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2019-12-04

Wilhelm Bode: Goethes Lebenskunst: 9. Der Ehemann. (12)

Goethes Lebenskunst


9. Der Ehemann.


Der gute Bürger hat an Goethe besonders sein Verhalten zur Ehe zu tadeln, zuerst sein Nichtheiraten, sodann sein Heiraten; seine Zeitgenossen wußten am ersteren Punkte weniger auszusetzen, während sie sich über die endlich geschlossene Ehe desto mehr entrüsteten. Goethe ist selber sein öffentlicher Ankläger geworden; die schönen Tage von Sesenheim wären vielleicht ganz im Dunkel geblieben, wenn er nicht in „Dichtung und Wahrheit“ die elsässische Pfarrerstochter unserem Herzen so nahe gebracht hätte, daß uns der traurige Abschluß der lieblichen Idylle wehe tut. Wir sind so daran gewöhnt, nach solchen poetischen Darstellungen des Liebesfrühlings auch weiteres von Hochzeit und Kindersegen zu lesen. Und nachher spricht er von Lili Schönemann mit soviel Lob und Liebe, daß es uns wieder schmerzt, wenn er die Verlobte verläßt. Für diese Ehe schienen ja auch alle Verstandesgründe zu sprechen, da sie unter den Mädchen der Vaterstadt ihm ebenbürtig war. Dann — und an dieser Stelle verlassen wir seine Selbstbiographie — in Weimar scherzt er wohl mit allen „Miesels“ der höfischen Gesellschaft, aber statt eine hübsche Comtesse heimzuführen, faßt der wunderliche Mann eine tiefe, treue Liebe zu einer verheirateten Frau, die sieben Jahre älter war als er und bereits sieben Kinder gehabt hatte. Und als er sich längst klar darüber war, daß sie nicht die Seine werden konnte, entschließt er sich immer noch nicht zu einer verständigen Ehe, sondern beginnt ein Verhältnis zu der ungebildeten Tochter eines heruntergekommenen Vaters, die man ihm zu seiner Unterhaltung gewiß gegönnt hätte, die er aber ernstlich zu lieben sich nicht entblödete, die er bald als Lebensgenossin geachtet wissen wollte und schließlich gar zur Geheimrätin v. Goethe machte. Es erscheint gewiß befremdlich, daß der hervorragendste und begehrteste deutsche Mann ein halbes Jahrhundert ledig blieb, um schließlich eine Christiane Vulpius zu heiraten. 

Goethes Ehescheu ist oben eine fast krankhafte genannt worden, aber vielleicht sollten wir sie nur als außerordentlich oder rätselhaft bezeichnen. Rätselhaft, weil er vor den Frauen gar keine Furcht und weil er nach einer Teilhaberin seines Lebens ein so starkes Bedürfnis hatte. Aber sein Verstand verurteilte das leichtsinnige Eheschließen, wie es heute noch üblich ist; und außerdem hatte er das Bewußtsein, daß gerade er zur vorschriftsmäßigen Ehe nicht tauge. „Eine Verlobung oder Heirat aus dem Stegreife war mir von jeher ein wahrer Greuel,“ sagte er 1823 zum Kanzler. „Eine Liebe wohl kann im Nu entstehen, und jede echte Neigung muß irgendeinmal gleich dem Blitze plötzlich aufgeflammt sein, aber wer wird sich denn gleich heiraten, wenn man liebt? Liebe ist etwas Ideelles, Heiraten etwas Reelles, und nie verwechselt man ungestraft das Ideelle mit dem Reellen. Solch ein wichtiger Lebensschritt will allseitig überlegt sein und längere Zeit hindurch, ob auch alle individuellen Beziehungen, wenigstens die meisten, zusammen passen.“ Und ein gleiches Mißtrauen äußert er gegen Schiller 1802: „Es geht mit allen Geschäften wie mit der Ehe; man denkt wunder, was man zu stande gebracht hat, wenn man kopuliert ist, und nun geht der Teufel erst recht los.“ Zu solchen allgemeinen Bedenken kam bei ihm das besondere, daß eine regelrechte Ehe ihn auf seinen Wegen hemmen und in seinem Schaffen bedrücken und daß er über seine Gemahlin viel Verdruß und Kummer bringen würde. So sehr wir das arme Gretchen bedauern und den Verderber ihres Lebens verurteilen, Faust wäre nicht Faust gewesen und geblieben, wenn er sie geheiratet hätte, und Gretchen wäre als Fausts Gattin nicht glücklich geworden. Und in Goethes Falle: Friederike oder Lili hätten als Gattinnen das Recht auf seine Treue gehabt, und er war zur Treue nicht fähig. Das gehört auch zum schweren Schicksal der Künstler, daß sie nach der Erreichung des einen Ideals sich alsbald ein neues bilden, daß sie von einer Frau kaum auf die Dauer zu sättigen sind. Es bringt ja die Ehe allen Menschen Enttäuschungen, und es liegt für jeden Mann und jede Frau nahe, einen andern Gatten gelegentlich zu begehren. Aber was für andere erträglich ist, was der Handwerker weghämmert und wegfeilt, der Philister am Stammtisch mit saftigen Witzen und einigen Krügen Bier wegspült, das kann der fein empfindende und reich erfindende Geistesarbeiter nicht aushalten; er wird unfähig zu arbeiten und zu leben, wenn Ideal und Leben zu häßlich disharmonieren. 

