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2019-12-03

Wilhelm Bode: Goethes Lebenskunst: 7. Männerfreundschaften. (10)

Männerfreundschaften.


7. Männerfreundschaften.



Wäre Goethe nichts weiter gewesen als der Freund seiner Freunde, so müßten wir ihn zu den Edelsten und Nützlichsten unseres Volkes rechnen. Denn nicht wenige seiner besten Zeitgenossen fühlten sich von der persönlichen Bekanntschaft mit ihm emporgehoben und gefördert; einigen half er drei, vier, ja fünf Jahrzehnte und darüber als ihr guter Genosse, das Leben leichter zu tragen. Wäre er der Egoist gewesen, als den ihn seine grundsätzlichen Gegner heute noch verschreien, so hätten nicht so viele tüchtige Männer ihn mit dankbarer Liebe geliebt. 

Seinen Bund mit Schiller rechnen wir Deutschen zu dem, wofür wir als Nation dankbar sein müssen; Rietschels Standbild der beiden Freunde vor dem Hoftheater zu Weimar ist eines der wenigen volkstümlichen Denkmäler. Wer größer sei, Schiller oder Goethe, war zu ihren Lebzeiten mehr als heute ein beliebtes Thema: sie selber machten sich keine Gedanken darüber und genossen es freudig, daß sie aneinander sich bilden und noch höher wachsen konnten. Kotzebue suchte einmal Schiller auf Goethes Kosten zu verherrlichen, aber beide Freunde verhinderten seine geplante, bös gemeinte Schiller-Feier energisch. Und 1825 sagte Goethe: „Nun streitet sich das Publikum seit zwanzig Jahren, wer größer sei: Schiller oder ich, und sie sollten sich freuen, daß überall ein paar Kerle da sind, worüber sie streiten können.“  Des Freundes Gedächtnis hielt er stets in höchsten Ehren. Wenn etwa Holtei Schillers Bearbeitung des „Egmont“ tadelte, so erwiderte er: „Was wißt ihr, Kinder! Das hat unser großer Freund besser verstanden als wir.“  Ein wohlmeinender General gab Goethen einst den Rat, er solle doch, um ebenso populär zu werden, auch ähnlich schreiben wie Schiller. „Darauf setzte ich ihm Schillers Verdienste erst recht auseinander,“ erzählt Goethe, „denn ich kannte sie doch besser als er.“ 

Als Schiller einmal mit seinen Nachfolgern verglichen wurde,  brauchte Goethe ein drastisches Gleichnis. „Schiller mochte sich stellen, wie er wollte, er konnte gar nichts machen, was nicht immer bei weitem größer heraus kam als das Beste dieser Neuern; ja wenn Schiller sich die Nägel beschnitt, war er größer als diese Herrn.“ 

Auch über sich selbst stellte er den Freund zuweilen. „Schiller war ein ganz andrer Geselle als ich und wußte in der Gesellschaft immer bedeutend und anziehend zu sprechen.“  Das höchste Lob aber zollte er ihm in einem Briefe an Zelter.  Er sagt da, es sei Schillern eine Christus-Tendenz eingeboren gewesen. „Er berührte nichts Gemeines, ohne es zu veredeln. Seine innere Beschäftigung ging dahin. Es sind noch Manuskriptblätter da, ausgezeichnet von einem Frauenzimmer,  die eine Zeit lang in seiner Familie lebte. Diese hat einfach und treulich notiert, was er zu ihr sprach, als er mit ihr aus dem Theater ging, als sie ihm Tee machte und sonst; alles Unterhaltung im höheren Sinne, woran mich sein Glaube rührt: dergleichen könne von einem jungen Frauenzimmer aufgenommen und genutzt werden. Und doch ist es aufgenommen worden und hat genutzt; gerade wie im Evangelium: Es ging ein Säemann aus zu säen.“ 

Wie lieb er den spät gefundenen Freund im Leben hatte, lesen wir mit Rührung aus dem Berichte des jungen Voß vom Mai 1805. Man muß dabei bedenken, daß Goethe seine tiefsten Gefühle zu verbergen und gewaltsam zu verscheuchen stets bemüht war. „In der letzten Krankheit Schillers war Goethe ungemein niedergeschlagen. Ich habe ihn einmal in seinem Garten weinend gefunden; aber es waren nur einzelne Tränen, die ihm in den Augen blinkten: sein Geist weinte, nicht seine Augen, und in seinen Blicken las ich, daß er etwas Großes, Überirdisches, Unendliches fühlte. Ich erzählte ihm vieles von Schiller, das er mit unnennbarer Fassung anhörte. „Das Schicksal ist unerbittlich und der Mensch wenig!“ Das war alles, was er sagte und wenige Augenblicke nachher sprach er von heiteren Dingen. 

