> Gedichte und Zitate für alle: Wilhelm Bode: Goethes Lebenskunst: 10. Das Schaffen. (13)

2019-12-04

Wilhelm Bode: Goethes Lebenskunst: 10. Das Schaffen. (13)



10. Das Schaffen.

Freunde des Dichters müssen Christianen besonders dafür dankbar sein, daß sie seine Arbeitszeit und Schaffenskraft heilig hielt und an ihn gar keine Anforderungen stellte, sobald er nur einer geistigen Aufgabe leben wollte; die „Wirtschafterin“ war eben selbstloser oder verständiger als manche Geheimrätin. Goethe mußte sich oft gänzlich isolieren und selbst von Frau und Kind abschließen, wenn er etwas fertig bringen wollte. „Dem Gegenstande, der ihn beschäftigte, gehörte er jedesmal ganz an, identifizierte sich mit ihm nach allen Seiten, und wußte, während er irgend eine wichtige Aufgabe sich gesetzt, alles seinem Ideengang Fremdartige standhaft abzulehnen ...  Nicht immer jedoch gelang ihm jene augenblickliche Konzentration, und seiner übermächtigen Empfänglichkeit und Reizbarkeit wohl bewußt, griff er dann oft zu den extremsten Mitteln und schnitt plötzlich, wie im Belagerungszustande, alle Kommunikation nach außen gewaltsam ab. Kaum aber hat die Einsamkeit ihn von der Fülle anströmender Ideen entbunden, so erklärt er sich wieder befreit, neuen Interessen zugänglich, knüpft die früheren Fäden sorgsam an, und schwimmt und badet in frischen Elementen weit ausgebreiteten Daseins und Wissens, bis eine neue unbezwingliche Metamorphose ihn abermals zum Einsiedler umschafft.“

Gewöhnlich entwich Goethe auf Wochen oder Monate nach dem damals noch recht stillen Jena, seltener zog er ins Gartenhaus, wo ihn dann die Seinigen nicht stören durften. „Denn dabei bleibt es nun einmal: daß ich ohne absolute Einsamkeit nicht das mindeste hervorbringen kann. Die Stille des Gartens ist mir auch daher vorzüglich schätzbar.“ So schreibt er im August 1799 an Schiller, und drei Tage später heißt es schon wieder: „Denn in einer so absoluten Einsamkeit, wo man durch garnichts zerstreut und auf sich selbst gestellt ist, fühlt man erst recht und lernt begreifen, wie lang ein Tag sei.“ Wohl hatte Christiane oft große Sehnsucht nach ihm und die kurzen Besuche, die ihr gestattet waren, erschienen ihr als allzu seltene Festtage. Dann schrieb sie ihm wohl: 

„Es wird fieleicht mit den arbeyden Hier beser gehn als sond du kanns hier wie in Jena in bete dickdiren und ich will des Morchens nicht ehr zu dir komm biß du mich verlangst auch der Gustell soll Frühe nicht zu dir komm. Kom nur balt ...  Aber sie fügte sich auch willig, wenn er in seiner freundlichen Weise ihr meldete, daß die gesetzte Aufgabe noch nicht bewältigt sei, und unverdrossen sorgte sie dann, was sie an guten Speisen und Getränken für ihn den Botenweibern mitgeben könne. 

