> Gedichte und Zitate für alle: Wilhelm Bode: Goethes Lebenskunst: 8. Der Frauenfreund. (11)

2019-12-04

Wilhelm Bode: Goethes Lebenskunst: 8. Der Frauenfreund. (11)



8. Der Frauenfreund.

Vom Männerfreunde schreiten mir nun zu dem Frauenliebhaber Goethe. So mancher glaubt und spricht es dem andern nach, Goethe sei ein rechter Schmetterling gewesen, der bald an dieser, bald an jener Mädchenblüte seinen Genuß suchte und immer die eine über die andere vergaß; oft wird auch von Wohlmeinenden der Vorwurf erhoben, daß der leider so begabte Dichter in diesem Punkte ein durchaus böser, verabscheuungswürdiger Mensch gewesen sei. „Da man nun an meinem Talente nicht rühren kann, so will man an meinen Charakter,“ sagte Goethe selber,  denn auch er kannte recht gut das Märchen, daß er in Sinnenlust versunken sei. Wer ihn wirklich kennt, weiß, daß er ein überaus ernster Mann war, dem nichts ferner lag, als mit ernsten Sachen zu spielen. Keine Schmetterlingsnatur war es, aus der das Wort floß: „Lieben heißt leiden, man kann sich nur gezwungen dazu entschließen, d. h. man muß nur, man will es nicht.“ 

94 Wollen wir Goethes Verhältnis zu den Frauen richtig beurteilen, so müssen wir bedenken, daß er von früher Jugend auf das andere Geschlecht gut kannte und richtig zu nehmen wußte, daß die Sitten damals andere waren als heute, daß er viel von Mädchen und Frauen angeschwärmt wurde, daß er selber ein starkes, oft leidenschaftliches Bedürfnis nach Liebe hatte, und endlich, daß ihm eine fast krankhafte Ehescheu eigentümlich war. Zu seiner Zeit verkehrten beide Geschlechter viel freier und häufiger miteinander als jetzt; das war selbstverständlich, weil man in kleinen Orten lebte, wo alle Leute einander kannten und mit einander verwandt waren; wir müssen an unsere Dorfsitten denken, wenn wir den gemütlichen, von Getue und Heuchelei viel freieren Verkehr zwischen Männern und Frauen des achtzehnten Jahrhunderts uns vorstellen wollen. Man war es nicht so gewöhnt, seine menschliche und geschlechtliche Natur zu verleugnen, wie es heute in den gebildeten Kreisen der Städte der gute Ton verlangt; man konnte nicht so leicht seine Sünden heimlich besorgen wie in der heutigen Menschenmasse. Dazu kam, daß gerade im Zeitalter der Aufklärung die äußere Form sich geringen Ansehens erfreute, daß die besten Geister die größte Freiheit der Persönlichkeit verlangten, jenes Recht, „das mit uns geboren ist“ und sich um veraltete Formen nicht kümmert. Auch die Ehe galt vielen der Besten als eine solche Form; nur die Liebe, nicht die offizielle Trauung, konnte einen Bund sittlich machen; wo die Liebe mangelte, erschien die Ehe unsittlich. Deshalb galt die Erleichterung der Ehescheidungen als ein großer Kulturfortschritt, deshalb erschien auch die Verletzung der Ehe, die Nichtbeachtung einer toten Form als eine sehr kleine Sünde. Eine Flasche Rosenwasser kann hohen Wert haben, die leere Flasche beachtet man kaum. „Es galt,“ sagt Varnhagen, „damals eine Religion der Liebe, in der jedes echte Gefühl als ein heiliges angesehen wurde, gegen das jeder Einspruch unberechtigt war.“ „Herder, der Generalsuperintendent von Weimar, fand nichts darin, mit dem Domherrn Dalberg und dessen Maitresse gemeinsam in einem Wagen auf Kosten Dalbergs durch Italien zu reisen; Hamann, der Magus des Nordens, das Haupt der Frommen, lebte ganz offen, ohne Anstoß zu erregen, im Konkubinat mit der Pflegerin seines Vaters, Anna Regina Schuhmacher, ganz zu schweigen von dem, was Fürsten sich mit Genehmigung der höchsten kirchlichen Behörden erlauben durften. Frau v. Branconi, die Geliebte des Herzogs von Braunschweig, erschien den Ersten jener Zeit als eine Zierde ihres Geschlechts. Der junge Schiller sieht nicht nur in Franziska von Hohenheim das Ideal aller Weiblichkeit, nein, er führt selbst die Figur der tugendhaften, bewunderungswürdigen Maitresse in die Litteratur ein, ohne irgendwo bei seinen Zeitgenossen Widerspruch zu finden.“  Demselben Schiller, den manche gern gegen Goethe als den Tugendhafteren ausspielen möchten, war es sehr angenehm, daß sein Verhältnis zu der verheirateten Charlotte v. Kalb vom weimarischen Hofe gleichsam anerkannt und daß er zusammen mit ihr von den Herzoginnen eingeladen wurde. Eben diesen weimarischen Hof beurteilen wir übrigens erst richtig, wenn wir bedenken, was für junge Leute ihn bildeten. Karl August war bei Antritt seiner Regierung 18 Jahre alt, seine Gemahlin Luise auch 18 Jahre, sein Bruder Konstantin 17, seine Mutter 36 Jahre. Neben dem 26 jährigen Goethe standen die Prinzenerzieher Wieland mit 42 und v. Knebel mit 31 Jahren; Bertuch, der Verwalter der Finanzen, war 27, der Kammerherr Hildebrand v. Einsiedel 25 Jahre. Corona Schröter zählte gleichfalls 25 Jahre, als sie nach Weimar kam. Bei solcher Jugend, solcher Lebensstellung und solchen Anschauungen und Sitten der Umgebung war „die tolle Zeit in Weimar“ nicht sehr verwunderlich.

