> Gedichte und Zitate für alle: Rudolf Magnus-Goethe als Naturforscher -Sechste Vorlesung. Die osteologischen und vergleichend anatomischen Arbeiten II (8)

2019-12-08

Rudolf Magnus-Goethe als Naturforscher -Sechste Vorlesung. Die osteologischen und vergleichend anatomischen Arbeiten II (8)



Sechste Vorlesung. Die osteologischen und vergleichend anatomischen Arbeiten II


Meine Herren! Die Methode, nach der Goethe auf vergleichend -anatomischem Gebiet zu Werke geht, ist, wie schon mehrfach betont, derjenigen ganz ähnlich, die er zu seinen botanischen Studien verwendete. Er stellt sich zunächst aus den Einzelerscheinungen eine kontinuierliche Reihe her, welche von den einfachsten bis zu den kompliziertesten Formen fortschreitet, und erst wenn er diese hat, wendet er das Mittel der Vergleichung an, da sich erst dann mit Sicherheit erkennen läßt, welche Dinge tatsächlich miteinander verglichen werden können. Bei den Formänderungen, die er so durch Vergleichung bei den verschiedenen Tieren und bei den verschiedenen Teilstücken desselben Tieres feststellen kann, ergibt sich nun als leitender Gesichtspunkt, der durch alle seine einschlägigen Arbeiten hindurchgeht, der Zusammenhang zwischen Form und Funktion. Schon beim Zwischenkiefer hatte Goethe gefunden, daß die Ausbildung dieses Knochens aufs engste mit den Nahrungsgewohnheiten des Tieres verknüpft ist, und er sah, wie wir gehört haben, ähnliche Beziehungen auch bei andern Skeletteilen obwalten. 

Um aber eine ganz einheitliche Betrachtung in dieses Gebiet der Gestaltenlehre zu bringen und um aus ihr die Wissenschaft der Morphologie zu schaffen, bedurfte es einer gemeinsamen Grundlage für die Vergleichung, und diese ist für Goethe der Typus, den er nach sorgfältiger Erforschung der in der Natur vorkommenden Einzelformen aus diesen konstruiert und den er für alle weiteren Vergleichungen zum Ausgang nimmt. Diese vergleichende Formbetrachtung unter Zugrundelegung eines schematischen Typus ist der wesentliche Inhalt von Goethes Morphologie. Bei der Betrachtung der tierischen Form gliedert sich diese zunächst in vergleichende Anatomie, d. h. das Studium der Formwandlung von einer Tierart zur andern, und in das Studium der simultanen Metamorphose, d. h. der Formänderung bei ein und demselben Tiere von einem Metameren zum andern. 

Zunächst geht also Goethe so vor, daß er das allen Tieren Gemeinsame festzustellen sucht; wenn er dies hat, schlägt er den umgekehrten Weg ein und sieht zu, welche Formänderung nun diese gemeinsamen Bestandteile in den verschiedenen Einzelfällen erleiden. Diese Anschauung des Naturforschers ist auch für den bildenden Künstler von größter Wichtigkeit. Nach Goethes Ansicht kann der Künstler nur dann mit der Natur wetteifern, wenn er die Art, wie sie bei Bildung ihrer Werke verfährt, ihr wenigstens einigermaßen ablernt. Auch er muß den Typus zugrunde legen und dann die Abweichungen suchen, wodurch Charaktere entstehen. Die Bildwerke der Antike stehen deshalb so unerreicht da, weil die alten Künstler auf Grund genauen Naturstudiums immer das Typische zur Grundlage ihrer so charakteristischen Figuren genommen haben. 

Goethe ist aber nicht dabei stehen geblieben, die unendliche in der Natur vorkommende Formverschiedenheit nur dadurch meistern zu wollen, daß er sie auf den Typus zurückführte. Er hat sich auch die weitere Frage vorgelegt, wie es denn komme, daß die einzelnen Tiere jedes für sich so vollkommen harmonisch ausgebildet seien. Um dies zu erklären, stellte er sein Gesetz von der Korrelation der Teile auf, das von ihm herrührt und sich als außerordentlich fruchtbringend für die Fortentwicklung der Wissenschaft erwiesen hat. Er betrachtet den Organismus nicht nur als ein Konglomerat seiner einzelnen Teilstücke, sondern nimmt gesetzmäßige Wechselbeziehungen zwischen ihnen an, zunächst in physiologischer Hinsicht. Hier wissen wir heute, daß die Tätigkeit der verschiedenen Organe in engster Abhängigkeit voneinander steht, daß für ein gutes Funktionieren des Gehirns oder der Leber notwendigerweise das Herz eine kräftige Blutzirkulation bewirken muß, daß die chemische Tätigkeit der Leber in entscheidender Weise die Nierenfunktion beeinflußt, und daß Erkrankungen der Niere wieder zu bestimmten Änderungen im Herzen Anlaß geben. Goethe beschränkte aber sein Gesetz von der Korrelation der Teile nicht allein auf die physiologischen Wechselbeziehungen; er gab ihm vielmehr auch einen entwicklungsphysiologischen Sinn. Er nahm nämlich an, daß jedes Tier bei seiner Entwicklung eine bestimmte unveränderliche Summe von Entwicklungsmöglichkeiten mitbekomme, daß, wenn irgend ein Organsystem besonders mächtig ausgebildet wird, dafür an irgend einer andern Stelle des Körpers gespart werden müsse, und „daß keinem Teil etwas zugelegt werden könne, ohne daß einem andern dagegen etwas abgezogen werde, und umgekehrt". Jedes Tier bekommt von vornherein einen bestimmten Etat, mit dem es haushalten muß, den es aber im einzelnen auf die verschiedenen Körperteile und Organsysteme nach Bedarf verteilen kann. „Um nun jene Idee eines haushälterischen Gebens und Nehmens anschaulich zu machen, führen wir einige Beispiele an. Die Schlange steht in der Organisation weit oben. Sie hat ein entschiedenes Haupt mit einem vollkommenen Hilfsorgan, einer vorne verbundenen unteren Kinnlade. Allein ihr Körper ist gleichsam unendlich, und er kann es deswegen sein, weil er weder Materie noch Kraft auf Hilfsorgane zu verwenden hat. Sobald nun diese in einer andern Bildung hervortreten, wie z. B. bei der Eidechse nur kurze Arme und Füße hervorgebracht werden, so muß die unbedingte Länge sogleich sich zusammenziehen und ein kürzerer Körper stattfinden. Die langen Beine des Frosches nötigen den Körper dieser Kreatur in eine sehr kurze Form, und die ungestaltete Kröte ist nach eben diesem Gesetze in die Breite gezogen." So sorgt das Gesetz von der Korrelation der Teile dafür, daß keine Monstra entstehen können. 

