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2019-12-10

Veit Valentin: Die künstlerische Gestaltung des Stoffes. (3)

Veit Valentin: Goethes Faustdichtung in ihrer künstlerischen Einheit



II. Die künstlerische Gestaltung des Stoffes.

Wenn der Künstler sich der Schaffung eines Kunstwerkes zuwendet, so steht ihm unbestreitbar " die Wahl des Stoffes als Recht zu. Nicht minder unbestreitbar ist aber auch das Recht des Publikums, die getroffene Wahl abzulehnen: es kann von vornherein überzeugt sein, dafs die Empfindungen , zu denen es durch ein Kunstwerk angeregt werden möchte, in dem gewählten Stoffe überhaupt keinen Träger und Vermittler finden können, und dafs andrerseits die Empfindungen, die der Künstler mit Hilfe des von ihm gewählten Stoffes anregen kann, ihm überhaupt keine Freude bereiten dürften. Billigt aber das Publikum die Wahl, und ist es bereit, die von dem Künstler beabsichtigte Wirkung durch Vermittelung des von ihm ergriffenen Stoffes auf sich ergehen zu lassen, so bindet es damit sein Urteil in der Weise, dafs es eine Reihe von Voraussetzungen von vornherein zugiebt, in deren Wahl der Dichter nicht willkürlich verfahren ist : mit der Wahl seines Stoffes hat er zugleich eine Reihe von Voraussetzungen , die dem Stoffe selbst eignen, mit angenommen und ist an diese seinerseits gleichfalls gebunden. Es wäre daher ebenso widerspruchsvoll wie ungerecht, wenn man dem Dichter die mit der zugegebenen Wahl gleichfalls zugegebenen , von ihm unabhängigen und an dem Stoffe haftenden Voraussetzungen nach der guten wie nach der schlimmen Seite hin so anrechnen wollte, als ob sie ihm zur Last fielen: sein Wirken beginnt erst innerhalb der durch die Voraussetzungen gegebenen Grenzen. 

So bleibt auch Goethes Faustdichtung gegenüber zunächst nur die Verwerfung der Wahl des Stoffes übrig, oder aber das Zugestehen einer Reihe von Voraussetzungen , die zugleich mit der Wahl des Stoffes gegeben waren : durch sie ist der Dichter an bestimmte Vorstellungskreise gebunden. Nicht diese selbst, sondern erst das, was er auf ihrem Grund aufbaut, kommt auf seine Rechnung. 

Die erste mit der Wahl des Stoffes gegebene Voraussetzung ist die vorkopernikanische Weltanschauung. Die Erde gilt als Mittelpunkt des Weltalls, der Mensch ist der Zweck des Weltdaseins , das ihm zur Erreichung des Zieles dienen mufs, um deswillen er selbst geschaffen ist  seine Bestimmung ist, selig zu werden. Die Frage: wie soll ich selig werden? was mufs ich thun, um selig zu werden? ist darum die erste und wichtigste sie ist im Grunde genommen überhaupt die einzig wichtige. 

Diese Seligkeit wird nicht immer, ja sie wird vielfach überhaupt nicht erreicht. Mag sie aber erreicht werden oder nicht, in jedem Falle führt die Seele nach dem Aufhören ihrer irdischen Vereinigung mit dem menschlichen Körper ein persönlich fortdauerndes Dasein, das mit der Fähigkeit des Empfindens ausgestattet ist. Für die in persönlicher Daseinsart fortlebende Seele bedarf es eines Aufenthaltes, und zwar eines nach der Doppelmöglichkeit der Art dieser Fortdauer zweigeteilten Aufenthaltes dieser erscheint als räumlich zu denkender Himmel, der Wohnort der Seligen, und als räumlich zu denkende Hölle, der Wohnort der Unseligen. 

An der Spitze dieser beiden aufserirdischen Welten stehen ihre Herren: der Herr des Himmels ist Gott, der Herr der Hölle ist Satan. Beide werden als Personen gefafst und unterliegen für diese Vorstellungsweise der Beschränkung, die mit der körperlichen Gestaltung verbunden  sie erscheinen an bestimmten Orten und sind alsdann an anderen nicht. So wie sie selbst durch die Persönlichkeit begrenzt und bestimmt sind, so sind es auch die Geister, die sie umgeben; die Engel und die Teufel. Mit dieser Persönlichkeit ist jedoch nicht eine Sichtbarkeit im irdischen Sinne verknüpft besonders für menschliche Sinne ist die Empfindung der von den geistigen Wesen ausgehenden Wirkung von dem Willen der Geister selbst abhängig, falls diese nicht durch besondere Verhältnisse einem Zwang unterliegen. 

