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2019-12-03

Wilhelm Bode: Goethes Lebenskunst: 5. Gesundheitspflege und Krankheiten. (8)



5. Gesundheitspflege und Krankheiten. 

Vom Essen und Trinken war eben die Rede; wie hielt Goethe es sonst mit der Pflege des Körpers, den wir als ein Werkzeug so hohen Geistes ehren müssen? 

Wir denken uns Goethe gern als einen kräftigen Mann von unverwüstlicher Gesundheit, wir möchten den normalen Menschen in ihm sehen; namentlich scheint er uns, so lange wir nicht näher zusehen, ein Bild der vollkommensten Gesundheit und Stärke des Geistes zu bieten. In Wahrheit hatte er aber keine robuste Natur, sondern Leib und Geist waren für schädliche Einflüsse leicht empfänglich. Hätte er nicht klug gelebt, so würde er als ein schwacher, empfindlicher Gelehrter vor unserem Gedächtnisse stehen, und auch trotz aller Vorsicht war die Zahl seiner Krankheiten und Schwächen keine geringe. Er hat an Lungen, Herz und Nieren schwer gelitten, Magen und Darm machten ihm sehr viel zu schaffen, die Gicht bereitete ihm böse Stunden, und dazu kamen mehr äußerliche Leiden oder Geschwüre an den Backen, Augen, Füßen etc., auch von Blatterrose und Halsentzündung lesen wir. Als Kind hatte er nicht bloß die gewöhnlichen Kinderkrankheiten, sondern auch die schwarzen Pocken. Als achtzehnjähriger Student bekam er im Herbst 1767 einen Blutsturz und schwebte Tage lang zwischen Leben und Tod. Als er sich dann ein wenig erholt hatte und in die Heimat zurückgekehrt war, stand er vor seinem Vater als ein Kränkling, der noch mehr an der Seele als am Körper zu leiden schien; bald erkrankte er wieder so schwer, daß man im Dezember 1768 zwei Tage lang für sein Leben fürchtete, und bis zum März war er in das Zimmer gebannt. Bei der Heimkehr von Straßburg war er körperlich gesünder, „aber in seinem ganzen Wesen zeigte sich doch etwas Überspanntes, welches nicht völlig auf geistige Gesundheit deutete.“ Auch in der ersten Zeit, die er in Weimar verbrachte, war er oft krank; er wollte das auf das „infame Klima“ von Weimar schieben, aber wir kennen dieses Klima als sehr gesund, wenn es auch etwas rauh ist. „Es stickt etwas in mir,“ hat er manchmal zu Charlotte v. Stein geklagt. Allzu kräftig erscheint er auch nicht, wenn er 1781 der besorgten Mutter schreibt: „Meine Gesundheit ist weit besser, als ich sie in vorigen Zeiten vermuten und hoffen konnte, und da sie hinreicht, um dasjenige, was mir aufliegt, wenigstens großenteils zu tun, so habe ich Ursache, damit zufrieden zu sein.“ 1785 sah er ganz faltig und abgearbeitet aus; auch Schiller fand ihn 1788 viel älter aussehend, als er sei. Weitere Bilder zu Von 1785 an besuchte er regelmäßig im Sommer Bäder zu seiner Erholung; zwölfmal war er in Karlsbad, dreimal in Marienbad, und ebenso suchte er in Teplitz, Eger, Wiesbaden, Pyrmont, Tennstedt, Lauchstädt und Berka Besserung. Als er 1786 nach Italien floh, fühlte er sich seelisch und leiblich krank, krank bis zum Lebensüberdruss. Auch in älteren Tagen ist er noch einige Male so schwer krank gewesen, daß man alle Hoffnung aufgab oder ihn bereits tot sagte, so im Januar 1801 und im Februar 1823. Er hat manche Tage im Bette, viele Wochen im Zimmer zugebracht.

Zu diesen Krankheiten kam bei ihm eine beständige geistige und leibliche überfeine Empfindlichkeit. Das Wort „sinnlich“ hat er viel gebraucht, weil er selber in der eigentlichen Bedeutung des Wortes sehr sinnlich war, d. h. seine Sinne waren alle feinfühlend, kräftig auf Reize wiederwirkend. Das ist ein physischer Grund seiner genialen poetischen Leistungen, es war ihm aber im Leben oft recht unbequem. Eckermann drückte am 20. Dezember 1829 seine Verwunderung aus, daß man bei ausgezeichneten Talenten, besonders bei Poeten so häufig eine schwächliche Konstitution finde. Goethe erwiderte: „Das Außerordentliche, was solche Menschen leisten, setzt eine sehr zarte Organisation voraus, damit sie seltener Empfindungen fähig sein und die Stimme der Himmlischen vernehmen mögen. Nun ist eine solche Organisation im Konflikt mit der Welt und den Elementen leicht gestört und verletzt, und wer nicht, wie Voltaire, mit großer Sensibilität eine außerordentliche Zähigkeit verbindet, ist leicht einer fortgesetzten Kränklichkeit unterworfen.“

