> Gedichte und Zitate für alle: Veit Valentin: Goethes Faustdichtung-Die neue Dichtung und ihre Entwicklungsprozesse. (24)

2019-12-15

Veit Valentin: Goethes Faustdichtung-Die neue Dichtung und ihre Entwicklungsprozesse. (24)

Veit Valentin: Goethes Faustdichtung in ihrer künstlerischen Einheit



Die neue Dichtung und ihre Entwicklungsprozesse.

In Gegensatz zu der dürren Vernunftidee tritt die konkrete Gestaltung der Dichtung, wie die schaffende Kraft des Dichters sie künstlerisch erfafst und aufbaut, und wie sie der künstlerisch betrachtete Gegenstand den ihm innewohnenden Anlagen und den mit seiner Wahl notwendig angenommenen Voraussetzungen gemäfs verlangt. Die natürliche Folge davon ist die tiefgehende Verschiedenheit der sinnlich fafsbaren Gestaltung aller der Dichtungen, die, sobald man ihnen das künstlerische Element abgestreift hat, in ihrem abstrakten Ziele, in der Vernunftidee, vortrefflich übereinstimmen: jeder Dichter schafft aus der »Fülle der Gesichte« heraus, wie sie ihm Zeit und Umgebung bieten und die zu ergreifen sein eignes Herzensbedürfnis ihn antreibt. So gewinnt er die besonderen Mittel, die geistig-seelische Entwicklung seines Helden , die sich schliefslich als Vernunftidee herauslösen läfst, in einer durch die konkrete künstlerische Gestaltung eigenartig bestimmten Weise verlaufen zu lassen. Liegt schon in der Möglichkeit, aus der künstlerischen Gestaltung die Vernunftidee zu entwickeln, eine Bestätigung der Einheitlichkeit der Gesamtdichtung, so mufs dies in noch höherem Grade der Fall sein, wenn auch in der besonderen künstlerischen Fassung der einzelnen Dichtung der Prozefs der geistig-seelischen Entwickelung nur unter dem Gesichtspunkt der Einheitlichkeit seines Verlaufes verstanden werden kann. Ein solcher Prozefs vollzieht sich aber in der Faustdichtung auf mehreren enge zusammenhängenden Gebieten, so dafs auch nach dieser Seite hin ihre Einheitlichkeit volle Bestätigung findet.

Faust ist von Anfang an von schroffstem Subjektivismus erfüllt: das Wohl und Wehe seines Subjekts ist das Einzige, was ihn erfüllt. Das Wohl und Wehe der ganzen Welt will er auf seine Person häufen : was der ganzen Menschheit zugeteilt ist, will er in seinem inneren Selbst geniefsen ; sein eigen Selbst will er zu ihrem Selbst erweitern und wie sie selbst gleichfalls zerscheitern. Wie er die Magie aufgiebt, der Natur wieder als Mensch allein , ohne dämonische Kräfte, entgegentritt, ist in ihm der Gedanke gereift, dafs er für andere leben und schaffen mufs, und in der Vorstellung auf freiem Grund mit freiem Volk zu wohnen, findet er die höchste Befriedigung: von einseitigem Subjektivismus ist zu einem Objektivismus übergegangen, bei dem sein eigen Selbst in dem Ganzen aufgeht und diesem allein bleibende Bedeutung beigelegt wird.