Zwischen Gott und Satan, zwischen den guten und den bösen Geistern besteht ein ewiger Kampfeszustand das Wesen der einen Seite schliefst das Wesen der anderen Seite aus. Zum Ausbruch kommt der Kampf von seiten der bösen Geister, und zwar durch das Bemühen, das köstlichste aller Besitztümer zu erringen, den Besitz der menschlichen Seele. Wo irgend eine Handhabe sich zu bieten scheint, wird der Versuch gemacht, sie Gott abspenstig zu machen je bedeutender die Seele veranlagt ist , um so gröfser sind die Bemühungen der bösen Geister, sie zu gewinnen, um so gröfser ist der Triumph , falls sie ihr Ziel erreichen. 

Das Böse ist jedoch nicht ohne den Willen Gottes entstanden wenn es nicht seine bestimmte Stelle im Weltenplane Gottes ausfüllen müfste, so hätte Gott seine Entstehung verhindern können. Da er sie aber zugelassen hat, so hat das Böse in dem Plane, den Gott mit der Schaffung und Erhaltung der Welt verfolgt, ein gottgewolltes Dasein und mufs gerade durch sein Widerstreben als förderndes Element in dem Weltprozefs mitwirken indem es nach dem selbst gesteckten Ziele hinstrebt, mufs es den Absichten Gottes dienen und ihre Ausführung erleichtern. 

Zwischen Gott und Satan , zwischen Himmel und Hölle, steht der erdengeborene Mensch. Beiden gegenüber tritt er an Macht weit zurück aber ihm kommt eine auszeichnende Fähigkeit zu , die ihm eine durchaus eigenartige Stellung giebt. Gott kann nur das Gute wollen , Satan kann nur das Böse wollen , der Mensch aber hat die gefährliche Freiheit der Entscheidung seines Willens nach der guten oder nach der bösen Seite hin. Er ist daher nicht blofs Spielball in der Hand Gottes oder Satans bei allem Handeln kommt es auf seine Mitwirkung nach eigenem Prüfen und Urteilen an. Dafür fällt ihm aber auch die volle Verantwortlichkeit für sein Handeln zu  je nachdem er dieses auf die eine oder die andere Seite lenkt, wird ihm Lohn oder Strafe, Seligkeit oder Verdammnis zu teil. In jedem Falle haben aber die Entscheidung , die er trifft , die Handlungen , die er ausführt, eine mafsgebende Bedeutung für die Gestaltung seines nachirdischen, ewigen Daseins. 

In diesem Widerstreite der Empfindungen , die des Menschen Erdendasein ausfüllen, kann er sich an den Mitteln genügen lassen, die Gott ihm zu seiner Erlösung dargeboten hat  mit ihrer Hilfe vermag er den Verlockungen der sich zu seiner Verführung gerne herandrängenden bösen Geister zu entgehen. Aber es liegt keineswegs aufserhalb der Möglichkeit, dafs der Mensch selbstthätig in den Verkehr der ihn stets umgebenden Geisterwelt eintritt  er kann dies durch Erlangung von Hilfsmitteln , die es ihm ermöglichen, die Geisterwelt zu einer Offenbarung zu zwingen. Diese Hilfsmittel bietet die Magie. Diese geisterbezwingende, Zaubermacht verleihende Wissenschaft und Kunde ist jedoch in ihrer Wirkung keineswegs auf die bösen Geister beschränkt auch die guten Geister unterliegen ihren Einwirkungen, und es kommt wiederum auf den Menschen selbst an , ob er sich an die eine oder die andere Seite wenden will. 

Das Verhalten der Geister ist hierbei je nach ihrer Beschaffenheit ein durchaus verschiedenes. Die guten Geister befleifsigen sich der Zurückhaltung: sie sind im Sinne Gottes thätig, und sein Wille geht dahin, dafs der Mensch selbständig handle. Erst dann ist sein Handeln ein solches, für das er die volle Verantwortlichkeit trägt, erst dann kann ihn also sein Guthandeln selig , sein Schlechthandeln unselig und zwar mit vollem Rechte machen. Die bösen Geister dagegen sind stets bereit, dem Menschen entgegenzukommen  nur so können sie die Schwankenden zu sich herüberziehen , die Unbefangenen verlocken , den Widerstrebenden Schlingen legen. 

