> Gedichte und Zitate für alle: J.W.v.Goethe: Schaffhausen und der Rheinfall (12)

2019-12-02

J.W.v.Goethe: Schaffhausen und der Rheinfall (12)

Schaffhausen und der Rheinfall

In der menschlichen Natur liegt ein heftiges Verlangen, zu allem was wir sehen Worte zu finden, und fast noch lebhafter ist die Begierde, dasjenige mit Augen zu sehen, was wir beschreiben hören. Zu beidem wird in der neuern Zeit besonders der Engländer und der Deutsche hingezogen. Jeder bildende Künstler ist uns willkommen, der eine beschriebene Gegend uns vor Augen stellt, der die handelnden Personen eines Romans oder eines Gedichtes, so gut oder so schlecht er es vermag, sichtlich vor uns handeln läßt. Eben so willkommen ist aber auch der Dichter oder Redner, der durch Beschreibung in eine Gegend uns versetzt, er mag nun unsere Erinnerung wieder beleben, oder unsere Phantasie aufregen; ja wir erfreuen uns sogar mit dem Buch in der Hand eine wohlbeschriebene Gegend zu durchlaufen; unserer Bequemlichkeit wird nachgeholfen, unsere Aufmerksamkeit wird erregt, und wir vollbringen unsere Reise in Begleitung eines unterhaltenden und unterrichtenden Gesellschafters.

Kein Wunder also, daß in einer Zeit, da so viel geschrieben wird, auch so manche Schrift dieser Art erscheint; kein Wunder, daß Künstler und Dilettanten in einem Fache sich üben, dem das Publikum geneigt ist.

Als eine solche Übung setzen wir die Beschreibung des Wasserfalls von Schaffhausen hierher, freilich nur skizzenhaft und ohne sie von den kleinen Bemerkungen eines Tagebuchs zu trennen. Jenes Naturphänomen wird noch oft genug gemalt und beschrieben werden, es wird jeden Beschauer in Erstaunen setzen, manchen zu einem Versuch reizen, seine Anschauung, seine Empfindung mitzuteilen, und von keinem wird es fixiert noch weniger erschöpft werden.

Schaffhausen, den 17 September Abends. 

Im Gasthof zur Krone abgestiegen. Mein Zimmer war mit Kupferstichen geziert, welche die Geschichte der traurigen Epoche Ludwigs XVI darstellten. Ich hatte dabei mancherlei Betrachtungen, die ich mir vornahm weiter auszuführen.

Abends an der Table d'hote verschiedene Emigrierte. Eine Gräfin, Condésche Offiziere, Pfaffen, Oberst Landolt.

Den 18 September. 

Früh um 6½ Uhr ausgefahren, um den Rheinfall zu sehen. Grüne Wasserfarbe, Ursache derselben. Die Höhen waren mit Nebel bedeckt, die Tiefe war klar, und man sah das Schloß Laufen halb im Nebel. Der Dampf des Rheinfalls, den man recht gut unterscheiden konnte, vermischte sich mit dem Nebel und stieg mit ihm auf. 

Gedanke an Ossian. Liebe zum Nebel bei heftigen innern Empfindungen.

Man kommt über Uwiesen, ein Dorf, das oben Weinberge, unten Feldbau hat.

Der Himmel klärte sich langsam auf, die Nebel lagen noch auf den Höhen.

Laufen. Man steigt hinab und steht auf Kalkfelsen.

Teile der sinnlichen Erscheinung des Rheinfalls, vom hölzernen Vorbau gesehen. Felsen, in der Mitte stehende, von dem höhern Wasser ausgeschliffene, gegen die das Wasser herabschießt. Ihr Widerstand, einer oben, der andere unten, werden völlig überströmt. Schnelle Wellen, Laken-Gischt im Sturz, Gischt unten im Kessel, siedende Strudel im Kessel. Der Vers legitimiert sich:

Es wallet und siedet und brauset und zischt etc.
Wenn die strömenden Stellen grün aussehen, so erscheint der nächste Gischt leise purpur gefärbt.
Unten strömen die Wellen schäumend ab, schlagen hüben und drüben ans Ufer, die Bewegung verklingt weiter hinab, und das Wasser zeigt im Fortfließen seine grüne Farbe wieder. 