Den Übergang von der einen Weltanschauung zur anderen bildet der Übergang von dem unersättlichen Drang nach der höchsten und letzten Erkenntnis, die dem Menschen versagt ist und die, soweit sie erreicht werden kann, wenn sie überhaupt Befriedigung schafft, doch nur den einzelnen damit erfüllt, zu dem Thun, dem Handeln, dem Schaffen : nicht das Wissen, sondern das Thun ist das Erlösende oder doch wenigstens zunächst das Befriedigende. Allein das Thun , das Handeln des Menschen kann es zu keinem Abschlufs bringen, so dafs es einen bleibenden Zustand der Befriedigung gäbe : dieser Zustand mufs vielmehr durch unablässig erneute Thätigkeit immer aufs neue wieder erobert werden. Seine volle Bedeutung gewinnt dieses Thun aber erst, wenn es nach der Absicht des Handelnden nicht nur der eigenen Person, sondern der ganzen Welt zu Gute kommt: »und das Wohl der ganzen Welt ist's, worauf ich ziele.« 

Diese Bestrebungen und Ziele liegen innerhalb dieser Welt. Nun ist aber das Charakteristische für Faust, dafs seine Bestrebungen von Anfang an über die Grenzen der irdischen Welt hinausgehen : erst allmählich beschränkt er sich auf das in dieser Welt Erreichbare. Es fragt sich nun aber, ob das Jenseits nicht wirklich und unabhängig von der Auffassungsweise des Einzelmenschen seinen Anspruch auf ihn erhebt. Innerhalb der Faustdichtung ist die Thatsächlichkeit der Existenz des Jenseits von vornherein sichergestellt. Wenn Faust sich von ihm abwendet, in dieser Welt seine höchste Befriedigung sucht und , wenigstens in der Vorstellung einer künftigen vollständigen Verwirklichung seiner Bestrebungen , auch thatsächlich findet, so ist auch das ein Ausflufs seines Subjektivismus : auch hier mufs das Objektive als das wahrhaft Seiende zum Siege gelangen. Faust kann diesem objektiven Sein nicht entgehen, ob er daran geglaubt hat oder nicht : seine Seele existiert nach seinem Tode ohne sein Zuthun. Nun hat aber nach den Voraussetzungen, von denen der Dichter ausgeht, die Art, wie das irdische Leben geführt wird, entscheidenden Einflufs auf die Existenzweise der Seele nach dem Tode. Hier tritt nun das Neue ein, womit der Dichter in Übereinstimmung wichtiger geistiger Strömungen seiner Zeit, den alten Stoff erfüllt und wodurch er die Dichtung zu einer in der That modernen macht. Nach kirchlich -mittelalterlicher Auffassung könnte die Seele eines Menschen, der sich vom Glauben abgewendet hat, nicht für die Seligkeit gerettet werden, zumal wenn er noch obendrein mit dem Teufel einen Bund geschlossen hat. Nach der neuen Auffassung des Dichters ist aber nicht der Glaube, sondern das Streben nach dem Höchsten von Seiten des Menschen das für seine Seligkeit Entscheidende. Hängt das redliche Streben des Menschen nach dem Höchsten nicht mehr mit dem Glauben notwendig zusammen, so kann auch die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Glauben oder gar einer besonderen Konfession nicht mehr entscheidend sein. So bricht der Grundgedanke der modernen Zeit, wie er bei Lessing siegreich hervortritt, auch hier durch : es ist die höchste Stufe des humanen Gedankens, dafs die auf Erden entstandenen Schranken dem Wirken der Gottheit keine Schranken setzen. Daher kann auch für Fausts Seele das zweite Moment für die Gewinnung der Seligkeit in Wirksamkeit treten : dem , der sich auf Erden immer strebend bemüht hat, kann von Seiten der Gottheit die erlösende Liebe entgegenkommen. Soll sie sinnlich greifbar werden, wie es für ihr Auftreten in der dramatischen Dichtung notwendig ist, so kann auf dem von dem Dichter einmal angenommenen mittelalterlich -christlichen Boden des Glaubens die erlösende entgegenkommende Gnade der Gottheit gar keine andere sinnliche Verkörperung erhalten, als durch die allen nach dieser Richtung hin bekannte, durch den frommen Glauben mit dieser Ehrenstellung im Himmel betrauten Mutter Gottes, der Mutter aller Gnade : ihre Verwendung ist ebenso wenig eine katholisierende Hinneigung des Dichters wie die Verwendung des Teufels. Diese Gestalten haben ihre feststehende, durch die Überlieferung geheiligte Bedeutung. Es ist aber für den Dichter vom gröfsten Vorteile, solche Gestalten von feststehender Bedeutung verwenden zu können : sie ermöglichen es ihm , ohne weitläufige Einführung sofort zur Darstellung der Hauptsache vorzugehen, die jedermann unmittelbar verständlich ist. Wie wenig der Dichter beabsichtigt hat, mit der Hereinziehung dieser himmlischen Gestalt eine kirchliche Auffassung