In jedem Falle jedoch ist die Anwendung der Magie ein Hinausgreifen über die dem Menschen von Gott gesteckten Schranken und wird eben dadurch für ihn eine Schuld sie ist es auch dann , wenn die Magie zum Verkehr mit guten Geistern führt, sie ist es aber in erhöhtem Mafsc, wenn das Ergebnis der Verkehr oder gar ein Bund mit den bösen Geistern ist. Die Vertreterin Gottes auf Erden ist die Kirche sie kann ausschliefslich nach den feststehenden göttlichen Gesetzen, deren Obhut ihr anvertraut ist, urteilen: so bleibt ihr einer solchen Schuld gegenüber in der That nur eine Möglichkeit übrig. Sie kann gar nicht anders als den Schuldigen verurteilen, und zwar nicht nur im Diesseits , sondern , da ihr auch die Machtbefugnis gegeben ist, ihre Einwirkung auf die Ewigkeit zu erstrecken , auch im Jenseits die Seele des Schuldigen verfällt der ewigen Verdammnis. 

Werden diese Voraussetzungen dem Dichter zugestanden, so ist es keine Frage, dafs für ihn damit ohne weiteres ein im höchsten Grade günstiger Boden gegeben ist, auf dem sich der dichterische Keim jedenfalls aufs reichste auswachsen kann ein einzelner bestimmter Mensch mit der Fähigkeit zu verantwortlicher, ihre entscheidende Wirkung auf die Ewigkeit erstreckender Handlung, mitten in den Ansturm der bösen Geister gegen die Schöpfungen und die Absichten Gottes hineingestellt, wird der Gegenstand der Bestrebungen des Teufels , der Gott eine Seele abspenstig machen und für sich gewinnen will. Es fragt sich nun , was die dichterische Phantasie aus diesem Keime hat herausgestalten können.

In jeder Zeit und auf jeder Stufe der Entwicklung eines Volkes will die Kunst durch ihre Schöpfungen den Menschen nach einer bestimmten Richtung hin zu Empfindungen anregen , die ihn absichtlich mit voller Kraft und Entschiedenheit in dieser Richtung über die zufälligen Anregungen der Wirklichkeit hinaus tief und kraftvoll erfassen , so dafs er sich dieser einen Richtung des Empfindungslebens vollständig hingeben kann. Ist diese allgemeine Absicht der Kunst stets dieselbe, so bleibt doch die Richtung, in der das Empfindungsleben angeregt werden soll, keineswegs dieselbe. Es läfst sich vielmehr bei jeder naturgemäfsen, nicht durch fremde Einflüsse in ihrem ruhigen Verlaufe gestörten Kunstentwickelung verfolgen, wie in Zeiten, in denen die Kunst noch im Dienste des Kultus steht, jeder bedeutsamere Gegenstand, den sie ergreift, naturgemäfs dieselbe Richtung einschlägt , die der Kultus selbst verfolgt: er will den Menschen in den Dienst der Gottheit ziehen , er will ihn so stimmen , dafs er des Schutzes und des Beistandes der Gottheit würdig wird, er will ihn von der alltäglichen Handlungsweise zu einer gottgefälligeren hinführen , mit einem Wort er will ihn bessern der Zweck der Kunstübung ist ein moralischer. Dieser moralische Zweck wird aber um so besser erfüllt werden, je entschiedener bei seiner Erzielung zugleich die der Kunst eigentümlichen Wirkungsmittel zur Anwendung kommen können, je reicher die Einbildungskraft angeregt und je lebendiger dadurch diese nach Bethätigung gierige Thätigkeitsanlage im Menschen geweckt und wirklich in Thätigkeit gesetzt wird. 

Nach diesen beiden Richtungen hin erweist sich die Faustsage als ein aufsergewöhnlich günstiger Gegenstand. Fausts Bund mit dem Teufel ermöglicht eine Fülle von Abenteuern , die durch das ihnen nun selbstverständlich innewohnende Element des Wunders einen die Phantasie aufs höchste reizenden, sie unablässig immer wieder neu beschäftigenden Charakter erhält. Aber diese Abenteuer erfüllen zugleich mit einem grausigen Entzücken so wünschenswert es wäre, Gleiches erleben zu können, so steht doch drohend hinter der beneidenswerten Erscheinung des zauberkräftigen Menschen die ewige Verdammnis , deren schreckensvolles Eintreten nicht nur über das Nichterreichen tröstet , sondern auch die Empfindung der Genugthuung erweckt, dafs der, der so Aufsergewöhnliches erlebt, dafür auch elendiglich zu Grunde gehen mufs. Daraus ergiebt sich als Schlufsempfindung die Stimmung, wie schön es ist, wenn man sich vor den Verlockungen des Teufels hüte, und der Wunsch, sich nun um so entschiedener der guten Seite, wie sie von der Kirche gelehrt wird, zuzuwenden. So gestaltet sich die reiche Anregung der Phantasie in Verbindung mit den Empfindungen eines wonnigen Grausens und eines die Gerechtigkeit des vernichtenden Urteils anerkennenden Entsetzens zu dem Endergebnis einer Warnung und einer Mahnung zu moralischer Besserung. 