Man muß sich auch an den Gefühls-Überschwang erinnern, der damals die gebildete Welt ergriffen hatte. Nicht nur, daß die gutmütigsten Jünglinge, sobald sie zu dichten anfingen, sich als Tyrannenmörder geberdeten: überall galt die Empfindsamkeit als die höchste Tugend; der Verstand, das Maßhalten, die Nüchternheit wurden verachtet; Liebe und Haß, Verehrung und Zorn mußten ungebändigt erscheinen. Jünglinge und Jungfrauen küßten sich reichlich, dichteten und weinten sich an. Auch Goethe hatte eben noch als Frankfurter Advokat einem solchen schwärmenden Kreise, der im Bessunger Walde bei Darmstadt sein Heiligtum hatte, angehört.

Auch in die Schar jugendfroher, tatenlustiger Menschen am Hofe zu Weimar paßte er hinein. Wie er selbst zur Geliebten das kecke Wort sprach: „Wenn ich dich liebe, was gehts dich an?“ so hatte er noch viel weniger Lust, von der Welt, von den Philistern sich vorschreiben zu lassen, wen er bewundern, mit wem er Freundlichkeiten austauschen dürfe. Und auch an freien, mutigen Frauen hatte er Wohlgefallen. „Von wem ich es habe, das sag' ich euch nicht, das Kind in meinem Leib,“ läßt er ein tapferes Mädchen nach seinem Sinn vor Gericht sprechen, „es ist mein Kind, es bleibt mein Kind, Ihr gebt mir ja nichts dazu!“ Mit dieser Freiheitsliebe verband er den Glauben seiner Zeit an gegenseitige Toleranz. Einmal ging er mit der Hofgesellschaft gegen Abend im Park spazieren, und unwillkürlich beobachteten er und seine Begleiter, wie ein Herr und eine Dame sich küßten, die dazu keinen Berechtigungsschein hatten. „Haben Sie es gesehen?“ ruft sein Begleiter, „kann ich meinen Augen glauben?“ — „Ich habe es gesehen,“ sagt Goethe ruhig, „aber ich glaube es nicht.“

