> Gedichte und Zitate für alle: Rudolf Magnus-Goethe als Naturforscher - Achte Vorlesung. Die Farbenlehre II. — Physikalische Optik. (10)

2020-01-29

Rudolf Magnus-Goethe als Naturforscher - Achte Vorlesung. Die Farbenlehre II. — Physikalische Optik. (10)



Achte Vorlesung. Die Farbenlehre II. — Physikalische Optik.

Meine Herren! Wenn wir jetzt an die Besprechung des Abschnittes von den physiologischen Farben, der Goethes grundlegende Leistungen auf optischem Gebiete birgt, die des Kapitels über die physischen Farben anschließen, in dem seine optischen Irrtümer enthalten sind, so wollen wir ein Selbstbekenntnis von ihm an die Spitze stellen. „Meine Absicht bei meinen optischen Bemühungen ist: alle Erfahrungen in diesem Fache zu sammeln, alle Versuche selbst anzustellen und sie durch ihre größte Mannigfaltigkeit durchzuführen, wodurch sie denn auch leichter nachzumachen und nicht aus dem Gesichtskreis so vieler Menschen hinausgerückt sind. Sodann die Sätze, in welchen sich die Erfahrungen von der höheren Gattung aussprechen lassen, aufzustellen und abzuwarten, inwiefern sich auch diese unter ein höheres Prinzip rangieren." Den ersten Teil dieser selbstgestellten Aufgabe hat Goethe, darin sind alle Beurteiler einig, auf das Glänzendste gelöst. Seine Schilderung der Experimente ist mustergültig. Es ist kein Zweifel, daß

die Versuchsergebnisse, soweit er sie tatsächlich schildert, vollkommen richtig sind. Ein so genauer Kenner der Farbenerscheinungen wie Johannes Müller sagt in seinem grundlegenden Werke „zur vergleichenden Physiologie des Gesichtssinnes": „Insbesonders scheue ich mich nicht zu bekennen, daß ich der Goethe'schen Farbenlehre überall dort vertraue, wo sie einfach die Phänomene darlegt und in keine Erklärungen sich einläßt, wo es auf die Beurteilung der Hauptkontroverse ankommt." In demselben Sinne hat sich mehrfach Helmholtz ausgesprochen. Die von Goethe geschilderten Tatsachen und Experimente bestehen also zu Recht. Im Goethehaus sind noch heute die optischen Instrumente, mit denen die Versuche angestellt wurden, vollständig erhalten. Goethe hat unter Aufwendung großer Kosten „nach und nach einen Apparat zusammengebracht, wie er wohl noch nicht beisammen gewesen ist". Auf Fig. 9 ist einiges davon abgebildet. Bei einem Aufenthalt in Weimar konnte ich durch die Liebenswürdigkeit von Herrn Geh. Hofrat Ruland dieses Instrumentarium ans Licht ziehen und eine große Reihe von Goethes Experimenten mit seinen eigenen Apparaten wiederholen. Es waren eigentümlich weihevolle Stunden, in denen das Handwerkszeug des großen Meisters aus der Tiefe der Schränke hervorgeholt wurde und nun alle die vielfältigen Farbenerschcinungcn wieder entstehen ließ, die in der Farbenlehre geschildert sind. Goethe hat durchweg mit den einfachsten Mitteln gearbeitet, aber diese waren so ausgewählt, daß die Farben in wundervoller Klarheit und Schönheit unter den geschilderten Versuchsbedingungen sich hervorrufen ließen. So sind auch heute noch dieselben Phänomene, die Goethe gesehen hat, mit denselben Mitteln und an demselben Orte wieder in voller Deutlichkeit zu reproduzieren. 

Anders steht es mit dem zweiten Teil der Aufgabe, die sich Goethe stellte. Die theoretische Verwertung seiner Experimente führte ihn zu einer Ansicht über die Entstehung der Farben, mit welcher er schon bei seinen Zeitgenossen mit wenig Ausnahmen keine Anerkennung fand und die heute völlig verlassen ist. Sie führte ihn weiter zu einer Polemik gegen Newtons Farbentheorie, deren Gedankengang wir weiter unten zu würdigen haben. Will man aber in diesem Punkte völlig gerecht urteilen, so darf man nicht vergessen, daß zu Goethes Zeiten die physikalische Theorie des Lichtes und der Farben keineswegs so geklärt war wie heute. Damals kämpften die alte Newtonsche Emissionstheorie, welche annahm, daß das Licht aus kleinsten körperlichen Teilen bestehe, die von der Lichtquelle geradlinig fortgeschleudert werden, und die Huyghens'sche Undulationstheorie miteinander, welche im Licht die Wellenbewegung eines hypothetischen Lichtäthers sieht Gerade in jenen Zeiten wurden nun eine Reihe optischer Phänomene entdeckt, welche sich den herrschenden Theorien nicht ohne weiteres einfügen wollen (die Achromasie, die Erscheinungen des polarisierten Lichtes u. a.). Zu ihrer Erklärung mußten die Vertreter beider Theorien ihre Ansichten wechseln. Es herrschte ein lebhaftes Hin und Wider der Meinungen, und Goethe gewann daraus die Überzeugung von der Wertlosigkeit jeder Theorie überhaupt. So bildete er sich seine selbstständige Ansicht, der man jedenfalls zubilligen muß, daß sie erstens anschaulich und zweitens in sich konsequent war. 

Die physischen Farben sind nach Goethe solche, zu deren Hervorbringung das farblose Licht mit materiellen, selbst ungefärbten Medien in Beziehung treten muß. Wenn also Licht durch ein farbloses Glasprisma hindurchfällt und danach die Farbenerscheinung des Spektrums gibt, so ist das physische Farbe im Goetheschen Sinne. Diese schließen sich nun „unmittelbar an die physiologischen an und scheinen nur um einen geringen Grad mehr Realität zu haben". In diesem Satz ist, wie Sie sich er- innern, Goethes Grundirrtum enthalten; er war sich nicht klar darüber, daß zwischen der Sinnesempfindung und dem diese Empfindung auslösenden Reiz eine unüberbrückbare Kluft besteht, daß es sich um zwei völlig unvergleichbare Dinge handelt.

Die physischen Farben sind entweder objektiv oder subjektiv darstellbar; wenn Licht durch ein Prisma fällt und auf der gegenüberliegenden Wand ein farbiges Spektrum erscheint, so sind die Farben objektiv dargestellt; sieht dagegen der Experimentator durch das Prisma hindurch nach einer Öffnung im Fensterladen, so erscheint diese von farbigen Rändern umsäumt; das ist die subjektive Darstellungsweise. Diese subjektiven Versuche hat Goethe unter anderem deshalb in den Vordergrund gestellt, weil sie es nach seiner Meinung sind, die sich unmittelbar an die physiologischen anschließen; der Unterschied ist nur, daß das zu Studierende in diesem Falle nicht die Eigenschaften des Auges, sondern die Eigenschaften des äußeren Mediums, des Prismas, sind. 