Diesen Charakter einer mit vollster Absicht hervorgekehrten moralischen Schöpfung tragen demgemäfs auch die verschiedenen Behandlungen der Faustsage, wie sie uns schriftlich erhalten sind. So ist das älteste Faustbuch, das zu Frankfurt am Main 1587 von dem Buchdrucker Johann Spies herausgegeben worden ist, »allen hochtragenden, fürwitzigen und Gottlosen Menschen zum schrecklichen Beyspiel, abscheuwlichen Exempelvnd treuwhertziger Warnung zusammengezogen und in den Druck verfertiget« und trägt den bezeichnenden Vorspruch aus dem Briefe des Jakobus IV, 7  Seyt Gott underthänig, widerstehet dem Teuffei, so fieuhet er von euch. Ebenso heifstes auf dem Titel des grofsen Faustbuches von Georg Rudolff Widmann 1599: »Mit nothwendigen Erinnerungen vnd schönen exempeln menniglichem zur Lehr vnd Warnung aufsgestrichen vnd erklehret.« Im Jahre 1674 wird dieses Buch von Nikolaus Pfitzer »aufs neue übersehen und so wol mit neuen Erinnerungen , als nachdencklichen Fragen und Geschichten, der heutigen bösen Welt, zur Warnung, vermehret«, und der von dem »Christlich Meynenden« gemachte Auszug hieraus, der 1725 erschien, soll »allen vorsetzlichen Sündern zu einer hertzlichen Vermahnung und Warnung« dienen. 

Bei diesem Ziele der dichterischen Erzählung ist nur ein Ausgang möglich: Faust mufs der Hölle verfallen. Erst so kann die volle Wirkung der Absicht erreicht werden , und dies auch nur dann , wenn die Unmöglichkeit einer Rettung der Seele Fausts sehr kräftig betont wird. Diesen auf eine moralische Wirkung abzielenden Ausgang zeigen auch die dramatischen Gestaltungen der Faustsage, sowohl die Dichtung Marlowes , als auch die dramatischen Bearbeitungen , die uns als Puppenspiele erhalten sind. 

Dieser Gesichtspunkt erhält eine sehr merkwürdige Wendung durch Lessing. Der grofse Vertreter der humanen Bildung, der keinen guten Keim verloren gehen lassen wollte und daher stets bei den Bedrückten und den Verfolgten das ihnen zur Seite stehende Recht nachzuweisen bestrebt war, er konnte und mochte auch Fausts Seele, in der er die Anlage zum Grofsen und Edlen erkannte, nicht zu Grunde gehen lassen. Andrerseits ist aber Lessing durchaus davon überzeugt, dafs es die Aufgabe der Dichtung sei zu bessern er erklärt ganz ausdrücklich in der Hamburgischen Dramaturgie bessern sollen uns alle Gattungen der Poesie ; es ist kläglich, wenn man dieses erst beweisen mufs; noch kläglicher ist es, wenn es Dichter giebt, die selbst daran zweifeln.« So war er in schlimmer Lage  Faust untergehen zu lassen, verbot ihm seine Humanität; Faust retten zu lassen, verbot ihm der moralische Zweck der Dichtung. Er half sich in der verlorenen Dichtung nach Aussage von Freunden, die Lessings Absichten gekannt hatten , mit dem Mittel des Traumes, das schon Dante verwendet hatte und das späterhin zu gleichem Zwecke Grillparzer in seinem Drama »Der Traum ein Leben« verwendete Faust erlebt seinen Bund mit dem Teufel, sein sich daran knüpfendes Leben, seine Verdammung zur Hölle als Traum. Von diesem erwacht, ist er gebessert und kann nun den Verlockungen des Teufels entgehen. Die moralische Besserung hat hier also nicht das Publikum, sondern den Träger der Handlung selbst zum Gegenstand, der sonst dem Publikum zu Liebe geopfert wurde. Höher kann das moralische Ziel der Dichtung nicht gehen, als dafs es in ihr selbst in Wirkung tritt und so um so klarer den Weg vordeutend angiebt, den der Hörer zu gehen hat. 

