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2020-02-23

J.W.v.Goethe: Aphorismen Biologie-Pflanzen und Tiere




Pflanzen und Tiere

Alle organische Bewegungen manifestieren sich durch Diastolen und Systolen.
Pflanzen und Tiere aus einem Punkte ausgehend.
Sich nach entgegengesetzten Richtungen ausbildend.

Die sukzessive Ausbildung der Pflanze, aus dem Samen zur Blüte, nach den Gesetzen der Metamorphose beruht auf Wirkung und Gegenwirkung der Blätter und Augen. In der Nähe der Kotyledonen, wo die Stengelblätter noch nicht ausgebildet sind, treten die Augen hervor, verlieren sich, wie die Blätter ausgebildeter erscheinen, und wie diese zuletzt sich zurückziehn, entwickeln sich die Augen erst vollkommen.

Im fortschreitenden Wachstum gewinnen die Augen mehr Kraft, weil ihnen der Stengel eine höhere (reinere, mehr geistige) Nahrung ausgearbeitet zuführt.

Entwicklung der Blüte durch Verminderung des Zuflusses roher Nahrung.

Schönheit der Blumenblätter, weil der Samen in die ganze Form ausgeteilt ist.

Blütenknospen entwickeln sich vor den Blätterknospen, sie haben mehr Geistiges, welches durch die Wärme eher ausgedehnt wird. In der Blütenknospe geht alles vor, was wir bei der einzelnen Metamorphose bemerkt haben.
Bäume, die so lange wachsen, eh sie Blüte und Frucht tragen, Solideszenz vor der Begattung erst vorausgehend.
Sogar Solideszenz, ehe eine folgende Knospe sich entwickeln kann. Esculus Hippocastanum. Fragt sich, ob nicht etwa eine solche Pflanze, immer sehr warm gehalten, immer fortzutreiben sei, ohne daß eine Knospe entsteht.

[Die Blätter] sind größer bei Bäumen, wenn die Äste abgehauen sind und frische Zweige treiben.

So hab ich es bei Nußbäumen, Weiden, Platanen gesehen. Ein solcher frischer Zweig treibt auch wohl noch Triebe aus den Augen gleich das erste Jahr.
Es sind die Blätter am Anfange des Zweigs größer als an der Spitze.

Bedeutung des Knotens überhaupt. Hemmen und Weiterstreben. Abschließen und Beginnen. In jedem Knoten ist das ganze System des Pflanzenwachstums enthalten.

Die Pflanze muß eine Masse wäßriger Feuchtigkeit haben, damit die Öle und Salze darin sich verbinden können. Die Blätter müssen diese wäßrige Feuchtigkeit abziehen, vielleicht modifizieren. Was das Erdreich der Wurzel ist, wird nachher die Pflanze den feinern Gefäßen, die sich in der Höhe entwickeln und aus der Pflanze die feinern Säfte aufsaugen.

Wurzeln: 
Die Wurzelpunkte, sowohl der Samen als der Knoten, werden durch Feuchtigkeit entwickelt, die Wurzel sucht die Nässe und liebt die Finsternis; jene ist nötig zu ihrer Nahrung, und in dieser entwickeln sich ihre Teile mit einiger Freiheit, anstatt daß sie das Licht zu fliehen scheinen.
Im Finstern suchen die Wurzeln nicht so gewaltsam den Boden als im Lichte; Kressensamen heftete sich anfangs nur mit einem Spitzchen ein, indes der obere Teil der Wurzel sich ringsum mit feinen Fäserchen bedeckte. So brachten auch einige Bohnen und Wicken ihre Wurzeln und Wurzelfasern über der Erde hervor. Kressensamen, im Lichte auf Fries gesäet, schlug Wurzeln von großer Länge, an welchen sich starke Seitenfasern entwickelten, in das Wasser unter dem Friese. Ein horizontal liegender Samen des Fedum arborescens brachte viele feine Wurzeln am Tage hervor, und es schien mir, als ob sie sich alle von dem Fenster ab und nach dem Zimmer zu neigten.
In einem feuchten Jahre trieben aus dem zweiten und dritten Knoten über der Erde an Haferhalmen ringsumher Wurzeln hervor.

Das Verhalten des Stielchens ist bei Pflanzen, die im Finstern aufgehen, äußerst merkwürdig.

Die Wasserpflanzen determinieren sich weniger in ihren Teilen.

