> Gedichte und Zitate für alle: Wilhelm Bode: Goethes Lebenskunst: 11. Ein Lehrer des Lernens. (14)

2019-12-04

Wilhelm Bode: Goethes Lebenskunst: 11. Ein Lehrer des Lernens. (14)



11. Ein Lehrer des Lernens.


Als Lehrer verdient Goethe unsere besondere Aufmerksamkeit, einmal, weil die Früchte seines Studiums eine Bereicherung unseres geistigen Nationalschatzes geworden sind, und sodann, weil wir kein größeres Vorbild des Lernens kennen. Als gemeinnützig schien auch ihm schon seine eigene Ausbildung, obwohl er keine wohltätige Absicht dabei hatte. Wenn der Ofen geheizt wird, erwärmt er das Zimmer; was der Schriftsteller lernt, wird alsbald weitergegeben. „Ich habe immer nur dahin getrachtet, mich selbst einsichtiger und besser zu machen, den Gehalt meiner eigenen Persönlichkeit zu steigern und dann immer nur auszusprechen, was ich als gut und wahr erkannt hatte.“ So sprach er zu Eckermann, und er konnte hinzufügen: „Dieses hat freilich, wie ich nicht leugnen will, in einem großen Kreise gewirkt und genützt, aber es war nicht Zweck, sondern ganz notwendige Folge.“ 

Alles rechte Lernen beginnt mit dem Verlangen nach Belehrung. Goethe ermahnte sich und andere zwar immer wieder, nur an dem Interesse zu nehmen, worin man praktisch etwas leisten könne, aber es lag doch in seiner innersten Natur, daß er an allen Dingen der Welt teilnehmen mußte. Oft haben sich seine Gäste gewundert, daß gar nichts Menschliches ihm langweilig schien. Als der Berliner Parthey bei ihm zu Tische war und von seinen Orientreisen sprach, da wollten die andern nur pikante Leckerbissen von ihm hören, abenteuerliche und rührende Anekdoten, aber der alte Meister wehrte sie ab, und Parthey mußte ihm drei Tage hindurch seine ganze Reise Schritt für Schritt schildern. Der Kanzler stellte Goethen einmal einen Engländer vor, der früher Gouverneur von Jamaika gewesen war; sofort entstand die lebhafteste Unterhaltung, die mehrere Stunden dauerte, und in Goethes Tagebuche steht an jenem Tage: „Sehr erfreut der Bekanntschaft mit Lord und Lady ... sie gab mir erwünschte Gelegenheit, meine Kenntnisse der Zustände von Jamaika ziemlich vollständig zu rekapitulieren.“ Eibayrischer Verwaltungsbeamter kam, um sich den berühmten alten Herrn zu besehn; seine Neugier ward bestraft, indem er sich über die bayrischen Feuerlösch-Ordnungen bis in die kleinsten Einzelheiten ausfragen lassen mußte. So ging es allen Gästen, bei denen Goethe ein besonderes Wissen oder Können vermutete. Der schon erwähnte Architekt Wilhelm Zahn hat uns recht lebendig geschildert, wie man Goethe erobern konnte. Er kam 1827 nach Weimar mit den schreckhaftesten Vorstellungen über des Dichters Unzugänglichkeit; trotzdem wagte er sich in das Haus. 

„Auf dem Flure trat mir ein Diener entgegen, dem ich meinen Namen nannte: „Zahn, Maler und Architekt.“ „Maler und Architekt!“ wiederholte mechanisch der Diener, indem er mich zweifelhaft musterte. „Sagen Sie Sr. Excellenz: Aus Italien kommend.“ „Aus Italien kommend,“ wiederholte jener und entfernte sich, worauf er alsbald zurückkehrte und mich bat, ihm zu folgen.“ Bald saß Zahn dem Gefürchteten gegenüber. „Waren also in Italien?“ — „Drei Jahre, Excellenz.“ „Haben vielleicht auch die unterirdischen Stätten bei Neapel besucht?“ „Das war der eigentliche Zweck meiner Reise. Ich hatte mich in einem antiken Hause zu Pompeji behaglich eingerichtet, und während zweier Sommer geschahen alle Ausgrabungen unter meinen Augen.“ — „Freut mich! Höre das gern,“ sagte Goethe, der eine gedrungene Redeweise liebte und gern die Pronomina wegließ. Er rückte mit seinem Stuhle mir näher und fuhr dann lebhaft fort: „Habe den Akademien zu Wien und Berlin mehrere Male geraten, junge Künstler zum Studium der antiken Malereien nach jenen unterirdischen Herrlichkeiten zu schicken; um so schöner, wenn Sie das auf eigene Hand getan. Ja, ja! das Antike muß jedem Künstler das Vorbild bleiben. — Doch vergessen wir das Beste nicht! Haben wohl einige Zeichnungen in Ihrem Reisekoffer?“ „Ich habe die schönsten der antiken Wandgemälde meist gleich nach der Entdeckung durchgezeichnet und farbig nachzubilden gesucht. Wünschen Excellenz vielleicht einige davon zu  sehen?“ „O gewiß, gewiß!“ fiel Goethe ein, „mit freudigem Danke. Kommen Sie nur zum Essen wieder. Speise gegen zwei Uhr. Werden noch einige Kunstfreunde finden. Sehne mich ordentlich nach Ihren Bildern. Auf Wiedersehen, mein junger Freund!“ — 