Allein die Kunst bleibt nicht auf dem Standpunkte stehen, dafs sie einen moralischen Zweck erreichen will: sie strebt allmählich immer entschiedener dem Ziele zu , das der Natur der von ihr verwendeten Mittel entspricht. Diese suchen die im Menschen vorhandenen sinnlichen , seelischen und geistigen Anlagen in Thätigkeit zu setzen. So lange der religiös -moralische Zweck vorwaltet, steht die Frage, ob die von der Kunst geübte Wirkung der Natur der in Thätigkeit gesetzten Anlagen entspricht, so dafs diese Wirkung als eine angenehme, als eine um ihrer selbst willen und durch sie allein willkommene empfinden wird, ursprünglich ganz im Hintergrund. Nachdem die Absicht, diese Wirkung zu erreichen , erst nebensächlich erschienen ist, dann allmählich immer bemerkbarer sich vorgedrängt hat, kommt ein Augenblick, in dem sie mit Entschiedenheit den ersten Platz einnimmt und die Frage, ob durch sie zugleich auch eine religiös -moralische oder überhaupt eine moralische Wirkung ausgeübt wird, nebensächlich behandelt oder gänzlich bei Seite gesetzt wird. Die so das ihr eigentümliche Ziel ohne Nebenabsichten verfolgende Kunst ist die ästhetische Kunst. 

In unserer neueren deutschen Dichtung ist der Schritt von der moralische Zwecke miterstrebenden Kunst zu der rein ästhetischen Kunst zwar nicht zuerst, aber doch mit entscheidender Kraft und mit einer gar nicht zu mifsdeutenden Klarheit durch Goethes Wertherdichtung gethan worden. Was Lessing seiner Kunstanschauung gemäfs noch als kläglich bezeichnen mufste, trat hier stolz und siegreich in die Welt. Lessings Empfindung war dabei die, dafs er noch eine "Schlufsrede" wünschte: »Ein paar Winke hinterher, wie Werther zu einem so abenteuerlichen Charakter gekommen  wie ein andrer Jüngling , dem die Natur eine ähnliche Anlage gegeben, sich dafür zu bewahren habe. Denn ein solcher dürfte die poetische Schönheit leicht für die moralische nehmen Also, lieber Goethe, noch ein Kapitelchen zum Schlusse; und je cynischer je besser!« Für Goethe freilich war der Gedanke, dafs irgendwer seinen Werther als Vorbild benutzen , dafs irgendwer die ästhetische Wirkung in eine moralische umsetzen sollte, völlig ausgeschlossen  sein Genius trieb ihn , den in der Kunstentwickelung notwendigen Schritt, den Übergang von der moralisierenden zur ästhetischen Wirkung des Kunstwerks, als einen durchaus naturgemäfsen, selbstverständlichen, nicht mit Überlegung, sondern vollkommen naiv zu machen  eben dadurch ragt die Bedeutung dieses Schrittes über die eines persönlichen Handelns hinaus und erhebt sich zu einer Naturoffenbarung, die den Charakter der vollsten Wahrhaftigkeit und Wahrheit trägt. 

Als nun dieser Dichter zum Gegenstand eines Kunstwerkes die Faustsage nahm , da war durch seine eigenste Natur der ihr bis dahin stets und überall anhaftende moralische Charakter selbstverständlich ausgeschlossen. Um so freier konnte der Dichter seinen Faust zum Träger von Bestrebungen machen , deren Ziele aufserhalb des moralischen Gebietes liegen. Der Faust der Sage verschreibt dem Teufel seine Seele, um für eine Zeit , die im Vergleich zu der Dauer eines Menschenlebens nicht grofs, im Vergleich zur Ewigkeit aber ein vollständiges Nichts ist, sinnlichen Genufs und Macht zu erlangen ein solcher Handel ist so thöricht , dafs ihm jede Sympathie unsererseits abgeht. Er gewinnt nur dadurch einen Sinn, dafs eben die Thorheit Fausts in recht abschreckender Weise sich offenbaren soll je furchtbarer die ewige Verdammnis droht, um so thörichter ist es, für so vergänglichen Erwerb die Seligkeit preiszugeben , um so eindringlicher ist aber auch die Mahnung, nicht gleichfalls eine solche Thorheit zu begehen. Tritt an Stelle der moralischen Tendenz die ästhetische, so mufs dieses thörichte Bestreben durch ein anderes ersetzt werden, das imstande ist, unsere Sympathie zu erwecken. Goethes Faust will zur denkbar höchsten Erkenntnis gelangen: die Unmöglichkeit, diese durch seine eigene Kraft zu erreichen , führt ihn zur Magie. Einen solchen Ausgangspunkt, ein solches erhabenes Ziel verstehen wir sehr wohl trifft doch der Dichter damit den Lebensnerv des geistigen Strebens der gesamten neueren Zeit. Wir können uns mit dem Träger und Vertreter des rastlosen modernen Forschungstriebes, der sich durch kein Dogma hemmen läfst und vor keiner Folgerung zurückschreckt, durchaus eins fühlen  wir begreifen sein Streben , als war' es unser eignes; wir begreifen aber auch seinen Schmerz, wenn es scheitert, als wär! er unser eigner, und unsre Sympathie ist ihm gewonnen. Sie wird ihm nicht durch den Verzweiflungsschritt entzogen, dafs er sich der Magie zuwendet mit der Annahme des Faust als Gegenstandes der Dichtung haben wir die Magie als eine Realität mitangenommen von Fausts Standpunkt aus, den der Dichter beibehalten mufs, ist dieser Ausweg Fausts durchaus folgerichtig. 

