> Gedichte und Zitate für alle: Episode 4.Faust mit Paris tmd Helena am Hofe des Kaisers. (14)

2019-12-13

Episode 4.Faust mit Paris tmd Helena am Hofe des Kaisers. (14)



 Faust mit Paris und Helena am Hofe des Kaisers

Die Haupthandlung der vierten Episode beginnt sofort mit dem klaren Hinweis auf ihren Gegenstand: der Kämmerer drängt den Mephistopheles, die noch schuldige Geisterszene zu geben : der Herr ist ungeduldig: »Der Kaiser will, dafs alles fertig sei.« Höchst lebendig wird die Erscheinung durch die Zauberkünste des Mephistopheles vorbereitet: nachdem die höchsten Herrschaften sich herabgelassen haben , ihr Gelüste durch Zauberei zu befriedigen , kommen die kleineren hohen Herrschaften , um auf gleichem Wege Erlösung von ihren mancherlei Leiden zu erhalten. So leben wir mitten in dem Kreise der Zauberei : um so begreiflicher und natürlicher offenbart sich die höchste Wirkung der Zauberkunst, die Erscheinung von Paris und Helena. Zudem ist der Ort sehr günstig. Ecken und Nischen sind mit leeren Rüstungen ausgezieret : das sind beliebte Räume für Geister, wie das auch in der Schlacht zu Gunsten des Kaisers sich zeigt. So kann Mephistopheles hier sagen: »Hier braucht' es, dächt' ich, keiner Zauberworte : Die Geister finden sich von selbst zum Orte.«

Der Gegensatz, der nun durch den nächsten Teil des Dramas geht , Altertum und Mittelalter , wird hier im voraus durch die Architektur angedeutet : als richtiger Rahmen für die Gestalten aus dem Altertum erscheint ein dorischer Tempel. Der moderne Architekt aus der Zeit des Kaisers will davon nichts wissen : er rühmt den gotischen Bau als denjenigen, der den Geist erhebt. Der Astrolog aber, dem Mephistopheles einbläst, weist auf den kommenden Zauber hin , auf den das Gemüt sich vorbereiten mufs, um ihn als das zu empfangen, was er ist: »Empfangt mit Ehrfurcht stern- gegönnte Stunden ; Durch magisch Wort sei die Vernunft gebunden. Dagegen weit heran bewege frei Sich herrliche, verwegene Phantasei. Mit Augen schaut nun, was Ihr kühn begehrt: Unmöglich ist's, drum eben glaubenswert.« Nun taucht Faust mit Schlüssel und Dreifufs auf; Nebel entsteigt der Schale: »Das Dunst'ge senkt sich ; aus dem leichten Flor Ein schöner Jüngling tritt im Takt hervor.« Paris von Männern und Frauen verschieden beurteilt, erscheint; endlich kommt, gleich verschiedenem Urteil ausgesetzt, Helena: am neugierigsten war wohl Mephistopheles auf sie. Aber seine Erwartung ist durchaus nicht erfüllt; für solche Art von Schönheit hat er keine Empfindung: »Das war' sie denn! Vor Dieser hätt' ich Ruh; Hübsch ist sie wohl, doch sagt sie mir nicht zu.« Um so tiefer ist Faust von ihrem Anblick bewegt: ihm zeigt sich etwas noch nie Gesehenes: »Der Schönheit Quelle vollen Stroms ergossen.« Solcher Herrlichkeit gegenüber erweist sich das Lockbild in der Hexenküche , das Teufelsliebchen, als ein Nichts : »Die Wohlgestalt, die mich voreinst entzückte, In Zauberspiegelung beglückte, War nur ein Schaumbild solcher Schöne.« So ist denn auch sofort sein ganzes Wesen von Helena erfüllt: »Du bist's, der ich die Neigung aller Kraft, Den Inbegriff der Leidenschaft , Dir Neigung , Lieb' , Anbetung, Wahnsinn zolle.« Was Mephistopheles zurückweist, wird gegen dessen Willen Fausts Leitstern. Es wird es so sehr, dafs Faust die Geisterhaftigkeit der Erscheinung vergifst : sie wirkt wie stoffliche Wirklichkeit auf ihn, und so hält er auch die Handlung, die ebenbildliche Wiederholung des geschichtlichen Vorganges, nicht mehr für Erscheinung, sondern für eine eben in stofflichkörperlicher Realität sich vollziehende Wirklichkeit. Er kann es nicht ertragen, dafs Helena Paris küfst, und wie dieser sich daran macht, sie fortzutragen, will ihn Faust zurückhalten ; und trotz des Warnrufs des Mephistopheles, er mache ja selbst das »Fratzengeisterspiel«, will er die Grenze des Geisterreiches durchbrechen : nachdem er die Geister in die irdische Welt geführt hat, glaubt er, es liefse sich hier eine Verbindung von Mensch und Geist, die Verbindung zwischen dem noch an den Körper gebundenen Geist mit dem rein geistigen Wesen, erzwingen: »Gewagt! Ihr Mütter! Mütter! müfst's gewähren! Wer sie erkannt, der darf sie nicht entbehren.« Aber die Mütter gewähren es nicht, weil sie nichts zu gewähren haben: die Verbindung, ja, nur die Berührung von Mensch und Geist , hier die Berührung des Abbildes einer Idee, Fausts, mit einer Idee, der Idee der Helena, also mit einem Musterbilde selbst, ist sachlich unmöglich. Bei der Berührung verschwinden die Schemen, Faust bricht ohnmächtig zusammen, und Mephistopheles sieht in Faust, der so Sinnloses wagt, nur den Narren, mit dem sich abzugeben , den sich aufzuhalsen , sogar dem Teufel nur Schaden bringt: so ist auch diese Handlung ohne Vorteil für ihn verlaufen.