Erregte Ideen über die Gewalt des Sturzes. Unerschöpfbarkeit als wie ein Unnachlassen der Kraft. Zerstörung, Bleiben, Dauern, Bewegung, unmittelbare Ruhe nach dem Fall. 

Beschränkung durch Mühlen drüben, durch einen Vorbau hüben. Ja es war möglich die schönste Ansicht dieses herrlichen Naturphänomens wirklich zu verschließen. 

Umgebung. Weinberge, Feld, Wäldchen.

Bisher war Nebel, zu besonderm Glück und Bemerkung des Details; die Sonne trat hervor und beleuchtete auf das schönste schief von der Hinterseite das Ganze. Das Sonnenlicht teilte nun die Massen ab, bezeichnete alles Vor- und Zurückstehende, und verkörperte die ungeheure Bewegung. Das Streben der Ströme gegen einander schien gewaltsam zu werden, weil man ihre Richtungen und Abteilungen deutlicher sah. Stark spritzende Massen aus der Tiefe zeichneten sich nun beleuchtet vor dem feinern Dunste aus, ein halber Regenbogen erschien im Dunste.

Bei längerer Betrachtung scheint die Bewegung zuzunehmen. Das dauernde Ungeheure muß uns immer wachsend erscheinen; das Vollkommene muß uns erst stimmen und uns nach und nach zu sich hinaufheben. So erscheinen uns schöne Personen immer schöner, verständige immer verständiger. Das Meer gebiert das Meer. Wenn man sich die Quellen des Ozeans dichten wollte, so müßte man sie so darstellen. 

Nach einiger Beruhigung des Gemüts verfolgt man den Strom in Gedanken bis zu seinem Ursprung und begleitet ihn wieder hinab. 

Beim Hinabsteigen nach dem flachern Ufer Gedanken an die neumodische Parksucht.

Der Natur nachzuhelfen, wenn man schöne Motive hat, ist in jeder Gegend lobenswürdig; aber es ist
bedenklich, gewisse Imaginationen realisieren zu wollen, da die größten Phänomene der Natur selbst hinter der Idee zurückbleiben.
Wir fuhren über

Der Rheinfall von vorn, wo er faßlich ist, bleibt noch herrlich, man kann ihn auch schön nennen. Man sieht schon mehr den stufenweisen Fall und die Mannichfaltigkeit in seiner Breite; man kann die verschiedenen Wirkungen vergleichen, vom Unbändigsten rechts bis zum Nützlichverwendeten links. Über dem Sturz sieht man die schöne Felsenwand, an der man das Hergleiten des Stromes ahnen kann; rechts das Schloß Laufen. Ich stand so, daß das Schlößchen Wörth und der Damm den linken Vordergrund machten. Auch auf dieser Seite sind Kalkfelsen, und wahrscheinlich sind auch die Felsen in der Mitte des Sturzes Kalk. 

Schlößchen Wörth 

Ich ging hinein, um ein Glas Wein zu trinken.

Alter Eindruck bei Erblickung des Mannes.

Ich sah Trippels Bild an der Wand und fragte, ob er etwa zur Verwandtschaft gehöre? Der Hausherr, Namens Gelzer, war mit Trippel verwandt durch Mutter Geschwisterkind. Er hat das Schlößchen mit dem Lachsfang, Zoll, Weinberg, Holz u. s. w. von seinen Voreltern her im Besitz, doch als Schupf-Lehn, wie sie es heißen. Er muß nämlich dem Kloster, oder dessen jetzigen Successoren, die Zolleinkünfte berechnen, zwei Drittel des gefangenen Lachses einliefern, auf die Waldung Aufsicht führen und daraus nur zu seiner Notdurft schlagen und nehmen; er hat die Nutzung des Weinberges und der Felder, und gibt jährlich überhaupt nur 30 Taler ab. Und so ist er eine Art von Lehnmann und zugleich Verwalter. Das Lehn heißt Schupf-Lehn deswegen, weil man ihn, wenn er seine Pflichten nicht erfüllt, aus dem Lehn herausschieben oder schuppen kann.

Er zeigte mir seinen Lehnbrief von Anno 1762, der alle Bedingungen mit großer Einfalt und Klarheit enthält. Ein solches Lehn geht auf die Söhne über, wie der gegenwärtige Besitzer die ältern Briefe auch noch aufbewahret. Allein im Briefe selbst steht nichts davon, obwohl von einem Regreß an die Erben darin die Rede ist. 