Goethe mußte in diesen Dingen schon deshalb duldsam sein, weil er die dämonische Allgewalt der Liebe mehr als einmal erfahren hatte. Ein großer Teil der Menschen geht durch das Leben und lernt die echte, unwiderstehliche Liebe nie kennen; sie werden dann leicht ihren Talmi-Gefühlen entsprechende Regeln für andere aufstellen. Goethe kannte diese Philisterei wohl. Zu Riemer sagte er 1807: „Die sublimierten Gefühle der Liebe, ausgesprochen, erregen den Widerspruch aller nicht so Gesinnten. Das ist Überspannung, krankhaftes Wesen heißt es da. Als wenn Überspannung, Krankheit nicht auch ein Zustand der Natur wäre!“ Einen Dämon sah Goethe bei jeder tiefen Liebe am Werke,  z. B. bei seinem Verhältnisse zu Lili;  ja, er zog die Lehren des Okkultismus und der Seelenwanderung herbei, um sich die Allmacht dieser Empfindungen, das Liebenmüssen zu erklären. Er glaubte, daß eine Seele auf die andere schon ohne Worte und Zeichen einwirken könne. „Wir haben alle etwas von elektrischen und magnetischen Kräften in uns und üben wie der Magnet selber eine anziehende oder abstoßende Gewalt aus, je nachdem wir mit etwas Gleichem oder Ungleichem in Berührung kom men. — — Unter Liebenden ist diese magnetische Kraft besonders stark und wirkt sogar in die Ferne. Ich habe in meinen Jünglingsjahren Fälle genug erlebt, wo auf einsamen Spaziergängen ein mächtiges Verlangen nach einem geliebten Mädchen mich überfiel und ich so lange an sie dachte, bis sie mir wirklich entgegen kam. „Es wurde mir in meinem Stübchen unruhig,“ sagte sie, „ich konnte mir nicht helfen, ich mußte hierher.

Er erzählte dann weiter ein Erlebnis mit Frau von Stein, daß nur seine auf sie gerichtete Sehnsucht sie spät abends auf die Straße zog, wo sie sich dann begegneten. Gerade dieses Verhältnis mit Frau v. Stein hat er sich selber mit natürlichen Ursachen nicht erklären können; er meinte, sie müßten früher beide schon einmal gelebt haben und damals in einem innigsten Zusammenhange gestanden sein. In diesem Sinne schrieb er ihr:

„Sag, was will das Schicksal uns bereiten, 
Sag, wie band es uns so rein genau? 
Ach, du warst in abgelebten Zeiten 
Meine Schwester oder meine Frau.“ 

Auch an Wieland schrieb er: „Ich kann mir die Bedeutsamkeit, die Macht, die diese Frau über mich hat, anders nicht erklären, als durch die Seelenwanderung. Ja, wir waren einst Mann und Weib!“

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Wir verstehen, daß Goethe selber eine dämonische Gewalt über viele Frauen ausübte; als Jüngling bezauberte er sie durch seinen Geist, seine Liebenswürdigkeit und Schönheit, und bald schien auch sein Dichterruhm jedem weiblichen Wesen das Recht zu geben, ihn anzuschwärmen. Im „Faust“ hat er sich unbewußt selbst geschildert, wo Gretchen singt:

Sein hoher Gang,
Seine edle Gestalt, 
Seines Mundes Lächeln, 
Seiner Augen Gewalt, 
Und seiner Rede Zauberfluß, 
Sein Händedruck 
Und ach! sein Kuß!

Wem zeitlebens die Frauen so warm entgegen kommen, der erlebt mehr Herzensabenteuer, als der, dem nie aus einem Auge Liebe entgegenstrahlt. Wir sind gegen die zärtlichen Verhältnisse von Fürsten duldsamer, weil wir wissen, wie wenig Widerstand sie finden; der Dichterfürst hat das gleiche Recht. Und noch einmal: Goethe wurde trotz dieser Versuchung kein leichtherziger Liebesnascher. Auch wenn er einer schönen Schauspielerin recht zugeneigt war und wenn sie ihm leichten Sieg deutlich versprach, so dachte er jeden Augenblick daran, daß er als Beamter, als Vorgesetzter ihr gegenüberstand, nicht als Privatmann; und daß er es Jahrzehnte hindurch so hielt, mußten ihm sogar die bösen Zungen nachsagen. Dem Kanzler nannte er in alten Tagen einige sehr hübsche und angenehme Schauspielerinnen, die ihm ihre Zuneigung deutlich genug zu verstehen gaben. Aber „diesmal, nur diesmal laß dich nicht fangen! so bist du hundertmal entgangen,“ flüsterte er sich selber zu. Auch Schiller, der damals am wenigsten zur Schönfärberei an Goethischen Dingen geneigt war, notierte 1787, als Goethes leidenschaftliche Liebe zu Frau v. Stein schon zehn Jahre lang besprochen wurde: „Man sagt, daß ihr Umgang ganz rein und untadelhaft sein soll.“

Wenn wir Goethes Briefe an Frau v. Stein durchblättern, erscheint uns das Gerede vom Don Juan Goethe bald im rechten Lichte. Solche treue, Geist und Herz völlig durchdringende Liebe ist keinem Don Juan gegeben. Einige kurze Proben, jede aus einem andern Jahre, mögen zu uns sprechen!

