> Gedichte und Zitate für alle: Die ausleitende Handlung 2. im Himmel. V. 11 844— 12111. (21)

2019-12-15

Die ausleitende Handlung 2. im Himmel. V. 11 844— 12111. (21)


Die ausleitende Handlung 2. im Himmel. V. 11 844— 12111

Mit dem Ausgang der Handlung auf Erden scheidet Mephistopheles als Träger der Handlung aus, wie vorher schon Faust selbst. Damit sind Erde und Holle beseitigt: die Fortführung der Handlung geht in die himmlischen Gefilde über, von wo die für das ewige Los der Seele Fausts mafsgebende Handlung ihren Anfang genommen hat. Wie dies ohne sein Zuthun geschehen ist, so ist es auch bei der letzten Handlung der Fall, die, ohne dafs er irgendwie thätig eingriffe, sein ewiges Schicksal endgültig entscheidet. Wie dort, ist er Gegenstand der Handlung, nicht Träger der Handlung. Während er aber dort auch persönlich nicht anwesend war, so nimmt hier seine Seele Anteil in voller Gegenwart : handelt es sich doch hier gerade um die Erreichung des der Seele von Anfang an zugedachten Zieles.

Dieses Erreichen des letzten und höchsten Zieles ist jedoch kein sofortiges. Mit dem Tode Fausts ist zwar seine Seele von der sie bisher einengenden Schranke, dem Körper, befreit worden, und die Engel haben sie himmelwärts getragen : in den Himmel selbst ist sie noch nicht gelangt. Hierzu bedarf es erst noch einer Läuterung. Diese Notwendigkeit ermöglicht es dem Dichter, die Aufnahme der Seele in den Himmel zu einer in der Zeit verlaufenden Entwicklung zu entfalten, und indem er diese Entwicklung von Stufe zu Stufe und nicht ohne Hemmnisse sich vollziehen läfst, gewinnt er die Möglichkeit, besonders durch Hereinziehung vorbereitender und die Berechtigung der Seligwerdung begründender Begleithandlungen , dem Verlauf die dramatische Form zu geben. Als ein besonderes Ganzes baut sich diese Handlung wie ein Drama in fünf Handlungen auf.

Erste Handlung (V. 1 1844—1 1889). 

Im Anschlufs an die durch Dante geschaffene, der gewöhnlichen kirchlichen Auffassung vom läuternden Fegefeuer entgegentretenden Anschauungen von dem Läuterungsberge, der erklommen werden und von wo der Aufstieg zum Himmel selbst genommen werden mufs, führt uns der Dichter auf diesen Läuterungsberg, dessen Grundzug für alles, was ihn erfüllt, ja für ihn selbst das unablässige, mächtige Aufstreben zum Himmel ist. Sogar die Natur ist von diesem Zuge ergriffen : die Waldung scheint mit wogender, schwankender Bewegung zu den höheren Regionen aufzustreben, während die Felsen, an denen sie aufwachsen, sich wie eine Last an sie hängen und die klammernden Wurzeln sie zurückhalten; auch die Wogen schäumen aufwärts: da bietet eine schützende Höhle einen Zufluchtsort für diejenigen, die noch nicht hinreichend geläutert sind, dem gewaltigen Zuge aufwärts zu folgen. Aber schon ist hier paradiesischer Frieden: die sonst so wilden Löwen schleichen hier freundlich herum und »Ehren geweihten Ort, Heiligen Liebeshort.« Damit ist der Boden gewonnen, auf dem die der vollen Erlösung zustrebenden, der Seligkeit sehnsüchtig entgegenharrenden Geister je nach ihren verschiedenen Charakteren sich des Augenblickes der Erlösung und der Aufnahme in den Himmel würdig zu machen suchen. Zur Verwirklichung und Ausführung kann dies Bestreben aber einzig durch die entgegenkommende, von der himmlischen Liebe ausgehende Gnade geschehen: so klingt hier überall die Überzeugung von dieser erlösenden Liebe und die unerschütterliche Hoffnung auf ihr Walten und Eintreten durch. Diese erste Stufe der auf dem Läuterungsberge der Erlösung Harrenden wird durch zwei Gegensätze charakterisiert: der leidenschaftliche Pater eestaticus, der sehnsüchtig aufschwebt und immer wieder zurück mufs, dessen Brust von siedendem Schmerz und von schäumender Gotteslust erfüllt ist, möchte den ihn noch hindernden Erdenrest durch alle Martyrien zerstören : »Dafs ja das Nichtige Alles verflüchtige, Glänze der Dauerstern, Ewiger Liebe Kern!« Der Pater profundus dagegen hält sich ruhig in ernste Betrachtung versenkt in der tiefen Region: er erkennt im Weben und Wachsen der Natur »die allmächtige Liebe, Die alles bildet, alles hegt« ; ja, selbst die Natur in Aufruhr stellt ihm nur die »Liebesboten« dar, die »ver- künden, Was ewig schaffend uns umwallt« : er ist bereits zu der Erkenntnis durchgedrungen, die schon die Erzengel und der Erdgeist als Thatsachen verkündet haben. So hofft er still und betet darum, dafs sein Inneres, »Wo sich der Geist, verworren, kalt, Verquält in stumpfer Sinne Schranken«, sein bedürftig Herz, nach Beschwichtigung der quälenden Gedanken , erleuchtet werden möge.

