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2019-12-12

Veit Valentin: b. Die Gretchentragödie. (9)

Veit Valentin: Goethes Faustdichtung in ihrer künstlerischen Einheit



b. Die Gretchentragödie. V. 2605—4612.


Die Handlung der zweiten Episode ist die Gretchentragödie. Sie entwickelt sich wie ein regelrechtes Drama in fünf Stufen, die man wohl als Akte bezeichnen könnte. Diese Stufen gestalten sich den treibenden Kräften gemäfs. Durch den Zaubertrank ist die Lüsternheit in Faust erwacht und äufsert sich sofort mit der ihr eigenen Rücksichtslosigkeit. Aber der Trank kann Fausts gute Natur nur zeitweilig betäuben : sie erwacht wieder und lehnt sich gegen die Verlockungen des Mephistopheles auf. So entsteht ein lebhafter Kampf zwischen Faust und Mephistopheles, bis Faust besiegt nachgiebt. Da macht Mephistopheles die bittere Erfahrung, dafs sein Mittel durchaus nicht den gewollten Zweck erreicht : so bemüht er sich, Faust von Gretchen loszureifsen. Ein neuer Kampf zwischen Faust und Mephistopheles beginnt: Faust strebt zu Gretchen zurück, bis die Handlung durch Gretchens Trennung von Faust auf Erden beendet wird. 

Demgemäfs gestaltet sich die dramatische Gliederung so : 

1. Stufe. Annäherung und Liebeserklärung. 
2. Stufe. Fausts Versuch, sich von Gretchen loszureifsen : Zurückführung durch Mephistopheles. 
3. Stufe. Verbindung Fausts mit Gretchen : Folgen bis zur Szene im Dome. 
4. Stufe. Mephistopheles' Versuch, Faust von Gretchen loszureifsen: Walpurgisnacht. 
5. Stufe. Gretchen reifst sich von Faust und Mephistopheles los : Rettung ihrer Seele. 

Das neue Moment, auf das Mephistopheles seiner Natur nach nicht rechnen konnte und das seinen Plan durchkreuzt, ist die in Faust auftauchende tiefe Liebe zu Gretchen, die weit über die blofse Befriedigung einer lüsternen Aufwallung hinausgeht. Sie ist begründet durch die nicht nur holdselige, sondern von edelster Reinheit und Seelenschönheit erfüllte Natur Gretchens, deren echte Weiblichkeit sich so schlicht und selbstverständlich und dennoch mit hinreifsendem Zauber in ihrer angeborenen Mutternatur köstlich offenbart: sie, die das kleine Schwesterchen erzog und es sich zu eigen machte, als ob sie selbst die Mutter wäre, mufs später in der Verzweiflung das eigene Kind dem Tode preisgeben — eine tragische Wendung, wie sie furchtbarer kaum gedacht werden kann. Faust aber erwirbt sich in ihrer Liebe einen Schatz, der das irdische Leben überdauert. Mephistopheles ahnt zunächst von solchem Verlaufe nichts : es geht ihm für echte Liebe das Verständnis durchaus ab. Er verfolgt vielmehr, als Faust Gretchen gesehen und keck angesprochen hatte, seinen Plan wortgetreu, und das Spiel vor dem Zauberbild in der Hexenküche wiederholt sich hier der Wirklichkeit gegenüber: Faust soll in seiner Unersättlichkeit Erquickung sich umsonst erflehen. So weist Mephistopheles Fausts Verlangen, »ihm die Dirne zu schaffen«, erst ganz zurück, dann braucht er angeblich vierzehn Tage Zeit, nur die Gelegenheit auszuspüren, und schildert mit Behagen die Freude, das Püppchen zu kneten und zuzurichten. Und wie er sich daran macht, wirklich Fausts Wunsch zu fördern, so ist das Mittel nach seiner Berechnung ein solches, dafs es Fausts Lüsternheit aufs äufserste reizen mufs : in ihr Schlafzimmer will er ihn führen, aber er soll sie dort nicht sehen. Dieses teuflische Mittel hat nun einen ganz andern Erfolg, als Mephistopheles gehofft hatte : Faust wird von dem Gefühl der Sitte, der Ordnung, der Zufriedenheit, von dem Geiste der Reinheit, der ihn hier umweht, im tiefsten Herzen ergriffen. Und gerade der Anblick ihres Lagers ruft ihm seine frevelhafte Begier recht klar ins Bewufstsein: es erwacht in ihm lebendiger und lebendiger ein nicht erwartetes Gefühl: »Mich drang's, so grade zu geniefsen, Und fühle mich in Liebestraum zerfliefsen.« Mephistopheles bringt das Geschenk, Faust aber will fort und nie zurückkehren. Das darf Mephistopheles nicht zulassen : er weifs ihn zu halten , Faust fängt an zu zweifeln, und Mephistopheles drängt ihn beherrschend fort, nachdem er, nicht Faust, das Geschenk in den Schrein gestellt hat.

Aber auch bei Gretchen nimmt die plötzlich erweckte Neigung diese Wendung zu einer tiefen, das ganze Leben erfüllenden Liebe. Auch das Mittel des Mephistopheles, durch ein Geschenk ihre Gunst zu gewinnen, bleibt nicht erfolglos : Gretchen ist Weib genug, den zweiten Schmuck nicht mehr der Mutter, sondern der Nachbarin zu bringen, um ihn so behalten zu können. Dieser erste Schritt abseits führt die folgenden herbei, zunächst die geheime Zusammenkunft mit Faust, die zum vollen Bewufstwerden der Liebe führt : »Lafs diesen Blick, Lafs diesen Händedruck dir sagen, Was unaussprechlich ist: Sich hinzugeben ganz und eine Wonne zu fühlen, die ewig sein mufs Ewig! — Ihr Ende würde Verzweiflung sein. Nein, kein Ende! Kein Ende !« Das geht weit über die Erwartung und den Wunsch des Mephistopheles hinaus : je ernster eine echte Liebe die beiden ergreift, um so weniger wird Faust geneigt sein, die Geliebte zu Grunde zu richten. So ist es ein Ausbruch seiner guten Natur, eine Folge seiner wahren Liebe zu Gretchen, dafs er sie flieht: ihr nach den Vorschriften der Gesellschaft und der Kirche zu gehören, vermag er, der Flüchtling, der Unbehauste, der Unmensch ohne Zweck und Ruh, nicht; sie auf andere Weise zu besitzen, bringt er nicht übers Herz — da flieht er sie und flüchtet in die Einsamkeit. 

Hier wendet er sich mit der ganzen Inbrunst eines Hilfsbedürftigen an den »erhabenen Geist«, den Erdgeist, den einzigen, der ihn gewürdigt hat, sich ihm zu zeigen, mit ihm zu sprechen, ihm sein Wesen, wie es sich in der Natur offenbart, zu enthüllen. Durch ihn hat Faust eben dieses Wesen erkannt : der Erdgeist hat ihm vergönnt, in die tiefe Brust der Natur wie in den Busen eines Freundes zu schauen. Wie in ihr die Lebensfluten, der Thatensturm, das Auf- und Abwallen in Geburt und Grab nach der Belehrung des Erdgeistes sich schliefslich als Beihilfe am Wirken des lebendigen Kleides der Gottheit dem Wissenden darstellt, so erkennt jetzt Faust seine Brüder im stillen Busch, in Luft und Wasser und wird auch nicht irre, wenn der Sturm zerstörend durch die Schöpfung hinbraust: es öffnen sich seiner Brust geheime tiefe Wunder, und besänftigend wirkt die Erkenntnis des immer gleichen Wesens der Natur, dessen Endziel sich ihm in einem friedlichen Alldasein offenbart. 

