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2020-01-31

J.W.v.Goethe: Über den Ausdruck porphyrartig




Über den Ausdruck porphyrartig

Erfahrungswissenschaften

Deren kleine und dunkle Anfänge. 
Erste Terminologie. 
Sinnlich. Figürlich. 
Beschränkt. 
Erweiterung der Erfahrung. 
Fortgebrauch der ersten Terminologie. 
Erweiterung derselben. 
Ablenkung derselben. 
Verwirrung. 
Immer wachsend. 
Notwendigkeit einer neuen Terminologie. 
Die neue wird vorbereitet. 
Durch Betrachtung der bisherigen. 

Einzelner Fall. 

Ausdruck: Porphyrartig und Gebrauch desselben. 
Jaspis. 
Für den äußeren Sinn einfache Gesteinmasse. 
Wenn sich vor oder bei der Solideszenz derselben Teile absondern, welche doch in der ganzen Masse enthalten bleiben und sich durch Gestalt und Farbe von ihm unterscheiden. Dieses Gestein ward Porphyr genannt und mit Recht, weil es verarbeitet und geschliffen ein leuchtendes Ansehen hat. 
Roter Jaspis mit weißen Feldspatkristallen führt also diesen Namen und behielt ihn, wenn auch die Feldspatkristalle mehr ins Rötliche übergingen.

 Grüne, schwärzliche Massen mit ähnlichen Feldspatkristallen erhielten denselbigen Namen, und das Hauptkennzeichen blieb immer, daß etwas fremdartig Scheinendes, aber in der Masse selbst uranfänglich Entwickeltes und zugleich mit ihr Konsolidiertes in derselben sich, mehr oder weniger gebildet, zeigt. Weil nun aber dieser Charakter bei sehr vielen Steinarten vorkommt, so nannte man mehrere derselben porphyrartig, und das Gegenwärtige hat zum Zweck, zu zeigen, daß man eine große Menge von Gebirgs-und Gesteinarten in diesem Sinne porphyrartig nennen könnte.

Porphyrartiger Granit 

So hat man denjenigen merkwürdigen Granit genannt, welcher vorzüglich in Karlsbad und die Eger weiter hinauf, bis ans Fichtelgebirge hin, vorkommt, in welchem große, meist Zwillingskristallen von Feldspat vorkommen, welche sich unter gewissen Bedingungen vollständig aus der Masse ablösen, oft aber auch von ihr unzertrennlich sind. Die flachen Außenseiten dieses Granits, durch Witterung oder durch Kunst geglättet, haben freilich ein vollkommen porphyrartiges Ansehen. 

Bei der Benennung aber ist der Begriff schon erweitert, denn die Grundmasse ist hier nicht einfach, wie bei Porphyr, sondern sie besteht aus Glimmer und Quarz, welche bei näherer Beleuchtung auch für kristallisiert gelten können, und so kann der Ausdruck schon als vag und bloß empirisch nur angesehen werden. 

Porphyrartiger Gneis 

Jener Granit findet sich auch bei seinem Übergang in Gneis. Jene Zwillingskristalle in ihrer noch völhg entschiedenen Form und Eigenschaft erleiden Einfluß durch den Glimmer, dessen flache Richtung sich hier zu manifestieren anfängt. Sie erscheinen selbst verflechtet, gestreckt, indem der Glimmer in sie übergegangen und auf sie eingewirkt hat. Sie dagegen bestimmen die Gestalt des ganzen Steins, in- dem das Flasrige desselben ganz allein durch sie hervorgebracht wird. Dieses schöne und merkwürdige Gestein findet sich bei [Petschau] unfern der Töpel über Karlsbad. Die Kenntnis desselben, sowie die Exemplare, die ich besitze, bin ich dem aufmerksamen Naturkenner Herrn Dr. Sulzer in Ronneburg schuldig. Anstehend habe ich es selbst niemals gesehen. Es verdiente jedoch jedem Freunde dieser Kenntnisse unter Augen zu kommen. 

Wenn man diesen Gneis ebensogut als jenen Granit porphyrartig nennen könnte, so geschieht dieses doch wohl nur bloß, weil deutliche Feldspatkristalle in einer gewissen Masse vorhanden sind, so ist man doch dadurch, wie schon gesagt, von dem Hauptbegriff abgewichen, daß man die Einfachheit der Masse, oder des Enthaltenen, dazu nicht für nötig angesehn. 

Ebensogut könnte man umgekehrt den Begriff erweitern und sagen, daß die Identität des Enthaltenen nicht dazu nötig sei und daß das Enthaltene nicht immer Feldspat zu sein brauche. 

Wir würden also in dem oben angegebenen Hauptsinn auch den Gneis, in dessen Masse sich Granaten entwickeln, porphyrartig nennen dürfen. 

Porphyrartiger Glimmer 

Es würde nunmehr kaum Verwegenheit sein, denjenigen Glimmerschiefer porphyrartig zu nennen, welcher durch Quarzteile eine flasrige Textur erhält, denn dieser Quarz ist, obgleich ohne bestimmte Form, doch aber platten- und lagenweis aus der Glimmermasse hervorgetreten, wie man das Umgekehrte ebensogut sagen kann, da in stärkeren Quarzpartien der Glimmer enthalten ist. 

Porphyrartiger Syenit 

Durch obige Ableitung haben wir uns von dem Spezifischen sowohl des Enthaltenden als des Enthaltenen losgemacht, und wir fragen nunmehr bloß nach Massen, in welchen sich bei ihrer Entstehung etwas für den äußeren Sinn mehr oder weniger Entschiedenes entwickelt hat, um mit der ganzen Masse zu solideszieren. In diesem Sinn dürfen wir nun auch einen porphyrartigen Syenit vorführen, da wir denn nur denjenigen nennen, der sich bei Airolo findet und in einer Feldspatmasse Granaten und Hornblendekristall zeigt. 

Porphyrartiger Tonschiefer 

soll uns in diesem Sinne derjenige Tonschiefer heißen, in welchem die feinen Nadeln sich finden, welche, indem sie sich manchmal übers Kreuz legen, diesem Gestein den Namen Chiastolith erworben haben. 

Fahren wir nun so fort, so finden wir durch alle Epochen Gebirgsarten, in welchen diese Wirkung, die wir mit Recht chemisch nennen, vorgegangen ist, und welche alle porphyrartig zu nennen sind. 

Porphyrartiges Quarzgestein 

Aus dem vollkommenen, für den äußeren Sinn einfach gebildeten Quarzgestein von splittrigem Bruch entwickeln sich nach und nach einzelne, hellere Quarzpunkte, welche immer häufiger werden, so daß sie die Grundmasse nach und nach zu verdrängen Schemen, ja sogar zuletzt in einer undeutlich kristallinischen Form untereinander ursprünglich sich berühren, den Sinnen wie ein förmliches Konglomerat erscheinen. Dieses Gestein läßt sich bei Karlsbad in allen seinen Abstufungen vorzeigen. Man hat es mit dem Namen Ursandstein belegt. Ich habe es unter dem Namen einer scheinbaren Breccie aufgeführt, und ich bin überzeugt, daß sehr vieles, was wir mit dem Namen Breccie bezeichnen, nur ein scheinbares Konglomerat, wirklich aber auf Porphyrart erzeugt ist. 

Porphyrartig totes Liegendes 

Daß das sogenannte tote Liegende gar oft ein Konglomerat sei, das heißt, aus vorher entstandenen und vorhandenen, auf irgendeine Weise aufgelösten, zertrümmerten, vom Platz gerückten Stein- und Gebirgsteilen, welche durch eine spätere Masse wieder verbunden worden, und also eine wahre Breccie sei, daran ist wohl kein Zweifel; daß aber ein großer Teil von diesem sogenannten toten Liegenden, von diesen sogenannten Breccien porphyrartig sei, davon wird sich derjenige leicht überzeugen können, der mit den Augen des Geistes und des Leibes zugleich zu sehen gewohnt ist. Hierher gehören: 

Die grüne ägyptische Breccie, bei welcher man gar wohl sehen kann, daß die Teile, aus denen sie besteht, noch weich und bildsam, ja in der Bildung begriffen waren, als das Gestein solideszierte. 