Zweite Handlung (V. 11890—11933). 

In diesen Dauerzustand des Läuterungsberges bringt die nächste Stufe die dramatische Bewegung, die Einführung der Handlung des Aufsteigens selbst: in der mittleren Region, also schon in einer dem Gipfel des Berges und daher dem Aufsteigen zum Himmel näheren Gegend, sieht der Pater Seraphicus ein Morgenwölkchen aufsteigen: »Es ist junge Geisterschar. Der Chor der seligen Knaben, der Mitternachtsgeborenen, die Seelen der bei der Geburt gestorbenen Kinder, die somit nie das Licht erblickt und die Welt niemals mit Augen gesehen und kennen gelernt haben, die aus der Nacht im Mutterschofse in die Nacht des Todes geboren worden und eben darum Mitternachtsgeborene sind, steigen zum Himmel auf: sündenlos, wie sie sind , fühlen sie sich glücklich : ihnen ist allen ohne Ausnahme »das Dasein so gelind«. Aber zur vollen Empfindung ihres seligen Zustandes, den sie sich nicht haben erringen müssen , bedarf es einer wenn auch flüchtigen Erkenntnis des irdischen Zustandes : da nimmt sie der milde Pater Seraphicus in sich auf und läfst sie durch seine Augen einen Blick in die Welt thun : allein der Anblick ist zwar mächtig, aber düster, und schüttelt sie »mit Schreck und Grauen«. So entläfst sie auf ihren Wunsch der Pater Seraphicus zu weiterem Aufsteigen und Wachsen, das durch Gottes Gegenwart verstärkt wird : »Denn das ist der Geister Nahrung, Die im freisten Äther waltet: Ewgen Liebens Offenbarung, Die zur Seligkeit entfaltet.« Und freudig schwingen sich die Geister der seligen Knaben auf, umschweben die höchsten Gipfel und jubeln: »Den ihr verehret, Werdet ihr schauen.«

Dritte Handlung (V. 11934—11988). 

Aber die Geister der seligen Knaben sind nicht nur ein Vorbild des Aufsteigens Sündloser zum Anschauen der Gottheit : sie sollen auch thätig in die Haupthandlung eingreifen. Diese beginnt mit dem Erscheinen der Engel, die Fausts »Unsterbliches« herbeitragen und jene Worte singen, die für das Verfahren Gottes, für das Verständnis seines Planes und somit für die Gesamtentwickelung Fausts und seines Strebens die wegweisenden sind : »Wer immer strebend sich bemüht, Den können wir erlösen« : sie geben die wesentliche, die entscheidende Voraussetzung für die Möglichkeit der Erlösung trotz mancherlei Irrtümer und Sünden ; die praktische Durchführung der Erlösung dagegen wird in den Worten geoffenbart : »Und hat an ihm die Liebe gar Von oben teilgenommen.« Das erste Moment ist in Erfüllung gegangen : durch alle Versuche, denen der Teufel Faust verlockend ausgesetzt hat, ist sein Streben nach dem höchsten Ziel immer und immer wieder siegreich durchgebrochen, so dafs es als die Grundstimmung des Seelenlebens Fausts erscheint. Nun ist er, der sich immer strebend bemüht hat, von den Engeln der Gewalt des Teufels entrissen worden : damit ihm aber die selige Schar mit herzlichem Willkommen begegnen könne, mufs nun auch die Liebe von oben teilnehmen. Wie dies geschieht, bildet den Gegenstand des weiteren Verlaufs der Handlung: an seinem Gelingen ist nach dem Vorhergegangenen kaum zu zweifeln — beruht doch die Möglichkeit der endlichen Erlösung aller auf dem Läuterungsberg Befindlichen auf dem Eintreten der entgegenkommenden Liebe, das als Thatsache feststeht und nur inbezug auf den zeitlichen Eintritt ungewifs ist.