Für die Musik war Goethe weniger begabt als für die übrigen Künste, und es war ihm in seinen bildsamsten Zeiten nicht vergönnt, sie nach seiner Weise zu erfassen; d. h. er konnte nicht als Freund eines Komponisten ihr Entstehen belauschen; selbst den Übungen einer tüchtigen Kapelle oder eines Gesangvereins hätte er erst als Greis lernend beiwohnen können, da von der musikalischen Sündflut unserer Zeit zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts erst spärliche Anläufe da waren. 136 Aber auch da ergriff er jede Gelegenheit, sich zu bilden. Er richtete sich während der napoleonischen Zeit ein eigenes bescheidenes Singechor  ein, das freilich nicht oft über vier Stimmen hinausging; von ihm hörte er mit seinen Hausgenossen jeden Sonntag Morgen geistliche Lieder und Motetten. Eberwein, nach dessen Melodie wir heute noch das „Ergo bibamus“ singen, leitete es. Als Goethe im Winter 1818 auf 19 drei Wochen in Berka zubrachte, mußte ihm der Inspektor Schütz dort täglich drei bis vier Stunden vorspielen und zwar in historischer Reihenfolge Sebastian Bach bis zu Beethoven durch Philipp Emanuel Bach, Händel, Haydn, Mozart, auch Dusseck und dergleichen mehr. Zugleich studierte er Marpergers „vollkommenen Kapellmeister“. Und noch, als den Achtzigjährigen das Spiel des jungen Felix Mendelssohn entzückte, mußte ihm der Knabe die ganze Entwicklung der Musik vordozieren und vorspielen. „Und da sitzt er in einer dunkeln Ecke wie ein Jupiter tonans und blitzt mit den alten Augen.“ — 

So hielt er es in allem. Fuhr er mit Eckermann spazieren, so mußte dieser ihm lange Vorträge über die Lebensweise seiner geliebten Vögel halten, und im Garten nahmen sie einmal die ganze Lehre vom Bogenbau und Bogenschießen sehr gründlich durch, wobei der Sechsundsiebzigjähri ge auch dieser Übung noch Herr zu werden suchte. „Goethe schob die Kerbe des Pfeils in die Senne, auch faßte er den Bogen richtig, doch dauerte es ein Weilchen, bis er damit zurecht kam. Nun zielte er nach oben und zog die Senne. Er stand da wie ein Apoll, mit unverwüstlicher innerer Jugend, doch alt an Körper.“  Schon als Student schaute er auf seinen Wanderungen nicht bloß nach schönen Mädchen und guten Weinen aus, sondern kümmerte sich recht sorgsam z. B. um den Gewerbefleiß an der Saar oder die Altertümer bei Niederbronn. Im Alter schreibt er einmal an seinen August, er treibe in Böhmen seinen alten Spaß noch immer fort, in jeder Mühle nachzufragen, wo sie ihre Mühlsteine hernehmen. So bekam er nämlich eine schnellere Übersicht über die Geologie der Gegend, als der Laie vermutet. Und an jedem Orte fragte er nach kundigen Leuten, die ihn belehren konnten. Jena liebte er auch darum, weil er dort so viele kenntnisreiche Männer fand. An die dortigen Professoren dachte er besonders, als er 1818 zum Kanzler v. Müller und zur Julie v. Egloffstein sagte: „Sehet, liebe Kinder, was wäre ich denn, wenn ich nicht immer mit klugen Leuten umgegangen wäre und von ihnen gelernt hätte? Nicht aus Büchern, sondern durch lebendigen Ideenaustausch, durch heitere Geselligkeit müßt ihr lernen.“ Er selber lernte freilich auch aus Büchern, und will hier im Ernste nichts gegen Bücher sagen; nur zog er eigene Anschauung und mündliches Ausfragen vor. Und da nahm er als Lehrer nicht nur Männer an wie die Humboldts, Schiller, Friedrich August Wolf, Voß, Fichte, Schelling, sondern der schlichteste Bergmann oder Seidenweber oder Hafenarbeiter oder Gärtner war ihm ebenso recht. Und wenn so ein Mann aus dem Volke bescheiden meinte, daß er mit seinen einfältigen Worten den berühmten Herrn nicht aufhalten dürfe, antwortete er: „Erzählen Sie! es gibt nichts Unbedeutendes in der Welt. Es kommt nur auf die Anschauungsweise an.“

