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2020-02-20

J.W.v.Goethe: Aphorismen-Epochen der Wissenschaften Seite 1




Epochen der Wissenschaften

Drei Epochen der Wissenschaften 

1. Kindliche -Poetische -Abergläubische 
2. Empirische -Neugierige -Forschende
3. Dogmatische -Pedantisch -Methodisch 
4. Ideelle Mystisch.

Die erste Behandlung der Phänomene der allgemeinen Natur ist poetisch. Die Phantasie verwandelt sie in Bilder. Die darauf folgende Beobachtung führt zum Praktischen, wie hier zum Färben, indem der Mensch mit wenigen körperlichen Dingen umgehn konnte, ohne ihre färbenden Eigenschaften gewahr zu werden; oder zum Theoretisieren, da man denn die Phänomene, indem sie sich vermehren, auch zu ordnen sucht, sie unter gewisse allgemeine Formeln subsumiert, oder sie einzeln zu erklären unternimmt und nach Ursachen zu fragen anfängt. 

Am seltensten wird der Mensch und zwar nur in seinen glücklichsten Zeiten daraufgeführt, die Phänomene in ihren ersten einfachsten Anfängen gewahr zu werden, sie in ihrer fruchtbaren Simplizität deutlich auszusprechen, alles Komplizierte zu diesen Ursprüngen zurückzuführen und sich zu überzeugen, daß er an Grenze des Wissens gelangt sei und daß, wenn jemals eine Wissenschaft aufgebaut werden soll, sie auf solchen großen einfachen Fundamenten ruhen müsse. 

Daß die Natur, die uns zu schaffen macht, gar keine Natur mehr ist, sondern ein ganz anderes Wesen als dasjenige, womit sich die Griechen beschäftigten. 

Wie Sokrates den sittlichen Menschen zu sich berief, damit dieser ganz einfach einigermaßen über sich selbst aufgeklärt würde, so traten Plato und Aristoteles gleichfalls als befugte Individuen vor die Natur: der eine mit Geist und Gemüt, sich ihr anzueignen, der andere mit Forscherblick und Methode, sie für sich zu gewinnen. Und so ist denn auch jede Annäherung, die sich uns im Ganzen und Einzelnen an diese Dreie möglich macht, das Ereignis, was wir am freudigsten empfinden und was unsere Bildung zu befördern sich jederzeit kräftig erweist. 

Um sich aus der grenzenlosen Vielfachheit, Zerstückelung und Verwickelung der modernen Naturlehre wieder ins Einfache zu retten, muß man sich immer die Frage vorlegen: wie würde sich Plato gegen die Natur, wie sie uns jetzt in ihrer größern Mannigfaltigkeit, bei aller gründlichen Einheit, erscheinen mag, benommen haben? 

Denn wir glauben überzeugt zu sein, daß wir auf demselben Wege bis zu den letzten Verzweigungen der Erkenntnis organisch gelangen und von diesem Grund aus die Gipfel eines jeden Wissens uns nach und nach aufbauen und befestigen können. Wie uns hiebei die Tätigkeit des Zeitalters fördert und hindert, ist freilich eine Untersuchung, die wir jeden Tag anstellen müssen, wenn wir nicht das Nützliche abweisen und das Schädliche aufnehmen wollen. 

Wenn man die Probleme des Aristoteles ansieht, so erstaunt man über die Gabe des Bemerkens und für was alles die Griechen Augen gehabt haben. Nur begehen sie den Fehler der Übereilung, da sie von dem Phänomen unmittelbar zur Erklärung schreiten, wodurch denn ganz unzulängliche theoretische Aussprüche zum Vorschein kommen. Dieses ist jedoch der allgemeine Fehler, der noch heutzutage begangen wird. 

Die Griechen nannten Entelecheia ein Wesen, das immer in Funktion ist. Die Griechen, wenn sie beschrieben oder erzählten, sprachen weder von Ursache noch von Resultat, sondern trugen die äußere Erscheinung vor. Auch in der Naturwissenschaft machten sie keine Versuche wie wir, sondern hielten sich an die einzelnen Erfahrungsfälle. 

Ein unzulängliches Wahre wirkt eine Zeitlang fort, statt völliger Aufklärung aber tritt auf einmal ein blendendes Falsche herein; das genügt der Welt, und so sind Jahrhunderte betört. 

In den Wissenschaften ist es höchst verdienstlich, das unzulängliche Wahre, was die Alten schon besessen, aufzusuchen und weiterzuführen.

Zwischenzeit
Anarchische-
Despotische -
Tyrannische
Epochen 

Orient
Okzident
Streit der griechischen und lateinischenKirche
Verworrne violente Epoche. Niemand hat Zeit, sich aus sich selbst rein hervorzubilden. Alle Kultur wird gewaltsam fürs Leben gefordert. Vorzügliche Menschen stehen gegen die Masse. Sie entziehen sich. Klosterleute Sie suchen die Masse zu balanzieren. Staatsleute Ärzte.
Bezug aufs Göttliche. Insofern es durch die Sinne aufs Gefühl wirkt Künste Insofern es durch die Sinne auf Kenntnis wirkt Wissenschaften. Indem sie sich auf ihren Ursprung beziehen, behalten sie einen Bezug auf sich selbst.

Hereinziehen ins Leben. Gefordert durch unmittelbare Bedürfnisse, Erleichtert durch vermehrten Stoff und gewandtere Technik. kriegrische Zeiten fordern die Technik zu Kraftäußerung friedliche zu Behagen. Komforts. Luxus. (akademischer Fall Wissensch. zu augenblicklicher Überlieferung) Überlieferung eifrig gesucht Praktischer Teil unmittelbar gegen das Leben gewendet. 


Theoretischer Teil gegen innen, oder in einem höheren Sinne gegen das Leben gewendet.
Bei den Römern.
zu oratorischen Zwecken.
Prakt. Teil nach außen Großer Wert der Technik zu Erhaltung einer Spur von Künsten und Wissenschaften, in verworrenen Zeiten. Ph. S. Arznei notwendig gefordert Beobachtung notwendig Mathematische S. Mathematische Studien erst zu Roger Bacos Zeiten vernachlässigt.
(Griechen. Wie lange wehrt sich die Plastik, bis sie zu ikonischen Statuen herabsteigt.)

Aristoteles zu brauchen gegen das Leben. Astronomie. Musik. (Kirchenmusik.) führt eine höhere Kultur durch übriger Gottesdienst.
Staatsschriften Wer lehren, disputieren, recht behalten, seine Meinung durchsetzen will, wendet sich zu ihm.

Eigne Erfahrung bloß moralisch politisch. Naturforschung kann nur wenig gutiert werden.


Violente Welt Epoche.

Niemand hat Zeit, sich zu sammeln, sich aus sich selbst zu bilden. Vorteile der Überlieferung

Besonders so großer Massen. Verwirrung der Welt. Vorzügliche Menschen gegen die Masse:

Sich zurückziehen oder Sie balanzieren. Bedürfnisse. Ärzte.
Theoretischer Teil nach in- nen Vorteile großer überlieferter Massen. Der Bibel, Plato, Aristoteles. Das Verhältnis der Natur zu dem Menschen ist nach seinen verschiedenen Zuständen verschieden. Als das schönste lebendigste Ganze sahen sie die Dichter des Altertums. Sie beachteten nur den höchsten Punkt ihres Lebens, wenn sie sich in dem Menschen und durch ihn in Leidenschaft und Tat offenbart, und so konnte man sich wohl überzeugen: im Homer sei alles enthalten, das Ursprüngliche der Welt und was sich daraus ent- wickeln mag. Für den leidenschaftlichen Menschen ist die Natur nicht da. Wie die Leidenschaft aber in Nachempfindung in ein stilleres Selbstgefühl übergeht, tritt uns die Natur entgegen, und so bildet die Dichtkunst nach und nach bis zu den späteren Zeiten die Gesinnung des Menschen und Naturgegenstände aus, bis endlich jene uranfängliche einzige wahre Poesie fast gänzlich verschwindet. Zu Anfang sind die Philosophen immer eine Art von Poeten, bis endlich die aufgenötigte Beobachtung des einzelnen die Wissenschaft gründet. Hier sind die Bemühungen der Ärzte von der größten Bedeutung.


Was die Araber, die Asiaten und Europäer in der Zwischenzeit getan, ist mit flüchtigem Fuße zu berühren. Denn wir haben nicht zu besorgen, daß jene dunkle, dämmernde, bisher wenig beachtete Zeit nicht immer mehr zur Kenntnis gebracht werde. Denn die Neueren mit ihren eigenen Vorzügen im Konflikt beschäftigen sich, vielleicht mehr als billig, mit jenen Inkunabeln und legen ihnen einen übermäßigen Wert bei. Doch wird auch daraus manches Gute entstehn. Denn ohne Leidenschaft, Parteisinn und Vorurteile leistet der Mensch nicht leicht etwas Tüchtiges.


Indem wir aus dieser Zeit nur einige Individuen hervorrufen, trefifen wir auf solche, deren Naturbetrachtung aus einem praktischen Interesse, aus einer beschränkten Neigung, aus einer leidenschaftHchen Behandlung eines einzelnen aber reichhaltigen Gegenstandes entsprungen. Hier ist aus dem 13. Jahrhunderte das Büchlein Kaiser Friedrich des Zweiten über die Falken, mit den Anmerkungen seines Sohns, König Manfred, zu rezensieren. Auch wäre Albrecht der Große nochmals zu betrachten, besonders inwiefern er den Aristoteles suppliert oder umarbeitet. Roger Bacon. 


















Gespräche Eckermann

Alle Schriften Goethes zur Wissenschaft

Goethe in vertraulichen Briefen seiner Zeitgenossen-




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