Im Gefolg dieser neueren, unmittelbar an die Lehre der Metamorphose sich anschließenden, schönen Gewinn versprechenden Ansichten haben wir zwei Richtungen im Pflanzenleben zu beobachten, welche vereint den physiolog[isch]en Dekurs eines gesunden Pflanzenlebens bewirken. Zuerst die vertikale, gerade in die Höhe strebende Tendenz, welche sich auch wohl als nach der Seite richtend manifestieren kann.
Sodann aber die spirale Richtung, welche sich um jene herumschlingt. Die erste ist längst anerkannt; auf die zweite sind wir erst neuerlich aufmerksam geworden. Das völlige Gleichgewicht beider ist zum vollkommenen Pflanzenwachstum nötig.
Die vertikal aufstrebende Tendenz ist dasjenige, was auch die Solideszenz macht, der Pflanzenfaser eine holz- oder fadenartige Dauer verleiht.

Vertikalsystem [und] Spiralsystem können abgesondert nicht gedacht werden, indem sie zusammen das vegetative Leben bilden.
Aber nötig ists zu bestimmter Einsicht, sie in der Betrachtung zu trennen und zu untersuchen, wo eins oder das andere vorwaltet.

Höchst wichtige Bemerkung und Betrachtung: daß alternde, besonders auch abgestorbene Pflanzen diese Spiraltendenz offenbaren, auch daß die eigentlichen monströsen Pflanzen auf dieselbe sich glücklich zurückführen lassen.

[Botanik und Medizin:] 
Man gesteht in der neuern Zeit sehr gerne zu, daß bei der unendlichen Ausbreitung des Wissens selbst ein ausgezeichnetes Talent wohltut, nach freiem Überblick des Ganzen sich ein besonderes Studium zu wählen und auf eine monographische Behandlung loszugehen. Desto notwendiger war nun in der frühern Zeit dem Liebhaber, der durch Selbstberuf, ohne äußern Zweck in die Sache kam, sich geistreich zu beschränken.

Nachdem ich über die Metamorphose mit mir selbst einig geworden, die Akotyledonen außer meiner Gesichtskraft lagen, hielt ich mich an die Monokotyledonen und erfreute mich an ihrer Eile zum Blüten- und Fruchtstand, unmittelbar aus dem ersten Auge in Fülle sich entwickelnd, sich selten verzweigend. Ihre innige Verwandtschaft bei so mannigfaltigen Gestalten erleuchtete mir den Überblick.

Als ich an die Dikotyledonen gelangte, war keine Familie mir leicht reizend. Ich irrte jedoch nicht lange hin und her, sondern ergrifif gar bald die Leguminosen, deren viel- fache Eigenschaften bei einer höchst konsequenten, obgleich höchst mannigfaltigen Gestalt mir doch auch, gegen meine sonstige Art, gar bald ihre Bezüge zu Nahrung und Heilung aufdrangen.

Rousseau sagt, es sei das Unglück der Botanik gewesen, mit der Medizin in Verhältnis gesetzt zu sein. Man kann ihm eine solche Äußerung wohl verzeihen, wenn man bedenkt, daß noch zu seiner Zeit der Botanik, ein abgesondertes Wissen sein zu können, streitig gemacht wurde, daß der teleologisch Gesinnte das Unkraut nicht als Pflanze wollte gelten lassen und daß der hülfsbedürftige Mensch mehr auf Rettung als auf Belehrung gestellt ist.

Wir aber, da sich alles ins Gleichgewicht gesetzt hat, sind auch sehr wohl zufrieden, daß man uns andeute, wo wir gesunde Nahrung und Heilung suchen dürfen.

Hierbei tritt noch folgende Betrachtung ein, daß ein organisch ausgebildetes Wesen durch weit zartere und entschiednere Gegenwirkung die Eigenschaften irgendeines

angenäherten, eingeflößten oder sonst mitgeteilten Wesens andeutet und oftenbart, als chemische Reaktionen leisten können, und wir daher in doppelt- und dreifachem Sinne die Wirkungen der Pflanzen auf Menschen und Tiere zugleich mit ihrer Gestalt und sonstiger Lebens- und Entwicklensart in Betrachtung ziehen mögen.

Die wunderbarsten Phänomene der Ökonomie der Insekten, besonders bei dem Bau ihrer Wohnungen, lassen sich vielleicht auf das unmittelbare Gefühl des Bedürfnisses, des Materials und Lokals am besten reduzieren.

