> Gedichte und Zitate für alle: Veit Valentin: Der dramatische Aufbau- Die vorbereitende Handlung i. im Himmel. v. 243—353. (5)

2019-12-11

Veit Valentin: Der dramatische Aufbau- Die vorbereitende Handlung i. im Himmel. v. 243—353. (5)

Veit Valentin: Goethes Faustdichtung in ihrer künstlerischen Einheit


IV. Der dramatische Aufbau.
A. Die vorbereitende Handlung i. im Himmel. v. 243—353.


Die Einzeldurchführung der dramatischen Gestaltung eines Kunstwerks legt dem Dichter eine Reihe von Verpflichtungen auf. So wie die Wahl der dramatischen Form an und für sich nur dann als berechtigt erscheint, wenn in der künstlerischen Gestaltung des Stoffes kräftige Gegensätze entwickelt worden sind, so mufs die dramatische Form nun darauf ausgehen, diese Gegensätze von vornherein lebendig werden und dem Hörer deutlich ins Bewufstsein treten zu lassen. Soll die Teilnahme für diese Gegensätze erweckt werden, ohne die eine tiefergehende Wirkung auf den Hörer und Zuschauer, also den Miterleber der Handlung, ausgeschlossen ist, soll also der Zuhörer und Zuschauer bewogen werden , ein Stück seines eignen thätigen Lebens hinzugeben , um aufnehmend und erleidend als Miterleber dem Verlauf einer fremden Handlung beizuwohnen, so müssen die Träger der Handlung uns als so bedeutend, ihre Erlebnisse als so ergreifend entgegentreten , dafs die Teilnahme an ihnen selbstverständlich erscheint und ihr Verlauf mit Spannung verfolgt wird. Diese Teilnahme wird am sichersten dann erweckt, wenn infolge der durch die künstlerische Gestaltung des Stoffes gebotenen Gegensätze eine Reihe von Fäden angesponnen wird , von denen jeder nach einem besonderen, klar bestimmten Ziele hinstrebt: da jedes dieser Ziele nur so erreicht werden kann, dafs der Weg des einen Fadens die der anderen Fäden durchkreuzt, so fangen sie an sich zu verschlingen, und indem jeder dennoch sein Ziel zu verfolgen strebt, entsteht ein Kampf, dessen Ausgang mit gespannter Teilnahme erwartet wird und der deshalb in seinem Verlaufe die Teilnahme des Miterlebers beständig wach erhält. Dieser Verlauf der Handlung mufs aber weiterhin so sein, dafs das sachliche Geschehen mit Notwendigkeit von dem Ausdruck der dabei sich ergebenden Empfindungen und Überlegungen begleitet wird, dafs aber auch andrerseits keine Empfindungen und Überlegungen zum Ausdruck gelangen, als solche, die dem sachlichen Geschehen mit Notwendigkeit entspringen müssen und eben deshalb ihm mit Wahrscheinlichkeit entspringen. Dafs dieser Ausdruck weiterhin den Charakter der künstlerischen Form tragen, somit aufser treffendem Inhalt auch die Form zeigen mufs, die die jedesmaligen besondern Umstände kennzeichnet, ergiebt sich aus der Thatsache, dafs er in einem Kunstwerk zu Tage tritt, mit Notwendigkeit und von selbst. Für den Nachweis der dramatischen Gestaltung des künstlerischen Aufbaues kommt es jedoch zunächst nur auf die Darlegung der zuerst erwähnten Punkte an.

Der Gegensatz, auf dem in der Goethischen Faustdichtung die künstlerische Gestaltung des Stoffes aufgebaut ist, tritt in Gott und dem Teufel hervor: die Belebung dieses Gegensatzes zu einer Handlung wird durch das Dazwischentreten des Menschen herbeigeführt, dessen Seele Gegenstand eines zwischen Gott und Teufel entspringenden Kampfes ist. Das Ziel der Handlung ist klar: jeder der beiden will die Seele für sein Reich gewinnen. Dieser durch alle Zeiten, so lange es Menschen giebt, sich hinziehende Kampf erweckt besondere Teilnahme erst durch die besondere Beschaffenheit eines bestimmten Menschen als Gegenstandes eines einzelnen Kampfganges zwischen Gott und Teufel : der Eintritt dieses einzelnen Kampfes und die Darstellung seiner Veranlassung ist der Hauptfaden, der zuerst angeknüpft werden mufs. Es geschieht in der Begegnung des Teufels mit Gott bei Gelegenheit einer besonderen Erscheinung Gottes auf der Erde, das die Huldigung des ganzen »Gesindes veranlafst. Da erscheint auch der Teufel in der besondern Gestaltung, in der er auch sonst von Gott schon immer gerne gesehen wurde. Gott hafst nichts und niemanden : die mannigfaltigen Verkörperungen des Bösen sind ihm nur zu Laßt. Am wenigsten ist es ihm das Böse, wenn es in der Verkörperung des Schalkes erscheint. Es hört damit nicht auf das Böse zu sein, dessen innerstes Wesen Vernichtung des Daseins ist : aber in der Gestaltung des Schalkes gewinnt es die Form, unter der es vor Gott frei erscheinen, ja vor ihm seine Klagen vorbringen kann. Damit bildet es einen Gegensatz zu den Engeln, die von Gott und der Welt nur Gutes zu sagen wissen.

An einen andern Gegensatz knüpft sich der zweite Faden, der gleich zu dem besonderen Gegenstande und damit zu der Veranlassung dieses sich hier entspinnenden Einzelkampfes führt. Das Wesen Gottes und sein Walten in der Welt ist so wunderbar, dafs sogar die Gott am nächsten stehenden Geister, die Engel, es nicht ergründen können. Dieser Thatsache gegenüber bleibt, falls kein Gefühl der Unbefriedigung entstehen soll, nur ein freudiges Glauben an die Herrlichkeit Gottes übrig, wie es durch das Anschauen Gottes und seiner Werke gewonnen wird, sobald man sich seiner Allmacht in Demut beugen kann. Dieses gläubige Vertrauen erniedrigt nicht : es giebt im Gegenteil eine Kraft, die sonst nicht gewonnen werden kann. So giebt dieser Anblick den Engeln Stärke, wenn auch keiner sie ergründen mag : in Demut ergeben sie sich in die Thatsache und bekennen freudig: »Die unbegreiflich hohen Werke Sind herrlich wie am ersten Tag.« In grellen Gegensatz dazu tritt der mit Vernunft ausgestattete Mensch : diese den Menschen so hoch über das Tier erhebende und ihn den Engeln annähernde Befähigung kann sehr verschieden angewendet werden. Entweder demütigt sich die Vernunft vor Gott : das Ergebnis ist dann der beseligende Glaube, der auch für das Jenseits die thatsächliche Folge der Seligwerdung hat ; oder die Vernunft lehnt sich gegen Gott auf: von dieser Auflehnung weifs Mephistopheles zu erzählen — sie erregt durch die Karikatur, die sie zu Wege bringt, nur seinen Spott. Der Mensch braucht die Vernunft nur, um tierischer als jedes Tier zu sein: er wäre viel glücklicher, wäre ihm der Schein des Himmelslichtes nicht gegeben, als jetzt, da er seine Nase in jeden Quark begräbt.

Von einer andern Art der Auflehnung der Vernunft weifs er dagegen nichts : sie kann zum ernstesten Wissensdrang führen, der von der heiligsten Sehnsucht nach Beseligung erfüllt ist, diese jedoch nie erreichen kann. Bleibt schon den Engeln nichts übrig, als sich demütig zu bescheiden und Gottes Herrlichkeit, auch wenn sie nicht begriffen werden kann, anzubeten, so vermag der tiefer stehende Mensch, dem die Anschauung Gottes fehlt, erst recht nicht mit Hilfe der Vernunft zur Erkenntnis Gottes und der Welt zu gelangen. Mephistopheles versteht diese Auflehnung der Vernunft gegen Gott nicht, weil sie aus den edelsten Motiven entspringt. Eben deswegen kann auch der Mensch, der von diesen Motiven geleitet seine Vernunft gebraucht und durch Erkenntnis der Unmöglichkeit, mit ihrer Hilfe das ersehnte Ziel erreichen zu können, zur Verzweiflung, ja selbst zum Abfall von Gott kommt, trotzdem selig werden : es kommt nur darauf an, ihn auf den rechten Weg zu bringen. Dieser ist aber nur ein solcher, auf dem die eigene Thätigkeit, die Anlage des Menschen zum Handeln, erweckt wird. Mephistopheles aber vermeint in diesem von ihm mifsverstandenen Gebrauch der Vernunft die unbedingt sichere Handhabe gefunden zu haben, um auch einen hoch strebenden Menschen von Gott abwendig zu machen. So tritt neben den Gegensatz von Gott und Teufel der Gegensatz von Glaube und Vernunft, und innerhalb der Vernunft der Gegensatz einer ihrem innersten Wesen nach auf das Höchste gerichteten Vernunft und einer banalen, das Beste ihres Wesens, den von ihrer Bethätigung untrennbaren Forschungstrieb, zu geringfügigen oder gar zu verwerflichen Zwecken anwendenden Vernunft. Durch diesen zweiten Gegensatz gewinnt der erste zwischen Gott und Teufel eine besondere Wendung: von der aus edlen Motiven aufs höchste Ziel gerichteten Vernunft versteht Mephistopheles nichts. Sein infolge dieses Mifsverständnisses gewagtes Auftreten gegen Gott ist gerade durch diesen Umstand ein von seinem sonstigen Auftreten gegen Gott abweichendes und gewinnt hierdurch ein besonderes Interesse : an Stelle des sonst von Seiten des Teufels versteckt gegen Gott geführten Kampfes tritt jetzt infolge einer Abmachung ein von Gott zugelassener offner Kampf des Teufels gegen ihn. Im höchsten Grade jedoch steigert sich das Interesse durch eine besondere Bestimmung in der Abmachung : die Entscheidung, und das ermöglicht nun den dramatischen Fortgang, liegt nicht bei Gott, der Faust den Angriffen des Teufels ruhig überläfst: sie liegt einzig bei Faust selbst und in der Art, wie er den Angriffen des Teufels begegnen wird. So wird der Gegensatz zu Gunsten des dramatischen Fortgangs verschoben : Gott, den wir uns nicht als selbstthätigen Kämpfer dem Teufel gegenüber vorstellen können, da sein Eingreifen den Kampf sofort auch beenden mufs, tritt als Kämpfer zurück, und als Gegner stehen sich Faust und Mephistopheles gegenüber. 