Einmal machte er ein halbes Kind zu seinem Lehrer. In Ziegenhain bei Jena zeichnete sich nämlich eine Familie Dietrich durch botanische Kenntnisse aus, sie sammelte Arzneikräuter und besorgte die für die botanischen Vorträge in Jena nötigen Pflanzen. Den jüngsten dieser bäurischen Fachgelehrten nahm Goethe 1785 nach Karlsbad mit; schon unterwegs brachte der Jüngling mit eifrigem Spürsinn alles Blühende zusammen und reichte es Goethen in den Wagen, „dabei nach Art eines Herolds die Linnéischen Bezeichnungen, Geschlecht und Art mit froher Überzeugung, manchmal wohl mit falscher Betonung“ ausrufend.  In Karlsbad war der Knabe schon mit Sonnenaufgang im Gebirge und, ehe Goethe noch seine Becherzahl geleert hatte, war er mit seinem Bündel am Brunnen, und manche Kurgäste nahmen neben dem Dichter an dem seltsamen Unterrichte teil. „Sie sahen ihre Kenntnisse auf das anmutigste angeregt, wenn ein schmucker Landknabe im kurzen Westchen daherlief, große Bündel von Kräutern und Blumen vorweisend, sie alle mit Namen, griechischen, lateinischen, barbarischen Ursprungs bezeichnend.“ Der junge Mensch studierte später und stand in Goethes alten Tagen den großherzoglichen Gärten in Eisenach mit Eifer und Ehre vor. 

Dieselbe Aufmerksamkeit, die Goethe für das Lehrreiche in den Menschen hatte, brachte er der Natur entgegen. Die Wolke am Himmel, das Tier am Wege, die Form des Berges, der Lichtschein durch ein Glas: nichts entging seinem lernbegierigen Geiste. Er konnte mit einem Freunde über Land fahren und plötzlich halten lassen. „Ei, wo kommst denn du hieher?“ redete er dann wohl einen Stein an, und der nächste Bauer mußte ihm sagen, wo mehr solche Steine zu finden seien. Als er 1785 nach Karlsbad fuhr, achtete er, wie eben erzählt ist, besonders auf Pflanzen, und da entging ihm im Fichtelgebirge der Sonnentau (Drosera rotundifolia) nicht und er beobachtete, wie die Blätter ihre Purpurhaare, wenn ein Insekt darauf kommt, zusammenlegen und das Insekt töten. Diese Tatsache ist später erst durch Darwin wieder entdeckt. Im Sommer 1802 fiel ihm auf, daß in jenem Jahre die Wolfsmilchraupe besonders häufig und kräftig ausgebildet war, und sofort studierte er an vielen Exemplaren ihr Wachstum, sowie den Übergang zur Puppe. „Auch hier ward ich mancher trivialen Vorstellungen und Begriffe los,“ notiert er in seinen Annalen. Als er 1790 einmal auf den Dünen des Lido, welche die venetianischen Lagunen vom Adriatischen Meere trennen, spazieren ging, wurde seine Aufmerksamkeit auf einen geborstenen Schafschädel gelenkt, der im Sande lag. Und dieser Schädel wurde durch Goethes Aufmerksamkeit historisch, denn er war so glücklich gespalten, daß er seinem Beschauer nicht allein die von ihm schon früher vermutete Wahrheit, daß die sämtlichen Schädelknochen aus verwandelten Wirbelknochen entstanden seien, bestätigte, sondern er stellte ihm auch den Übergang innerlich ungeformter organischer Massen durch Aufschluß nach außen zu fortschreitender Veredelung, höchster Bildung und Entwickelung in die vorzüglichsten Sinneswerkzeuge vor Augen.  So wurde Goethe ein großer Entdecker. Er selber hat uns anmutig erzählt, wie er zu seinen botanischen Studien kam: mit Abendgesprächen nach den Jagden im Thüringer Walde fing es an, der Verkehr mit einem weimarischen Apotheker Dr. Buchholz und die Garten- und Parkanlagen des Herzogs reizten zur Fortsetzung, die Lektüre Linnés und Rousseaus erregten Widerspruch oder Zustimmung, und so ging es weiter, bis der Dichter eigene große Wahrheiten den gelehrten Botanikern, die ihn mißtrauisch in ihr Fach eindringen sahen, verkünden konnte und bis keiner von ihnen an seiner „Metamorphose der Pflanzen“ mehr vorübergehen durfte. Er erwähnt in der Geschichte seines botanischen Studiums ein vorzügliches Mittel, die uns so sehr belehrende Aufmerksamkeit zu steigern: das Reisen. Unsere gewöhnliche Umgebung sehen wir fast gar nicht mehr, sie reizt uns wenig zum Nachdenken, die wunderbarsten Dinge erscheinen uns gemein und trivial, wenn wir sie täglich haben: „Dagegen finden wir, daß neue Gegenstände in auffallender