„Aber als Schiller gestorben war, war eine große Besorgnis, wie man es Goethen beibringen wollte. Niemand hatte den Mut, es ihm zu melden. Meyer war bei Goethen, als draußen die Nachricht eintraf, Schiller sei tot. Meyer wurde hinausgerufen, hatte nicht den Mut, zu Goethen zurückzukehren, sondern ging weg, ohne Abschied zu nehmen. Die Einsamkeit, in der sich Goethe befindet, die Verwirrung, die er überall wahrnimmt, das Bestreben, ihm auszuweichen, das ihm nicht entgehen kann — alles dieses läßt ihn wenig Tröstliches ermatten. „Ich merke es,“ sagt er endlich, „Schiller muß sehr krank sein,“ und ist die übrige Zeit des Abends in sich gekehrt. Er ahnte, was geschehen war; man hörte ihn in der Nacht weinen. Am Morgen sagte er zu einer Freundin: „Nicht wahr, Schiller war gestern sehr krank?“ Der Nachdruck, den er auf das „sehr“ legt, wirkt so heftig auf jene, daß sie sich nicht länger halten kann. Statt ihm zu antworten, fängt sie laut an zu schluchzen. 

„Er ist tot?“ fragt Goethe mit Festigkeit. — „Sie haben es selbst ausgesprochen,“ antwortete sie. „Er ist tot!“ wiederholte Goethe noch einmal und bedeckte sich die Augen mit den Händen. — 

„Um 10 Uhr sehe ich Goethe im Park gehen; ich hatte aber nicht den Mut, ihm zu begegnen. Drei Tage lang bin ich ihm ausgewichen. — — — 

„Jetzt spricht Goethe sehr selten von Schiller, und wenn er es tut, so sucht er die heiteren Seiten ihres schönen Zusammenlebens auf.“

Auch als der Großherzog Karl August unvermutet auf einer Reise gestorben war, hatte niemand den Mut, es Goethen zu sagen. In seinem Garten war gerade ein Konzert von Tyrolern, die Zither spielten und jodelten und den jungen Leuten besser gefielen als ihrem Meister. Die ganze Gesellschaft, der man die Nachricht zugeflüstert hatte, verschwand, so oder so, und Goethe konnte ihr Benehmen nicht begreifen, bis sein Sohn allein mit ihm war und ihm das Ereignis mitteilte. Eckermann besuchte ihn spät am Abend. „Schon ehe ich zu ihm ins Zimmer trat, hörte ich ihn seufzen und laut vor sich hinreden. Er schien zu fühlen, daß in sein Dasein eine unersetzliche Lücke gerissen worden. Allen Trost lehnte er ab und wollte von dergleichen nichts wissen. „Ich hatte gedacht,“ sagte er, „ich wollte vor ihm hingehn; aber Gott fügt es, wie er es für gut findet, und uns armen Sterblichen bleibt weiter nichts, als zu tragen und uns emporzuhalten, so gut und so lange es gehn will.“ 

Anfangs war Goethe fast in allen Dingen der Mentor des jungen, wilden Fürsten gewesen; mit der Zeit aber hatte sich das geändert, Karl August wurde ein Anderer, Goethe bekam allmählich großen Respekt vor ihm, und sie standen sich bald als zwei geistig Gleiche gegenüber, von denen der Ältere wohl in jenen Aufgaben überlegen war und sich deshalb Urteil und Entscheidung vorbehielt, die wir jetzt dem Kultusministerium unterstellen, während der jüngere Fürst in allen übrigen Gebieten des politischen Lebens selbständig und seines Freundes Autorität wurde. Sie hatten beide Grund, sich einander vollständig anzuvertrauen, einander große Macht einzuräumen. In den ersten Tagen schon hatte der fürstliche Jüngling Goethes Wert erkannt, und es ist eine Lust, seine entschiedene Freundschaft für den Frankfurter Belletristen zu sehn, gegen den der alteingesessene Adel doch viel einzuwenden wußte. Der erste Beamte des Landes, Minister v. Fritsch, erklärte am 24. April 1776, daß er in einem Kollegio, dessen Mitglied gedachter Dr. Goethe werden solle, nicht länger sitzen könne. Darauf antwortete Karl August ebenso entschieden: „Wäre der Dr. Goethe ein Mann eines zweideutigen Charakters, würde ein Jeder Ihren Entschluß billigen; Goethe aber ist rechtschaffen, von einem außerordentlich guten und fühlbaren Herzen ... Sein Kopf und Genie ist bekannt ... Was das Urteil der Welt betrifft, welche mißbilligen würde, daß ich den Dr. Goethe in mein wichtigstes Kollegium setzte, ohne daß er zuvor weder Amtmann, Professor, Kammer- oder Regierungsrat war, dieses verändert garnichts; die Welt urteilt nach Vorurteilen, ich aber und jeder, der seine Pflicht tun will, arbeitet nicht, um Ruhm zu erlangen, sondern um sich vor Gott und seinem eignen Gewissen rechtfertigen zu können.“ Diese Verehrung Goethes zeigte Karl August auch fernerhin gern. Als er 1789 bei seinem preußischen Kürassier-Regimente in Halberstadt seinen militärischen Neigungen sich hingab, führte er Goethes Bild als Siegel. „Wer dieses Petschaft mit demjenigen Respekt braucht, welchen es verdient, wird gewiß nicht leicht etwas Schlechtes in die Welt schicken.“ Und Goethe erwiderte solche Freundschaft mit dankbarem Herzen. Der sonst so stolze und selbstherrliche Mann wurde aus tiefster Überzeugung Karl Augusts Diener. Nach manchen gemeinsamen Erlebnissen und nach der Krisis, die die italienische Reise für Goethe bedeutete, schrieb er aus Italien an den fürstlichen Freund: „Wie Sie mich bisher getragen haben, sorgen Sie ferner für mich. Sie tun mir mehr wohl, als ich selbst kann, als ich wünschen und verlangen darf. Ich habe ein so großes und schönes Stück Welt gesehen, und das Resultat ist: daß ich nur mit Ihnen und den Ihrigen leben mag.“ Und ebenso gestand Goethe noch in alten Tagen oft, wie gern er sich von Karl August leiten lasse. Als er 1815 mit Sulpiz Boisserée von Karlsruhe nach Heidelberg fuhr, sprach Goethe davon, wie leicht Andere ihn beeinflussen könnten, daß einige unheilvoll für ihn wären, andere ihm Glück brächten. Alle entschiedenen Naturen seien ihm Glück bringend. Vom Herzog lasse er sich gern influenzieren, denn er bestimme ihn immer zu etwas Gutem und Glücklichem. „Ich leugne nicht, er hat mir anfänglich manche Not und Sorge gemacht,“ sagte Goethe 1828 zu Eckermann. „Doch seine tüchtige Natur reinigte sich bald und bildete sich bald zum besten, so daß es eine Freude wurde, mit ihm zu leben und zu wirken.“ 

Und weiter: „Er hatte die Gabe, Geister und Charaktere zu unterscheiden und jeden an seinen Platz zu stellen. Das war sehr viel. Dann hatte er noch etwas, was ebensoviel war, wo nicht noch mehr: er war beseelt von dem edelsten Wohlwollen, von der reinsten Menschenliebe, und wollte mit ganzer Seele nur das Beste. Er dachte immer zuerst an das Glück des Landes und ganz zuletzt ein wenig an sich selber. Edeln Menschen entgegenzukommen, gute Zwecke befördern zu helfen, war seine Hand immer bereit und offen. Es war in ihm viel Göttliches. Er hätte die ganze Menschheit beglücken mögen. Liebe aber erzeugt Liebe. Wer aber geliebt ist, hat leicht regieren. Und drittens: er war größer als seine Umgebung. Neben zehn Stimmen, die ihm über einen gewissen Fall zu Ohren kamen, vernahm er die elfte, bessere in sich selber.“ Eckermann dachte an das überaus schlichte Auftreten des berühmten Fürsten. „Ich sehe ihn noch immer auf seiner alten Droschke, im abgetragenen grauen Mantel und Militärmütze und eine Cigarre rauchend, wie er auf die Jagd fuhr, seine Lieblingshunde nebenher. Ich habe ihn nie anders fahren sehen als auf dieser unansehnlichen alten Droschke, auch nie anders als zweispännig. Ein Gepränge mit sechs Pferden und Röcke mit Ordenssternen scheinen nicht sehr nach seinem Geschmack gewesen zu sein.“ 

„Übrigens hing die alte Droschke des Großherzogs kaum in Federn,“ erwiderte Goethe, „wer mit ihm fuhr, hatte verzweifelte Stöße auszuhalten. Aber das war ihm eben recht. Er liebte das Derbe und Unbequeme und war ein Feind aller Verweichlichung.“

Die letzten Festtage der Freundschaft zwischen Fürst und Dichter waren ihre Jubiläen. Am 3. September 1825 waren für Karl August fünfzig Jahre seiner Regierungszeit abgelaufen; Goethe war an jenem Tage der erste Gast im „römischen Hause“ des Parkes. Nach stummer Umarmung traten beide an ein Fenster und Karl August dachte an einen Vers aus den Tagen, wo sie beide als Jünglinge in Tiefurt fröhlich waren: 

Nur Freundeslieb 
Und Lust und Licht! 
Verzage nicht, 
Wenn das nur blieb! 

Als dann am 7. November desselben Jahres der Tag kam, wo Goethe vor einem halben Jahrhundert in Weimar eingezogen war, ließ Karl August an die Straßenmauern einen Erlaß an den Geheimrat und Staatsminister von Goethe anschlagen, in dem er öffentlich dankte für „die Treue, Neigung und Beständigkeit seines Jugendfreundes,“ und in dem er erklärte: „seinem umsichtigen Rat, seiner lebendigen Teilnahme und stets wohlgefälligen Dienstleistungen verdanke ich den glücklichen Erfolg der wichtigsten Unternehmungen, und ihn für immer gewonnen zu haben, achte ich als eine der höchsten Zierden meiner Regierung.“ — — —

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Die herzlichste Liebe und das aufrichtigste Vertrauen hat Goethe jedoch einem Manne entgegengebracht, der kein Fürst eines Landes und kein Fürst des Geistes war: einem ehemaligen Maurergesellen, der sich durch sein musikalisches Talent zu einer Doppelstellung als Maurermeister und Leiter eines Gesangvereins emporgearbeitet hatte: dem Berliner Karl Friedrich Zelter . Schließlich brachte Zelter es zum Professor der Musik und anderen Ämtern und Ehren, und nicht bloß weil er ein prächtiger, tüchtiger Mensch war, sondern auch weil man ihn in Berlin als „Goethes Freund“ kannte und ihn als Ministerresidenten der weimarischen Großmacht zu achten hatte. Wer den Briefwechsel zwischen Goethe und Zelter, den Riemer in sechs Bänden herausgegeben hat, liest, fragt bald nicht mehr, warum der berühmte Dichter sich just den musizierenden Maurermeister zum Freunde auserwählte. Goethe liebte in Zelter den ihm bequemen Lehrer und Berater in musikalischen Dingen, den ihm am besten verständlichen Komponisten von hunderten seiner Lieder, den Gesinnungsgenossen in Kunst- und Lebensfragen, den dankbarsten Schüler, den schwärmerischsten Anbeter, den echten Berliner mit der derben, drolligen Ausdrucksweise, den witzigen Aufheiterer seines oft zu allzugroßem Ernste neigenden Geistes. Und Goethe wußte auch, daß in diesem Briefwechsel Zelter die wertvolleren und besser geschriebenen Briefe hergab. Nicht nur jeder Besuch, sondern auch mancher Brief Zelters war Goethen eine Festesfreude. Was aber Goethe seinem Freunde war, hat dieser hundertmal mit Dank gerühmt. Am 15. Juli 1803 schrieb der einsame vierzigjährige Zelter aus seiner Zwitterstellung zwischen Handwerk und Kunst nach Weimar: „Alles um mich her in dieser großen Stadt lebt von dem, was es liebt, und ihm ist wohl bei dem, was es treibt. Ich darf nicht einmal dreist sagen, was ich liebe, und was ich bin, soll ich nicht sein. Was ich so machen kann, wie es keiner macht, verlangt keiner, und was die meisten wenigstens ebenso gut als ich können, gibt mir ein saures Brot ... So viele Jahre habe ich mit Anstrengung mein Innerstes meinen nächsten Nachbarn verhehlt, und Sie haben in der Ferne den Schleier hinweggezogen.“ Und am 17. Januar 1829 denkt derselbe Mann zurück an seinen ersten Besuch in Weimar und weiß nicht zu sagen, was ihm damals dort nicht gefallen hätte. „Ich war wie das Kalb, das aus der Kuh kommt, als wenn ich zum erstenmale die Sonne sähe. Ich hatte 54 Gesellen in Arbeit und 11 lebende Kinder zu Hause gelassen.“ Zwei Jahre nach der ersten Zusammenkunft sah er Goethen in Lauchstädt und „ich habe neue Lebenskraft getrunken,“ heißt es im nächsten Briefe.  „Ihre Nähe hat mich erwärmt, aufgeklärt, erhoben, befreit, und mir ist zu Mute, wie einem sein muß, den irgendein Bad oder Klima von einer schleichenden Krankheit befreit hat.“ 

Die größte Wohltat erwies Goethe seinem Freunde, als dessen Stiefsohn sich das Leben nahm. Da schrieb er ihm nicht nur Worte, die ihn mit dem Gestorbenen aussöhnen mußten, sondern er gab ihm statt des Sohnes sich selbst als Bruder. „Dein Brief, mein geliebter Freund“ ... begann er, der sich selbst mit Schiller nicht geduzt hatte, der nur zu wenigen Freunden aus weinfröhlicher Jugendzeit Du sagte, und er fuhr fort: „Über die Tat oder Untat selbst weiß ich nichts zu sagen. Wenn das Taedium vitae den Menschen ergreift, so ist er nur zu bedauern, nicht zu schelten. Daß aber Symptome dieser wunderlichen, so natürlichen als unnatürlichen Krankheit auch einmal mein Innerstes durchrast haben, daran läßt Werther wohl niemand zweifeln. Ich weiß recht gut, was es mich für Entschlüsse und Anstrengungen kostete, damals den Wellen des Todes zu entkommen, so wie ich mich aus manchem spätern Schiffbruch auch mühsam rettete und mühselig erholte.“ Das war ein echt goethischer Trost: auch ich bin ein schwacher Mensch, ich kann nicht richten. Und Zelter war entzückt:

„Mein süßer Freund und Meister! mein Geliebter, mein Bruder! Wie soll ich den nennen, dessen Namen immer auf meiner Zunge liegt, dessen Bild sich auf alles abspiegelt, was ich liebe und verehre! Wenn das Weimarische Couvert meine Treppe heraufwandert, gehen meinem Hause alle Sonnen auf. Die Kinder, die es kennen, reißen sich darum, wer von ihnen es mir bringen soll, um des Vaters Angesicht im Lichte zu sehn, und ich halte es dann lange uneröffnet, besehe es, ob es auch ist, was es ist, drehe es, drücke und küsse es.“ 

So dankbar-liebreich ließ Zelter sich noch manches Jahr hindurch vernehmen. „Schreib nur bald wieder. Wenn mir der Briefträger Deinen Brief bringt, macht er ein Gesicht, als wenn ich sein Mädchen wäre.“  Oder ernster: „Du hast (vom Schicksal) viel mehr erfahren und bist ein andrer Kerl; wir haben's aber auch nach unserm Maß genossen, dünn und dick, und Gott weiß, wie ich's getragen hätte, wenn Du nicht gewesen wärest, wenn Dein herkulisches Vorbild nicht vor mir einhergegangen wäre.“ Und als man in Berlin erzählte, Goethe sei auf den Tod krank, da bittet er:  „Wenn Du gehst, nimm mich mit, nimm den treuen Bruder mit!“ Und das war keine Phrase; als sein Meister vierzehn Jahre später wirklich die Augen schloß, da verglomm auch Zelters Lebensflamme; nach zwei Monaten lag auch er im Grabe.

