> Gedichte und Zitate für alle: Veit Valentin: Der dramatische Aufbau. B. Die Haupthandlung. II. Der Umschwung. V. 6173—6210. (12)

2019-12-13

Veit Valentin: Der dramatische Aufbau. B. Die Haupthandlung. II. Der Umschwung. V. 6173—6210. (12)



II. Der Umschwung. V. 6173—6210


Mephistopheles hat ohne Zweifel durch diesen letzten Versuch einen bedeutenden Schritt dem einen Ziele näher gemacht : Faust ist auf dem besten Wege , Gefallen an der Zauberei zu finden — da ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dafs er einmal in besonders erfolgreichem Augenblick in diesem eine volle Befriedigung empfände und diesem Augenblick Dauer wünschen möchte. Das von Mephistopheles benutzte Mittel hat darin bestanden , dafs er Fausts eigne Thätigkeit anregte. Aber kaum hat er durch dieses kühne Mittel einen ersten Triumph, eine erste Hoffnungsfreudigkeit erreicht, da zeigt es sich sofort, dafs sein Mittel eine Kehrseite hat, die sich gegen ihn wendet: ist die Selbsttätigkeit des Faust einmal angeregt, so ist es bei seinem Charakter selbstverständlich, dafs er nicht anstehen wird, seine eignen Wege zu gehen, und dafs er auf die Anregung zur Verwertung seiner Thatkraft nicht auf die Wegweisung des Mephistopheles warten wird. Der Dichter weifs nun die Dinge so geschickt zu verknüpfen, dafs gerade die Stellung., die ihm Mephistopheles bei dem Kaiser verschafft hat , um ihn dadurch zu befriedigen , für Faust die Veranlassung wird , das erste Beispiel einer selbständigen Bethätigung zu geben, deren Folgen weder er noch Mephistopheles sofort ermessen können, vor der aber Mephistopheles wenigstens sofort das gröfste Unbehagen empfindet. Der Kaiser, den das Paar reich gemacht, will nun, wie er es Faust sofort in Aussicht gestellt hat, auch amüsiert sein ; es handelt sich dabei um das echte Gelüste eines gelangweilten Fürsten, der in der angenehmen Lage ist, einen Tausendkünster zur Verfügung zu haben und durch ihn jede seiner Launen sofort befriedigt sieht. So ist die blasierte Hofgesellschaft bei ihren nichtigen Gesprächen wohl einmal auf die Frage nach der Schönheit der Männer und der Frauen gekommen, und sofort ist der Kaiser mit dem Verlangen bei der Hand, und zwar mit dem Verlangen sofortiger Erfüllung, die schönsten Exemplare beider Arten zu sehen: »Der Kaiser will, es mufs sogleich geschehen, Will Helena und Paris vor sich sehn , Das Musterbild der Männer und der Frauen In deutlichen Gestalten will er schauen.« Faust hat es im Vollgefühle seiner Kraft versprochen, aber er kann es nicht allein ausführen, er bedarf des Gehilfen dazu. Mephistopheles aber ist empört : »Unsinnig war's, leichtsinnig zu versprechen«, und sucht auszuweichen. Faust fafst dies so auf, wie er es nun schon gewöhnt ist : Mephistopheles hat neben dem dem Faust gemachten Versprechen noch den stillen Plan, Faust durch Hinhalten zu quälen. Aber dies Mittel verfängt längst nicht mehr: Faust hat Mephistopheles durchschaut und verlangt um so energischer die Ausführung seines Willens. Da mufs sich denn Mephistopheles fügen : der Umschwung ist geschehen. Faust handelt nach eignem Willen: er wird der Führer, und Mephistopheles hat nur die Aufgabe, ihm die Mittel zur Ausführung zu zeigen und die Wege zu ebnen. Aber auch diese sind gegen den Wunsch des Mephistopheles so, dafs Faust dabei immer selbst thätig sein mufs und die Bestimmung des Zieles in der Hand behält. Damit ist der entscheidende Schritt für seine Rettung, für die Erreichung seines letzten höchsten Zieles gethan : Fausts Thätigkeit ist erweckt, sie tritt kräftig ins Leben , und damit ist jetzt die Möglichkeit gegeben, dafs er, wenn auch unbewufst , sich den rechten Weg endlich selbst findet. 