[Parthenonpferde:] An dem Elginschen Pferdekopf, einem der herrlichsten Reste der höchsten Kunstzeit, finden sich die Augen frei hervorstehend und gegen das Ohr gerückt, wodurch die beiden Sinne, Gesicht und Gehör, unmittelbar zusammen zu wirken scheinen und das erhabene Geschöpf durch geringe Bewegung sowohl hinter sich zu hören als zu blicken fähig wird. Es sieht so übermächtig und geisterartig aus, als wenn es gegen die Natur gebildet wäre, und doch jener Beobachtung gemäß hat der Künstler eigentlich ein Urpferd geschaffen, mag er solches mit Augen gesehen oder im Geiste verfaßt haben; uns wenigstens scheint es im Sinne der höchsten Poesie und Wirklichkeit dargestellt zu sein.

Es ist nicht gleichgültig, ob wir bei Beschreibung und Betrachtung der Knochen besonders des Kopfes diejenigen, welche die Natur separiert hat, trennen oder einige zusammenschlagen und den einen als einen Teil des andern beschreiben. Die Natur zeigt eine große Weisheit darinne, daß sie den Kopf aus mehreren Teilen zusammengesetzt hat, und wir sind schuldig mit unserer Betrachtung, ihr, so weit als möglich ist, zu folgen. So hat sie z. E. die großen, flachen Knochen, welche die Masse des Gehirnes enthalten, sehr einfach gebildet, um zu einer allgemeinen Decke zu dienen. Sie hat denenselben keine zusammengesetztere Teile gegeben, sie hat ihnen keine organische

Werkstätte anvertraut; die obere Kinnlade stützte sie von allen Seiten und gab ihr das os intermaxillare zum Schlußstein. Die consilli, worauf der ganze Kopf ruht, sind ein Teil des flachen Hinterhauptbeins, und die Vertiefung, wo der untere Kiefer sich anschließt, ist in dem Schlafbein angebracht. Ich muß deswegen den Wunsch äußern, daß man den Knochen, der die Werkzeuge des Gehörs enthält und den man bisher partem petrosam ossis pro tempore genannt hat, künftig als einen ganz besonderen Knochen betrachte, weil er wirklich, wie man bei Tieren deutlich sehen kann, ein ganz besonderer Knochen ist, auch bei dem Menschen von den meisten Seiten vom Schlafbeine separiert bleibt und nur an einer frühzeitig verwächst. Nach diesem wichtigen und allgemein befolgten Grundsatze hat die Natur die unsäglich weise, nicht mit Worten auszudrückende Mannigfaltigkeit des Flügelbeines ganz inwendig hinein verborgen und dadurch auf selbigem und durch selbiges die feinsten animalischen und geistigsten Wirkungen geschaffen: so hat sie solches zwar die übrigen Knochen meist berühren lassen, es mit einem jeden in Verbindung gesetzt, es aber vo[n] allen grobem und gleichgültigeren Funktionen befreit und es sowohl geschützt, verwahrt als ausgeschmückt. Man betrachte es in diesem Sinne gegen die übrigen Knochen und in seiner Verbindung mit den übrigen, und man wird sich nicht satt sehen können.

Das Hirn selbst nur ein großes Hauptganglion. Die Organisation des Gehirns wird in jedem Ganglion wiederholt, so daß jedes Ganglion [als] ein kleines subordiniertes Gehirn anzusehen ist.

Die Frage über die Instinkte der Tiere läßt sich nur durch den Begriff von Monaden und Entelechien auflösen. Jede Monas ist eine Entelechie, die unter gewissen Bedingungen zur Erscheinung kommt.

Die Tiere werden durch ihre Organe belehrt. Der Mensch belehrt die Organe.

Der gewandte Naturforscher muß sich selbst in einem höheren Sinne beobachten. Wenn er an einen Gegenstand herantritt, so ist er eigentlich der alltägliche Mensch und muß auch als solcher seine Kräfte bestens gebrauchen. Deswegen haben wir auch nicht das mindeste Bedenken gehabt, bisher Gestalt und Funktion innigst vereint zu betrachten, und glauben dadurch allgemein verständlich geworden zu sein. Nun aber, indem wir eine dritte Rücksicht beobachten, nämlich der Nachbarschaft, des Zusammenhangs dieses und jenes Teils mit den angrenzenden, so ersteigen wir schon eine höhere Stufe. Wer sich gewöhnt, diese drei Momente immer im Auge zu haben, mit ihnen nach ihrer Würde zu gebaren, dem wird in der ganzen Osteologie der Säugetiere vorerst kein Geheimnis bleiben.

