> Gedichte und Zitate für alle: Wilhelm Bode: Goethes Lebenskunst: 4. Die Mahlzeiten und der Wein. (7)

2019-12-02

Wilhelm Bode: Goethes Lebenskunst: 4. Die Mahlzeiten und der Wein. (7)



4. Die Mahlzeiten und der Wein.

Wir kehren zurück zu Goethes Besuchern aus der Fremde, denken uns an ihre Stelle und malen uns aus, wir hätten dem Gefürchteten gut genug gefallen, um eine Einladung zum Mittagessen zu erhalten. „Wie war's?“ werden wir noch nach vielen Jahren gefragt. Da antworten wir vielleicht wie Jenny v. Gustedt, als sie 1885 sich in Goethes letzte Lebensjahre zurückversetzte. „Man aß nach damaliger Zeit gut, nach jetziger einfach.“ Sie erzählt weiter. „Erst in den letzten Jahren hatte er einen Koch, vorher Haushälterinnen, mit denen er die Wirtschaft führte ohne Ottiliens — seiner Schwiegertochter — Hilfe. Er hatte kein Vertrauen in ihre wirtschaftlichen Talente und sagte wohl scherzend: Ich hatte mir so eine kochverständige Tochter gewünscht, und nun schickt mir der liebe Gott eine Thekla und Jungfrau von Orleans ins Haus!“

Es war das allgemeine Zeugnis seiner Gäste, daß er eine recht gute Tafel führe; einige erzählen, daß sie bei ihm neue Speisen vorgesetzt bekamen, mit denen sie noch nicht umzugehen wußten: z. B. Kaviar oder Artischocken; andere bewundern seine Geschicklichkeit im Zerlegen des Bratens oder Geflügels oder seine allgemeine Kochverständigkeit oder auch seinen vortrefflichen Appetit. „Auf den Küchenzettel, den er gewöhnlich selbst angab, hatte die Anwesenheit von Gästen besonderen Einfluß,“ berichtet der Maler Ernst Förster 1821. „Es gab außer der Suppe gewöhnlich drei, höchstens vier Schüsseln: Fleisch mit Gemüse (er aß sehr gern ein nach italienischer Kochkunst bereitetes Stuffato), dann gab es Fisch (Forellen liebte er zumeist), Braten (zumeist Geflügel oder Wild) und, wie er erklärte: wegen der Damen, eine Mehlspeise (Karlsbader Strudl). Er selbst zog der süßen Speise ein Stück englischen oder Schweizer Käse vor.“

„Es war ungemein splendid: Gänseleberpastete, Hasen und dergleichen Gerichte,“ bezeugt schon 1809 der Sprachforscher Wilhelm Grimm, und ebenso wunderte sich 1828 sein hessischer Landsmann, der Baumeister Johann Heinrich Wolff, über die vielen guten Gerichte und über Goethes Leistungsfähigkeit im Essen und Trinkens. „Unter anderem verzehrte er eine ungeheuere Portion Gänsebraten und trank eine ganze Flasche Rotwein dazu.“ Im selben Jahre imponierte er auf der Dornburg einigen Studenten, als er ihnen den Salat eigenhändig zubereitete und dabei versicherte, er habe selber einen neuen Salat aus eingemachten Gurken erfunden.