Wie Mephistopheles das Verlangen Fausts hört, er solle Paris und Helena dem Kaiser zeigen, mufs er eingestehen, dafs er das nicht kann : Faust greift mit seinem Verlangen in ein für Mephistopheles »fremdestes Bereich«. Er, Mephistopheles, kann zwar mit Teufelsliebchen aufwarten, allein diese »können nicht für Heroinen gelten«. Noch ist Fausts Glaube an des Gesellen Macht nicht gebrochen : »Mit wenig Murmeln, weifs ich, ist's gethan, Wie man sich umschaut, bringst du sie zur Stelle.« Allein Mephistopheles hat keine Ausrede gemacht — er steht wirklich an der Grenze seines Könnens: »Das Heidenvolk geht mich nichts an, Es haust in seiner eignen Hölle.« Mit diesem Bekenntnis hört aber auch für Mephistopheles die Möglichkeit auf, Faust durch Befriedigung über die Fülle der Zauberkraft zu besiegen: die hohe Stellung, die er am Hofe des Kaisers gewonnen hat, wird hinfällig, wenn diese Zauberkraft versagt, und der Versuch des Mephistopheles, Fausts Befriedigung durch seine Einführung in die grofse Welt zu erlangen, ist gescheitert. Er müfste nun zu einem neuen Versuche schreiten, wenn er noch die Führung in der Hand hätte. Aber selbst wenn dies der Fall wäre, so wäre er doch mit seiner Weisheit zu Ende : die kleine und die grofse Welt hat er an Faust durchprobiert, und nichts hat Erfolg gehabt — so bleibt ihm zu zeigen und zu probieren nichts übrig. 

Man könnte dagegen fragen, ob denn die beiden Welten nicht mehr boten, als diese kleinen, dem Mephistopheles vom Dichter gestatteten Ausschnitte aus ihr. Nach der Fassung der alten Sage müfste diese Frage bejaht werden, für die Goethische Umgestaltung der Sage ist sie zu verneinen. Hier haben die einzelnen Ereignisse nicht mehr den Zweck, Faust eine vorausbestimmte Reihe von Jahren zu unterhalten : ihre Mannigfaltigkeit allein kann daher nichts nützen. Sie sollen vielmehr aus einer Fülle von gleichartigen Möglichkeiten einige Stufen darstellen, die durch ihre symbolische Kraft, durch ihre charakteristische Bedeutsamkeit alle anderen mit unter sich begreifen, so dafs der Miterleber die Empfindung gewinnt, dafs andere Erlebnisse gleicher Art nichts für Faust Neues bringen können. Damit haben sie für die innere Entwickelung Fausts und somit auch für den Dichter, dem es nicht darauf ankommt, eine Reihe von Zaubergeschichten zu erzählen, keine Bedeutung mehr. Und in der That verfolgt Goethe mit der Vorführung der einzelnen Ereignisse bei seiner Faustdichtung einen ganz anderen Zweck. 