Als Goethe schließlich doch heiratete, nahm er darum eine Frau, die seine Freundlichkeiten gegen andere zu überwachen nicht gewillt und ihrer eigenen Entwickelung nach auch nicht berechtigt war. Und ursprünglich nahm er sie nur zu sich, weil er nicht heiraten wollte. Auch seine Mutter meinte, ihr „Hätschelhans“ werde so glücklicher sein als in einer fatalen Ehe.

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Das Bild von Christiane Vulpius lebt bei den Deutschen fast nur in gehässiger Verzerrung; Goethes Verhältnis zu ihr ist der dunkle Fleck, den viele Menschen im Leben der Großen mit Vorliebe suchen. Und doch: wieviel Schönes und Großes strahlt uns aus diesem Liebesbunde entgegen! Daß der berühmte Dichter, der hochgestellte Staatsmann ein schlichtes, armes Mädchen aus dem Volke zu seiner Lebensgenossin erwählte, sollten wir doch heute in besserem Lichte sehen, als die in Standesvorurteilen befangenen, enttäuschten und beleidigten Damen der damaligen weimarischen Hofgesellschaft. Der stolze Aristokrat Goethe, der Volksfeind, hat da eine Aufgeklärtheit und Vorurteilslosigkeit bewiesen, die wertvoller sind als Marquis-Posa-Reden. 

Christianens Vater war weimarischer Amtsarchivar gewesen, aber er hatte, weil er an der Trunksucht litt, seine Familie mit ins Elend gezogen; die Mutter war früh gestorben, Christiane mit ihrer Schwester von einer Tante ausgenommen; sie arbeitete in der Blumenfabrik von Bertuch, während ihr Bruder, der Dichter des „Rinaldo Rinaldini“, sich zum Trinker zu entwickeln schien, wie es der Vater gewesen. In dieser Lage lernte sie Goethe kennen; eines Tages stand sie im Garten vor ihm als ein hübsches Kind „von naivem freundlichen Wesen, mit vollem, runden Gesicht, langen Locken, kleinem Näschen, schwellenden Lippen, zierlichem Körperbau und niedlichen, tanzlustigen Füßchen.“  So war das Mädchen wie eine Blume unter den anderen Blumen. Und der Dichter erzählt weiter: 

„Ich wollt' es brechen, 
Da sagt es fein: 
Soll ich zum Welken Gebrochen sein? — —
Ich grub's mit allen Den Wurzeln aus, 
Zum Garten trug ich's 
Am hübschen Haus. 
Und pflanzt es wieder 
Am stillen Ort, 
Nun zweigt es immer 
Und blüht so fort.“ 

Er nahm Christiane mit ihrer Tante und Schwester in sein Haus, und bei dem Sohne, den sie ihm Weihnachten 1789 schenkte, stand der Herzog selber Pate. Auf die Entrüstung alter Freunde und Feinde antwortete er im Stillen mit dem Tasso-Worte: „Viel lieber, was ihr euch unsittlich nennt, als was ich mir unedel nennen müßte.“ Schiller verstand ihn; „diese seine einzige Blöße, die niemand verletzt als ihn selbst, hängt mit einem sehr edlen Teil seines Charakters zusammen,“ schreibt er an Gräfin Schimmelmann. Aber auch Goethe erlitt keine Verletzung durch dieses Bündnis, denn Christiane war gerade die Genossin, die ihm möglich und Bedürfnis war.