Der Puddingstone, der freilich aus abgerundeten harten Kieseln zu bestehen scheint, welche durch eine weichere Masse verbunden sind. Allein betrachtet man diese Kiesel selbst, so müßte es uns doch Wunder geben, wie ein jeder in sich so selbständig sein könnte, wenn er aus zersplitterten Trümmern abgerundet sein sollte. Vielmehr spricht es zugunsten unserer Meinung, daß bei solchen Steinarten immer das Enthaltene, was mehr oder weniger in Eiform erscheint, härter ist als die umgebende Masse, welches notwendig daraus erfolgt, daß diese Teile, indem sie sich aus der Masse separieren, eine größere Anziehungskraft gegen sich selbst beweisen, und sich dadurch gleichsam zu kleinen Welten gebildet. 

Der Porphyr aus dem Ilmenauer Ratssteinbruch gehört gleichfalls hierher, und wie manches andre sogenannte tote Liegende, dessen Ursprung mechanisch zu erklären man sich abgequält, wird durch eine mehr oder minder chemische Operation der Natur uns viel faßlicher werden. Die wütenden Fluten, die man nötig gehabt, um in Kesseln ungeheure Gebirge zu mörseln, die Strömungen, die erfordert wurden, aus unbekannten Weltgegenden Trümmer und Geschiebe herbeizuschleppen; ja was noch schlimmer ist, die wiederholten Wasserbedeckungen der Erde, zu denen man seine Zuflucht nahm, sind traurige Behelfe einer verkehrten Erklärungsart. 

Es ist schon ein sehr beifallswürdiger und weiterleiten der Gedanke, daß nicht allein reißende und Teile fortführende Gewässer ein Gebirg zerstören können, sondern daß auch stille, mit chemischen Kräften versehene Flüssigkeiten sich in die Zerklüftungen der Gebirge einschleichen, das Gestein trennen, korrodieren, einer neuen Gebirgsart ein gleichsam Fremdes, Enthaltenes bereiten und zugleich das Enthaltende hervorbringen können, so, daß am Fuße gewisser Gebirge anderes Gebirg, aus Teilen und Stücken der früheren neu zusammengesetzt, gar wohl ohne gewaltsame Revolution gedacht werden kann. 

Gehe man nur noch einen Schritt weiter, daß jene frühere Gebirge, gleich im Werden durch irgendeine chemische Ursache gestört, nicht in Masse solideszieren können, sondern schon halb entstanden bröcklig, in einem halb weichen Zustande gegen- und umeinander bewegt, niedergehen und so Gebirgsarten bilden, die uns deswegen unerklärbar sind, weil es höchst schwer, ja beinah unmöglich ist, uns einen Begriff zu bilden, der zugleich das Werden und das Sein, das Formen und Umformen, das Bestimmen und Lösen enthalte. 

Einen solchen Fall bietet im ungeheuersten die Schweizer sogenannte Nagelfluh. Niemand weiß anzugeben, woher das Trümmergeschiebe, woraus sie bestehen, gekommen sein könnte. Ich habe es in früherer Zeit öfters angestaunt, in späterer zwar wieder gesehen, aber nicht genugsam darauf gemerkt. So viel aber kann ich sagen, daß ich Stücke davon gefunden, welche dem scheinbaren toten Liegenden, den Pseudo-Breccien ähnlich sind. 

Wer, dieser Vorstellungsartgünstig, jene Gegenden bereist, achte darauf, suche die Stufen und Übergänge, besonders zerschlage er die Kiesel, welche dieser Gebirgsart den Namen gegeben haben, und sehe, ob er irgend Beispiele der Selbständigkeit einer eignen inneren Formation an ihnen findet. 