Mannigfaltigkeit, indem sie den Geist erregen, uns erfahren lassen, daß wir eines reinen Enthusiasmus fähig find; sie deuten auf ein Höheres, welches zu erlangen uns wohl gegönnt sein dürfte. Dies ist der eigentlichste Gewinn der Reisen, und jeder hat nach seiner Art und Weise genügsamen Vorteil davon. Das Bekannte wird neu durch unerwartete Bezüge und erregt, mit neuen Gegenständen verknüpft, Aufmerksamkeit, Nachdenken und Urteil.“ So erging es Goethen in Italien. Schon in den Alpen fiel ihm die Pflanzenwelt mehr auf als daheim und im botanischen Garten zu Padua sprach eine Fächerpalme deutlicher zu ihm als die heimische Birke etwa vermocht hätte. Und nun ließ ihn im Süden die Pflanzenwelt nicht wieder los, obwohl er doch nicht ihretwegen gekommen war. 

Das Beobachten unterwegs hat Goethe zu einer wahren Kunst ausgebildet. Er schalt wohl zuweilen auf das Reisen, weil es so sehr zerstreue und verwirre, neue Bedürfnisse errege und andere Fragen beantworte, als man stelle, aber er verstand es doch, vielerlei mit nach Haus zu bringen. Er legte sich stets Aktenfaszikel an, in denen er neben seinen eigenen Notizen Zeitungen, Theaterzettel, Preislisten der Märkte, Rechnungen der Gasthöfe und dergleichen zusammentrug. Sein Auge war auf das Sehen des Charakteristischen außerordentlich eingeübt, weil er sich sein ganzes Leben des Zeichnens befleißigte, auch nachdem er den Glauben an hervorragende Leistungen darin aufgegeben hatte. Er konnte sein Landschaften-Zeichnen wohl als einen bloßen Zeitvertreib entschuldigen, das für ihn dasselbe sei wie für andere das Tabakrauchen,  aber zu anderen Zeiten rühmte er es als vortreffliches Bildungsmittel. „Es entwickelt und nötigt zur Aufmerksamkeit, und das ist ja doch das Höchste aller Fertigkeiten und Tugenden.“  Und ein andermal  : „Meine eigenen Versuche im Zeichnen haben doch den großen Vorteil gebracht, die Naturgegenstände schärfer aufzufassen; ich kann mir ihre verschiedensten Formen jeden Augenblick mit Bestimmtheit zurückrufen.“ Das half ihm dann auch wieder, die Malereien anderer richtig zu werten. Er sah es sofort, wenn ein Maler die Natur nicht kannte, wenn er z. B. einen Baum in eine Umgebung brachte, die in der Wirklichkeit zu einem Baume dieser Art und dieses Wachstums nicht vorkommt.