„Ich wünsche mir eine hübsche Frau, 
Die nicht alles nähme gar zu genau, 
Doch aber zugleich am besten verstände, 
Wie ich mich selbst am besten befände.“ 

Und Christiane dankte ihm alle seine Liebe. Sie war eine brave Hausfrau, die außer ihrem „Geheimen Rat“ und dem einzigen Kinde, das am Leben blieb, noch die vielen Gäste in sorgenden Gedanken trug; unter der schwersten eigenen Last zeigte sie jedermann ein munteres Wesen. Manchmal sprach sie ihre Not brieflich gegen einen fernen Freund aus, den Arzt Nikolaus Meyer in Bremen, mit dem sie, deren Tanzlust sich trotz der ernsten Zeiten und ihrer Wohlgenährtheit auch jetzt noch nicht legen wollte, fröhliche Stunden auf Bällen und Redouten vertanzt hatte. „Ich lebe ganz still und sehe fast keinen Menschen,“ schreibt sie im April 1803, „das Theater nur ist meine Freude, denn wegen dem Geh. Rat lebe ich sehr in Sorge. Er ist manchmal ganz hypochonder, und ich stehe oft viel aus, doch trage ich alles gerne, da es ja nur krankhaft ist, habe aber so gar Niemanden, dem ich mich vertrauen kann. Schreiben Sie mir aber hierauf nichts, denn man muß ihm ja nicht sagen, daß er krank ist; ich glaube aber, er wird wieder einmal recht krank.“ Und im April 1805 heißt es: „Der Geh. Rat hat nun seit einem Vierteljahr fast keine gesunde Stunde gehabt und immer Perioden, wo man denken muß, er stürbe ... Sie können sich denken, wenn so ein unglücklicher Fall käme, und ich so ganz allein stünde, wie mir zu Mute wäre. Ich bin wahrhaftig ganz auseinander ... Ach Gott, wenn Sie nur hier wären! Ich glaube, die Ärzte kennen seine Krankheit nicht recht, oder es ist ihm nicht mehr zu helfen.“ Goethe ahnte nicht, welche Angst Christiane um ihn trug; er sah sie fast immer mit fröhlichem Gesicht. „Eine stille ernsthafte Frau ist übel daran mit einem lustigen Manne, ein ernsthafter Mann nicht so mit einer lustigen Frau,“ meinte er später einmal zu Riemer, und der dachte sich dabei: „So dankt er Gott, daß er nicht nötig hat, lustig zu sein.“ 

Aber auch an seinem geistigen Schaffen nahm sie einen bescheidenen Anteil, und er gab auf ihr Urteil nicht wenig. Er betrachtete sie bald auch als seine Gattin, obwohl kein Priester ihren Bund gesegnet hatte. Und allmählich entstand in ihm der Entschluß, zu ihrem und seines Sohnes Vorteil auch die versäumten Formalitäten nachzuholen. Als nach der Schlacht bei Jena die als „Wirtschafterin“ behandelte Person den französischen Soldaten mutig entgegengetreten war, die auf Goethe sogar mit den Waffen eindrangen, und sie ihm vielleicht das Leben gerettet hatte, da war ihm die Zeit gekommen und er sprach das Wort: „So Gott will, sind wir morgen Mittag Mann und Frau.“ Nur ihr Sohn August und Riemer waren am 19. Oktober 1806 in der Schloßkirche zugegen, als der Hofprediger Günther die feierliche Handlung vollzog. Arthur Schopenhauers Mutter war dann die Tapfere, die die neue Geheimrätin gesellschaftlich anzuerkennen und allen Nachreden von Frau v. Schiller, Frau v. Stein und den andern Beleidigten zu trotzen wagte. Am Abend nach seiner Trauung besuchte Goethe mit Christiane ihren „litterarischen Thee“. „Ich empfing sie,“ so erzählt Johanna Schopenhauer selber, „als ob ich nicht wüßte, wer sie vorher gewesen wäre ... Ich sah deutlich, wie sehr mein Benehmen ihn freute; es waren noch einige Damen bei mir, die erst formell und steif waren und hernach meinem Beispiele folgten; sie war in der Tat sehr verlegen, aber ich half ihr bald durch.“ 