„Die Zeit war ihm das kostbarste Element, er wußte sie wie keiner zu nutzen, wahrhaft auszubeuten,“ erzählt der Kanzler v. Müller, und Goethe selbst berichtet in einem Briefe an Fritz v. Stein, Charlottens Sohn, sein altes Symbol „Tempus divitiae meae, tempus ager meus“  werde ihm immer wichtiger. Wenn andere Lhombre oder sonstige Spiele spielten, so hatte er nichts daran zu tadeln, aber ihm selbst war es nicht das rechte Mittel, sich zu zerstreuen und zu erfreuen. „Mich entschädigen in solchen Augenblicken manche wissenschaftliche Spiele wie Mineralogie und dergleichen.“  Selbst wenn er noch im Bette liegen wollte, begann er schon mit dem geistigen Schaffen. Da es ihn schmerzte, daß Schiller durch eine ungeschickte, ungesunde Lebensweise manche gute Stunde verlor, so gibt er ihm im Dezember 1796 einen Wink: „Ich muß Anstalt machen, meine Schlafstelle zu verändern, damit ich morgens vor Tage einige Stunden im Bett diktieren kann. Möchten Sie doch auch eine Art und Weise finden, die Zeit, die nur eigentlich höher organisierten Naturen kostbar ist, besser zu nutzen.“ Diese Kunst, die Zeit auszubeuten, erschien seinen Freunden immer erstaunlich, z. B. wenn sie erfuhren, wie er sich aus den anziehendsten Gesprächen mit dem
Großherzoge und dem Könige v. Bayern auf einige Augenblicke loszumachen wußte, weil ihm eben ein Gedanke für die Fortführung des „Faust“ eingefallen war, der ausgeschrieben werden mußte. „Wechsel der Thätigkeit,“ erzählt der Kanzler weiter, „war ihm die einzige Erholung, und wenn man aus seinen Tagebüchern, die er regelmäßig in zweien Abschnitten des Tages diktierte, ersieht, wie noch im höchsten Lebensalter er von frühster Morgenstunde an in ruhig abgemessener Folge sich einer Unzahl von litterarischen Arbeiten, brieflichen Mitteilungen, geschäftlichen Expeditionen, Prüfung und Beschauung von eingesendeten Produktionen und Kunstwerken, ernster und heiterer Lektüre der mannigfachsten Art gewidmet, so muß man es ihm hoch anrechnen, ja bewundern, daß er gleichwohl sich geneigt finden ließ, fast täglich einige Stunden besuchenden Fremden oder Einheimischen hinzugeben.“

Die große Ordnung, auf die er streng hielt, das Planvolle und Systematische in seinen Arbeiten war ein wichtiges Mittel, wodurch er sich vor Zeitverlust schützte. Jahre oder Jahrzehnte hindurch sammelte er Material für zukünftige Schriften. Als Knebel über Lukrez schrieb, beklagte es Goethe, daß der alte Freund keine Kollektionen, keine Akten darüber habe, darum sei es schwer, produktiv und positiv zu sein. „Da habe ich ganz anders gesammelt, Stöße von Exzerpten und Notizen über jeden Lieblingsgegenstand.“  Für jede Arbeit entwarf er ferner eine sorgfältige Disposition, überdachte die Hauptteile und Unterabteilungen, sammelte dann für die einzelnen Kapitel Thatsachen und Gedanken; so konnte er bald an diesem, bald an jenem Teile des Werkes schreiben, je nachdem er aufgelegt war, und so kamen ihm seine Vorarbeiten oft nach Jahrzehnten noch zu gute. „Bei dem vielen Zeug, das ich vorhabe, würde ich verzweifeln, wenn nicht die große Ordnung, in der ich meine Papiere halte, mich in den Stand setzte, zu jeder Stunde überall einzugreifen, jede Stunde in ihrer Art zu nutzen und eins nach dem andern vorwärts zu schieben.“ So schreibt er selber an Schiller im Mai 1798, und der Kanzler urteilte nach seinem Tode, seine Ordnungsliebe sei fast bis ins Unglaubliche gegangen. „Nicht nur daß alle eingegangenen Briefe und ebenso die Konzepte oder Kopien aller abgesendeten monatlich in gesonderte Bände geheftet und über einzelne Unternehmungen, z. B. selbst über jeden Maskenzug, den er anordnete, wieder eigne Aktenstücke gebildet wurden — er entwarf auch periodische Tabellen über die Ergebnisse seiner vielseitigen Tätigkeit, Studien und Fortschritte persönlicher oder innerer Verhältnisse, aus denen dann am Jahresschlusse wieder gedrängte Hauptübersichten zusammengestellt wurden.“ 

Selbst die Zeitungen, die er las, wurden aktenmäßig geheftet. Bei den ihm unterstellten Bibliotheken zu Weimar und Jena mußte jeder Angestellte ein sauber geschriebenes Tagebuch halten, worin Witterung, Besuche, Eingänge und Vorgänge jeder Art, sowie das am Tage Gearbeitete aufgezeichnet werden mußten. „So wird den Leuten erst lieb, was sie treiben, wenn sie es stets mit einer gewissen Wichtigkeit anzusehen gewohnten werden, stets in gespannter Aufmerksamkeit auch auf das Kleinste bleiben.“ 