Allein Faust erstrebt die Erkenntnis nicht nur um der Erkenntnis willen: sein höchstes und letztes Ziel ist ein ganz anderes. Er will die Erkenntnis, weil er hofft, durch sie den Frieden seiner Seele zu erreichen für ihn hat das Streben nach Erkenntnis die Bedeutung, die sonst dem religiösen Empfinden zukommt. Hierdurch erhält sein Streben eine ethische Bedeutung, die es weit über das gewöhnliche wissenschaftliche Streben hinausfuhrt; auch für ihn lautet die höchste Frage wie kann ich selig werden ? Er kann es nicht durch den Glauben, er hofft es durch das Erkennen zu erreichen. Aber diese Frage soll hier nicht in dem Versuch einer neuen Beantwortung vorbildlich für die Zuhörer werden und diese ermahnen oder warnen, also nicht moralisch wirken sie wird für den Dichter vielmehr die bewegende Kraft, um die ganze Tiefe eines ungewöhnlich reichen seelischen Lebens zu offenbaren und dadurch unsre eignen seelischen Kräfte sympathisch zu berühren und zu einer ihnen willkommenen Bethätigung zu bringen. Dieses ästhetische Ziel ist aber dem Dichter gerade dadurch gesichert, dafs er seinem Faust das Erkennen als den Weg nach dem Seelenfrieden erscheinen läfst  ein solches höchstes menschliches Bestreben ist, auch wenn wir ihm nicht nachfolgen, dennoch unsrer Sympathie gewifs. Was ein Mensch mit solcher unsrer eigenen verwandten Ringerkraft erfährt, mufs unsre Teilnahme sich gewinnen was er leidet, erregt unfehlbar unser Mitleiden, und mit banger Sorge sehen wir dem Ausgang eines solchen Kampfes um das höchste Gut des Daseins entgegen. 

Wenn nun der Dichter seinen Faust sich nicht nur der Magie, sondern schliefslich dem Teufel selbst ergeben läfst , da darf sich nun die berechtigte Frage erheben : kann und darf ein Mensch von so tiefem seelischen Gehalte , von so erhabenem , das denkbar höchste Ziel verfolgendem Streben wegen seines Bundes mit dem Teufel schliefslich doch der Hölle verfallen ? Je verwandter wir uns seinem Streber» fühlen , um so näher berührt uns diese Frage : es ist, als ob sie uns selbst gälte. 

Wenn die Kirche allein darauf zu antworten hat, so kann es nicht zweifelhaft sein , dafs sie das Verdammungsurteil aussprechen mufs. Bei Gott jedoch steht die Sache anders: er, der die Tiefen der Herzen kennt, er kann das Handeln nach den Gründen beurteilen , die es gezeitigt haben er kann die Absichten anerkennen und über das Handeln selbst milde richten, er kann verzeihen. Aber seine Allweisheit kann auch Wege verfolgen, die für ein menschliches Auge nicht zu verfolgen sind  er kann voraussehen , dafs eine Seele, gerade um ihres Strebens willen, von vornherein dem Himmel gehört, dafs aber, um die Seele dem richtigen Wege zuzuführen, es eines aufsergewöhnlichen Mittels bedarf ; da benutzt er — und das ist die geniale Wendung, die Goethe seiner Umdichtung der Faustsage giebt — den Teufel selbst , um sein Ziel zu erreichen: auch das Böse liegt innerhalb des Weltplanes Gottes. Das Neue ist aber dies, dafs in einem einzelnen Falle Gott das Böse benutzt, um das Gute zu erreichen. Er selbst veranlafst den Bund mit dem Teufel  er will diesen Bund, um dadurch Fausts Seele für den Himmel zu retten. 