Um 10 Uhr fuhr ich bei schönem Sonnenschein wieder herüber. Der Rheinfall war noch immer seitwärts von hinten erleuchtet, schöne Licht und Schattenmassen zeigten sich sowohl von dem Laufenschen Felsen als von den Felsen in der Mitte.

Ich trat wieder auf die Bühne an den Sturz heran und fühlte, daß der vorige Eindruck schon verwischt war; denn es schien gewaltsamer als vorher zu stürmen, wobei ich zu bemerken hatte, wie schnell die Nerve in ihren alten Zustand sich wieder herstellt. Der Regenbogen erschien in seiner größten Schönheit; er stand mit seinem ruhigen Fuß in dem ungeheuren Gischt und Schaum, der, indem er ihn gewaltsam zu zerstören droht, ihn jeden Augenblick neu hervorbringen muß.

Betrachtungen über die Sicherheit neben der entsetzlichen Gewalt.

Durch das Rücken der Sonne entstanden noch größere Massen von Licht und Schatten, und da nun kein Nebel war, so erschien der Gischt gewaltiger, wenn er über der reinen Erde gegen den reinen Himmel hinauffuhr. Die dunkle grüne Farbe des abströmenden Flusses ward auffallender. 

Wir fuhren zurück

Wenn man nun den Fluß nach dem Falle hinabgleiten sieht, so ist er ruhig, seicht und unbedeutend. Alle Kräfte die sich gelassen successiv einer ungeheuern Wirkung nähern, sind eben so anzusehn. Mir fielen die Kolonnen ein wenn sie auf dem Marsche sind. 

Man zieht nun links über die bebaute Gegend, und Weinhügel mit Dörfern und Höfen belebt und mit Häusern wie besäet. Ein wenig vorwärts zeigen sich Hohentwiel und wenn ich nicht irre, die vorstehenden Felsen bei Engen und weiter herwärts. Rechts die hohen Gebirge der Schweiz in weiter Ferne hinter den mannichfaltigsten Mittelgründen. Auch bemerkt man hinterwärts gar wohl an der Gestalt der Berge den Weg, den der Rhein nimmt.

In dem Dorf Uwiesen fand ich in der Zimmerarbeit Nachahmung der Maurerarbeit. Was sollen wir zu dieser Erscheinung sagen, da das Gegenteil der Grund aller Schönheit unserer Baukunst ist! Auch sah ich wieder Mangold und nahm mir vor, Samen davon mitzunehmen und künftigen Sommer unsern Wieland damit zu traktieren.

Ich wurde abermals dran erinnert wie eine sentimentale Stimmung das Ideale auf einen einzelnen Fall anwendet, wo es denn meistens schief ist.

Schaffhausen lag mit seiner Dächermasse links im Tale.

Die Schaffhäuser Brücke ist schön gezimmert und wird höchst reinlich gehalten. In der Mitte sind einige Sitze angebracht, hinter denen die Öffnungen mit Glasfenstern zugeschlossen sind, damit man nicht im Zuge sitze.

Unterm Tore des Wirtshauses fand ich ein paar Franzosen wieder, die ich auch am Rheinfall gesehen hatte. Der eine schien wohl damit zufrieden, der andere aber sagte: C'est assez joli, mais pas si joli que l'on me l'avait dit. Ich möchte die Ideen des Mannes und seinen Maßstab kennen.

Bei Tische saß ich neben einem Manne, der aus Italien kam und ein Mädchen von ungefähr 14 Jahren, eine Engländerin, Namens Dillon, nach England zurückführte, deren Mutter, eine geborne d'Alston, in Padua gestorben war. Er konnte von der Teuerung in Italien nicht genug sagen. Ein Pfund Brot kostet 20 französische Sous und ein paar Tauben einen kleinen Taler.

Makaronische Uniform französischer edlen Kavalleristen. Fürchterliches Zeichen der drei schwarzen Lilien auf der weißen Binde am Arm. 
 