Schnellen Erfolgen jagte Goethe nicht nach, auf Anerkennung konnte er warten und der Menge zu gefallen war nie sein Bestreben. So hielt er es z. B. bei den ihm unterstellten Sammlungen und Schulen in Weimar, Jena und Eisenach. „Es war keine geringe Aufgabe, mit den doch immerhin sehr beschränkten Mitteln, den Anforderungen fortschreitender Ausbildung auch nur einigermaßen Genüge zu thun. Es galt ein sorgsames Abwägen des Notwendigen, wahrhaft Gedeihlichen, ein standhaftes Ablehnen des nur scheinbar Nützlichen, bloß der augenblicklichen Neigung Zusagenden. Goethe ging, wie bei seinen eigenen Kunstsammlungen, von der Maxime aus, lieber aus kleinen Anfängen jedes Institut sich folgerecht entwickeln, allmählich heranwachsen und ausbilden zu lassen, als mit unverhältnismäßiger Anstrengung von vornherein nach dem Imposanten streben, ein Ausgezeichnetes gleichsam improvisieren zu wollen. Nicht um den äußern Schein und Prunk, sondern darum war es ihm zu thun, daß es in jedem Fache nicht an Gelegenheit und zweckmäßiger Anleitung zu stufenweiser Fortbildung fehle, daß in jungen aufstrebenden Männern Sinn und Geschick erweckt und befestigt werde, auf individuell zusagender Bahn frisch und kräftig vorzuschreiten.“ 

Oft hat er die „Folge“, d. h. die Beständigkeit und Konsequenz im Arbeiten, gerühmt: sie könne auch vom kleinsten angewendet werden, sie verfehle ihr Ziel selten, da ihre stille Macht im Laufe der Zeit unaufhaltsam wachse; wo man nicht mit Folge wirken könne, sei es geratener, garnicht anzufangen. Er legte darum großen Wert darauf, daß man ihn als treuen Arbeiter schätze und nicht etwa seiner Genialität zuschreibe, was er durch Fleiß erworben. So bemerkte er im Alter, daß namentlich im Auslande die Ansicht verbreitet sei, er, der Poet, habe sich einen Augenblick von seinem Wege ab und der Botanik zugewendet, und sogleich hochbedeutende Entdeckungen über die Gesetze der Pflanzenbildung gemacht. Da verfaßte er alsbald einen Aufsatz, in dem er ausführte, wie viele Jahre er Botanik studiert habe und daß es dem wissenschaftlichen Bestreben schädlich sei, wenn man einen falschen Glauben an Geistesblitze von Dilettanten verbreite. „Nicht also durch eine außerordentliche Gabe des Geistes, nicht durch eine momentane Inspiration, noch unvermutet und auf einmal, sondern durch folgerechtes Bemühen bin ich endlich zu einem so erfreulichen Resultate gelangt.“ 

Auch in kleinen und äußerlichen Dingen zwang Goethe sich und andere zum langsamen, sorgfältigen Arbeiten. „Jeder schriftliche Erlaß, das kleinste Einladungsbillet mußte auf das reinlichste und zierlichste geschrieben, gefaltet, besiegelt werden. Alles Unsymmetrische, der geringste Fleck oder falsche Strich war ihm unausstehlich.“ Seine Sorgfalt sehen wir recht schön auch darin, daß er sich in Briefen vor allen gedankenlosen Formeln hütete; lieber antwortete er garnicht, als daß er übliche Redensarten schnell hinschrieb. Niemals finden wir: „mit herzlichem Gruße Ihr ergebener ...“ sondern das eine Mal schließt er: „Wohlbefinden und Freude!“, das andere Mal: „Alles Gute wünschend“, das dritte Mal: „Das schönste Lebewohl!“, dann: „Den freundlichsten guten Abend“ oder „Leben Sie wohl und gedenken Sie mein“, oder „Treu anhänglich“ oder „Der ich mich recht von Herzen auf ein baldiges Wiedersehen freue“ u. s. w. 