Der Plan, den Gott mit Faust verfolgt, läfst sich nun leicht erkennen. Gott weifs natürlich sehr wohl, dafs der von Faust eingeschlagene Weg, um zur Seligkeit zu gelangen, ein unmöglicher ist; die höchste Erkenntnis, die Erkenntnis des wahren Wesens der Welt, ist für den Menschen nicht zu erreichen. Sie steht im Widerspruch mit seiner endlichen, begrenzten Natur, die das Unendliche, das Unbegrenzte nicht fassen kann, da sie es stets als Endliches, Begrenztes zu fassen suchen mufs, womit die Lösung der Aufgabe unmöglich wird. Sollte nun dennoch die Gewinnung des Seelenfriedens von der Lösung dieser Aufgabe abhängen, so wäre die Erreichung dieses Zieles für immer ausgeschlossen, und die Seele eines Menschen, der es so ernst meint wie Faust, könnte die Seligkeit nicht erreichen. Soll sie dies aber doch , so bleibt nur eines übrig: sie mufs auf einen anderen Weg gebracht werden, der der Natur des Menschen entspricht und zu dem gewünschten Ziele führt. Ein solcher wäre der Glaube : die Möglichkeit diesen Weg einzuschlagen, ist für Faust durch seinen Erkenntnistrieb von vornherein ausgeschlossen. Da bleibt nur noch ein Mittel übrig : Faust mufs aus dem fruchtlosen Grübeln herausgerissen und dem thätigen Leben zugeführt werden ; Bethätigung der angeborenen Kräfte vermag, wenn sie sich einem hohen Ziele zuwendet, den Seelenfrieden hienieden zu gewähren, der die Vorbedingung zur Erlangung des ewigen Friedens der Seele im Jenseits ist. 

Es liegt nun nicht im Wesen Gottes, in das Handeln des Menschen unmittelbar einzugreifen : das Handeln des Menschen gewinnt nur dann entscheidende Bedeutung und zieht die beseligende Wirkung im Jenseits nach sich, wenn es ein eigenes, selbständiges ist, wenn es dem Willen der Gottheit entgegenkommt. Es mufs den Charakter der Verantwortlichkeit tragen , wenn ihm eine Wertschätzung zu teil werden soll. So mufs Faust zu einer Thätigkeit gereizt werden , in der er ein solches verantwortliches Thun ausführen kann. Diesen Zweck erreicht aber Gott, indem er dem Faust den Teufel beigiebt. Der Teufel kann nur ein Ziel haben, die Seele Fausts gewinnen. Das vermag er nicht, so lange Faust vom Erkenntnistrieb beherrscht ist; der Teufel mufs also Faust in das thätige Leben verlocken, als den einzigen Boden, auf dem er ihn gewinnen kann. Wenn also Gott dem Faust den Teufel als Gesellen beigiebt und ihn gewähren läfst, so führt der Teufel, der Faust ins thätige Leben zieht, gerade das aus, was nach dem Plane Gottes allein Faust retten kann : ob es dem Teufel gelingen werde, die Seele Fausts zu gewinnen, das kann Gott ruhig der von ihm sehr genau gekannten guten Natur Fausts überlassen ; ist diese überhaupt erst einmal der Thätigkeit zugeführt, so wird sie auch schon den rechten Weg finden und eben dadurch ihre entscheidungsgebende Kraft bewähren , ohne die die menschliche Seele überhaupt nicht in den Himmel gelangen kann. So mufs der Teufel, indem er glaubt, für sich zu wirken, den Plan Gottes erfüllen ; so mufs er, dessen Natur es ist, zu zerstören, als Teufel schaffen. 

Diesen Plan Gottes zeigt in deutlichster Weise der »Prolog im Himmel«. Gott ist es, der zuerst den Namen Fausts ausspricht, der den Teufel auf ihn aufmerksam macht, zugleich aber so, dafs er ihn als dem Guten zugehörig bezeichnet: Gott nennt ihn seinen Knecht. Er sagt ausdrücklich , dafs er Faust, der ihm jetzt nur verworren dient, bald in die Klarheit führen will : der Gärtner sieht in dem grünenden Bäumchen schon die Blut' und Frucht künftiger Jahre voraus. Wenn er Mephistopheles die Erlaubnis giebt, ihn seine Strafse zu führen, so erklärt er ausdrücklich, dafs es ihm nicht verboten sei , solange Faust auf der Erde lebt: mit dieser Daseinsart ist dem Menschen das Irren natürlich; der einzelne Irrtum, so lange es eben nur ein solcher ist, kann also auch nicht entscheidend auf seine Daseinsart im Jenseits einwirken. Dafs Faust aber durch den Irrtum hindurch mit eigner Kraft sich zu ihm emporarbeiten werde, sieht Gott in seiner Allwissenheit gleichfalls klar voraus: »Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange, Ist sich des rechten Weges wohl bewufst.« Und nicht minder klar spricht sich Gott über das von ihm ergriffene Mittel aus : »Des Menschen Thätigkeit kann allzuleicht erschlaffen, Er liebt sich bald die unbedingte Ruh; Drum geb' ich gern ihm den Gesellen zu, Der reizt und wirkt, und mufs, als Teufel, schaffen.« 