Das erste Kapitel dieses Abschnittes handelt von den dioptrischen Farben, welche entstehen, wenn Licht durch durchsichtige Körper hindurchtritt. Als Ausgang benutzt Goethe die Farbenerscheinungen, welche durch trübe Mittel hervorgerufen werden. Die Lehre von den trüben Mitteln ist für Goethe die Grundlage seiner ganzen physikalischen Farbenlehre. Gießt man in ein Glas Wasser etwas Seifenspiritus oder trübt man es mit einem anderen an sich farblosen Zusatz, so erscheint die Flüssigkeit im durchfallenden Licht gelb; betrachtet man dagegen das getrübte Wasser vor einem dunkeln Hintergrund, also im auffallenden Licht, so sieht es blau aus. Bei zunehmender Trübung des Wassers erscheint es im durchfallenden Licht gelbrot und schließlich rot, im auffallenden Lichte immer weißlicher. Wenn die Trübung dagegen nur sehr zart ist, so entsteht bei auffallendem Licht ein schönes Violett. Dieses Phänomen ist nach Goethe so unmittelbar anschaulich, daß es jedem Menschen ohne weitere Erklärung demonstriert werden kann. Es ist eine absolut einfache Erscheinung, und Goethe sieht in ihr das „Urphänomen" der Farbenlehre. „Da wir alle Farben nur durch Mittel und an Mitteln sehen, so ist die Lehre vom Trüben, als dem allerzartesten und reinsten Materiellen, derjenige Begriff, woraus die ganze Chromatik sich entwickelt." Goethe stellt die Farben der trüben Medien deshalb in den Vordergrund, weil sie so außerordentlich einfach erscheinen. „Man soll keine abgeleiteten Phänomene an die erste Stelle setzen." Er macht gerade Newton zum Vorwurf, daß die Experimente, aus denen er seine Farbenlehre entwickelt, schon so abgeleitet und kompliziert sind, daß man ihre Bedingungen nicht ohne weiteres überschauen kann. Das ist bei den Farben der trüben Mittel dagegen ohne Schwierigkeit möglich. Diese waren, wie gesagt, für Goethe das „Urphänomen", d. h. eine Erscheinung, die an sich schon so anschaulich ist, daß sie keiner weiteren Erklärung bedarf. Goethe hat niemals versucht, die Frage zu beantworten, warum denn die trüben Medien im durchfallenden Licht gelb und im auffallenden blau erscheinen. Er gibt überhaupt keine Theorie des Lichtes, aus der er diese Farbenerscheinung ableiten könnte, sondern das „Urphänomen wird als gegeben vorausgesetzt, und Goethes physikalische Farbenlehre besteht darin, daß er alle Phänomene aus diesem einen zu entwickeln versucht, daß er alle Farbenerscheinungen auf trübe Medien zurückführt. An einer Stelle seiner Notizen findet sich die Bemerkung „Von dem Werte des Was. Die Fragen Wie? Warum? Wozu? abgelehnt." So leitet Goethe seine physikalische Optik ohne jede Theorie aus einem einfachen, ohne weiteres anschaulichen Phänomen ab. 

An zahlreichen Beispielen wird nun die Lehre von den trüben Mitteln illustriert. Besonders ergiebig sind hier die atmosphärischen Farbenerscheinungen. Wenn die Sonne durch Dunst hindurchscheint, wird sie gelblich bis gelbrot, wenn sie am dunstigen Horizont untergeht, steigert sich diese Farbe zum leuchtendsten Purpur. Morgen- und Abendrot werden auf denselben Vorgang zurückgeführt. Die blaue Farbe des Himmels bezieht Goethe ebenfalls in diese Erscheinungen mit ein; die Luft wirkt als ein trübes Mittel vor dem dunkeln Hintergrund des Weltenraumes. Er ist sehr erfreut,

als er findet, daß diese noch heute gültige Erklärung schon von Lionardo da Vinci gegeben worden ist, während zu Goethes Zeiten vielfach andere kompliziertere Meinungen aufgestellt waren. Auch die Luftperspektive, die blaue Farbe entfernter Berge, gehört hierher. Diese letzteren wirken als dunkler Hintergrund, vor dem die Luft als trübes Mittel blau erscheint. 

„Wenn der Blick an heitern Tagen 
Sich zur Himmelsbläue lenkt, 
Beim Siroc der Sonnenwagen 
Purpurrot sich niedersenkt, 
Da gebt der Natur die Ehre Froh, 
an Aug' und Herz gesund 
Und erkennt der Farbenlehre 
Allgemeinen, ew'gen Grund." 

Sehr schön lassen sich die Farbenerscheinungen trüber Mittel an dem sogenannten Opalglas beobachten. Goethe hat sich für dessen Fabrikation aufs lebhafteste interessiert, selbst alte Vorschriften aus mittelalterlichen Büchern (Kunckels Glasmacherkunst) hervorgesucht und durch verschiedene Glashütten derartige Gläser anfertigen lassen. Noch heute finden sich im Goethehaus zahlreiche Scherben von Opalglas, die in der Durchsicht gelb bis gelbrot, in der Aufsicht blauweiß, blau oder violett aussehen. Ein humoristisches Beispiel erzählt Goethe von einem Maler, dem das Ölbild eines schwarzgekleideten Mannes zum Reinigen übergeben war.
Er wusch es zunächst mit einem nassen Schwamm ab und sah zu seinem Erstaunen, daß das schwarze Gewand darauf im schönsten Hellblau erstrahlte. Goethe, dem dies mitgeteilt wurde, gab die richtige Deutung; die oberflächliche Firnisschicht hatte sich bei der Behandlung mit Wasser getrübt und erschien nun auf dem schwarzen Hintergrunde der Ölfarbe hellblau. Am folgenden Morgen, als das Wasser verdunstet war, war auch die blaue Farbe verschwunden. Aufgüsse von nephritischem Holz (Sandelholz), von Quassia und von der Rinde der Roßkastanie zeigen ebenfalls in der Durchsicht eine gelbe, in der Aufsicht eine blaue Färbung. Goethe bezog auch dieses auf das Phänomen der trüben Medien; es wurde aber später von Herschel, Brewster und Stokes nachgewiesen, daß es sich hier um die zu Goethes Zeit noch unbekannten Fluoreszenzerscheinungen handelt. 

An die Lehre von den trüben Mitteln reiht Goethe als wichtigsten Abschnitt des Kapitels von den physischen Farben die Lehre von der Refraktion, von den Farbenerscheinungen bei der Lichtbrechung. Wir wollen hier nicht dem ganzen weitverzweigten Darstellungsgang Goethes folgen, sondern gleich zum wichtigsten Abschnitt, den prismatischen Farben, übergehen. Da ist nun einer der Hauptpunkte, der immer wieder betont wird, der, daß es unstatthaft sei, bei der Schilderung solcher

prismatischer Versuche von Lichtstrahlen und deren Brechung zu reden. Das seien nur Abstraktionen des Mathematikers. Was man tatsächlich beobachtet, wenn Licht durch eine enge Öffnung des Fensterladens in die dunkle Kammer fällt, ist ein Bild der Sonne bzw. andrer außen befindlicher Gegenstände, das nach ähnlichen Gesetzen entsteht wie das Bild auf der Mattscheibe einer photographischen Kamera. Dieses Bild der Sonne ist, wie Goethe richtig bemerkt, begrenzt, und die Grundbedingung für die Farbenerscheinung bei der Refraktion sieht Goethe darin, daß solche Bilder bei der Brechung verrückt werden und daß nur deshalb an ihren Grenzen die Farbenerscheinungen auftreten können. Von diesem Gedanken ausgehend, hat Goethe auch die subjektiven prismatischen Versuche an die Spitze gestellt. Er hatte sich eine Reihe von schwarzen, weißen und farbigen Bildern auf geeigneten Tafeln aufgeklebt und betrachtete diese durch das Prisma. Dann erschienen sie an einem andern Orte, und gleichzeitig mit dieser Verrückung traten farbige Säume an ihren Rändern auf. Für die Darstellung der objektiven Versuche, bei denen ein Lichtstrahl in der dunklen Kammer auf ein Prisma fiel, hat Goethe es nun stets vermieden, enge Öffnungen im Fensterladen zu benutzen. Er glaubte, daß hierdurch das Licht in seiner Unmittelbarkeit gestört würde, wenn es durch enge Löcher