zu verherrlichen, wie sehr sie wirklich nur eine poetische Gestalt ist, deren Verwendung sich aus dem einmal angenommenen Zusammenhang mit Notwendigkeit ergeben mufste, lehrt die Thatsache, dafs die Persönlichkeit, der nach kirchlicher Auffassung das Erlösungswerk zukommt und neben welche Maria nur ergänzend tritt, in dem ganzen zur Seligkeit führenden Prozefs nicht vorkommt : Christus erscheint aufser im Kirchenostergesang nicht einmal dem Namen nach. Wir haben es also hier nicht mit der Gestalt der Maria in ihrer kirchlichen Bedeutung, sondern mit einer, eine besondere Seite der Gottesnatur, die Gnade, verkörpernden poetischen Erscheinung zu thun, die um ihres milden Charakters willen in weiblicher Verkörperung erscheint, und die uns daher sofort diese besondere Seite der Gottesnatur zu unmittelbarem Verständnis bringt : dafür bietet aber die Himmelskönigin allein eine der Bedeutung entsprechend vollgültige Persönlichkeit. So wird die kirchliche Annahme von der Erlösungskraft des Opfertodes Christi beseitigt, und die Fähigkeit der Erlösung in die persönliche Kraft des Menschen selbst gelegt. Darf man im Gegensatz zu dem Romantischen, das sein charakteristisches Merkmal in dem Bewufstsein der Notwendigkeit einer von aufsen kommenden überirdischen Hilfe hat, die Weltanschauung, nach der der Mensch selbst sich diese erlösende Kraft zuschreibt und daher auch nicht hilfsbedürftig nach einer von aufsen kommenden überirdischen Hilfe ausschaut, als die klassische Weltanschauung bezeichnen, so erscheint in der Goethischen Faustdichtung das klassische Element als das siegreiche: Faust, der zuerst nach dieser Hilfe von aufsen ausgeschaut hat, vertraut schliefslich der Kraft seines eigenen Handelns allein. Während jedoch auf Erden das klassische Element als das durchaus Genügende erscheint, tritt in der Darstellung der göttlichen , neben dem irdischen Dasein hergehenden besonderen Welt das romantische Element in sein Recht: wenn auch der auf sich selbst vertrauende Mensch nach äufserer Hilfe nicht greift, so liegt es im Wesen der göttlichen Natur, dem Menschen die Hilfe, die zur Erlangung der Seligkeit nun doch einmal notwendig ist, nicht vorzuenthalten. Auch wenn der Mensch diese Hilfe verschmäht, so verläfst ihn deshalb die Gottheit keineswegs: sie wird nicht, wie die Kirche, durch einen Abfall gekränkt und beleidigt, sie unterstützt vielmehr den Menschen — und das ist das Neue in der hier gegebenen Auffassung des Wesens der Gottheit — in der Gewinnung jener Selbständigkeit und Selbsttätigkeit, die nach der kirchlichen Auffassung von Gott entfernt, die aber nach der hier herrschenden Anschauung erst recht imstande ist, einen Menschen für die Seligkeit reif werden zu lassen. Ist der Mensch durch sein eigenes Thun reif geworden, so ist es Zeit für die Gottheit, die bisher nur aus der Ferne ohne unmittelbares Eingreifen gewirkt hat , nun der zur Seligkeit emporstrebenden Seele entgegenzukommen und ihr so das Betreten der letzten und höchsten Stufe zu ermöglichen, wozu die menschliche Kraft allein nicht ausreicht : ihre Wirkungsfähigkeit hört mit dem Tode der Menschen auf. So behält die klassische Weltanschauung auf der Erde subjektiv, die romantische Weltanschauung aber im Himmel objektiv Recht : die Vermittlung aber zwischen beiden , die dem irdischen Bestreben dennoch einen nach Erlösung und Hilfe sich sehnenden Charakter verleiht und die dem göttlichen Gewährenlassen und Leiten aus der Ferne den Weg zu thätiger Beihilfe bahnt, ist das Element des Weiblichen, das auf der Erde und im Himmel wirksam ist und dieses sein Wirken mit zwingender Herrschergevvalt offenbart : die Art, wie dies geschieht , ist freilich sehr mannigfaltig. Der Dichter läfst diese Mannigfaltigkeit in einer leicht übersichtlichen Ordnung in Wirkung treten, indem er die Offenbarungsarten des Elementes des Weiblichen in aufsteigendem Stufengang uns vorführt. Bildet das Element des Weiblichen einen so bestimmenden Wesensbestandteil im Weltendasein, so ist es nur billig, dafs ihm der Dichter in seinem Werk einen breiten Platz eingeräumt hat, ja dafs er die Entwicklung seines Helden mit den in der Bethätigung des Elementes des Weiblichen sich entwickelnden Stufengang in engsten Zusammenhang, ja selbst in Abhängigkeit setzt. Im gleichmäfsig vorwärtsschreitenden Gange der Dichtung wird es gleichsam die Leiter, an der der Träger der Handlung von Sprosse zu Sprosse bis zur höchsten Stufe sich hinaufarbeitet. 

