommen. Ihm fehlt es nicht an geistigen Eigenschaften, Doch gar zu sehr am greiflich Tüchtighaften. Bis jetzt giebt ihm das Glas allein Gewicht, Doch war' er gern zunächst verkörperlicht.« Proteus nennt ihn einen Jungfernsohn, eine Schöpfung, die früher da ist, als sie von rechts- wegen hätte da sein dürfen , und Thaies fügt , die Seltsamkeit des kleinen Wesens bestätigend, hinzu, er sei hermaphroditisch : Homunkulus trägt die Potenz zu männlicher wie zu weiblicher Verkörperlichung in sich — in der Lebensenergie als solcher kann eine Scheidung nach dem Geschlechte noch nicht vorhanden sein. Proteus erkennt das richtig: um so leichter mufs dem Homunkulus sein Streben nach Verkörperlichung glücken : denn auf welche Weise er anlangt, mag ihn die Verkörperlichung nach der einen oder nach der anderen Seite hin beschränken , die Sache selbst mufs ihm glücken, da er Anlage zu beidem hat. Der Weg dazu steht Proteus fest: »Im weiten Meere mufst du anbeginnen,« ruft er dem Homunkulus zu; dort mufs er, der Daseinsbedingung aller organischer Wesen sich anschliefsend, durch Verschlingen anderer Körper zu wachsen suchen: »Man wächst so nach und nach heran Und bildet sich zu höherem Vollbringen.« Und Homunkulus fühlt sich von der weichen Wasserluft, vom Meeresduft gar behaglich angeweht : so folgt er gerne dem Proteus auf eine Landzunge , um den Zug, der eben herschwebt, besser zu sehen. So gehen alle drei auf die meerumströmte Landspitze — »dreifach merkwürd'ger Geisterschritt« : drei Geister sind es, aber sehr verschiedener Art. Homunkulus ist noch rein geistig als Lebensenergie; Thaies ist geistig als der der Walpurgisnacht angehörende , durch sie zu flüchtiger Daseinsbethätigung erweckte Geist; Proteus ist geistig als in voller Natürlichkeit existierende, nicht nur in dieser Nacht sich lebendig bethätigende Gottheit.

Die fünfte Handlung (V. 8275—8487). 

Vom Ufer am Meere führt die fünfte Handlung auf das Meer selbst: so ist endlich der Ort erreicht, nach dem die  ganze Handlung hinstrebte, da hier das Entscheidende sich begeben soll. An der Spitze des von Proteus bereits gesehenen Zuges erscheinen die Teichinen von Rhodos, die dem Neptun den Dreizack geschmiedet haben : mit ihm kann er die Fluten, sogar wenn sie vom Donnerer selbst aufgeregt sind, wieder beruhigen; diesen Dreizack hat heute Neptun den Teichinen gereicht: nun schweben sie »festlich, beruhigt und leicht«. So bewährt sich die Macht der Kabiren: »wo sie heilig walten, Neptun wird freundlich schalten.« Damit ist die Ruhe des Meeres nun endgiltig gesichert, und mit den Sirenen begrüfsen die Teichinen die Schwester des von ihnen gefeierten Apollo : sie singen ihm auf Rhodos Päane, aber sie errichten ihm auch die Kolosse auf seiner Insel. Über solches Schaffen toter Werke, die ein Erdstofs wieder zerstört, über solches Umschaffen des toten Stoffes in neue Formen, so dafs der Stoff tot bleibt, spottet Proteus : den lebenerweckenden Strahlen der heiligen Sonne sind solche Werke nur ein Spafs : hier handelt es sich um ein ganz anderes, ein wirkliches Schaffen, das Schaffen des lebendig Natürlichen. Als Delphin gestaltet nimmt er Homunkulus auf den Rücken und trägt ihn vom Lande fort »ins ewige Gewässer«. Da soll er sich dem Ozean vermählen. Und Thaies giebt ihm den Wahrspruch mit auf den Weg: »Gieb nach dem löblichen Verlangen, Von vorn die Schöpfung anzufangen! Zu raschem Wirken sei bereit! Da regst du dich nach ewigen Normen Durch tausend, abertausend Formen, Und bis zum Menschen hast du Zeit.« Aber Proteus warnt ihn, nach »noch höheren Orden zu streben« : »Denn bist du erst ein Mensch geworden, Dann ist es völlig aus mit Dir« : mit dem Menschen ist die Entwickelung zu höheren Stufen abgeschlossen, ohne dafs damit etwas Rechtes erreicht wäre : Mensch zu sein lohnt nicht, man müfste denn Einer vom Schlage des Thaies sein, »das hält noch eine Weile nach«, so dafs er seit vielen hundert Jahren hier mit erscheinen kann, während die grofsen Massen der Menschen klanglos in die Unterwelt steigen und dort ein unerfreuliches Dasein führen. Den Proteus wie den Thaies läfst der Dichter hier in treffender Weise aus ihrer Lage, aus ihrer Kenntnis der Verhältnisse heraussprechen : sie wissen nicht, dafs das