Wenn Gäste da waren, war man gewöhnlich lange zu Tisch; dann wurde Kaffee getrunken, und man blieb herumstehend, sitzend, gehend oft noch bis sechs Uhr beisammen. Gegen zwei Uhr hatte man sich vereinigt. Alle Besucher rühmten noch über die guten Speisen die sehr angenehme Unterhaltung; sie empfanden es als ehrende Liebenswürdigkeit, wie Goethe auch um ihr geistiges Genießen bei der Tafel und nach der Tafel besorgt war. „Die Unterhaltung war eine allgemeine, lebendige und nie stockende, Goethe leitete sie meisterhaft,“ ist das Zeugnis Zahns (1827), und Ernst Förster berichtet von 1825: „Es schien bei ihm Bedürfnis, dem Besuchenden entweder eine Freude zu machen, oder einen, wo möglich sichtbaren Stoff der Unterhaltung zu bieten“; in seinem Falle hatte Goethe eine Anzahl sehr kunstreicher Papier-Schattenbilder von der Hand der Adele Schopenhauer bereit gelegt und ging sie einzeln unter Beachtung jeder Kleinigkeit mit ihm durch. Ähnlich erzählt die Malerin Luise Seidler schon von 1810, wo Frau Christiane und ihre Gesellschafterin, Frl. Ulrich, noch fröhlich das Leben genossen. „Beim Mittagsessen war Goethe mit Riemer, Meyer und anderen Gästen, deren Zahl jedoch niemals acht überstieg, sehr heiter. Man speiste in einem kleinen Zimmer, dessen Wände mit Handzeichnungen berühmter alter Meister geschmückt waren; das Mahl war stets von gediegener Einfachheit, das Getränk trefflicher Burgunder. Beim Dessert entfernten sich die Damen, „die lustigen Weiber von Weimar“, wie Goethe sie scherzend nannte, um spazieren zu fahren ... Die Herren — denn nur sehr selten wurden Damen zu Tisch geladen — blieben sitzen; auch ich hatte ein für allemal die Erlaubnis zum Dableiben. Sobald wir allein waren, nahm Goethe jederzeit irgendeinen bestimmten Gegenstand, an welchem er seine scharfsinnigen Bemerkungen reihte, z. B. einen bronzenen Moses von Michelangelo ... Unter diesen interessanten Gesprächen kam unmerklich der Abend herbei, der neue Genüsse brachte, da man gewöhnlich in das Theater fuhr. Der Dichter hatte damals eine geschlossene Parterreloge unterhalb der herrschaftlichen. In den Zwischenakten wurde kalte Küche präsentiert, auch der Burgunder fehlte nicht.“

Von einer anmutigen Tafelsitte berichtet Ernst Förster (1825): „Das Gespräch wurde auf eine überraschende Weise unterbrochen. An dem einen Ende der Tafel wurde es unruhig; man räusperte sich, gab ein leichtes Zeichen am Glas, und ein vierstimmiger Gesang wurde angestimmt. Es gehörte die schöne Sitte, das Mahl mit Gesängen zu würzen, zu Goethes besonderen Tafelfreuden bei festlichen Gelegenheiten, und so folgte auch heute nach jedem Gange ein Gesang ... Nach dem Dessert setzte sich Hummel ans Instrument und gab dem kleinen Feste mit einer heitern und reichen Phantasie einen glänzenden Schluß.“

Aber wir dürfen uns durch solche Schilderungen nicht zu dem Glauben verleiten lassen, daß in Goethes Leben die Tafelfreuden eine überaus große Rolle gespielt hätten; er entbehrte sie ebenso leicht, wie er sie gern genoß. Zu Mittag aß er stark, weil es fast die letzte Mahlzeit des langen Tages war. Denn Kaffee, auf den er von jungen Jahren an viel gescholten, bot er wohl den Gästen an, trank ihn aber nicht mit. Nur als Greis trank er frühmorgens Milchkaffee, in früheren Zeiten hatte er Wassersuppe oder Schokolade vorgezogen. Abends hatte er eine dem englischen Fünf-Uhr-Tee entsprechende Mahlzeit, er nahm dann Wein und ein Franzbrot zu sich. Das war sein Abschluß; in späterer Stunde ließ er wohl für Riemer, Eckermann, oder wer sonst da war, decken, „er saß dabei, schenkte ein, putzte die Lichter und plauderte, rührte aber keinen Bissen an.“ Felix Mendelssohn hebt es 1821 als eine Merkwürdigkeit hervor, daß Goethe mit ihm zu Abend aß.