sich hindurchzwängen müßte. Auf der Anwendung breiter Lichtbündel beruht ein großer Teil von Goethes Versuchsresultaten. Es wird dann ferner die prismatische Farbenerscheinung auf die Lehre von den trüben Mitteln zurückgeführt. Das gelingt auf folgende Weise. Goethe nimmt an, daß, wenn auf der weißen Wand durch das Prisma das Bild der Sonne oder der Öffnung im Fensterladen entworfen wird, dieses Bild eigentlich aus zweien bestände: aus einem Hauptbild und einem Nebenbild, geradeso wie ein schlechter Spiegel die Gegenstände zweifach zurückwirft, ein Bild von der Hinterfläche und eines von der Vorderfläche des Glases, von welchen das eine schattenhaft über dem andern zu schweben scheint. Es sollte auch bei der prismatischen Brechung ein Haupt- und ein Nebenbild entstehen und das Nebenbild vor dem Hauptbilde schweben. Wir haben gesehen, daß Goethe bei der prismatischen Brechung ein Bild verrückt werden läßt. Dabei soll das Nebenbild immer weiter verrückt werden als das Hauptbild, es soll dem Hauptbild gleichsam immer voraneilen. Die ganzen Farbenerscheinungen lassen sich nun dadurch ableiten, daß Goethe das Nebenbild als ein trübes Mittel betrachtet, durch welches hindurch man das Hauptbild sieht. Umstehende Zeichnung (Fig. 10), in welcher das Hauptbild durch die ungebrochene, das Nebenbild durch die punktierte Linie angedeutet wird, möge das Folgende verdeutlichen. Oben sehen wir die scharfe Begrenzung des Hauptbildes, das wir uns weiß auf dunklem Grunde denken wollen. Davor schwebt der dunkle Teil des Nebenbildes. Dieser wirkt wie ein trübes Mittel, das vor hellem Hintergrunde gelb erscheint. Nach dem Rande zu wird die Trübung stärker angenommen, und deshalb geht der gelbe Rand allmählich in Rot über. Unten sehen wir dagegen das Nebenbild über den dunklen Teil des Hauptbildes herübergreifen. Das trübe Nebenbild vor dem dunklen Grunde erscheint daher blau, und nach dem Rande zu, wo das Nebenbild sich verflüchtigt und die Trübung feiner wird, entsteht Violett. So ist es Goethe gelungen, auf Grund seiner Hilfsannahme vom Haupt- und vom Nebenbild zunächst einmal das Auftreten von Gelb und Blau bei der prismatischen Brechung zu erklären und daraus durch „Steigerung" Rot und Violett abzuleiten. Je weiter sich nun das Prisma von der Wand entfernt, oder je stärker der brechende Winkel des Prismas wird, um so mehr läßt Goethe das Nebenbild dem Hauptbild bei der Brechung voraneilen. Dadurch müssen sich die farbigen Ränder verbreitern, und schließlich wird es so weit kommen, daß sich Gelb und Blau in der Mitte treffen. Es entsteht dann durch Vermischung dieser beiden Farben das Grün. Goethe läßt also die grüne Farbe auch hier keine einfache sein, sondern erklärt sie durch Mischung. Wir haben schon gehört, daß das falsch ist, daß durch Mischung von spektralem Blau und Gelb nur Grau oder Weiß entsteht, und daß die Mischung Grün, welche die Maler aus blauen und gelben Pigmenten erhalten, nur darauf beruht, daß diese Farbstoffe nicht im physikalischen Sinne reine Farben bilden. Goethe läßt also das Grün nicht nur eine gemischte Empfindung sein, sondern auch das objektive spektrale Grün durch Mischung entstehen, während wir heute wissen, daß das Grün des Spektrums eine unzerlegbare einfache Farbe ist. Zu diesem Irrtum konnte Goethe aber deshalb kommen, weil die Mischungsverhältnisse des Grün damals noch nicht physikalisch erklärt waren. Erst später hat, wie schon oben erwähnt wurde, Helmholtz diese verwickelten Beziehungen vollkommen aufgedeckt — Anders verlaufen die prismatischen Erscheinungen, wenn ein schwarzes Bild auf weißem Grunde verrückt wird. Dann entstehen ebenfalls gelbe und blaue Ränder, die gegen das Schwarz hin in Rot bzw. Violett übergehen. Nimmt die Brechung zu, so treffen sich Rot und Violett in der Mitte des schwarzen Streifens und bilden durch Vermischung den Purpur. Diese Feststellung Goethes trifft das Richtige. Purpur ist tatsächlich eine Farbe, die als einfache im Spektrum nicht vorkommt, sondern erst durch Mischung von Rot und Violett entsteht. So ist Irrtum und Wahrheit in Goethes System zu einem in sich abgeschlossenen und in sich konsequenten Ganzen verflochten. Aus dem bisher Gesagten ergibt sich, daß nach Goethes Auffassung die Farben nur dann auftreten, wenn das prismatische Bild entweder ins Auge oder auf eine weiße Wand fällt. Sonst sind die Bedingungen zu ihrer Entstehung nicht gegeben. Er weist daher mit größter Entschiedenheit immer wieder darauf hin, daß nach seiner Darstellung die prismatischen Farbenerscheinungen keineswegs fertige sind, sondern immer nur als werdende beobachtet werden können; es sei deshalb vollständig falsch, wenn Newton behauptet, daß die Farben im weißen Licht enthalten seien, im weißen Licht drin steckten, vielmehr sei das weiße Licht etwas durchaus Einheitliches; die Farben entstehen immer nur an den Rändern von Bildern, welche durch Refraktion verrückt werden. In dem ersten Hauptteil von Goethes optischem Werk, dem didaktischen Teil, werden die Phänomene und Experimente nur einfach der Reihe nach geschildert und in der Weise angeordnet, daß sich die theoretische Ansicht dadurch gewissermaßen von selbst ergibt Die Auseinandersetzung mit der Newtonschen Farbenlehre ist davon vollständig losgelöst. Sie findet sich in dem zweiten, polemischen Teil. Hier nimmt Goethe das optische Hauptwerk Newtons Abschnitt für Abschnitt und Satz für Satz durch und weist bis ins einzelnste jeden Punkt nach, in dem Newton seiner Meinung nach etwas Falsches behauptet hat. Er geht hier streng ins Gericht, wird stellenweise sogar sehr grob, wirft seinem Gegner Advokatenkniffe, captiöse Methode und bewußten Schwindel vor. Nur in dem Schlußabschnitt entschuldigt er dieses Verfahren mit der polemischen Natur der Schrift und verspricht im historischen Teil Newtons Persönlichkeit besser gerecht zu werden. Die Haupteinwände, welche Goethe gegen Newton richtet, sind in Kürze folgende: Zunächst der schon erwähnte, daß bei den Versuchen in der dunklen Kammer Newton immer von Strahlen redet, während doch tatsächlich Bilder entworfen und durch Brechung verändert würden. Weiter tadelt Goethe, daß Newton an die Spitze seiner Farbenlehre einen verwickelten und abgeleiteten Versuch gesetzt habe, dessen Bedingungen absichtlich kompliziert worden seien, daß also die ganze Darstellung von einem beschränkten Einzelfalle ausgehe, nicht von einem allgemein gültigen Naturphänomen. Von diesem Standpunkt aus wird nun die ganze Reihe der Newtonschen Versuche durchkritisiert, und Goethe geht so weit, daß er selbst die kurz vorher entdeckten Fraunhoferschen Linien des Sonnenspektrums nicht anerkennen will, da sie nur auftreten, wenn man das Licht durch einen engen Spalt fallen läßt. 

„Freunde, flieht die dunkle Kammer, 
„Wo man Euch das Licht verzwickt ,
Und im kümmerlichsten Jammer 
„Sich verschrobnen Bildern bückt.
 „Abergläubische Verehrer 
„Gab's die Jahre her genug 
„In den Köpfen Eurer Lehrer 
„Laßt Gespenst und Wahn und Trug." 