Welches sind nun aber die treibenden Kräfte für die Formänderungen in der Tierreihe? Hier nahm Goethe gerade wie auf botanischem Gebiet zwei Reihen von Faktoren an, innere und äußere. Einen inneren Drang nämlich, der dem Typus innewohnen soll und dazu führt, daß dieser sich in möglichst viel verschiedenen Formen verkörpere, eine Versalität des Typus, ein inneres Bestreben, möglichst viel verschiedene Varietäten hervorzubringen. Zweitens aber sieht er auch äußere Ursachen am Werke. Dieser Teil seiner Formbildungslehre ist für Goethes ganze Vorstellungsweise außerordentlich charakteristisch. Er zeigt uns, wie der Poet in jedem Falle, auch wenn das Wissen der Zeit nur sehr kärgliches Material darbot, auf eine greifbare und anschauliche Vorstellung hindrängte, und wie er auf seine Weise sich die Lösung eines Problems zurecht legte, das auch heute noch zu den dunkelsten Gebieten der Biologie gehört. Sie erinnern sich von der Besprechung der botanischen Studien her, daß Goethe die Ausbildung der Pflanzenform in engster Abhängigkeit von äußeren Bedingungen, wie Licht, Luft, Sonne und Boden, gefunden hatte. Genau dieselbe Überlegung stellte er auch für die tierische Formbildung an. Er spricht den äußeren Bedingungen, dem Milieu, in dem das Tier lebt, einen wichtigen Anteil an dessen Formgestaltung zu. Seiner Ausdrucksweise nach erfolgt die Bildung der Tiere „durch Umstände für Umstände". Um was es sich dabei handelt, geht am klarsten aus Goethes eigener Darstellung hervor: „Das Wasser schwellt die Körper, die es umgibt, berührt, in die es mehr oder weniger hineindringt, entschieden auf. So wird der Rumpf des Fisches, besonders das Fleisch desselben aufgeschwellt, nach den Gesetzen des Elements. Nun muß nach den Gesetzen des organischen Typus auf diese Aufschwellung des Rumpfes das Zusammenziehen der Extremitäten oder Hilfsorgane folgen, ohne was noch weiter für Bestimmungen der übrigen Organe daraus entstehen, die sich später zeigen werden. — Die Luft, indem sie das Wasser in sich aufnimmt, trocknet aus. Der Typus also, der sich in der Luft entwickelt, wird, je reiner, je weniger feucht sie ist, desto trockener inwendig werden, und es wird ein mehr oder weniger magerer Vogel entstehen, dessen Fleisch und Knochengerippe reichlich zu bekleiden, dessen Hilfsorgane hinlänglich zu versorgen, für die bildende Kraft noch Stoff genug übrig bleibt. Was bei dem Fische auf das Fleisch gewandt wird, bleibt hier für die Federn übrig. So bildet sich der Adler durch die Luft zur Luft, durch die Berghöhe zur Berghöhe. Der Schwan, die Ente, als eine Art von Amphibien, verraten ihre Neigung zum Wasser schon durch ihre Gestalt. Wie wundersam der Storch, der Strandläufer ihre Nähe zum Wasser und ihre Neigung zur Luft bezeichnen, ist anhaltender Betrachtung werth. — So wird man die Wirkung des Klimas, der Berghöhe, der Wärme und Kälte, nebst den Wirkungen des Wassers und der gemeinen Luft, auch zur Bildung der Säugetiere sehr mächtig finden. Wärme und Feuchtigkeit schwellt auf und bringt selbst innerhalb der Grenzen des Typus unerklärlich scheinende Ungeheuer hervor, indessen Hitze und Trockenheit die vollkommensten und ausgebildetsten Geschöpfe, so sehr sie auch der Natur und Gestalt nach dem Menschen entgegenstehen, z. B. den Löwen und Tiger, hervorbringen, und so ist das heiße Klima allein im Stande, selbst der unvollkommenen Organisation etwas Menschenähnliches zu erteilen, wie z. B. im Affen und Papageien geschieht" Es handelt sich, wie Sie sehen, hier um sehr primitive, aber darum nicht minder anschauliche Vorstellungen. Die äußeren Umstände schaffen vollkommen blind und wirken rein nach physikalischen und chemischen Gesetzen auf die verschiedenen Organismen ein, sie in energischer Weise umgestaltend. Trotzdem entstehen keine widersinnigen Gestalten, sondern das Gesetz von der Korrelation der Teile greift regulierend ein und sorgt dafür, daß das Tier als Ganzes harmonisch gebildet wird. Das ist Goethes Lösung des Problems vom Zusammenhang zwischen Form und Funktion. Die Lebensweise und das Milieu eines Tieres ändern rein mechanisch seine Gestalt und die inneren Organisationsgesetze sorgen dafür, daß diese Gestalt einen organischen Zusammenhang behält. 