Dieser Kampf erhält den für die dramatische Gestaltung in höchstem Grade wichtigen Grundzug, dafs zwar Mephistopheles mit vollem Bewufstsein des Zieles in den Kampf geht und daher diesen Kampf in vollster Klarheit führt, dafs Faust dagegen weder von der Veranlassung noch von dem Ziele des Kampfes etwas weifs, ja nicht einmal ahnt, dafs er überhaupt Gegenstand eines Kampfes ist: Gott überläfst ihn seiner guten Natur, die in vollster Naivetät wirken soll. Eben dadurch gewinnt aber der Dichter für Faust unsere tiefste Teilnahme : eine edle Natur ist den Angriffen des Teufels mit Zustimmung Gottes ausgesetzt, und unsere höchste Spannung wird rege gehalten, ob es dem Teufel nicht doch gelingt, sein Ziel zu erreichen und Fausts Geist von seinem Urquell abzuziehen. Freilich werden wir durch das Vertrauen auf Gottes Allwissenheit und Allmacht wohl im grofsen und ganzen beruhigt : wäre dies nicht der Fall, so wäre die Besorgnis so grofs, dafs die ruhig betrachtende Freude, wie sie aus der Entwicklung und dem Fortgang der Handlung, soweit sie Faust selbst betrifft, der Miterleber nach des Künstlers Willen empfinden soll, schwer beeinträchtigt würde. So stehen Spannung auf den Einzelverlauf und Beruhigung über den endlichen Ausgang in wohlthuendem Verhältnis nebeneinander, ohne sich zu beeinträchtigen: dafs Faust sein höchstes Ziel erreicht, ist eben doch nur eine Hoffnung und hebt daher nicht die Spannung auf, wie das im Widerstreit mit den Verlockungen des Teufels möglich sein wird. 