Sei es erlaubt zu sagen, daß gerade jene wichtige, so ernst empfohlene,zu Förderung der Wissenschaft höchst ersprießliche, mit bewundernswürdiger Genauigkeit durchgeführte Wortbeschreibung der Pflanze nach allen ihren Teilen, daß gerade diese so umsichtige und doch in gewissem Sinne beschränkte Beschäftigung manchen Botaniker abhält, zur Idee zu gelangen. Denn da er, um zu beschreiben, das Organ fassen muß, wie es ist, und daher eine jede Erscheinung als für sich bestehend annehmen und sich eindrücken muß, so entsteht die Frage niemals, woher denn eigentlich die allenfallsige Differenz einer mit den anderen entsprang. Denn da er jedes als ein Festgestelltes, von den Vorhergehenden völlig Verschiedenes ansehen muß, so wird alles Wandelbare stationär, das Fließende starr und dagegen das gesetzlich Fortschreitende sprunghaft, so daß endlich das aus sich selbst hervorsteigende Leben als etwas Zusammengesetztes betrachtet wird.

Hier ist vielleicht der Ort zu bemerken, daß die französische Sprache, bei ihren großen Vorzügen, doch an gewissen Worten leidet, welche, wenn sie von lebendig organischen Wesen reden wollen, mechanische Kunstbegriffe herbeiführen. So ist das Wort Insertion nicht glücklich, um zu bezeichnen, daß ein Blatt sich an dieser oder jener Stelle des Stengels entwickelt habe; es ist keineswegs an- oder eingeheftet, sondern, nachdem es den Stengel bilden helfen, löst es sich wohl ab, nicht als ein fremdes, sondern als ein reifes.

Das Wort appendiculaire ist noch schlimmer, bei welchem man sich ein bloßes außerwesentliches Anhängsel denken kann. Hier sage man nicht, daß man sich bei einem solchen Worte, das etwas völlig Totes ausdrückt, auch etwas Lebendiges denken könne; die ursprüngliche eigentliche etymologische Bedeutung eines Wortes hat mehr Gewalt über die Vorstellung, als man gewahr wird.

Wenn wir diese der französischen Sprache in Absicht auf lebendigem Ausdruck hinderlichen Worte bemerkten, so müssen wir dagegen gestehen, daß sie ein beneidenswertes Wort besitze, welches, um unsre Idee auszudrücken, einzig und vollkommen gefunden wird. Es ist das Wort achemmenient, was schon durch voir venir les choses ausgedrückt ist. Wenn man mit dem Worte achemifier im Anfang auch nur den Akt der Abreise bezeichnen mochte, so hat doch eine geistreiche Nation gefühlt, daß der von seinem letzten Nachtquartier aufbrechende Wanderer sich innerlich und geistig durchaus verändert, je näher er seiner Heimat kommt, wohin sein Geist gerichtet ist; schon wird er anders aus der Herberge austreten, wo er mittags sich erquickt. Seine Schritte werden schneller, jedes Hindernis unangenehmer. Man verzeihe uns! Wenn die Analogie im Physischen gilt, warum nicht im Sittlichen? Ja wir setzen hinzu: der ganze Wert der Strategie liegt in der Sicherheit des acheminement mehrerer Kolonnen; ist dieses wohl gedacht und ausgeführt, so ist der Sieg vor der Schlacht entschieden.

Bei dem Worte Symmetrie im Deutschen Ebenmaß, denkt man sich ein Verhältnis äußerer, sich aufeinander wohlgefällig beziehender Teile; meistens wird das Wort von regelmäßig gegeneinander über stehenden, auf eine Mitte sich beziehenden Teilen gebraucht. Wir haben das Wort Bezug genommen, weil die Teile nicht, insofern sie neben und gegeneinander, sondern nacheinander beobachtet und gedacht werden, hierbei aber nicht allein nacheinander identisch sich folgend, nicht Gleiches aus Gleichem immer auf derselben Stufe bleibend, sondern ein Erhöhtes aus dem Niedern, ein Starkes aus dem Schwachen, ein Schönes aus dem Unscheinbaren.


Zeitgenossen und Nachfahren


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