Nachmittags 3 Uhr fuhr ich wieder nach dem Rheinfall. Mir fiel die Art wieder auf, an den Häusern Erker und Fensterchen zu haben. Sogar besitzen sie ein besonderes Geschick solche Guckscharten durch die Mauern zu bohren und sich eine Aussicht zu verschaffen, die niemand erwartet. Wie nun dieses die Lust anzeigt, unbemerkt zu sehen und zu beobachten, so zeugen dagegen die vielen Bänke an den Häusern, welche an den vornehmen geschnitzt, aufgeschlagen und zugeschlossen sind, von einer zutraulichen Art nachbarlichen Zusammenseins, wenigstens voriger Zeit.

Viele Häuser haben bezeichnende Inschriften; auch wohl manche selbst ein Zeichen, ohne gerade ein Wirtshaus zu sein.

Ich fuhr am rechten Rheinufer hin; rechts sind schöne Weinberge und Gärten, der Fluß strömt über Felsbänke mit mehr oder weniger Rauschen.

Man fährt weiter hinauf. Schaffhausen hat man nun in der Tiefe, und man sieht die Mühlen, die vor der Stadt den Fluß herabwärts liegen. Die Stadt selbst liegt wie eine Brücke zwischen Deutschland und der Schweiz. Sie ist wahrscheinlich in dieser Gegend durch die Hemmung der Schiffahrt durch den Rheinfall entstanden. Ich habe in ihr nichts Geschmackvolles und nichts Abgeschmacktes bemerkt, weder an Häusern, Gärten Menschen, noch Betragen.

Der Kalkstein an dem man vorbei fährt ist sehr klüftig, so wie auch der drüben bei Laufen. Das wunderbarste Phänomen beim Rheinfall sind mir daher die Felsen, welche sich in dessen Mitte so lange erhalten, da sie doch wahrscheinlich von derselben Gebirgsart sind. 

Da sich der Fluß wendet, so kommen nun die Weinberge an das entgegengesetzte Ufer, und man fährt diesseits zwischen Wiesen und Baumstücken durch. Sodann erscheinen drüben steile Felsen und hüben die schönste Kultur. 

Bei der Abendsonne sah ich noch den Rheinfall von oben und hinten, die Mühlen rechts, unter mir das Schloß Laufen, im Angesicht eine große herrliche aber faßliche, in allen Teilen interessante aber begreifliche Naturszene; man sieht den Fluß heranströmen und rauschen, und sieht wie er fällt. Man geht durch die Mühlen durch in der kleinen Bucht. Bei den in der Höhe hervorstehenden mancherlei Gebäuden wird selbst der kleine Abfall eines Mühlwassers interessant, und die letzten diesseitigen Ströme des Rheinfalls schießen aus grünen Büschen hervor.

Wir gingen weiter um das Schlößchen Wörth herum; der Sturz war zu seinem Vorteil und Nachteil von der Abendsonne grade beleuchtet; das Grün der tieferen Strömungen war lebhaft, wie heute früh, der Purpur aber des Schaumes und Staubes viel lebhafter.

Wir fuhren näher an ihn hinan; es ist ein herrlicher Anblick, aber man fühlt wohl, daß man keinen Kampf mit diesem Ungeheuer bestehen kann.

Wir bestiegen wieder das kleine Gerüste, und es war eben wieder als wenn man das Schauspiel zum ersten Mal sähe. In dem ungeheuern Gewühle war das Farbenspiel herrlich. Von dem großen überströmten Felsen schien sich der Regenbogen immerfort herabzuwälzen, indem er in dem Dunst des herunterstürzenden Schaumes entstand. Die untergehende Sonne färbte einen Teil der beweglichen Massen gelb, die tiefen Strömungen erschienen grün und aller Schaum und Dunst war lichtpurpur; auf allen Tiefen und Höhen erwartete man die Entwickelung eines neuen Regenbogens. Herrlicher war das Farbenspiel in dem Augenblick der sinkenden Sonne, aber auch alle Bewegung schien schneller, wilder und sprühender zu werden. Leichte Windstöße kräuselten lebhafter die Säume des stürzenden Schaumes, Dunst schien mit Dunst gewaltsamer zu kämpfen, und indem die ungeheure Erscheinung immer sich selbst gleich blieb, fürchtete der Zuschauer dem Übermaß zu unterliegen, und erwartete als Mensch jeden Augenblick eine Katastrophe.
Briefwechsel Schiller und Goethe



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