In der dramatischen Gestaltung hat der Dichter zunächst die schwere Aufgabe, die Unendlichkeit des Waltens Gottes in Verbindung mit dem Einzelereignis zu setzen, das uns hier mit Teilnahme erfüllen soll. Er löst die Aufgabe, indem er den ersten Erzengel die unbestrittene, im Zusammenklang des Tönens der Sonnenbahn mit dem Erklingen der übrigen Weltkörper, im Sphärengesang, erscheinende Weltharmonie, die Herrlichkeit des Weltganzen schildern läfst. Der zweite Erzengel führt auf die Erde : er betrachtet sie jedoch als Weltkörper, der in dem Weltganzen seine vorgeschriebene , dem Gesamtplan entsprechende Stellung einnimmt : zu ihr gehört der auf der Erde sich kundgebende Wechsel von Paradieseshelle und tiefer schauervoller Nacht, vom schäumenden Meere und starren Fels : dieser Wechsel aber verschwindet vor der Weltstellung der Erde. Der dritte Erzengel jedoch schildert die Erde in ihrem Sonderleben: da tobt der Kampf und die Zerstörung. Aber was auf der Erde kurzsichtig nur von dieser Seite her gefafst wird, erscheint dem auf das Ganze gerichteten Blick doch nur als Glied der grofsen Weltharmonie, in deren Preis die drei Engel darum zusammenstimmen und zwar so, dafs der für die Gesamthandlung grundlegende Gedanke sich wiederholt: Gott kann aus seinen Werken und in seinem Wesen nicht ergründet werden: an die Stelle der vergeblich erhofften Befriedigung durch Erkenntnis tritt die Befriedigung durch Anschauen Gottes. Sobald durch den vermittelnden Gesang der Engel die Erde mit ihren Kämpfen und Stürmen erreicht ist, da ist es auch Zeit, dafs der Mensch erscheint. Er wird von Mephistopheles hereingezogen, dessen Augenmerk sich nur auf das nächste Ziel richtet: der Heuchler hat mit dem Armen, dem des Himmelslichtes Schein, die Vernunft, so schlecht bekommt, Mitleid : er will ihn sogar nicht mehr plagen. Diese Heuchelei wird von Gott mit dem einen Wort zu nichte gemacht: »Kennst du den Faust?« und sofort beginnt der Widerstreit der Handlung : Gott nennt Faust, um Mephistopheles auf ihn zu lenken. Gerade er ist der rechte, der Faust aus der Grübelei zum Handeln bringen kann: hierin aber liegt die Möglichkeit seiner Rettung. So mufs dem Zwecke Gottes der Teufel dienen : der Teufel thut es, in der Hoffnung, für sich selbst zu handeln —, eine Situation, die des komischen Beigeschmacks nicht entbehrt, zumal der Allwahre ganz klar und mit vollster Deutlichkeit das wirkliche Verhältnis klarlegt. Mephistopheles, von der Herrlichkeit der Beute geblendet, hört aber nichts anderes als die Möglichkeit, den Versuch machen zu dürfen, und wiegt sich schon in seiner Siegeshoffnung : wenn er trotz der Warnung und Aufklärung schliefslich doch verliert, so hat er es sich selbst, seiner Gier und der durch sie bewirkten Verblendung zuzuschreiben. 

So ist eine Handlung angeknüpft, deren Verlauf die höchste Spannung erregt. Welch ein Mensch mufs Faust sein, dafs Gott, der ihn bald zur Klarheit führen will, ihn unbesorgt dem Teufel überlassen kann, in einem Augenblick, in dem alle Nähe und alle Ferne Fausts tiefbewegte Brust nicht befriedigt!  Und einen solchen Geist hofft Mephistopheles sich zu eigen zu machen, indem er ihm irdische, trügerische Freuden verschaffen will : »Staub soll er fressen und mit Lust!« So mufs uns Fausts Schicksal, sein gegenwärtiges und sein künftiges, aufs tiefste bewegen. Aber mit einer Gewifsheit gehen wir der Handlung, die sich nun vollziehen soll , entgegen : Gott mufs durch alle Fährlichkeiten hindurch Faust körperlich und seelisch so erhalten, dafs er trotz aller Lagen, in die Mephistopheles ihn bringen wird, dennoch imstande ist, den rechten Weg, dessen er sich in seinem dunklen Drange wohl bewufst ist, auch wirklich zu finden und ihn soweit zu gehen, dafs er von Gott wirklich zur Klarheit geführt werden kann. Erscheint daher auch Gott nicht mehr persönlich, so wirkt er doch in seinen Geistern fort, die zu rechter Zeit werden einzugreifen haben. Wir aber werden das wundersame Schauspiel miterleben, wie ein Mensch den Weg zum höchsten Ziele sucht und dabei von zwei Geisterwelten begleitet wird, deren eine das in irdischem Sinne Schlimmste nur gerade von ihm abhält, deren andere ihn zu ewiger Verderbnis verlocken will. So hat sich in diesem »Prolog im Himmel« eine Handlung begeben, die gänzlich ohne Fausts Zuthun sich vollzieht und dennoch für sein Schicksal mafsgebend ist: ihre Fortführung fällt in Fausts eigne Hand, jedoch so, dafs Faust von der Anfangshandlung keine Ahnung hat. Dabei soll Fausts Handeln durchkreuzt werden von Mephistopheles, der sein eignes Ziel verfolgt, der den unmittelbaren Anlafs zu seinem Auftreten Faust verschweigt und der sein Handeln auf ein Mifsverstehen von Fausts wahrer Natur gründet. So hat der Dichter für die Handlung eine Grundlage geschaffen, die zu reicher Mannichfaltigkeit, zu ergreifenden Wendungen führen mufs.
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