Sehr wichtig ist der folgende Punkt, weil er sich auf experimentelle Beobachtungen stützt. Newton hatte angegeben, daß, wenn man aus dem Sonnenspektrum eine einzelne Farbe isoliert und diese durch ein zweites Prisma einer zweiten Brechung unterwirft, dann die Farbe unverändert bleibe und daß keine neuen farbigen Säume erscheinen. Goethe bestreitet das aufs entschiedenste. Er findet die Angabe allerdings beim Rot zutreffend, nicht aber beim Blau und beim Violett. Dieses abweichende Ergebnis ist zur Charakteristik der beiden streitenden Parteien sehr wichtig. Newton hat seine richtige Behauptung aufgestellt, weil er bei seinen Versuchen das Wesentliche sah und die unwesentlichen schwachen Farbenränder vernachlässigte. Goethe dagegen hat durchaus richtig beobachtet. Bei der Newtonschen Versuchsanordnung gelingt es tatsächlich nicht, ganz reines spektrales Licht zu bekommen; es treten bei der zweiten Brechung immer, wenn auch schwache Farbensäume auf. Das, was Newton behauptet hatte und was Goethe nicht experimentell bestätigen konnte, ist erst Helmholtz gelungen, welcher durch mehrfache Brechung und die Verwendung enger Spalten wirklich einfaches Licht aus dem Spektrum isolierte. Newton hat also den richtigen Schluß aus seinen unvollkommenen Versuchen gezogen, Goethes gegenteilige Behauptung beruht aber auf genauer und feiner Beobachtung. — Ein weiterer Punkt, bei dem es sich um abweichende tatsächliche Befunde handelt, bezieht sich auf die verschiedene Brechbarkeit verschiedenfarbigen Lichtes. Newton hatte gefunden, daß das violette Licht stärker gebrochen wird als das rote, und zu diesem Zwecke verschiedene Versuche angegeben. Goethe hat diese nachgeprüft (die optische Bank, die er dazu benutzte, ist im Goethehaus vorhanden, s. Fig. 9, Nr. 2) und konnte Newtons Angabe nicht bestätigen. Dieses merkwürdige Ergebnis beruht wahrscheinlich darauf, daß Goethe mit farbigen Papieren gearbeitet hat, welche keine im physikalischen Sinne reine Farben besaßen. Zur Beurteilung dieses Befundes ist aber zu bemerken, daß ein so geschickter physikalischer Experimentator wie Goethes Freund und Mitarbeiter Seebeck ebenfalls nicht imstande gewesen ist, Newtons Angabe zu bestätigen. Seebeck arbeitete mit farbigen Gläsern, welche vermutlich ebenfalls keine reinen Lichter gaben. Ein weiteres Argument Goethes gegen Newton bezieht sich auf die Achromasie und die Möglichkeit, die dioptrischen Ferngläser zu verbessern. Newton hatte die Farbenzerstreuung bei der Brechung durch Linsen unter- sucht und daraufhin behauptet, die Fernrohre wären nicht zu verbessern, weil bei jeder Lichtbrechung eine Farbenzerstreuung eintrete. Es ist Ihnen bekannt, daß man durch schlechte Fernrohre oder Operngläser alle Gegenstände mit farbigen Rändern umsäumt sieht. Nun hatte aber in der Mitte des 18. Jahrhunderts Dollond die achromatischen Linsenkombinationen aus Crown- und Flintglas entdeckt, bei denen durch Vereinigung zweier Gläser mit verschiedenem Farbenzerstreuungsvermögen das Zustandekommen dieser farbigen Ränder verhindert war. Dadurch war bewiesen, daß nicht, wie Newton angenommen hatte, die Farbenzerstreuung von der Refraktion direkt abhängig sei, sondern daß, je nach den chemischen Eigenschaften der Gläser, verschiedene Farbenzerstreuung bei gleicher Refraktion auftreten könne. Die damals kämpfenden optischen Theorien mußten sich diesen neuen Vorstellungen anpassen. Goethe aber zog daraus, daß diese Theorien auf Grund einer neuen Tatsache ad hoc modifiziert wurden, den Schluß, daß sie überhaupt falsch wären. Seiner Meinung nach widerlegten die achromatischen Fernrohre die Newtonsche Theorie vollständig. — Einer der wichtigsten Punkte, in denen Goethe von Newton abwich, war nun schließlich folgender: Newton hatte die Farben aus dem weißen Lichte gesondert; es ergab sich also für ihn die Aufgabe, das weiße Licht aus den Farben wieder zusammenzusetzen, und tatsächlich gibt Newton an, daß durch Mischung der spektralen Lichter Weiß entstände. Dieser Angabe widerspricht Goethe entschieden. Seiner Meinung nach haben alle Farben etwas Schattiges, ???, und wenn man mehrere Farben miteinander mischt, nimmt dieses Schattige zu; das Resultat kann also niemals Weiß, sondern nur Grau sein, und „hundert graue Pferde machen nicht einen einzigen Schimmel". Tatsächlich kann man aus reinen spektralen Farben von genügender Intensität Weiß mischen, wie schon Schopenhauer gegen Goethe geltend machte. Aber trotzdem liegt dem Goetheschen Einwand eine richtige Beobachtung zugrunde. Wenn man mehrere Farben so mischt, daß das Gemisch farblos wird, so ist die Helligkeit tatsächlich geringer als die Helligkeit der ursprünglichen Komponenten zusammengenommen. Hering hat diesen Versuch mit zum Ausgangspunkt seiner Theorie der Gegenfarben gemacht. Wenn man also farbige Pulver oder die Farben pigmentierten Papiers durch geeignete Mittel (Farbenkreisel usw.) mischt, so tritt tatsächlich Grau auf, und nur bei Benutzung sehr lichtstarker prismatischer Farben wird Weiß erhalten. So sehen wir, daß alle Einwände Goethes gegen die Newtonsche Lehre auf unmittelbarer richtiger Beobachtung beruhen und daß sie konsequent zum System von Goethes Farbenlehre passen. Er hat seine Polemik gegen Newton noch in der Geschichte der Farbenlehre fortgesetzt. Hier entwickelt er, wie diese seiner Meinung nach falsche Theorie entstehen konnte. Heute hat Newtons Ansicht in allen wesentlichen Punkten den unzweifelhaften Sieg errungen. Goethes Farbenlehre ist in diesem Streite völlig unterlegen; es ist aber interessant, zu verfolgen, wie ihr Urheber auf Grund möglichst anschaulicher Versuche und Phänomene unter Ausschaltung jeder Theorie über das Wesen des Lichtes imstande war, aus dem einfachen Urphänomen der trüben Mittel die Gesamtheit der physikalischen Farbenerscheinungen sich klar zu machen. 

An die dioptrischen Farben schließt Goethe die katoptrischen an, welche durch Spiegelung an einer farblosen Fläche entstehen. Denen folgen die paroptischen, welche auftreten, wenn das Licht an einem Rande erscheint (Beugungserscheinungen), und weiter folgen die epoptischen Farben. Diese entstehen nach Goethe an glatten Flächen; die Hauchbilder, die Farben der Seifenblasen, die Newtonschen Ringe gehören hierher. Goethe hat wenigstens andeutungsweise versucht, auch diese Farben aus der Lehre von den trüben Mitteln herzuleiten. Damit schließt die Abteilung von den physischen Farben. Goethe hat aber später noch ein weiteres Kapitel bearbeitet, das an dieser Stelle eingefügt werden sollte, die Lehre von den „entoptischen Farben". Im Jahre 1809 hatte Malus endeckt, daß das Licht durch Spiegelung veränderte Eigenschaften bekommt, was wir heute als die Erscheinung des polarisierten Lichtes bezeichnen. Seebeck hatte dann 1812 das Verhalten von Glas in derartigem Lichte untersucht und 1813 das Auftreten von sehr merkwürdigen Figuren, schwarzen Kreuzen auf weißem Grunde und weißen Kreuzen auf schwarzem Grunde, bei verschiedenen Gläsern gefunden. Diese Figuren bezeichnete man damals als „entoptische". Er untersuchte nun die Bedingungen dieser Erscheinung und fand, daß nur schnell gekühltes Glas sie zeigt. Er erhielt 1816 die Hälfte eines Preises vom Institut de France, die andere erhielt der Physiker Brewster. Goethe hatte von Anfang an lebhaftestes Interesse für diese Seebeckschen Untersuchungen und er übernahm es, das Auftreten der Farbenerscheinungen hierbei durchzuexperimentieren. Im Jahre 1813 schrieb er schon einen Brief über die Doppelbilder des Kalkspats, 1817 die Ele-