Für eine Natur , wie Goethe sie in seinem Faust geschildert hat, die ihr eigen Selbst zum Selbst der ganzen Menschheit erweitern will , um zu geniefsen, was dieser ganzen Menschheit zugeteilt ist, und die mit ihrem Geist das Höchste und Tiefste greifen will, ist es unmöglich , zu ihrem Ziele zu gelangen , wenn sie an die Gegenwart gebannt bleibt , in die sie zufällig durch ihr Auftreten zu einer bestimmten Zeit, in einem bestimmten Lande und Volke hineingestellt worden ist. Es mufs sich die Frage erheben : Wie , wenn dieser Mensch mit der ihm eignenden Natur in einer anderen Zeit gelebt hätte ? Könnte nicht die weitausgespannte Vergangenheit mit ihren reichen, vielseitigen Erscheinungen Verhältnisse geboten haben, in denen selbst für eine Natur wie Faust sich hätte Befriedigung gewinnen lassen ? Soll Faust wirklich allseitig seine Erfahrungen machen, soll sein Urteil ein nicht zufällig bestimmtes, sondern ein allgemein giltiges sein, soll die endlich vielleicht gefundene Lösung Anspruch auf eine absolute erheben dürfen , so wird für Faust die Vergangenheit kein stummer Leichnam bleiben dürfen, der auch auf die dringlichsten Fragen keine Antwort giebt : sie wird lebendig werden müssen , sie wird dadurch die Möglichkeit bieten , mit ihr und in ihr zu leben, Erfahrungen nicht vom Hörensagen, sondern durch engsten Verkehr am eignen Leibe zu machen und so die Frage zu beantworten: Wie, wenn Faust nicht zufällig gerade in der Zeit gelebt hätte, in die er hineingeboren worden ist.

Er gab sich so für den Dichter die Notwendigkeit, die Vergangenheit mit in den Rahmen seiner Darstellung hereinzuziehen, um die Frage, wie die von ihm angenommene Natur Fausts sie nahe legte, wirklich zu lösen, so folgte daraus eine Schwierigkeit, die keine geringe war : Wie soll dies Problem , die Vergangenheit mit in die Dichtung hineinzuziehen , gelöst werden, ohne den Rahmen der Dichtung zu sprengen ? Ohne solchen Rahmen kann aber nichts von der Kunst Geschaffenes existieren, welcher Art die Kunst auch sein möge: »Natürlichem genügt das Weltall kaum, Was künstlich ist, verlangt geschlossenen Raum« (V. 6883 f.). Es mufste somit eine Einschränkung er- folgen. Der Dichter macht sie in derselben Weise wie bei der Darstellung der kleinen und der grofsen Welt. Wie er sich hier mit charakteristischen Repräsentanten begnügte, die eben dadurch symbolische Kraft hatten und durch die dichterische Darstellung in erhöhtem Mafse noch erhielten, so wird auch die Vergangenheit durch einen solchen charakteristischen Repräsentanten vertreten. Ist dieser so gewählt, dafs der Miterleber die Empfindung gewinnen kann : Wenn Faust in diesen hervorragenden , höchsten , zugleich aber auch seiner Natur sympathischen Verhältnissen die ersehnte Befriedigung nicht erlangen konnte, so war es in irgend welchen anderen Verhältnissen der Vergangenheit erst recht nicht möglich —, dann erfüllt der Repräsentant vollständig seinen Zweck , und der Dichter hat durch Zuhilfenahme solcher symbolischer Darstellung nicht nur gegeben was er wollte , sondern er hat sich auch im Rahmen der Dichtung gehalten ; er hat somit als echter Künslter gehandelt. 

Läfst man die Völker der Vergangenheit mit abgeschlossener Entwickelung vor seinem Geiste vorüberziehen, so ist es kein Zweifel, dafs unter allen das Volk der Griechen nach der Seite der höchsten geistigen Kultur als das bedeutendste erscheint : so fällt es ihm zu, Repräsentant der Vergangenheit zu werden, wenn diese unter dem kulturellen Gesichtspunkt Wiederaufleben soll. Vor allem aber ist es das Volk, in dem die Vorstellung von der Schönheit als eines um seiner selbst willen erstrebenswerten Zieles zuerst und allein lebendig wurde und darum auch allein eine vollgültige Verkörperung fand , so dafs mit ihrer Erfassung zugleich das innerste Wesen dieses Volkes seinem wertvollsten Bestände nach erfafst erscheinen mufs. Damit ist das neue Ziel für Faust gegeben : die ideale Schönheit, die Blütenkrone eines ganzen Volkes, einer ganzen Kulturwelt , das Höchste , was die Vergangenheit geschaffen hat, was bis zur Gegenwart nicht wieder erreicht worden ist, die Verschmelzung irdisch-vergänglichen Daseins mit dem ewigen Bestände des höchsten Ideales körperlicher Vollkommenheit, die leibliche Berührung des Menschlichen und des Göttlichen, das ist ein Gegenstand , dessen Besitz unsäglich beglücken, vielleicht sogar die höchste Befriedigung, den Wunsch nach ewiger Dauer des Augenblicks einer solchen Befriedung erwecken kann. 