Aber der Erdgeist hat Faust zurückgestofsen, ihn nicht als seines Gleichen anerkannt : so hat er sich ihm auch nicht zugesellt, sondern ihm als Gesellen einen Geist gegeben, den er begreift, der ihn aber von der Höhe, da er sich den Göttern schon nahe fühlte, wieder herunterreifst und ihn vor sich selbst erniedrigt : so fühlt sich Faust durch das wilde Feuer der Lüsternheit erniedrigt, das Mephistopheles geschäftig anfacht. Im Gegensatz zu seinem hohen Streben reifst es ihn von Begierde zu Genufs, und erreicht er diesen, so enthält er nichts Erlösendes, nichts Befriedigendes — er läfst den Geniefsenden nur nach neuer Begierde verschmachten. Damit ist diesem zweiten Versuche, soweit es sich um die Lösung der dem Mephistopheles gestellten Aufgabe handelt, Faust eine volle Befriedigung zu schaffen, das Urteil gesprochen: auch wenn die Begierde zum Genüsse gelangt, so liegt in ihm nichts von der Befriedigung, wie sie Faust erstrebt. Mephistopheles kann das nicht voraussehen : für ihn und das Verständnis der menschlichen Natur, wie es ihm eigen ist, bleibt die Erweckung des Sinnentaumels ein Mittel von höchster Wichtigkeit.

Kann Faust keine Befriedigung in ihm finden, so wird er vielleicht zu einer Quelle der Verzweiflung, die Faust nicht minder sicher in die Gewalt des Mephistopheles führen würde. So beginnt nun Mephistopheles wieder sein Spiel. Nach seiner Darstellung wäre er es gewesen, der Faust vom Selbstmord abgehalten hätte : auch hier eignet sich Mephistopheles wieder mit frecher Lüge das an, was der Einwirkung Gottes zuzuschreiben ist. Aber ein Irrtum ist es, wenn er die Zurückhaltung des Faust Gretchen gegenüber dem Umstände zuschreibt, dafs ihm der Doktor noch im Leibe stecke : von der echten Liebe, die Faust erfüllt, versteht er nichts. So beginnt er wieder seine Sinnlichkeit zu reizen und stellt Gretchens Sehnsucht von eben dieser Seite dar : seine Mittel werden immer kecker und derber, und Faust hat nicht die Kraft, sich ihm zu entziehen. Er sieht genau, dafs er auch an ihrer Brust immer ihre Not fühlen wird : er kann ihr Dasein nur zerstören, meint aber, da er des Mephistopheles wahres Ziel nicht kennt, fälschlich, er solle es thun, damit die Hölle in ihm ein neues Opfer gewänne. Er kehrt zu Gretchen zurück, unter dem Banne des Teufels: Was mufs geschehn, mag's gleich geschehn ! Mag ihr Geschick auf mich zusammenstürzen Und sie mit mir zu Grunde gehn!« 

Dieser Auftritt, der die das Schicksal Gretchens entscheidende Handlung vortrefflich einleitet, da er einerseits das Widerstreben der guten Natur Fausts, andrerseits die Herrschaft des Mephistopheles über ihn, ohne den er schon nicht mehr leben kann, deutlich erkennen läfst und so die entscheidende Handlung aus der Zufälligkeit eines wild aufwallenden Gelüstes in das planvolle Beginnen des Verführers überleitet, ist als Ganzes im Urfaust noch nicht vorhanden: nur die Stelle »Was ist die Himmelsfreud' in ihren Armen« bis zum verzweifelten Entschlufs, sowie die etwas anders lautenden vorhergehenden und nachfolgenden Worte des Mephistopheles finden sich, und zwar nach der Domszene und nach dem Auftreten von Gretchens Bruder, dessen Eingreifen indessen nicht weiter ausgeführt ist. Die Verführung Gretchens hat somit bereits stattgefunden, und Fausts Auftreten ereignet sich vor irgend einem seiner Besuche bei Gretchen : so sagt auch Mephistopheles : »Ihr geht nach Eures Liebchens Kammer, Als gingt Ihr in den Tod« V. 1409 f. Im Fragment 1790 ist die Szene des Urfaust bereits geteilt: die Stelle »Wie von dem Fenster dort der Sakristey« (U. 1398) bis »ein bissgen Rammeleyc (U. 1407) fehlt ganz — sie bildet später die Einleitung zur Begegnung mit Valentin und ist, da dieser hier gar nicht erscheint, gleichfalls weggeblieben. Dafür giebt das Fragment schon die Szene »Wald und Höhle«, die Flucht Fausts von Gretchen und seine Zurückführung durch Mephistopheles vollständig: sie steht aber nach der Szene »Am Brunnen«, also gleichfalls nach der Verführung Gretchens. Erst im »ersten Teil« 1808 erhält die Szene »Wald und Höhle« ihre richtige Stelle hinter der Liebeserklärung im Garten der Nachbarin : erst jetzt erscheint sie im Gesamtfortgang der dramatischen Entwicklung in ihrer vollen Bedeutung. Sie ist jetzt nicht mehr irgend ein Aufwallen der guten Natur Fausts, das obendrein nach geschehener That zwecklos gewesen wäre, sondern sie ist das Zurückschauern dieser guten Natur vor dem entscheidenden Schritt, der Gretchen elend machen mufs. Erst jetzt gewinnt das Eingreifen des Mephistopheles seine volle Bedeutung : gerade bei dem entscheidenden Schritt darf er nicht fehlen, um Fausts widerstrebende Natur nach seinem Willen zu lenken. Erst dadurch erscheint er mit voller Entschiedenheit in der Rolle, die er in der ersten Hälfte der Haupthandlung einnimmt: er ist der wirkliche Führer und Entscheider, dem um so mehr die volle Verantwortlichkeit zufällt, als er ja im Einverständnis mit Gott handelt und mit dessen Zulassung seine Experimente unternimmt. Auch in dieser Umgestaltung und Umstellung tritt wieder aufs deutlichste des Dichters erfolgreiches Streben hervor, das Einzelne planvoll zu einem künstlerischen Ganzen zu ordnen, in dem »Alles sich. zum Ganzen webt«. 

Es ist die Frage aufgeworfen worden, ob der Erdgeist unter dem »Erhabnen Geist« dieser Szene zu verstehen sei, zumal ja der Erdgeist den Mephistopheles gar nicht zu Faust geschickt habe. Es wird hierbei übersehen, dafs der Dichter als echter Dramatiker jede Person immer nur die Äufserungen thun läfst, die sie nach ihrem Anteil an der Handlung sachgemäfs thun kann. Dafs Goethe sich dieser Pflicht des dramatischen Dichters klar bewufst war, zeigt die Äufserung, die er über Byrons Marino Falieri thut. Während sonst in allen Dichtungen sich die Persönlichkeit des Dichters vordrängt, rühmt Goethe von diesem Werke: »Die Personen werden ganz aus sich selber und aus ihrem eignen Zustand heraus, ohne etwas von subjektiven Gefühlen, Gedanken und Meinungen des Dichters an sich zu haben. Das ist die echte Art« (Gespräche, Biedermann VII, S. 249). Faust weifs von der Szene im Himmel nichts; er hat keine Ahnung davon, dafs Gott selbst es ist, der Mephistopheles auf ihn aufmerksam gemacht hat und sich des Teufels bedient, um ihn zum rechten Handeln anzureizen. Faust kennt keinen anderen Geist, durch dessen Einwirkung Mephistopheles zu ihm hätte kommen können ; wohl aber weifs er, dafs der Erdgeist ihn aus seinem unmittelbaren Verkehre gestofsen hat: so liegt es ihm nah, anzunehmen, dafs Mephistopheles einer der Geister sei, die nach des Erdgeists Auffassung ihm nahe stehen, die er begreifen, mit denen er verkehren kann. Dieser Irrtum des Faust ist daher von Seiten des Künstlers ein vorzüglicher dichterischer Zug : den Faust als Mitwisser zu behandeln, wie wir es sind, ist eine schlimme Verwechslung des künstlerischen und des beurteilenden Standpunktes, die dem Dichter selbst sehr ferne gelegen hat. Die scharfe Festhaltung dieses Zuges der künstlerischen Behandlung der Dichtung trägt vielmehr hier wie auch anderwärts zum Verständnis des Ganges der Handlung und der inneren Entwickelung der Persönlichkeiten wesentlich bei. 

Die dritte Stufe bringt die Entscheidung zwischen Faust und Gretchen selbst. Die menschliche Berechtigung Gretchens, so zu handeln, wie sie es thut, wird nach zwei Seiten hin dargethan : ihr ganzes Wesen ist so von dem Geliebten erfüllt, dafs ihr ein Leben, ein Dasein ohne ihn thatsächlich zur Unmöglichkeit geworden ist. Sie möcht' ihn fassen, halten, küssen, und wenn sie an seinen Küssen vergehen sollte. Eine solche Empfindung ist nicht nur menschlich berechtigt, sie ist auch notwendig, wenn die volle Hingebung des Weibes an den Mann für sie nicht eine Erniedrigung sein soll. Aber so glutvoll auch diese Empfindung ist, sie erfüllt doch nicht ausschliefslich das Herz des liebenden Weibes: das ewige Heil des geliebten Mannes ist ihr, je tiefer und ernster sie ihn liebt, um so wichtiger. Es ist daher ein Zug von echtester Seelenwahrheit, zugleich aber von edelster Seelenschönheit, dafs die Besorgnis Gretchens um das Seelenheil Fausts gerade in diesem langersehnten Augenblick des Wiedersehens nach schwer ertragener Trennung hervortritt, in einem Augenblick, wo leicht die ausschliefslich sinnliche Freude hätte vorherrschen können. Und gerade da, wo sie von der Sorge um die Ewigkeit für den Geliebten erfüllt ist, erscheint ihr das eigene irdische Wohl so klein, dafs es ihr ist, als ob mit seiner Hingebung überhaupt so wenig gethan sei, dafs ihr, um es hinzugeben, fast nichts zu thun übrig bleibt. Gretchen geht nach beiden Seiten hin so völlig in dem Empfinden für den geliebten Mann auf, dafs sie an die Folgen für ihre soziale Stellung in diesem Augenblick nicht denkt: so handelt freilich ein weltkluges Mädchen nicht. Das thut, wie Mephistopheles ihr höhnisch singt, wie sie den Rat nicht mehr befolgen kann, keinem Dieb nichts zu lieb als mit dem Ring am Finger. Gretchen liebt zu sehr, um so weltklug zu sein : diese Nichtbeachtung der sozialen und der kirchlichen Gesetze wirft bald düstere Schatten über ihre Seele, bis die schlimmsten Folgen sie in den irdischen Abgrund ziehen. In grofsen Zügen, gleich dem Volksliede, das nur die entscheidenden Momente betont, läfst der Dichter den furchtbaren Prozefs vor uns seinen unentrinnbaren Weg gehen: jeder Schritt weiter ist ein Wendepunkt von gröfster Bedeutung. Zunächst wird sich Gretchen im Spiegelbilde eines fremden, äufserlich gleichen , innerlich freilich durchaus verschiedenen Schicksals ihres Thuns und seiner Folgen im Munde der Leute bewufst : ihr Einwurf »Er nimmt sie gewifs zu seiner Frau«, wird höhnisch zurückgewiesen und damit die stille Hoffnung, die sie wohl auch für sich hegte. Aber noch überwiegt in ihr der Eindruck der schönen Seite der Hingebung: »Doch alles, was dazu mich trieb, Gott, war so gut! Ach, war so lieb!« Bei ihrem nächsten Erscheinen am Zwinger ist sie von ganz anderer Empfindung erfüllt: sie hat sich nicht nur ergeben, ohne dafs das Gesetz darein gewilligt hat, sie ist, ohne das äufsere Recht dazu zu haben, Mutter geworden. So kann ihre gesetzlose Hingebung, die sozial als Schande gilt, aus welcher Gesinnung auch immer sie entsprungen sein mag, nicht lange verborgen bleiben. Aber noch wäre vielleicht eine Verheimlichung für sie möglich: da ist es der eigene Bruder, der diese undenkbar macht. Er offenbart ihren eigenmächtigen Schritt und stellt sie vor den braven Bürgersleuten so niedrig hin, wie sie nie gewesen ist, nie werden konnte. Und dieser Bruder ist, da er ihre Schande und mehr noch seine eigne Empfindung der Erniedrigung rächen wollte, von eben dem erschlagen worden, der sie allein hätte retten können. Durch dieses Eingreifen des Bruders ist Gretchen von Faust auf Erden für alle Zeiten getrennt : der Mann, der den Bruder erschlagen hat, der der Mutter zum ewigen Schlafe verholfen hat, kann ihr nie mehr nahe stehen, selbst wenn ihr Herz sie noch so mächtig zu ihm treibt. Da wächst ihre Verzweiflung : sie wendet sich zur Kirche ; aber auch an heiliger Stätte lassen sie die selbstquälerischen Gedanken nicht los, die nun ihr selbst den Tod der Mutter, des Bruders vorwerfen und sie an das keimende Wesen mahnen, das sie und sich selbst mit ahnungsvoller Gegenwart ängstigt. Und in dieser furchtbaren Lage ist sie sich ganz allein überlassen — ohne Mutter, ohne Bruder, ohne den Geliebten, der die Stadt meiden mufs, wo der Blutbann über ihm schwebt, und der ihr zudem heimtückisch entrissen wird. Da fängt ihr Geist an zu schwärmen — das Entsetzliche geschieht — sie tötet das im Elend geborene Kind und verfällt der nicht unter- scheidenden erbarmungslosen irdischen Gerechtigkeit. 