So beantwortet sich auch die Frage nach der inneren Zweckmäßigkeit der Organismen. Goethe selbst hat dieses Problem des öftern diskutiert und nimmt dabei jedesmal in schärfster Weise Stellung gegen jede teleologische Betrachtungsweise. Für ihn ist die Frage sinnlos, wozu der Eber die Hauer hat, man darf nur fragen, warum er sie besitzt. Der Ochse hat nicht Hörner, um sich zu wehren, sondern er wehrt sich, weil er Hörner hat. In der damaligen Zeit war es noch eine geläufige Betrachtungsweise, anzunehmen, daß die Tiere des Waldes und die Fische des Meeres deshalb geschaffen seien, damit der Mensch sie esse. Diese Anschauungsweise gilt für Goethe als unnaturwissenschaftlich. „Die Vorstellungsart, daß ein lebendiges Wesen zu gewissen Zwecken nach außen hervorgebracht und seine Gestalt durch eine absichtliche Urkraft dazu determiniert werde, hat uns in der philosophischen Betrachtung der natürlichen Dinge schon mehrere Jahrhunderte aufgehalten und hält uns noch auf. . . . Der Mensch ist gewohnt, die Dinge nur in dem Maße zu schätzen, als sie ihm nützlich sind, und da er, seiner Natur und seiner Lage nach, sich für das Letzte der Schöpfung halten muß: warum sollte er auch nicht denken, daß er ihr letzter Endzweck sei. Warum soll sich seine Eitelkeit nicht den kleinen Trugschluß erlauben? Weil er die Sachen braucht und brauchen kann, so folgert er daraus: sie seien hervorgebracht, daß er sie brauche. ... Da er nun ferner an sich und an andern mit Recht diejenigen Handlungen und Wirkungen am meisten schätzt, welche absichtlich und zweckmäßig sind, so folgt daraus, daß er der Natur, von der er ohnmöglich einen größern Begriff als von sich selbst haben kann, auch Absichten und Zwecke zuschreiben wird." Diese Betrachtungsweise wird von Grund aus abgelehnt und Goethe kommt so dazu, alle Endursachen zur Erklärung der Naturerscheinungen zurückzuweisen. Für ihn ist nur eine rein causale Betrachtungsweise auch in den organischen Naturgebieten möglich. 

Um also nochmals zu rekapitulieren, so Ist Goethes Anschauung von der tierischen Formbildung in Kürze diese: Der Typus ist von vornherein gegeben. Die äußeren Umstände bedingen seine speziellen Ausbildungen. Durch das Gesetz von der Korrelation wird das Ganze harmonisch gestaltet. Also entsteht die zweckmäßige Ausbildung des tierischen Körpers. Die Tierform ist die Resultante zweier Komponenten, äußerer und innerer. 

Wenn in dieser Weise die Ausbildung des Tierkörpers in konstanter Abhängigkeit vom Milieu steht, in dem das Tier lebt, so müssen alle äußeren Dinge, auch die Pflanzenwelt und die niedere Tierwelt die Organisation irgend eines Tieres gesetzmäßig beeinflussen. „Das ganze Pflanzenreich z. E. wird uns wieder als ein ungeheures Meer erscheinen, welches ebensogut zur bedingten Existenz der Insekten nötig ist als das Weltmeer und die Flüsse zur bedingten Existenz der Fische, und wir werden sehen, daß eine ungeheure Zahl lebender Geschöpfe in diesem Pflanzen-Ocean geboren und ernährt werde, ja wir werden zuletzt die ganze tierische Welt wieder nur als ein großes Element ansehen, wo ein Geschlecht auf dem andern und durch das andere, wo nicht entsteht, doch sich erhält." Auf diese Weise erhebt sich Goethe zu einer grandiosen Anschauung der Gesamtheit des organischen Lebens, das sich gegenseitig bedingt und durchdringt und dessen Ausgestaltung durchaus gesetzmäßig erfolgt, eine Konzeption von einer Großartigkeit, die des Dichters

würdig ist und für die erst ein halbes Jahrhundert später durch Liebig und andere einige tatsächliche Grundlagen geliefert worden sind 1. Von dieser einheitlichen Betrachtung der ganzen Lebewelt ist es nur ein Schritt, wenn Goethe überhaupt die gesamte Natur als einen großen Organismus auffaßt, der Tier- und Pflanzenreich als seine Kinder hervorbringt. Diesen Gedanken hatte Kant (Kritik der Urteilskraft, § 80) als ein gewagtes Abenteuer der Vernunft 2 bezeichnet, das vielen Naturforschern wohl schon durch den Kopf gegangen sei. Goethe bekennt sich ausdrücklich


1. Die allgemeinen morphologischen und formphysiologischen Ideen Goethes, die im Vorhergehenden entwickelt worden sind, zeigen eine auffallende Verwandtschaft mit den Anschauungen, zu denen kurze Zeit später die großen französischen Forscher Cuvier und Geoffroy St. Hilaire ge- kommen sind. Cuvier gilt bekanntlich sogar als der Begründer der vergleichenden Anatomie. Auch er betonte den Zusammenhang zwischen Form und Funktion der Organe. Er und Geoffroy St. Hilaire sprechen von einer Korrelation der Organe und Letzterer sah als das wichtigste Kriterium für die Homologie verschiedener Organe in der Tierreihe die Konstanz ihres Platzes an. Wenn wir so die leitenden Vorstellungen, zu denen Goethe gelangt ist, kurze Zeit darauf bei den hervorragendsten und anerkanntesten Fachgelehrten wiederfinden, so wird uns erst recht die überragende Bedeutung klar, die er als Naturforscher im Verhältnis zu seinen Zeitgenossen eingenommen hat. zu dieser Vorstellungsart des „Alten vom Königsberge", um sich durch das Anschauen einer immer schaffenden Natur zur geistigen Teilnahme an ihren Produktionen würdig zu machen".

2. Das ist der zweifellose Sinn jener vielfach mißdeuteten Stelle (.Anschauende Urteilskraft'. Weim. Ausg. II. Abt. Bd. 11. S. 55), der man sogar eine descendenztheoretische Bedeutung unterlegen wollte.

Durchaus auf naturwissenschaftlichem Boden steht Goethe, wenn er aufs entschiedenste alle theologischen Erklärungsarten der Tierentstehung und Tierverwandlung ablehnt. In der wissenschaftlichen Morphologie hat für ihn „das fromme Streben, die Organismen zur Ehre Gottes deuten zu wollen" nichts zu suchen. Bei den zeitgenössischen Naturforschern spielte der Bibelglaube fortwährend in ihre wissenschaftlichen Theorien hinein. Linne führte alle einzelnen Arten seines Systems direkt auf den Schöpfungsakt zurück, und Cuvier hat bekanntlich angenommen, daß nach jeder Erdkatastrophe, welche wie die Sintflut zum Untergang des gesamten organischen Lebens auf der Erde geführt haben sollte, eine neue Tierwelt neu geschaffen worden sei. Derartige Anschauungen sind Goethes naturwissenschaftlicher Denkweise durchaus entgegen. Für ihn, der in spinozistischen Ideen groß geworden war, ist Gott und Natur dasselbe. Er sucht das höchste Wesen nicht über, sondern in der Natur und ihm scheint es eine würdige Aufgabe des Naturforschers, Gott -Natur bei ihrer Bildungstätigkeit zu beobachten. „Wir treten", schreibt er, „weder der Urkraft der Natur, noch der Weisheit und Macht eines Schöpfers zu nahe, wenn wir annehmen, daß jene mittelbar zu Werke gehe, dieser mittelbar im Anfang der Dinge zu Werke gegangen sei. Nicht ein einmaliger Schöpfungsakt erklärt ihm die Vielfältigkeit der tierischen und pflanzlichen Form, sondern das mittelbare Wirken und fortdauernde Wirksambleiben aller oben genannten Naturfaktoren hat die tierische Form gebildet und bildet sie noch fortdauernd um. 