24. Mai 1776: Also auch das Verhältnis, das reinste, schönste, wahrste, daß ich außer meiner Schwester je zu einem Weibe gehabt, auch das gestört! — — Die Welt, die mir nichts sein kann, will auch nicht, daß Du mir was sein sollst. 

12. Juni 1777: Im Garten unter freiem Himmel! Seit Sie weg sind, fühl ich erst, daß ich etwas besitze und daß mir was obliegt. Meine übrigen kleinen Leidenschaften, Zeit vertreibe und Miseleien hingen sich nur so an den Faden der Liebe zu Ihnen an, der mich durch mein jetzig Leben durchziehen hilft. Da Sie weg sind, fällt alles in Brunnen . 

3. August 1778: Liebste, ich habe gestern Abend bemerkt, daß ich nichts lieber sehe in der Welt als Ihre Augen und daß ich nicht lieber sein mag als bei Ihnen. Es ist schon was Altes, und doch fällt mirs immer einmal wieder auf. 

2. März 1779: Wenn ich an einen Ort komme, wo ich mit Ihnen gewesen bin, oder wo ich weiß, daß Sie waren, ist mir's immer viel lieber. Heut hab ich im Paradiese [an der Saale bei Jena] an Sie gedacht, daß Sie drin herumgingen, ehe Sie mich kannten. Es ist mir fast unangenehm, daß eine Zeit war, wo Sie mich nicht kannten und nicht liebten. Wenn ich wieder auf die Erde komme, will ich die Götter bitten, daß ich nur einmal liebe, und wenn Sie nicht so feind dieser Welt wären, wollt ich um Sie bitten zu dieser lieben Gefährtin. 

5. Juli 1780: Wir wollen uns lieb und wert behalten, meine Beste; denn des Lumpigen ist zu viel auf der Welt und wenig zuverlässig. 

Oktober 1781: Den Einzigen, Lotte, welchen du lieben kannst, 
Forderst du ganz für dich, und mit Recht. 
Auch ist er einzig dein. 
Denn seit ich von dir bin, 
Scheint mir des schnellsten Lebens lärmende Bewegung 
Nur ein leichter Flor, durch den ich deine Gestalt 
Immerfort wie in Wolken erblicke; 
Sie leuchtet mir freundlich und treu, 
Wie durch des Nordlichts bewegliche 
Strahlen Ewige Sterne schimmern.

9. April 1782: Wenn ich mit mir allein bin, erzähl ich mir, was ich gesehen habe, als wenn ich Dir's erzählen sollte, und es berichtigt sich alles. Liebste, was bin ich Dir nicht schuldig! Wenn Du mich auch nicht so vorzüglich liebtest, wenn Du mich nur neben andern duldetest, so wär ich Dir doch mein ganzes Dasein zu widmen verbunden. Denn hätt' ich wohl ohne Dich je meinen Lieblingsirrtümern entsagen mögen? Könnt ich auch wohl die Welt so rein sehen, so glücklich mich drinne betragen, als seitdem ich nichts mehr drinne zu suchen habe? 

24. April 1783: Wieviel bin und werde ich Dir schuldig, Du liebe Wohltäterin, und womit kann ich Dir danken? Ich bin wohl. Nur ist es ein sauer Stückchen Brot, wenn man drauf angenommen ist, die Disharmonie der Welt in Harmonie zu bringen. Das ganze Jahr sucht mich kein angenehmes Geschäft aus, und man wird von Not und Ungeschick der Menschen immer hin und wieder gezogen. Lebe wohl! Liebe mich! Laß mir die Hoffnung, Dich zu sehen. 