Dieser straffe Gang der Handlung mit seiner unaufhaltsamen Logik und Tragik existiert erst in dem »ersten Teil« 1808: im Fragment wird er einerseits durch die Szene »Wald und Höhle« unterbrochen, andrerseits fehlt die Valentinsszene vollständig; im Urfaust ist diese bruchstückartig und ohne dafs man sieht, worauf der Dichter mit ihr hinaus will, hinter die Domszene gestellt, die dadurch ihre Bedeutung als Gipfelpunkt der Handlung verliert. Dagegen hat hier die Domszene eine Bedeutung, die sie später eingebüfst hat : im Dome finden die »Exequien der Mutter Gretchens« statt, und nicht nur Gretchen, sondern auch »alle Verwandte« sind zugegen. Es ist keine Frage, dafs die innere Bedeutung der Szene wächst, wenn in Gretchen die quälenden Gedanken mit besonderer Kraft gerade bei einer kirchlichen Handlung aufsteigen, die sie so nahe angeht, wie die Totenfeier, die der eigenen Mutter zur ewigen Ruhe helfen soll: dieser Zusammenhang zeigt uns, wie der Dichter ursprünglich überhaupt auf die Erfindung dieser erschütternden Szene in der Kirche gekommen ist. Andrerseits lehrt uns die Umstellung, mit welcher Energie er darauf ausgegangen ist, die künstlerische Einheit in dem Fortschritt der Handlung zu gewinnen : diese Szene giebt sachlich und durch ihre Gestaltung eine so mächtige Steigerung, sie giebt dem Denken und Fühlen Gretchens mit solcher Wucht die letzte Entscheidung, den letzten unausweichlichen Anstofs zu der äufsersten Handlung der Verzweiflung, dafs der Künstler gar nicht anders konnte, als sie an das Ende dieser Reihe der Gretchenszenen zu stellen. Um das zu können, mufs er die unmittelbare Beziehung zur Mutter opfern: es sind irgendwelche Exequien, die gefeiert werden — die Mutter ist nach der jetzigen Fassung schon zu lange tot, als dafs die Feier um ihretwillen stattfinden könnte. Dafür tritt nun das Schuldbewufstsein für die Ermordung des Bruders hinzu : »Auf deiner Schwelle wessen Blut« So opfert der Dichter einen ergreifenden Gesichtspunkt, der die Szene für sich betrachtet, unstreitig hebt und zu besserem Verständnis nach der Seite ihrer Entstehung hin bringt, um ihr die beherrschende Stellung des Gipfelpunktes der ganzen Reihe und damit deren vollendeten dramatischen Zusammenhang im Fortgange der Handlung zu gewinnen : nach dieser Fülle der Selbstqual, die nicht einmal mehr die Kraft hat, sich zu einem Gebet aufzuschwingen, giebt es nur noch den Ausbruch und die That der Verzweiflung. 

Und Faust? Wo ist er während dieses ganzen Verlaufs ? Mephistopheles sorgt dafür, dafs er nichts davon erfährt. Als Faust den letzten Schritt gethan hatte, Gretchen zu gewinnen, hatte Mephistopheles gejubelt: »Hab' ich doch meine Freude dran.« Er hat aber bald gemerkt, dafs er selbst in seinem Plane dadurch nicht weiter gekommen war: Faust ist sich während des Genusses zugleich seines Unrechtes bewufst, und so fehlt ihm die ersehnte Befriedigung: durch die Erlangung des Genusses aber war er für diesen Fall dem andren Mittel des Mephistopheles, ihn durch Verlocken und Versagen zur Verzweiflung zu treiben, glücklich entgangen. Sobald Mephistopheles die Erfolglosigkeit seines Versuches einsieht, liegt sein Interesse nur darin, Faust zu einem neuen Versuche zu bringen : aus Auerbachs Keller sehnte sich Faust selbst fort ; ihn von Gretchen loszureifsen, bedarf es kräftiger Mittel. Für Mephistopheles ist Gretchen die gepflückte Blume, die achtlos weggeworfen wird, wenn sie verwelkt und nicht mehr zu brauchen ist. Dafs Faust in echter Liebe an ihr hängt und gerade in ihrem Unglück sie nicht verlassen wird, ist ihm ein schweres Hindernis. Er versucht mancherlei, um Faust von ihr loszureifsen. Das erste und zugleich äufserlich zunächst entscheidende Mittel ist die Anreizung zur Tötung von Gretchens Bruder: so mufs Faust ihm fort aus der Stadt folgen. Aber wenn er nicht zurückkehren soll, so mufs er anderweitig beschäftigt werden. Aus der Fülle von Möglichkeiten greift der Dichter die entscheidendste heraus, die Walpurgisnacht. Sie bildet die vierte Stufe: ihre Aufgabe nach dem Sinne des Mephistopheles ist die, Faust von Gretchen nicht nur äufserlich, sondern auch innerlich durch neue Eindrücke, an denen er zudem vielleicht Gefallen finden könnte, fortzuführen : ihre Aufgabe im Plane des Dichters dagegen ist die, dafs das Mittel, das Mephistopheles anwendet, um Faust von Gretchen zu entfernen, gerade dazu dienen mufs, ihn an sie zu erinnern und zu ihr zurückzuführen. 

Mit Rücksicht auf diese wichtige Stellung, die die Walpurgisnacht im Gesamtverlauf der Handlung einnimmt, versäumt der Dichter nicht, schon bei Zeiten auf sie vorzubereiten. Schon in der Hexenküche verweist er die Hexe darauf, sich auf Walpurgis« von ihm einen Gefallen auszubitten. Kräftiger wird die Vorbereitung, wenn die Walpurgisnacht näher rückt: jetzt gilt es auch, Faust in das Interesse zu ziehen. Faust aber ist von Gretchen ganz erfüllt: so mufs sie dem Teufel die Vermittlung für seinen Zweck werden. Faust thut es weh, wenn er zu seiner lieben Buhle ohne Geschenke geht. Früher war Mephistopheles bereit, sie ihm zu verschaffen: jetzt, da die Geschenke zur Erreichung seines Zweckes nicht mehr notwendig sind — Mephistopheles meint zudem, es solle ihn »nicht verdriefsen, Umsonst auch etwas zu geniefsen« —, mufs Faust warten, bis der Schatz, den er flimmern sieht, sich gehoben hat : das soll in der Walpurgisnacht geschehen, wie er hofft. So hat er gerade durch seine Liebe zu Gretchen Interesse für die Nacht, die seinem Gesellen schon durch alle Glieder spukt und übermorgen wiederkommt. Nachdem nun Fausts Gewissen durch die Tötung Valentins noch weiter beschwert ist und er obendrein durch diese Blutschuld einen äufseren Zwang hat, aus der Stadt zu müssen, ergiebt sich für Mephistopheles nichts Näherliegendes, als Faust dorthin zu bringen. Während die Erwähnung der Walpurgisnacht bei der Hexe schon im Fragment erscheint, gehört dieser letzte Zug erst dem »ersten Teil« an: auch er zeigt wieder die Absicht des Dichters, den engen ununterbrochenen Zusammenhang mit äufserer und innerer Wahrscheinlichkeit und Notwendigkeit zum Bewufstsein zu bringen. 

Es scheint, dafs Goethe auch bei der Walpurgisnacht zunächst nur an eine einzelne charakteristische Szene von packender Kraft gedacht hat, und zwar hier um das Treiben des Satans und seiner Welt zu schildern. Darauf weisen noch die Paralipomena hin, besonders die Vorführung des Satans selbst als Karikatur des Weltrichters. Goethe liefs diese Schilderung schliefslich fallen, weil sie ihn von dem Zweck abgelenkt hätte, der nun bei seinem Bestreben , die ersten Einzelentwürfe zu einem künstlerischen Ganzen zu gestalten, allein der entscheidende Grund für Aufnahme oder Verwerfung eines geplanten Momentes werden durfte. Der Punkt, wo dies Einlenken stattfand, läfst sich noch klar erkennen, wie es sich beim Verfolgen des Ganges der Handlung deutlich zeigt. 