Schattenbild, das durch Homunkulus wieder zu neuem Leben kommen soll, von der Unterwelt losgesprochen, bereits der durch ihn ermöglichten Verkörperlichung harrt, dafs er also diese Stufen, wie sie sonst von einer neu beginnenden Lebensenergie durchzumachen sind, keineswegs Schritt für Schritt zu erklimmen braucht. Andererseits genügt ihm auch eine alltägliche Lebensform nicht : soll er zur That schreiten, sein Glas sprengen und sich totem Stoffe verbinden, so mufs das, was ihn zum Handeln anregt, ein Mächtiges, Gewaltiges sein : es ist das Mächtigste, was die Erde und den Himmel beherrscht, die Liebe selbst, die indessen nur durch die schönste Erscheinung zu schaffender Bethätigung würdig erregt wird. Und diese ist es, die nun leibhaftig herankommt. Ein Ring von Wölkchen um den Mond, den die Menschen für einen Mondhof halten, den die Geister aber als Tauben erkennen, kündet die Herrscherin an: die Sirenen sehen die liebentzündeten, weifsgefiederten Vögel der Venus: »Paphos hat sie hergesendet, Ihre brünstige Vogelschar« und sie rufen frohlockend: »Unser Fest, es ist vollendet, Heitre Wonne, voll und klar.« Da kommt nun der Zug selbst: voran ziehen auf Meerstieren, Meerkälbern oder Meerwiddern die Psyllen und Marsen, deren Aufgabe es ist, »in Cyperns rauhen Höhlegrüften« Cypriens Wagen zu bewahren : keine seit dem Altertum entstandene Seeherrschaft fremder Völker hat sie in ihrem heiligen Werk stören können, und so bringen sie »unsichtbar dem neuen Geschlechte« heute und bringen so fortan die lieblichste Herrin heran. Um den Muschelwagen spielen die Schwestern, die Doriden, und geleiten das Ebenbild der Mutter, Galatea, die schönste von ihnen allen: »ernst, den Göttern gleich zu schauen, Würdiger Unsterblichkeit«, aber, wie Helena selbst, die bei aller Schönheit erst durch Anmut unwiderstehlich war, ist auch sie »lockender Anmutigkeit«. Die auf Delphinen vorüberziehenden Doriden bringen Jünglinge mit, die sie aus Schiffbrüchen gerettet haben : Nereus soll ihnen Unsterblichkeit verleihen, damit sie als Gatten bei seinen Töchtern bleiben können. Aber dieser Wunsch nach Verwandlung kann nicht erfüllt werden: über den Menschen geht die natürliche Entwickelung nicht hinaus ; eine gegen den Gang der Natur eintretende Umwandlung der menschlichen Natur in die göttliche kann nur Zeus gewähren. So wird das hier überall rege Streben nach Neugestaltung und Umwandlung in seine natürlichen Schranken zurückgewiesen : was mit Homunkulus geschieht, kann also nur etwas sein, was dem natürlichen Verlauf der Dinge entspricht. Da naht sich Galatea, begrüfst den Vater, und schon zieht sie wieder davon. Dieser Anblick der höchsten Schönheit, wie sie hier dem Wasser entsprungen ist, begeistert Thaies zu dem Dithyrambus : »Heil! Heil! aufs neue! Wie ich mich blühend freue, Vom Schönen, Wahren durchdrungen . . . Alles ist aus dem Wasser entsprungen ! Alles wird durch das Wasser erhalten ! Ozean, gönn' uns dein ewiges Walten ! Wenn du nicht Wolken sendetest, Nicht reiche Bäche spendetest, Hin und her nicht Flüsse wendetest, Die Ströme nicht vollendetest, Was wären Gebirge, was Ebnen und Welt? Du bist's, der das frischeste Leben erhält.« Und der Chor der sämtlichen Kreise antwortet: »Du bist's, dem das frischeste Leben entquellt.«

Nereus sieht sehnsüchtig der fortziehenden Tochter nach : ihr Muschelthron »glänzt wie ein Stern durch die Menge: Geliebtes leuchtet durchs Gedränge«. Homunkulus ist von allem, was er sieht, entzückt: »In dieser holden Feuchte, Was ich auch hier beleuchte, Ist alles reizend schön.« Das wirkt so anregend auf ihn, dafs ihm Proteus zuruft : »In dieser Lebensfeuchte Erglänzt erst deine Leuchte Mit herrlichem Getön« : Homunkulus hat das Element gefunden, in dem sein Entstehen beginnen kann ; er hat aber auch das Ideal gefunden, das ihm das Ziel seiner Verkörperlichung zeigt: er schwebt zu Galatea hin; er flammt zu ihren Füfsen um ihre Muschel : »Bald lodert es mächtig, bald lieblich, bald süfse, Als war' es von Pulsen der Liebe gerührt.« Da zerschellt er sein Glas am glänzenden Thron : »Jetzt flammt es, nun blitzt es, ergiefset sich schon.