17. Juni 1784: Wie einsam ich bin, werden Dir meine Briefe gesagt haben. Ich esse nicht bei Hofe, sehe wenig Menschen, gehe allein spazieren und an jedem schönen Platz wünsche ich mit Dir zu sein. Ich kann mir nun nicht helfen, daß ich Dich lieber habe, als mir gut ist; desto besser wird mir sein, wenn ich Dich wiedersehe. Meine Nähe zu Dir fühle ich immer, Deine Gegenwart verläßt mich nie. Durch Dich habe ich einen Maßstab für alle Frauen, ja für alle Menschen, durch Deine Liebe einen Maßstab für alles Schicksal. Nicht daß sie mir die übrige Welt verdunkelt, sie macht mir vielmehr die übrige Welt recht klar; ich sehe recht deutlich, wie die Menschen sind, was sie sinnen, wünschen, treiben und genießen; ich gönne jedem das Seinige und freue mich heimlich in der Vergleichung, einen so unzerstörbaren Schatz zu besitzen. 

16. September 1785: Ich sehe, wie wenig ich für mich bestehe und wie notwendig mir Dein Dasein bleibt, daß aus dem meinigen ein Ganzes werde. 

1. September 1786: Deine Versicherung, daß Dir wieder Freude zu meiner Liebe aufgeht, kann mir ganz allein Freude ins Leben bringen. Ich habe bisher im Stillen gar mancherlei getragen und nichts so sehnlich gewünscht, als daß unser Verhältnis sich so herstellen möge, daß keine Gewalt ihm was anhaben könne. 

Januar 1787 aus Italien: Seit dem Tode meiner Schwester hat mich nichts so betrübt als die Schmerzen, die ich Dir durch mein Scheiden und Schweigen verursacht ... An Dir hänge ich mit allen Fasern meines Wesens. Es ist entsetzlich, was mich oft Erinnerungen zerreißen. Ach liebe Lotte, Du weißt nicht, welche Gewalt ich mir angetan habe und antue, und daß der Gedanke, Dich nicht zu besitzen, mich doch im Grunde aufreibt und aufzehrt.

Die Empfängerin dieser Briefe war sechsundvierzig Jahre alt, als Goethe am 18. Juni 1788 aus Italien heim kam. Ihr Freund kehrte als ein Umgewandelter zurück, beide verstanden einander nicht mehr wie früher, und bald trat auch Christiane zwischen sie. Aber auch die Mißverständnisse verschwanden wieder; als Goethe im Januar 1801 schwer krank war, zeigte auch Frau v. Stein ihre Teilnahme; an ihren Sohn Fritz, der sein Liebling gewesen war, schrieb sie: „Die Schillern und ich haben schon viele Tränen die Tage her über ihn vergossen.“ Als er wieder genesen war, besuchte sie ihn mit Schillers Gattin, und Goethe bat beide Damen aufs neue um ihre Freundschaft, „als wenn er wieder in der Welt angekommen wäre.“ Frau v. Stein gehörte dann noch einige zwanzig Jahre zu den Damen, die seine Vorträge besuchten, wovon nachher die Rede ist. Sie starb im Januar 1827 und bis zuletzt genoß sie die alte Freundschaft mit dem einst so heiß Geliebten.