Vor allem brauchte er Licht und Wärme, den Winter haßte er. Die kurzen dunklen Tage im Dezember drückten ihn jedes Jahr darnieder, der 21. Dezember war ihm ein Festtag, an dem er ausrief: „Heute feiern wir die Wiedergeburt der Sonne!

Italien liebte er wegen seiner Fülle des Lichts und seiner warmen Luft; es war ihm, als ob er hier geboren und aufgewachsen wäre „und nun von einer Grönlandsfahrt, von einem Walfischfange zurückkäme.“ Nur mit Schaudern dachte er an die norddeutsche Heimat mit ihren dunkeln, niederhängenden Wolken und naßkalten Winden, die uns immer wieder in die Stube zwingen. In seinen letzten Lebensjahren konnte er zwar recht lange in geschlossener und überheizter Zimmerluft aushalten, aber sonst gehörte reine Luft zu den Bedingungen seines Wohlseins. 

Schiller mußte faule Äpfel in der Schublade seines Arbeitstisches haben, Goethe bekam sogleich eine Übelkeit, als er an diesem Tische saß, ohne dessen eigentümlichen Inhalt zu ahnen. „Eine Luft, die Schillern wohltätig war, wirkte auf mich wie Gift.“ Auch vom Tee sagte er, daß er wie Gift auf ihn wirke,  und ebenso nahm er sich selbst vor dem Kaffee in acht und warnte andere davor. Dr. Vogel, sein letzter Arzt, hat uns berichtet, daß er ebenso gegen Medizin ungewöhnlich empfänglich und empfindlich war, so daß ihm schwächere Dosen verschrieben werden mußten, als sonst üblich waren. Namentlich aber richtete sich sein Befinden gleichsam nach dem Barometer; bei hohem Barometerstande fühlte er sich am wohlsten; stand es niedrig, so war es ihm sehr schwer, anders als mißmutig und untätig zu sein, körperliche Schmerzen griffen ihn sehr an, er fürchtete sie, während er den Tod gar nicht fürchtete. Gar nicht leiden konnte er es, wenn die Leute nach seinem Befinden fragten oder etwa sagten, er sähe wohler aus als das letzte Mal; er mochte über seine Gesundheitszustände nicht sprechen, außer zum Arzt.

Trotz alledem waren sowohl die leiblichen wie die geistigen Leistungen Goethes bis ins höchste Alter hinein bewunderungswürdige. Seinen Schwächen müssen also größere Kräfte gegenübergestanden haben, seine Lebensweise muß gut gewesen sein, zumal da er mit den Jahren eher gesünder als kränklicher wurde.

Von Haus aus besaß er zwei große Hilfen zur Gesundheit und Arbeit: einen vortrefflichen Appetit und einen guten Schlaf. Was den Schlaf angeht, so machte es ihm nicht viel aus, ob er dabei lag oder saß, angekleidet oder ausgezogen, im eigenen Bett oder anderwärts war. Er ging in der Regel früh zu Bett und stand sehr früh wieder auf. Noch im letzten Lebensjahre erhob er sich im Sommer um vier Uhr und saß um fünf schon am Arbeitstisch. Auch eine Fülle von Blutleben trug zu seiner Gesundheit viel bei, noch im Alter schienen dem Arzte Aderlässe notwendig; Hufeland, der zehn Jahre lang sein Arzt war, bezeichnete die Produktivität als den Grundcharakter auch seines körperlichen Lebens.