Goethe sorgte energisch dafür, daß Christiane mit gebührender Achtung behandelt wurde. Hoffähig war sie nicht und sie hätte sich unter allen den aristokratischen Feindinnen auch nicht wohl gefühlt. Sie lebte gewissermaßen ein Stockwerk tiefer als ihr Mann; wieviel an dem Gerede über ihre Trinklust und Studentenfreundschaft Wahrheit und wieviel boshafter Klatsch ist, können wir nicht mehr feststellen. Jedenfalls hatte sie keine gemäßigte Natur geerbt und sicherlich war ihre Stellung eine der schwierigsten, die einer Frau beschieden sein können. Als sie 1816, erst zweiundfünfzig Jahre alt, starb, fühlte Goethe wohl den größten Schmerz seines Lebens. In seinem Tagebuche steht: „Nahes Ende meiner Frau. Letzter fürchterlicher Kampf ihrer Natur. Sie verschied gegen Mittag. Leere und Totenstille in und außer mir.“ Obwohl er sich immer wieder zwang, seine Schmerzen und Angst zu verbergen, sah ihn doch der Arzt an ihrem Bette weinend in die Knie sinken: „Du sollst, du kannst mich nicht verlassen!“ Und Riemer schreibt: „Ob er gleich gefaßt erscheint und von allem anderen spricht, so überfällt ihn doch mitten unter anderen der Schmerz, dessen Tränen er umsonst zurückzudrängen strebt.“ Goethe selbst schreibt nach einigen Wochen an Boisserée  : „Leugnen will ich Ihnen nicht, und warum sollte man groß tun, daß mein Zustand an die Verzweiflung grenzt.“ Noch 1820 konnte die Gattin seines alten Freundes Knebel ihren Freunden erzählen, daß Goethe diesen Verlust noch immer nicht verschmerzt habe. Diese Freunde, ein Herr v. Both und Frau, erwiderten, sie hätten früher kein besonders günstiges Urteil über die Verstorbene gehört.  „Die Frau ist sehr beneidet worden,“ erwiderte Frau v. Knebel, „und deshalb viel angefeindet und verleumdet.“ Und sie erklärte, daß Christiane einen vortrefflichen Charakter und das beste Herz gehabt habe; sie seien alle der Überzeugung, daß Goethe nach seiner Eigentümlichkeit nie eine passendere Frau für sich hätte finden können, ihr ganzes Leben sei nur ihm gewidmet gewesen, sie habe ihm gegenüber nie an sich selbst gedacht, sondern sei immer nur bemüht gewesen, es ihm angenehm und behaglich zu machen. „Dabei hatte sie,“ sagte Frau v. Knebel, „eine sehr heitere Laune, verstand es, ihn aufzumuntern, und kannte ihn so genau, daß sie immer wußte, welchen Ton sie anschlagen mußte, um wohltuend auf ihn einzuwirken. Sie war keine sehr ausgebildete Frau, aber sie hatte sehr vielen natürlichen hellen Verstand. Goethe hat uns oft gesagt, daß, wenn er mit einer Sache in seinem Geiste beschäftigt wäre und die Ideen zu stark ihn drängten, er dann manchmal zu weit käme und sich selbst nicht mehr zurecht finden könne, wie er dann zu ihr ginge, ihr einfach die Sache vorlege und oft erstaunen müßte, wie sie mit ihrem einfachen natürlichen Scharfblicke immer gleich das Richtige herauszufinden wisse und er ihr in dieser Beziehung schon manches verdanke.“