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Der Verkehr mit Frauen wurde ihm dadurch noch sehr erleichtert und verschönt, daß er sie von früher Jugend an gut kannte und deshalb richtig zu behandeln wußte. Es kommt so viel Hader und Irrung in der Welt daher, daß Viele die geistigen Geschlechtsunterschiede nicht von Kindheit auf kennen und sie nicht als etwas Natürliches und Notwendiges achten lernen. „Ich habe mich so oft am weiblichen Geschlecht betrogen,“ schreibt Goethe zwar an Auguste Gräfin Stolberg 1775, aber er hat seine Lehrzeit doch früh genug begonnen. Und wir haben viele Zeugnisse, wie sehr er daran gewöhnt war, weibliches Fühlen, Denken und Handeln von Frauen zu erwarten, wo wir andern vielleicht ihre Eigenart und ihr Recht darauf übersehen hätten. Zwar die Frauen in seinen Dichtungen sind oft idealisiert, den Iphigenien und Leonoren begegnen wir im Leben kaum. Das wußte Goethe recht gut. „Die Frauen sind silberne Schalen, in die wir goldene Äpfel legen. Meine Idee von den Frauen ist nicht von den Erscheinungen der Wirklichkeit abstrahiert, sondern sie ist mir angeboren, oder in mir entstanden, Gott weiß wie! Meine dargestellten Frauencharaktere sind daher auch alle gut weggekommen; sie sind alle besser, als sie in der Wirklichkeit anzutreffen sind.“  Wenn man die harten Urteile über die Frauen erwägt, die Riemer von ihm gehört haben will, und dazu hält, daß Goethe die Männer, nach rein ästhetischem Maße gemessen, für schöner hielt als die Frauen,  so ist es deutlich genug, daß er kein kritikloser Bewunderer des andern Geschlechts war. Aber er gönnte ihm durchaus ein Ausleben nach eigner Art. Die Dichterinnen möchten Weiberpoesie bereiten, wenn nur auch die Männer männlich schreiben wollten!  Wohl kritisierte er einmal seine Schwiegertochter, als sie über einen Roman von Walther Scott plauderten und sie für einen Prinzen darin unbändig schwärmte. „Ihr Frauen habt unrecht, wenn ihr immer Partei macht; ihr lest ein Buch, um darin Nahrung für euer Herz zu finden, einen Helden, den ihr lieben könntet! So soll man aber eigentlich nicht lesen, und es kommt gar nicht darauf an, daß euch dieser oder jener Charakter gefalle, sondern daß euch das Buch gefalle.“ — „Wir Frauen sind nun einmal so, lieber Vater,“ erwiderte Frau v. Goethe, indem sie, sich über den Tisch neigend, ihm die Hand drückte. — „Man muß euch schon in eurer Liebenswürdigkeit gewähren lassen,“ war Goethes Antwort.  Und daß er die Frauen nicht nur gewähren ließ, sondern sie trotz der gelegentlichen Schärfe seiner Kritik sehr hoch stellte, beweist manches Wort seiner Dichtungen, obenan der mystisch-überschwängliche Schluß des „Faust“:

„Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.“ 

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Man scherzt gern darüber, daß Goethe noch im hohen Alter sich wie ein Jüngling in ein junges Mädchen verlieben konnte, und es ist freilich selten, daß eine Geliebte erst anderthalb Jahrhunderte nach ihres Liebhabers Geburt stirbt, wie dies bei Ulrike v. Levetzow und Goethe zutrifft. Den Freunden aber erschienen solche Gefühle und Wünsche ernsthafter und erklärlicher. Es hing diese seltene Erscheinung mit der Kraft und Blutfülle seines Körpers zusammen, dem wie dem Geiste starke Produktivität eigen war. Namentlich aber kam die Sehnsucht nach einer neuen sanften Genossin daher, daß er in seinem großen Hause allzu einsam war. Als Julie v. Egloffstein den alten Herrn einmal fragte, wie es ihm gehe, antwortete er: „Schlecht, denn ich bin weder verliebt, noch ist jemand in mich verliebt!“ Das klang wie Spaß, aber sie hörte gewiß heraus, wie sehr der Mann, dessen Kälte viele fürchteten, der Liebe bedurfte, wie sehr der Rauhe sich nach einem weichen, weiblichen Wesen sehnte und daß ihm die hätschelnde Hausgenossin Christiane fehlte. Wer bei einer guten Mutter wohnt, entbehrt die Gattin weniger, und wer liebende Töchter hat, trägt den Witwerstand leichter. Aber die zerfahrene, unberechenbare Schwiegertochter war, obwohl sie bis zu seinem Tode freundlich zusammen lebten, doch ein allzu schwacher Ersatz für früheren Besitz. An die ebengenannte Gräfin Julie v. Egloffstein berichtete der Kanzler v. Müller am 25. September 1823 in einem vertraulichen Briefe, wie Goethe im Sommer im Marienbade für die Polin Marie Szymanowska geschwärmt habe. „Sie sehen also, daß seine Leidenschaft für Ulrike Levetzow wenigstens nicht exklusiv ist und daß ich recht habe zu behaupten, nicht dieses einzelne Individuum, sondern das gesteigerte Bedürfnis seiner Seele überhaupt nach Mitteilung und Mitgefühl habe seinen jetzigen Gemütszustand herbeigeführt. Die rohe und lieblose Sinnesweise seines Sohnes und Ulrikens  schroffe Einseitigkeit und gehaltlose Naivität sind freilich nicht gemacht, eine solche Krisis sanft und schonend vorüberzuführen, und die arme Ottilie ist seit seiner Ankunft beständig krank und für ihn so gut wie unsichtbar ... Nur vom Sohne her droht alles Übel, da der verrückte Patron gegen den Vater den Piquierten spielt und sogar Ottilien mit sich nach Berlin nehmen will, wodurch alsdann erst alles verloren gehen könnte.“ 