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Aber auch seine hygienischen Grundsätze und Gewohnheiten waren weit besser, als man für jene Zeit voraussetzen darf. Zuerst respektierte er die körperliche Gesundheit und Strapazentüchtigkeit mehr als andere Geistesarbeiter um ihn herum. Daß Schiller so oft aussah, als würde er keine vierzehn Tage mehr leben, und daß er nicht das Rechte gegen seine Kränklichkeit tat, bedrückte ihn oft. Da lobte er sich Napoleon, der „vom brennenden Sande der Syrischen Wüste bis zu den Schneefeldern von Moskau eine Unsumme von Märschen, Schlachten und Biwaks ertrug, der bei wenig Schlaf und wenig Nahrung sich der höchsten geistigen Tätigkeit hingab: wenn man bedenkt, was der alles durchgemacht und ausgestanden!“  „Es gab zwar eine Zeit, wo man in Deutschland sich ein Genie
als klein, schwach, wohl gar bucklig dachte, allein ich lobe mir ein Genie, das den gehörigen Körper hat.“  In ähnlichem Sinne schrieb er einmal an seinen Sohn, der in Heidelberg studierte  : „Ich vernehme von der Mutter, daß Du wegen Deiner roten Backen Anfechtung hast, und daß es Leute gibt, die behaupten, solche Farbe sei eben nicht gerade ein Anzeichen guter Gesundheit. Ich hoffe, Du wirst selbst von dieser Gunst der Natur, womit sie Dich bezeichnen wollen, einen besseren Begriff haben und immer so fortleben wie bisher, daß Du sie nicht verscherzest.“

Goethe hatte einen kräftigen Willen zur Gesundheit, und er selber schrieb diesem Willen große Wirkungen zu. „Es ist unglaublich,“ sagte er einmal,  „wieviel der Geist zur Erhaltung des Körpers vermag. Ich leide oft an Beschwerden des Unterleibes, allein der geistige Wille und die Kräfte des oberen Teils halten mich im Gange. Der Geist muß nur dem Körper nicht nachgeben. So arbeite ich bei hohem Barometerstande leichter als bei tiefem; da ich nun dieses weiß, so suche ich bei tiefem Barometer durch größere Anstrengungen die nachteiligen Wirkungen aufzuheben, und es gelingt mir.“ Ein andermal 64 rühmte er — gleichfalls gegen Eckermann — an seinem Helden Napoleon, daß er die Pestkranken besucht habe, um ein Beispiel zu geben, daß man die Pest überwinden könne. „Und er hat recht. Ich kann aus meinem eigenen Leben ein Faktum erzählen, wo ich bei einem Faulfieber der Ansteckung unvermeidlich ausgesetzt war, und wo ich bloß durch einen entschiedenen Willen die Krankheit von mir abwehrte. Es ist unglaublich, was in solchen Fällen der moralische Wille vermag. Er durchdringt gleichsam den Körper und setzt ihn in einen aktiven Zustand, der alle schädlichen Einflüsse zurückschlägt. Die Furcht dagegen ist ein Zustand träger Schwäche und Empfänglichkeit, wo es jedem Feinde leicht wird, von uns Besitz zu nehmen.“ Als Sachsen-Weimar zum Großherzogtum erhoben war und die Huldigung des neuen Großherzogs bevorstand, war Goethe bettlägerig. Es schien unmöglich, daß er an jenem Palmsonntag 1816 an seinem Platze sein könne, aber Napoleons Ausspruch kam ihm ins Gedächtnis: „L’empereur ne connaît autre maladie que la mort“, und er ließ an Hof sagen: wenn er nicht tot wäre, könne man auf ihn rechnen. Die Natur schien sich diesen tyrannischen Spruch zu Gemüte zu ziehen, er stand zur rechten Zeit an seinem Platze, rechts zunächst am Throne, er konnte auch noch bei Tafel allen Schuldigkeiten genug tun; dann zog er sich zurück, legte sich wieder ins Bett und wartete auf einen neuen kategorischen Imperativ, der krank zu sein nicht gestattete.  Ein andermal schrieb Goethe einem bedeutenden Geiste sogar die Kraft zu, den Körper zu einer zweiten Jugend zu zwingen. Er sprach am 11. März 1828 mit Eckermann über einige bekannte alte Herren, denen im hohen Alter die nötige Energie und jugendliche Beweglichkeit im Betriebe der bedeutendsten und mannigfaltigsten Geschäfte nicht zu fehlen schienen. „Solche Männer sind geniale Naturen, mit denen es eine eigene Bewandtnis hat; sie erleben eine wiederholte Pubertät , während andere Leute nur einmal jung sind. Jede Entelechie  nämlich ist ein Stück Ewigkeit, und die paar Jahre, die sie mit dem irdischen Körper verbunden ist, machen sie nicht alt. Ist diese Entelechie geringer Art, so wird sie während ihrer körperlichen Verdüsterung wenig Herrschaft ausüben, vielmehr wird der Körper vorherrschen, und wie er altert, wird sie ihn nicht halten und hindern. Ist aber die Entelechie mächtiger Art, wie es bei allen genialen Naturen der Fall ist, so wird sie bei ihrer belebenden Durchdringung des Körpers nicht allein auf dessen Organisation kräftigend und veredelnd einwirken, sondern sie wird auch bei ihrer geistigen Übermacht ihr Vorrecht einer ewigen Jugend fortwährend geltend zu machen suchen. Daher kommt es denn, daß wir bei vorzüglich begabten Menschen auch während ihres Alters immer noch frische Epochen besonderer Produktivität wahrnehmen, es scheint bei ihnen immer einmal wieder eine temporäre Verjüngung einzutreten.“

Eine andere Art, wie der Geist auf den Körper einwirkt, berühren wir mit den Worten Leidenschaft und Ruhe, Lebenslust und Hypochondrie. Goethe kannte Weltschmerz und Leidenschaftlichkeit an sich selber nur zu gut, aber gegen beide kämpfte er beständig an. Als 1830 Karl Augusts Witwe gestorben war, deren stets sich gleich bleibendes Wesen er oft lobte, kam er gegen Eckermann und Soret auf die berühmte Ninon de l‘Enclos zu sprechen und pries ihren Gleichmut und ihre Lebenslust ohne verzehrende Leidenschaftlichkeit; bekanntlich blieb jene Ninon bis in ihr achtzigstes Jahr so jugendlich schön, daß sie Liebhaber anzog und beglückte.

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Aber in der Hauptsache hilft unser Geist dem Körper doch dadurch, daß er eine vernünftige Lebensweise erkennt und zum Gesetz erhebt. Goethes hervorragendste hygienische Tugenden waren Bewegung und Abhärtung; in ihnen war er der Mitwelt ein Lehrer und Führer. Mit der Abhärtung begann der Student als Schüler Rousseaus, und zwar zuerst mit arger Übertreibung; daher rührte zum Teil seine Leipziger Krankheit; kalt baden, hartes, schlecht bedecktes Lager nennt er selbst unter den unvernünftig angewendeten Mitteln, der Natur nahe zu kommen. Wir wissen schon, wie er auch in Weimar wieder ein Prediger des naturgemäßen Lebens wurde. Wenn er sich eine Vereinigung mit der Geliebten ausmalte, so dachte er sich: dann werde ich in der freien Welt mit ihr leben und in glücklicher Einsamkeit, ohne Namen und Stand, der Erde näher kommen, aus der wir genommen sind. 67 Das Schlafen im Freien, das Schlittschuhlaufen, das Baden im Flusse führte er in Weimar ein, und sogar die Ärzte begannen das Baden in fließendem Wasser zu verordnen, weil der berühmte Goethe es empfehle. Er selber badete wohl auch mitten im Winter in der Ilm, z. B. in der Frühe an einem 6. Dezember; es war ihm ein köstlicher Spaß, wenn er mit dem Gesicht, über das die nassen Strähnen seines dunklen Haares hingen, aus der Flut auftauchen und den solcher Liebhabereien ungewohnten Philister mit unheimlichem Glucksen und Quaken erschrecken konnte. Von den Leibesübungen machte er alle mit, die in seinem Kreise Sitte waren: Reiten, Jagen, Fechten, Tanz im Freien und in Sälen. Als das Turnen aufkam, war er zu alt dazu, aber er begrüßte es sogleich mit vieler Sympathie. In Jena sah er 1817 einmal den jungen Krummacher, des Parabeldichters Sohn, mit der schwarzrotgoldenen Mütze vom Turnplatze kommen, und er sprach ihn an. „Die Turnerei halte ich wert, denn sie stärkt und erfreut nicht nur den jugendlichen Körper, sondern ermutigt und kräftigt auch Seele und Geist gegen jede Verweichlichung.“ Es war ihm dann sehr schmerzlich, daß Turnen und Politik mit einander verquickt, daß deswegen die Turnanstalten von den Regierungen sehr eingeschränkt oder verboten wurden. „Ich hoffe, daß man die Turnanstalten wieder herstelle, denn unsere deutsche Jugend bedarf es, besonders die studierende, der bei dem vielen geistigen und gelehrten Treiben alles körperliche Gegengewicht fehlt und somit jede nötige Tatkraft.“ Bei ihm selbst hat das Reiten und Fußwandern diese Aufgabe erfüllt; in seinem Tagebuche ermahnt er sich 1780 selber dazu, da sofort die Gesundheit leide, wenn er sich diese Bewegung nicht mache. Und er war ein kühner Reiter. Einmal ritt er mit Karl August in acht Stunden von Leipzig nach Weimar, was bei dem damaligen Zustande der Straßen eine große Leistung war. In der ersten weimarischen Zeit wurden alle Reisen zu Pferde gemacht, zumeist war der Herzog sein Gefährte, und dieser liebte die schärfste Gangart. „Auf die Witterung wurde nie Rücksicht genommen und man konnte beide bald im heftigsten Sonnenbrande, bald in Sturm und Regen, bald in der strengsten Kälte dahinjagen sehen. In der Nacht sogar befiel den Dichter bisweilen die Unruhe und die Wanderlust; er ließ sich dann sein Pferd holen und galoppierte in die Nacht hinein, meist über Stock und Stein, über Gräben und Hecken, gerade aus, so daß er oft der Gefahr sich aussetzte, den Hals zu brechen. Auch Spaziergänge dieser Art geradeaus, ohne Rücksicht auf Hindernisse, machte er nicht selten, wenn er irgendeinen Sturm in seinem Innern niederkämpfen wollte. Mitten in der Nacht fiel ihm einst ein, nach Kochberg, auf das Gut der Frau v. Stein zu gehen, das vier Stunden von Weimar liegt. Am Morgen ging er zurück und widmete sich seinen Geschäften.“  Am deutlichsten bewies er Abhärtung und Wagemut durch seine Winterreisen in die Gebirge, die zu besuchen damals auch im Sommer gar nicht üblich war. Ende November 1777 ritt er von Weimar über den Ettersberg dem Harze zu, den er noch nicht kannte. Mitten im Schloßenwetter überkommt ihn reine Ruhe der Seele. Kein Unwetter, kein böser Weg, kein schlechtes Quartier schreckt ihn zurück. Am 10. Dezember bestieg er den Brocken, damals ein Heldenstück, das jedermann, selbst der Förster im Torfhause, namentlich des dichten Nebels wegen für unmöglich erklärte. Noch mehr wagte er 1779 in der Schweiz, als er im November mit Karl August in das Gebiet des Montblanc, der Furca und des Gotthard eindrang. Die Genfer Sofamenschen waren arg entrüstet, als sie von solchem Vorhaben hörten. So war unser Dichter noch manchmal in der Stimmung des „leidenschaftlich vor sich hingesungenen Halbunsinns“, der 1772 auf der Straße zwischen Darmstadt und Frankfurt entstand, als ein Sturmwetter ihn überfiel: 

Wenn du nicht verlässest, Genius, 
Nicht der Regen, nicht der Sturm 
Haucht ihm Schauer übers Herz. 
Wen du nicht verlässest, Genius, 
Wird dem Regengewölk, 
Wird dem Schloßensturm 
Entgegensingen
Wie die Lerche,
 Du da droben! — —

Mit den Jahren wurde dieses Austoben in der Natur schwächer, aber bis ins hohe Alter hinein zeigte er sich gelegentlich wetterhart und bewegungslustig. Noch mit vierundsechzig Jahren erwähnt er in einem Briefe an Christiane, daß er am Tage vorher sechs Stunden zu Pferde gewesen und daß es ihm gut bekommen sei. Noch als Achtundsiebzigjähriger setzte er sich Ende September an der Straße nach Berka zum Frühstück auf die Ecke eines Steinhaufens, der vom Frühtau noch feucht war. Das mache ihm nichts, antwortete er ruhig dem besorgten Eckermann. Und immer wieder nahm er sich auch in seinen letzten Jahren vor, recht viel im Freien zu sein. Sie wollten jede Woche einen Tag einem großen Ausfluge widmen, meinte er zu dem eben genannten Begleiter, und als er einige Tage später mit ihm an der Hottelstedter Ecke stand, die wegen ihrer weiten Aussicht von Weimar und Erfurt aus gern aufgesucht wird, meinte er: „Wir wollen künftig öfter hierherkommen. Man verschrumpft in dem engen Hauswesen. Hier fühlt man sich groß und frei wie die Natur, die man vor Augen hat und wie man eigentlich immer sein sollte.“  Im Greisenalter fuhr er natürlich, aber so lange es ging, schritt er weite Wege zu Fuß, immer ohne Stock. Beim Gehen durch die Felder schlenderte er die beiden Hände fast überzwerch und berief sich dafür auf die Tiere, die ja auch die Vorderfüße überzwerch setzen. Daß er sich sehr gerade hielt, ist schon gesagt; die Schultern zog er straff zurück; oft empfahl er seine frühzeitig angenommene Gewohnheit, die Hände hinter dem Rücken zu vereinigen. Auch hütete er sich vor allzu engen Kleidern, namentlich duldete er keinen Druck auf den Unterleib.

Es hat kaum einen Geistesarbeiter gegeben, der so wenig gesessen hat wie Goethe. Denn auch im Zimmer saß er möglichst wenig. Auch wenn er Gäste hatte, wußte er es einzurichten, daß sie bald ins Stehen und Gehen kamen; er ging mit ihnen im Garten auf und ab oder stand mit ihnen in einer Fensternische oder im Zimmer vor seinen Kunstschätzen. Und ebenso brachte er seine poetischen und wissenschaftlichen Arbeiten, seinen Briefwechsel u. s. w. im Stehen und Gehen fertig, da ihm das Diktieren so sehr zur Natur geworden war wie uns andern das Schreiben.

An seinem Geburtstage 1831, als er zweiundachtzig Jahre vollendete, sehen wir ihn zum letzten Male als den „Wanderer“, wie ihn in längstverflossener Jugend die Darmstädter Freundinnen getauft hatten. Es hatte ihn noch einmal nach Ilmenau gezogen. Am frühen Morgen fuhr er mit dem Berginspektor Mahn über Gabelbach auf den Gickelhahn. Auf dem Rondell erquickte er sich an der weiten Aussicht und gedachte der Gefährten, die einst mit ihm hier gestanden. „Dann — so erzählte nachher sein Begleiter — schritt er rüstig durch die auf der Kuppe des Berges ziemlich hochstehenden Heidelbeersträucher hindurch bis zu dem wohlbekannten zweistöckigen Jagdhause, welches aus Zimmerholz und Bretterbeschlag besteht. Eine steile Treppe führt in den oberen Teil; ich erbot mich ihn zu führen, er aber lehnte es mit jugendlicher Munterkeit ab.“ Was er suchte, war das am 6. September 1780 von ihm auf die südliche Innenwand des Jagdhäuschens geschriebene Gedicht: Über allen Wipfeln ist Ruh. „Er überlas die wenigen Verse, und Tränen flossen über seine Wangen. Ganz langsam zog er sein schneeweißes Taschentuch aus seinem dunkelbraunen Tuchrock, trocknete sich die Tränen und sprach in sanftem, wehmütigem Ton: „Ja, warte nur, balde ruhest du auch!“

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Soviel Goethe auch den menschlichen Körper studierte, so hütete er sich doch, in die Aufgaben des Arztes einzugreifen. Zwar schrieb er einmal an Meyer : „Man ist übel daran, daß man den Ärzten nicht recht vertraut und doch ohne sie sich gar nicht zu helfen weiß.“ Aber er lobte doch seine Ärzte gern. Der Satz, daß die Ärzte unseres Lebens Dauer um keinen Tag verlängern können, gehörte zu seinem religiösen Glauben; „wir leben so lange es Gott bestimmt hat,  aber es ist ein großer Unterschied, ob wir jämmerlich wie arme Hunde leben, oder wohl und frisch, und darauf vermag ein kluger Arzt viel.“ So sprach er 1827, und drei Jahre später, als er sich beständig wohl befand: „Daß ich mich jetzt so gut halte, verdanke ich Vogel; Vogel ist zum Arzt wie geboren und überhaupt einer der genialsten Menschen.“  Dr. Vogel aber erzählte von ihm: „Die ächten Jünger der Heilkunst achtete Goethe ungemein hoch, er war ein dankbarer und folgsamer Kranker. Konsultationen mehrerer Ärzte betrachtete er mit Mißtrauen. Er sprach gern mit dem Arzt über die Krankheit und verstand sehr viel davon.“ Ein wenig neigte er zu dem, was wir jetzt als Naturheilmethode kennen; in einem Briefe von Lauchstädt aus  rühmt er zuerst „das auf Starkens Anraten“ gebrauchte „Tusch-Bad“ und das auf Reils Empfehlung genommene Eger-Wasser. Er fährt dann fort: „An Reil habe ich einen sehr bedeutenden Mann kennen lernen; er beobachtete meine Übel vierzehn Tage ohne ein Rezept zu verschreiben, als etwa eins, das er selbst für palliativ erklärte. Tröstlich kann es für mich sein, daß er gar keine Achtung vor meinen Gebrechen haben will und versichert, das werde sich alles ohne großen medizinischen Aufwand wieder herstellen.“ Ebenso wußte Goethe, daß in den Bädern, die er regelmäßig im Sommer besuchte, nicht nur von ihren Quellen heilende Kraft ausging, sondern mehr noch von dem erfrischenden geselligen Leben in der Natur, von der größeren Unvorsichtigkeit im Umgange mit ihr. „Übrigens mutet man sich hier viel mehr zu als zuhause,“ heißt es in einem Karlsbader Briefe an Christiane.  „Man steht um fünf Uhr auf, geht bei jedem Wetter an den Brunnen, spaziert, steigt Berge, zieht sich an, macht Aufwartung, geht zu Gaste und sonst in Gesellschaft. Man hütet sich weder vor Nässe, noch Wind, noch Zug und befindet sich ganz wohl dabei.“ 

Aber die Jünger von Prießnitz und Kneipp werden mit Bedauern lesen, daß er sich 1831 energisch für den Impfzwang aussprach,  da die wenigen Fälle, wo das Impfen nichts nütze oder gar schade, gegen die unabsehbaren Wohltaten des Gesetzes verschwinden. 

Wie er sich in kranken Tagen gegen die Ärzte und gegen seine Mitmenschen verhielt, ist uns durch manche Berichte bekannt. Zwar an Widersprüchen fehlt es darin nicht. „Seine entsetzliche Ungeduld und Weichlichkeit beim Hustenanfall“ erwähnt der Kanzler am 17. November 1823; aber als Eckermann ihn in denselben Tagen trösten wollte, erwiderte er: „Ach, ungeduldig bin ich nicht, ich habe schon zu viel solcher Zustände durchlebt und habe schon gelernt, zu leiden und zu dulden.“ — „Ich werde gar nicht zu Bette gehen,“ fuhr er fort, „ich werde so auf meinem Stuhle die Nacht sitzen bleiben, denn zum Schlaf komme ich doch nicht.“ 

Eine seiner Krankheiten, die tödlich zu sein schien, hat uns der Kanzler v. Müller ausführlich beschrieben. Es war im Februar 1823. Am Elften war er schon hustend und leidend, doch erst am Siebzehnten klagte und jammerte er sehr über fortwährende Schmerzen und Ermattung.

Er hatte einen äußerst heftigen Fieberfrost gehabt, der ihn über zwei Stunden lang durchschüttelt hatte. Als er etwas Wein zu trinken verlangte, wagte man es nicht zu gestatten. „Was muß der arme Teufel leiden, wie krank bin ich, kränker als in vielen Jahren!“ rief er einmal über das andere aus. „Die Götter halten uns hart in solchen kranken Tagen, und doch auch nicht gar sonderlich in den
gesunden.“ Die Kammer, worin er lag, war ganz dunkel, seine Hand kalt, alles umher unheimlich. Am nächsten Tage erklärten die Ärzte Rehbein und Huschke seinen Zustand für höchst gefährlich, er habe Herzentzündung. Auch nach einem Aderlaß sagten sie, daß die Wahrscheinlichkeit seiner Rettung nur wie 2:10 sei. Die nächsten vier Tage wechselten Besserung und Verschlimmerung immerfort ab. Er war öfters betäubt, phantasierte mitunter halb und halb, doch dazwischen war er auch wieder teilnehmend und verständig. Seinem Enkel Wolf sang er sogar ein Liedchen vor. Öfters äußerte er sein Bedauern, daß die Arbeiten liegen blieben. „Und doch ist die Anzeige der neuesten Boisseréeschen Lieferungen so dringend, die muß ich ja rühmen und beloben.“ Zu seinem Diener Stadelmann sprach er einmal leise: „Du glaubst nicht, wie elend ich bin, wie sehr krank.“ Den Ärzten gab er öfters auf, sich über seinen Zustand zu bedenken, indem er einigen Unglauben an ihre Kunst merken ließ. „Treibt nur eure Künste, das ist alles recht gut; aber ihr werdet mich doch wohl nicht retten.“ Mehrmals verlangte er ein warmes Bad, das man jedoch für zu gewagt hielt. Einmal, als die Ärzte sich leise miteinander beredet halten, sagte er: „Da gehen die Jesuiten hin, beraten können sie sich wohl, aber nicht raten und retten.“ Er jammerte, daß jeder ihm willkürlich verfluchtes Zeug zu schlucken gebe und daß man die guten Kinder Ottilie und Ulrike mißbrauche, es ihm beizubringen. Sobald er sich momentan erleichtert fühlte, wollte er gleich, daß seine Schwiegertochter ihrer gewohnten geselligen Weise nachgehen, den Hof oder das Theater besuchen sollte. Jede Dienstleistung erwiderte er durch ein dankbares artiges Wort oder eine verbindliche Bewegung. „Nun, ihr Seidenhäschen, wie schleicht ihr so leise herbei,“ begrüßte er Ottilie einmal. Zu Ulriken sagte er: „Ach, du glaubst nicht, wie die Ideen mich quälen, wie sie sich durchkreuzen und verwirren.“ Am Sonntag, den 23. Februar, war er am schlechtesten und in Jena sagte man ihn bereits tot. Einmal soll er geseufzt haben: „O du christlicher Gott, wie viele Leiden häufst du auf deine armen Menschen, und doch sollen wir dich in deinen Tempeln dafür loben und preisen!“

Auch die Nacht zum Montag war sehr schlecht. Als der Nachmittag kam, wurde er sehr heftig gegen die Ärzte und befahl mit Ungestüm, ihm Kreuzbrunnen zu geben. „Wenn ich nun doch sterben soll, will ich auf meine eigene Weise sterben.“ Er trank auch wirklich ein Fläschchen mit sichtbar gutem Erfolge. Gegen Abend war er ziemlich kräftig, er ließ sich den ganzen Hergang seiner Krankheit schildern und sprach von ihr wie von einer fremden, abgeschlossenen Sache. Er triumphierte, daß sein scharfer Geschmack etwas Anis in seiner Arznei entdeckt habe und daß man sich, weil ihm diese Kräuter stets verhaßt gewesen, zur Umänderung des Rezepts entschlossen. Mit Wohlgefallen hörte er, daß man ihm Arnika geben wolle, und hielt ganz behaglich eine kleine botanische Vorlesung über diese Blume, die er in Böhmen häufig und sehr schön getroffen. Sehr oft fragte er, wer alles von Freunden dagewesen, sich nach ihm zu erkundigen. „Das ist sehr artig von den guten Leuten.“ Er wurde sichtbar besser, trieb die Seinigen zur Ruhe, sie sollten sich selbst bedenken; für das Wenige, was er bedürfe, sei ja gesorgt. „So habe ich doch nicht alle eure Feste gestört.“ Die Hoffnung kehrte ihm selbst wieder. „Morgen werde ich ordentlich den Kreuzbrunnen wieder trinken und dann bald wieder ein ordentlicher Mensch mit Folge werden.“ Er fragte, ob man sein Tagebuch fortgesetzt, und jammerte, daß es nicht geschehen. Die Seinigen betrachteten jedoch seine Munterkeit nur als ein letztes Aufflackern seines Lebens, besonders seine kalten Extremitäten beunruhigten sie. Aber am nächsten Tage war er besser und nach weiteren zwei Wochen Mattigkeit war er wieder ganz gesund. — — 

Als endlich im März 1832 ihn wirklich die letzte Krankheit erfaßte, da gab es einen gräßlichen Todeskampf. „Fürchterliche Angst und Unruhe — so erzählt Dr. Vogel — trieben den seit lange nur in gemessener Haltung sich zu bewegen gewohnten, hochbejahrten Greis mit jagender Hast bald ins Bett, wo er durch jeden Augenblick veränderte Lage Linderung zu erlangen vergeblich suchte, bald auf den neben dem Bette stehenden Lehnstuhl. Der Schmerz, welcher sich mehr und mehr auf der Brust festsetzte, preßte dem Gefolterten bald Stöhnen, bald lautes Geschrei aus. Die Gesichtszüge waren verzerrte, das Antlitz aschgrau, die Augen tief in ihre lividen Höhlen gesunken, matt trübe; der Blick drückte die gräßlichste Todesangst aus.“ Aber die letzten Stunden am 22. März waren still und friedlich. In seinen Phantasien sah er bald einen Brief Schillers auf dem Boden liegen, bald einen schönen weiblichen Kopf mit schwarzen Locken in prächtigem Kolorit auf dunklem Hintergrunde als Malerei vor sich. Gegen Mittag legte er sich ohne das geringste Zeichen des Schmerzes bequem in die linke Seite des Lehnstuhls und verschied. 

Noch seine Leiche bezeugte, daß er ein gesundes Leben geführt hatte. Der treue literarische Gehilfe Eckermann ließ sich vom treuen Diener Friedrich in das Zimmer führen, wo man ihn hingelegt hatte. „Auf dem Rücken ausgestreckt ruhte er wie ein Schlafender; tiefer Friede und Festigkeit waltete auf den Zügen seines erhaben-edeln Gesichts. Die mächtige Stirn schien noch Gedanken zu hegen ... Friedrich schlug das Tuch auseinander, und ich erstaunte über die göttliche Pracht dieser Glieder. Die Brust überaus mächtig, breit und gewölbt; Arme und Schenkel voll und sanft muskulös; die Füße zierlich und von der reinsten Form, und nirgends am ganzen Körper eine Spur von Fettigkeit oder Abmagerung und Verfall. Ein vollkommener Mensch lag in großer Schönheit vor mir, und das Entzücken, das ich darüber empfand, ließ mich auf Augenblicke vergessen, daß der unsterbliche Geist eine solche Hülle verlassen. Ich legte meine Hand auf sein Herz — es war überall eine tiefe Stille — und ich wendete mich ab, um meinen verhaltenen Tränen freien Lauf zu lassen.“

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