Mit diesem Plane Gottes ist das wesentlichste und entscheidende Element der Goethischen Faustdichtung gegeben : Gott will Faust retten und benutzt den Teufel dazu ; dieser handelt seiner Natur gemäfs und bringt eben dadurch Gottes Plan zur Ausführung. Faust aber weifs von alledem nichts und bleibt dem dunklen Drange seiner guten Natur überlassen. Nur dadurch , dafs er selbständig handelt , dafs er nicht willenloser Spielball in der Hand einer höheren Macht ist, gewinnt er unsre Teilnahme, die gespannt ist zu verfolgen, wie dieser seltsame Kampf der beiden überirdischen Mächte, dessen Entscheidung in das unbewufste und daher durchaus naive Handeln eines Menschen gelegt ist, sich vollzieht, und welchen Ausgang erreicht.

Aus dem Widerstreit dieser drei Willensträger entwickelt sich nun die Handlung mit sachlicher Notwendigkeit. Es ist selbstverständlich, dafs das indirekte Eingreifen Gottes erst in dem Augenblicke geschieht, wo es unbedingt notwendig ist. Faust ist in der Verzweiflung, durch eigne Mittel zur höchsten Erkenntnis zu gelangen, zu dem entscheidenden Schritt entschlossen, zur Magie zu greifen und sich so den Zugang zu höherer Erkenntnis zu erzwingen. Die im Dienste der Gottheit stehenden Geister kann er wohl durch seine Beschwörungskraft zwingen, zu erscheinen, aber er kann sie nicht zwingen , ihm Offenbarungen zu machen oder ihm hilfreich Dienste zu leisten. Zurückgestofsen und erneuter, erhöhter Verzweiflung überlassen, ist er in der Stimmung, den Verlockungen des Teufels nachzugeben und den Bund mit ihm zu schliefsen , aber nicht, um behaglich in flüchtigem Sinnesgenufs zu schwelgen: der Augenblick, in dem es dem Teufel gelingt, ihm einen solchen Genufs zu verschaffen , der ihm wirkliche Befriedigung gewährt, so dafs er ihm Dauer wünschen mufs , soll der Zeitpunkt sein, in dem seine Seele dem Teufel zufallen soll. Während in der alten Faustsage der Teufel seine Aufgabe schon erfüllt, wenn er Fausts sinnliche Gelüste und sein Behagen an der Ausübung der Zauberkraft fördert, ihn also von flüchtigem Genufs zu flüchtigem Genüsse führt und mit jedem Genüsse Faust befriedigt, soll jetzt der Teufel etwas thun, was seiner innersten Natur widerstrebt: er soll Faust eine bleibende Befriedigung verschaffen. Er nimmt die Aufgabe an, in der Hoffnung, Fausts Seele durch Betrug gewinnen zu können. In dieser inneren Unmöglichkeit, die von Faust gestellte Bedingung erfüllen zu können, liegt die Notwendigkeit begründet, dafs Faust allmählich anfängt, einen eignen Weg einzuschlagen , der an die durch des Teufels Eingreifen in ihm gereizte Lust zur Bethätigung seiner Anlagen anknüpft : so kann er, dem dunklen Drange seiner Natur folgend und ohne jegliche Ahnung von dem wahren Verhältnis zwischen Gott und Teufel inbezug auf ihn und sein Streben, endlich , nachdem des Teufels Versuche gescheitert sind, durch eigene Kraft sich den Augenblick der vollen inneren Befriedigung erringen. Damit ist aber, auch ohne dafs dieses Ziel in seinem Bewufstsein klar gewesen wäre, auch ohne dafs sein persönliches Streben darauf ausgegangen wäre, die thatsächliche Vorbedingung für die Erlangung der ewigen Seligkeit im Jenseits und so zugleich die Erfüllung des Planes Gottes erreicht. 

Mit diesem inneren Fortgang ist die künstlerische Gestaltung des Stoffes gegeben : sie wäre es nicht, wenn dieser Fortgang nicht ein streng einheitlicher wäre. Da er dies aber ist, so ist damit die erste und wichtigste Vorbedingung für die Gestaltung eines Kunstwerkes erfüllt : dieses selbst tritt jedoch erst durch die künstlerische Form in die Erscheinung.
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