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Als Ortsfreunde und häufige Hausgenossen Goethes kennen wir für sein Alter neben dem Kanzler v. Müller namentlich den Kunsthistoriker Meyer , den Gymnasialprofessor und Bibliothekar Riemer und den Litteraten Eckermann , den schon Zelter den „getreuen Eckart“ nannte. Zahn zeichnet sie uns in Karikatur, wie er sie im September 1827 an Goethes Tafel sah: „Um ihn saßen seine lebenden Lexika, die er bei Gelegenheit aufrief; denn er mochte sich nicht selber mit dem Ballast der bloßen Stubengelehrsamkeit beschweren. Riemer vertrat die Philologie, Meyer die Kunstgeschichte und Eckermann entrollte sich als ein endloser Zitatenknäuel für jedes beliebige Fach. Dazwischen lauschte er mit eingezogenem Atem den Worten des Meisters, die er wie Orakelsprüche sofort auswendig zu lernen schien. Meyer dagegen, den man wegen seiner schweizerischen Mundart den „Kunschtmeyer“ nannte, verweilte auf dem Antlitze seines alten Jugendfreundes mit rührenden Blicken, die ebensoviel Zärtlichkeit wie Bewunderung ausdrückten.“ Zwischen Goethe und Meyer war in der Tat ein rührend schönes Verhältnis. Goethe, der seine Freunde überhaupt gern lobte, hielt Meyers Kunstgeschichte für ein ewiges Werk und gab auf sein Urteil sehr viel. Er überschätzte ihn in seinem Fache ebenso wie Zeltern als Komponisten und Musikkritiker. Wenn er Meyern schalt, so war es im Scherz. „Wer mit mir umgehen will,“ sagte er 1827 einmal zu Meyer und Kanzler Müller, „muß zuweilen auch meine Grobianslaune zugeben und ertragen wie eines Andern Schwachheit und Steckenpferd. Der alte Meyer ist klug, sehr klug; aber er geht nur nicht heraus, widerspricht mir nicht, das ist fatal! Ich bin sicher, im Innern ist er zehnmal zum Schimpfen geneigter als ich und hält mich für ein schwaches Licht. Er sollte nur aufpoltern und donnern, das gäbe ein prächtiges Schauspiel!“ Aber wenn der alte Meyer auch nicht donnerte und polterte, so hatte ihn Goethe doch sehr lieb. Sein letzter Sekretär, Schuchardt, erzählt: „Die beiden Alten hatten sich zuletzt so in einander verschmolzen, daß einer ohne den andern nicht leben konnte. Oft saßen sie stundenlang nebeneinander, ohne ein Wort zu sprechen, schon von ihrem Beieinandersein befriedigt.“ Schon 1823 sagte Goethe von Meyer: „Den Tod dieses Mannes wünschte ich nicht zu überleben.“ Und als Goethe zuerst starb, da hatte auch Meyer keine Lebenskraft mehr; auch er folgte wie Zelter schon nach einigen Monaten dem berühmten Freunde.

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Als Jüngling, im Jahre 1773, hatte Goethe an Kestner, Lotte Buffs Bräutigam, einmal geschrieben: „Der Kreis von edlen Menschen ist das Werteste alles dessen, was ich errungen habe.“ Diese Hochschätzung der Freundschaft behielt er sein Leben lang bei, und er, der Zeitgeizige, hatte stets Zeit für das Leben mit seinen Freunden. Er arbeitete ihre Arbeiten mit, indem er sich alle Fragen, die sie beschäftigten, mit durch den Kopf gehen ließ. Und welch ein lebhaftes Schaffen ging in der Gelehrten-Republik Weimar-Jena vor sich! Im März 1797 schildert es Goethe von Jena aus seinem alten Freunde Knebel: „Schiller ist fleißig an seinem Wallenstein, der ältere Humboldt arbeitet an der Übersetzung des Agamemnon von Äschylus, der ältere Schlegel an einer des Julius Caesar von Shakespeare, und indem ich so sehr Ursache habe, über die Natur des epischen Gedichts nachzudenken“ — er gab damals „Hermann und Dorothea“ den Freunden zu lesen — „so werde ich zugleich veranlaßt, auch auf das Trauerspiel aufmerksam zu sein, wodurch denn manches besondere Verhältnis zur Sprache kommt. Dabei bringt noch die Gegenwart des jüngeren v. Humboldt, die allein hinreichte, eine ganze Lebensepoche interessant auszufüllen, alles in Bewegung, was nur chemisch, physisch und physiologisch interessant sein kann ... Nimmst Du nun dazu, daß Fichte eine neue Darstellung seiner Wissenschaftslehre im Philosophischen Journal herauszugeben anfängt, so wirst Du leicht sehen, daß man manchmal nicht wissen mag, wo einem der Kopf steht, besonders wenn noch reichliche Abendessen die Nacht verkürzen und die den Studien so nötige Mäßigkeit nicht begünstigen.“ 