In seiner irdischen Verkörperung des Weiblichen äufsert es sich zunächst als rein geschlechtlich wirkender Reiz: die Zaubererscheinung in der Hexenküche läfst Faust auch in Gretchen zunächst nur eine Trägerin des Geschlechtsreizes erblicken, und trotzdem in ihm selbst die bessere Natur aufzuwachen und der Wirkung der Zauberkraft zu entrinnen bestrebt ist, verfällt er der auf Förderung dieses Reizes unablässig hinarbeitenden Verlockung des Mephistopheles. Aber dennoch hat ihn die echte Liebe tief erfafst, die durch das jammervolle Schicksal der Geliebten nicht vermindert, sondern gestärkt und geläutert wird. Auf einer höheren Stufe erscheint das Weibliche in seiner Wertschätzung seitens des Mannes, wenn es die Verkörperung der denkbar höchsten irdischen Schönheit wird : aber diese Schönheit ist, wenn auch eine ideale, zu höchster Bethätigung aller seelischen Kräfte begeisternde, so doch eine körperliche Schönheit, der die seelenläuternde Kraft noch nicht innewohnt. Dazu kann sie erst aufsteigen, wenn sie sich zur höchsten Seelenschönheit verklärt. Eine solche mufs sich, selbst wo sie von Natur aus da ist, doch erst im Feuer der Trübsal bewähren : so ist es mit Gretchen geschehen.

Wie die Erinnerung Fausts an sie wieder auftaucht, da ist es diese überwältigende, die niederen Begierden wegdrängende, das Beste im Menschen ergreifende und zum höchsten Ziele des Lebensdaseins mit sich fortreifsende Seelenschönheit, die ihm in ihr erscheint und ihn befähigt, den letzten Schritt zu thun, durch den er bereits auf Erden zum Anrecht auf die Seligkeit heranreifen kann. Sie ist es dann, die sich fürbittend an die höchste Verkörperung des Weiblichen wendet, an die als Gnade sich offenbarende Seite in der an und für sich untrennbaren Gottesnatur : diese Gnade mufs dem Menschen entgegenkommen, um das objektiv zu vollenden, was subjektiv der Mensch auch ohne Kenntnis und Beachtung des höchsten Zieles im Jenseits durch die unablässige Enthaltung ernstest sich bemühenden Bestrebens nach einem höchsten Ziele auf Erden erreicht hat. Die Kraft aber, im Jenseits der zu Gott aufschwebenden Himmelskönigin, in der sich dichterisch die Gnadenseite der göttlichen Natur verkörpert, zu folgen, gewährt der frisch in den Geister- chor eingetretenen Seele die Ahnung der Gegenwart der früh Geliebten: die Sehnsucht, ihr zu folgen, führt die aufwärts strebende Seele zum Anschauen Gottes, in dem sich das einzig wahre Dasein vollendet. 