Madame Szymanowska, die vorhin erwähnt war, besuchte Goethen und Weimar bald nach diesem Briefe; alle freuten sich ihrer Schönheit, ihres seelenvollen Spieles — sie war Klaviervirtuosin — und ihres ganzen Wesens, und der alte Goethe war am glücklichsten. Wir sehen hier recht gut, wie sehr er des Weiblich-Schönen bedurfte, auch wenn von Liebe keine Rede war. Als sie endlich abreisen mußte, suchte sie zu verschwinden, ohne ihn durch Abschiednehmen zu erregen. Da bat Goethe den Kanzler auf das dringlichste, daß sie nochmals wieder erscheinen, nicht ohne Abschied reisen möchte. Und nach einigen Stunden stand sie vor ihm. „Ich scheide reich und getröstet von Ihnen,“ sagte sie zu ihm. „Sie haben mir den Glauben an mich selbst bestätigt, ich fühle mich besser und würdiger, da Sie mich achten. Nichts von Abschied, nichts von Dank; lassen Sie uns vom Wiedersehen träumen. O, daß ich doch schon viel älter wäre und hätte einen Enkel bald zu hoffen, er müßte Wolf heißen, und das erste Wort, das ich ihn stammeln lehrte, wäre Ihr teurer Name.“ „Comment,“ erwiderte Goethe, „vos compatriotes ont eu tant de peine à chasser les loups de chez eux, et vous voulez les y reconduire?“ Aber alle Anstrengung des Humors half nicht aus, die hervorbrechenden Tränen zurückzuhalten; sprachlos schloß er sie und ihre Schwester in seine Arme, und sein Blick begleitete sie noch lange, als sie durch die lange offene Reihe der Gemächer entschwand. „Dieser holden Frau habe ich viel zu danken,“ sagte er nachher zum Kanzler, der bei ihm stand. Sie hatte mit ihrer Schönheit, ihrer Freundlichkeit und ihrer Kunst sein stürmisches Herz beruhigt.

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Goethe hat zeitlebens außer seinen leidenschaftlichen auch brüderliche, freundschaftliche, väterliche Verhältnisse zu Mädchen und Frauen gehabt, und als Jüngling bedurfte er auch der mütterlichen Freundinnen. Ein Damenlehrer war er sein Leben lang. Alle seine Freundinnen waren auch mehr oder weniger seine Schülerinnen. Mit Frau v. Stein trieb er in jungen Jahren Zeichnen und Englisch, Ulrike v. Levetzow und ihre Schwester unterrichtete er in dem Vortrage von Dichtungen, ebenso eine junge Rheinländerin, Philippine Lade, die er in Wiesbaden zufällig deklamieren hörte und die dort bald sein Liebling wurde. Mit welcher väterlichen Liebe er die junge Christiane Neumann zur Schauspielerin gebildet, hat er uns in der Elegie „Euphrosyne“ selbst geschildert. Amalie Imhof (v. Helvig) und andere Damen ließen sich gern seine Durchsicht ihrer poetischen Versuche gefallen, und wieder andere legten ihm Zeichnungen vor, damit er ihre Fortschritte leite. Zu ihnen gehörte die Gräfin Julie v. Egloffstein, und wie er zu ihr zu sprechen liebte, ist uns aufgezeichnet. Einmal stand er hinter ihr, als sie von der Dornburg aus einen schönen Blick auf die Saale und die Berge dahinter festzuhalten suchte. Sie schaute zu ihm auf, ob er wohl befriedigt sei.