Aus diesen Zeilen lesen wir heraus, was für Goethes Freundschaften kennzeichnend ist. Sie sind in hohem Maße Gemeinschaften zur Förderung in der Arbeit. „Das sicherste Mittel, ein freundliches Verhältnis zu hegen und zu pflegen, finde ich darin, daß man sich wechselweise mitteile, was man tut. Denn die Menschen treffen viel mehr zusammen in dem, was sie tun, als in dem, was sie denken.“ So schreibt er im Dezember 1798 an Herder, und gerade Herder, den er schon als Student zu verehren gelernt, den er nach Weimar gezogen, dem er auch in Geldnöten die besten Dienste geleistet hatte, gerade Herder ließ ihn so oft fühlen, wie Freundschaften nicht sein sollen. Im selben Briefe bittet ihn Goethe in zarten Andeutungen, von den Neigungen abzulassen, die die Freundschaft ersticken. „Wenn wir immer vorsichtig genug wären und uns mit Freunden nur von einer Seite verbanden, von der sie wirklich mit uns harmonieren, und ihr übriges Wesen weiter nicht in Anspruch nahmen, so würden die Freundschaften weit dauerhafter und ununterbrochener sein. Gewöhnlich aber ist es ein Jugendfehler, den wir selbst im Alter nicht ablegen, daß wir verlangen, der Freund solle gleichsam ein anderes Ich sein, solle mit uns nur ein Ganzes ausmachen, worüber wir uns dann eine Zeit lang täuschen, das aber nicht lange dauern kann.“ Deutlicher spricht sich Goethe in den Annalen von 1803 über das Gift aus, das diese Freundschaft vieler Jahre zerstörte: „Schon drei Jahre vor seinem Tode hatte ich mich von ihm zurückgezogen, denn mit seiner Krankheit vermehrte sich sein mißwollender Widerspruchsgeist und überdüsterte seine unschätzbare einzige Liebensfähigkeit und Liebenswürdigkeit. Man kam nicht zu ihm, ohne sich seiner Milde zu erfreuen, man ging nicht von ihm, ohne verletzt zu sein. Wie leicht ist es, irgendjemand zu kränken oder zu betrüben, wenn man ihn in heitern, offenen Augenblicken an eigene Mängel, an die Mängel seiner Gattin, seiner Kinder seiner Zustände, seiner Wohnung, mit einem scharfen, treffenden, geistreichen Wort erinnert. Dies war ein Fehler früherer Zeit, dem er aber nachhing, und der zuletzt jedermann von ihm entfremdete. Fehler der Jugend sind erträglich, denn man betrachtet sie als Übergänge, als die Säure einer unreifen Frucht; im Alter bringen sie zur Verzweiflung.“

Wenn Goethe es noch nötig gehabt hätte, von Herder hätte er es lernen können, daß das Hineinmischen in des Andern Angelegenheiten, das Raterteilen, Belehren und Kritisieren nicht zum Gedeihen der Freundschaft beiträgt. „Rat und Tat muß Jeder bei sich selber suchen,“ war sein Grundsatz. 