Wenn Goethe allein war, da war von vielen Gängen keine Rede. Im Gartenhause aß er, was Frau v. Stein gerade geschickt hatte, oder ließ sich von seinem Diener einen Eierkuchen backen; manchmal, wenn nichts da war, ging er auch hungrig zu Bett. Später hat er namentlich in seiner jenaischen Zuflucht erbärmliche Kost oft Wochen lang ausgehalten. „Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß ich vier, fünf Tage bloß von Zervelatwurst und roten Wein gelebt;“ solche Klagen bekam Christiane von Jena aus oft zu hören. „Ich bitte Dich also aufs allerinständigste, mir mit jedem Botentage etwas gutes Gebratenes, einen Schöpsenbraten, Kapaun, ja einen Truthahn zu schicken, es mag kosten, was es wolle, damit wir nur zum Frühstück, zum Abendessen, und wenn es zu Mittag gar zu schlecht ist, irgendetwas haben, was sich nicht vom Schweine herschreibt.“ Seine Aufwärterin, die Schloßkastellanin Trabitius, konnte wohl auch einen Eierkuchen bereiten, aber bei dem Salat dazu fehlte schon ein brauchbares Öl; das war in ganz Jena nicht zu haben. Es mutet uns fast komisch an, wie knapp damals manche gute Speise war, wie kleine Geschenke an Fleisch, Gemüse und Obst zwischen Jena und Weimar, zwischen Goethes, Schillers, Knebels und anderen ausgetauscht wurden, wie sich in früherer Zeit das berühmte Liebespaar Goethe und Charlotte v. Stein mit Küchengütern beschenkte, wie Goethe sogar die Herzogin von Weimar aus Italien mit Kaffeebohnen bedachte. Und als nachher die große Gastfreundschaft sich in Goethes Hause entfaltete, da mußte mancher Brief nach Hamburg, Bremen und Frankfurt gesandt werden, damit es an guten Gerichten nicht fehle: von Bremen kam der französische Wein, von Frankfurt der deutsche Wein und feines Gebäck, von Hamburg Schinken und Fische, und Freund Zelter schickte jedes Jahr aus Berlin Teltower Rübchen. Was er am liebsten aß, ist zum Teil schon gesagt: Wildpret, Geflügel, z. B. kaltes Rebhuhn zum Zehn-Uhr-Frühstück, von Fischen die Ilmforelle, von Gemüsen Blumenkohl und Spargel. In seinen Bittschreiben an Christiane verriet er auch Appetit auf „recht gute französische Bouillon,“ auf „Kalbsfüße und Gelée, die nicht gar zu sauer wäre,“ auf Froschkeulen, auf Schokolade, bei der er aber zu andern Zeiten befürchtet, daß die Fabrikanten allerlei Dunkles zusammen mischen. Aus Torten und süßem Gebäck machte er sich nichts, dagegen war er ein großer Freund von Obst. Als sein August 1808 in Heidelberg studierte, beglückwünschte er ihn zu den Genüssen der Obst- und Traubenhügel, und als er selber nach Italien zog, freute er sich nicht wenig über das bessere Obst. „Mein eigentliches Wohlleben ist in Früchten,“ schreibt er aus Oberitalien an Charlotte v. Stein, „Feigen esse ich den ganzen Tag, du kannst denken, daß die Birnen hier gut sein müssen, wo schon Zitronen wachsen.“ Und in Rom war sein Abendbrot oft ein Pfund Trauben, das er auf der Straße aß.

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Wie hielt er es mit dem Wein? Das ist in den letzten Jahren eine umstrittene Frage geworden, da die Enthaltsamkeitsprediger ihn als einen der ihrigen in Beschlag nehmen wollten. Bis dahin galt er allgemein für einen sehr leistungsfähigen und leistungsfreudigen Zecher. Berichte wie die von Holtei und Wilhelm Grimm: „Der Alte sprach viel und trank nicht wenig“ (1827) und „er trank fleißig, besser noch die Frau“ (1809) waren schließlich zu Übertreibungen und Märchen ausgewachsen. Die Wahrheit ist, daß sich auch dem Weine gegenüber Goethes Geist als reich und weit bewährt: er erwog ernstlich, was für die Entsagung spricht, und fühlte ebenso gut, was den Genuß empfiehlt. Bald überwog die eine, bald die andere Stimmung, aber nie wurde er zum Asketen und nie zum Trinker.

Man tut hier übrigens gut, den jüngeren und den älteren Goethe zu unterscheiden, und zwar steckte im jungen Manne mehr Anlage zum Mäßigkeitsmann, als später zur Entwickelung gelangte. Als Student unterschied er sich wesentlich von dem damaligen oder heutigen Verbindungsstudenten; er war kein Mucker und kein Streber, manchen Tag vertrödelte er mit Allotriis, er trank auch täglich Bier oder Wein, aber wenn ihm in Leipzig ein Merseburger Bier oder in Straßburg ein roter Wein schlecht bekam, so bemerkte er es auch und gab sie auf, und niemals trieb er mit dem Getränk und dem Kommersieren einen Kultus. Die Kneipscene im „Faust“, die in der ersten Fassung noch derber lautete, zeigt uns, wie er schon als junger Mann das Völkchen beurteilte, von denen Mephisto sagt: „Merks! den Teufel vermuten die Kerls nie, so nah er ihnen immer ist.“ „Du Mastschwein!“ läßt er Faust zu Siebel in jener ersten Fassung sagen. Als ihn in Frankfurt 1775 die jungen Grafen Stolberg besuchten und bei Tische in den poetischen Tyrannenhaß ausbrachen, der damals Mode war, holte ,Frau Aja‘ ihre besten Weine aus dem Keller: „Hier ist das wahre Tyrannenblut! Daran ergötzt euch, aber alle Mordgedanken laßt mir aus dem Hause!“ Begeistert griff Goethe das Wort seiner Mutter auf. „Ja wohl Tyrannenblut!“ rief er aus, „keinen größeren Tyrannen gibt es als den, dessen Herzblut man euch vorsetzt. Labt euch daran, aber mäßig! Denn ihr müßt befürchten, daß er euch durch Wohlgeschmack und Geist unterjoche. Der Weinstock ist der Universaltyrann, der ausgerottet werden sollte; zum Patron sollten wir deshalb den heiligen Lykurgus, den Thracier, wählen und verehren ... Dieser Weinstock ist der allerschlimmste Tyrann, zugleich Heuchler, Schmeichler und Gewaltsamer. Die ersten Züge seines Bluts munden euch, aber ein Tropfen lockt den andern unaufhaltsam nach.“