Goethe hat eine unglaubliche Zahl von Briefen geschrieben und diktiert, aber er hat wohl noch mehr Zuschriften unbeantwortet gelassen. „Phrasen mögen wir nicht machen,“ war seine Erklärung.  Er erzählte selber  wie er zu seinem Grundsatze gekommen. Dalberg , der spätere Kurfürst von Mainz und Großherzog von Frankfurt, war ihm als Statthalter im nahen Erfurt gut bekannt, und schon damals hatte Dalberg unter einem entsetzlichen Zudrang von litterarischen Zusendungen zu leiden. „Nun besaß er zwar ausgebreitete Kenntnisse, um solchen Fällen genug zu thun, aber wo hätte er Zeit und Besinnung hergenommen, um einem Jeden vollkommene Gerechtigkeit widerfahren zu lassen? Er hatte sich daher einen gewissen Stil angewöhnt, wodurch er die Leerheit seiner Antworten verschleierte und jedem etwas Bedeutendes zu sagen schien, indem er etwas Freundliches sagte. Es müssen dergleichen Briefe noch zu Hunderten herumliegen. Ich war von solchen Erwiderungen öfters Zeuge, wir scherzten darüber, und da ich eine unbedingte Wahrheitsliebe gegen mich und andere zu behaupten trachtete, so schwur ich mir hoch und teuer, in gleichem Falle, mit dem mich meine damalige Zelebrität schon bedrohte, mich niemals hinzugeben, indem sich dadurch denn doch zuletzt alles reine, wahrhafte Verhältnis zu den Mitlebenden auflösen und zerstieben muß. Daher folgt denn, daß ich von jeher seltener antwortete, und dabei bleibts denn auch jetzt in höheren Jahren, aus einer doppelten Ursache: keine leeren Briefe mag ich schreiben, und bedeutende führen mich ab von meinen nächsten Pflichten und nehmen mir zuviel Zeit weg.“

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Wie schon angedeutet ist, preßte Goethe trotz seines Fleißes keine bestimmte Arbeit aus sich heraus; er suchte nicht sich in die nötige Verfassung aufzupeitschen, sondern grundsätzlich that er immer das, wofür jetzt gerade die gute Stunde, Lust und Liebe da war. Wenigstens für die höheren geistigen Arbeiten, für das Dichten und Forschen, galt ihm diese Regel. Oft sah er Wochen und Monate hingehen, ohne daß die angefangenen Gedichte vorwärts rückten, und geduldig wartete er auf bessere Zeit. „Ich fürchtete, die Musen niemals wieder zu sehen,“ schreibt er 1798 an Schiller, „wenn man nicht aus Erfahrung wüßte, daß diese gutherzigen Mädchen selbst das Stündchen abpassen, um ihren Freunden mit immer gleicher Liebe zu begegnen.“ Das war wieder eine leise Mahnung an den Bundesgenossen, der es anders hielt. Der Gedanke, daß man ohne Neigung nichts Tüchtiges hervorbringen kann, läßt sich auch dahin erweitern, daß wir uns bemühen sollen, die Vorgesetzte Arbeit zu lieben; zuweilen kann man das ja erreichen. In einem Briefe an Selter  spricht Goethe von einer neuen Bühnenbearbeitung des „Götz“: „Ich begriff nicht, warum ich seit einem Jahre in dieser Arbeit penelopeisch verfuhr, und, was ich gewoben hatte, immer wieder aufdröselte. Da las ich in Ihrem Aufsatz: was man nicht liebt, kann man nicht machen . Da ging mir ein Licht auf, und ich sah recht gut ein, daß ich die Arbeit bisher als ein Geschäft behandelt hatte, das eben auch so mit andern weggethan sein sollte, und deswegen war es auch geschehen wie's gethan war, und hatte keine Dauer. Nun wendete ich mehr Aufmerksamkeit und Neigung mit mehr Sammlung auf diesen Gegenstand, und so wird das Werk, ich will nicht sagen gut, aber doch fertig.“ 

Manche Dichter brauchen starken Kaffee oder Wein, um die Stimmung zu erzwingen. Er spottete gegen Schiller über Jean Paul, der nur Kaffee zu trinken brauche, „um so gerade von heiler Haut Sachen zu schreiben, worüber die Christenheit sich entzückte,“  und wenn er um dieselbe Zeit von sich selber sagte, er könne sechs Monate seine Arbeit voraussagen, weil er sich durch eine gescheidte leibliche Diät vorbereite, so war das kein Selbstlob, sondern eine verhüllte Mahnung an den Zuhörer, nämlich eben an Jean Paul: er möge doch seine Lebensweise in puncto Essen und Trinken einer nötigen Prüfung unterziehen. Ausführlich behandelte Goethe dieses wichtige Thema der Reizmittel zu geistiger Arbeit im März 1828 in einem Gespräche mit Eckermann. Dieser fragte: „Gibt es denn kein Mittel, um eine produktive Stimmung hervorzubringen oder zu steigern?“ Und Goethe erwiderte: „Jede Produktivität höchster Art, jeder große Gedanke, der Früchte bringt und Folgen hat, steht in niemandes Gewalt und ist über aller irdischen Macht erhaben. Dergleichen hat der Mensch als unverhoffte Geschenke von oben, als reine Kinder Gottes zu betrachten, die er mit freudigem Danke zu empfangen und zu verehren hat. Es ist dem Dämonischen verwandt, das übermächtig mit ihm thut wie es beliebt, und dem er sich bewußtlos hingibt, während er glaubt, er handle aus eigenem Antriebe. In solchen Fällen ist der Mensch oftmals als ein Werkzeug einer höheren Weltregierung zu betrachten, als ein würdig befundenes Gefäß zur Aufnahme eines göttlichen Einflusses.“ — — 