Für die richtige Beurteilung der Walpurgisnacht mufs man einen wichtigen Gesichtspunkt im voraus feststellen : er gilt zugleich für das ganze Gedicht, soweit ähnliche Verhältnisse vorkommen. Die Geisterwelt ist, der Grundannahme des Dichters zufolge, eine durchaus reale : sie besteht wirklich, aber sie besteht natürlich auch nach den ihrem Wesen eignenden Gesetzen. So wie für das Dasein des Menschen das zeitliche Vorübergehen wesentlich ist, so ist für das Dasein der Geister die Dauer, die Ewigkeit charakteristisch : die Folge davon ist nach menschlicher Anschauungsweise die Gleichzeitigkeit alles Daseienden, wenn wir auf den Begriff der Ewigkeit einen zeitlichen Begriff anwenden wollen : diese Gleichzeitigkeit ist unzertrennbar. Ein »Vorüber« giebt es daher für die Geister nicht. Wie Faust gestorben ist und der Chor sagt: »Es ist vorbei«, da spottet Mephistopheles : »Vorbei ! Ein dummes Wort.« Vorbei hätte für ihn nur einen Sinn, wenn es dem reinen Nichts entspräche : das, was wirklich da ist, kann überhaupt nicht »vorbei« sein. Das Schaffen von Dingen, die wieder hinweggerafft werden, erscheint ihm als ein sinnloses und nutzloses Treiben, dem das Ewig-Leere vorzuziehen ist. Das geistige Dasein, das nicht geschaffen wird, das zu allen Zeiten ist, kann daher auch nicht untergehen: es ist immer. So wie wir in die Geisterwelt eintreten, fällt deshalb der Begriff der Zeit fort : er trennt, während die Ewigkeit, die Zeitlosigkeit vereint. Ewigkeit ist nach menschlichem Ausdruck Gleichzeitigkeit. Wenn wir nun in der Walpurgisnacht in das Treiben der Geisterwelt eingeführt werden, so ist es nur folgerichtig, wenn hier in seinem Geisterdasein das nebeneinander erscheint, was in seiner irdischen Existenz durch die Zeit auseinandergezogen und getrennt dagewesen ist. Wenn also der Dichter Personen seiner Zeit mit Faust zusammen auftreten läfst, so ist das nur solange auffällig, als wir die Vorstellung des Zeitunterschiedes aus der irdischen Erscheinungswelt in die Welt des absoluten Daseins, wie es die Geisterwelt ist, hineintragen. Dies aber ist falsch. Der Dichter dagegen ist durchaus folgerichtig: wenn wir nun den Dichter verstehen wollen, so müssen wir in Dichters Lande gehen und die von ihm gemachten Voraussetzungen gelten lassen, nicht aber die, die wir unrichtigerweise mitbringen, statt dafs wir sie beim Betreten seines Reiches zurücklassen. In der Walpurgisnacht nun findet eine Berührung aus der Zeitlichkeit herstammender Personen mit den zeitlos existierenden Geistern statt: es sind Faust, Hexen, Hexenmeister und was sonst wegen seiner besondern Natur im Wirbelstrome dieser Nacht auf den Blocksberg geführt worden ist. Für die Dauer dieser Berührung unterliegen diese Wesen, die hier als zum Geisterreich gehörig erscheinen, dem Gesetze des Geisterreiches : auch für sie ist die Zeit auf- gehoben, so dafs das auf Erden sie trennende Element hier hinwegfällt und sie, wie die Geister selbst, nebeneinander erscheinen und miteinander verkehren, was innerhalb des zeitlichen Daseins nicht möglich wäre. 

Künstlerisch giebt uns die Walpurgisnacht eine dramatische Handlung von ununterbrochenem Fortschreiten, die ihr Gepräge aus der Verschiedenartigkeit der Natur des Faust und des Mephistopheles, aus den besonderen Begegnungen und den verschiedenen Zwecken des Mephistopheles und des Dichters, der den Plan Gottes zu vertreten hat, erhält. 

(1: V. 3834—3856) Aus der Lage in den ersten Versen (3834 — 6) und der verschiedenen Natur der zwei Wanderer ergiebt sich die verschiedene Wirkung auf die beiden : Faust fühlt das Frühlingswehen in der Natur und will sich den Weg, der ihn erfreut, nicht verkürzen, Mephistopheles ist es winterlich und düster zu Mute: das giebt den Grund (2: V. 3857— 3870), ein Irrlicht zu bitten, das in ihm bald den Herrn vom Haus erkennt. Wie Mephistopheles singt (3 : V. 3871 —3912), sind wir damit in die Traum- und Zaubersphäre eingetreten. Dieser Übergang von der irdischen Welt in die Geisterwelt mufste deutlich gekennzeichnet werden : die Wirkung auf die drei Wanderer ist je nach der besonderen Natur eines jeden eine verschiedene. Das Irrlicht sieht die Bäume sich drehen, die Klippen sich bücken, es merkt, wie die Felsennasen schnarchen und blasen: seine bewegliche Natur überträgt es auf die Gegenstände selbst. Faust wird von dem Rauschen der Bäche tief berührt : »Hör' ich Lieder? Hör' ich holde Liebesklage?«, und auch Mephistopheles sieht in der Natur das ihm Gemäfse, aber er sieht nur, was dem Menschen widerwärtig: für jeden der drei klingt aus der Natur das eigene Wesen , die eigene Stimmung zurück. Da ruft Faust: »Aber sag' mir, ob wir stehen, Oder ob wir weitergehen ? Alles, alles scheint zu drehen.« Mephistopheles rettet ihn (4: V. 3913—3933) auf einen Mittelgipfel : hier sieht Faust den Mammon im Berge glühen. Aber sofort kommt eine neue Szene : der Hexensturm (5: V. 3934—4023): er reifst Faust von Mephistopheles fort, der, um ihn wieder zu gewinnen, sein Hausrecht gebraucht und mit Gewalt sich Platz schafft. Daran knüpft er (6 : V. 4024—4054) die Aufforderung, aus dem Gedränge zu weichen: angeblich wird es sogar ihm zu toll, in Wahrheit folgt er auch hier dem ihn beherrschenden Grundgelüste, der Lüsternheit. Schon früher hat er im Hinblick auf die Hexen gesagt: »Da weifs man doch, warum man wacht« (3663). Und so zieht ihn jetzt »was nach jenen Sträuchen«. Faust findet in des Mephistopheles Gebahren hier nur den Widerspruch : er selbst möchte droben lieber sein. Hier nun wäre der Platz gewesen, die Satansszene einzuführen : sie kann aber nicht zu dem dichterischen Ziele verhelfen , Faust zu Gretchen zurückzuleiten. Da benutzt der Dichter genial das niedrige Gelüste des Mephistopheles : gerade indem dieser hofft, zum Ziele seines Gelüstes, zu den Hexen, zu kommen , verliert er das Hauptziel , Faust von Gretchen zu entfernen, aus dem Auge. Er sieht in der Ferne »junge Hexchen, nackt und blofs Und alte, die sich klug verhüllen« : da kann es ihn wenig kümmern,