Bezeichnend für Goethes vorurteilslose Denkweise ist die einfache Selbstverständlichkeit, mit der er ohne weiteres den Menschen vergleichend anatomisch den Säugetieren zuzählt. Wenn man bedenkt, welchen Sturm noch vor wenigen Jahrzehnten Darwins Lehre von der Abstammung des Menschen hervorgerufen hat und wie noch unmittelbar vor Goethe die hervorragendsten Anatomen sich bemühten, den Menschen prinzipiell von den Säugetieren zu unterscheiden, so wird man auch in diesem Punkte die ruhige Sicherheit bewundern, mit der Goethe sich in allen Dingen auf den Boden des Tatsächlichen gestellt hat. 

Von großem Interesse ist, daß uns eine kurze, mehr gelegentliche Bemerkung erlaubt, auch über seine Stellung zu einer Frage etwas auszusagen, welche gerade in der letzten Zeit wieder vielfach von Naturforschern ventiliert worden ist, die Frage nach der Tierseele. Eine Reihe von Physiologen steht jetzt auf dem besonders durch v. Uexküll vertretenen Standpunkt, daß wir kein Mittel besitzen, um diese Frage überhaupt zu lösen und daß sie deshalb nicht Aufgabe der physiologischen Forschung sein könne. Man kann feststellen, auf welche äußeren Reize ein Tier reagiert, man kann die nervösen Erregungsvorgänge in seinem Nervensystem untersuchen, man kann die Bewegung&n, welche das Tier auf irgend einen Reiz oder „spontan" ausführt, beobachten; aber es gibt keine Möglichkeit, zu entscheiden, ob das Tier dabei eine bewußte Empfindung hat oder nicht. Diejenigen, welche geneigt sind, den höheren Tieren solche bewußten Empfindungen zuzuschreiben, mögen sich die Frage vorlegen, wo sie in der Tierreihe die Grenze ziehen wollen, unterhalb derer sie kein Bewußtsein mehr annehmen. Wer die Entwicklung kleiner Kinder beobachtet hat, weiß, daß es vollständig unmöglich ist, den Zeitpunkt anzugeben, wann in ihrem Leben zuerst bewußte Empfindungen auftreten. Wir können also die Frage nach einer Tierseele mit naturwissenschaftlichen Methoden nicht lösen, und es ist für diejenigen, welche diesen Standpunkt einnehmen, von besonderem Interesse, daß Goethe in seiner allgemeinen Einleitung in die vergleichende Anatomie die Frage nach der Tierseele als eine leere Spekulation bezeichnet hat, da wir durch die Erfahrung nichts darüber feststellen können.

Das sind einige der wichtigsten Gesichtspunkte und Gesetze, welche Goethe in seinen morphologischen Arbeiten über tierische Form und Formbildung entwickelt hat. Wollen wir das Gesagte uns noch einmal kurz vergegenwärtigen, so können wir nichts besseres tun, als das schöne Gedicht zu lesen, in welchem Goethe zehn Jahre später (1806) seine Anschauungen in klarster Weise zusammengefaßt hat


Wagt ihr, also bereitet, die letzte Stufe zu steigen
Dieses Gipfels, so reicht mir die Hand und öffnet den freien
Blick ins weite Feld der Natur. Sie spendet die reichen
Lebensgaben umher, die Göttin; aber empfindet
Keine Sorge wie sterbliche Fraun um ihrer Gebornen
Sichere Nahrung; ihr ziemet es nicht: denn zwiefach bestimmte
Sie das höchste Gesetz, beschränkte jegliches Leben,
Gab ihm gemeßnes Bedürfnis, und ungemessene Gaben,
Leicht zu finden, streute sie aus, und ruhig begünstigt
Sie das muntre Bemühn der vielfach bedürftigen Kinder;
Unerzogen schwärmen sie fort nach ihrer Bestimmung.

Zweck sein selbst ist jegliches Tier, vollkommen entspringt es
Aus dem Schoß der Natur und zeugt vollkommene Kinder.
Alle Glieder bilden sich aus nach ewgen Gesetzen,
Und die seltenste Form bewahrt im geheimen das Urbild.
So ist jeglicher Mund geschickt, die Speise zu fassen,
Welche dem Körper gebührt; es sei nun schwächlich und zahnlos
Oder mächtig der Kiefer gezähnt, in jeglichem Falle
Fördert ein schicklich Organ den übrigen Gliedern die Nahrung.
Auch bewegt sich jeglicher Fuß, der lange, der kurze,
Ganz harmonisch zum Sinne des Tiers und seinem Bedürfnis.
So ist jedem der Kinder die volle, reine Gesundheit
Von der Mutter bestimmt: denn alle lebendigen Glieder
Widersprechen sich nie und wirken alle zum Leben.
Also bestimmt die Gestalt die Lebensweise des Tieres,
Und die Weise, zu leben, sie wirkt auf alle Gestalten
Mächtig zurück. So zeigt sich fest die geordnete Bildung,
Welche zum Wechsel sich neigt durch äußerlich wirkende Wesen.
Doch im Innern befindet die Kraft der edlern Geschöpfe
Sich im heiligen Kreise lebendiger Bildung beschlossen.
Diese Grenzen erweitert kein Gott, es ehrt die Natur sie:
Denn nur also beschränkt war je das Vollkommene möglich.
Doch im Inneren scheint ein Geist gewaltig zu ringen,
Wie er durchbreche den Kreis, Willkür zu schaffen den Formen
Wie dem Wollen; doch was er beginnt, beginnt er vergebens.
Denn zwar drängt er sich vor zu diesen Gliedern, zu jenen,
Stattet mächtig sie aus, jedoch schon darben, dagegen
Andere Glieder, die Last des Übergewichtes vernichtet
Alle Schöne der Form und alle reine Bewegung.
Siehst du also dem einen Geschöpf besonderen Vorzug
Irgend gegönnt, so frage nur gleich: wo leidet es etwa
Mangel anderswo? und suche mit forschendem Geiste;
Finden wirst du sogleich zu aller Bildung den Schlüssel.
Denn so hat kein Tier, dem sämtliche Zähne den obern
Kiefer umzäunen, ein Horn auf seiner Stirne getragen,
Und daher ist den Löwen gehörnt der ewigen Mutter
Ganz unmöglich zu bilden, und böte sie alle Gewalt auf;
Denn sie hat nicht Masse genug, die Reihen der Zähne
Völlig zu pflanzen und auch Geweih und Hörner zu treiben.