„Sodann aber gibt es eine Produktivität anderer Art, die schon eher irdischen Einflüssen unterworfen ist und die der Mensch schon mehr in seiner Gewalt hat, obgleich er auch hier noch sich vor etwas Göttlichem zu beugen Ursache findet. In diese Region zähle ich alles zur Ausführung eines Plans Gehörige, alle Mittelglieder einer Gedankenkette, deren Endpunkte bereits leuchtend dastehen; ich zähle dahin alles dasjenige, was den sichtbaren Leib und Körper eines Kunstwerks ausmacht.“ 

Goethe zeigte nun diesen Unterschied der mehr göttlichen und der mehr menschlichen Produktivität am „Hamlet“; gerade dessen Dichter machte ihm so recht den Eindruck eines gesunden, vollkräftigen Menschen, der jederzeit eine frühere geniale Eingebung im Einzelnen und Kleinen verwerten konnte. Dann schienen seine Gedanken von Shakespeare auf Schiller überzufließen.

„Gesetzt aber, eines dramatischen Dichters körperliche Konstitution wäre nicht so fest und vortrefflich, und er wäre vielmehr häufigen Kränklichkeiten und Schwächlichkeiten unterworfen, so würde die zur täglichen Ausführung seiner Scenen nötige Produktivität sicher sehr häufig stocken und oft wohl tagelang gänzlich mangeln. Wollte er nun etwa durch geistige Getränke die mangelnde Produktivität herbeinötigen und die unzulängliche dadurch steigern, so würde das allenfalls auch wohl angehn, allein man würde es allen Scenen, die er auf solche Weise gewissermaßen forciert hätte, zu ihrem großen Nachteil anmerken. Mein Rat ist daher, nichts zu forcieren und alle unproduktiven Tage und Stunden lieber zu vertändeln und zu verschlafen, als in solchen Tagen etwas machen zu wollen, woran man später keine Freude hat.“ 

Eckermann warf ein, daß er vom Weine doch eine bessere Meinung habe, mindestens führe sein Genuß zu Entschlüssen, und das sei doch auch eine Art Produktivität. Da mußte Goethe an seine Verse im „Divan“ denken: „Wenn man getrunken hat, weiß man das Rechte,“ aber sogleich kam er doch auf die wahren, großen Ernährer des Geistes zu sprechen. 

„Es liegen im Wein allerdings produktivmachende Kräfte sehr bedeutender Art; aber es kommt dabei alles auf Zustände und Stunde an, und was dem einen nützt, schadet dem andern. Es liegen ferner produktivmachende Kräfte in der Ruhe und im Schlaf ; sie liegen aber auch in der Bewegung . Es liegen solche Kräfte im Wasser und ganz besonders in der Atmosphäre . Die frische Luft des freien Feldes ist der eigentliche Ort, wo wir hingehören , es ist, als ob der Geist Gottes dort den Menschen unmittelbar anwehte und eine göttliche Kraft ihren Einfluß ausübte. Lord Byron, der täglich mehrere Stunden im Freien lebte, bald zu Pferde am Strande des Meeres reitend, bald im Boote segelnd oder rudernd, dann sich im Meere badend und seine Körperkraft im Schwimmen übend, war einer der produktivsten Menschen, die je gelebt haben.“ 