dafs Faust, den sein Forschertrieb auch hier nicht verläfst, hofft, dort, wo die Menge zu dem Bösen strebt, müsse sich manches Rätsel lösen: mit dem warnenden Wort: »Doch manches Rätsel knüpft sich auch«, hält Mephistopheles ihn zurück und führt ihn bei Seite : »Es ist doch lange hergebracht, Dafs in der grofsen Welt man kleine Welten macht«. In dieser kleinen Welt, die immer noch recht grofs ist und deren Gröfse Mephistopheles zum Tröste Fausts rühmt (7: V. 4055 —4095), abseits der grofsen, finden wir erst die Alten , die laudatores temporis acti , über die Mephistopheles sich lustig macht : man überträgt seine Empfindungsweise auf die Gegenstände , statt diese sachlich zu beurteilen; die Trödelbude (8 1X.4096—41 17) führt allmählich zu den weiblichen Gestalten hinüber: (9: V. 41 18 — 4123) die älteste Frau, die nach rabbinischer Sage mit Adam gleichzeitig geschaffene Lilith, seine »erste Frau« mit den gefährlichen Haaren, mit denen sie die jungen Männer fängt , erscheint billig zuerst. Nun kommen Faust und Mephistopheles zu den Hexen, und es geht zum Tanz (10: V. 4124 bis 4182). Er wird in komischer Weise von einem Geiste unterbrochen , der in seinem irdischen Dasein das Geistige leugnet und, trotzdem er selbst jetzt als Geist hier ist und sich schon dadurch überführt sehen sollte, noch obendrein die Realität der anderen Geister leugnen möchte : um so entschiedener kommt uns, den Miterlebern dieses Auftretens, die Realität der Geisternatur der hier Erscheinenden zum Bewufstsein. So mufs auch (11 : V. 4183 —4209) »das blasse schöne Kind« eine Realität sein, die jetzt Faust sieht und von der es ihm däucht, »dafs sie dem guten Gretchen leicht«. Aber nun will Mephistopheles ihm die Überzeugung von seiner Realität ausreden : es sei ein gefährliches Idol , dessen Anblick wie der der Meduse »fast in Stein verkehrt« ; aber Faust erkennt Gretchen immer deutlicher: freilich hat sie die Augen einer Toten , die eine liebende Hand nicht schlofs ; nun ist sie nach Mephistopheles gar ein Zauberbild, das jedem wie sein Liebchen vorkommt. Aber Faust, durch alles Vorhergehende von der Realität alles dessen, was er hier sieht, überzeugt , kann sich von dem Anblick der Geliebten nicht trennen : es fällt ihm jetzt das rote Schnürchen am Hals auf, nicht breiter als ein Messerrücken«. So kommt er der entsetzlichen Wahrheit, der Andeutung der bevorstehenden Hinrichtung Gretchens, immer näher : aber Mephistopheles hat ein neues Märchen bei der Hand ; er erklärt es so , dafs dies andeute, sie könne das Haupt auch unterm Arme tragen, und bricht in seiner höchsten Not unwillig in die Worte aus: »Nur immer diese Lust zum Wahn.« Und dennoch hätten ihm alle diese Ausflüchte nichts geholfen, hätte er nicht, für ihn glücklicherweise, ein Theater entdeckt. Dahin zieht er Faust, der durchaus von dem so unzeitig in ihm angeregten Gedanken an Gretchen losgerissen werden soll : es ist freilich nur ein Dilettantentheater und gehört, wie das ganze Dilettantenwesen, daher, wie Mephistopheles urteilt, mit Fug und Recht auf den Blocksberg: dennoch ist es ihm in seiner Not willkommen. 

Wir treten mit den beiden Wanderern in das Theater: das dort gespielte Drama ist ein Intermezzo innerhalb des Geistertaumels der Walpurgisnacht ; daher heifst es Walpurgisnachtstraum, während sein Inhalt die Darstellung von Oberons und Titanias goldener Hochzeit ist. Es ist eine falsche Auffassung, hier Oberon und Titania , die Elfen , die schon ihrer guten Natur nach nichts auf dem Blocksberg in dieser Nacht zu thun haben, selbst vorauszusetzen : kämen sie selbst, so wäre zudem die Vorführung kein Theater. Die dramatische Darstellung setzt voraus, dafs die Personen gespielt, d. h. von anderen, als die sie bedeuten sollen, nachbildlich wiedergegeben werden. Die hier auftretenden Spieler sind Geister, wie sie auf dem Blocksberg in dieser Nacht sich herumtreiben und die, um sich und andere zu amüsieren, eine Dilettantenbühne sich mit wenig Mühe zugerichtet haben : es sind also teuflische Geister, woraus sich schon ergiebt, dafs der Inhalt des Dramas boshaft und stechend sein mufs. Diese teuflischen Geister sind natürlich keine Berufsschauspieler, so wenig, wie der Dichter dieses Teufelsdramas ein Berufsdichter ist: »Ein Dilettant hat es geschrieben Und Dilettanten spielen's auch.« So bleibt unser Dichter durchaus streng in der Folgerichtigkeit des einmal angenommenen Standpunktes. Er bleibt es auch darin, dafs der vorausgesetzte Dichter, ein teuflischer Geist, keinen Zeitunterschied kennt, so dafs also auch hier die auf Erden vorhandenen Zeitgrenzen wegfallen : so kann die satirische Geifsel überall treffen, wo den teuflischen Dichter der Unmut und der Übermut hintreibt. Den Gegenstand wählt der Geistdichter natürlich aus der Geisterwelt : so wie der menschliche Dichter als Hauptgegenstand Menschen behandelt und, wenn es gerade geeignet ist, Geister mit hereinzieht, so sind hier in umgekehrter Weise für den dichtenden Geist die Hauptpersonen Geister, und nebenbei werden zur Verhöhnung auch Menschen herbeigezogen. Für die Auswahl der zu Verspottenden kommt die Qualität Fausts als eines litterarisch gebildeten Geistes in Betracht: ihn müssen wir uns in erster Linie als Zuschauer denken, und wenn das Spiel ihn fesseln soll, so mufs der Gegenstand seiner Gedankenwelt nahe stehen. 