mente der entoptischen Farben und 1820 den zusammenhängenden Aufsatz „Entoptische Farben", der in den didaktischen Teil der Farbenlehre eingeschoben werden sollte. Dieser Aufsatz enthält nun eine geradezu musterhafte Schilderung der Phänomene, die Goethe von den allereinfachsten schrittweise bis zu den kompliziertesten entwickelt. Er experimentiert auch hier wieder mit den einfachsten Mitteln, wenigen Spiegeln und Glaswürfeln, und man kann sich eigentlich kein schöneres Experimentierbuch für Knaben denken als diese klare Schilderung der entoptischen Versuche. Im Goethehaus finden sich noch zahllose Proben rasch gekühlten Glases, Glaswürfel, Glasplatten, Kalkspatkristalle, Glimmerscheiben, Bernsteinknöpfe und alle die einzelnen Stücke, die in Goethes Aufsatz erwähnt werden. Der Polarisationsapparat, mit dem Goethe zumeist arbeitete, war der denkbar einfachste (Fig. 9, Nr. 3): zwei schwarz hinterlegte Glasspiegel an einem einfachen Holzgestell so befestigt, daß zwischen ihnen Glasplatten, Würfel (Nr. 4) usw. angebracht werden konnten. Einen sehr vollkommenen Apparat des Mechanikers Niggl in München (Fig. 9, Nr. 5), den ihm Professor Schweigger 1818 zu seinem Geburtstage geschickt hatte, benutzte er nur ungern, weil ihm die Bedingungen hier schwieriger übersehbar zu sein schienen als bei seinem einfachen Instrument Goethe glaubte in diesen entoptischen

Farben das „Tüpfelchen auf dem i" seiner Farbenlehre gefunden zu haben und machte sich weidlich über die Bemühungen der Physiker lustig, ihre optischen Theorien mit diesen ganz neuen Phänomenen in Einklang zu bringen. 

„Möget ihr das Licht zerstückeln, 
„Farb' um Farbe draus entwickeln, 
„Oder andere Schwanke führen, 
„Kügelchen polarisiren, 
„Daß der Hörer ganz erschrocken
 „Fühlet Sinn und Sinne stocken.
 „Nein! es soll euch nicht gelingen, 
„Sollt uns nicht beiseite bringen, 
„Kräftig wie wir's angefangen, 
„Wollen wir zum Ziel gelangen.

Die Folge hat allerdings Goethe unrecht gegeben. An der Hand der entoptischen Phänomene und der Polarisationserscheinungen ist die Undulationstheorie des Lichtes ausgebaut worden zu der Vollendung, mit der sie heute die Gesamtheit der optischen Erscheinungen umfaßt. Die Richtigkeit von Goethes tatsächlichen Beobachtungen aber bleibt auch auf diesem Gebiete unbeschränkt bestehen. Er zog es auch hier wieder vor, die dunkle Kammer zu fliehen und möglichst unter freiem Himmel zu arbeiten. Dieses Mal wurde ihm dadurch eine wichtige Erfahrung ermöglicht. Er fand nämlich, daß die entoptischen Figuren sich ganz verschieden verhielten, je nachdem er seine Spiegel nach verschiedenen Teilen des Himmels richtete, und es gelang ihm, die Gesetzmäßigkeit dieses Verhaltens nachzuweisen und von der jeweiligen Stellung der Sonne abzuleiten. Nach Goethes Meinung war damit der atmosphärische Ursprung der entoptischen Phänomene nachgewiesen. Nach unserer heutigen Ausdrucksweise hat er gefunden, daß das Licht, das von verschiedenen Teilen des Himmels reflektiert wird, teilweise und in gesetzmäßiger Weise polarisiert ist. Hierauf führt er nun die allen Malern bekannte Tatsache zurück, daß in den Ateliers die Beleuchtung zu den verschiedenen Tageszeiten verschieden gut ist. Er geht mit seinem entoptischen Apparat in die Malerateliers und stellt fest, daß die entoptischen Eigenschaften des Lichtes mit dieser Beleuchtung gleichmäßig wechseln und macht daraufhin den Vorschlag, ein gutes Maleratelier müsse zwei Fenster haben, eines nach Norden, eines nach Westen, damit zu verschiedenen Tageszeiten Licht aus verschiedenen Himmelsgegenden einfallen könne. Vorschläge zu Beobachtungen auf Reisen und zu Demonstrationen in der Vorlesung schließen diesen Aufsatz, in dem die mustergültige Darstellung und die klare Schilderung der Experimente bewunderungswert sind. Auch hier bildet Goethe aus den Phänomenen eine kontinuierliche Reihe, die von den einfachsten bis zu den kompliziertesten fortschreitet, und versucht, alles auf die Lehre von den trüben Mitteln zurückzuführen. Hierher gehört auch das schöne Gedicht an Julie v. Egloffstein: 

Entoptische Farben. 

„Laß Dir von den Spiegeleien 
»Unsrer Physiker erzählen, 
„Die am Phänomen sich freuen,
 »Mehr sich mit Gedanken quälen. 

„Spiegel hüben, Spiegel drüben,
„Doppelstellung, auserlesen;
 „Und dazwischen ruht im Trübe
 „Als Kristall das Erdewesen. 

„Dieses zeigt, wenn Jene blicken, 
„Allerschönste Farbenspiele, 
„Dämmerlicht, das beide schicken,
„Offenbart sich dem Gefühle.

 „Schwarz wie Kreuze wirst du sehen, 
„Pfauenaugen kann man finden, 
„Tag und Abendlicht vergehen, 
„Bis zusammen beide schwinden.

„Und der Name wird ein Zeichen, 
„Tief ist der Kristall durchdrungen:
„Aug' im Auge sieht dergleichen 
„Wundersame Spiegelungen.

„Laß den Makrokosmus gelten, 
„Seine spenstischen Gestalten! 
„Da die lieben kleinen Welten
„Wirklich Herrlichstes enthalten. 

Goethe beabsichtigte ursprünglich am Schluß der Farbenlehre noch einen supplementären Teil folgen zu lassen, in dem besonders ein Aufsatz über Versuche sich finden sollte, bei denen Prismen und Linsen miteinander vereinigt werden. Goethe verweist oftmals auf diese Arbeit, hat sie aber niemals veröffentlicht. Ferner sollte im supplementären Teil der zu den optischen Versuchen nötige Apparat eingehend geschildert werden und auch ein Aufsatz über den Regenbogen folgen. Statt dessen bringt Goethe am Schluß seiner Farbenlehre „statt des versprochenen supplementären Teils" nur einige Aufsätze Seebecks über die Wirkung farbiger Beleuchtung. Der erste derselben knüpft an eine ältere Entdeckung Goethes an. Dieser hatte schon im Jahre 1792 Untersuchungen über das Verhalten des bononischen Leuchtsteins (Schwefelbaryum), eines phosphoreszierenden Minerals, das nach vorheriger Belichtung im Dunkeln weiter leuchtet, angestellt und gefunden, daß nur die blauen und violetten, nicht dagegen die gelben und roten Strahlen des Sonnenspektrums die Phosphoreszenz hervorzurufen imstande sind. Diese Entdeckung ist also nicht, wie in einer neuern Arbeit zu lesen steht, 1849 von Becquerel, sondern 57 Jahre früher von Goethe gemacht worden. Seebecks Artikel befaßt sich mit der Wirkung des Lichtes auf Leuchtsteine, auf Schwärzung des Chlorsilbers und auf das Wachstum der Pflanzen. 