 „Ach, wärst du mein Töchterchen,“ erwiderte er, „wie wollte ich dich einsperren, bis du dein Talent völlig und folgerecht entwickelt hättest! Kein Stutzer sollte dir nahen, kein Heer von Freundinnen dich umlagern, Konvenienz und gesellige Ansprüche dich nimmer umgarnen; aber kopieren müßtest du mir von früh bis in die Nacht, in systematischer Folge, und dann erst, wenn hierin genug geschehen, komponieren und selbständig schaffen. Nach Jahresfrist ließe ich dich erst wieder aus meinem Käfig ausfliegen und weidete mich dann an dem Triumphe deiner Erscheinung.“ 

Unsere Zeichnerin, erzählt der Kanzler v. Müller weiter, zeigte aber keine sonderliche Lust, sich einer solchen Kunstdiät zu unterwerfen, obwohl sie mit der muntersten Laune den alten Meister beschwor, ihr seine strengen Lehren auch auf ihrem gewohnten Lebensgang nicht zu versagen. Er schüttelte skeptisch den Kopf, vermeinend: „Solche hübschen Kinder horchen gar freundlich auf die Lehren der alten Murrköpfe, weil sie sich stillschweigend den Trost geben, nur so viel davon zu befolgen, als ihnen gerade beliebt. Willst du aber, mein Engelchen,“ fuhr er fort, „hierin wirklich eine Ausnahme machen, so fordere ich zur Probe dreißig Kopien von Everdingens kleinen Landschaften, die ich dir zum Beginn eines folgerechten Portefeuille geben werde, und setze dir sechzig Tage unerstreckliche Frist.“ 

Die Freundin schrie hoch auf über die gewaltige Aufgabe, aber Goethe blieb unerbittlich und setzte wie ein wahrer Imperator hinzu: „Wie du es ausführst, ist deine Sache; genug, ich fordere es und weiche kein Haar breit von meinem Gebote ab.“ 

Zu solchen gelegentlichen Unterweisungen kamen zuweilen regelmäßige, methodische Vorträge. So kamen sowohl die Großherzogin Luise, wie ihre Nachfolgerin Maria Paulowna, jede Woche zu bestimmten Stunden mit ihren Damen, und „was auch im Laufe der Woche an interessanten Gegenständen in Kunst, Litteratur und Naturwissenschaften bei Goethe einlief, — das erfreulichste war ihm stets dasjenige, was er seinen erhabenen Fürstinnen vorzeigen, erläutern, ihrer Teilnahme daran gewiß sein konnte. Trat zuweilen eine Verhinderung jener Besuche ein, so war es ihm, als fühle er eine Lücke in seinem Dasein; denn gerade das Beständige, genau Wiederkehrende jener Tage und Stunden verlieh ihnen noch einen besonderen Reiz, der die ganze Woche hindurch erfrischend auf ihn wirkte. Bei der großen Mannigfaltigkeit äußerer Eindrücke und innerer Erfahrungen fand er in der Sicherheit dieses schönen, reinen Verhältnisses gleich sehr ein heiteres Ziel, als einen wohltätigen Ruhepunkt, von welchem aus er sich wieder seinen stillen Weltbetrachtungen umso vielseitiger hingeben konnte.“ 

Das weiche, gütige, gefühlvolle Wesen des andern Geschlechts tat ihm wohl; gerade weil er so durchaus Mann war, bedurfte er ihrer Nähe. 

Was Ulrike v. Pogwisch, die vorhin erwähnte jüngere Schwester seiner Schwiegertochter, aus ihren Backfischjahren erzählt, kennzeichnet ihn. „Wir nannten ihn immer den ‚Vatter‘, das mochte er gern. O das war eine Ehrfurcht, wenn der Vatter kam, und wenn er uns anredete, dann waren wir schon glücklich. Nun mochte er es gern, daß eine von uns jungen Mädchen in seinem Zimmer verweilte, wenn er arbeitete, doch durfte diese keine Handarbeit vornehmen. Auch wurde nur selten gesprochen, er mochte uns nur gern um sich haben. Das war mir aber zu langweilig, und so nahm ich meine Handarbeit mit. Nun gab's ein Gezwitscher: ,Die Ulrike ist zum Vatter gegangen mit Handarbeit‘. Ich kehrte mich nicht daran, und als es dem Vatter gesagt wurde, wie ungehorsam ich sei, lächelte er so ein ganz wenig — er konnte oft so ein ganz wenig lächeln, und es war dann in seinem Gesicht wie heller, warmer Sonnenschein — und sagte: Beunruhigt nur die Kleine nicht, sie darf es.“



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