Die Einkleidung für diese scharfe Verhöhnung menschlicher Bestrebungen , wie sie im Munde teuf- lischer Geister selbstverständlich ist, giebt die Darstellung der Feier von Oberons und Titanias goldener Hochzeit: der Schauplatz (1 : V. 4223 —4250) ist, wie es dem Wesen der dargestellten Elfen geziemt, »alter Berg und feuchtes Thal«, eine Szenerie, die zudem mit den einfachsten Mitteln herzustellen ist, zumal auf dem Blocksberg, wo die Natur selbst eine solche Lokalität leicht bietet. Der Herold verkündet den Gegenstand der Feier , das Paar , von seinem Gefolge , besonders von Puck und Ariel, begleitet, erscheint, um das Festspiel vor sich ergehen zu lassen : es ist also das dritte Spiel im Spiel. Vor uns erscheint das Spiel von Faust, vor Faust Oberon und Titania, vor Oberon und Titania das Spiel zu Ehren ihrer Feier. I. Das Orchester (2: V. 4251 —4294) präludiert. Es besteht aus Künstlern , wie sie dem Elfentreiben entsprechen : Fliegenschnauz und Mückennas. Aber zur Feier des Tages ist das Orchester verstärkt worden : ihre Anverwandten , »Frosch im Laub und Grill' im Gras« müssen aushelfen. Nun kommt der erste Zug, von dem Dudelsack, der Seifenblase, geleitet: es sind die Dichterlinge mit ihren Beurteilern und die Bildkünstler, jedesmal in widersprechenden Richtungen vertreten und sich gegenseitig verneinend. Die Modelle der Bildkünstler zanken miteinander: beim Anblick der nackten jungen Hexe sind Fliegenschnauz und Mückennas geneigt , diese Schönheit zu umschwärmen , und auch die Dilettanten sind im Begriff, aus dem Takte zu geraten, so dafs der Kapellmeister eingreifen mufs. II. Da (3 : V. 4295 —4330) erscheint die Schar der charakterlosen Kritiker, mitten unter ihnen, um sie zu verhöhnen, die Xenien, die sich hier ganz an ihrer Stelle fühlen: »Als Insekten sind wir da Mit kleinen scharfen Scheren, Satan, unsern Herrn Papa, Nach Würden zu verehren.« III. Da hören die Tänzer (4: V. 4331 —4362) ein neues Chor kommen, wollen sich aber nicht stören lassen , zumal der Tanzmeister als Kenner die Ankömmlinge scharf kennzeichnet und der Fiedeler darüber spottet , dafs sie von so schlechter Musik , wie dem Dudelsack, sich zum Tanze vereinigen lassen. Die Ankömmlinge sind die Philosophen: »Das hafst sich schwer, das Lumpenpack, Und gab' sich gern das Restchen.« Wie sie ihre einander widersprechenden Grundsätze verkünden, kommen (V. 4363 —4366) die Dilettanten des Orchesters ganz aus dem Takte : die echten Künstler dagegen lassen sich von solchen Phantastereien nicht stören. IV. Da kommt (5 : V. 4367—4386) zum Schlüsse das Publikum, für das Dichter, Bildkünstler, Philosophen schaffen: es zeigt sich in seiner ganzen Erbärmlichkeit, nach seinen verschiedenen Qualitäten geteilt. Wie aber die Massiven auftreten und meinen, auch Geister hätten plumpe Glieder, V. da ist es Zeit (6: V. 4387—4398) für Puck einzuschreiten und der Plumpheit Halt zu gebieten, und Ariel fordert die echten Geister, die von Plumpheit nichts wissen, denen die liebende Natur, denen der Geist Flügel gab, seiner leichten Spur auf den Rosenhügel zu folgen, wohin Oberon und Titania ziehen. Bei ihrem Wegzug merkt das Orchester — die Handlung geht ohne Kulissen unter freiem Himmel vor sich —, dafs die Geisterstunde zu Ende geht: »Wolkenzug und Nebelflor erhellen sich von oben, Luft im Laub und Wind im Rohr« : sobald das Tageslicht seinen ersten Schimmer erglänzen läfst , sobald der Morgenwind sich erhebt, hört das Reich der Nacht und die Zusammenkünfte der teuflischen Geister auf, die Geisterwelt verschwindet: »Und alles ist zerstoben.« 

Mit diesem Theater im Drama wird die Absicht des Mephistopheles , Faust von der Erinnerung Gretchens zu entfernen und die ahnungsvollen Hinweise auf das ihr bevorstehende Schicksal in seinem Herzen auszulöschen, wenigstens für den Verlauf der Walpurgisnacht erreicht : so lange diese waltet, darf Faust nicht die unmittelbare Berührung mit der zeitlichen Wirklichkeit erleben, die mit dem zeitlosen Dasein in der Geisternacht nicht zusammenstimmt. In einem älteren Entwürfe war eine andre Lösung geplant. Das Idol sollte wirklich durch Abfallen des Kopfes, Hervorspringen des Blutes die Hinrichtung zeigen; durch das Geschwätz von Kielkröpfen sollte Faust die der Erscheinung zu Grunde liegende Thatsache kennen lernen. Dann hätte sich die Szene zwischen Faust und Mephistopheles, :Trüber Tag, unmittelbar anschliefsen müssen : sobald Faust die Sachlage erfahren hatte, mufste er die bitteren und nur allzu gerechten Vorwürfe dem Mephistopheles entgegenschleudern. In der That schliefst der Entwurf mit der Andeutung dieser Szene : »Faust Mephistopheles«. Damit wäre nicht nur die Mitteilung des Schicksals Gretchens in weit derberer Weise erfolgt: es wäre vor allen Dingen der Übergang von der Geisterwelt zur Körperwelt ohne Vermittelung geschehen. Jetzt wird in echt künstlerischer Weise ohne Störung des Zusammenhanges die Walpurgisnacht der ihr zukommenden Natur gemäfs zu Ende geführt und dennoch des Dichters Zweck, das Scheitern der Versuche des Mephistopheles, Faust von Gretchen loszureifsen, erreicht, jedoch nur durch eine Andeutung, die nicht stark genug ist, Faust unmittelbar in die Welt der zeitlichen Wirklichkeit zurückzuzwingen. Es gelingt vielmehr Mephistopheles noch einmal , Faust wenigstens für die Dauer der Geisternacht von der naturgemäfsen Wirkung der Erinnerung und einer zweifellosen Erkenntnis der Wahrheit zurückzuhalten : diese Aufgabe hat »die goldene Hochzeit«, die ebendeshalb ein wesentlicher und durchaus notwendiger Bestandteil der Dichtung, speziell des Abschnittes »Walpurgisnacht« ist. Der Gedankenstrich hinter 4208 deutet an, wo die eine Handschrift in Berlin abbricht : dem Sinne nach ist er falsch und mufs im Texte fort- fallen: er gehört in die kritischen Anmerkungen. Für die Entstehungsgeschichte ist es interessant und wichtig festzuhalten, dafs hier eine Naht ist: für den Inhalt ist aber hier keinerlei Abschnitt. Die Worte des Mephistopheles: »Nur immer diese Lust zum Wahn!« sowie der Versuch, Faust von dem Anblick des Idols durch Hinführung zum Theater abzuziehen , schliefsen sich vielmehr unmittelbar an, so sehr, dafs dieser erste Vers des neu hinzugefügten Stückes in seiner rechten Bedeutung nicht erfafst werden kann, wenn er durch den Gedankenstrich dem Vorhergehenden gegenüber als etwas Neues, nicht unmittelbar mit ihm Zusammenhängendes erscheint.

Die den dramatischen Fortgang darstellende künstlerische Gliederung der Walpurgisnacht ist vollkommen durchsichtig. I. 1: V. 3834—3856: Wanderung den Berg hinauf: zeitliche Welt, aus der die beiden Wanderer herkommen; 2: V. 3857 — 3870: Führung durch das Irrlicht — Übergang in die zeitlose Geisterwelt; 3: V. 3871 — 391 1 : Wirkung der Führung des Irrlichtes — der Eintritt in die Zauber- und Geisterwelt ist geschehen; II. 4: V. 3912—3935: Mephistopheles rettet Faust aus dem Wirrsal auf einen Mittelgipfel — erste Erscheinung im Geisterreich : der glühende Mammon; 5: V. 3936—4023: der Hexensturm: Wirkung auf Faust ; Mephistopheles mufs ihn zu sich zurückreifsen ; III. 6 : V. 4024—4054: Flucht des Mephistopheles abseits gegen den Wunsch Fausts; 7 : V. 4055 bis 4095 : Wanderung abseits ; die Männer als Unzufriedene; 8: V. 4096—41 17: Trödelbude der Hexe: Übergang zu den Weibern; 9: V. 41 18 —4123: das erste Weib Lilith; 10: V. 4124—4182: Tanz mit den Hexen — Bestätigung der Realität der Geisterwelt durch vergeblichen Widerspruch ; IV. 11:V.4i83 —4209: das Idol — Mephistopheles sucht Faust von seinem Anblick zu entfernen und seine Bedeutung zu verschleiern; 12: V. 4210—4222: Mephistopheles flüchtet mit Faust in das Theater ; V. 13 : V. 4223—4398 : Theater im Drama: Oberons und Titanias goldene Hochzeit. Mit dem Aufhören des Spieles, dem Hereinbrechen des Morgens, hört die Walpurgisnacht überhaupt auf: die Welt der Zeitlichkeit tritt wieder in ihr Recht.