Es bleibt uns nun noch übrig, ganz kurz auf den dritten Hauptteil von Goethes Farbensystem einzugehen, auf die Lehre von den chemischen Farben, den Körperfarben. Auch hier versucht Goethe das Prinzip der trüben Medien zur Erklärung heranzuziehen. Ein Körper, der gar kein Licht zurückwirft, erscheint schwarz; ein Körper, dessen Oberfläche „die vollendete Trübe" besitzt, erscheint weiß; die Farben entstehen dadurch, daß nach Goethes Ansicht die Oberflächenschicht gefärbter Körper durchsichtig ist und wie ein trübes Mittel wirkt. Das Licht dringt also eine kleine Strecke in den Körper ein und wird erst dann reflektiert. Wenn die Oberflächenschicht eines weißen Körpers leicht getrübt ist, so ergibt sich ein trübes Mittel vor weißem Hintergrunde, und die Farbe des Körpers wird gelb; nimmt die Trübung zu, so steigert sich das Gelb zu Orange und Rot. Trübt sich dagegen die Oberflächenschicht eines schwarzen Körpers, so erblicken wir ein trübes Medium vor dunklem Hintergrunde, und der Körper erscheint blau; ist die Trübung eine besonders zarte, so entsteht Violett. Durch Mischung der gelben und der blauen Farbe ergeben sich dann grüne, durch Mischung der roten und der violetten Farbe purpurgefärbte Körper. So gelingt es Goethe in der Tat durch konsequente Anwendung der Lehre vom Trüben eine anschauliche Hypothese über das Auftreten der Körperfarbe zu gewinnen. 

Goethe sucht in diesem Abschnitt noch eine zweite Aufgabe zu lösen, nämlich die Frage zu beantworten, wie die Farbe chemischer Körper von ihrer chemischen Zusammensetzung abhängt. Das Problem selbst ist ein altes; schon Paracelsus hatte die Farbe der Körper auf ihren mehr oder minder großen Gehalt an Schwefel zurückgeführt. Es beschäftigt aber die Chemiker noch bis auf den heutigen Tag, und erst die Anfänge zu einer Lösung sind getan. Nur auf dem Gebiete der Teerfarbstoffe ist es bisher gelungen, zu bestimmten Gesetzmäßigkeiten zu gelangen. Entsprechend der damaligen Entwicklung der Chemie ist nun auch Goethes Ableitung der Farben von der chemischen Zusammensetzung noch durchaus unvollkommen. Er sucht allerdings die Farben der „Metallkalke", d. h. der Oxyde, von dem Grade ihrer „Oxydation und Desoxydation" abzuleiten. Ziemlich vollständig hat er die Farben der Pflanzenextrakte und ihren Farbenwechsel in saurer und alkalischer Lösung, die sogenannten Indikatoren, untersucht, worüber besonders seine Versuchsprotokolle Aufschluß geben. Ist ihm die Lösung der chemischen Aufgabe auch keineswegs gelungen, so ist es doch wichtig zu sehen, daß Goethe sich mit diesem Problem überhaupt genauer beschäftigt hat. Es finden sich in diesem Abschnitt ferner Ausführungen über Färberei und über die Methoden, Körper zu entfärben (Bleichkunst), wobei Goethe in interessanter Weise das Zustandekommen der Bleichung erörtert und Experimente zur Erklärung vorschlägt. Dann wird noch das Vorkommen der Farben in der Natur bei Pflanzen, Würmern, Insekten, Fischen, Vögeln und Säugetieren geschildert. Diese wenigen Bemerkungen mögen genügen, um über den Inhalt des an Tatsachen reichen Kapitels von den chemischen Farben zu orientieren. 

Es folgen nun noch Auseinandersetzungen über allgemeine Eigenschaften der Farben, und Goethe versucht dann weiter das Gebiet der Farbenlehre gegen die Grenzgebiete Philosophie, Mathematik, Physiologie, Naturgeschichte, allgemeine Physik und Tonlehre abzugrenzen. Dabei kommt manches zur Sprache, was im Vorhergehenden schon berücksichtigt wurde, manches, auf das wir in allgemeinem Zusammenhange noch zu sprechen kommen werden. 

Das ist der Inhalt des didaktischen Teils, der das gesamte zu Goethes Zeiten vorhandene Tatsachenmaterial nach einheitlichen Gesichtspunkten geordnet und zusammengefaßt enthält. Von dem polemischen Teil, der hierauf folgt, war schon weiter oben die Rede, und wir müssen demnach nur noch des letzten Teiles gedenken, der „Materialien zur Geschichte der Farbenlehre". Materialien deshalb, weil Goethe ursprünglich beabsichtigte, den gesamten historischen Stoff, den er durch emsige Studien, besonders 1801 auf der Göttinger Bibliothek, gesammelt hatte, zu einer einheitlichen Darstellung zu verschmelzen. Als er aber in den Jahren 1807—1810 endlich mit seinen optischen Studien zum Abschluß kommen wollte, unterblieb diese letzte Überarbeitung und er faßte alles, was er zu sagen hatte, in einer Reihe von Einzeldarstellungen zusammen, aus denen sich jetzt dieses Werk zusammensetzt. Trotz oder vielleicht gerade wegen dieser lockeren Form der Darstellung besitzt der historische Teil einen ganz besonderen Zauber und ist von jeher als eines von Goethes Meisterwerken angesehen worden. Er unternimmt es nämlich, die Geschichte der Farbenlehre von den ältesten Uranfängen bis auf seine Zeit als ein Symbol für die Geschichte aller Wissenschaften überhaupt darzustellen. Diese Aufgabe gelingt ihm auf folgende Weise. Er läßt die Erkenntnis vom Wesen der Farben, deren historische Entwicklung er gibt, vor unsern Augen entstehen auf dem großen und allgemeinen Hintergrunde einer Geschichte der gesamten Naturwissenschaften. Aber auch hiermit nicht genug zeichnet er wieder die Naturwissenschaften auf dem breiteren Hintergrunde einer Entwicklungsgeschichte des menschlichen Geistes. Zu diesem Zwecke unterbricht Goethe oftmals die Darstellungen von den Leistungen einzelner Naturforscher durch allgemeinere Betrachtungen über Naturwissenschaft, über Philosophie, Malerei und vieles andere. Besonders setzt er den jeweiligen Stand der Farbenlehre immer in Bezug zu den Fortschritten der Technik auf der einen und zu denen der Philosophie auf der andern Seite. So gelingt es ihm bei der historischen Entwicklung einer Einzeldisziplin die allgemeinsten Gesichtspunkte darzulegen, und deshalb ist die Lektüre dieses Spezial-Werkes ein so besonderer Genuß. Überall findet man eingestreute Perlen, Betrachtungen von höchstem allgemeinen Werte. 

Die Geschichte der Farbenlehre zerfällt in zwei Teile. Der erste geht vom Altertum bis zum Ende des 17. Jahrhunderts, der zweite von Newton bis auf Goethes Zeit. Der erste Teil ist es besonders, der die allgemeinen Betrachtungen enthält. Zuerst wird die geistige Eigentümlichkeit des Altertums geschildert und dabei Theophrasts Buch von den Farben in Übersetzung eingeschaltet. Auch eine hypothetische Geschichte des Kolorits bei den Alten aus der Feder Heinrich Meyers ist mit aufgenommen. Schließlich wird das Wesen des Altertums zusammengefaßt und die drei großen Stämme der Überlieferung, die von hier aus in das Mittelalter hinüberreichen, die Bibel, Plato und Aristoteles, in wunderbaren Sätzen charakterisiert. Die Frühzeit des Mittelalters ließ die Naturforschung brach liegen. Goethe füllt diese „Lücke" wieder durch Betrachtungen allgemeinen Inhaltes und stellt an den Beginn der neuen Entwicklung die Persönlichkeit jenes englischen Mönches Roger Bacon, der die Naturwissenschaft auf mathematische Grundlage zu setzen unternahm. Dann wird die Entwicklung der Naturforschung im Mittelalter geschildert und an die Grenze gegen die neue Zeit der andere Bacon von Verulam gesetzt, der im Gegensatz zu aller Scholastik die Naturforschung ganz allein auf den Boden einfachster Empirie beschränkt sehen wollte. Daran schließt sich dann die Darstellung des 17. Jahrhunderts, beginnend mit Galilei und Keppler, in welchem die Farbenlehre die wichtigsten Fortschritte zu verzeichnen hat. Den Schluß bildet eine „Geschichte des Colorits seit Wiederherstellung der Kunst" von Heinrich Meyer, in welcher die Entwicklung der Malerei nach der von Goethe aufgestellten Farbenästhetik geschildert wird. 