« So strömt die Lebensenergie lebenerweckend in das Wasser, das ringsum verklärt ist : »ringsum ist alles vom Feuer umronnen«. Da ist der grofse Augenblick gekommen, in dem Eros waltet, »der alles begonnen«, der auch hier die Vermählung der Lebensenergie mit dem toten Stoffe sich vollziehen läfst. Die Vermählung geschieht im Wasser, aber hier ist nur der Beginn: thatsächlich werden in dem von der Lebensenergie ergriffenen und lebendig gemachten Stoffe alle vier Elemente zum Leben erweckt : sie alle gehören zu der körperlichen Grundlage einer neuen Lebensgestaltung. So ertönt denn der Heilsspruch der Sirenen: »Heil dem Meere! Heil den Wogen! Von dem heiligen Feuer umzogen; Heil dem Wasser! Heil dem Feuer! Heil dem seltnen Abenteuer!« Aber der Chor, »All Alle«, antwortet, indem er den Kreis der Elemente vervollständigt: »Heil den mildgewognen Lüften! Heil geheimnisreichen Grüften! Hochgefeiert seid allhier Element' ihr alle vier!«

So ist nun das Ziel der klassischen Walpurgisnacht erreicht: die drei Bestandteile, deren es für die Neubelebung abgeschiedener Menschen bedarf, sind zusammengefunden. Eine neuentstandene Lebensenergie, die nur dämonischen Ursprungs sein kann, hat sich, »ein seltnes Abenteuer«, dem toten Stoffe verbunden, in dem die vier Elemente vereinigt sind; die Formgestaltung, die dem lebendig gewordenen Stoffe notwendig ist, wird aus der Unterwelt gewonnen , wo Faust von der Königin das Schattenbild der Helena erbeten hat. Mit ihr aber mufs auch ihre ganze Umgebung wieder lebendig werden : nur so kann ihr neues Leben natürlich erscheinen und als ein wenn auch künstlich entstandenes doch natürlichen Verlauf nehmen. Erst durch dieses Mitlebendigwerden ihrer geschichtlichen Umgebung kann sich ihr geschichtliches Auftreten erneuern, für andere sowohl wie für ihre eigene Empfindung, als ob zwischen ihrem früheren Leben und ihrem jetzigen kein Zwischenraum läge. So lebt die im Homunkulus geschaffene Lebensenergie nicht nur in ihr, sondern in ihrer ganzen Umgebung: sie alle sind Gespenster und werden sich dieses Zustandes auch, sobald es notwendig wird, bewufst. Ihr gespenstisches Dasein ist aber ein durchaus wirkliches, das sich von dem natürlichen nur dadurch unterscheidet, dafs die Zusammenfügung der drei Bestandteile durch eine Zauberkraft mit möglichster Innehaltung des natürlichen Weges stattgefunden hat. Die von dem durchaus natürlichen Wege abweichende Wirkung der Zauberkraft zeigt sich darin, dafs die Wiedergeschaffenen sofort in der körperlichen Gestaltung da sind, wie sie in einem bestimmten Augenblick der Vergangenheit als natürliche Wesen existiert haben, und wie sie jetzt existieren müssen, wenn der Augenblick der Anknüpfung an die geschichtlichen Thatsachen sie so treffen soll, wie sie als natürliche Wesen in dem entsprechenden Augenblick des Altertums gelebt haben. Wie die Zusammenfügung der drei Bestandteile eine zauberhafte ist, ebenso ist es auch ihre Trennung : nur so läfst sich auch die Art des später eintretenden Scheidens der Wiedererschaffenen aus dem neuen Dasein verstehen. Helena ist also nicht Homunkulus, sondern Helena besteht gleich ihren Begleiterinnen aus dem Stoffe, der durch die im Homunkulus enthalten gewesene Lebensenergie aus totem Stoffe zu lebendigem geworden ist, und der die Formgestaltung, das Abbild der Idee, nicht von dieser selbst, sondern durch die aus dem Reiche der Unterwelt entlassenen Schattenbilder erhalten hat. Diese Verbindung ist im Meere angebahnt worden : vom Meere her kommt Helena, um als Neuerstandene in die Handlung einzutreten. Eine vermittelnde Rolle hat bei diesem ganzen Vorgang Mephistopheles gespielt: er hat die Entstehung des Homunkulus ermöglicht, ohne zu ahnen, welche Handlung er dadurch förderte; er ist widerwillig dem Homunkulus nach Griechenland gefolgt und hat sich schliefslich in die Verhältnisse so weit gefügt, dafs er selbst in eine dem Altertum gehörige Gestaltung sich gewandelt hat. Dadurch ist er nun imstande, in die Handlung selbst mit einzugreifen, die Rolle des Vermittlers weiterzuspielen und so das Verlangen seines Herrn zu fördern. Damit sind die Vorbereitungen beendigt : sie sind die Vorbedingung des Verlaufs der neuen Handlung, die Faust eine neue Möglichkeit eröffnen soll, die ersehnte Befriedigung zu finden.
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