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Diese Sachlichkeit war Goethes beständiger Vorsatz, und seine Größe als Mensch rührt namentlich von seinem täglichen Bestreben her: alle Dinge und alle Personen ohne Leidenschaft und Vorurteil zu betrachten, sich selbst zu vergessen, alles Neue ruhig auf sich einwirken zu lassen. Das hielt er auch als Reisender so. Seit Sterne seine berühmte „Empfindsame Reise“ herausgegeben hatte, waren alle Reisebeschreibungen in der Hauptsache den Gefühlen, Ansichten und kleinen Erlebnissen der Reisenden gewidmet. Zuweilen artete das zu recht eitlem Prangen mit dem lieben Ich aus, z. B. bei Kotzebue, der als Mensch Goethen überaus unsympathisch war. Über dessen Reisen spottete er einmal scharf. „Ich bin gewiß, wenn einer von uns im Frühling über die Wiesen von Oberweimar herauf nach Belvedere geht, daß ihm tausendmal Merkwürdigeres in der Natur zum Wiedererzählen oder zum Aufzeichnen in sein Tagebuch begegnet, als dem Kotzebue auf seiner ganzen Reise bis ans Ende der Welt zugestoßen ist. Kommt er wohin, so läßt ihn Himmel und Erde, Luft und Wasser, Tier- und Pflanzenreich völlig unbekümmert; überall findet er nur sich selbst, sein Wirken und sein Treiben wieder; und wenn er in Tobolsk wäre, so ist man gewiß damit beschäftigt, entweder seine Stücke zu übersetzen, einzustudieren, zu spielen.“  Goethe dagegen hatte längst die Maxime ergriffen, sich bei Reisen und ihren Beschreibungen „so viel als möglich zu verleugnen und das Objekt so rein, als nur zu tun wäre, in sich aufzunehmen.“  Diesen Grundsatz befolgte er z. B., als er dem römischen Karneval beiwohnte; er befolgte ihn sogar in seinen Briefen an vertraute Freunde. 

So lag es ihm im Jahre 1797 so nahe, wie jedem andern Deutschen, die französischen Eindringlinge zu hassen, er hatte ja sogar gegen sie in einer unglücklichen Campagne im Felde gelegen; aber als er in jenem Jahre in seiner Vaterstadt französische und österreichische Einquartierung vorfand, berichtete er darüber an Geh. Rat Voigt in Weimar mit vollkommenster Objektivität. 

Dieselbe Sachlichkeit verlangte er von andern. Sobald er merkte, daß jemand ihn beeinflussen, von vornherein die Dinge in der erwünschten Beleuchtung erscheinen lassen wollte, konnte er ihn wohl andonnern: Die Sache! die Sache! wie ist die? So wollte er es haben, wie Sulpiz Boisserée es machte, als er den alten Meister wieder zur Gothik zurück bekehren wollte: statt irgendwie dafür zu schwärmen oder zu argumentieren, legte Boisserée ruhig eine sprechende Zeichnung nach der andern vor, bis sich Goethe gefangen erklärte. 

Goethe war sich dessen bewußt, wieviel er diesem fleißigen und sachlichen Betrachten verdankte. Als er 1786 nach Italien reiste, schreibt er an die Freundin Charlotte v. Stein: „Wie glücklich mich meine Art, die Welt anzusehen, macht, ist unsäglich, und was ich täglich lerne! und wie mir doch fast keine Existenz ein Rätsel ist. Es spricht eben alles zu mir und zeigt sich mir an.“ Und wenn man seine Genialität rühmte, führte er sie wohl hierauf zurück. „Ich lasse die Gegenstände ruhig auf mich einwirken, beobachte dann diese Wirkung und bemühe mich, sie treu und unverfälscht wiederzugeben. Dies ist das ganze Geheimnis, was man Genialität zu nennen beliebt.“ So sagte er zum Kanzler v. Müller und ähnlich zum Prinzenerzieher Soret: „Ich verdanke meine Werke keineswegs meiner eigenen Weisheit allein, sondern Tausenden von Dingen und Personen außer mir, die mir dazu das Material boten. Es kamen Narren und Weise, helle Köpfe und bornierte, Kindheit und Jugend wie das reife Alter: alle sagten mir, wie es ihnen zu Sinne sei, wie sie lebten und wirkten, und welche Erfahrungen sie sich gesammelt, und ich hatte weiter nichts zu tun, als zuzugreifen und das zu ernten, was andere für mich gesäet hatten.“ 

Da wir Goethe zuerst und vornehmlich als Schöpfer seiner Werke kennen gelernt haben, so will es uns schwer in den Sinn, daß das Schaffen und Betätigen seine stärkste Neigung nicht war, daß man es mehr nur als eine Folge seiner eigentlichen Leidenschaft, des eindringenden Beschauens, ansehen muß. Er las einmal folgende Zeilen über sich selbst: „Zeigt nicht jedes Blatt, daß er ein weit höheres Bedürfnis fühlt, in das innerste Wesen des Menschen und der Dinge einzudringen, als seine Gedanken poetisch auszusprechen?“ Dies ungewöhnliche Urteil setzte ihn in Verwunderung; es erschien ihm aber richtig und er wollte nur hinzugesetzt haben: „als sprechend, überliefernd, lehrend oder handelnd sich zu äußern.“ 