Der zweite Teil beschäftigt sich mit der Entstehung und der Fortentwicklung von Newtons Lehre. Zunächst wird die Gründung der Royal Society und damit das Milieu geschildert, in dem Newton seine Entdeckungen vortrug, dann gibt Goethe eine würdige Charakteristik von der Persönlichkeit seines großen Gegners, den er im polemischen Teil so heftig angegriffen hatte, und beschreibt dann in allen Einzelheiten das Bekanntwerden, den Siegeszug und die ersten Kämpfe der Newtonschen Theorie. Dabei verzeichnet er natürlich besonders genau alle Einwendungen, die schon von der frühesten Zeit an gegen diese Lehre gemacht wurden, und stellt auch deshalb die Entdeckung der achromatischen Fernrohre durch Dollond in den Mittelpunkt seiner Darstellung, da hierdurch die Ansicht Newtons," daß Farbenzerstreuung und -brechung dasselbe sei, widerlegt wird. Goethe nahm, wie wir wissen, an, daß durch Dollonds Befund die Newtonsche Optik überhaupt gestürzt sei, und er setzt nun auseinander, wie die Zunftgelehrten diese vermeintliche Irrlehre immer nur weiter wiederholten und befestigten, während ihre Gegner nicht beachtet und totgeschwiegen wurden. Das Ende des historischen Teiles bildet die „Confession des Verfassers", in der Goethe die Entstehung seiner eigenen optischen Studien erzählt. 

Während er im didaktischen Teil die Phänomene und Experimente einfach so schildert, wie er sie selbst angestellt hat, ist im historischen Teil die Entdeckungsgeschichte jeder einzelnen Tatsache der Farbenlehre verzeichnet. Goethe wird hier also allen seinen Vorgängern gerecht. Um so klarer aber sieht man, wie selbständig er bei der wissenschaftlichen Durcharbeitung des gesamten Materials vor- gegangen ist. Am Schluß der Betrachtung von Goethes optischem Gesamtwerk müssen wir uns noch einmal die Frage vorlegen, wie es denn möglich gewesen ist, daß er in so unüberbrückbaren Gegensatz zu Newton kommen konnte. Wir haben die einzelnen Argumente, die er gegen ihn vorbringt, der Reihe nach gewürdigt. Der wahre Grund aber für seine Stellungnahme liegt tiefer. Goethe hat nicht umsonst die physiologischen Farben an die Spitze seiner Lehre gestellt. Er ging bei der Betrachtung des ganzen Farbenwesens durchaus von subjektiven Gesichtspunkten aus. Da es für ihn ohne weiteres evident war, daß weiß eine einheitliche Empfindung ist, so hielt er es auch für absurd, daß das objektive weiße Licht aus farbigen Lichtstrahlen gemischt sein sollte. Ich bitte Sie, sich ins Gedächtnis zurückzurufen, was wir in unserer sinnesphysiologischen Betrachtung auseinandergesetzt haben: die scharfe Scheidung, welche zwischen den Empfindungen auf der einen und den diese Empfindungen auslösenden objektiven Vorgängen der Außenwelt auf der andern Seite besteht Goethe war sich, wie wir wissen, über diesen Gegensatz noch nicht im Klaren und schloß deshalb als naiver Sinnesmensch von der Einheitlichkeit der Weißempfindung auf die Einheitlichkeit des weißen Lichtes, während der Physiker Newton sich um die Empfindungen überhaupt nicht gekümmert und nur die Vorgänge der Außenwelt studiert hatte. So kam Goethe zu seiner Stellungnahme in der Farbenlehre dadurch, daß er von einer ganz neuen Seite das Problem anpackte, und daß er, durch seine Erfolge auf physiologischem Gebiete verleitet, die physikalischen Fragen von demselben Standpunkte aus lösen wollte. 

Es bleibt nur noch kurz zu schildern, wie sich die Farbenlehre nach Goethe und im Anschluß an ihn weiter entwickelt hat. Von Seiten der Physiker wurde er, wie wir wissen, gleich von Anfang an aufs heftigste bekämpft. Wirklich rückhaltlose Anhänger hatte er wohl überhaupt nur zwei. Der eine war der Staatsrat Schultz, ein merkwürdiger Mann, der schon im Jahre 1806 sich mit der Fabrikation von Flintglas beschäftigte, 1812 einen Aufsatz „über die farbigen Ränder und die verkleinerten Bilder nach Goethe schrieb, 1814 seinen Briefwechsel mit Goethe begann, der bis zu dessen Tode fortgeführt wurde, und 1816 eine Arbeit „über physiologe Gesichts- und Farbenerscheinungen in Schweiggers Journal erscheinen ließ. Derselbe Mann war es aber auch, der 1820 die Karlsbader Beschlüsse an der Berliner Universität durchführte und ein Hauptverfolger der deutschen Burschenschaften gewesen ist. Später fiel er in Ungnade. Er hat sich auch noch mit geographischen Fragen beschäftigt und war einer der ersten, der die alten römischen Kastelle auf deutschem Boden studierte. Außer Schultz kann eigentlich nur noch der junge Berliner Dozent V. Henning, ein Schüler Hegels, als treuer Anhänger gerechnet werden. Er las vom Jahre 1822 ab über Goethes Farbenlehre und zeigte die dazu gehörigen Experimente seinen Hörern. 

Wir haben gesehen, daß Goethe von der physiologischen Seite her die Farbenlehre in Angriff genommen, aber die scharfe Scheidung zwischen Sinnesempfindungen und äußeren Reizen nicht gemacht hatte. Während er selbst über diese Frage noch im Finstern irrte, war im Norden Deutschlands schon das Licht aufgegangen, das dieses Dunkel erhellen sollte. Kant hat in seiner Kritik der reinen Vernunft für immer die Gesichtspunkte festgelegt, nach denen wir unser Verhältnis zur Außenwelt zu beurteilen haben. Goethe hatte Kants Schriften gelesen und war durch Schiller nachdrücklichst auf ihren Inhalt hingewiesen worden. Aber er war von Jugend auf in spinozistischen Bahnen zu denken gewohnt und hat die Kantsche Vorstellungsart nicht mehr so in sich aufgenommen, daß er sie für die wissenschaftlichen Grundfragen anwendete. Dagegen beruhen die Fortschritte, welche die Sinnesphysiologie noch zu Goethes Zeiten über ihn hinaus machte, auf einer folgerichtigen Anwendung der Kantschen Lehre. Den ersten Schritt auf dieser Bahn tat Arthur Schopenhauer. Goethe lernte den jungen Philosophen 1813 im Hause von dessen Mutter in Weimar kennen und gewann solches Interesse an ihm, daß er ihm seine optischen Versuche und Apparate demonstrierte. Diese Unterweisung fiel auf fruchtbaren Boden. Schopenhauer setzte die Beschäftigung mit der Farbenlehre fort und sandte schon 1815 das Manuskript seines Aufsatzes „über das Sehen und die Farben" an Goethe. Dieser las die Arbeit, war aber keineswegs mit ihr einverstanden, und es bedurfte mehrerer brieflicher Mahnungen, bis Schopenhauer nach Monaten seine Schrift zurück erhielt, welche 1816 im Druck erschien. In diesem Aufsatz zeigt Schopenhauer zunächst, daß man im Gegensatz zu Goethes Angabe durch Vermischung spektraler Lichter tatsächlich weißes Licht erhalten kann, eine. Abweichung, die Goethe seinem Schüler nie verziehen hat. Weiter aber ist Schopenhauer der erste, der als bewußter Schüler Kants die scharfe Scheidung zwischen Sinnesempfindung und Sinnesreizen macht. Er teilt nicht mehr die Farben wie Goethe in physiologische, physische und chemische, sondern erklärt ohne weiteres alle Farben als unsere Empfindungen, hervorgerufen durch Affektion unseres Auges. Solche Farbenempfindungen können ohne äußere Reize entstehen (physiologische) oder durch Vorgänge in der Außenwelt, durch Lichtstrahlen erzeugt sein (physische und chemische Farben). Dadurch war das physiologische Gebiet scharf von dem physischen gesondert. 