Ein andermal tadelte Goethe seines großen Freundes Arbeitsart noch schärfer.  „Schiller hat nie viel getrunken, er war sehr mäßig; aber in solchen Augenblicken körperlicher Schwäche suchte er seine Kräfte durch etwas Likör oder ähnliches Spirituoses zu steigern. Dies aber zehrte an seiner Gesundheit und war auch den Produktionen selbst schädlich. Denn was gescheidte Köpfe an seinen Sachen aussetzen, leite ich aus dieser Quelle her. Alle solche Stellen, von denen sie sagen, daß sie nicht just sind, möchte ich pathologische Stellen nennen, indem er sie nämlich an solchen Tagen geschrieben hat, wo es ihm an Kräften fehlte, um die rechten und wahren Motive zu finden.“ 

Daß Goethe das Diktieren liebte, um nicht sitzen zu müssen, ist schon erzählt. In seinem Tagebuche steht 1780: „Was ich Gutes finde in Überlegungen, Gedanken, ja sogar Ausdruck, kommt mir meist im Gehen. Sitzend bin ich zu nichts aufgelegt, darum das Diktieren weiter zu treiben.“ Auch wissen wir, wie fleißig er Bewegung in Feld und Wald suchte, um dort gute Gedanken aus der Höhe zu empfangen. 

Und noch eine andere Quelle der Inspiration kannte er: die Anregung, die von außen an unsere Thür klopft, der Wunsch von lieben Bekannten, ein Ereignis, ein Fest. „Die Gelegenheiten sind die wahren Musen,“ sagte er 1821 zum Kanzler, „sie rütteln uns auf aus Träumereien und man muß es ihnen durchaus danken ... Was thut man denn Bedeutendes, ohne durch einzelnen Anlaß aufgeregt zu sein?“ Wie sehr Goethe Gelegenheitsdichter war, ist von ihm selber zuerst hervorgehoben. Ebenso wissen wir, daß seine Freundschaften auch Arbeitsgenossenschaften waren. Zu Eckermann sagte er 1830: „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei, und besonders nicht, daß er allein arbeite; vielmehr bedarf er der Teilnahme und Anregung, wenn etwas gelingen soll. Ich verdanke Schillern die „Achilleis“ und viele meiner Balladen, wozu er mich getrieben. Sie können es sich zurechnen, wenn ich den zweiten Teil des „Faust“ zustande bringe.“

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Goethe suchte seine Arbeitsleistung namentlich auch dadurch zu steigern, daß er Schädlichkeitsquellen vermied. Und dabei dachte er nicht bloß an Getränke, die einen schweren Kopf hinterlassen, oder an langes Aufbleiben und dergleichen. Er hütete sich auch, wenigstens in alten Tagen, vor allen häßlichen, peinlichen, verwirrenden Eindrücken. Da er nun einmal von nervöser Empfindlichkeit war, so schonte er sich demgemäß. In Tollhäuser, die jammervollen Vorläufer unserer heutigen Anstalten für Geisteskranke, konnte ihn auch sein Herzog nicht einzutreten bewegen. Ebenso ging er den Leichen aus dem Wege. „Warum“ —sagte er bei Wielands Tode zu Falk — „warum soll ich mir die lieblichen Eindrücke von den Gesichtszügen meiner Freunde und Freundinnen durch die Entstellungen einer Maske zerstören lassen? Es wird ja dadurch etwas Fremdartiges, ja völlig Unwahres meiner Einbildungskraft aufgedrungen. Ich habe mich wohl in acht genommen, weder Herder, Schiller, noch die verwitwete Frau Herzogin Amalia im Sarge zu sehen. Der Tod ist ein sehr mittelmäßiger Porträtmaler. Ich will ein seelenvolleres Bild als seine Masken von meinen Freunden im Gedächtnis aufbewahren.“ Auch auf Bildern ließ er sich nichts Widerliches bieten. Sie sollten ihm Angenehmes sagen und ihn nicht an die Anatomie oder den Schindanger erinnern. Vor frommen Bildern hatte er auch deshalb Scheu, weil sie so oft Menschenquälerei darstellen. 

Ebenso schonte er seine Phantasie gegen die verwirrenden Eindrücke der Karikaturen. So wollte er im Alter keine Spottbilder auf Napoleon sehen. „Ich darf mir dergleichen widrige Eindrücke nicht erlauben, denn in meinem Alter stellt sich das Gemüt, wenn es angegriffen wird, nicht so schnell wieder her wie bei euch Jüngeren.“ Als seine Schwiegertochter bei einem Sturze sich das Gesicht zerschunden hatte, sah er sie nicht, bis sie wieder hergestellt war. 