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Dieses sorgsame sachliche Beobachten führt manchen nur zur Vielwisserei, zum Ansammeln von Einzelheiten und Kleinigkeiten. „Dann hat er die Teile in seiner Hand, Fehlt leider! nur das geistige Band!“ Goethe war dazu zu sehr Dichter, zu wenig Kleinigkeitsphilister. Er suchte stets im Einzelnen das Allgemeine, in der „zufälligen“ Erscheinung das Gesetz; im Wechselnden das Bleibende. „Wir befinden uns in einem Chaos von Kenntnissen und keiner ordnet es; die Masse liegt da und man schüttet zu; aber ich möchte es machen, daß man wie mit einem Griff hineingriffe und alles klar würde.“  Goethe wußte freilich, daß die Natur sich ihre letzten Geheimnisse nicht abzwingen läßt, aber dann und wann gelingt es uns, den Schöpfergedanken näher zu kommen. Und eben das war sein Streben bei aller gelehrten Arbeit. Andere wieder verlieren sich, um zu großen Wahrheiten zu gelangen, in metaphysischen Phantasien, im Aufbauen kühner Systeme oder in okkultistischen Träumereien. Dazu war er wieder zu sehr Naturforscher: Erfahrung, Beobachtung, Experiment sollten ihm zur Erkenntnis verhelfen. 

Vor dem Okkultismus hütete er sich sehr, obwohl er manche seiner Lehren durchaus nicht leugnete. „Wir wandeln alle in Geheimnissen. Wir sind von einer Atmosphäre umgeben, von der wir noch gar nicht wissen, was sich alles in ihr regt und wie es mit unserem Geiste in Verbindung steht. So viel ist wohl gewiß, daß in besonderen Zuständen die Fühlfäden unserer Seele über ihre körperlichen Grenzen hinausreichen können und ihr ein Vorgefühl, ja auch ein wirklicher Blick in die Zukunft gestattet ist.“  Aber er mochte doch nie eine Somnambule sehen, obwohl der Ruhm der Seherin von Prevorst seine Umgebung sehr beschäftigte. Er kannte die Gefahr solcher Studien. „Man wird selbst zum Traum, zur Niete, wenn man sich mit diesen Phantomen beschäftigt,“ schrieb er 1788 schon an Herder, dessen Frau, wie Frau v. Stein, viel auf Träume gab. Und 1830 meinte er auch zum Kanzler: „Ich habe mich immer von Jugend auf vor diesen Dingen gehütet, sie nur parallel an mir vorüber laufen lassen. Zwar zweifle ich nicht, daß diese wundersamen Kräfte in der Natur des Menschen liegen, aber man ruft sie auf falsche, oft frevelhafte Weise hervor. Wo ich nicht klar sehen, nicht mit Bestimmtheit wirken kann, da ist ein Kreis, für den ich nicht berufen bin.“ 

Gegen die Philosophen und ihre „Ideen“ war er gleichfalls sehr mißtrauisch. Schiller hatte ihn zuerst durch sein wüstes Jugenddrama abgestoßen; als dann der Dichter der „Räuber“ auch noch Kantianer wurde, empfand ihn Goethe erst recht als Geistes-Antipoden, mit dem ein Verkehr unmöglich sei. Aber ihr beiderseitiges Suchen nach großen Anschauungen mußte sie dennoch zusammenführen. Sie hörten in Jena einmal einen naturwissenschaftlichen Vortrag; beim Herausgehen kamen sie in ein Gespräch, wobei Schiller bemerkte, daß eine so zerstückelte Art, die Natur zu behandeln, den Laien nicht anmuten könne. Goethe horchte auf. Auch dem Eingeweihten bleibe diese zerstückelte Art vielleicht unheimlich, war seine Antwort, und vielleicht könne man es auch anders machen. Man brauche nicht die Natur gesondert und vereinzelt vorzunehmen, sondern könne sie wirkend und lebendig, aus dem Ganzen in die Teile strebend, darstellen. Schiller sah ihn ungläubig an, denn dergleichen glaubte er den Philosophen vorbehalten, zu denen doch Goethe nicht gehören wollte. So schritten sie weiter, bis an Schillers Haus, bis in sein Zimmer, und dort trug dann Goethe die Metamorphose der Pflanzen lebhaft vor, indem er mit manchen charakteristischen Federstrichen eine symbolische Pflanze vor Schillers Augen entstehen ließ. Dieser hörte mit lebhafter Teilnahme zu, aber als Goethe geendet, schüttelte er den Kopf und sagte: „Das ist keine Erfahrung, das ist eine Idee.“ Nun stutzte Goethe, einigermaßen verdrießlich. Sein alter Groll gegen die Philosophiererei wollte sich wieder regen, aber er nahm sich zusammen und antwortete: „Das kann mir sehr lieb sein, daß ich Ideen habe ohne es zu wissen, und sie sogar mit Augen sehe.“ Und die nächsten Tage trug er sich mit der Frage: Wenn er das für eine Idee hält, was ich als Erfahrung anspreche, so muß doch zwischen beiden eine Vermittelung sein?  — So begann ein zehnjähriger Umgang, beide waren Lehrer und Schüler, Goethe entwickelte die philosophischen Anlagen, die seine Natur enthielt, und eignete sich noch recht ansehnliche Kenntnisse auf diesem Gebiete an. Aber 1829 konnte er doch ohne viel Übertreibung zu Eckermann sagen: „Von der Philosophie habe ich mich selbst immer freigehalten, der Standpunkt des gesunden Menschenverstandes war auch der meinige.“