Dieser schöne Begriff von Macht und Schranken, von Willkür
Und Gesetz, von Freiheit und Maß, von beweglicher Ordnung,
Vorzug und Mangel erfreue dich hoch; die heilige Muse
Bringt harmonisch ihn dir, mit sanftem Zwange belehrend.
Keinen höhern Begriff erringt der sittliche Denker,
Keinen der tätige Mann, der dichtende Künstler; der Herrscher,
Der verdient, es zu sein, erfreut nur durch ihn sich der Krone.
Freue dich, höchstes Geschöpf der Natur, du fühlest dich fähig,
Ihr den höchsten Gedanken, zu dem sie schaffend sich aufschwang,
Nachzudenken. Hier stehe nun still und wende die Blicke
Rückwärts, prüfe, vergleiche, und nimm vom Munde der Muse,
Daß du schauest, nicht schwärmst, die liebliche volle Gewißheit.

In den zwei letzten Jahrzehnten seines Lebens beschränkte sich Goethe darauf, die Fortentwicklung der zoologischen und vergleichend anatomischen Literatur zu verfolgen, zahlreiche Notizen zu sammeln und gelegentlich kleinere Aufsätze zu veröffentlichen. Eingehendere selbständige Forschungen hat er nicht mehr angestellt. Von bleibendem Werte sind vor allem einige Recensionen, die er zu den Arbeiten seiner Freunde Carus und d'Alton, welche ihn besonders interessierten, geschrieben hat Er berichtet in den Annalen: „In der Zoologie förderte mich Carus von den Urteilen des Schalen- und Knochengerüstes, nicht weniger eine Tabelle, in welcher die Filiation sämtlicher Wirbelverwandlungen anschaulich verzeichnet war. Hier empfing ich nun erst den Lohn für meine früheren allgemeinen Bemühungen, indem ich die von mir nur geahnte Ausführung bis ins Einzelne vor Augen sah. Ein gleiches ward mir, indem ich d'Altons frühere Arbeit über die Pferde wieder durchnahm und sodann durch dessen Werk über die Faultiere und Dickhäutigen belehrt und erfreut wurde." So entstanden im Anschluß an Carus der Aufsatz „Die Lepaden", im Anschluß an d'Alton die Recensionen „Die Faultiere und die Dickhäutigen" und „Die Skelette der Nagetiere". Diese Artikel gehen weit über das hinaus, was man gewöhnlich von einer Recension erwartet. Sie enthalten vielmehr Goethes eigene Gedanken, die er an die Befunde seiner Freunde anknüpfte, und haben dadurch auf die Zeitgenossen einen tiefen Eindruck gemacht. Johannes Müller, der vergleichende Anatom und Physiologe, schrieb 1826 in seiner Untersuchung über die phantastischen Gesichtserscheinungen: „Wer davon (von der Einbildungskraft des Künstlers und Naturforschers) sich einen deutlichen Begriff machen will, lese Goethes meisterhafte Schilderung des Nagetiers und seiner geselligen Beziehungen zu andern Tieren in der Morphologie. Nichts Ähnliches ist aufzuweisen, was dieser aus dem Mittelpunkt der Organisation entworfenen Projektion gleichkommt. Irre ich nicht, so liegt in dieser Andeutung die Ahndung eines fernen Ideals der Naturgeschichte." Goethe benutzt hier das d'Altonsche Werk, um an einer einzelnen, in sich abgeschlossenen Gruppe von Säugetieren noch einmal seine eigenen Anschauungen über tierische Form zusammenfassend zu verdeutlichen. Die Gruppe der Nagetiere ist deshalb für ihn ein so gutes Beispiel, weil ihre Knochengestalt „zwar generisch von innen determiniert (nicht genetisch; Goethe meint, daß dem Nagetierskelett ein gemeinsamer Bauplan zugrunde liegt) und festgehalten sei, nach außen aber zügellos sich ergehend durch Um- und Umgestaltung sich spezifizierend auf das allervielfältigste verändert werde. Diese Formwandlung leitet Goethe von den Einflüssen des Milieus ab, in dem die Tiere leben. „Eine innere und ursprüngliche Gemeinschaft aller Organisation liegt zum Grunde; die Verschiedenheit der Gestalten dagegen entspringt aus den notwendigen Beziehungsverhältnissen zur Außenwelt, und man darf daher eine ursprüngliche, gleichzeitige Verschiedenheit und eine unaufhaltsam fortschreitende Umbildung mit Recht annehmen, um die ebenso constanten als abweichenden Erscheinungen begreifen zu können. Um nämlich zu verstehen, wie bei dieser schier unendlichen Umbildungsfähigkeit doch bestimmte Arten sich als feste Formen herausbilden können, greift er auf einen Gedankengang zurück, der auch bei botanischen Überlegungen eine Rolle gespielt hat Es gibt Arten, die sich schrankenlos ergehen wie die Rosen, bestimmte Geschlechter wie die Gentianen halten aber in jedem Einzelindividum hartnäckig ihre Form fest, und so wird auch bei den einzelnen Formen der Nager, wenn sie einmal individualisiert sind, die Gestalt viele Generationen hindurch mit großer Zähigkeit festgehalten. Goethe führt nun im einzelnen aus, wie die Beziehungen zur Außenwelt die tierische Form beeinflussen, wie das Leben im Wasser, das Eingraben in den Boden, das Herumspringen auf der Erde zu ganz verschiedenen Tierformen führt, ja wie sogar fliegende Arten sich ausbilden können. Wichtig ist besonders die Ernährungsweise. Das Ergreifen und Benagen der Nahrung beeinflußt die