Als Goethe nach Weimar kam, sagten die Leute allerdings bald: der Herzog werde sich totzechen und sein Abgott, der junge Frankfurter Doktor, habe ihn dann auf dem Gewissen. Daß sie beide einmal mit höchsten Ehren ihr Fünfzigjahre-Jubiläum feiern würden, ahnte auch der würdige Klopstock nicht, als er einen wohlgemeinten Ermahnungsbrief an den gefährlichen Verführer Karl Augusts richtete. Auch Klopstock warnte: „Der Herzog wird, wenn er sich ferner bis zum krank werden betrinkt, anstatt, wie er sagt, seinen Körper dadurch zu stärken, erliegen und nicht lange leben.“ Aber sehr bald nach dieser tollen Einleitung sehen wir, wie der junge Dichter als fleißigster Staatsbeamter die verdrießlichsten Arbeiten übernimmt, und abends schreibt er vielleicht in sein Tagebuch: „Daß ich nur die Hälfte Wein trinke, ist mir sehr nützlich; seit ich den Kaffee gelassen, die heilsamste Diät.“ So im Januar 1779; am 7. August klingt es fast wie ein Gebet: „Gott helfe weiter und gebe Lichter, daß wir uns nicht selbst viel im Wege stehn. Lasse uns von Morgen bis Abend das Gehörige tun und gebe uns klare Begriffe von den Folgen der Dinge. Daß man nicht sei wie Menschen, die den ganzen Tag über Kopfweh klagen und gegen Kopfweh brauchen und alle Abend zu viel Wein zu sich nehmen. Möge die Idee des Reinen, die sich bis auf den Bissen erstreckt, den ich in den Mund nehme, immer lichter in mir werden!“

In dieser Vorsicht gegen den Wein verharrte er diese ganzen arbeitsreichen Jahre. „Seit drei Tagen keinen Wein,“ schreibt er am 1. April 1780, und man bedenke, daß er Minister und Mitglied der lustigen jungen Hofgesellschaft war! „Sich nun vor dem englischen Bier in acht nehmen. Wenn ich den Wein abschaffen könnte, wäre ich glücklich.“ Im gleichen Monat schreibt er eines Abends sehr befriedigt: „War sehr ruhig und bestimmt ... Ich trinke fast keinen Wein. Und gewinne täglich mehr in Blick und Geschick zum tätigen Leben.“ Schon acht Jahre früher, als Dreiundzwanzigjähriger, wußte er, daß wir die reinste Heiterkeit nur haben, wenn wir frei vom Weine sind. „Die heiligen Götter gaben mir einen frohen Abend,“ schrieb er 1772 an Kestner, „ich hatte keinen Wein getrunken, mein Auge war ganz unbefangen über die Natur. Ein schöner Abend.“ Im Sommer 1780 kommt er im Tagebuch nochmals auf den Wein zurück: „Man könnte noch mehr, ja das Unglaubliche tun, wenn man mäßiger wäre“; freilich kann hier auch andere Mäßigkeit gemeint sein. Und ähnlich klingt es noch 1786 aus Italien an die geliebte Freundin: „Ich lebe sehr mäßig, den roten Wein der hiesigen Gegend (Vicenza), schon von Tirol her, kann ich nicht vertragen; ich trinke ihn mit viel Wasser wie der heilige Ludwig.“