Der Karikatur nahe verwandt ist der Tagesklatsch, und auch dadurch ließ er sich seine Zeit nicht rauben und seine Stimmung nicht verderben. Er sprach lieber über Menschen früherer Jahrhunderte oder ferner Länder, als über Nachbarn und Bekannte. Namentlich war die chronique scandaleuse an ihm verloren. Als der Kanzler ihm einmal eine Bosheit über einen gemeinsamen Bekannten wieder erzählte, fuhr er auf: „Durch solche böswilligen und indiskreten Dichteleien macht man sich nur Feinde und verbittert Laune und Existenz sich selbst. Ich wollte mich doch lieber aufhängen, als ewig negieren, ewig in der Opposition sein, ewig schußfertig auf die Mängel und Gebrechen meiner Mitlebenden, Nächstlebenden lauern. Ihr seid noch gewaltig jung und leichtsinnig, wenn ihr so
etwas billigen könnt.“ Noch deutlicher wurde er einmal, als Jenny v. Pappenheim bei ihm zu Tische war und eine Klatscherei zum Vorschein kam. „Euren Schmutz kehrt bei euch zusammen, aber bringt ihn nicht mir ins Haus!“ rief er mit dröhnender Stimme. 

 Ungefähr so hielt er es auch mit dem politischen Klatsch. Oft verbannte er alle Tagesblätter auf Monate wegen ihrer Fabeleien oder Nörgeleien. Nicht selten war er in die politischen Vorgänge durch seine Stellung oder seine Freunde besser eingeweiht, als die Berichterstatter dieser Blätter, und dann entrüstete er sich über ihr leichtfertiges Umspringen mit Menschen und Dingen. Immer aber fürchtete er Zeit- und Stimmungsräuber in ihnen. An Zelter schreibt er einmal: „Es fällt einem doch mitunter auf, daß man durch die Kenntnis dessen, was der Tag bringt, nicht klüger und nicht besser wird. Dieses ist von größter Wichtigkeit. Denn genau besehen, ist es von Privatleuten doch nur eine Philisterei, wenn wir demjenigen zuviel Anteil schenken, worin wir nicht wirken können ... Also wollen wir uns nicht mit Allotrien beschäftigen.“ 

Im Jahre 1831 machte er sich den Spaß, eine Zeitung von 1826 gebunden zu lesen. Bei solcher Wiederholung wird „für den Menschen, der sich in den Kreis seiner Thätigkeit zurückzieht,“ erst recht klar, „daß man durch diese Tagesblätter zum Narren gehalten wurde, und daß weder für uns, noch für die Unsrigen, besonders im Sinn einer höheren Bildung, daher auch nicht das Mindeste abzuleiten war.“

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Die Solidität und Gewissenhaftigkeit, die wir an Goethes Arbeit immer wieder wahrnehmen, bedeutet sehr oft auch Begrenzung der schönsten Vorsätze und Ideale, Verzicht auf manchen genialen Traum. 

Vergebens werden ungebundne Geister 
Nach der Vollendung reiner Höhe streben. 
Wer Großes will, muß sich zusammenraffen; 
In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister, 
Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben. 

Wir staunen, wieviel Goethe als Dichter, Gelehrter, Staatsmann ausgeführt hat, aber es ließe sich leicht beweisen, daß er noch viel mehr Pläne nur ausgedacht und begonnen hat, daß er viele seiner besten Einfälle absterben ließ, um die übernommenen Pflichten getreulich zu erfüllen. Als Dichter hat er uns von groß angelegten Werken mehr Anfänge hinterlassen als fertige Stücke. Als Staatsmann dachte auch er sich große soziale oder wirtschaftliche oder pädagogische Verbesserungen aus, in praxi aber widmete er dann seine Stunden einem Wegebau, einer Flußkorrektion, einer militärischen Aushebung, einer Verbesserung der Universitätsbibliothek oder was sonst gethan werden mußte. So trug er die Last des Tages, statt den großen Reformator zu spielen. In seinem größten Werke hat er uns gestanden, was ihm als das befriedigendste Menschenwerk erschien: wie der große Quäker William Penn als Kolonisator auf jungfräulichem Boden ein neues Gemeinwesen schaffen, „auf freiem Grund mit freiem Volke stehn!“ — „Wären wir zwanzig Jahre jünger!“ sprach er dann wohl zu Meyer, wenn ihn solche Tagesträume beschlichen, und wandte sich wieder der Arbeit zu, die das größte Recht auf ihn hatte.

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