Soll eine solche geistig-seelische Entwickelung eine allumfassende symbolische Kraft für den Menschen, für die Menschheit gewinnen, so mufs der Weg, den der Träger der Handlung durch die Welt zu machen hat, die Gesamtheit der Welt wenigstens ihrem Gehalte nach berühren. So erweitert sich der Schauplatz des Dramas der Idee nach ins Grenzenlose : in der Ausführung findet der Dichter die dem Kunstwerk nötige Beschränkung in der Herausgreifung einzelner Gestalten, die die Stellvertretung und Andeutung des Ganzen auf sich zu nehmen geeignet sind. Je enger die symbolische Kraft der einzelnen Gestalt begrenzt ist, um so gröfser kann sich die unmittelbar wirkende Kraft der Lebenswahrheit, der realistische Charakter der Gestalt bemerklich machen ; je weiter die symbolische Kraft reichen mufs, um so allgemeingültiger mufs die einzelne Gestalt werden, um so mehr wird sie auch von der realistischen Fülle der Erscheinung und Wirkung einbüfsen. Die symbolische Kraft Gretchens reicht viel weniger weit als die der Helena: um so gröfser und überwältigender ist die Macht, mit der sie unsere Teilnahme für sich in Anspruch nimmt, und mit der ihr tragisches Geschick uns ergreift. Helena ist zu gleicher Wucht des Eindrucks dichterisch angelegt. Hätte der Dichter seiner Neigung nachgegeben und hier eine selbständige Tragödie verwendet, so hätte sich ihre symbolische Tragweite bedeutend verringert : in demselben Mafse wäre ihr realistisch wirkender Eindruck gewachsen, und ihr persönliches Geschick hätte uns tief ergreifen können wie das einer Iphigenie. Der Entschlufs, ihr diese Fülle unmittelbarer dichterischer Wirkung zu nehmen, um ihr durch Einreihung in das grofse Ganze eine grofsartig erweiterte symbolische Kraft zu verleihen, ist dem Dichter, dessen Natur zu realistischer Schaffungsweise hindrängte, sehr schwer geworden : es mufsten über zwei Jahrzehnte vergehen, bis ihn das Interesse für die Dichtung als Ganzes zur endlichen Darbringung des Opfers der Sondererscheinung vermochte. In den älteren Entwürfen erscheint der Kaiser in der historisch bestimmten Gestalt des Kaisers Maximilian. Es ist keine Frage, dafs mit der Festhaltung dieser Figur die realistische Kraft der Gestalt des Kaisers in der Dichtung gewachsen wäre: aber die symbolische Tragweite des Kaisers in der Dichtung wäre sehr verengert worden, und die historischen Erinnerungen, wie sie jeder an den besonderen Kaiser Maximilian besitzt, wären störend autgetreten: der Kaiser, so wie er hier erscheint, ist ein Vertreter des Kaisertums in seiner Schwäche. Soll das vollständig dargestellt werden, so darf nicht die Einzelerscheinung eines bestimmten Kaisers, bei dem das Geschilderte nicht so möglich wäre oder nicht so geschehen ist wie es geschildert wird, beschränkend eintreten : die mit der Ermöglichung der Belehnung Fausts notwendig zusammenhängende Gefahr des Kaisers, die Belehnungen der Fürsten und die Schaffung der Erzämter konnten bei Maximilian nicht so dargestellt werden: um sich freie Bahn für den grofsen Gang seiner Dichtung zu schaffen, opfert der Dichter die realistische Gestalt und schafft sich eine ideale, eine nur gedachte, die nun aber