Den nächsten großen Fortschritt der Sinnesphysiologie hat Goethe ebenfalls noch erlebt. 1826 veröffentlichte Johannes Müller in Bonn sein Buch „zur vergleichenden Physiologie des Gesichtsinnes des Menschen und der Tiere", in welchem das Gesetz von der spezifischen Sinnesenergie aufgestellt wurde. Johannes Müller zeigte, daß die Art unserer Sinnesempfindungen überhaupt nicht abhängt von der Art der äußeren Reize, sondern nur von der Art des Sinnesorgans oder Sinnesnerven, der erregt wird. Auch hierbei handelt es sich um eine Anwendung Kantscher Ideen auf physiologische Probleme. 

Diese beiden großen Fortschritte knüpfen nun unmittelbar an Goethes Optik an; Schopenhauer war, wie gesagt, Goethes direkter Schüler, Johannes Müller bekennt selbst, daß „ohne mehrjährige Studien der Goetheschen Farbenlehre in Verbindung mit der Anschauung der Phänomene selbst seine Untersuchungen wohl nicht entstanden wären". Es ist aber notwendig, festzustellen, daß Goethe selbst die große Bedeutung dieser beiden Arbeiten nicht erkannt hat Für ihn war das System seiner Farbenlehre so abgeschlossen, daß er nicht mehr imstande war, umzudenken. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, daß er zur Zeit der Schopenhauerschen Arbeit 66, des Johannes Müllerschen Buches schon 77 Jahre alt war, und daß es eine bekannte Tatsache ist, daß es in naturwissenschaftlichen Fragen den meisten Forschem schwer fällt, von einem gewissen Alter an neuemIdeen aufzunehmen. Auf Schopenhauer beziehen sich die Verse: 

„Trüge gern noch länger des Lehrers Bürden, 
Wenn Schüler nur nicht gleich Lehrer würden." 

Und ferner:

„Dein Gutgedachtes, in fremden Adern, 
Wird sogleich mit dir selber hadern." 

Dem Philosophen selber schrieb er: „Komm' ich aber an das, wo Sie von mir differiren, so fühle ich nur allzu sehr, daß ich jenen Gegenständen dergestalt entfremdet bin und daß es mir schwer ja unmöglich fällt, einen Widerspruch in mich aufzunehmen, denselben zu lösen, oder mich ihm zu bequemen. Ich darf daher an diese strittigen Punkte nicht rühren"; und in seinem Dankschreiben an Johannes Müller für Übersendung seines Buches sagt er: „Freilich ist die Region, in der wir uns umtun, so weit und breit, daß von einem gemeinsamen Wege die Rede nicht sein kann; und gerade die, welche vom Zentrum nach der Peripherie gehen, können, obgleich nach einem Ziele strebend, unmöglich parallelen Schritt halten." — Dagegen hat Goethe an dem Werke eines andern Physiologen, das sich ebenfalls an seine Farbenlehre anschloß, an Purkinjes „Beiträgen zur Kenntnis des Sehens in subjektiver Hinsicht" eine uneingeschränkte Freude gehabt. Das erste Heft wird von ihm mit größtem Lobe recensiert, das zweite ist ihm gewidmet. Hier entwickelt Purkinje auf Grund sehr zahlreicher und subtiler Versuche, die zum Teil Goethes Experimente direkt weiterführen, die Lehre von den subjektiven Licht- und Farbenerscheinungen. Die Phänomene werden klar und einfach geschildert und Goethe erkannte diese Darstellungsart rückhaltlos an. So sehen wir die drei größten Sinnesphysiologen der Zeit unmittelbar an Goethes Werk anknüpfen. Die physiologische Optik des 19. Jahrhunderts geht in ihren Wurzeln direkt auf seine Farbenlehre zurück. In der Mitte des Jahrhunderts hat dann Helmholtz in seinem klassischen Handbuch der physiologischen Optik das gesamte Wissen der Zeit, das von ihm selbst in Vielem erweitert war, zusammenfassend dargestellt. Erst Helmholtz war es, der viele der Punkte, in denen Goethe von Newton abwich, klar gestellt hat; er klärte die Mischungsgesetze von Blau und Gelb auf, er erzielte zuerst wirklich reine spektrale Lichter, die durch weitere Brechung nicht verändert werden können. Durch Helmholtz sind also Goethes Irrtümer auf physikalisch-optischem Gebiete als endgültig widerlegt anzusehen. Dagegen lebt der alte Gegensatz zwischen der Goetheschen und der Newtonschen Betrachtungsweise bis auf den heutigen Tag auf dem Gebiete der physiologischen Optik unvermittelt fort. Ebenso wie Goethe die Farbenlehre von der Seite der Empfindung und Newton von der Seite der objektiven Reize aus anfaßte, so wird auch jetzt noch die physiologische Optik durch die Schüler von Hering und die von Helmholtz v. Kries in verschiedener Weise bearbeitet. Hering geht ebenso wie Goethe von der Betrachtung unserer Empfindungen aus, die er als Schwarz -Weiß-, Rot- Grün-, Blau-Gelbempfindung beschreibt, v. Kries dagegen lehrt, daß man über die Farbenempfindung irgend einer Versuchsperson gar nichts wissenschaftlich Sicheres aussagen kann, daß diese uns vielmehr nur angeben kann, wann ihr zwei Farben völlig gleich erscheinen. Mit Hilfe solcher „Farbengleichungen" untersucht v. Kries den Farbensinn normalsichtiger Menschen und findet, daß alle überhaupt möglichen Farbenempfindungen sich durch Mischung von drei einfachen spektralen Lichtern hervorrufen lassen. Es führt also die Analyse der Empfindungen auf die Annahme von vier Grundfarben (außer Schwarz und Weiß), die Analyse der objektiven Reize dagegen auf die Tatsache, daß durch Kombination dreier Reizarten alle verschiedenen Farbenempfindungen ausgelöst werden können. Diese beiden Ergebnisse stehen sich völlig unvermittelt gegenüber. Warum durch drei Reizarten vier verschiedene Farbenempfindungen hervorgerufen werden, ist bis heute völlig dunkel. Der Gegensatz zwischen den beiden Betrachtungsarten Goethes und Newtons besteht unüberbrückt weiter.

Wir sehen aus dieser Darstellung, daß Goethes Farbenlehre in ihrem physiologischen Teile ein grundlegendes Werk ist, daß die physiologische Optik in unmittelbarem Anschluß an sie sich fortentwickelt hat, und daß die Goethesche Lehre und Anschauungsweise von der einen der heute herrschenden physiologisch-optischen Schulen im wesentlichen auch jetzt noch vertreten wird. So hat Goethe recht behalten, wenn er von seiner Farbenlehre sagte: „Mir aber können sie nichts zerstören, denn ich habe nicht gebaut; aber gesäet habe ich und so weit in die Welt hinaus, daß sie die Saat nicht verderben können, und wenn sie noch so viel Unkraut unter den Weizen säen."

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