Die Vertreterin dieser höchsten leiblichen Vollkommenheit auf Erden ist Helena, deren Schönheit sogar von Aphrodite, der Göttin der Schönheit, neidlos anerkannt wurde, und die durch eben diese viel begehrte Schönheit den grofsen Krieg um Troja entflammt, die Fülle herrlicher Heldenkraft in ihm zur Erscheinung und zur Bethätigung gebracht hat. Schon in der alten Faustsage tritt Helena auf: hier ist sie aber nur das schönste Weib, das den höchsten Sinnestaumel erwecken kann. Goethe macht sie zur Vertreterin des griechischen Volkes mit seinem Verständnis für die schöne Form, mit seinem Kultus des Schönen ; er macht sie zur Vertreterin der höchsten Kultur der Vergangenheit überhaupt, die allein dem Faust noch ein ersehnenswertes Ziel darzustellen vermag — eine Umwandlung, die in der Welt des dichterischen Schaffens ihresgleichen nicht hat. 

Nicht minder bewunderswert ist nun aber das Geschick, mit dem Goethe diese Gestalt in den dramatischen Gang der Dichtung eingefügt hat. Ihre erste Erwähnung entspringt der Laune des aufregungssüchtigen gelangweilten Kaisers. Die Forderung ihrer Erscheinung wird der Wendepunkt in Fausts Geschick : die Ohnmacht des Mephistopheles offenbart sich, Fausts Wille wird der Herrscher, seine eigne Thätigkeit ist es, die eintreten mufs, um die Laune des Fürsten zu erfüllen. Die Erfüllung, die für andere ein Spiel, ein Zeitvertreib sein sollte, giebt ihm ein neues, bis dahin ungeahntes Lebensziel, einen neuen Lebensinhalt, dessen Erfahrung und Durchlebung für Fausts Gesamtentwickelung zugleich die Durchlebung des zeitlich hinter ihm liegenden Teiles der Weltentwickelung wird, soweit sie auf geistige Kultur Anspruch hat. Aber diese Durchlebung setzt eine Verwirklichung voraus. So wird dem dramatischen Gang eine ebenso neue wie dankbare Aufgabe gestellt, die sich aus dem scheinbar dem Zufall entsprungenen Keime grofsartig entwickelt : die Laune ruft die Erscheinung der Helena hervor; diese Erscheinung erweckt die leidenschaftliche Sehnsucht Fausts ; diese Sehnsucht kann nur durch die erneute Verwirklichung des Daseins der Helena, ihrer Zeit- und Lebensgenossen erfüllt werden. So mufs das Altertum wieder lebendig werden. Eine Wahrscheinlichkeit dieser Neubelebung zu erfinden und sie für unser Vorstellen und Denken glaubhaft und annehmbar zu machen wird die Aufgabe des Dichters, wie sie gröfser und bedeutender selten einem schaffenden Genius sich geboten hat. Es fragt sich nun, wie sich die Lösung in Goethes Hand und zwar in den einengenden Schranken der dramatischer Form gestaltet.
weiter

Goethe auf meiner Seite


Testamente, Reden, Persönlichkeiten

Inhalt

Keine Kommentare: