> Gedichte und Zitate für alle: Wilhelm Bode: Goethes Lebenskunst: 6. Geselligkeit. (9)

2019-12-03

Wilhelm Bode: Goethes Lebenskunst: 6. Geselligkeit. (9)



6. Geselligkeit. 

Wie vorsichtig und zurückhaltend Goethe gegen Fremde sein mußte, ist uns bekannt; ganz anders erscheint er uns im Kreise von bewährten Bekannten und Freunden. Besonders in jüngeren Jahren war er der geselligste Mensch, ein wahrer Bezauberer seiner Umgebung. Wir haben Verse von Wieland, die seinen Einzug in Weimar schildern:

Mit einem schwarzen Augenpaar, 
Zaubernden Auges voll Götterblicken, 
Gleich mächtig zu töten und zu entzücken, 
So trat er unter uns, herrlich und hehr, 
Ein echter Geisterkönig daher! — — 
So hat sich nie in Gottes Welt 
Ein Menschensohn uns dargestellt, 
Der alle Güte und alle Gewalt 
Der Menschheit so in sich vereinigt! 
So feines Gold, ganz innerer Gehalt, 
Von fremden Schlacken so ganz gereinigt! — — 
Das laß mir einen Zauberer sein! 
Wie wurden mit ihm die Tage zu Stunden! 
Die Stunden wie augenblicks verschwunden! 
Und wieder Augenblicke so reich! 
An innerem Werte Tagen gleich! 
Was machte er nicht aus unsern Seelen? 
Wer schmelzt wie er die Lust in Schmerz? 
Wer kann so lieblich ängsten und quälen? 
In süßeren Träumen zerschmelzen das Herz? 
Wer aus der Seelen innersten Tiefen 
Mit solch entzückendem Ungestüm 
Gefühle erwecken, die ohne ihn 
Uns selbst verborgen im Dunkeln schliefen?

— — — 

Und wenn wir dachten, wir hätten's gefunden, 
Und was er sei, nun ganz empfunden, 
Wie wurd' er so schnell uns wieder neu! 
Entschlüpfte plötzlich dem satten Blick 
Und kam in andrer Gestalt zurück. 
Ließ neue Reize sich uns entfalten, 
Und jede der tausendfachen Gestalten 
So ungezwungen, so völlig sein, 
Man mußte sie für die wahre halten! 
Nahm unsre Herzen in jeder ein, 
Schien immer nichts davon zu sehen, 
Und wenn er immer glänzend und groß 
Rings umher Wärme und Licht ergoß, 
Sich nur um seine Achse zu drehen.

In jener ersten Weimarischen Zeit besuchte einmal der alte Gleim aus Halberstadl seinen Freund Wieland, und ehe er Goethe kannte, nahm er an einer höfischen Gesellschaft teil. Da erbot sich ein feiner Jäger, ihn im Vorlesen aus dem neuesten Musenalmanach abzulösen, und bald las dieser Jäger das tollste, geistvollste, witzigste Zeug, das gar nicht auf den Blättern stand; sogar eine Fabel auf Gleim improvisierte er in Knittelversen. „Das ist entweder Goethe oder der Teufel!“ flüsterte der Halberstädter Gast Wieland zu. „Beides!“ gab jener zur Antwort.

Dieser Hexenmeister für fröhliche Gesellschaften, dieser liebenswürdigste Kamerad blieb Goethe nicht lange, oder vielmehr: was anfangs die Regel gewesen war, wurde bald zur Ausnahme. Es erheben sich auch unter den weimarischen Freunden bald Klagen über sein zugeknöpftes, allzu ernstes Wesen, und als er von der italienischen Reise wieder kam, erschien er vollends als ein Fremder. „Es ist vielen der nähern Freunde und Lebensgenossen Goethes begegnet, daß er ihnen nach seiner italienischen Reise ganz umgewandelt vorkam, ja, daß sie fast irre an ihm wurden, wenn sie jenen freien harmlosen Lebenssinn, jene unbefangene, zutrauliche, hinreißende Lebhaftigkeit, mit der sie ihn früher die verschiedenen Gegenstände ergreifen zu sehen gewohnt waren, nicht mehr an ihm zu gewahren glaubten. So kam er dem einen erkaltet, dem andern verschlossen oder selbstsüchtig, rätselhaft den meisten vor, und noch späterhin haben ähnliche Klagen nachgeklungen.“ So erzählt 1832 der liebenswürdige Kanzler v. Müller aus bester Kenntnis der Personen heraus. Die Ursache dieser Umwandlung war, daß Goethe um die Mitte seines Lebens mehr und mehr als die Summe seiner Erfahrungen zog: daß man sich nicht an die Welt verkaufen oder verschenken dürfe; auch die lieben Freunde und guten Bekannten sind nicht so viel wert, daß wir ihnen unsere Freiheit, unsere Eigenart, unsere Selbständigkeit im Denken und Handeln opfern dürfen. Sie möchten uns gar zu gern unser Genießen und Entbehren, unser Lieben und Hassen vorschreiben, sie versuchen immer wieder, zu schulmeistern und zu tyrannisieren. Man versteht leicht, daß Goethe oft genug Lust bekam, auch vor den Freunden seine Tür zu schließen. Zu dem gewöhnlichen Maß der Verdrießlichkeiten kam bei ihm namentlich hinzu, daß sein Herz in der Liebe zum andern Geschlecht durchaus nicht so fühlen wollte, wie das Herkommen es vorschreibt. Wer sich mit Nichtheiraten und Heiraten so gründlich gegen alles Hergebrachte vergeht, wie er es tat, wer so ungewöhnlich, also unsittlich fühlt und handelt, der wird von der Welt geächtet oder, wenn er ein Goethe ist, so wird er zwar nicht geächtet, bekommt aber doch genug Grund, seine Kreise immer enger zu ziehen. „Wenn Ihr mich lieb behaltet,“ schreibt er 1790 an Herders, „wenige Gute mir geneigt bleiben, mein Mädchen treu ist, mein Kind lebt, mein großer Ofen gut heizt, so hab ich vorerst nichts weiter zu wünschen.“ Aber 1797 denkt er in der Schweiz nur noch an sein Mädchen und sein Kind: „Ihr allein bedürft meiner, die übrige Welt kann mich entbehren.“ Und um dieselbe Zeit tröstet er seine Christiane: „laß die Leute reden, was sie wollen; du weißt ja die Art des ganzen Geschlechts, daß es lieber beunruhigt und hetzt als tröstet und aufrichtet.“

Doch dieses starre Abschließen von Freunden und Bekannten war ihm auf die Dauer nie gemäß; seine Abneigung gegen die Menschen reichte nur aus, ihn zeitweilig wie einen Menschenfeind, Menschenverächter, Einsiedler erscheinen zu lassen. Ein Freund wie Schiller konnte ihn bald wieder als den „kommunikabelsten aller Menschen“ ansehen, und wenn er einmal (1799) an Schiller schrieb, er wolle die Mauer, die er schon um seine Existenz gezogen habe, noch um einige Schuhe höher aufführen, so denkt und schreibt er doch um die gleiche Zeit an den gleichen Freund: „Sich, wie Wieland, gänzlich zu isolieren, ist auch nicht ratsam.“

Wer mit Goethe gesellig verkehrte, musste mit dieser Wandelbarkeit rechnen, diesem beständigen Kampfe zwischen Hingebung und Selbstverteidigung, aber er spürte stets, daß die Liebe die stärkere Kraft war. Stephan Schütze, der ihn namentlich im geselligen Kreise der Bankierswitwe Johanna Schopenhauer, der Mutter von Adele und Arthur Schopenhauer, beobachtete, schildert ihn uns, wie er dort erschien. „Das Merkwürdigste war, ihn fast jedesmal in einer anderen Stimmung zu sehen, so daß, wer ihn mit einem Male zu fassen glaubte, sich das nächste Mal gewiß gestehen mußte, daß er ihm wieder entschlüpft sei. Man hatte bald einen sanftruhigen, bald einen verdrießlich-abschreckenden — auch Kummer drückte sich bei ihm gewöhnlich durch Verdrießlichkeit aus —, bald einen sich absondernden, schweig samen, bald einen beredten, ja redseligen, bald einen episch-ruhigen, bald — wiewohl seltener — einen feurig-aufgeregten, begeisterten, bald einen ironisch-scherzenden, schalkhaft neckenden, bald einen zornig scheltenden, bald sogar einen übermütigen Goethe vor sich. — — Goethe übte gewiß eine Herrschaft über sich, wie leicht niemand; dennoch drang ein Nachhall der letzten Stunde oder die Laune des Augenblicks oftmals durch die feste Haltung hindurch, und als Gast ohne besondere Verpflichtung ließ er sich hier weit freier gehen als zu Hause, wenn er selbst Gäste empfing.“ — —

Schütze erzählt weiter: „Gewöhnlicherweise warf er weder mit Witz noch mit Ideen um sich, ja, er vermied diese sogar, sondern er gefiel sich meist im Ton einer heitern Ironie, die etwas zu loben schien, dessen Unhaltbarkeit sich so von selbst ergeben mußte ... Schnelle Kreuz- und Querzüge konnte er in der Unterhaltung nicht leiden ... Noch mehr liebte er, etwas ruhig durchzusprechen, wobei andere oft nur beipflichtend und fragend beförderlich waren, während er eigentlich nur das Gespräch führte und fortsetzte. Höher noch stieg seine Liebenswürdigkeit, wenn er ganz und gar einer epischen Stimmung sich hingab, wenn er z. B. einen römischen Karneval beschrieb oder sonst etwas von Italien erzählte. Hier konnte man stundenlang ihm zuhören und die ganze übrige Gesellschaft darüber vergessen. Die Ruhe, die Klarheit, die Lebendigkeit, der ans Komische hinstreifende, halb feierliche Ton, womit er schilderte und alles deutlich vor Augen stellte, flößten mit dem Reize der Unterhaltung zugleich ein großes Behagen, ein großes Wohlgefallen am Leben ein. So angenehm fesselnd indes auch seine Schilderungen waren, die höchste Glorie umleuchtete ihn erst in Augenblicken der Begeisterung, wenn ein lebhaftes Rot die Wangen überflog, deutlicher der Gedanke auf der erhabenen Stirn hervortrat, himmlischer noch die Strahlen seines Auges glänzten, und sein ganzes Antlitz sich zum Ausdruck einer göttlichen Anschauung verklärte. Es war dies namentlich der Fall, als er eines Abends (1807) Calderons „standhaften Prinzen“ vorlas. Bei der Scene, wo der Prinz als Geist mit der Fackel in der Nacht dem kommenden Heere voranleuchtet, wurde er so von der Schönheit der Dichtung hingerissen, daß er mit Heftigkeit das Buch auf den Tisch warf.“

Recht schön hat Heinrich Voß der Sohn des Homer-Übersetzers, gezeichnet, wie Goethe sich 1804 und 1805 in geselligem Kreise gab. „Es drückt sich in seinen Zügen bei aller Majestät so viel Güte und Wohlwollen aus,“ schreibt er im Frühjahr 1804 an Boie. „Nie aber ist er angenehmer und liebenswürdiger, als des Abends in seinem Zimmer, wenn er ausgezogen ist und entweder mit dem Rücken gegen den Ofen steht oder auf dem Sopha sitzt. Ja, da wird es unmöglich, sich ihm nicht hinzugeben. Ob es die Ruhe macht, die abendliche Stille, das Gefühl der Erholung von oft schweren Arbeiten, oder was es ist: da ist er am heitersten und gesprächigsten, am offensten und herzlichsten. Ja, Goethe kann die Herzlichkeit selbst sein. Dann hat sein manchmal furchterregender Blick auch alles Schreckhafte verloren.“

Aber auch von fröhlichen Gastmahlen weiß Voß mancherlei. „Als ich zum zweitenmal bei Goethe war, wurde gerade mein Doktordiplom ausgefertigt, und Goethen von Jena aus für mich zugeschickt. Mir verschwieg er's. August mußte nach Belvedere hingehn, um Lorbeer- und Zitronenzweige zu holen. Bei Tisch wußte ich noch nichts davon. Nach dem Essen sagte Goethe zur Vulpius: „Mein Kind! der Voß sieht mir noch so hungrig aus; man sollte doch das Gastrecht nicht verletzen und seinen Freunden wenigstens satt zu essen geben.“ Ich entschuldigte mich in demselben lustigen Ton, ich sei voll satt. Es half nichts; August mußte hinausgehn und den Nachtisch holen. Er kam wieder mit einer großen Schüssel, die er mir auf den Kopf setzte. Nun mußte ich versprechen, wenigstens noch einen Bissen zu essen, und vor mir hin wurde das Gericht gestellt. Denke Dir mein Erstaunen! Ich sah Goethe an und wußte nichts zu sagen. Nun wurde mir sehr herzlich von Goethe, August und der Vulpius zu meiner neuen Würde gratuliert, Goethe schloß mich in seine Arme und nannte mich zum erstenmal seinen „lieben Sohn“, ein schmeichelndes Wort, welches er nachher oft wiederholt hat. Gleich darauf stellte sich seine fröhliche Laune ein. „Es ist geraten,“ sagte er zur Vulpius, „daß wir des neuen Doktors Gesundheit in Champagner trinken.“ Sie mußte in den Keller und brachte den Göttertrank; wir hatten schon anderthalb Flaschen getrunken, aber dieser Nektar mußte doch

noch hinzu. Wir haben die Flaschen bis auf den letzten Tropfen geleert. Während dieser Operation wurde ich immer Doktor genannt, ich protestierte dagegen. „Nein,“ sagte Goethe, „heute bleibt Er's und morgen auch aus Strafe, daß Er Doktor geworden ist. Morgen Abend haben wir eine kleine Gesellschaft, wo auch der neue Doktor Bode sein wird; da soll der beiden Herren ehrenfeste Gesundheit getrunken und Euch der Doktor wieder abgenommen werden.“ Dann drückte er mir freundlich die Hand und sagte: „für uns sollen Sie der gute Voß bleiben.“ Unterdeß wirkte der Champagner. Ich ward nicht bloß selig, sondern überselig. — — Als wir aufstanden, war mir der Kopf ein bißchen schwerer als gewöhnlich, vielleicht Goethen auch; denn er war über die Maßen lustig. Wir gingen noch ein paar Stunden spazieren, und im Park hielt mir Goethe eine Vorlesung über die Naturgeschichte.“  Ein andermal waren mit Voß auch junge Damen geladen. „Es wurde bei Tisch gescherzt, gelacht, am Ende sogar die bunte Reihe hindurch geküßt, und Goethe war am lustigsten. Ich bat gegen das Ende der Mahlzeit den Hofmeister von Goethes August, mir einen Schlag zu geben mit den Worten: „Schicks weiter!“ Ich gab ihn meiner Nachbarin Silie und diese ihrem Nachbar, und so gings weiter bis zur Maaß, die neben Goethe saß. Die Maaß stutzte ein wenig, doch entschloß sie sich endlich, Goethe einen tüchtigen Klaps zu geben. Goethe drehte sich zu ihr und küßte sie und darauf seine andere Nachbarin mit den Worten: „schicks weiter!“ Die will durchaus nicht, wahrscheinlich, weil ihr der Nachbar nicht anstand. „Nun,“ sagte Goethe, „wenns nicht so herum will, muß es retour gehen,“ läßt sich wieder küssen, küßt wieder die Maaß und so gehts fort bis auf die kleine Silie, die mir den letzten Kuß gab. Nun denk Dir den armen Riemer, der neben mir saß und leer ausgehen mußte, weil bei mir die bunte Reihe aufhörte.“ 

Man kann sich denken, wie dankbar die Jüngeren für solche zu den Jüngern, sondern wie ein Freund zu dem Freunde spricht, eine Humanität, die seine Jünger nur fester an ihn kettet.“ Und begeistert fährt er fort: „Dem Manne verdanke ich ja fast eben so viel als meinen Eltern: er hat mir ja Mut und Selbstvertrauen in die Seele geflößt und weiß mir doch durch sein Beispiel immer die Bescheidenheit und ein edles Mißtrauen zu erhalten.“

Aus den nächsten Jahren haben wir noch ein paar gute Schilderungen vom lustigen Goethe. Der Historiker Luden war am 18. August 1806 mit ihm am Abendtisch bei Knebels in Jena.

„Anfangs wurde hin und her geplaudert in gewöhnlicher Weise; kaum aber mochte eine Viertelstunde verlaufen sein, so hatte Goethe es übernommen, die Gesellschaft zu unterhalten. Und er unterhielt sie auf eine bewunderungswürdige Weise; er erzählte Anekdoten und Abenteuer von seinen Reisen, im besonderen von seinem letzten Aufenthalte in Karlsbad, charakterisierte die Menschen auf das lebendigste, warf mit Scherzen und Witzworten um sich ... Die Gesellschaft wurde ungemein lebendig und brach zuweilen in ein schallendes Gelächter aus, nur dem Lachen der unsterblichen Götter vergleichbar. An diesem Lachen nahm Goethe selbst nur mäßigen Anteil, schien aber mit großer Lust in dasselbe hineinzuschauen ... „

Mehr als eine Anekdote, die von Goethe erzählt ward, ist mir noch im Gedächtnis. Aber sie zu erzählen wage ich nicht, jedenfalls würde das Anmutigste und Pikanteste fehlen: Goethes Augen, Stimme und Geberdenspiel, denn er erzählte nicht bloß, sondern stellte alles mimisch dar. Besonders kam er wiederholt auf zwei alte Gräfinnen, mit welchen er in Verkehr gebracht worden war. Sie hätten einen unermeßlichen Umfang gehabt und deswegen eine bewunderungswürdige Unbeweglichkeit gezeigt, sobald sie einmal Platz genommen. Dabei hätten sie eine große Geläufigkeit der Zunge behalten und ein endloses Geschwätz geführt. Ihre Stimme sei jungfräulich gewesen, sei aber oft, wenn sie lebhaft geworden oder das Gefühl ihrer Würde an den Tag zu legen für nötig gehalten, bald in ein artiges Krähen, bald in ein girrendes Zwitschern übergegangen. „Mir selbst,“ sagte Goethe, „waren die wunderlichen Kugelgestalten dieser Damen am merkwürdigsten. Ich konnte nicht begreifen, wie es einem Menschen, Mann oder Weib, gelingen könne, es zu einer solchen Masse zu bringen; auch hätte ich die Dehnbarkeit der menschlichen Haut nicht für so grenzenlos gehalten. Sobald ich aber die Ehre erhielt, einmal mit den edlen Damen zu speisen, wurde mir alles klar. Wir andern wissen doch wahrlich auch, was essen und trinken heißt, und ich denke, wir geben unserer vortrefflichen Wirtin einen schlagenden Beweis, aber ein solches Essen — vom Trinken sage ich nichts — überstieg doch meine Vorstellungen. Jede der beiden Damen nahm z. B. sechs harte Eier zum Spinat, schnitt jedes Ei in der Mitte durch und warf das halbe Ei mit so großer Leichtigkeit hinunter wie der Strauß ein halben Hufeisen.“ Noch eine Anekdote erzählt Luden mit Goethes eigenen Worten:

„In meiner Art auf und ab wandelnd, war ich seit einigen Tagen an einem alten Manne von etwa 78 bis 80 Jahren häufig vorübergegangen, der, auf sein Rohr mit goldenem Knopfe gestützt, dieselbe Straße zog, kommend und gehend. Ich erfuhr, es sei ein vormaliger hochverdienter General aus einem alten, sehr vornehmen Geschlechte. Einige Male hatte ich bemerkt, daß der Alte mich scharf anblickte, auch wohl, wenn ich vorüber war, stehen blieb und mir nachschaute. Indes war mir das nicht auffallend, weil mir dergleichen wohl schon begegnet ist. Nun aber trat ich einmal auf einem Spaziergang etwas zur Seite, um, ich weiß nicht was, genauer anzusehen. Da kam der Alte freundlich auf mich zu, entblößte das Haupt ein wenig, was ich natürlich anständig erwiderte, und redete mich folgendermaßen an:

„Nicht wahr, Sie nennen sich Herr Goethe?“
Schon recht.
„Aus Weimar?“
Schon recht.
„Nicht wahr, Sie haben Bücher geschrieben?“
O ja.
„Und Verse gemacht?“
Auch.
„Es soll schön sein.“
Hm!
„Haben Sie denn viel geschrieben?“
Hm! es mag so angehn.
„Ist das Versemachen schwer?“
So, so!
„Es kommt wohl halter auf die Laune an? ob man gut gegessen und getrunken hat, nicht wahr?“
Es ist mir fast so vorgekommen.
„Na, schauen S‘! da sollten Sie nicht in Weimar sitzen bleiben, sondern halter nach Wien kommen.“
Hab auch schon daran gedacht.
 „Na, schauen S‘! in Wien ists gut, es wird gut gegessen und getrunken.“
Hm!
 „Und man hält was auf solche Leute, die Verse machen können.“
Hm!
 „Ja, dergleichen Leute finden wohl gar, — wenn S‘ sich gut halten, schauen S‘ und zu leben wissen — in den ersten und vornehmsten Häusern Aufnahme.“
Hm!
 „Kommen S‘ nur! Melden S‘ sich bei mir, ich habe Bekanntschaft, Verwandtschaft, Einfluß. Schreiben S‘ nur: Goethe aus Weimar, bekannt von Karlsbad her. Das letzte ist notwendig zu meiner Erinnerung, weil ich halter viel im Kopfe habe.
Werde nicht verfehlen.
„Aber sagen S‘ mir doch, was haben S‘ denn geschrieben?“
Mancherlei, von Adam bis Napoleon, vom Ararat bis zum Blocksberg, von der Zeder bis zum Brombeerstrauch.
 „Es soll halter berühmt sein.“
Hm! Leidlich.
„Schade, daß ich nichts von Ihnen gelesen und auch früher nichts von Ihnen gehört habe! Sind schon neue, verbesserte Auflagen von Ihren Schriften erschienen?“
O ja! Wohl auch.
„Und es werden wohl noch mehr erscheinen?“
Das wollen wir hoffen.
„Ja, schauen S‘, da kauf‘ ich Ihre Werke nicht.
Ich kaufe halter nur Ausgaben der letzten Hand; sonst hat man immer den Ärger, ein schlechtes Buch zu besitzen, oder man muß dasselbe Buch zum zweitenmale kaufen; darum warte ich, um sicher zu gehen, immer den Tod der Autoren ab, ehe ich ihre Werke kaufe. Das ist Grundsatz bei mir, und von diesem Grundsatz kann ich halter auch bei Ihnen nicht abgehen.“
Hm!“

— — In ähnlicher lustiger Laune war Goethe am 15. August 1809 bei Griesbachs in Jena. Die jüngeren Damen wußten an einer weimarischen Schauspielerin allerlei auszusetzen. Goethe nahm ihre Partie und zeigte mit Wort und Geberde, wie, wenn man ihrem Körper hier ein weniges wegnähme, dort ansetzte u. s. w. eine gar stattliche Gestalt zutage kommen würde; das machte er so ernsthaft-komisch, daß der alte Wieland nicht aus dem Lachen kam; er bat wiederholt Goethen um Quartier, endlich kauerte er nieder und zog sich die Serviette über den Kopf und drückte sie gegen den Mund.

Goethe war von Haus aus ein wenig Schauspieler; in der Regel gab er sich zwar, stolz oder bescheiden, genau so, wie er war, aber oft machte es ihm doch auch Vergnügen, eine fremde Rolle zu spielen, oder nach Art des Schauspielers zu reden, um sich oder andern einen Spaß zu machen. Wir sahen das eben schon. Als einer seiner besten Freunde, Zelter aus Berlin, mit dem Wunderknaben Felix Mendelssohn im November 1821 bei ihm zu Gast war, wollte er den Felix schneller wieder entführen, als der weimarischen Jugend erwünscht war; auch Felix blieb lieber da, statt mit nach Jena und Leipzig zu gehn. Adele Schopenhauer schlug vor, daß sie alle zu Goethes hingehn, sich da dem Professor Zelter zu Füßen werfen und um ein paar Tage Aufschub flehn wollten. Und Goethe half ihnen. Zelter wurde in die Stube geschleppt, „und nun brach Goethe mit seiner Donnerstimme los, schalt Professor Zelter, daß er uns mit nach dem alten Nest nehmen wollte, befahl ihm, still zu schweigen, ohne Widerrede zu gehorchen, uns hier zu lassen, allein nach Jena zu gehn und wiederzukommen, und schloß ihn so von allen Seiten ein, daß er Goethes Willen tun wird. Nun wurde Goethe von allen bestürmt, man küßte ihm Mund und Hand, und wer da nicht ankommen konnte, der streichelte ihn und küßte ihm die Schultern, und wäre er nicht zu Hause gewesen: ich glaube, wir hätten ihn zu Hause begleitet wie das römische Volk den Cicero nach der ersten katilinarischen Rede.“

Hier sehen wir, wie seine Umgebung ihn liebte; ähnlich geliebt, aber feierlicher, erscheint er uns an einem Frühlingstage 1818 auf der Dornburg. Der Kanzler v. Müller, Karoline Freifrau v. Egloffstein und andere waren um ihn herum. „Sein großes Auge strahlte in milderem Glanze, und über seine schönen klassischen Züge war die reinste Heiterkeit verbreitet. Die starre Maske, welche er aus Verlegenheit und Konvenienz vorzuhalten pflegte, hatte er abgelegt und stand nun in seiner ganzen Erhabenheit vor uns.“ So Frau v. Egloffstein, und der Kanzler fährt fort: „Wir lauschten aufmerksam jedem Worte, das dem teuren Munde beredt entquoll, und waren möglichst bemüht, durch Gegenrede und Einwurf immer lebendigere Äußerungen hervorzulocken. Es war, als ob vor Goethes innerem Auge die großen Umrisse der Weltgeschichte vorübergingen, die sein gewaltiger Geist in ihre einfachsten Elemente aufzulösen bemüht war. Mit jeder neuen Äußerung nahm sein ganzes Wesen etwas Feierlicheres an, ich möchte sagen etwas Prophetisches. Dichtung und Wahrheit verschmolzen sich in einander und die höhere Ruhe des Weisen leuchtete aus seinen Zügen. Dabei war er kindlich mild und teilnehmend, weit geduldiger als sonst in Beantwortung unserer Fragen und Einwürfe, und seine Gedanken schienen wie in einem reinen ungetrübten Äther gleichsam auf und nieder zu wogen.

„Doch nur allzurasch entschlüpften so köstliche Stunden. „Laßt mich, Kinder,“ sprach er, plötzlich vom Stuhle aufstehend, „laßt mich einsam zu meinen Steinen dort unten eilen; denn nach solchem Gespräch geziemt dem alten Merlin, sich mit den Urelementen wieder zu befreunden.“ Wir sahen ihm lange und frohbewegt nach, als er, in seinen lichtgrauen Mantel gehüllt, feierlich ins Tal hinabstieg, bald bei diesem, bald bei jenem Gestein, oder auch bei einzelnen Pflanzen verweilend, und die ersteren mit seinem mineralogischen Hammer prüfend. Schon fielen längere Schatten von den Bergen, in denen er uns wie eine geisterhafte Erscheinung allmählich entschwand.“

✷✷✷

Goethe gehörte einigen gelehrten Gesellschaften und dem Freimaurer-Orden an, aber für sein geselliges Leben hatten diese Vereine keine sehr große Bedeutung. Freimaurer wurde er 1780, den Meistergrad erhielt er 1782, aber im selben Jahre wurde die Weimarer Loge Amalia, der er angehörte, wegen Systemstreitigkeiten geschlossen und in den nun folgenden Zeiten hatte Goethe vom ganzen Ordenswesen keine gute Meinung. Nur auf dringenden Wunsch des Herzogs half er 1808 bei der Erneuerung der Weimarer Loge mit. Es dauerte jedoch nicht lange, daß er bessere Eindrücke von den Arbeiten der Gesellschaft bekam; die tüchtigsten Männer der Stadt schlossen sich ihr in sehr großer Zahl an, sogar der alte Wieland wurde noch Logenbruder und einer der eifrigsten. Als er „in den großen Osten“ einging, hielt Goethe ihm in der Loge die bekannte schöne Gedächtnisrede. Zwei Jahre später, 1815, sah er seinen Sohn in den Orden eintreten, und aus dieser Zeit stammen die freimaurerischen Lieder des Dichters, besonders das „Symbolum“. Zweimal wählten die Brüder ihn zum „Meister vom Stuhl“, aber beide Male lehnte er ab. 1817 bat er, ihn vom Besuch der Logen zu entbinden, da er nicht regelmäßig kommen könne, aber auch nicht nachlässig erscheinen wolle. 

Gelegentlich ist er wohl noch manches Mal in dem vertrauten Kreise erschienen; bei seinem fünfzigjährigen Maurerjubiläum im Juni 1830 wurde er zum Gelegentlich ist er wohl noch manches Mal in dem vertrauten Kreise erschienen; bei seinem fünfzigjährigen Maurerjubiläum im Juni 1830 wurde er zum Ehrenmitgliede der Loge ernannt. Der Kenner von Goethes Werken weiß, daß namentlich im „Wilhelm Meister“ freimaurerische Gedanken deutlich werden. 

Die gelehrten und heiteren Vereine, die mit ihren Vorträgen, Beratungen, Jubiläen und Gelagen seinen Berliner Freund Zelter schon ähnlich in Anspruch nahmen wie uns Heutige, drangen damals noch nicht bis in seine stille Kleinstadt. So kommen für Goethes geselliges Leben nur kleine intime Vereinigungen in Betracht, die keinen Anspruch auf lange Dauer oder auf große Bedeutung für das Gemeinwohl erhoben. In „Dichtung und Wahrheit“ hat er uns ein paar lustige Vereine in Frankfurt und Wetzlar geschildert.  Um sich die zum alten deutschen Reichsgericht zugehörige Langeweile zu vertreiben, hatte sich seine Tischgesellschaft in Wetzlar als Ritterorden mit Heermeister, Kanzler und anderen hohen Beamten konstituiert; ein jeder trug einen Ritternamen, Goethe war natürlich Götz von Berlichingen. Man trieb die komischsten Sachen mit ernsthaftester Miene: eine Mühle wurde als Schloß, der Müller als Burgherr geehrt; was allen offenbar war, mußte als Geheimnis behandelt werden u. s. w. Eine Zeit lang machte es Goethen viel Spaß, diesen Unsinn noch weiter auszubilden. Als er dann nach Frankfurt zurückkehrte, trat er in einen Kreis von Freunden und Freundinnen wieder ein, die sich an ähnlicher Schauspielerei vergnügten. Schon in früheren Jahren waren sie einmal jede Woche zu Lande oder zu Wasser in die Umgegend gezogen, und damals hatte ein witziger Anführer mit Glück angeordnet, daß bei jedem Ausfluge die Paare ausgelost wurden, die sich während der Partie artig gegeneinander zu benehmen hatten; erst bei der allgemeinen Trennung durfte sich der wirkliche Liebhaber nahen, um seine Dame nach Hause zu führen. Jetzt, 1774, bestand diese Gesellschaft noch fort, und nun schlug ihr Anführer vor, daß alle acht Tage wieder gelost werde, aber nicht um liebende Paare, sondern wahrhafte Ehegatten zu bestimmen. Wie sich Liebende betragen, wüßten sie schon; nun aber müßten sie lernen, sich wie Ehegatten in Gesellschaft zu benehmen. So geschah es und es machte natürlich viel Spaß. Bei Goethen traf es der Zufall, daß er dreimal hintereinander ein recht liebes Mädchen, Anna Sibylla Münch, als Gattin zugewiesen erhielt, und wenn er nun auch als Gatte nicht neben ihr sitzen und nicht viel mit ihr sprechen durfte, so duzten sie sich doch und gewöhnten sich so daran, daß sie auch sonst dabei blieben. Als er eines Abends die Schrift des Beaumarchais gegen Clavigo vorlas, sprach seine „Gattin“ den Wunsch aus, daß aus diesem Stoffe ein Schauspiel werde; das nächste Mal brachte Goethe seinen Clavigo mit. 

An diese Jugendvereine mußte Goethe oft zurückdenken. Im Herbst 1801 erschien er plötzlich einmal in einer Damengesellschaft bei dem klugen, verwachsenen Hoffräulein Luise von Göchhausen, und begann vor den überraschten Damen alsbald eine Strafpredigt über die verderbte Geselligkeit, die jetzt herrsche. Mit den grellsten Farben schilderte er die Geistesleerheit und Gemütlosigkeit, die sich überall, besonders aber im geselligen Verkehr, bemerklich mache. Wieviel gemütlicher sei es doch früher gewesen! Seinen ganzen Zorn ergoß er über den Teufel der Hoffart, der die Genügsamkeit und den Frohsinn aus der Welt verbannt, dagegen aber die unerträglichste Langeweile eingeschmuggelt habe. Dann schlug er einen Reform-Verein vor und zwar eine cour d‘amour. Sein Vorschlag wurde angenommen und die phantastische Gesellschaft bildete sich: sieben Paare gehörten dazu: Goethe und Gräfin Henriette v. Egloffstein, v. Wolzogen und Schillers Gattin, Schiller und Frau v. Wolzogen, Kammerherr v. Einsiedel und Frau Hofmarschall v. Egloffstein, deren Gatte und Fräulein v. Wolfskeel, Hauptmann v. Egloffstein und Amalie v. Imhof, Heinrich Meyer und Fräulein v. Göchhausen. Es war ausgemacht, daß man jeden Mittwochabend nach dem Theater in Goethes Hause zusammenkommen wollte; die Damen sorgten für das Essen, die Herren für den Wein. Aber diese Gesellschaft wurde nicht so unterhaltend, wie man gehofft hatte, und man klagte über Goethes Steifheit, Pedanterie und Tyrannei. Als sich Kotzebue hineindrängen wollte, der Goethen höchst zuwider war, fehlte es auch nicht an Zwistigkeiten. 

Noch im Alter wünschte sich Goethe wieder eine ähnliche Vereinigung. Es war im Herbst 1823, wo er sich recht verlassen und gedrückt fühlte, zumal da seine „letzte Liebe“ ihm viel zu schaffen machte; eines Abends riet ihm der verständige Kanzler größere Geselligkeit an. Aber zu Hof mochte Goethe nicht gehn und so meinte er: „Sollte es nicht möglich sein, daß eine ein für allemal gebetene Gesellschaft sich täglich, bald in größerer, bald in kleinerer Zahl in meinem Hause zusammenfände? Jeder käme und bliebe nach Belieben, könnte nach Herzenslust Gäste mitbringen. Die Zimmer sollten von sieben Uhr an immer geöffnet sein, erleuchtet, Tee und Zubehör reichlich bereit sein. Man triebe Musik, spielte, läse vor, schwatzte, alles nach Neigung und Gutfinden. Ich selbst erschiene und verschwände wieder, wie der Geist es mir eingäbe. Und bliebe ich auch mitunter ganz weg, so dürfte dies keine Störung machen. Es kommt nur darauf an, daß eine unserer angesehensten Frauen gleichsam als Patronin dieses geselligen Vereins aufträte ... So wäre denn ein ewiger Tee organisiert ... Goethe vergaß diesen Plan schnell wieder; er war auch längst viel zu sehr Einspänner geworden. Wenn die Gelegenheit es gab, war er noch manchmal in fröhlicher Gesellschaft der herrschende Geist, aber je länger, je mehr beschränkte er sich auf die stillen Zusammenkünfte mit einem einzigen oder zweien der vertrauten Freunde und Gehilfen.



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