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Daß wir durch Lehren lernen, hat Goethe auch sonst oft erfahren, und deshalb trug er recht gern vor. Solange wir nicht über einen Gegenstand sprechen oder schreiben müssen, können wir uns in einem verworrenen und zerstückelten Wissen gefallen, zum Vortrag bedarf es der Klarheit und Übersicht, und man muß gegen Fragen und Einwürfe gewappnet sein. An Rousseaus botanischen Schriften hatte er gesehen, wie vorteilhaft für den Autor es ist, seine Ideen zuerst Damen mündlich vorzutragen; seine Neigung ging auch dahin. Seine wöchentlichen Vorträge vor den Damen des Hofes sind schon erwähnt. „Ich werde bei dieser Gelegenheit erst selbst gewahr, was ich besitze und nicht besitze,“ schreibt er an Zelter, als er 1805 mit diesen Vormittags-Vorträgen begonnen hatte. Lehrer und Schülerinnen waren einander wert. Auch manche Zuhörerin konnte von sich sagen: „Ich freue mich, wenn kluge Männer sprechen, daß ich verstehen kann, wie sie es meinen“ und ebenso verdiente der Lehrer und Dichter das Lob, das dem Tasso gezollt wird: 

Sein Ohr vernimmt den Einklang der Natur; 
Was die Geschichte reicht, das Leben gibt, 
Sein Busen nimmt es gleich und willig auf; 
Das weit Zerstreute sammelt sein Gemüt, 
Und sein Gemüt belebt das Unbelebte. 
Oft adelt er, was uns gemein erschien, 
Und das Geschätzte wird vor ihm zu nichts. 
In diesem eignen Zauberkreise wandelt 
Der wunderbare Mann und zieht uns an, 
Mit ihm zu wandeln, teil an ihm zu nehmen; 
Er scheint sich uns zu nahn, und bleibt uns fern; 
Er scheint uns anzusehn, und Geister mögen.

So stellte sich in der Tat Goethe seinen Schülerinnen dar; ein Brief von Henriette v. Knebel an ihren Bruder (vom 24. Januar 1806) mag es bezeugen: „Er sprach von dem Bezug, den der Mensch zu sich selbst und zu den Dingen außer ihm hat, so reich, reif und mild, daß ich wirklich noch nie so habe sprechen hören. Ich wünschte, er hätte die Rede aufgeschrieben; mich dünkt, sie allein müßte ihm den Ruhm eines seltenen Menschen machen. Ich selbst dünkte mir glücklicher und vornehmer durch die unzähligen Fäden, durch die wir mit Himmel und Erde zusammenhängen.“

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Sehr erleichtert wurde Goethen das Lernen und Lehren durch seine Sammlungen. Von allen Reisen brachte er Schönes und Merkwürdiges heim; mit andern Sammlern tauschte er Duplikate aus, die Freunde setzte er in Kontribution, und Fremde wußten, daß ein Geschenk dieser Art der sicherste Weg war, ihm Freude zu bereiten und ein freundliches Wort von ihm zu erhalten. Öffentliche Museen gab es noch sehr wenige, es lag selbst dem Landmanne, der beim Pflügen etwas Seltsames fand, der Gedanke nahe, es Goethen zu schicken. Der Dichter selbst aber fahndete beständig auf wertvolle Büsten, Gemmen, Münzen, Medaillen, Kupferstiche u. dgl. 