Ehe dies Entgegenkommen stattfinden kann, mufs die Seele geläutert werden. »Wenn starke Geisteskraft Die Elemente An sich gerafft« — der natürliche Zeugungsprozefs vollzieht sich analog dem künstlichen, durch den Homunkulus sich mit den Elementen verband —, so kann dieses innige Band des geistig-seelischen und des körperlichen Bestandteiles, diese »Geeinte Zwienatur Der innigen Beiden ; selbst keines Engels Kraft trennen: damit aber der aus dieser Verbindung stammende letzte Erdenrest weggenommen werde, bedarf es der »ewigen Liebe«. Hier aber ist jeder Erdenrest, selbst wenn er so geläutert wäre, dafs er, wie der Asbest, vor dem Feuer stand hielte, gänzlich zu vernichten: »Er ist nicht reinlich« in der absolut reinen Geisterwelt des Himmels. Da fragt es sich, wie das geschehen soll, und hierfür bietet sich der Chor der seligen Knaben als wirksames Mittel dar, denen er sich in ihrem Aufwärtsstreben anschliefsen soll : »Sei er zum Anbeginn, Steigendem Vollgewinn Diesen gesellt!« So mufs er werden wie die Kinder, und sie empfangen ihn in seinem Puppenstande freudig : aber er mufs sich ihm entwinden, um voller Reinheit teilhaftig zu werden, und die Knaben lösen ihm die Flocken« los, die ihn umgeben: »Schon ist er schön und grofs Von heiligem Leben. So ist er jetzt so weit geläutert, dafs die Liebe, wenn sie von oben hilfreich eingreifen will, ihn wohl vorbereitet findet. Wer aber soll diese Hilfe leisten ?

Vierte Handlung (V. 11989—12075). 

Die Hilfe zögert nicht zu erscheinen. Es ist die Verkörperung der barmherzigen Liebe, die entgegenkommende Gnade in Person, die Jungfrau Maria, die nun als Himmelskönigin die »höchste Herrscherin der Welt geworden ist. Ihrer wird der besonders ihrem Dienst ergebene, der höchsten Seligkeit fast schon teilhaftige und eben darum die höchste, reinlichste, von jedem Erdenreste fast gänzlich befreite Zelle bewohnende Doktor Marianus, von diesem freie Umsicht ermöglichenden Punkt aus zuerst gewahr : »Hier ist die Aussicht frei, der Geist erhoben.« Da sieht er Frauen aufwärts schweben, die Herrliche im Strahlenkranze in ihrer Mitte. Entzückt erhebt er sein glutvolles Gebet zu ihr: sie möge die inbrünstige Hingebung zu ihr billigen, in die sich unwillkürlich noch die huldigende Verehrung mischt, wie sie der Mann dem Weibe gegenüber empfindet. Da sieht er, wie sich leichte Wolken um sie verschlingen , das zarte Völkchen der Büfserinnen, die der Gnade bedürfend den Äther um ihre Kniee schlürfen. Ein bezeichnenderes Gefolge für die Mutter der Gnade als die durch die Gnade zur Seligkeit gelangten einstigen Büfserinnen läfst sich nicht denken. Sie , die von der Sünde überhaupt nicht berührt werden kann, hat das Vorrecht, die leicht Verführbaren zu sich kommen zu lassen : das Böse darf nur nicht in der Natur liegen, sondern durch allzugrofse Nachgiebigkeit äufserem Einflufs gegenüber in den Menschen gekommen sein, wenn die Himmelskönigin imstande sein soll , die Büfsenden zu retten. Da beginnen die Büfserinnen selbst die Fürbitte und beschwören sie, indem sie ihrer eigenen Fehler gedenken, die sie gnädig verziehen hat: »Gönn' auch dieser guten Seele, Die sich einmal nur vergessen, Die nicht ahnte, dafs sie fehle, Dein Verzeihen angemessen!; Nur einmal, als Faust sich dem Teufel ergab und mit ihm die Wette einging, aus der alles Übrige nur eine notwendige Folge, aber kein neues entscheidendes Vergehen war, hat diese Seele sich vergessen, ohne zu ahnen, dafs sie fehlte. Diese Fürbitte, die aus dem allgemein menschlichen Mitempfinden hervorgeht, erhält nun aber noch einen Nachdruck wundervollsten Charakters durch die vom höchsten Seelenadel, von vollendeter Seelenschönheit eingegebene Fürbitte der Seele, die einst selbst am meisten unter jenem einmaligen Vergessen Fausts zu leiden hatte, und deren eigene Vergehen wiederum nur Folge dieses ersten entscheidenden Vergehens waren, die daher auch für die Seligkeit gerettet werden konnte: eine der Büfserinnen, »sonst Gretchen genannt, sich anschmiegend«, fleht die Himmlische an, zu der sie einst in wilder Verzweiflung den Weheruf hat aufsteigen lassen. Damals hatte sie, des bittersten Wehes voll, sich an die »Schmerzenreiche« gewendet: jetzt fleht sie die Strahlenreiche an, das Antlitz gnädig ihrem Glücke zuzuneigen: »Der früh Geliebte, Nicht mehr Getrübte, Er kommt zurück.« Was Faust bei seiner Rückkehr aus Griechenland ahnungsvoll gesehen hat, wie Aurorens Liebe wieder aufquoll, wie die Erkenntnis des Wertes der Seelenschönheit in ihm lebendig wurde, die das Beste seines Innern mit sich fortzog, das wird nun zur Thatsache : die Frühgeliebte ist es, die das Beste seines Innern zu sich heranzieht.