Wenn man einmal einer Vorstellungsart zugetan ist, wenn sie uns natürlich, angeboren ist, so muß man sie über die Grenzen hinaus verfolgen, ohne bekümmert zu sein, ob man in seine Grenzen wieder werde zurückgetrieben werden. Dies ist hier der Fall; ich werde mir gern auch den mechanischen Ursprung eines Teils der Nagelfluh gar wohl gefallen lassen, ob ich gleich überzeugt bin, daß ein Teil derselben gewiß chemischen Ursprungs ist. 

Ich führe hier einen Fall an, der, ob er gleich innerlich von dem vorhergehenden weit entfernt hegt, doch wenigstens hier als ein Gleichnis dienen kann. 

Das Vorkommen des Bolognesersteins, welcher unter den bekannten Mineralien seinesgleichen nicht hat, so daß man ihn aus tausend Stücken leicht herausfinden wird. 

Er hat sich nämlich in unregelmäßig eiförmigen Stücken, auch oft in halbdeutlichen rosenförmigen Kristallisationen, in einer tonigen Gebirgsart erzeugt, welche viel Schwefel enthalten mag und, indem sie sich an der Verwitterung aufbläht und in kleine Stücke zerfällt, Brauseton genannt worden ist. Steigt man in einer Schlucht dieser schwarzgrauen Hügel hinauf, so treten die weißen, mit einem De-

mantglanze leuchtenden, eiförmigen Stücke des Schwerspates dem Auge ebenmäßig wie Nägel entgegen, wie ich denn in kurzer Zeit die schönsten und bedeutendsten Stücke auf diesem Wege gesammelt habe. Sollte jemand Gelegenheit finden, jenes Gebirg näher zu untersuchen, so würde ich raten, die zerbröckelte Oberfläche wegarbeiten zu lassen, welche Bemühung sich wahrscheinlich durch die schönsten Schwerspateier und -Rosen belohnen würde. Käme man aber auf das feste Gestein, so würde es höchst interessant sein, solches zu zerschlagen, um zu sehen, ob nicht dieser reine weiße Schwerspat porphyrartig in dem Gestein enthalten sei. 

Ehe ich um Entschuldigung dieser Digression bitte, will ich noch bemerken, daß wahrscheinlich der Ägyptenstein auch einer solchen Pseudo-Breccien-Formation angehört und wahrscheinlich uns nur deshalb isoliert bekannt ist, weil, wie bei vielen Puddingsteinen der Fall ist, das Umgebende und Enthaltende derselben sehr leicht zerfällt und verwittert. 

Wären wir nunmehr zu der eigentlichen unleugbaren Flözformation gekommen, so fehlt es uns auch keineswegs in derselben an solchen Beispielen, welche wir im obigen Sinn porphyrartig nennen können. So gibt uns die letzte Gipsformation sehr schöne Tafeln, wo dunklere Gipskristalle in einem helleren Grunde liegen und uns von ihrem chemischen Ursprung das entschiedenste Zeugnis geben. Bei Jena findet sich derselbe häufig. 

Nicht weniger findet sich ein Sandstein, welcher den Namen porphyrartig gleichfalls verdient. Derselbe bricht beiLauchstädt, und man kann,wie bei jenem Karlsbader Quarzgestein, eine stetige Reihe darstellen, wo in einem körnigen, doch gewissermaßen schiefrigen Sandstein, welcher dem Auge vollkommen gleichförmig erscheint, sich nach und nach Punkte entwickeln, welche zugleich heller und fester sind. Diese vergrößern sich, werden quarzartiger, fester, indes die übrige Masse immer lockerer und weicher erscheint. Kommt diese Bildungsart auf den höchsten Punkt, so verwittert das Gestein an der Luft dergestalt, daß das Weichere, Enthaltende zerstört wird und das Festere, Enthaltene, in Form von kleinen Kieselgeschieben, stehen bleibt, so daß man es sonder Zweifel für ein Konglomerat angeben würde, wenn man nicht von innen heraus eines anderen belehrt wäre.


Zeitgenossen und Nachfahren


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