Ausbildung der Extremitäten und vor allen Dingen das Gebiß, dem Goethe einen wichtigen Platz in der Gesamtorganisation des Tieres zuspricht. So wird noch einmal der ganze Goethesche Ideenkreis an diesem einen Beispiel anschaulich entwickelt. In den Jahren von 1819—1823 wurden in verschiedenen Gegenden Deutschlands eine Reihe von fossilen Knochen gefunden, die auch Goethes Interesse aufs lebhafteste in Anspruch nahmen. Er korrespondiert darüber mit Dr. Jäger in Stuttgart, Sömmering, d'Alton u. a., erhält Abgüsse und Knochen zugeschickt und sendet diese weiter an seine Freunde. Bei Stuttgart werden Zähne vom Mammut und Nashorn und Knochen eines Stieres entdeckt. Später finden sich mehrere vollständige Skelette des fossilen Stieres in Mitteldeutschland. Goethe läßt eines derselben in den Jenaer Sammlungen aufstellen. In den morphologischen Heften wird der Urstier eingehend gewürdigt, und bei dieser Gelegenheit macht Goethe die folgende Bemerkung: „Auf allen Fall läßt sich der alte Stier als eine weit verbreitete untergegangene Stamm-Race betrachten, wovon der gemeine und der indische Stier als Abkömmlinge gelten dürften." Es ist dies eine der wenigen Bemerkungen Goethes, in welcher descendenztheoretische Anschauungen geäußert werden. — Man hat in Goethe vielfach einen Vorläufer Darwins sehen wollen. Besonders hat Häckel diese Ansicht zu begründen versucht. Daran ist jedenfalls richtig, daß Goethe als einer der Mitbegründer der vergleichenden Anatomie die Grundlagen schuf, auf denen Darwin weiter gearbeitet hat. Dagegen finden sich in Goethes morphologischen Hauptwerken aus den 80er und 90er Jahren des 18. Jahrhunderts, deren Inhalt im vorstehenden ausführlich dargelegt wurde, keine Anschauungen, welche als darwinistisch im engeren Sinne bezeichnet wer- den können. Goethe betrachtete damals als Ausgangspunkt der wissenschaftlichen Forschung den Typus, dessen verschiedene Abwandlungen in der Natur verwirklicht sind. Erst in den späteren Jahren, nach 1820, tauchen gelegentlich Andeutungen einer Descendenzlehre auf. Goethe, der die zeitgenössische Literatur genau verfolgte, kannte die Schriften von Geoffroy St. Hilaire u. a.; ob er Lamarck gelesen hat, ist mir nicht bekannt; aber sein naher Verkehr mit d'Alton, Carus u. a. mußte ihn über alle wissenschaftlichen Zeitströmungen auf dem Laufenden erhalten. Trotzdem ist die genannte Stelle fast die einzige wirklich unzweideutige, und wir dürfen daraus schließen, daß der ganze Vorstellungskreis der Descendenzlehre keineswegs für Goethe im Mittelpunkt des Interesses gestanden hat. Nur in diesem einen konkreten Fall, wo ihm die Vergangenheit durch eine ihrer typischen prähistorischen Arten entgegentrat, knüpfte er an das Tatsächliche an und betrachtete jetzt lebende Formen als Abkömmlinge fossiler Tiere. In dem Aufsatz: „Die Faultiere und die Dickhäutigen" versuchte er dann, wahrscheinlich im Anschluß an Kant, zu schildern, wie aus einem großen walfischartigen Meertier, das aufs Land übersiedelt, durch allmähliche Umbildung ein Faultier entstehen könne. Aber hier bezeichnet er seine Darstellung selbst schon als poetisch, „da überhaupt Prose wohl nicht hinreichen möchte". Und in der klassischen Walpurgisnacht läßt er den Homunkulus, der gerne entstehen möchte, im Meere anfangen:

„Da regst du dich nach ewgen Normen 
„Durch tausend, abertausend Formen,
 „Und bis zum Menschen hast du Zeit." 

Zu einem durchgreifenden wissenschaftlichen Princip, von welchem aus der Formenbau des ganzen Tierreiches zu begreifen wäre, hat er aber den Descendenzgedanken nicht gemacht. Man kann deshalb Goethe als Vorläufer Darwins ansehen oder nicht. Die Wissenschaft selbst entwickelt sich kontinuierlich und jeder Spätere steht auf den Schultern seiner .Vordermänner, jeder Frühere ist als Vorläufer der Nachfolgenden zu betrachten. Goethes Anschauungsweise von der tierischen Formenwelt war eine in sich abgeschlossene und abgerundete. Darwinistische Gedanken sind in ihr erst in späteren Jahren, und auch dann nur als sekundäre Elemente aufgetreten.

In seinem letzten Lebensjahrzehnt hat sich Goethe überhaupt für die Frage interessiert, wie neue Tierarten entstehen könnten, und er notierte sich beispielsweise 1824 die Mitteilung des Dr. Sturm, daß Rassen, welche durch Kreuzung entstanden sind, konstant bestehen können. Das scheint ihm ein Faktum von größter Wichtigkeit Er bemerkt aber sogleich dazu: „Freilich muß die Umwandlung eine Gränze haben, und nur die Vollkommenheit des Geschöpfs kann sie bestimmen." Auch die plötzliche Entstehung neuer Formen bei der Aussaat von Gewächsen, die heute unter dem Namen Mutation durch die Forschungen von de Vries eine so große Bedeutung gewonnen haben, scheint Goethe beachtet zu haben, doch ist die betreffende Stelle nicht eindeutig genug, um hierin ganz sicher zu gehen: „Dagegen entwickeln sich aus den Samen immer abweichende, die Verhältnisse ihrer Theile zu einander verändert bestimmende Pflanzen, wovon uns treue sorgfältige Beobachter schon manches mitgeteilt und gewiß nach und nach mehr zu Kenntnis bringen werden". Goethes letzter Aufsatz „Principes de Philosophie Zoologique", den er kurz vor seinem Tode abschloß, behandelt, wie schon erwähnt wurde, den Streit zwischen Cuvier und Geoffroy St Hilaire. Dieses bedeutende wissenschaftliche Ereignis interessierte den alten Forscher aufs lebhafteste. Er berichtet seinen Lesern zunächst historisch die Entwicklung der Kontroverse und gibt im Anschluß daran, um seine Parteinahme für Geoffroy St. Hilaire zu begründen und um zu zeigen, daß gleichsam seine eigenen Ideen hier kämpfend auftreten, nochmals einen gedrängten Überblick über seine vergleichend anatomischen Untersuchungen. Er selbst hält den Streit für unschlichtbar, weil hier zwei ganz verschiedene, seiner Meinung nach unvereinbare Anschauungsweisen miteinander kämpfen. Er weist darauf hin, wie er selbst 50 Jahre früher gegen Linnes Lehrmeinung aufgetreten ist. Cuvier sowohl wie Linne sehen die Aufgabe der Naturforschung darin, die Einzelerscheinungen der Natur zu beschreiben und nach Möglichkeit zu unterscheiden, während Goethe und Geoffroy St. Hilaire das Hauptaugenmerk darauf richten, die Analogien und Verwandtschaften zwischen den einzelnen Formen aufzufinden. Sowohl die trennenden wie die zusammenfassenden Naturforscher sind im Interesse der Wissenschaft notwendig, aber ihre Methoden sind zu verschieden, als daß ein Streit sich verhindern ließe.