die volle hier erforderliche symbolische Tragkraft besitzt, wie sie für die Aufgabe, die der Kaiser als Experimentfigur im Fortschreiten Fausts haben mufs, vollständig erfüllt. Wo das Symbolische nicht genügt, greift der Dichter schliefslich als zur letzten Hilfe zur Allegorie, wie bei den drei Gewaltigen. Die mit diesem Fortgange, die mit der Erweiterung des Schauplatzes und der Aufgabe der Handlung aufs engste zusammenhängt , sich immer erweiternde Bedeutung der Einzelgestalten, die zur Ausfüllung dieser Bedeutung zu Hilfe je gerufene aufsergewöhnliche Erweiterung der Symbolik und der Allegorie ist nicht eine Folge der abnehmenden Gestaltungskraft des Dichters: dafs es ihm gelungen ist, diese symbolischen und selbst die allegorischen Gestalten uns dichterisch nahe zu bringen, ihnen die im Verhältnis zu ihrer Natur denkbar höchste realistische Kraft der Erscheinung zu verleihen, ist vielmehr eine der wunderbarsten Aufserungen dichterischer Kraft : einem minder nach realistischer Erscheinungsweise der künstlerischen Gestalten strebenden Dichter wäre ein solches Meisterstück nicht gelungen. Die Wucht der künstlerischen Wirkung freilich wird nicht immer da liegen , wo die künstlerische Kraft auf der höchsten Stufe durchdachtester und feinstausgearbeiteter Vollendung sich offenbart : je unmittelbarer, je elementarer die Wirkung des Kunstwerks ist, desto packender wird sie sein. Je mehr Umwege der Künstler machen mufs , an je mehr Hilfskräfte er appellieren mufs , desto weniger wird die Wirkung unmittelbar erfolgen können, und es ist keine Frage, dafs in dem Mafse, in dem der Umweg Schwierigkeiten bereitet, die schliefslich eintretende Wirkung an frischer Kraft verlieren mufs. Nicht in der verminderten künstlerischen Gestaltungskraft, sondern in der Notwendigkeit, dem Miterleber solche Umwege zuzumuten, liegt der Grund, weshalb der sogenannte zweite Teil geringere unmittelbare Wirkung hervorruft : je vertrauter man sich mit diesen Umwegen macht, je weniger sie eine zeitweilige Hemmung bereiten, um so mehr wird man die hohen dichterischen Schönheiten würdigen können, die gerade hier in reichstem Mafse alles durchdringen, die aber freilich anderer Art sind, als die erschütternden Wirkungen der ohne Umweg in unser Herz dringenden Episodengestalten des sogenannten ersten Teiles. Gerecht wird man dem Dichter und der Dichtung aber erst dann, wenn man nicht nur die Schönheiten der Teile sucht, und sich dabei beruhigt, sondern wenn man von ihnen zu der Schönheit der Gesamtdichtung aufsteigt, zu der jeder Teil mit der ihm eigentümlichen Schönheit beiträgt, in der aber auch jeder Teil erst die volle Kraft seiner eigentümlichen Schönheit und Wirkung erfüllt. Dann wird man erkennen, dafs jeder Teil an seiner Stelle nicht nur sein Recht hat, sondern eben so sein mufs, wie er ist, damit die gewollte Gesamtwirkung erreicht wird ; dann zeigt es sich, wie wirklich das Einzelne zur allgemeinen Weihe gerufen wird, wo es in herrlichen Akkorden schlägt, und das Werk des Dichters bewundernd verehren wir zugleich »Des Menschen Kraft, im Dichter offenbart.«
Ende

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