Aber wir dürfen Goethes Freundschaften auch nicht allzusehr als Arbeitsgemeinschaften betrachten. Wie wir andern, liebte er die Bekannten, die ihn fröhlicher stimmten — Zelter z. B. — oder die ihn am besten verstanden oder die ihm geistig verwandt oder in der Stellung zu Welt- und Zeitfragen seine Genossen waren. So mußte ihm Knebel , mit dem er von 1775 bis 1832 in Freundschaft verbunden war, schon deshalb als sein rechter Kamerad erscheinen, weil er, „ein ganz junger Mann von 83 Jahren,“ vom Altwerden so wenig wissen wollte wie Goethe. Mit 69 Jahren wurde Knebel noch einmal Vater, mit 85 Jahren übersetzte er den „Saul“ des Alfieri und zwei Jahre später gab er seine Lucrez-Übersetzung noch einmal heraus. Und wenn wir Goethes Gedächtnisrede auf Wieland lesen, so bemerken wir, wie Goethe, bewußt oder unbewußt, sein eigenes Wesen und sein eigenes Streben in diesem ersten Mitglieds des weimarischen Musenhofes liebte. „Reizbarkeit und Beweglichkeit, Begleiterinnen dichterischer und rednerischer Talente, beherrschten ihn in einem hohen Grade; aber eine mehr angebildete als angeborene Mäßigung hielt ihnen das Gleichgewicht.“ So heißt es da, und weiter: „Bei aller Lebensfülle, bei so starker Lebenslust, bei herrlichen innern Anlagen, bei redlichen geistigen Wünschen und Absichten fühlt er sich von der Welt verletzt und um seine größten Schätze bevorteilt. Nirgends kann er nunmehr in der Erfahrung wiederfinden, was so viele Jahre sein Glück gemacht hatte, ja der innigste Bestand seines Lebens gewesen war; aber er verzehrt sich nicht in eiteln Klagen, deren wir in Prosa und Versen von andern so viele kennen, sondern er entschließt sich zur Gegenwirkung. Er kündigt allem, was sich in der Wirklichkeit nicht immer nachweisen läßt, den Krieg an, zuvörderst also der platonischen Liebe, sodann aller dogmatisierenden Philosophie, besonders den beiden Extremen, der Stoischen und Pythagoreischen. Unversöhnlich arbeitet er ferner dem religiösen Fanatismus und allem, was dem Verstande exzentrisch erscheint, entgegen. Aber sogleich überfällt ihn die Sorge, er möge zu weit gehen, er möge selbst phantastisch handeln; und nun beginnt er zugleich einen Kampf gegen die gemeine Wirklichkeit. Er lehnt sich auf gegen alles, was wir unter dem Wort Philisterei zu begreifen gewohnt sind, gegen stockende Pedanterei, kleinstädtisches Wesen,

kümmerliche äußere Sitte, beschränkte Kritik, falsche Sprödigkeit, platte Behaglichkeit, anmaßliche Würde, und wie diese Ungeister, deren Namen Legion ist, nur alle zu bezeichnen sein mögen.“ „Er findet sich in der Klemme zwischen dem Denkbaren und Wirklichen, und indem er beide zu gewältigen oder zu verbinden Mäßigung anraten muß, so muß er selbst an sich halten und, indem er gerecht sein will, vielseitig werden.“ — „Wieland fürchtete nicht, durch Studien seiner Originalität Eintrag zu tun, ja schon früh war er überzeugt, daß, wie durch Bearbeitung schon bekannter Stoffe, so auch durch Übersetzung vorhandener Werke ein lebhafter, reicher Geist die beste Erquickung fände.“ — — „So sehr auch jederzeit sein Blick auf das Irdische, auf die Erkenntnis, die Benutzung desselben gerichtet schien, des Außerweltlichen, des Übersinnlichen konnte er doch, als ein vor züglich begabter Mann, keineswegs entbehren ... Indem er alles abzulehnen schien, was außer den Grenzen der allgemeinen Erkenntnisse liegt, außer dem Kreise dessen, was sich durch Erfahrung betätigen läßt, so konnte er sich doch niemals enthalten, gleichsam versuchsweise über die so scharf gezogenen Linien wo nicht hinauszuschreiten, doch hinüberzublicken und sich eine außerordentliche Welt, einen Zustand, von dem uns alle angeborenen Seelenkräfte keine Kenntnis geben können, nach seiner Weise aufzuerbauen und darzustellen.“ — — 

So spiegelte sich Goethe in dem heimgegangenen Freunde. 

Haben wir das Egoistische an Goethes Freundschaften hervorgehoben, so geschah es in seinem Sinne. Er, der Wahrhaftige, lehrt uns, daß der Egoismus unser aller, auch der Scheinheiligen, Erbteil ist, und er lehrt uns, daß ein weiser, wohlverstandener Egoismus dem Einzelnen und dem Ganzen am dienlichsten ist.


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