Fünfte Handlung (V. 12076—12m). 

Die Wirkung der Fürbitte tritt sofort hervor : staunend singt der Chor der Knaben : »Er überwächst uns schon An mächtigen Gliedern, Wird treuer Pflege Lohn Reichlich erwidern. Denn jetzt, da ihm die Erlösung zu teil wird, zeigt es sich, dafs er ihnen auch überlegen ist: es ist nicht gleichgiltig, ob man das irdische Leben durchgekämpft hat oder nicht: »Wir wurden früh entfernt Von Lebechören: Doch dieser hat gelernt, Er wird uns lehren.« Da tritt er aus dem Puppenstand gänzlich heraus: »Er ahnet kaum das frische Leben, So gleicht er schon der heiligen Schar. Sieh ! wie er jedem Erdenbande Der alten Hülle sich entrafft, Und aus ätherischem Gewände Hervortritt erste Jugendkraft.« Aber noch ist er Neuling in der heiligen Schar, er mufs belehrt werden. Dies thun zu dürfen, erbittet sich die einst Gretchen genannte Seele als besondere Gunst, und mit echt weiblichem Empfinden für das sie besonders an den »früh Geliebten« kettende Fühlen, das auch in ihm ihr gegenüber neu erwacht und zu himmlischer Reinheit verklärt ist, sagt ihr die Mater gloriosa: »Komm! hebe dich zu höhern Sphären, Wenn er dich ahnet, folgt er nach.« So erlangt er durch den unauslöschlichen Zug des Herzens den Antrieb, höher und höher zu steigen und mit der einst Gretchen genannten Seele und der Himmelskönigin selbst, die voranziehen, endlich zum höchsten Ziele, zum Anschauen des innersten Wesens der Gottheit zu gelangen, zu jenem Ziele, das die Mystik als das Ende und das Ergebnis alles sehnsüchtigen, nach der Erlangung Gottes ringenden Strebens hinstellt, das Dante mit Hilfe des heiligen Bernhard durch die Einwirkung der Jungfrau Maria erlangt hat, und das nun Faust mit Hilfe des Doktor Marianus durch die entgegenkommende Gnade der Jungfrau zu teil wird. Damit wird für Faust zur Thatsache, was für die Engel von Anfang an mit vollem Bewufstsein lebendig ist: an Stelle der Erkenntnis des Wesens Gottes tritt das Anschaun : »Der Anblick giebt den Engeln Stärke, Da keiner dich ergründen mag.« Der Doktor Marianus, über diesen neuen Erfolg der von ihm hochgepriesenen Himmelskönigin beseligt, ruft allen reuig Zarten zu, zu diesem Retterblick aufzuschauen und sich zu seligem Geschick umzuarten, der mystische Chor aber fafst das Ergebnis dieses Anschauens der Gottheit selbst in die Schlufsworte zusammen : was auf Erden erscheint , ist nur vergänglich und ein Gleichnis des innersten Wesens der Welt ; was dort deshalb unzulänglich bleibt, das wird hier zur echten Wirklichkeit; was sich für Menschen nicht einmal beschreiben läfst, das ist hier Thatsache : das aber, was hinanzieht, ist das Ewig-Weibliche. Wenn die Gottheit nach strengem Gesetze richten wollte, so müfste sie gar häufig verdammen, wo eine Rechtfertigung nicht mehr möglich ist, wo aber die Gnade noch hinlängliche Begründung zum Verzeihen findet. So leben in der Gottheit zwei Prinzipien : das des gerechten Richters, das männliche Prinzip, das nach dem Gesetz entscheidet, wie es der ruhig urteilende Verstand verlangt, und das der barmherzig übersehenden Gnade, das weibliche Prinzip, das mit dem Herzen entscheidet. Den sündigen Menschen aber, dem bei edelstem Streben für seine Handlungen doch die Rechtfertigung fehlt, führt darum nicht der Spruch des gerechten Richters, sondern das Entgegenkommen der neben dem strengen gerechten Urteilen ewigwaltenden, die Gerechtigkeit ergänzenden Gnade zum Himmel : diese Gnade ist das Ewig-Weibliche.
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