Bis hierher haben wir die Gesamtheit von Goethes morphologischen Anschauungen im Zusammenhang dargestellt. Die meisten seiner Arbeiten fügen sich zwanglos diesem großen Ganzen ein. Es ist aber natürlich, daß dabei eine Reihe von Einzelheiten welche nicht in unmittelbarer Berührung zu diesen wichtigsten Grundvorstellungen stehen, unberücksichtigt gelassen wurden. Wir müssen daher Nachlese halten und noch einzelnes nachtragen. 

Goethe hat in allem, womit er sich beschäftigte, gesucht, sich zu einer anschaulichen Vorstellung durchzuringen. Auch seine zoologischen Ideen waren immer auf Anschaulichkeit gerichtet. Da war es denn auch sein Bestreben, das von ihm Erkannte sich und andern in anschaulicher Form vor Augen zu stellen. Er selbst fertigte sich eine große Wandtafel an, um sich Humboldts Ideen zu einer Geographie der Pflanzen klar zu machen, und ließ sie 1813 im Druck erscheinen. Ein ähnliches „Gemälde der organischen Natur" von Wilbrand und Ritgen wurde von ihm aufs freundlichste recensiert. Bekannt ist, welchen großen Wert er auf Deutlichkeit naturwissenschaftlicher Abbildungen legte. Besonders mit d'Alton wurde hierüber eifrig korrespondiert und ein Aufsatz von diesem in die morphologischen Hefte aufgenommen. Seine Fürsorge für Ausgestaltung naturwissenschaftlicher Sammlungen und Museen in Jena wurde schon eingehend gewürdigt. Interessant ist sein Vorschlag, besondere Museen für vergleichende Anatomie zu gründen; diese sollten so angeordnet sein, daß man auf einen Blick die Formwandlung irgend eines beliebigen Organs oder Knochens durch die Tierreihe hindurch anschaulich vor Augen hat. In einem Schrank sollten z. B. die Halswirbel sämtlicher Tiere von den größten bis zu den kleinsten, von den einfachsten bis zu den differenciertesten vereinigt werden, in einem andern beispielsweise die Vorderarmknochen von den beweglichsten und zierlichsten bis zu den plumpsten und kräftigsten Stützorganen. Wie weit sein Interesse für diese Dinge im einzelnen ging, zeigt sein Bestreben, die Technik, anatomische Präparate in Wachs nachzubilden, nach Deutschland zu verpflanzen. Er hatte auf der italienischen Reise in Florenz die schöne Sammlung der dortigen Moulagen (Wachsnachbildungen in natürlichen Farben) gesehen, die ihm einen tiefen Eindruck machte. In Wilhelm Meisters Wanderjahren kam er später hierauf zurück. Es schien ihm notwendig, bei der zunehmenden Schwierigkeit, Leichen für den anatomischen Unterricht zu bekommen, an den Universitäten anatomische Moulagensammlungen anzulegen. Unter seiner Mitwirkung wurde ein junger Arzt, Franz Heinrich Martens, der solche Präparate anfertigen konnte, nach Jena berufen und die von dessen Hand herrührenden Moulagen menschlicher Mißbildungen, sämtlich Kunstwerke, zieren noch heute die dortige Sammlung. Noch kurz vor seinem Tode kommt Goethe in einem Schreiben an Geheimrat Beuth in Berlin auf die Angelegenheit zurück und regt an, daß in Berlin aus Staatsmitteln ein Moulagenmuseum gegründet werde und daß zur Erlernung der Technik ein Anatom, ein Plastiker und ein Gipsgießer nach Florenz gesendet werden sollen. Goethes Anregung hat damals keine praktischen Folgen gehabt, aber heute bilden die Moulagen eine wichtige Ergänzung medizinischer Sammlungen, wenn es sich darum handelt, seltene Krankheitsfälle, die zu Unterrichtszwecken nicht jederzeit verfügbar sind, zu verewigen. 

Studien über Regeneration bei Tieren wurden zu Goethes Zeiten besonders von Blumenbach angestellt. Unter Regeneration versteht man das Vermögen der Tiere, verlorene Körperteile neu zu bilden, wie z. B. die Eidechse den Schwanz. Daß Goethe auch für diesen Zweig biologischer Forschung sich interessierte, geht aus seiner Bemerkung hervor, daß ein Tier, das zur Regeneration eines abgelösten Teiles geschickt sein soll, ein unvollkommenes Tier sein müsse. Tatsächlich ist bei den höheren Wirbeltieren die Regeneration eine beschränkte. 

Kurz vor der italienischen Reise hat Goethe das Leben der kleinsten Lebewesen, besonders in Heuinfusen, studiert. Wirft man trockenes Heu in Wasser und läßt es einige Tage stehen, so entwickelt sich aus Keimen, welche an dem Heu angetrocknet sind, eine reiche Fauna, besonders von einzelligen Protozoen und Infusorien. Goethe hat diese, wie aus seinen Protokollen hervorgeht, unter dem Mikroskop beobachtet und es sind sauber ausgeführte Zeichnungen erhalten, auf denen man ohne Schwierigkeit Paramäcien und Vorticellen erkennen kann. Bei den Vorticellen hat er auch die Flimmerbewegung beobachtet und die Richtung des Wimperstrudels untersucht. 