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Daß Goethe auch einige gute Eigenschaften zum Ehemanne hatte, muß solchem Lobe Christianens und früheren Bemerkungen über ihn auch angefügt werden. Vor allem erfreute sich seine Genossin dessen, daß er die Frauen kannte und ihnen das Recht, ihrer Natur nachzuleben, willigst einräumte, und daß er weiter die Eigenart jeder Persönlichkeit zu achten gewohnt war. Die Freiheit, deren er selber bedurfte, gönnte er auch der Gattin. Er konnte und wollte es sich nicht versagen, auch andere Mädchen und Frauen schön und liebenswert zu finden und ihr freundliches Lächeln zu genießen, so gestattete er auch Christianen das Äugeln und scherzte mit ihr darüber. Da sie gern tanzte, ließ er sie allein auf Bälle gehen, und die Leute mochten reden, was sie wollten. „Meine Frau besucht in Lauchstädt Theater und Tanzsaal,“ berichtet er an Bettina v. Arnim, während er in Karlsbad an Silvie v. Ziegesar seine Freude hat. Und dann heißt es an Christiane: „Fräulein Silvie ist gar lieb und gut, wir haben viel zusammen spaziert ... Was wirst Du aber sagen, wenn ich Dir erzähle, daß Riemer ein recht hübsches Äugelchen gefunden hat, und noch dazu eins mit Kutsch und Pferden, das ihn mit spazieren nimmt. Was sich in diesem Kapitel bei Dir ereignen wird, erfahre ich doch wohl auch.“ Ein anderes Jahr schreibt er wieder aus Karlsbad nach Lauchstädt: „Ich zweifle nicht, daß alter und neuer Äugelchen vollauf sein wird; dazu wünsche auch Glück. Macht euch in jener Gegend so viel Freude wie möglich.“  Und wie milde klingt auch seine Warnung aus etwas jüngeren Jahren: „Mit den Äugelchen geht es, merke ich, ein wenig stark; nimm Dich nur in acht, daß keine Augen daraus werden.“  Die große Wahrhaftigkeit zwischen beiden lesen wir auch aus einem Briefe heraus, in dem er erwähnt, daß er in Jena bei Frommanns Minchen Herzlieb wieder gesehen habe, deren Eindruck auf ihn wir noch in den „Wahlverwandtschaften“ mit empfinden: „Sie ist nun eben ein paar Jahre älter,“ schreibt er seiner Frau, „an Gestalt und Betragen aber immer noch so hübsch und so artig, daß ich mir gar nicht übel nehme, sie einmal mehr als billig geliebt zu haben.“  Aber wenn er denkt, daß sie wohl auf seine feinen und gelehrten Freundinnen eifersüchtig sein könnte, beeilt er sich stets, ihr zu sagen, wie viel lieber sie ihm sei. Christiane mag zuweilen nicht ohne Sorge an das andere Ende der Ackerwand gedacht haben, wo die ehemalige Göttin seines Herzens, Frau v. Stein, wohnte, die nach bitterem Gegensatz langsam wieder seine Freundin wurde; da weiß er ihr gar zart zu sagen, daß er doch nur mit ihr ganz einig, ganz heimisch sei. Als er mit einer andern hochgebildeten Dame, Marianne v. Eybenberg, in Karlsbad in einem Hause wohnte, beruhigte er sie: „Mit der lieben Hausfreundin bleibt's, wie ich Dir schon gesagt habe; so angenehm und liebreich sie ist, so gehn wir doch nicht auseinander, daß sie nicht etwas gesagt hätte, was mich verdrießt. Es ist wie in der Ackerwand.“ 

Und in jedem Briefe bemühte er sich, eine Freude für sie anzubringen, ein neues Geschenk anzumelden. „Ich lege abermals ein Endchen Spitze bei, daß ja keine Sendung ohne eine kleine Gabe komme. Lebe recht wohl, liebe mich!“  — „Auch bringe ich Dir eine silberne Tee- und Milchkanne mit, zu der ich zufälligerweise ohne sonderliche Kosten gekommen bin.“  — „Ein recht zierliches Unterröckchen und einen großen Shawl nach der neuesten Mode bring ich Dir mit. In Kassel kannst Du Dir ein Hütchen kaufen und ein Kleid, sie haben die neuesten Waren so gut als irgendwo.“ Immer wieder denkt er daran, sie zu schmücken, und lebt ihre kleinen Freuden mit. „Schreibe mir ja, wie das schwarzseidene Kleid geraten ist und wann Du es zum erstenmale angehabt hast,“ bittet er 1797 aus Frankfurt, und eine Woche später heißt es: „Ich bin recht wohl zufrieden, daß Du Dir die goldenen Schnuren anschaffst und Dich recht hübsch herausputzest.“ 

Und immer wieder versüßt er ihre Tage mit Liebesworten und spricht aus der Ferne von seinem Verlangen nach ihr und ihrem Kinde. „Mit Freuden werde ich Koppenfelsens Scheungiebel wieder sehen und Dich wieder an mein Herz drücken und Dir sagen, daß ich Dich immerfort und immer mehr liebe.“  „Lebe recht wohl und behalte mich so von Grunde des Herzens lieb wie ich Dich“ ist ein Briefschluß wie viele andere. Klagte sie ihm aber in ihrer ungelenken, naiven Ausdrucksweise, in ihrer Orthographie, die noch hundertmal falscher war als die seine, daß die Leute wieder so schlecht über sie gesprochen hatten, daß etwa Frau v. Staël boshaft über sie hergezogen sei, da tröstet er sie mit schönen Worten und schließt: „Wir wollen in unsrer Liebe verharren und uns immer knapper und besser einrichten, damit wir nach unsrer Sinnesweise leben können, ohne uns um Andere zu bekümmern.“

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