Das Ergebnis der »Walpurgisnacht« ist ein ganz anderes, als Mephistopheles es gewollt hat: er sucht Faust zu zerstreuen, und eben diese Zerstreuung führt Faust zu Gretchen zurück. Gerade auf der abseits betretenen Stelle, die Mephistopheles gegen den Willen Fausts zur Befriedigung seines eigenen sinnlichen Gelüstes aufsuchte, erscheint Faust das »Idol«. Was es zu bedeuten hatte, weifs er jetzt — über die Art, wie er es erfahren, geht der Dichter, wie sonst über die Zwischenhandlungen ohne entscheidende Bedeutung, weg und führt uns sofort zu der Szene, in der sich die Wirkung dieser Kunde zeigt. Damit beginnt die fünfte und letzte Stufe der Gretchentragödie, jene zwei erschütternden Szenen , deren erste der Dichter aus der Prosa in Verse umzusetzen nicht gewagt hat, um nicht die volle Kraft der Entsetzlichkeit der tragischen Lage abzuschwächen , eine Gefahr , der er bei der Umformung der letzten Szene nicht ganz entgangen ist. Verbunden werden die beiden Auftritte durch die kurze Erscheinung , wie die beiden auf den Geisterrossen am Rabenstein vorbeisausen und die Geister sehen , die in Voraussicht einer neuen Hinrichtung sich mit bildlicher Darstellung ergetzen. Den Schlufs bildet das Wiedersehen im Kerker.

Die Kerkerszene, die ursprünglich mit unerreichter dichterischer Kraft nur den tragischen Ausgang eines kleinen und uns doch so nahe berührenden Daseins gab und damit die höchste Blüte der bürgerlichen Tragödie darstellt, gewinnt in der Gesamtdichtung noch eine besondere Bedeutung nach verschiedenen Gesichtspunkten hin. Im Entwickelungsgange Fausts bildet das Auftreten Gretchens nur eine Episode: soll die nächste eintreten , um das vielleicht für Faust zu erreichen , was er in dieser Episode nicht erreichen konnte, so mufs diese abgeschlossen werden, und zwar so, dafs sie für die folgenden Episoden kein Hindernis der Entwicklung Fausts bildet. Bei Gretchen ist ein solcher Abschlufs nur mit ihrem Tode möglich: bei der Liebe, die Faust für sie empfindet, ist aber auch für ihn ein Weiterleben und -streben undenkbar, so lange er Gretchen unter den Lebenden weifs. Nicht minder undenkbar wäre es aber bei Faust für uns, die Miterleber, denen zudem jede Sympathie für Faust schwinden müfste, wenn er nicht alles aufböte, Gretchen zu retten. Der Dichter mufs also den Rettungsversuch darstellen und sie doch sterben lassen. Die Art aber, wie er das thut, wird zugleich eine innere Erlösung für Gretchen. Wohl hat sie eine Schuld begangen: wenn sie weiter nichts erlitte, als dafs sie diese nach dem irdischen Gesetze abbüfste , so wäre ihr Geschick , ihr Tod kein tragischer. Wir haben vielmehr die Empfindung, dafs sie unsäglich viel mehr leidet, als der Verstofs gegen eine von der Sitte gebotene Satzung zur Folge haben dürfte : denn nur gegen eine solche , nicht gegen das göttliche Gesetz hat sie gefehlt, als sie den Geliebten aufnahm — was aber folgte, war das Ergebnis der Härte der fühllosen Welt, nicht ihrer Schuld. So wie es nun aber geworden ist, mit den furchtbaren Gewissensqualen belastet, kann sie mit Faust nicht mehr leben: seit er ihr den Bruder getötet hat, sind sie auf Erden getrennt. Zu einer sittlich befreienden Handlung kann diese Loslösung aber erst werden, wenn sie sie ausführt, trotzdem ihr Faust Rettung aus der irdischen Todesnot bringt, Jetzt stöfst sie ihn und seinen Gefährten zurück; sie wendet sich von der Hölle zum Gerichte Gottes und läutert sich so von dem , was ihr als Schuld anzurechnen ist. Nach der alten Dichtung ist sie mit dieser Zurückweisung der Hilfe Fausts dem irdischen Gerichte verfallen , und so ' schliefst der Urfaust mit den Worten des Mephistopheles : »Sie ist gerichtet«, und der verhallende Ruf : »Heinrich! Heinrich!« klingt wie ein Verzweiflungsschrei der hilflos dem Henker Verfallenen. In der Gasamtdichtung kann das nicht so bleiben. Dafs Gretchen zum Experimente hat gebraucht werden können , ist freilich mit Zustimmung Gottes geschehen : es würde aber nicht mit Gottes Gerechtigkeit stimmen, wenn sie, die auf Erden durch sein Gewährenlassen schon eines so harten Geschickes teilhaftig geworden ist, nicht wenigstens für das Jenseits gerettet würde. So läfst denn der Dichter im »ersten Teil« 1808 auf den Ausruf des Mephistopheles: »Sie ist gerichtet« eine Stimme von oben antworten : »Ist gerettet«. Ihr ewiges Teil geht nicht verloren, und wenn wir Miterleber nun Faust auf seinen weiteren Wegen begleiten, so sind wir über das liebenswürdigste und unglücklichste Geschöpf, das ihm entgegengetreten ist, nicht nur in der Weise beruhigt, wie wir es beim Schlufs einer Tragödie bei dem Tode des Helden sind : die Dichtung hört aber nicht auf, die Gretchentragödie ist keine Tragödie für sich, sie ist nur ein Teil einer Dichtung, deren Gang wir nicht ruhig weiterverfolgen könnten , wenn wir nicht diese Gewifsheit hätten, dafs das Unrecht, das dem guten Kind auf Erden geschehen ist und obendrein, um für einen anderen einen Versuch zu ermöglichen, geschehen ist, nicht wenigstens im Jenseits wieder gut gemacht würde.

Der Dichter erreicht jedoch mit dieser Änderung noch etwas Anderes. Statt hier den Faden dieses Menschengeschickes abzureifsen, wird er nur bei Seite geschoben , um später wieder aufgegriffen und weitergesponnen werden zu können. So erhält die seelische Läuterung Gretchens eine tiefere Bedeutung : sie wird die Vorbedingung für die Stellung, die sie später im Himmel einnimmt, für uns aber die Vorbereitung darauf, dafs wir sie später wiederfinden. Der Ruf »Heinrich, Heinrich!« ist jetzt die Antwort auf den Ruf des Mephistopheles »Her zu mir!«, der im Urfaust nicht da ist. Faust steht zwischen Hölle und Himmel: die Hölle ruft ihn zu sich, aber auch Gretchen, das geläuterte, für den Himmel gerettete, ruft ihn zu sich. Noch folgt er jetzt der Hölle: aber es wird eine Zeit kommen, wo der Ruf, mit dem sie ihn zu sich ruft, sich erneut, seine Befolgung zur Thatsache wird. So sind auch diese Veränderungen wieder Zeugen dafür, wie der Dichter das ursprünglich als Einzelheit Geschaffene zum Glied eines grofsen Ganzen zu gestalten verstanden hat.
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