So ward zum Pantheon dies enge Haus 
Und schmückte sich mit Götterbildern aus. 
Gemächer, Säle, Winkelchen und Gänge — 
Sie faßten kaum der Kostbarkeiten Menge. 

In diesen Schätzen suchte der Dichter Ablenkung von trüben Gedanken; hier ging er aber auch beständig der eignen Bildung nach. So betrachtete er von Zeit zu Zeit die Kupfer nach den großen italienischen Meistern; in seiner wunderbaren Bescheidenheit empfand er: „Wir kleinen Menschen sind nicht fähig, die Größe solcher Dinge in uns zu bewahren, und wir müssen daher von Zeit zu Zeit immer dahin zurückkehren, um solche Eindrücke in uns aufzufrischen.“  Immer wieder Raphael zu betrachten, mahnte er auch Eckermann, damit er im Verkehr mit dem Besten bleibe und sich immerfort übe, die Gedanken eines hohen Menschen nachzudenken. „Den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten. Ich zeige Ihnen daher nur das Allerbeste, und wenn Sie sich darin befestigen, haben Sie einen Maßstab für das übrige.“ So hielt er es auch mit den Dichtern. Bei Homer und den griechischen Dramatikern ging er immer wieder in die Schule, ja sogar von dem antiken Romane „Daphnis und Chloe“ des Longos, der auch heute noch wenigen nur bekannt ist, urteilte er: „Man thut wohl, dies Gedicht alle Jahre einmal zu lesen und immer wieder daran zu lernen und den Eindruck seiner großen Schönheit aufs neue zu empfinden.“ 

Ebenso konnte er über Shakespeare oder Byron urteilen, und wenn man wegen des Letzteren Einwendungen machte, so erwiderte er: „Alles Große bildet, nicht etwa bloß das entschieden Reine und Sittliche, an Byron ist auch seine Kühnheit, Keckheit, Grandiosität bildend.“  Von Molière bekannte er 1827: „Ich kenne und liebe ihn seit meiner Jugend und habe während meines ganzen Lebens von ihm gelernt. Ich unterlasse nicht, jährlich von ihm einige Stücke zu lesen, um mich im Verkehr des Vortrefflichen zu erhalten.“ Man sollte eigentlich immer nur das lesen, was man bewundert“ lautet ein guter Rat von ihm, und ein andrer: „es kommt immer darauf an, daß derjenige, von dem wir lernen wollen, unserer Natur gemäß sei. —  Überall lernt man nur von dem, den man liebt.“

Goethe hat einmal darüber gescherzt, wieviel Zeit und Mühe ihm das Lesenlernen gekostet habe und daß er kaum mit achtzig Jahren es richtig könne.  Aber für die Meisten von uns ist er in dieser schwierigen Kunst doch noch ein Meister. Wir wissen  , wie er im Februar 1828 die Biographie Napoleons von Walter Scott durcharbeitete. Nach jedem Kapitel fragte er sich, was er Neues empfangen, was ihm in die Erinnerung zurückgerufen ward, dann fügte er Selbsterlebtes zu Walter Scotts Berichten hinzu, so daß er bald selber nicht mehr wußte, was er im Buche gefunden und was er hineingetragen habe. „Genug, mir ist der lange, immer bedeutende und mitunter beschwerliche Zeitraum von 1789 an, wo nach meiner Rückkunft aus Italien der revolutionäre Alp mich zu drücken anfing, bis jetzt, ganz klar, deutlich und zusammenhängend geworden; ich mag auch die Einzelheiten dieser Epoche jetzt wieder leiden, weil ich sie in einer gewissen Folge sehe. Hier hast Du also wieder ein Beispiel meiner egoistischen Leseweise; was ein Buch sei, bekümmert mich immer weniger; was es mir bringt, was es mir aufregt, das ist die Hauptsache.“ 

Ein sehr wertvoller Rat Goethes war schließlich: „Der Mensch mache sich nur irgend eine würdige Gewohnheit zu eigen, an der er sich die Lust in heileren Tagen erhöhen und in trüben Tagen aufrichten kann. Er gewöhne sich z. B., täglich in der Bibel oder im Homer zu lesen oder Medaillen oder schöne Bilder zu schauen oder gute Musik zu hören. Aber es muß etwas Treffliches, Würdiges sein, woran er sich gewöhnt, damit ihm stets und in jeder Lage der Respekt dafür bleibe.“

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