In der Gesamtentwickelung des dramatischen Fortganges hat diese Szene eine grofse Bedeutung, die besonders klar die Kunst des Dichters zeigt, den un- unterbrochenen Gang der Handlung, den straffen Zusammenhang der einzelnen Glieder festzuhalten. Die Szene hat nach rückwärts die Stellung, dafs sie die Erfüllung einer gegebenen Zusage ist: in dieser Beziehung befriedigt sie die Erwartung des Miterlebers, die aufs höchste durch die Vorbereitung, durch die Darlegung der Schwierigkeit und die Seltsamkeit der Aufgabe und ihrer Lösung gespannt ist. Thäte sie aber nicht mehr, so böte sie nur einen Abschlufs : sie bildet aber auch nach vorwärts ein wichtiges Glied. Was für den Kaiser Abschlufs des ihm gegebenen Versprechens ist, wird für Faust der Anfang eines neuen Strebens. Die Lust an der Zaubermacht ist abgethan, die Sehnsucht nach dem Erringen der höchsten idealen Schönheit der körperlichen Gestaltung füllt jetzt allein seine Seele aus. Diese Lösung und diese Anknüpfung in einunddenselben Vorgang zu legen, ist eine Handlung weisester Kunstübung von selten des Dichters: die Teile, die Glieder des Ganzen haften nicht äufserlich aneinander: sie verschränken sich und bilden dadurch ein unzerreifsbares Gewebe. Aber diese Verschränkung ist keine äufserliche : sie ist Folge einer naturgemäfsen und eben dadurch notwendigen Entwicklung. In dem Augenblick, in dem Faust die Ohnmacht seines Gesellen dem »Heidenvolk« gegenüber und dadurch die Grenze seiner Zauberkraft erkennt, ist auch die Möglichkeit, eine dauernde Befriedigung durch dies Können zu erringen, ausgeschlossen, und seine Seele wird für andre Ziele wieder frei. Da tritt ihm ein Ungekanntes, Ungeahntes, aber infolge seiner kongenialen Natur sofort als ein Höchstes erkannt, entgegen, das ihm eine Seite des Lebens eröffnet, wie sie ihm bisher fremd geblieben war: so ist es nicht nur natürlich, es ist vielmehr notwendig, dafs seine freie Seele, die in diesem Augenblick nur das höchste Bestreben hat, aber kein klar erkanntes Ziel für das Bestreben, sich mit aller Kraft diesem neu aufgehenden Lebensstern zuwendet. Diese Vereinigung zweier Momente in einer Szene ist für die Fortführung der Gesamthandlung um so bedeutungsvoller, als Mephistopheles jetzt aus seiner Rolle, Faust zum Ergreifen einer neuen Lebensrichtung anzuregen, zurückgetreten ist : was sonst von ihm ausgegangen ist, mufs jetzt von Faust selbst ausgehen, mufs sich daher hier, wo Faust die Führung in unbewufstem Drange , nicht wie später in klarer Erkennung des Zieles ergreift, aus der Handlung selbst und dem in ihr sich gestaltenden Seelenprozefs des Faust allein entwickeln. Mephistopheles seinerseits kann zunächst weiter nichts thun , als Faust vom Hofe des Kaisers fortbringen : nachdem diese Geistererscheinung zu allgemeinem Entsetzen in einer Explosion geendet hat, ist die Rolle der Zauberer am Hofe ausgespielt, der amüsiert , aber nicht erschreckt sein will : so giebt diese Handlung Fausts zugleich eine natürliche Veranlassung , vom Hofe wegzugehen — , Faust ist nun auch äufserlich für neue Thaten wieder frei. Es fragt sich nur, wer diese herbeiführen soll.
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