Da Goethes Dichten stets ein Wiederschein seines Lebens war, so finden wir in seinen Versen aus der ersten Hälfte seines Lebens kaum ein Lob des Trinkens. Denn wenn er 1781 einmal schreibt: „Einen wohlgeschnitzten vollen Becher hielt ich drückend in den beiden Händen, sog begierig süßen Wein vom Rande, Gram und Sorg' auf einmal zu vertrinken“, so ist das nur eine Einleitung zu dem höheren Lobe der Geliebten: ihr Hauch und Kuß sei viel süßer und berauschender. Und wenn man seine Liebesbriefe an Charlotte v. Stein liest, so fühlt man, daß diese herrliche Frau ihrem Freunde allen Trost und Traum spendet, den minder Beglückte in der Flasche suchen. Er war darin begünstigter und weiser als sein Tasso, der „die erste Pflicht des Menschen, Speis' und Trank zu wählen“ töricht erfüllt. Goethe tadelt ihn durch den Mund des Antonio:

Wann mischt er Wasser unter seinen Wein?
Gewürze, süße Sachen, stark Getränke,
Eins um das andere schlingt er hastig ein,
Und dann beklagt er seinen trüben Sinn,
Sein feurig Blut, sein allzu heftig Wesen
Und schilt auf die Natur und das Geschick!

Natürlich kann dem Tasso kein Arzt helfen, so lange er bei dieser schlechten Lebensweise bleibt. Schließlich rät der Arzt, was er gleich hätte raten sollen:

So trinkt denn Wasser! — Wasser? nimmermehr!
Ich bin so wasserscheu als ein Gebißner —
So ist euch nicht zu helfen. — Und warum? —
Das Übel wird sich stets mit Übeln häufen
Und, wenn es euch nicht töten kann, nur mehr
Und mehr mit jedem Tag euch quälen.

———

Es ist gewiß, ein ungemäßigt Leben,
Wie es uns schwere, wilde Träume gibt,
Macht uns zuletzt am hellen Tage träumen.



Das alles beweist einen tiefen Einblick des jungen Dichters in das, was wir heute „Alkoholfrage“ nennen. Aber als Goethe aus Italien wiederkehrte, beklagte Frau v. Stein, daß er sinnlicher geworden sei, in heutiger Sprache: materieller. Er gab sich den natürlichen Neigungen völliger hin, zügelte seinen Ehrgeiz schärfer, stellte sich weniger Aufgaben, und wenn er auch außerordentlich fleißig blieb, so hatte sein langer Tag doch auch einige Stunden für die Tafelfreuden frei. Etwa von 1802 an dichtete er auch einige Trinklieder, weil in befreundeten Kreisen Nachfrage nach solchen Liedern war, und aus seinen letzten Jahrzehnten haben wir zahlreiche Zeugnisse, daß er selber eine Flasche oder anderthalb täglich trank, auch dafür, daß er seine Gäste fleißig zum Trinken einlud, „indem er an die Bouteille zeigte und leis brummte,“ wie Wilhelm Grimm erzählt. Goethe vertrug aus verschiedenen Ursachen mehr Wein, als andern in der Regel dienlich ist: er stammte aus einer dem Weine längst angepaßten Familie, war von Jugend auf daran gewöhnt, er trank ihn nur zu Mahlzeiten und zwar aß er recht kräftig dazu, er hielt sich von allen andern Giften — Kaffee, Tee, Tabak — gänzlich oder fast gänzlich frei, trank auch Bier, Schnaps oder Likör nicht oder höchstens ausnahmsweise, und natürlich schickte man ihm, dem vorzüglichen Weinkenner, nur die reinste Ware. Der Senat zu Bremen bedachte nicht bloß den gefeierten Dichter, sondern auch den wegen seiner feinen Zunge berühmten Kenner, wenn er ihm zum Geburtstage Proben aus der „Rose“, dem Stolze des Ratskellers, sandte. Würzburger war Goethes Lieblingstrank, zu dem er immer wieder zurückkehrte, doch wußte er auch die französischen Rotweine und die Rhein- und Moselweine wohl zu schätzen. „Sende mir noch einige Würzburger,“ schreibt er 1806 aus Jena an Christiane, „denn kein anderer Wein will mir schmecken, und ich bin verdrießlich, wenn mir mein gewohnter Lieblingstrank abgeht,“ aber zu andern Zeiten verlangt er doch auch französische Weine und lobt sie, und als er einmal um Schokolade bittet, fügt er hinzu: „denn von dieser und vom Weine lebe ich jetzt vorzüglich“ (12. September 1809).


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