Mit der Anatomie der Muscheln, Schnecken und Würmer hat er sich durch eigene Präparation vertraut gemacht, die innere Anatomie des Frosches genau untersucht und Männchen und Weibchen miteinander verglichen. Sehr umfassend sind schließlich seine Studien über Anatomie, Physiologie und Umwandlung der Insekten gewesen, welche hauptsächlich in die Jahre 1796—98 fallen. Das Problem, das ihn hier interessierte, war die successive Metamorphose, die Umwandlung ein- und desselben Individuums während seines Lebens. Das war die einzige Form der Metamorphose, welche er bisher nicht eingehend studiert hatte. Es ist auch bei der experimentellen Durcharbeitung des Gebietes geblieben. Notizen und Versuchsprotokolle sind zahlreich erhalten, eine zusammenfassende Arbeit hat Goethe aber nicht geschrieben. Er studierte zunächst die Anatomie der Raupen und Puppen z. T. nach Injektionspräparaten, beobachtete dann die Entwicklung verschiedener Arten, des Ligusterspinners, der Wolfsmilchraupe, der Hummel, und verfolgte in einzelnen Fällen die Metamorphose vom Ei bis zum Schmetterling. Der Einfluß von Hitze und Kälte auf diese Vorgänge wurde untersucht. Er beobachtete die Bewegungen der Raupe, sah die mehrfache Häutung dieser Tiere, stellte fest, was sie fressen und was sie ausscheiden, experimentierte über ihr Verhalten bei Belichtung und Verdunkelung, machte genaue Notizen über das Einspinnen und die Verpuppung und studierte das Ausschlüpfen der Schmetterlinge. Besonders interessierte ihn die Erscheinung, daß die ausgeschlüpften Schmetterlinge ganz kleine und weiche Flügel haben, die erst im Verlauf von etwa einer halben Stunde sich entfalten und hart werden. Goethe führte dies auf Einströmen von Säften aus dem Innern des Tieres in die Gefäße der Flügel zurück und sah seine Ansicht bestätigt, als er dem Schmetterling nach dem Ausschlüpfen den Kopf abschnitt und die Flügelentfaltung nun ausblieb; nach Eröffnung des Tieres konnte eben keine Flüssigkeit mehr in die Flügel hineingepreßt werden. Die innere Anatomie der Schmetterlinge wurde genau untersucht, ihre Fortpflanzung beobachtet. Seinem Streben nach Veranschaulichung, seinem „Museumstriebe" ist es zuzuschreiben, daß er zehn verschiedene Stadien von der Puppe bis zum Schmetterling konservierte und zwischen Glasplatten aufhob. Beobachtet wurde ferner die Entwicklung von Schlupfwespeneiern im Innern von Raupen und Puppen. Wichtig sind weiter in dieser Versuchsreihe eine Anzahl von physiologischen Beobachtungen. Da die Raupe während des Verpuppens keine Nahrung nimmt, so fragt es sich, wovon sie lebt Genaue Wägungen der Tiere ergaben einen fortschreitenden Gewichtsverlust; das Tier zehrt also von seinem Körpermaterial. Goethe registriert ferner die Beobachtung, daß der Saft einer Raupe an der Luft schwarz wird und untersucht das Verhalten dieses Saftes gegen Wasser, Säuren und Laugen. Wir wissen heute, daß die Erscheinung auf der Anwesenheit eines oxydierenden Fermentes im Safte beruht, dem man in jüngster Zeit wieder größeres Interesse entgegengebracht hat. Die Reaktion der Raupen auf Berührung an verschiedenen Stellen ihres Körpers wird untersucht. Die Bewegung der Flügelmuskeln wird auch nach dem Tode noch fortdauernd gefunden. Auch die Tätigkeit des überlebenden Herzens beobachtet Goethe und macht darüber folgende Notiz: „Langes durchsichtiges Gefäß bei der Hummel, das den ganzen Rücken hinuntergeht (Ist das sogenannte Herz der Inseckten) und sehr lebhaft pulsiert; es geht unten durch ein durchsichtiges häutiges Gewebe durch, das sehr mit Luftgefäßen durchwebt ist. Es pulsierte 3 bis 4 Stunden, so lange bis alle Feuchtigkeit vertrocknet war; wenn man es anhauchte, pulsierte es viel schneller. Es ist der Versuch zu machen, wie lange es schlägt, wenn man es feucht erhält und ob es etwa in der Kälte gleich erstarrt. In einer aufgeschnittenen Puppe in anderthalb Sekunden pulsierte es einmal." 

Auch sonst enthalten diese Aufzeichnungen zur Insektenkunde noch viele feine Beobachtungen. Überhaupt gewähren gerade diese Protokolle einen interessanten Einblick in Goethes Art zu arbeiten. Man sieht, mit welcher Sorgfalt das ganze Tatsachenmaterial schematisch geordnet wird und wie außerordentlich genau seine Einzelbeobachtungen gewesen sind. 

Damit schließen wir die Darstellung von Goethes morphologischen Arbeiten. Wir haben gesehen, wie er sich durch eigenes Studium einen Überblick über die unendliche Fülle der pflanzlichen und tierischen Formen verschafft hat und wie er jahrelang sich bemühte, die zahlreichen Einzeltatsachen zu einem Gesamtbilde zu verschmelzen. 20 Jahre Arbeit ist dazu nötig gewesen. Schließlich aber bildete sich bei Goethe eine umfassende Anschauung von der Gesamtheit der Organismen heraus, die in ihrer Großartigkeit ihresgleichen sucht und die uns zeigt, daß der Naturforscher dem Dichter in keinen Stücken nachgab. 

Jetzt erst verstehen wir die Verbitterung, die Goethe erfaßte, als seine Ideen anfangs gar nicht durchdringen wollten und auf den passiven Widerstand der Gelehrten stießen. Aber er hat es noch erlebt, daß sie zum Siege kamen. Durch die Begründung der vergleichenden Anatomie und der Morphologie pflanzlicher und tierischer Formen wirkt Goethes wissenschaftliche Arbeit bis auf den heutigen Tag fruchtbringend fort.

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